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Full text of "The facts in the case of the horrible murder of little Myrtle Vance and its fearful expiation at Paris, Texas, February 1st, 1893 .."

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HAND- UND LEHRBUCH 

DER 

STA ATSWISSENSCHAFTEN 

m SELBSTlNDIGEN BlNDEN 

BEABBEITET VON 

Prof. Dr. G. Adleb in Berlin, Geh. Oberbergrat Prof. Dr. A. Abndt in Halle, Prof. Dr. R. van 
DEB BOBGHT in Aachen, Geh. Regierungsrat E. Bbameb in Berlin, Yerbandssekretjir H. 
Bbambb in Merseburg, Prof. Dr. E. Th. Ehbbbbg in Erlangen, Geh. Regierongsrat A. Frei- 
herr VON FiBCKS in Berlin, weil. Doz. Dr. K. Fbankbnstein in Berlin, Geh. Hofrat Prof. 
Dr. K V. Fbickbb in Leipzig, Prof. Dr. M. VON Heckel in Miinster, Privatdozent Dr. K. 
Hblffbbich in Berlin, Dr. E. Eaeboer in Buenos- Aires, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. R. 
VON Eaxjfmann in Berlin, k. k. Hofrat Prof. Dr. F. EIlbinwachtbb in Czernowitz, Ober- 
bergrat a. D. and Landesrat Ebatz in Breslau, weil. Prof. Dr. J. Lehb in Munchen, Biblio- 
thekar Dr. P. Lippebt in Berlin, Prof. Dr. E. Mischleb in Graz, Prof. Dr. A. Oncken 
in Bern, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. A. Petebshje in Berlin, Regicrungs- und Geh. 
Medizinalrat Dr. Rapmund in Minden, k. k. Minister a. D. Dr. A. Schaffle in Stuttgart, 
Rechtsanwalt Paul Schmib in Berlin, Prof. Dr. R. Schmidt in Freiburg, Forstmeister Prof. 
Dr. A. SCHWAPPACH in Eberswalde, Yerwaltungsdirektor F. SiBEB in Berlin, Eais. Geh. 
Regierungsrat Dr. R. Stbphan in Berlin, Eais. Geh. Oberrechnungsrat a. D. Dr. W. Vocke 

in Ansbaoh 

BEGRUNDET VON KUNO PRANKBNSTBIN 

FORTGESETZT 

VON 

MAX VON HECKEL. 



Erate Abteilung: Volkswirtschaftslehre. XVI. Band. 

Handel and Handelspolitik 



Dr. B. van der Borght, 

ProfoBsor der NationalOkonomie aa der £gl. technischen Hochschnle za Aachen. 



LEIPZIG, 
VERLAG VON C. L. HIRSCHPELD. 

1900. 



HANDEL 



UND 



HANDELSPOLITIK 



von 



Dr. B. Tan der Borght, 

Professor der NationalCkonomie an der Egl. technischen Hochschule zu Aachen. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON C. L. HIRSCHFELD. 

1900. 



Alio Rechtc vorbehaltcn. 



Vorbemerkung. 



Von longer Hand vorbereitet, ist dieses Buch doch zuletzt in ver- 
haltnisniafsig kurzer Zeit — fast in einem Zuge — niedergeschrieben. 
Es soil ein Lehrbuch sein. Diesem Zwecke ist Form und Inhalt an- 
gepafst Eine geschichtliche Behandlung war nicht beabsichtigt und an- 
gesichts der vorliegenden Arbeiten, die gerade diese Seite der Sache in 
den Vordergrund stellen, auch entbehrlich. Fufsnoten habe ich mog- 
liehst vermieden und Citate nur da angebracht, wo ich mich auf einen 
anderen Schriftsteller zu beziehen hatte. Gewisse Thatsachen und 6e- 
danken kehren bei einem so oft behandelten Gegenstande naturgemafs 
in den meisten Schriften wieder; sie deshalb fortzulassen, war im Interesse 
der Vollstandigkeit unmoglich. Im ubrigen bin ich meine eigenen Wege 
gegangen. Sie haben mich sowohl in Bezug auf die zu behandelnden 
(lebiete, als auch in Bezug auf die Beurteilung der Dinge vielfacb 
in einen Gegensatz zu den Auffassungen Anderer gebracht Der Lehr- 
zweck erforderte, dafs ich auch in diesen Fallen der Versuchung zu 
polemischen Auseinandersetzungen widerstand. 

Einige Wiederholungen habe ich stehen lassen, um deni Leser nicht 
durch Verweisungen auf fruhere Stellen Erschwemisse zu bereiten. In 
der Sprache habe ich mich moglichster Gemeinverstandlichkeit befleifsigt^ 
wenngleich mir der sogenannte „wissenschaftliche Stil" bequemer ge- 
wesen ware. Unbefangene Leser werden sich dadurch sicherlich liber den 
Umfang der dahinter steckenden Arbeit nicht tauschen lassen. Die Ver- 
liandlungen des Vereins fur Sozialpolitik vom Herbst 1899 iiber die Lage 
des Kleinhandels lagen mir wahrend der Abfassung und Korrektur der 
Arbeit im Wortlaut noch nicht vor. 

Aachen, November 1S99. 

B. van .der Borght. 



INHALTSVERZBICHNIS. 

Seite 

Vorbemerkung V 

Erster Toil: Der Handel. 

1. Kapitel. Begriff und Glicderung des Handcls 1 

§ 1. Begriff und Wesen des Handels 1 

Fabrik-(Handwerk8)handel S. 2. — Raufmannshandel S. 3. — 
Handel im weiteren Sinne S. 3. — Begriff und Wesen des Handels 
im allgemeinen S. 4. — 

§ 2. Die Gliederuttg des Handels 6 

Voraussetziingen fur die Benifsglicderung im Handel S. G. — 
Neuere riicklaiifige Tendenzcn in der Bcnifsgliederung des Handels 
S. 8. — Grofshandel und Kleinhandel S. 10. — Gliederung nach der 
Art der Handelsgegenstandc S. 14. — Gliederang nach der Art der 
Preisfestsetzung S. 18. — Gliederung nach der Art der Zahlungn- 
mittel und Zahlungsbedingungen S. 18. — Gliederung nach der 
Unterbrechungslosigkeit des Betriebes S. 19. — Gliederung nach der 
Art der Herstellung der Beziehungen zu den Abnehmem S. 19. — 
Gliederung nach der Art der benutzten Transportwege S. 20. — Glie- 
derung nach den raumlichen Arbeitsgebieten S. 20. — ^WeltJiandeh 
(Aktiv- und Passivhandel) S. 20. — ^Spekulationshandel" S. 21. — 

2. Kapitel. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels. . . 21 

§ 1. AUgemeine Erwdgungen 21 

Der Handel als Erwerbsquelle S. 21. — Bedeutung des Handels 
fur die Produzenten S. 25. — Bedeutung des Handels fur die Kon- 
sumenten S. 30. — Bedeutung des Handels fur die Volksi^'irtschaft 
S. 32. — Der Handel als „produktive" Thatigkeit S. 34. — 

§ 2. Die Bedeutung der Hauptzweige des Handels 35 

Bedeutung des Grofshandels S. 36. — Bedeutung des Kleinhandels 
S. 39. — Bedeutung der Warenhauser (Grofsmagazine) S. 42. — Be- 
deutung des Wanderhandels S. 45. — 
§ 3. Die Ersetzung des Kaufmannshandels durdi andere Fortnen der 

AbsatZ' und Bezugsvemiittlung 50 

Bestrebungen der Produzenten S. 50. — Bestrebungen der Ab- 
nehmerund Konsuiuenten S. 56. — StaatlicheUntemehmungen S.61. — 

3. Kapitel. Die Entwicklung des Handels 62 

AnfSnge des Handels S. 62. — Handel im Altertum S. 67. — 
Handel im Mittelaltcr S. 70. — Wirkungen der grofsen Entdeckungen 
S. 73. — Merkantilistische Handelspflege S. 75. — Vorbereitende 
Arbeit des 18. Jahrh. S. 76. — Verschiebungen im 19. Jahrh. S. 77. - - 

4. Kapitel. Die Gegenst§,nde des Handelsverkehrs 81 

Begriff „Ware" S. 81. — AUgemeine Gliederung der Waren S. 82. - 
Gegenstande des unmittclbaren Bedarfs S. 84. — GegenstlUide des 
mittelbarcn Bedarfs ohnc eigenen Stoffwert S. 89. — 



Inhaltsverzeichnis. Vn 

8«ite 

5. Kapitel. Die mcnschliche Arbeit im Diensto dcp Handels ... 93 

RaufmSnnische Untemehmer S. 93. — Gesellsehaftlicho Unter- 
nehmungen S. 95. — Angestellte S. H)0. — Hilfspersoncn S. 115. — 

6. Kapitel. Das Kapital im Handel 118 

Ricbtungen des Kapitalbedarfs S. 1 IS. — Umfang des Kapital* 
bcdarfs gegenuber der Prodiiktion S. 121. — Verscbicdener Kapital- 
bcdarf im Grofs- und Klcinhandol S. 126. — Ergiebigkeit der 
Kapitalbenutzung S. 127. — 

7. Kapitel. Der Kredit im Handel 130 

Personal- und Realkredit S. 130. — Kredit fiir geschUftlidie und 
far personliche Bediirfnisse S. 131. — Dor Kredit im Grofshandel 
S. 133. — Der Kredit im Kleinhandel S. 134. — Selbsthilfe der 
Kaufleute gogen Kreditmifsbrauche S. 144. — 
b. Kapitel. Die Konkurrenz im Handel 147 

Arten der Konkurrenz S. 147. — Schrankon der Konkurrenz 
um Gewinnung des Absatzes S. 148. — Ricbtungen dieser Kon- 
kurrenz S. 150. — Voraussetzungen erfolgreicher Konkurrenz S. 152. 
—- Wirkungen der Konkurrenz S. 154. — Selbstbilfe gegen iiber- 
mafsige Konkurrenz S. 163. — 

9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels 16(> 

§ 1. Die Beschaffumj der Wareyi 16(> 

Einkaufszeit S. 166. —- Einkaufsort S. 167. — Einkaufs- 
bedingungen S. 169. — Einkauf der Kleinbandler insbesondere 
S. 170. — Heranschaffung der eingekauften Waren S. 174. — Be- 
zahlung des Einkauf spreises S. 175. — Lagerung und Aufbewah- 
rung der Ware S. 175. — 
§ 2. I>k Absatzgewinnung 176 

Abwarten der Abnehmer S. 176. — Personliches Aufsuchen 
von Warenbestellungen S. 176. — Unpersonliches Aufsuchen von 
Warenbestellungen 177. — Heranriicken der Waren an die Ab- 
satzgebiete S. 178. — 
§ 3. Die Bekanntmachung der Waren und Firmai 182 

Verscbiedene Bediirfnisse nacb Reklame bei den eiuzelnen 
Arten des Handels S. 182. — Mittel der Reklame im Kleinhandel 
S. 183. — Mittel der Reklame im Grofshandel S. 188. — Berech- 
tigung und Bedeutung der Reklame S. 194. 
§ 4. Di€ Festaetzung und Einziehung der Verkaufspreise 19s 

Kalkulation der Selbstkosten S. 198. — Foststellung der Ver- 
kaufspreise S. 201. — Abschwachung der festgestellten Verkaufs- 
preise im Verkebr S. 204. — Einziehung des Verkaufspreises S. 205. 

— Kosten der Zufuhrung der Waren an <len Abnehmer S. 206. — 

§ 5. Die SelbatkontroUe des Kauftnanns duch die Buchfuhrung . . . 206 
Bedeutung der Buchfiihrung S. 206. — Gesetzliche Verpflich- 
tuug zur Buchfuhrung S. 207. — 

§ 6. Der Befrieb des Buchhandels 20S 

Begriff und Aufgabe S. 208. — Arten des Buchhandels S. 209. 

— Ausbreitung des deutschen Buchhandels S. 211. — Verkebr 
zwischen Verleger und Sortimenter S. 212. — Emkauf des Sorti- 
menters S. 214. — Absatzgewinnung S. 216. — Bekanntmachung 
der Ware S. 218. — Verkaufspreise S. 220. — Der Kredit im 
Buchhandel S. 222. 



VIII Inhaltsverzcichnis. 

Seite 

lO.Kapitel. Der Borseiihandcl 222 

§ 1. Begriff, Eigentumlichheiten und Entmlcklung der Bof'se .... 222 
Begriff S. 222. — Eigentamlichkeiten s! 228. — Entwicklung 
S. 226. — 

§ 2. Verfasaung und Organisation der Borsen 22U 

Systeme der Boreenverfassung S. 229. — Die Londoner Effekten- 
bdrse S. 230. — Amerikanischo Borscn S. 233. — Boreen in aufscr- 
dentschcn Staaten des europMscben Festlandos S. 234. — Deiltsclic 
Boreen S. 236. — 

§ 3. Die Gegenstande des Borsenhandels 248 

Gegenst^de des unmittelbaren Bedarfs S. 244. — Gegenstande 
des mittelbaren Bedarfs S. 244. — Zulassung dor Wertpapicre zum 
Boreenhandel S. 248. — Gliederung der Borsen nach der Art der 
Verkehrsgegenstande S. 257. — 

§ 4. Die Boraengeschafte 25*.) 

Aligemeines (Form, Beurkundung iind Erfullung der Ab- 
schlusse) S. 259. — Zwecke der BoreengescliSfte S. 260. — Kassa- 
geschfifte S. 263. — Zeitgeschafte im allgemeinen S. 265. — Un- 
bedingte und bedingte Zeitgeschafte S. 278. — Prolongation 
(Report- und Deportgeschafte) S. 2S4. — 

§ 5. Die Boraetipreise (Borsenkurse) 2^s 

Ennittlung der Borsenpreise S. 28S. — Vei-offentlichung der 
Boreenpreise S. 293. — Notierung der Kurse S. 293. — Gifinde 
der Kurebewegung S. 295. 

§ 6. Die volkstvirtachaftliche Bedeuiung der Borsni 300 

Gunstige Wirkungen der Warenboraen S. 300. — Gunstige 
Wirkungen der Wertpapierborsen S. 304. — Nachteilige Wir- 
kungen der Boreen S. 307. — 

Zweiter Teil: Die Handelspolitik. 

1. Kapitel. Die Handelspolitik im allgemeinen 312 

§ 1. Begriff und Arten der Handelspolitik 312 

Begriff und Aufgaben S. 312. — Arten 314. — Troger der 
Handelspolitik S. 315. — 

§ 2. Die Organe der Handelspolitik 315 

Centralbeborden S. 315. — Konsuln 8. 319. — Interessen- 
vertretungon S. 322. — 

2. Kapitel. Die innere Handelspolitik 32b 

§ 1. Allgemeifies 328 

Die angebliche individualistische Natur des Handels S. 328. — 
Bedurfnis des Handels nach wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit 
S. 330. — Beseitigung der BinnenzSlle S. 332. — 
§ 2. Beschriinkungen des ansdssigen Handels at4S polizeilichen Riick- 

sichten 334 

Zulassung zum Handelsbetrieb S. 334. — Untersagung stehender 
Handclsbetriebe S. 336. -- Eingriffe in den Gescliaftsbctrieb S. 337. 
— Einwirkung auf die Preiso S. 343. — 

§ 3. Die Beschrankungen des Wanderhandels 344 

Aligemeines S. 344. — Strafsenhandel S. 344. — Detailreisen 
S. 346. — Hausierhandel S. 346. — Wanderlager und Wander- 
vereteigerungen S. 350. — Marktlumdel S. 352. — 



Inhaltsverzeiclmis. IX 

Seite 

§ 4. Abwehr unJuntereii Wettbewerbes 354 

Begriff dcs unlauteren Wettbewerbes S. 354. — Vorgehen 
nichtdeutscher Lander S. 855. — Deutsche Vorschriften fur ein- 
zelne Handelszweige S. 356. — Deutsche Vorscliriften allgemeinen 
Charaktors S. 361. — 

§ 5. Unmittelbare Beschrafikung des Wettbetoerbes 3t)S 

Allgemeine Gesichtspunkte S. 365. — Kein Verbot von Konsum- 
vereinen und Warenhausern S. 369. — Keine einseitige Forderung 
derselben S. 369. — Neuere gesetzliche Behandlung der Konsum- 
vereine S. 370. — Sonderbesteuemng der Konsumvereine und 
Warenhauser S. 372. — Selbsthilfe der Klemh^ndler gegen Konsum- 
vereine und Warenhauser S. 381. - 

§ 6. Abwehr van Kreditmifsbriiudien 3S3 

Eingriffe zu Gunsten der Ronsumenten S. 3S3. — Eingriffe in 
den Kreditverkehr der Kaufleute untereinander S. 3S6. 

§ 7. Die BoraenpoHtik 3S7 

Verleitung zum Borsenspiei S. 3S7. — Klagbarkeit der Differenz- 
geschafte S. 387. — Prospektzwang bei neuen Wertpapieren S. 389. 

— Beeinflussung der Kurse S. 389. — Verbot bestimmtor Zweige 
des bSrsenmafsigen Terniinhandels S. 390. — Borsensteuer S. 391. — 

§ 8. Unmittelbare Forderung des Handeh 392 

Herbeifiihrung gesunder Verhaltnisse beim kaufmannischen Per- 
sonal S. 392. — Pflege der Handelsstatistik S. 393. — Entwick- 
lung und Fortbildung des Handelsrechts S. 394. — Handelsgerichte 
S. 396. — Kaufmannische Schiedsgerichte S. 397. — Kaufman- 
nisches Bildungswesen S. 400. — 

:l Kapitel. Die ^ufsere Handelspolitik 415 

§ 1. Bedeutung und Aufgaben der dufseren Handelspolitik . . . . 415 
Begriff und Aufgabe S. 415. — Bedeutung und Unentbehrlich- 
keit des auswartigen Handels S. 416. — Forderung intematio- 
naler Bewegungsfreiheit im allgemeinen S. 421. — Die ^giinstige 
Handelsbilanz'* S. 423. — 

§ 2. Die Zolle aU Mittel der dn/'seren Handelspolitik 42S 

Begriff der Zolle S. 42S. — Durchfuhrzolle S. 42S. — Ausfuhr- 
zoUe S. 428. — Vorubergchende EinfuhrzoUe („Kampf zolle'*) S. 429. 

— Stiindige EinfuhrzoUe: Finanz- und Schutzzolle S. 430; 
Wertzolle und specifische Zolle S. 431 ; Wechsel der Theorie und 
Praxis in Bezug auf die Einfuhi-schutzzolle S. 432. — Die handels- 
politischen Systeme S. 435. — 

§ 3. Die Handelsvertrdge 444 

Begriff S. 444. — Zeitliche Begrenzung S. 445. — Nieder- 
lassungs- und ^Handelsfreiheit*" S. 446. — MeistbegUnstigung 
S. 447. — ZoUbindung und Zollermafsigimg S. 450. — Maximal- 
und Minimaltai-if S. 453. - Schiedsgerichte S. 454. — Entwick- 
lung der Handelsvertrage S. 454. — 

§ 4. Weitere Mittel der dufseren Handelspolitik 457 

Verbote S. 457. — Freihafen, lYeibezirke un<l zollfreie Nieder- 
lagen S. 458. — Veredlungsverkehr S. 459. — Zoll- und Steuer- 
vergiitungen S. 460. — Aufhebimg des Identitat^nachweises S. 461. 

— Ausfuhrpramien S. 463. - Sonstige, mittelbar wirkeniie Mafs- 
regeln S. 467. — 



Iiihalt8verzeichnis. 

Soite 

Die Seeschi/fahrtspoUtik 4(>s 

Begriff S. 468. — Bedcutung der Uandelsflotte 8. 409. — 
Aufgaben der Seeschiffahrtspolitik S. 469. — Forderung des Urn- 
fangs und der lieistungsfahigkcit der Handclsfiotte S. 470. — 
Schiffahrts-Schiitzpolitik S.472. — Ausschlicfsungssystem 8.478. — 
Differentialabgabensystcm S. 474. — Schiffahrtsvertrage S. 475. — 
Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen Kriegsniarine und 
fibereeeischen Interessen S. 475. — 



Inhaltsverzeiohnis der Bibliographie. 

Bearbeitet von Dr. P. Lippert, BiblioUickar des Kgl. preufs. statist. Bureaus zu Berlin. 

A. Der Handel. 

I. Wesen und Gliedcnuig des Handels 477 

1. Encyklopadisches und Allgemeines. Lehrbucher. Warenkundo 
S. 477—480. — 2. Giiederung des Handels: Kleinhandel. Grofshandel. 
Katenhandci. Zwischenhandei. Welthandel. Karawanenhandel. Markte 
und Messen S. 480—484. 

II. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels 4^4 

1. Die Handelstlieorien. Allgemeines S. 484 — 486. — 2. Handels- 
und Zahlungsbilanz S. 486—487. — 3. Handelskrisen S. 487— 4SS. 

ni. Entwickelung des Handels 4SS 

1. Allgemeines S. 488. — 2. Altertum S. 4S9— 490. — 3. Mittelalter 
S. 490. — 4. Deutscbland : a. Allgemeines S. 490—492. b. Die Hansa 
S. 492. — 5. Oestcrreieb S. 492. — 6. England S. 493—494. — 7. Bel- 
gien und Holland S. 494. — S. Frankreich S. 494—495. — 9. Italien 
S. 495. — 10. Spanien und Portugal S. 495—496. — 11. Aufscreuro- 
paische Lander S. 496. — 12. Kontinentalsperrc S.496. — 13. Be- 
ruhmte Kaufleuto S. 496—497. 
IV. Die Gegenstande des Handelsverkelirs. (Clearing- und Giroverkehr. Lager- 

hEuser und Warrants. Check und Inhaberpapier etc.) 497 

V. Die menscblicbe Arbeit im Dienste des Handels 501 

VI. Das Kapital im Handel 504 

VII. Der Kredit im Handel 506 

Vni. Die Konkurrenz im Handel 507 

IX. Der Betrieb des Warenhandels 509 

1. Die Bekanntmachung der Waren 8. 509. — 2. Die 8elbstkon- 
trolle des Kaufmanns duren die Buchfiihrung S. 509—510. — 3. Ent- 
wicklung und Betrieb des Buchhandels: a. Allgemeines S. 510—512. 

b. Berfihmte Buchhandler S. 512—513. 

X. Der Borsenhandel 513 

1. Allgemeines und Entwicklung der Borscn S. 513. — 2. Ver- 
fassung, Organisation und Usanzen der B5rsen: a. Effektenborscn 
S. 513-514. b. Produkten- und Warenborsen S. 514-515. — 3. Die 
Gegenstande des Borsenbandcls S. 515—516. — 4. Die Borscngescbaftc: 
a. Allgemeines S. 517. b. Die Geschafte der Eff ektenborsen S. 517—518. 

c. Borsenspiel und Spekulation S. 518. d. tlffektenterminbandel 
S.519— 520. e.Produkten-Tenninhandel S.520— 521. f. Arbitrage ; Pra- 
mien-, Report-, Kost- und Lieferungsgeschaft S. 521. — 5. Borsenpreise. 
Borsenkurse. Maklerwesen S. 521 — 522. — 6. Borsengesetzgebung: 
a. Allgemeines S. 522. b. Borsenenquete von 1S94 S. 522—523. c. Das 
Borscngesetz vom 22. VI. 1896 S. 523. 7. Borsensteuer S. 523. — 
8. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Borse und dor Borsen- 
geschafte S. 524. 



Inhaltsvcrzeichnis. XI 

Sdite 
B. Die Handelspolitik. 

I. Die Handelspolitik iin allgemcinen 524 

II. Die innere HandelBpolitik 527 

1. Organe der innercn Handelspolitik S. 527— 52S. — 2. Der Kauf- 
mann und das Handelsgesetzbucb S. 529. — 3. Allgcmeines zur soziaien 
Lage dcs Kleinhandels und iibcr den EinfluTs des Detailbandels auf 
die Preise S. 529—530. — 4. Beschnlnkimgen des ansassigen Handels 
aus polizeilichen Griinden S. 530— 531. — 5. Die Beschrankungen des 
Wanderbandels S. 531 — 532. — (J. Abwehr unlauteren Wettbewerbs iind 
unredlicber Konkurrenz S. 532. — 7. Getrcidebandels-Politik. Getreido- 
Boreentenningeschaft S. 532—534. — 8. Pflege des kaufmannischen 
Bildungswesens als eine der wicbtigsten Aufgaben der inneren Handels- 
politik S. 534—536. 

III. Die aufsere Handelspolitik 536 

1. Allgemeines S. 536. — 2. Deutschland S. 536—538. — 3. Oester- 
reicb-Unffam S. 538—539. — 4. England S. 539-540. — 5. Holland 
und Belgien S. 540. — 6. Frankreich S. 540. — 7. Italien S. 540. - 

8. Spanien S. 541. -^ 9. Schweiz S. 541. — 10. Skandinavien S. 541. — 
11. Knfsland S. 541. — 12. Balkanstaaten 8. 541. — 13. Amerika 
(Ver. Staaten, Argentinien, Brasilion) S. 541—542. — 14. Tiirkei und 
Persien S. 542. — 15. Cbina S. 542. 

IV. Die Zolle als Mittel der aufseren Handelspolitik (mit Ausschlufs der ge- 
samten gesetzgeberischen , administrativen und tecbnischen Zollliteratur) 542 

1. Allgemeines und Einlcitendes S. 542—543. — 2. Internationale 
Zollverbande S. 543. — 3. Zur Gescbichte des deufc^chen ZoUwesens 
S. 543. — 4. Der Deutscbe ZoUverein S. 543 — 547. — 5. Zur Propaganda 
fur die osterreichiscb-deutsche ZoU- und Handelseinigung S. 547 — 54S. 
— 6. ZolIi)olitik des Deutscben Reicbs S. 548—549. — 7. Zollpolitik 
Oesterreicli-Ungams S. 549—550. — 8. Zollpolitik Englands S. 550. — 

9. Zollpolitik Hollands S. 550—551. — 10. Zollpolitik Frankrciebs 
S. 551. — 11. Zollpolitik Italiens S. 551. — 12. Zollpolitik Rufslands 
S. 551. — 13. Zollpolitik der Scbweiz S. 551—552. — 14. Zollpolitik 
Rumaniens S. 552. — 15. Zollpolitik der Veroinigtcn Staaten von 
Amerika S. 552. — 16. Einzelne Gogenstande der Zollpolitik: a. Ge- 
treidezolle S. 552—554. b. Zolle auf Baumwoll-, Woll- und Leinengam 
und Gowebe S. 554. c. SeidenzoUe S. 554. d. Eisenzolle S. 555. e. Holz- 
zoUe S. 555. f. Zolle auf Cacao, Droguen, Papier, Lumpen, Soda etc 
S. 556. g. Viehzolle S. 556. h. Zuckcrsteuer. Zuckerzoll S. 556. — 
17. Freihandel und Schutzzoll S. 557—559. 

V. Handelsvertrage 560 

a. Allgemeines S. 560 — 562. — b. Die einzobien Handelsvertrage 
S. 562 — 565. 

VI. Seeschiffahrtspolitik 565 

1. Allgemeines S. 565—566. — 2. Dcutscbland S. 566—567. - 
3. Oesterreich S. 567. — 4. England S. 567—568. — 5. Belgien und 
Holland S. 568. — 6. PVankreich S. 568. — 7. ItaUen S. 568. — 8. Skan- 
dinavien S. 568—569. — 9. Amerika S. 569. — 10. Interozeaniscbe 
Wasserwege S. 569—570. 

Zur geneigten Beachtung. 

Eine axmahemd vollstandige Handels -Bibliographic wiirde eine Starke 
von mindeBtens 60 Druokbogen bedingen; da f&r vorliegende bibliogra- 
phiBche ZosammenBteUung nur ein Baum von 6 Druokbogen vorgeBehen 
vrax, kann keine ihrer Abteilungen den entfemtesten Anspruoh auf VoU- 
Btandigkeit erheben. 



Druckfehler. 

Seitc 2 Zeile 18 von unten lies: „Fabrik— " statt ^Fabriks— **. 
„14.1„ . ^:0 statt 8. 

^26 r 10 von oben sind zu streichen die Wortc ^ist mitzlos*'. 
„ 29 „ 18 ^ ^ lies: „80 vielo" statt ^soviele"^. 
„ 50 „ 15 ^ ^ ^ : „ihm" statt ^ihnen'*. 
^ 58 ^ 22 « ^ . : „betont" statt ^betonte**. 
^62 « 16 von unten lies: „an strengere** statt „in strengere**. 
„ 63 n 5 von oben lies: ^auf statt flfur**. 
^85 „ 11 ^ ^ « : ^genannten^ statt ^gegebenen''. 
« 97 ^ 12 von unten sind vor ^Diesen*" einzufiigcn die Wortc: ^Im (Icgen- 

satz zu*^. 
^127 ^ 12 von oben lies: ^(Schwarzburg-Rudolstadt)" statt -bci Schwarz- 

burg''. 
„ 146 ^ 16 von oben lies: ^xVnfragen'' statt „Angaben". 
^159 „ 21 von unten lies: „vor^ statt ^von*". 
^167 „ 15 von oben lies: ^spatercn" statt ^starkeren''. 
^221 ^ 4 von unten ist das Wort „auch'' zu streichen. 
„ 222 ^ 13 von oben lies: ^meist auf** statt „auf meisf. 
^232 ^ 7 ^ ^ „ : ^gerathen*** statt ^geraden**. 
^ 254 „ 5 von unten lies: ^Borse" statt ^Bank*". 
^ 258 „ 10 von oben lies: ^Versicherungspapiere'* statt ^Wertpapicre^. 
^ 320 „ 7 von unten lies: „beigeben" statt ^beigegeben". 
^ 324 „ 4 „ ^ ist hinter ^Wiirttemberg'' cinzuschiebcn : „5 in Sachscn'". 
„ 324 „ 3 « ^ ^ statt „4 in Sachsen-Kobiirg-Gotha" zu lesen: „4 in 

Sacbsen-Mciningen, 2 in Sachscn-Koburg-Gotlia'*. 
^ 335 „ 6 von oben lies: ^abhangigr statt ^abhangig,**. 
.,367 ^ 5 ^ ^ « : ^Frage" statt „Lage''. 
„ 397 „ 1 von unten lies: ^Erlcdigung" statt ^Einigung*". 
„ 424 „ 16 von oben lies: ^iPosten** statt „Kosten". 
r, 481 ^ 13 und 15 von unten: Diese beiden Abhandlungen sind cbcnfalls, wic 

die auf Zeile 12 von unten angegebenc, von 

A. Cohen. 



Erster Toil. Der Handel. 

1. EapitcL Bogrlff nnd Ollcdcrang des Handcls. 

§ 1. Begriff nnd Weten des Handeh. Mil dem Wort ^Handel^ 
bezeichnen wir so vielerlei Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens, 
dak es sehr scliwer ist, eine Begriffsbestimmung zu finden, die alle 
diese Erseheinungen uinschlierst. Daher denn auch die grofse Mannig- 
faltigkeit der wissensehaftlicben Begriff sbestimmungeni Bei den Scbrift- 
stellern der sogenannten ^klassischen Periode'' der natfonalokonomischen \ 
Wissenschaft erscheint das Wort ^^ Handel" in den Begriff sbeatimmungen 
in einer ganz allgemeinen Bedeutung. Aller Giiteraustauscb , aller 
Tauschverkehr wird darunter gerechnet/ Die neueren Begriffsbestim- 
mungen sind dagegen vielfach sehr enge gehaJten. „Die von Kaufleuten 
gewerbsmafsig bewirkten Unisatze'' fallen nach RATHCiEN (Worterbuch 
der Volkswirtschaft I. Jena 1898, S. 244) unter diesen Begriff, oder 
^der gewerbsmafsige Betrieb des Eintausches oder Ankaiifs von Gutern 
und der Wiederveraufsening derselben zum Zwecke einer Erzielung von 
Gewinn" nach Lexis (in Schonbergs Handbuch der Politischen Okonomie) 
u. s. w. Dafs diese enge Fassung nicht ausreicht, um auch den inter- 
nationalen Handel voUig unterzubringen nnd um insbesondere dem 
Begriff der auswartigen Handelspolitik gerecht zu werden, ist selbst- 
verstandlich den neueren Schriftstellern nicht entgangen. Aber sie 
treffen darin zusammen, dafs beim Wort „HandeP schlechthin nur 
an den engbegrenzten Thatigkeitskreis zu denken sei, der im Einkauf 
zum Zwecke des Wiederverkaufs ohne nennensvverte Umgestaltung der 
in Betracht kommenden Giiter besteht. 

Mit dem Si)rachgebrauch des Volkes deekt sich das nicht. Der 
Fabrikant, der seine eigenen Erzeugnisse absetzt, nennt sich auch ohne 
Bedenken Eaufmann und zieht daraus auch praktisch die Konseiiuenzen. 
Er ist als Kaufmann in das Handelsregister eingetragen, er rechnet 
sich und wird auch amtlich gerechnet zum Handelsstand, er wahlt und 
kann selbst gewahlt werden zur Handelskammer; er fiihrt kaufmanni- 
sche Biicher und ist rechtlich verpflichtet dazu u. dergl. mehr. Dieser 
Sprachgebrauch ist soweit verhreitet, dafs man ihn nicht aufser acht 
lassen sollte. 

Man kami die hier zu Tage treteiide Schattierung des Begriffs 
„Hander vielleicht am beaten mit dem Wort „Fabrikhandel" bezeichnen. 

VAV DXB BoBGHT, Handel. 1 



2 Erstcr Teil. Der Handel. 

Seinem Wesen nach ist diescr „Fabrikliandel" aufzufassen als das ^e- 
werhsniiifsi^e Feilbieten von Gegenstanden, die der Feill)ietende selbst 
hergestellt hat, olme dafs die Herstellung auf unitiittelbare Bestellun^ 
erfol^ ist. 

Dafs hier von ^Feilbieten'' und nicht vom ^Verkauf"' die Rede ist, 
hat seinen Grund. Der „Verkauf'' ist das Er^ebnis der in Rede stelien- 
den Thatigkeit, das an^estrebt, aber durehaus nicht immer erreicht wird. 
Das Wesen des „Fabrikhandels'' wie des Ilandels iiberhaupt ist nicht 
in deni wirklich erzielten Verkauf, sondern in deni y,Zuin Verkauf 
stellen*', in dem Feilbieten zu erblicken. Die Thiiti^keit eines jeden 
Kaufniannes ini engeren oder weiteren Sinne hort nicht dcshalb auf, eine 
Handelsthatigkeit zu sein, weil seine Ware unverkauft lie<2:en bleil)t. Es 
konimt also auf die Richtun^, auf die Tendenz seiner Thatigkeit, aber 
nicht auf dem Erfol^ derselben an. Unser all^emeiner Sprach^ebrauch 
bait das konsequent fest. Die wissenschaftliche Sprechweise aber niufs 
dem Rechnun^ tragen. 

Dem Fabrikhandel tritt als p:leichen Wesens zur Seite der ,,lland- 
werkshandel'', sofern der Betrieb des Handwerks mit dem Feilbieten der 
ohne unmittelbare liestellung erzeu<2:ten Ware verbunden ist. Seiler und 
Biirstenmacher, Nap:elschmiede, Sattler, Metz<;:er, liiicker, Konditoren, 
auch manche Klempner, Tischler, Schuster u. a. m. kniipfen an die 
Warenerzeuping unmittelbar den kaufnuinnischen Warenvertrieb an, und 
manche Ilandwerker, wie Seiler, Burstenbinder und Nagelschmiede konnen 
ohne diese Verkniipfung ihren Handwerksbetrieb iiberhaupt nicht durch- 
fiihren. 

Dem „Fabriks- und Handwerkshandel" steht gegeniiber diejenige 
Form des Ilandels, welche nicht mit selbsthergestellten Waren zu thun 
hat, und welche den schon erwiihnten engen Begriffsbestimmungen zu 
Grunde liegt Man konnte diese Form als „Kaufmannshandel'' bezeichnen. 
Der ^KaufmannshandeP ist d<as gewerbsmiifsige Feilbieten von Gegen- 
standen, die der Feilbietende nicht selbst erzeugt, sondern von den Produ- 
zenten unmittelbar oder mittelbar bezogen oder eingekauft hat, ohne dafs 
der Bezug (bezw. der Einkauf) (lurch eine unmittelbare Bestellung seitens 
der Almehmer veranlafst ist. Ilier ist das Wort „IIandel'' im engsten 
Sinne penommen. 

In den angegebenen Begriffsbestimmungen ist nicht ausgesprochen, 
dafs das gewerbsmiifsige Feilbieten auf Erzielung von Gewinn geri(!htet 
ist. Manche Schriftsteller legen darauf besonderes Gewicht. In Wirk- 
lichkeit ist aber die Richtung auf Erwerb bei einer gewerb smaf sigen 
Thati«:keit so selbstverstiindlich, dafs es iiberfliissig ist, noch besonders 
darauf hinzuwcisen. 

Dagegen scheint es notig — was in den ilblichen lU\:;Tiffsbe- 
stimmungen nicht geschielit — , auf den llmstand aufmerksam zu maclien, 



I. Kapitcl. Begriff unci Glicdcrung dcs Handels. 3 

dafs die feilgebotenen Gep:enstande nicbt auf unmittelbare Bestellung 
seitens der Abnelmier zusanimen^ebracbt sind. Der Ikyriff ^IlandeP 
setzt ein — wenn aucb sebr vorscbieden aiis<:;estaltotes — Vorratbalten 
fiir eiiien nocb nicbt ^enau festgestellten Hecbirf voraus, iind wicbtige 
Arbeiten im Haridel ricbten sicb gerade darauf, den Bedarf, der zur 
Unterbringung der bereitgebaltenen Waren erforderbcb ist, aiisfindig zu 
niacben oder zu wecken. 

Ware dem gegenwartigen Bande nicbt aucb die Aufgabe gestellt, 
die Ilandelspohtik zu bebandeln, so wiirden die oben festgelegten Be- 
griffe „Fabrik-(IIandwerks-)IIandel^^ und „Kaufnianusbandel'' die bier zu 
besprecbendeu Fonnen des Handels erscbopfen, und die sonstigen Be- 
deutungen, die der Spracbgebraucli dem Wort „IIandel^ beilegt, konnten 
fiir eine volkswirtscbaftlicbe Betracbtung bci Seite gelassen werden. Die 
Notwendigkeit, aucb die Ilandelspobtik zu besprecben, zvvingt aber dazu, 
aucb die dieser WortzusaniniensteUung zu Grunde Hegende Auffassung 
des Handels zu beriibren. 

Allgemein ist es iiblicb, bei den Bezeicbnungen aufsere Handels- 
politik, Handelsstatistik, auswartiger Handelsverkebr u. s. w. das Wort 
^Handel'' auf den gesaniten internationalen Giiteraustauscb zu bezieben, 
ilmi also die weiteste, von friiberen Scbriftstellern oft ausscbliefslicb in 
Betracht gezogene Bedeutung beizulegen. Dem mufs aucb bier beige- 
treten werden. Aber zu beacbten ist, dafs es nicbt ricbtig ist, wenn man 
nun aucb die Worte „Einfubrbander% „Ausfubrbandel'' und abnlicbe 
Ie<liglicb in diesem weiten Sinne glaubt auffassen zu miissen. Wenn 
wir von Importeuren und Exporteuren, von Einfubr- und Ausfubrbandlem 
reden, dann bezieben wir das auf die einzelnen, bei der Vermittlung der 
Ein- und Ausfubr tbatigen Kaudeute, und der von diesen ausgeiibte 
Einfubr- und Ausfubrbandel ist Ilandel im engsten Sinne, ist „Kauf- 
niannsbandeP. 

Umgekehrt baben wir bei den Bezeicbnungen ,,BinnenbandeP, 
,,innerer Handel'' u. s. w. nicbt lediglicb den ^Kaufmannsbandel'' und 
„Fabrikbandel^ im Auge, sondern versteben aucb oft darunter die ge- 
samte Giiterbewegung innerbalb der Landesgrenzen. 

Wir miissen also den Begriffen ,,Fabrikbandel'' und „Kaufmanns- 
handeP nocb den „Handel im weiteren Sinne'' gegeniiberstellen, der die 
Giiterbewegung innerbalb der Landesgrenzen und ilber die landesgrenzen 
limaus umfafst olme Riicksicbt darauf, ob die Giiterbewegung durcb rein 
kaufmanniscbe Vermittlung bewirkt vvird oder nicbt. 

Die Ik^griffe „Han(fel im. weiteren Sinne^, ^Fabrik-(IIandwerks-) 
Handel^ und „Kaufmannsliandel'^ liegen anscbeinend weit auseinander. 
Aber sie werden docb durcb ein gemeinsames Band zusammmengebalten. 

Fabrik- und Kaufmaimsbandel stimmen darin iiberein, dafs sie obno 
unmittelbare Bestellung Giitermengen aufbiiufen und sie alien beliebigen 

I* 



4 Eretcr Teil. Dor Handel. 

Pereonen, die Bedarf darnach haben, feilbieten, und dafs dieses Feil- 
bieten den Zvveck bat, die personliche, raumliche und zeitliche Trennung 
des Konsumenten vom Produzenten fiir die Bedarfsversorgung unschad- 
licb zu niachen. 

Genau deniselben Zwecke dient aber aueh der Handel ini weiteren 
Sinne. Dieser gleichartige Zweck ist das Bindeglied zwischen den 
einzelnen Stufen des Handels. Von hier aus konnen wir auch den all- 
gemeinen Begriff des Handels finden. Handel im allgemeinen 
ist die ilberwindung der personlichen, raumlichen und 
zeitlichen Trennung des Konsumenten vom Produzenten. 
Fabrikhandel, Kaufmannshandel und Handel im weiteren Sinne sind nur 
verschiedene Ausstrahlungen dieses Handels im allgemeinen. 

Es ist niebt iiberflussig, diesen allgemeinen Begriff ^Handel" fest- 
zulegen. Denn er gewahrt uns sofort Einblick in die innere Ursacbe 
alles Handelsverkebrs. Aller Handel, mag er sieh ausgestaltet liaben, 
wie er will, ist in letzter Linie zuriickzufiihren darauf, dafs der Kreis- 
lauf von der Produktion ziir Konsumtion sieh nicht innerhalb derselben 
Wirtschaft vollzieht. 

Durch die natiirlicben Produktionsbedingungen , durch die ver- 
schiedene Ausstattung der einzelnen Gebiete, durcb die verschiedeni^n 
Anlagen, Fahigkeiten, Neigungen und Gewohnheiten der Menschen ist 
es dahin gekommen, dafs die Gutererzeugung sieh specialisiert hat Die 
Folge ist, dafs die einzelne Wirtschaft nicht mehr unmittelbar ihre samt- 
lichen Bedarfsgegenstande erzeugt. Der Austausch zwischen den ver- 
schiedensten Wirtschaften ist notig geworden, um alle Bediirfnisse der 
einzelnen Wirtschaft zu befriedigen. Der Konsument eines Erzeugnisses 
ist in der Kegel nicht mehr dieselbe Person, wie der Produzent, gehiirt 
auch nicht mehr derselben Wirtschaft an. Raumliche Entfernungen oft 
von grofsem Umfange schieben sieh zwischen Produzenten und Kon- 
sumenten. Auch zeitlich sind sie in den entwickelten liindern meist 
von einander getrennt; Produktion und Konsumtion vollziehen sieh viel- 
fach nicht mehr Zug um Zug. Da aber nach wie vor jede Produktion 
zum Zwecke einer Konsumtion erfolgt, so mufs diese Trennung wieder 
unschiidlich gemacht werden. Andemfalls wiirde alle Produktion nicht 
im stande sein, die Bedarfsversorgung der Bevolkerung zu gewahrleisten. 
Auf dieser Grundlage mufste, auf ihr aber konnte auch erst der Handel 
erwachsen. 

Das Gesagte gilt fiir den Handel in engeren Gebieten ebenso wie 
fiir den Handel auf weite Entfernungen. Auch der Handel zwischen 
den verschiedenen Volkem erkliirt sieh auf diese Weise, selbst wenn man 
auf die primitivsten Anfange de«selben zuriickgeht Durch die ver- 
schiedene natiirliche Ausstattung der einzelnen Gebiete und durch den 
verschiedenartigen Gang ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und durch 



1. Kapitcl. Begriff unci Gliederung dcs llandcls. 5 

den verschiedenen Grad ihrer Leistun<;sfahigkeit bei der Guterei*zeugun«i: 
*:elangen sie zu einander in das Verhaltnis von Produzenten und Kon- 
sumenten, und daniit ist die wichtigste Voraussetzung fur das Aufkommen 
eines Handels zwischen ihnen gegeben. — 

Das was dem ^Fabrikhandel'' und dem ,,KaufniannshandeP ge- 
nieinsam ist, wurde schon angefiibrt. Es besteht aber aucb ein sehr 
wesentlieher Unterscbied zwiscben beiden. Der „FabrikbandeI'' sebliefst 
sich als unmittelbare Erganzung an die Ilerstellung der Giiter an. Er 
bat keine selbstandige Existenz, wenngleicb seine Bedeutung fiir den 
privatwirtscbaftlichen Erfolg des Produzenten oft sebr erbeblich ist In 
manchen Produktionszweigen ist der Fabrikbandel selir weit ausgebildet, 
sei es dafs er an die Abnebmer grofser Mengen, sei es dafs er un- 
niittelbar an die letzten Konsumenten zu gelangen sucbt Ja es giebt 
Betriebe, bei denen der Scbwerpunkt der Arbeit in dieser Handelstbatig- 
keit liegt Ein bekanntes Beispiel dafiir sind die Meiereien in bez. bei 
Berlin und anderen grofsen Stiidten, die den Absatz bei den letzten Kon- 
sumenten in der Hand bebalten haben und mit einer grofsen Anzahl von 
Arbeitskniften und eineni ansobnlichen Wagenpark durebfiibren. Aucb 
grofse Chokoladen- und Zuckerwarenfabriken, Cigarrenfabriken, Schuh- 
fabriken, Ofenfabriken, Niibniascbinenfabriken u. a. m. baben den Ver- 
kauf ihrer Erzeugnisse an die Konsumenten dureb ein ganzes System 
von eigenen Verkaufsstellen organisiert. 

In anderen Zweigen der Stoffveredelung sebliefst sicb eine so ent- 
wickelte Handelsthatigkeit niebt an die Gutererzeugung unmittelbar an, 
sei es weil personliche, sei es weil sachlicbe Grunde dem entgegen- 
stehen. Die Gewinnung des Absatzes wird alsdann durch den Kauf- 
mannshandel vermittelt 

Der Kaufmannshandel oder der Handel scblechtbin ist im Gegen- 
satz zu dem Fabrikbandel ein selbstandiger Berufszweig, der sich zwischen 
Produzenten und Konsumenten einschiebt, ohne rait ihnen personlich und 
geschaftlich unmittelbar zusammenzuhangen. Die Herstellung der Waren 
ubemimmt der Kaufmannshandel nicht Nur die Zerlegung in handliche 
Mengen, die scharfere Aussonderung der einzelnen Sorten, aucb gewisse 
Mischungen, einfache mechanische Umgestaltungen u. dergl. mehr werden 
mit den Waren vorgenommen; im wesentlichen aber bleiben sie so, wie 
sie eingekauft sind. — 

Da der Fabrikbandel als Anhiingsel der Gutererzeugung erscheint, 
so kann er bier nicht naher behandelt werden, wenn aucb ofter 
auf ihn wird Bezug genommen werden miissen. Fiir die volkswirt- 
schaftliche Betrachtung des Handels dreht es sich vorzugsweise um den 
Kaufmannshandel. Dieser wird denn aucb im ersten Teil dieser Arbeit 
im Vordergrunde der Betrachtung stehen. Der Handel im weiteren Sinne 
lalst sich freilich aucb im ersten Teil nicht ganz ausscheiden, da jede 



6 Eretcr Toil. Dor Handel. 

BesprechuTig der Entwicklung ties Handels von selhst auf den Handel 
im weiteren Sinne Innfiilirt. Im zweiten Teil der Arbeit, der sicli mit 
der Handelspolitik befassen soil, wird der Handel im weiteren Sinne 
vollends in den Vordergrund treten. 

§ 2. Die 01 edtrun^ dea Handels Der Handel im engeren Sinne, 
der ^Kaufmannsbandel", ist ein Ergebnis des Prozesses der Specialisierung 
der Giitererzeugung, oder anders ausgedriickt, der beruflicbcn Arbeits- 
t^ilung. Seine I^istungsfabigkeit diireli Anvvendung des gleicben Orund- 
satzes der beruflicben Arbeitsteilung zu steigern, das ist ein Gedanke, 
der iins, die wir in den Kulturstaaten leben, vollig gelaufig ist und 
als selbstverstiindlicb erscbeint. Aber wir konnen nicht iiberseben, dafs 
die Voraussetzungen fiir eine weitgebende Specialisiemng des Handels 
aucb innerbalb desselben Wirtscbaftsgebietes in sebr verscbiedenem Um- 
fange vorbanden sind. 

Die Voraussetzungen, die eine feinere berufliebe Gliederung der Arbeit 
des Handels gestatten, fallen im wesentlicben mit denen zusammen, die 
fiir die Gliederung der Giitererzeugung mafsgebend sind. Emc besondere 
Bedeutung bat dabei zunacbst die Steigerung der teelmiscben Leistungs- 
fiibigkeit des Handels. Je sebneller er Warenbeziige und Warenversen- 
dungcn bewirken, je sebneller er Nacbricbten erbalten und versenden kann, 
je weniger ibm die Hindernisse der raumlicben Entfernung Scbwierig- 
keiten bereiten, je bequemer die dem Austauscb und der Vergleicbung 
der Wertscbatzungen dienenden Mittel werden, desto leicbter wird es an 
und fur sicb dem Handel, Specialzwcige auszubilden. Die Ausbildung 
der Geldwirtscbaft und ibre Begriindung auf die Umlaufsmittel des ge- 
miinzten Edelmetiillgeldes, die Entwickelung eines gut ausgestalteten 
Kreditverkebrs, die Vervollkommnung des Giiter-, Personen- und Nacb- 
ricbten verkebrs: das allcs bereitct den Boden fiir eine Specialisiemng 
vor. Denn der Handel bedarf aller dieser Mittel, um die Verbindung 
zwischen Produzenten und Konsumenten bcrzustellen. 

Aber damit allein ist eine nennenswerte Gliederung des Handels 
noch nicht ermoglicht Es mufs dazu kommen, dafs die Aussicbt auf 
ein geniigendes Arbeitsfeld geg:eben ist. Dieser Umstand spielt gerade 
bier eine fast ausscblaggebende Rolle und erklart die grofsen Abweicbungen, 
die bei der Gliederung des Handels iiber die einzelnen Telle eines aus- 
gedebnten Gebietes bin bestehen. In den grofsen Stadten konnen aucb 
fiir den Verkebr mit deit letzten Konsumenten viele Specialzweige noch 
ein grofses Arbeitsfeld erwarten. In kleineren Orten und noch mehr auf 
dem platten Lande ist fiir solche feinere Verastelung wenig Eaum. 

Was soUte wohl in einem kleinen Flecken oder Dorf ein Kaufmann, 
der sich lediglich mit Kaffee oder lediglich mit Zucker beschaftigt? Der 
Kreis der Konsumenten ist bier viel zu eng, als dafs solche Si)ecial- 
geschafte gedeihen konnten. Deshalb kann es nicht auffallen, dafs auf 



1. Kapitel. Bcgriff und Glicderun^ dcs Handcls. 7 

dem Lande und in kleineren Orlen viele Arbeitszwei^e des Handels in 
einer Hand vereinig:t sind, die in den Grofsstiidten lan^^st auseinander 
gezogen werden konnten. Selbst innerhalb derselben Grofsstadt niaclit 
sich dieser Umstand schon fiihlbar. In den weni^er dicht bevolkerten 
Aufsen- und Vorortbezirken und in den Stadtteilen, in dem die weniger 
zahlungs- und kauffiihige Bevolkening ubervviegt, bleibt die Specialisierung 
des Ilandels in viel engoren Grenzen als in den dicht bevolkerten und 
besonders kauffahigen Teilen. Das zeigt, wie bedeutungsvoll auch heute 
noch fiir denjenigen Kaufmann, welcher an die eigentlichen Konsumenten 
herantritt, die Absatzverhaltnisse seines engsten Kezirks sind. Allerdings 
fiihrt die starke Bevvegung der Bevolkerung, wie sie heute in den Grofs- 
stadten besteht, auch oft dazu, dafs der Kaufmann fiir einen Teil seines 
Absatzes diese Abhangigkeit verliert. Ein Laden in der Ijeipzigerstrafse 
oder in der Friedrichstrarse in Berlin stutzt sich nicht lediglich auf den 
Bedarf der nahewohnenden Bevolkerung, sondern niufs wesentlich auch 
auf den Absatz an die Passanten aus anderen Stadtteilen und aus anderen 
Orten rechnen. 

Auch in dieser Beziehung sind die Geschafte im Innern der Stadt in 
der Kegel giinstiger gestellt, als in den Aufsenteilen. Die Aussicht auf eine 
solche Erganzung durch Absatz an die Bewohner anderer Bezirke ist aber 
iiberhaupt in grofsen Stadten viel mehr gegeben, als in kleinen oder auf 
dem I^nde. Auch hieraus — wenn auch nicht hieraus allein — erklart sich 
die geringere Gliedemng des Handels auf dem Lande und in kleinen Orten. 

Es ist selbstverstandlich, dafs die besprochenen wichtigsten Voraus- 
setzungen fiir die Arbeitsgliederung im Handel auch in den einzelnen 
Landem ungleichmafsig entvvickelt sind. Von vornherein mussen wit 
deshalb damit rechnen, dafs derjenige Handel, welcher an die eigentlichen 
Konsumenten die Waren absetzt, auch von Land zu I^nd Abweichungen 
in Bezug auf die Gliedemng der Specialzweige zeigt. Indes treten diese 
Abweichungen der Mehrzahl der Menschen nicht deutlich genug vor 
Augen. Nur der, welcher in verschiedenen Landem an Ort und Stelle 
Vergleiche anstellen kann, gewinnt einen unmittelbaren und augen- 
falligen Eindmck davon. 

Der Teil des Handels, welcher nicht an die eigentlichen Konsumenten 
herantritt, sondera an die Abnehmer grofser Mengen, ist in Bezug auf 
seinen Absatz von den ortlichen Verhaltnissen unabhangig, und das er- 
moglicht eine viel weitere Begrenzung fiir die Berufsgliederung. Viel 
eher, als bei dem Handelsverkehr niit den letzten Konsumenten, ist darauf 
zu rechnen, dafs ein Specialzweig auf ein hinreichendes Arbeitsfeld trifft. 
Steht vollends der Kaufmann nicht den Abnehmern eines engeren Bezirks, 
sondera denen vieler Bezirke gegeniiber, so kann die Bemfsgliedemng 
in hochstem Mafse ausgebildet werden, ohne dafs ein unzuljinglicher 
Absatz zu besorgen ware. 



8 Krster Teil. Dcr Handel. 

Im ganzeu sind in den dichlbevolkerten Kulturstaaten die Voraus- 
setzungen der Berufsgliederung im Handel sehr giinstig. Das war nicht 
imraer so. Die verschiedenen Stufen der Kulturentwickehing liegen heute 
fiir uns in typischen Beispielen ncbeneinander ausgebreitet, und wir finden 
eine immer diirftigere Oliedening des Handels, in je einfachere Kultur- 
verhaltnisse wir hinabsteigen. Das beweist uns, dafs wir audi bei jedeui 
einzelnen Kulturvolk in friiheren Stufen der Entwicklung einen ge- 
ringeren Orad der berufliehen Arbeitsteilung im Handel voraussetzen 
miissen. Die Gescbichte bestatigt diese Schlufsfolgerung durebaus, so- 
weit sie uns uberhaupt einen Einbliek in die vvirtschaftlichen Verbaltnisse 
gestattet Auf den friibesten Stufen der Entwicklung feblt die Gliedening 
des Handels in Specialzweige fast ganz, und alle moglichen Arten des 
Handels^ die heute selbstandig neben einander bestehen, waren in einer 
Hand zusammengefalst. 

So gttnstig nun aber aueli heute in den Kulturstaaten die Voraus- 
setzungen fiir eine ausgebildete Gliedening des Handels sind, so finden 
wir doch gerade bier neuerdings gewisse riicklaufige Tendenzen in Bezug 
auf die Arbeitsteilung. Diese Tendenzen treten in demjenigen Teile des 
Handels auf, welcber sich der unmittelbaren Bedarfsvermittlung fiir die 
einzelnen kleinen Konsumenten widmet. In den Grofsmagazinen und 
Warenhausern findet sich gerade eine Zusammenfassung der verscbie- 
densten Zweige des Handels, die sich bereits zu selbstandiger Bedeutung 
entwickelt batten. Die Berufsgliedenmg wird bier also aufgegeben. Die 
Berufsgliederung, aber nicht die Arbeitsteilung iiberhaupt! In Wahrheit 
stiitzt sich auch jedes Grofsmagazin — abgesehen von der starken 
Kapitalzusammenfassung — auf die Arbeitsteilung. Denn es zerlegt sich 
in eine Reihe von Gruppen, die ihre besonderen Hilfskrafte zur Ver- 
fiigung haben. Aber — und das ist weisentlich — es ist nicht mehr die 
berufliche Arbeitsteilung, die hier in erster Linie in Betracht kommt, 
sondem die technische Arbeitsteilung, die innerhalb desselben Gesamt- 
betriebes eine reiche Zerlegung in einzelne Thatigkeitsarten vornimmt. 

Das ist gerade das Bemerkenswerte an den Grofsmagazinen, dafs sie 
die berufliche Arbeitsteilung ersetzen durch die technische Arbeitsteilung. 

Wie erklart sich das? Der Grund liegt in den Wirkungen der be- 
rufliehen Arbeitsteilung auf die als Abnehmer in Betracht kommenden 
Kreise. Die Berufsgliederung steigert unzweifelhaft auch im Handel die 
Leistungsfahigkeit Durch die Beschrankung auf eine bestimmte Waren- 
art wird der Kaufmann in die Lage gebracht, fiir diese Warenart eine 
reichere Kenntnis der besten Bezugsquellen, Bezugswege und Bezugszeiten, 
eine grofsere Erfahrung in Bezug auf die Behandlung, Aufbewahrung 
und Zerlegung der Waren, ein besseres Verstandnis fiir die Geschmacks- 
richtungen des Publikums und ihre Verschiebungen zu erwerben. Das 
kommt ihm zu gute, niitzt aber auch seinen Kunden. Sie konnen an 



1. Kapitel. Be^riff uud (Jliederuu^ ties llaudels. 9 

sich die rationellste und verhaltnisinarsi^- billigste Versor^^ung* niit der 
betreffenden Ware erwarten. 

Aber gerade fiir das kaufende Publikum hat eine weitgeliende be- 
rufliche Gliederung im Handel ihre Nachteile. Je vveiter diese Gliederung 
geht, desto grofser ist auch die Zabl der Kaufleute^ mit denen der Kon- 
sument behufs Beschaffung aller seiner Bedarfsartikel in Verbindung 
treten mufs. Darin liegt eine Unbequeniliehkeit nacli den verscbiedensten 
Ricbtungen. Man mufs sich urn viel niehr Verkaufsstellen kiimmern, man 
mufs sich auch eine sebr verscbiedene Art der Behandlung und Bedienung, 
der Zahlungsbedingungen etc. gefallen lassen, und man mufs viel mebr 
Wege zuriicklegen und mebr Zeit aufwenden, um alles, was die Bedarfs- 
befriedigung erbeischt, recbtzeitig zu bescbaffen. Auch wenn man die 
Erleicbterungen des heutigen Verkebrs benutzt und brieflich oder durch 
Fernsprecher seine Bestellungen macht, so wird der Zeitaufwand grofser 
durch die Notwendigkeit, nach den verscbiedensten Verkaufsstellen bin 
solcbe Nachricbten zu geben, als wenn man bei einem oder bei wenigen 
Lieferanten seine Bestellungen zu macben hat. Lafst man sich die Waren 
ins Haus bringen durch Angestellte der Verkaufsstellen, so mufs man 
sich bei weitgehender Specialisierung der Handelstbatigkeit die Belastigung 
durch eine grofsere Zabl von Boten gefallen lassen u. s. w. Der Kon- 
sument wird aus diesen Griinden vielfacb dazu gelangen, die angedeu- 
teten Unbequemlicbkeiten bober anzuscblagen als den Vorteil, der ihm 
aus der boheren Leistungsfabigkeit des Specialisten erwacbst Darin liegt 
zunachst eine gewisse Schranke fiir die Entwicklung der beruflicben 
Arbeitsteilung bei dem Teile des Handels, der unmittelbar mit den ein- 
zelnen Konsumenten arbeitet. Darin liegt aber weiter auch ein Antrieb, 
gewissermafsen die Specialgeschafte, die sonst niumlich von einander 
getrennt sind, an einer Stelle zu konzentrieren. In den Wocbenmarkten 
und Markthallen war das fiir gewisse Specialzweige des Handels, die 
dem taglicben Bedarf von Nabrungs- und Genufsmitteln dienen, schon 
iSiigst geschehen, aber unter Erbaltung der Selbstandigkeit der einzelnen 
Verkaufer. Die Grofsmagazine geben auf dieser Bahn noch wesentlich 
weiter. Sie fassen in der Hand eines Untemebmers eine Reibe von 
Specialgescbaften der verscbiedensten Art zusammen. Wenn man die 
grofsen Warenbauser in Paris, in Berlm und in anderen grofsen Stadten 
in ibrer Entwicklung iiberscbaut, so findet man, dafs immer deutUcher 
das Streben zu Tage tritt, dem Konsumenten, der einmal das Warenhaus 
betreten hat, fiir alle seine Kaufbediirfnisse die geeigneten Artikel bereit 
zu balten. Darin liegt eine so grofse Bequemlichkeit fiir den Konsu- 
menten, dafs schon aus diesem Grunde das rasche Aufkommen der Grofs- 
magazine erklariicb wird. 

Grofsmagazine konnen nur in grofsen Stadten gedeiben. Der Ab- 
nebmerkreis, den sie fiir ihre zahlreicben einzelnen Warenarten notig 



10 Erster Toil. Dcr Handel. 

haben, ist viel zu aus^edehnt, als dafs er an kleineren Platzen zu erwarten 
ware. Und doch fiibren uns die Grofsmagazine in gewissem Sinne in 
die Fonnen der Arbeitsteilung zuriick, wie sie im Ilandel kleinerer Orte 
besteben. Wir sahen schon, dafs in kleineren Stadten und auf dem 
Lande ebenfalls die Zusanmienfassung verscbiedenster Warenarten in 
demselben Gescbaft stattfindet Aber was sicb bier in kleinem Mafsstabe 
und unter dem Zvvange eines eng begrenzten Konsumentenkrcises voll- 
ziebt, das vvird in den Grofsstadten von kapitalkraftigen Grofsbetrieben 
in bewufster Absicbt bervorgerufen. 

Aber aucb in den Grofsstiidten findet diese Entwicklung naturgemafs 
ilire Sebranke, und zwar in demselben Umstande, der die Bildung von 
Warenbiiusern iiberbaupt erklarlich maebt, njimlicli in der Iliicksicbt 
auf die Bequembcbkeit der Konsumenten. Fiir einen grofsen Teil der 
stiidtiscben Hevolkerung ist der Weg von und zu dem Grofsmagazin sebr weit, 
audi unter Anrecbnung all' der Vorteile, die der entwickelte innerstadtiscbe 
Personenverkebr bietet Es kann desbalb sebr wobl fiir einen Teil der 
Beviilkerung nocb mebr Zeit kosten, im Grofsmagazin seinen Bedarf zu 
decken, als bei den verscliiedenen in seiner Nabe liegenden Einzelge- 
scliaften. Bei Einkaufen solcbcr Gegenstiinde, die nicbt regelmafsig 
gekauft werden mussen, setzt sicb der Konsument oft dariiber bin weg 
und sebeut aucb lange Wege nicbt. Aber bei der Deckung des laufenden 
taglicben Bedarfs macbt sicb die weitc Entfemung unbequem fiiblbar. 
Hier ziebt es der Konsument desbalb vielfacb vor, sicb an die Einzel- 
kaufleute zu wenden, die ibm in seiner nacbsten Nabe die Bedarf sartikel 
bereit balten. Dasselbe gilt fiir den Fall, dafs unerwartet ein rascb zu 
deckender Bedarf nach irgend einer Ware zu Tage tritt, und aucb fiir 
solcbe Waren, die man wegen ibres Gewicbtes oder Umfangs oder wegen 
sonstiger unbequemer Eigenscbaften nicbt auf langere Strecken mit- 
nebmcn will. 

Tbeoretisch lafst sicb wobl die ganze Bedarfsversorgung einer Stadt 
von einem einzigen riesigen Warenbause aus denken. Praktisch wird es 
aus den angegebenen Griinden nicbt dazu kommen. — 

Bei den vorbergebenden Betracbtungen ist stillscbweigend eine 
wicbtige Unterscbeidung vorausgesetzt: Es war die Rede von demjenigen 
Teil de« Handels, welcber unmittelbar an die eigentlicben letzten Kon- 
sumenten berantritt, und von einem anderen Teil des Handels, welcber 
sicli nicbt an diese letzten Konsumenten, sondem an die Abnebmer grofser 
Mengen wendet 

Diese Unterscbeidung, wichtig — wie gezeigt — fiir die Grenzen 
der Berufsgliederung im Handel, ist selbst eine sebr bedeutsame Aufserung 
der Arbeitsteilung. Das Ziel alles Ilandels ist nacb dem in § 1 ausge- 
fiibrten die Uberwindung der personlieben, riiumlichen und zeitliehen 
Trennung des Konsumenten vom Produzenten. Wer ist KonsumentV Im 



1. Kapitel. Begriff und Glicderung des Handels. 11 

weiteren Sinne rechnet man jeden Abnehmer von Waren dazu. Aber es ist 
gut, den Begriff etwas scharfer zu fassen. Der Muller, der Getreide einkauft, 
der Nadclfabrikant, der Draht beziebt, der Scbubniacber, der Leder, der 
Tucbfabrikant, der Wolle ankauft, vcrwendet das Eingekaufte nicbt un- 
mittelbar zur Deekung seiner eigenen Bedilrfnisse, sondern er benutzt es 
als Gegenstand weiterer Verarbcitung, und erst die durch diese Verar- 
beitung erzeugten Giiter sind zur unmittelbaren Bedarfsbefriedigung ge- 
eignet, zuni Teil sogar erst nach weitergehender Verarbeitung durch 
zweite, dritte und vierte Hand. Auch der Wollbiindler, der Garnhandler 
oder Eisenhandler, der Wolle, Gam oder Eisen zu dem Zvvecke beziebt, 
J'abrikanten das Rohniaterial zu liefern, ist zwar Abnehmer, aber nicht 
selbst Konsument. Der Handel will nun an sich in letzter Linie an den 
herantreten, der unmittelbar seine Bedilrfnisse mit den vom Handel her- 
angeschafften Giitern befriedigen will. Aber der Weg vom Produzenten 
zuni letzten Konsumenten ist oft so weit, dafs das Ziel nicht sofort er- 
reicht werden kann. Es ist in vielen Fallen ganz unvermeidlich, dafs 
dieser Weg in mehreren Absatzen zurilckgelegt wird, und darin liegt ein 
wichtiger Anlafs zur Gliederung der Arbeit des Handels. Wenn ich in 
Aachen Kaffee konsumieren will, kann ich mich nicht an den Kaffee- 
pflanzer in Brasilien wenden. Ich mufs meine Zuflucht zu dem Kauf- 
mann nehmen, der den Kaffee in Aachen fiir die Bedilrfnisse der einzelnen 
eigentlichen Konsumenten bereit halt Aber auch dieser kann den Kaffee 
nicht in Brasilien unmittelbar vom Pflanzer beziehen. Er wendet sich 
an den Handler in Antwerpen oder Havre oder Hamburg u. s. w,, der 
in grofsen Massen den Kaffee aus den Produktionsbezirken zusammen- 
kauft, der nun aber deshalb auch nicht in der Lage ist, den einzelnen 
Konsumenten die gewiinschten kleinen Mengen abzugeben. Er ist ange- 
wiesen darauf, grofse Mengen abzusetzen, und er findet die Abnehmer 
grofser Mengen in denjenigen Kaufleuten, vvelche den einzelnen Kon- 
sumenten naher stehen, als er selbst Seine Thiitigkeit ist „Handel'' im 
engeren Sinne des Wortes oder „Kauf mannshandel'' , denn er bietet 
Giiter feil, die er nicht selbst erzeugt hat, aber er treibt Handel nicht mit 
den Konsumenten, sondern mit Kaufleuten. 

Ein anderer Teil des Kaufmannshandels suclit weder die Kaufleute 
noch die eigentlichen Konsumenten, sondern die Verarbeiter von Roh- 
und Hilfsstoffen, die Produzenten, als Abnehmer auf. Er versorgt die 
Tuchfabrikanten mit Wolle, die Leinenfabrikanten mit Flachs, die Baum- 
wollwebereien und Spinnereien mit Baumvvolle, die Nadelfabriken mit 
Draht u. s. w. 

Geraeinsam ist diesen verschiedenen Stufen des Kaufmannshandels, 
dafs sie Giiter feilbieten, die sie nicht selbst erzeugt, sondern von 
Produzenten eingekauft haben, nicht in der Absicht, sie fur ihre eigene 
Bedarfsbefriedigung zu verwenden, sondern in der Absicht, sie bei 



12 Eretcr Toil. Dor Haudel. 

bestimniten Abnehmerkreisen wieder zu verkaufen. Verschieden aber 
sind die Abnehnierkreise, an die sich diese einzelneu Stufen wendeii. 
Die Einen suchen Produzenten, die Anderen suchen Kaufleute, die 
Dritten suchen eigentliche Konsunienten als Abnehmer zu gewinnen. 
Die beiden ersteren Stufen reichen also an den eigentlichen Konsu- 
nienten nicht heran, sie erleichtern es nur anderen, bis zu dieseni vor- 
zudringen. 

Es ist iiblieb geworden, den Handel mit Produzenten und mit Kauf- 
leuten als „GrofshandeP (in Frankreich „conimerce en gros^) und den 
Handel mit den eigentlichen Konsumenten als „Kleinhander (in Frank- 
reich ^commerce en d6taiP) zu bezeicbnen, und dauiit treffen wir auf 
den Ausdnick fiir eine Arbeitsteilung, die sich schon friih entwickelt und 
in England und Frankreich auch zu einer unterschiedlichen Bezeichnung 
der beteiligten Unternehmer gefiihrt hat Die Trager des Grofshandels 
sind in England die ^merchants'', in Frankreich die „marchands grossiers**, 
die Trager des Kleinhandels die „shopkeepers" bezw. „marchands en 
d6tail''. In Deutschland ist der Sprachgebrauch nicht so scharf. Das 
Wort ,,Kaufmann'' gilt bei uns fiir die Trager aller drei Stufen des Han- 
dels und vvird, wie wir schon gesehen haben, auch iiber den Kreis des 
Handels im engeren Sinne hinaus angewendet Friiher druckten die Be- 
zeichnungen „Kaufniann^ und ^Kramer^ den Unterschied aus. Heute 
ist der Ausdruck „Kraraer'' nur noch in einzelnen Gebieten iiblich; in 
den raeisten Gebieten vemieidet man ihn, weil sich damit einc — sachlich 
ganz unberechtigte — iible Nebenbedeutung verbindet. 

Die Ausdriicke „Grofshandel" und ^Kleinhandel'' konnen leieht zu 
Mifsverstandnisse fiihren. Sie sollen nicht Grofsbetrieb und Kleinbetrieb 
bezeichnen. In vielen Fallen ist zvvar der Grofshandel auch zugleich 
Grofsbetrieb, der Kleinhandel zugleich Kleinbetrieb, aber durchaus nicht 
in alien. Es giebt viele Kleinhandler, deren Gesamtumsiitze hinter denen 
der Grofshandler nicht zuriickbleiben auch abgesehen von den Waren- 
hausern. Letztere selbst haben durchaus den Charakter des Grofsbetriebes 
und sind doch zura Kleinhandel zu rechnen. Das charakteristische Merk- 
mal fiir die Unterscheidung „ Grofshandel '^ und „ Kleinhandel'' liegt eben 
ttberhaupt nicht in der Grofse des Betriebes, sondem in der grofseren 
Oder geringeren Entfemung vom eigentlichen Konsumenten. Die Be- 
zeichnungen erklaren sich am einfachsten dadurch, dafs der Handel mit 
den eigentlichen Konsumenten die Zerlegung in zahlreiche kleine Mengen 
erfordert, wahrend der Handel mit Kaufleuten und Produzenten seine Ein- 
kaufsmenge in eine geringere Zahl grofser Posten zerlegt Die einzelnen 
Abnehmer beziehen in der Kegel bei jenem kleine, bei diesem grofse Mengen. 
Die Grenze zwischen grofsen und kleinen Mengen ist nun aber nicht 
scharf zu ziehen, und wer nach dem Umfang der einzelnen Absatzmengen 
die Handelsuntemehmungen auf (ivoh- und Kleinhandel verteilen wollte. 



1. Kapitel. Begriff mid Glicderuug des Handels. 13 

wiirde bald in die En^e kommen. Dagegen wird die Untersclieidung in 
den meisten Fallen sofort moglich, wenn man die Frage aufwirft, ob 
der Kaufmann an andere Kaufleute oder an Produzenten verkaiifen will, 
oder ob er sich an die einzelnen Konsunienten wendct Nur bei einem 
Teil der Betriebe ist auch niit dieseni Kriteriuni eine scharfe Sonderung 
nicht moglich, da sie sowohl dem Verkehr niit den Konsumenten, als 
auch dem Verkehr mit Produzenten und Kaufleuten dienen. 

Der Handel mit Kaufleuten und Produzenten, also der ^Grofshandel'', 
zeigt wichtige Abweichungen ge^eniiber dem Handel mit Konsumenten, 
also gegeniiber dem ,,Kleinhandel". Schon oben war gesagt, dafs beide 
in verschiedenem Mafse einer beruflichen Gliederung Raum geben. 
GcsTAV CoHN (Nationalokonomie des Handels und des Verkehrswesens, 
Stuttgart 1898, S. 222) hebt einen andern wesentlichen Unterschied hervor. 
Grofshandel, sagt. Cohx, ist ,,der Handel unter Fachmannern'' , Klein- 
handel — Cohn zieht die Bezeichnung Detailhandel vor — ist Handel 
^vonFachmannern (oder denen, die es sein soUten) mit Nichtfachmannern". 
Es fragt sich, was hier unter Fachmannem verstanden wird. Sind unter 
Fachmannern nur Kaufleute zu verstehen, so trifft die Bezeichnung 
„Handel unter Fachmannern'^ nur fiir den Teil des Grofshandels zu, der 
Kaufleute als Abnehmer sucht, aber nicht fiir den Teil, der Produzenten 
aJs Abnehmer gewinnen will. Man kann aber auch die letzteren als 
Fachmanner fiir die betr. Artikel bczeichnen und in diesem Sinne den 
Ausdruck „ Handel unter Fachmannern '' gelten laasen und den Fach- 
mannem dann die eigenlichen Konsumenten als Nichtfachmanner gegen- 
iiberstellen. Das Wesentliche ist dabei, dafs die Abnehmer im Grofs- 
handel in der Kegel geschiiftsgewohnte und geschaftsgewandte, zur Be- 
urteilung der Marktlage fahige Personen, im Kleinhandel in der Kegel 
Pers(men sind, die ein Urteil iiber die Marktlage nicht haben. Dieser 
Unterschied bedingt ein verschiedenes Vorgehen der Kaufleute und ein 
verschiedenes Verhalten der Abnehmer. Manche Eigentiimlichkeit des 
Kleinhandels erklart sich mit aus dieser Thatsache, namentlich die weit- 
gehende Unterwerfung der Abnehmer unter die Preisforderung des 
Kaufmanns, die verhtiltnismafsig grofse Stabilitiit der Preise, die lang- 
sarae Anpassung an die Verschiebungen der Grofsmarktverhaltnisse, die 
grofse Bedeutung, die das personliche Vertrauen der Abnehmer zu be- 
stimmten Kaufleuten gewinnt, aber auch die mitunter mifsbriiuchliche 
Ausnutzung des Kredits zur fcsteren Bindung der Abnehmer an bestimrate 
Kaufleute und dergl. niehr. Die rein wirtschaftlichen Erwagungen 
kommen jedenfalls im Grofshandel mehr und scharfer zum Ausdruck als 
im Kleinhandel. 

Noch ein anderer wesentlicher Unterschied mufs hervorgehoben 
werden. Der Kleinhandel ist bei der Wahl seines Standorts. bei der 
Auswahl seiner Artikel, bei der Ausgestaltnng seiner Verkaufsraume und 



14 Erster TcU. Der Handel. 

Verkaufspreise abhan^g von ortliclicn Verlialtnissen und Gewohnbeiten. 
Der Grorsbandel dagegen kann sich in alF diesen l^eziebungen freicr be- 
wegen. Insbesondere bat er sicb bei der Wabl seines Standortes nicbt — 
wie der Kleinliandel - nacb den ortlicben Absatzverlijiltnissen zu riebten. 
Er sucbt nicbt diejenigen Punkte als Gescbiiftssitz auf, an dcnen er den 
meisten Absatz erwarten kann, sondern diejenigen, von denen aus er 
seine Beziigc und Versendungen am besten dirigieren kann. Denn bei 
den beutigen Verkebrsniitteln ist er fiir die Bestellungen aus alien niog- 
licben Gebieten leiebt erreiebbar und kann an seine Absatzorte ebenfalls 
leicbt herankoninien. Vielfach bevorzugt der Grofsbandel die grofsen 
Hafenplatze als Gescbaftssitz, weil er bier am leicbtesten die ganze 
Marktlage iiberseben und die erforderlieben Warenbeziige regein kann. 
Aber aucb mitten im Hinnenlande siedeln sicb Grofsbandelsunterneb- 
mungen an, weil bier viele Faden in ibrer Hand zusammenlaufen. 

Sebr verscbieden ist aucb die Stellung von Grofs- und Kleinliandel 
in Bezug auf die Notwendigkeit des Lagerbaltens. Der Kleinbandel 
mufs normalerweise den Wiinscben der Abnebmer sofort mit ent- 
sprecbenden Lieferungen dienen k()nnen; er mufs also immer ein ent- 
sprecbendes Lager der von ibm gefiibrten Waren im Verkaufsgebaude 
selbst oder in dessen Nabe bereit baltcn. Der Grofsbandel ist beute auf 
eigenes Ijagerbalten viel weniger angevviesen und kann oft ganz darauf 
verzicbten und sicb mit dem Hereitbalten von Proben begnugen. Seine 
Warenvorriitc liegen oft entweder in I^igerbauseni und zollfreien Nieder- 
lagen oder scbwimmen auf der See oder rollen auf der Balm und konnen 
docb von ibm leicbt nacb den Bedarfspunkten jc nach den abgescblossenen 
Verkaufen dirigiert werden. 

Die Statistik gestattet uns nicbt, genaue zablenmafsige Aufseblusse 
liber die Verbeitung des Grofs- und Kleinbandels zu geben, da die Unter- 
scbeidung nacb dem mafsgebenden Kennzeicben nicbt durcbgefiibrt ist 
Aucb die deutscbe Berufs- und Gevverbezablung vom 14. Juni 1895 bat 
darauf verzicbtet — 

Uber Grofs- und Kleinbandel bin treffen wir nun eine reicbbaltige 
Gliedenmg nacb der Art der vom Handel vertriebenen Gegenstande, von 
denen allerdings einige wicbtige Rob- und Hilfsstoffe ausscbliefslicb oder 
docb zum gnifsten Teil in der Hand des Grofsbandels liegen. Der 
Handel mit rober Wolle, rober Seide, robem Flachs, rober Baumwolle, 
robem Tabak u. dergl. erscbeint durcbweg als Grofsbandel, der Handel 
mit Getreide und Mebl vollziebt sicb zu einem sebr grofsen Teil als 
Grofsbandel u. s. w. Aber im ubrigen treten die einzelnen Handelsgegen- 
stiinde sowobl im Grofs- als aucb im Kleinbandel auf. Welcben Umfang 
die beruflicbe Gliederung nacb der Art der Handelsgegenstiinde ange- 
nommen bat, ergiebt sicb daraus, dafs die deutscbe (lewerbestatistik vom 
14. Juni 1S95 in die 8 Haui)tgruppen, in die sic den Handel und seine 



1. Kapitel. Begriff und Gliederung dcs Ilandcls. 15 

Hilfsgewerbe scheidet, niclit weni^er 1498 gesonderte Arten des Ilandels 
eingeri'iht hat, von denen der grofste Teil nacli der Art der Handels- 
gegenstande unterscliieden ist 

Als Hauptgruppen fiilirt die Statistik voni 14. Juni 1895 auf: 

1. Warenhandel, 

2. Geld- und Kredithandel, 

3. Spedition und Koniniission, 

4. Hucli-, Kunst- und Musikalienhandel, 

5. Zeitungsverlag und -Spedition, 
(). Hausieriiandel, 

7. Ilandelsvermittlung, 

8. Hilfsgewerbe des Ilandels, 

9. Versteigerung, Vorleihung, Aufbewabrung, Stellen- und Annoneen- 
verniittlung, Auskunfsbiireaus. 

Von diesen Hauptgruppen erscbeinen die Gruppen 3, 7, S und 9 als 
Hilfsgewerbe und konnen bier, wo es sicb um den Handel selbst drebt, 
bei Seite gelassen werden. Die Gruppe 6 (Hausieriiandel) fafst Betriebe 
zusanimen, die nicbt durch die Art ibrer Waren, sondern durcb die Art 
ibres lietriebes cbarakterisiert sind. 

Fiir die Untersucbung nacb der Art der Handelsgegenstiinde bleiben 
desbalh 3 Hauptgrui)pen iibrig, nanilieb der 

Warenbandel, 

Bucbbandel, dem sicb Zeitungsverlag und -Spedition angliedern, 

Geld- und Kreditbandel 

Diese Gruppeneinteilung trifft nicbt zusammen mit der in den I^ebr- 
bucbem iiblicben. 

Lexis z. B. fubrt ini Scbonbergscben Handbucb der Politiscben 
Okonomie den Warenbandel, den Inimobilienbandel und den Handel in 
Wertpapieren (Effekten), Cohn (a. 0.) aufserdem nocb den Bucbbandel 
als 4. Gruppe an. 

Der Inimobilienbandel vvird allerdings dabci von G. Cohn als eine 
^Abart'' des Handels bezeicbnet, und Lexis nennt ibn „einen in der 
neueren Zeit bier und da auftaucbenden Gescbiiftszweig^'. In der Be- 
volkerung bat sicb der Ausdruck ^Inimobilienbandel^ nicbt festgesetzt, 
und das seitberige deutscbe Handelsgesetzbucb scblofs in Art. 275 die 
Gescbiifte in Immobilien ausdrlicklicb von den Handelsgescbaften aus. 
Das neue deutscbe Handelsgesetzbucb entbalt zvvar eine solcbe Be- 
stimmung nicbt mebr, aber es ist trotzdem gewagt, von einem ,,Immo- 
bilienbandeP zu sprecben. Die Ortsveninderung der Guter von den 
Produktionsstjitten zu den Konsumtionsstatten, wie sie beini Handel stntt- 
findet, ist beim Verkebr mit Grundstueken und Gebauden durcb die 
Natur der Sacbe ausgescblossen, eine Aufspeicberung von Vorriiten findet 
ebenfalls nicbt stiitt. Da der Grund und Boden eine ini vvesentlicben 



16 P:rster Teil. Dor Handel. 

imveranderliclie Grofse ist, so erfolgt auch eine Anpassuug vou Vorraten 
an den Bedarf nicht, Hier treten mithin so wichtige Unterschiede gegen- 
iiber dem, was wir sonst beim Handel findcn, zu Tage, dafs man m. E. 
zwar von einem Imniobilienverkehr, von Gnindstiicks- und Hauseragenten 
and -Maklern, von Iraniobilienspeknlation, aber nicht von einem Immo- 
bilienhandel sprechen kann, ohne dem Worte Handel eine ungewohnliche 
Bedeutung beizulegen. Die mit Grundstiicken benifsmafsig vorge- 
nomnienen Geschafte mogen rechtlich als Handelsgeschafte behandelt 
werden, uni gewisse Vorschriften des Handelsreclits auf sie ausdehnen 
zu konnen, ein „ Handel^ im volkswirtschaftlichen Sinne liegt aber nicht vor. 

Deshalb kann der ^Iramobilienhandel" hier bei Seite gelassen werden. 
Wir beschranken dadnreh den Handel auf bewegliche Gegenstande. 

Damit wird aber aueh der in der deutschen Gewerbestatistik ange- 
wandte Ausdruck ^Kredithander abgelehnt. Der Kredit liefert zwar 
bewegliche Gegenstande, die den Gcgenstand des Handels bilden konnen, 
aber der Kredit selbst gehdrt nicht zu den beweglichen Gegenstanden und 
kann deshalb nicht Gegenstand des Handels sein. 

Die beweglichen Gegenstande, die der Kredit als mogliche Objekte 
des Handels liefert, sind die Wertpapiere, sowohl die Wechsel und ahn- 
liche ihrer Natur nach kurzfristige Papiere, als auch die zu dauernder 
oder voriibergehender Kapitalanlage bestimmten Effekten, wie Aktien, Obli- 
gationen u. s. w. Den Wertpapierhandel miissen wir also als selbstandige 
Gnippe des Handels festhalten, sogar als eine Gruppe, in der ein sehr 
ausgedehnter Verkehr stattfindet. Auch gemiinzte Geldzeichen konnen 
Gegenstand des Handels sein, wenngleich sich der innere Handel eines 
Landes nicht auf die Munzcn dieses I^ndes erstreckt, sondern auf aus- 
landische Geldzeichen. Der Geldhandel ist jedenfalls als eine besondere 
Art des Handels anzufiihren. Die Trager des Geldhandels sind heut vor- 
zugsweise die Banken, die beim Kreditwesen zu erortem sind. Auch der 
Effektenhandel liegt zum grofsen Teil in der Hand der Banken und ist 
insoweit mit dem Geldhandel zusammenzufassen. 

Dem Buch- und Musikalienhandel wird in der Kegel eine besondere 
Stellung angewiesen, weil der Betrieb des Buchhandels wichtige Ab- 
weichungen zeigt, wie wir noch sehen werden. 

Der Handel mit anderen beweglichen Sachgutern als mit Biichem, 
Musikalien, Wertpapieren und Geld, wird unter dem Namen Waren- 
handel zusanmiengefafst. Da, wo Sklaven ein Gegenstand des Handels- 
verkehrs sind, wird man den Sklavenhandel als eine Unterart des Waren- 
handels betrachten miissen, da dort die Sklaven volkswirtschaftlich den 
beweglichen Sachgutern zuzurechnen sind. 

Im Warenhandel, der uns als Hauptgruppe des Handels entgegentritt, 
hat die berufliche Gliederung nach der Art der Waren einen grofsen 
Umfang angunommen. 



1. Kapitel. Be^ff und Gliedemng des Handels.! 17 

Die deutsche Gewerbezahlung vom 14. Juni 1895 fuhrt 15 Gruppen 
des Warenhandels auf, in die nicht weniger als 1015 verschiedene Handels- 
iweige eiogereiht sind. Die Gruppen sind folgende: 

Eingereiht sind 
Handelszweige 

1. Handel mit Tieren 37 

2. • « landwirtscliaftlichen und verwandten Produkten 136 

3. - ^ Brennmaterialien 21 

4. - , Baumaterialien 43 

5. « - Metallen und Metallwaren 57 

6. ^ ^ Maschinen und Apparaten 8 

7. « „ Droguen, Ghemikalien und Farbwai'en ... 40 

S. ,. - Kolonial-, Efs- und IVinkwaren 119 

9. .. .. Wein und Spirituosen 11 

10. « - Tabak und Cigarren 8 

11. - ^ Leder, WoUe und Baumwolle 8 

12. . . Manufaktur-(Schmtt-)Waren 136 

13. .. ^ Kurz- und Galanteriewaren 58 

14. ^ „ verschiedenen und sonstigen Waren . . . . 309 

15. Trddelhandel 24 

Unter Trodelliandel (Althandel) ist zu verstehen der Handel mit 
gebrauchten Sachen. Dabei wird aber der Handel mit gebrauchten 
Biichem als besondere Gruppe des Buchhandels („Antiquariatsbuch- 
handel") ausgeschieden. Um spater nicht auf den Trodelhandel zuriick- 
kommen zu mussen, seien hier gleich noch einige Bemerkungen dariiber 
angefugt Im allgemeinen nimmt der Trodelhandel in technischer und 
sozialer Beziehung eine sehr niedrige Stellung ein. Auch in moralischer 
Beziehnng hat er vielfach Bedenken erregt Er kann namentlich leicht 
den Zwecken der Hehlerei dienstbar gemacht werden. 

Die Gesetzgebung hat sich deshalb auch bemiiht, unsichere Elemente 
von dem Trodelhandel fem zu halten. Diesera Zwecke dient die Kon- 
zessionspflichtigkeit, die polizeiliche Regelung und Beaufsichtigung, die Re- 
gistrierung, die Moglichkeit derUntersagung des Betriebes unter bestimmten 
Voraussetzungen u. dergl. melir. In Deutschland war nach der Gewerbe- 
ordnung von 1869 der Trodelhandel im allgemeinen freigegeben, konnte 
aber demjenigen untersagt werden, der wegen eines aus Gewinnsucht 
begangenen Verbrechens oder Vergehens gegen das Eigentum bestraft 
war. Die Novelle zur Gewerbeordnung von 1883 hielt diese Schutz- 
vorschrift nicht fur geniigend und ordnete deshalb wirksamere Siclierheits- 
mafsregeln an. Der Trodelhandel kann hiemach untersagt werden, wenn 
Thatsachen vorliegen, welche die Unzuverlassigkeit des Gewerbetreibenden 
in Bezug auf diesen Gewerbebetrieb darthun. Derselben Beschrankung 
unterliegt der Handel mit Gamabfallen oder Draumen (Enden; von Seide, 
WoUe, Baumwolle oder Leinen. Aufserdem konnen die Landescentral- 
behorden Vorschriften liber die Buchfuhrung und fiber polizeiliche Kon- 
trolierung des Umfangs und der Art des Geschaftsbetriebes dieser Ge- 

YAK DCS BoHOHT, Handel. 2 



18 Erster Teil. Der Handel. 

werbetreibenden erlassen. Trotzdeiii davon u. a. in Preufsen Gebrauch 
genmcht ist, sehen sich doch z. B. in den Textilbezirken die Fabrikanten 
und ihre Vereine zu weiteren privaten Mafsnabmen gegen die Hehlerei 
in derartigen Geschaftsbetrieben veraniafst; namentiich die Vereine gegen 
Fabrikdiebstahl haben sicb in dieser Richtung bemuht 

Auch in hygienischer Beziehung ist der Gescbaftsbetrieb des TrOdel- 
handels nicht ohne Bedenken. Krankheiten konnen durch die alten 
Geratschaften und Kleidungsstiicke leicht ubertragen werden, umsoraehr 
als die Abnehmer dieser Dinge zu den Armen und Annsten gehoren, d. b. 
zu deuen, bei welcben am wenigsten auf bygieniscbe Vorsiebtsniafsregeln 
zu reebnen ist. Immerhin kann man den Trodelbandel nicht allgemein unter- 
driicken, da er doch den Bediirfnissen eines Teiles der Bevolkerung dient. 

Bin Bruchteil des Trodelhandels gewinnt uberdies in jeder Beziehung 
eine hohere Stellung, w.eil seine Waren einen Kunst- und Liebhaberwert 
haben. Das ist der Handel mit Raritaten, mit alten Kunstgegenstiinden 
u. dergl., und bier kommt denn auch eine viel holier stehende Bevolkerungs- 
schicht als Abnehmerkreis in Frage, als bei dem gewohnlichen Trodelbandel. 

Eine andere Gliederung des Handels stiitzt sich auf die Art der 
Preisfestsetzung. Normalerweise werden Artikel von verschiedenem 
Wert in demselben kaufmannischen Geschaft auch mit verschiedenen 
Preisen bedacht. Es haben sich aber neuerdings Ge^chafte entwickelt, 
welche fiir alle Waren oder fur eine grofse Gnippe verschiedener Waren 
denselben Einheitspreis verlangen. Dahin gehoren die 50 Pfg.- (oder 
1 M.- oder 3 M.- u. s. w.) Bazare. Sie sind dem Kleinhandel zuzurechnen 
und haben sich nur in grofseren Platzen angesiedelt, da sie nur dort 
lebensfahig sind. Fiir die Kauflustigen und fiir den Kaufmann liegt in 
solchen Einrichtungen eine gewisse Bequemlichkeit, da die Preisverein- 
barung im einzelnen Fall erspart wird. Indes kann man darin einen be- 
sonderen wirtschaftlichen Fortschritt nicht erblicken. Vielfach sind solche 
Geschafte dazu bestimmt, Waren an den Mann zu bringen, die im regel- 
malsigen Verlauf der Dinge auf Absatz nicht wiirden rcchnen konnen. 

Auch nach der Art der Zahlungsmittel und Zahlungsbedingungen 
haben sich besondere Gnippen des Handels gebildet, die sich von dem 
normalen Typus des Handelsverkehrs abheben. In weniger entwickelten 
Kulturstufen gab und giebt es noch einen Handel, der sich in den naiven, 
schwerfalligen und zeitraubenden Formen des wirklichen Natural tausches 
vollzieht In den Kulturstaaten ist ein solcher Tauschhandel nicht 
mehr vorhanden. Hier vollzieht sich fast ausnahmslos der Verkehr 
durch Vermittlung des Geldes unter sofortiger Barzahlung oder 
unter Bcnutzung des Kredites durch spatere Barzahlung oder andere 
Mittel der Zahlungsausgleichung. Der Kredit, dessen Bedeutung fiir den 
Handel spater noch genaucr zu erortern ist, hat in den Abzahlungs- 
geschaften eine besondere Art des Handels entwickelt, bei der die Be- 



1. Kapitel. Bcgriff und Gliedernng des Haiulels. 19 

nutzung des Kredites und die ratenweise Abtragung des Kaufpreises als 
charakteristisches Merkmal des regelmafsigen Gescliaftsbetriebes erscheint. 

Eine fernere Unterscheidung beruht aiif der grofseren oder geringeren 
Unterbrechungslosigkeit des Betriebes. Die zeitliehe Begrenzung gewisser 
periodisch wiederkehrender Bediirfnisse erfordert eine besondere Beruck- 
sichtigung seitens der Kaufleute. Ein erhebiicher Teil dieser Bediirfnisse 
wird von den standig arbeitenden Gescbaften befriedigt, die rechtzeitig 
vor Eintreten des betr. Bedarfs die notigen Waren heranschaffen. Aber es 
giebt auch eine — freilicb eng begrenzte — Uuterart des Ilandels, die sich 
auf die Befriedigung solcher periodisch wiederkebrenden, aber nur kurze 
Zeit zu Tage tretenden Bediirfnisse bescbrjinkt, also keinen standigen 
Charakter bat. In Deutscbiand darf man dabin ii. a. in manclien Be- 
zirken, namentlich auch in iind uiu Berlin, den Handel mit Pfingstmaien, 
weiterhin auch den Handel niit natiirlicben oder kiinstlichen Christbaumen 
rechnen; er wird in der Zeit vor Pfingsten bezw. Weihnachten von Per- 
souen aufgegriffen, die sonst ibre Thatigkeit nicht dem Handel widmen. 

Auch die Art und Weise, wie die Beziehungen zu den Abnehniem 
hergestellt werden, bedingt eine gewisse Gliederung des Handels. Der 
Kaufmann kann entweder in seinem standigen Geschaftslokal die Ab- 
nehmer erwarten, oder er kann mit seinen Warenvorraten die Abnehraer, 
oder genauer gesagt, die Personen, bei denen er auf Absatz rechnet, auf- 
suchen. Im ersteren Fall liegt sefshafter Handel vor, im zweiten nicht 
sefshafter Handel oder Wanderhandel. Zwischen beiden steht der Hoker- 
handel, der seine Waren (namentlich gewohnliche Lebensmittel) von einem 
offenen Stand auf der Strafse aus verkauft und dadurch den Abnehmern 
naher riickt, aber im iibrigen doch das Eintreffen der Abnehmer erwartet. 

Der sefshafte Handel ist heute in den Kulturstaaten die iibliche 
Form. Der Wanderhandel spielt nur noch eine beschrankte Rolle. Nur 
in Gegenden und Landern mit unentwickeltem Verkehr ist er auch heute 
noch von grofser Bedeutung, wie sie ihm in friiheren Entwicklungs- 
stufen iiberhaupt zukam. Der Wanderhandel erschien und erscheint 
zunachst als Hausierhandel. Der Handler tragt hierbei seine Waren 
von Haus zu Haus, von Ort zu Ort. Mitunter nennt er auch einen Wagen 
und vielleicht ein Zugtier (einen Hund, einen Esel, ein Pferd) sein eigen, 
sodaXs er dann grofsere Warenvorrate mit sich fiihren kann. In grofserem 
Stile erscheint der Wanderhandel in den Wanderlagem, d. h. in den Be- 
trieben, die sich voriibergehend in einem Geschaftslokale niederlassen, 
um ibre Warenvorrate feilzubieten und immer nach einiger Zeit zu dem- 
selben Zwecke und in derselben Weise andere Orte aufsuchen. Auch der 
StraTsenhandel und der Markt- und Mefshandel ist dem Wanderhandel 
im weiteren Sinne von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus zuzuweisen. 

Die Formen des Wanderhandels sind mit den vorstehend genannten 
Hauptarten erschopft, soweit es sich um die Staaten europaischer Kultur 



20 Erster Toil. Der Handel. 

dreht. In friiheren Zeiten nahm der Wanderhandel infolge der unent- 
wickelten Verkehrs- und Sicherheitsverhaltnisse noch andere Formen an, 
die in weniger civilisierten Gebieten auch heute noch vorkommen. Zu 
Lande vollzog sich der Karawanenhandel , zur See der Convoihandel 
(Schiffskarawane), beide durchgefuhrt von einer grofsen Zahl von Kauf- 
leuten, die sich zu gegenseitigem Schutz zusammenschlossen. Als standige 
Stiitzpunkte des Handels in fremden Landen dienten die Faktoreien, die 
in der Geschichte des mittelalterlichen Handels der Italiener und Han- 
seaten eine so grofse Rolie spielten. 

Die zuletzt erwahnten Arten, der Karawanenhandel und der Convoi- 
handel, bedeuten zugleich eine Unterscheidung nach der Art der zur Waren- 
bewegung benutzten Transportwege. Auch heute griinden wir darauf 
noch die Gliederung in Land- und Seehandel, wenn auch ihre Forraen 
sich Dank den moderaen Verkehrsmitteln wesentlich umgestaltet haben. 

Die raumlichen Gebiete, die der Handel bearbeitet, geben uns eben- 
faJls wichtige Unterscheidungen an die Hand. Wir haben da zunachst 
den Binnenhandel, der die Grenzen des eigenen Landes nicht iiber- 
schreitet und, wenn er sich in engsten Gebieten bewegt, als Lokalhandel 
bezeichnet werden kann. Ihm steht gegenuber der auswartige oder 
internationale Handel, der dem Handelsverkehr zwischen den verschie- 
denen Landem dient. Dieser internationale Handel erscheint als Grofs- 
handel und kann verschiedenen Zwecken gewidmet sein. Wirft er sich 
darauf, die Erzeugnisse des eigenen Landes dem Auslande zuzufiihren, 
80 sprechen wir von Ausfuhr- (Export-) Handel. WiU er umgekehrt 
die Erzeugnisse des Auslandes dem Binnenlande zufiihren, so haben wir 
Einfuhr- (Import-) Handel. Verfolgt endlich der internationale Handel 
den Zweck, auslandische Erzeugnisse dem Auslande zuzufiihren, so redet 
man von internationalem Zwischenhandel.0 Er wird auch wohl Durch- 
fuhr- (Transit-) Handel genannt, wenn er die Waren durch das eigene 
Land hindurchfuhrt, ohne sie in dessen Verbrauch eintreten zu lassen. 

Die letztgenannten Ausdriieke werden zum Teil auch fitr den Handel 
im weiteren Sinnc gebraucht. 

Das Wort „ Welthandel" , das hier nur der Vollstandigkeit halber 
erwahnt wird, gcbrauchen wir ausschliefslieh in diesem weiteren Sinne 
und bezeichnen damit den gesamten internationaJen Giiteraustausch. 
Beim Welthandel findet sich die Unterscheidung in Aktivhandel und 
Passivhandel, je nachdem ein Volk seinen intemationalen Giiteraustausch 
durch eigene Kaufleute oder durch fremde besorgen lafst. Aktivhandel 
war s. Zt. der Handel der Hanseaten, da die ostlichen, nordischen und 
nordwestlichen Teile Europas ihnen die Ankniipfung und Pflege der 
Handelsbeziehungen mit dem Auslande iiberliefsen, sich also „passiv" 
verhielten. Aktivhandel trieben auch die Phonizier in ihrer Bliitezeit, 

1) 111! IS. Jahrh. war der Name Okonomiehandel, coramei-ce d'economie, iibJich. 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handcls. 21 

wahrend die Griechen danials Passivhandel batten. Ileute haben noch 
China und andere ostasiatische Gebiete im wesentlichen Passivhandel. 

Endlich verdient noch erwahnt zu werden der „SpekuiationsbandeP. 
Man bezeiehnet damit denjenigen Teil des Handels, der niciit in erster 
Linie der ortlichen, sondern der zeitlichen Verteilung und Dirigierung 
der Warenvorrate behufs Deckung kiinftigen Bedarfs dient. 

Die vorsichtige Fassung der eben gegebenen Be^riffsbestimniung 
deutet schon an, dafs diese Ausscheidung des Spekulationshandels 
Schwierigkeiten bereitet. Es giebt keinen Spekulationshandel, der nicht 
auch gleichzeitig der Ausgleicbung der ortlichen Unterschiede zwischen Be- 
darf und Angebot dient oder doch dienen kann, und es giebt anderseits 
iiberhaupt keinen Handel, der nicht gleichzeitig auch auf die Deckung 
kiinftigen, noch nicht feststehenden Bedarfs gerichtet ist. Ein gewisses 
spekulatives Element ist deni Handel iiberhaupt eigen, und im Grunde ge- 
nommen ist jeder Handel Spekulationshandel. Immerhin ist anzuerkennen, 
dafs in bestimmten, spater noch naher zu besprechenden Fonnen des Han- 
dels das spekulative Element starker hervortritt und eine ganz besondere 
Bedeutung erlangt, und in diesem Sinne kann man die Bezeichnung 
^Spekulationshandel" ftir eine besondere Art des Handels annehmen. 



2. Eapltel. Die TolkswirtschaftUche Bedeutung des Handels. 

§ 1. AUgemeine Erwagangen. Der oberflachlichen Bctrachtung der 
Dinge geniigt es, wenn irgend eine Thatigkeit als Erwerbsquelle dem 
Menschen dienen kann und dient, um ihr eine volkswirtschaftliche Be- 
deutung beizumessen. Diese Voraussetzung ist beim Handel ohne Zweifel 
erfullL In welchem Umfange der Handel als Erwerbsquelle dient, lehrt 
uns die Berufs- und Gewerbestatistik ; mit welchem Erfolge er als Er- 
werbsquelle verwertet wird, sollte uns die Steuerstatistik zeigen. 

Die Steuerstatistik lafst uns indes dabei im Stich, da sie den Handel 
als Quelle d^ Einkommens und des Vermogenserwerbes nicht deutlich 
genug ausscheidet Die englische Property and Income Tax gliedert die 
Einkiinfte aus dem Handel in Schedula D ein, fafst aber in der ersten 
Unterabteilung dieser Gruppe das Einkommen aus dem Betriebe des 
Handels mit dem Einkommen aus sonstigen gewerblichen Unternehmungen 
zusammen. Die italienische Einkommensteuer (nach dem Gesetz vom 
22. Juli 1894) wirft das Einkommen aus dem Handel zusammen mit 
dem Einkommen aus alien sonstigen Arten des Zusammenwirkens von 
Arbeit und Kapital. Ahnlich ist es in den iibrigen Ijandem, die eine Ein- 
kommensteuer haben, und auch aus den Veroffentlichungen iiber sonstige 
Steuem lafst sich kein Material iiber den Handel als solchen gewinnen. 

In Preufsen erscheint sowohl bei der Erganzungssteuer (Gesetz vom 
14. Juli 1893) als auch bei der Einkommensteuer (Ges. v. 24. Juli 1891) 



22 Erster Teil. Der Handel. 

der Handel init Gewerbe und Bergbau zusammen, iind die preufsische 
Steuerstatistik sehliefst sicli dem an. 

Unter diesen Umstanden niitzt es uns wenig, wenn wir aus deu 

^Mitteilungen aus der Verwaltung der direkten Seuern im preufsischen 

Staate" erfahren, dafs bei pliysischen Personen mit inehr als 3000 M. 

Einkoniinen das Einkomraen aus Ilandel, Gewerbe und Bergbau betrug 

1898 1206,18 Mill. M. 1894 953,82 Mill. M. 

1897 1106,02 . ^ 1893 959,65 ^ , 

1896 1019,22 ^ , 1892 982,80 ^ . 

1895 963,43 „ ^ 

Es fehit uns jeder Anlialt, um auch nur einigerraafsen zuverlassig 
abzuschatzen, wieviel von diesen Einkoramensbetragen dem Handel zu- 
zurechnen ist. Weder auf die Zahl der beschiiftigten Personen noch auf die 
Zabl der Betriebe lafst sich eine solche Schatzung begriinden, da die Ein- 
kommensverhaltnisse in den beteiligten Erwerbszweigen zu verscbieden sind. 

Auch die statistisclien Angaben iiber die Einkommensteuer nicht pliysi- 
scher Personen gestatten uns keinen Einbliek in die Verhaltnisse , die 
bier interessieren. 

Man niufs also darauf verzichten, iiber den finanziellen Erfolg, mit 
welchem der Handel als Erwerbsquelle betrieben wird, allgcmeine Angaben 
zu niachen. Dafs vielfach der Erfolg erbeblich ist, lebrt uns die tagliche 
Erfahning; sie zeigt uns aber auch so viele Falle geringen Erfolges und 
wirklichen Mifserfolges, dafs ein allgemeines Urteil nicht zulassig erscheint. 

Mehr Auskunft giebt uns die Statistik dariibery welcher Bruchteil 
der Bevolkerung im Handel seine Erwerbsquelle sucht. 

Im Deutschen Reich wies die Benifsstatistik (laut „Statistik des 
Deutschen Reich es" Band 102) — nach dem Hauptbenif — nach: 

' v.^^^i.c^\.v.tA^^ Samtliche 

Erwerbsthatige , Benifsangehorige 

, 1882 ! 1895 I 1882 i 1895 

'■ '■ "'r "" I '"' " ~' r " 

1. Im Wareiihaudcl 674 854 997 270 '1806 736 2 864 511 

2. . Geld- und Krcdithandcl ... 22 787 ! 33 689 ■ 66 338 91 825 

3. In Spedition iind Kommission . . i 12 024 20 848 36 407 59 746 

4. Im Buch-, Kunst- und Musikalien- 

handcl 19 484 21694 47 474 i 50 756 

it. ^ Zeitungavcrlag und in der Zei- ! 

timgsspedition , ? 7 666 ? 16 313 

6. „ Hausierhandel I 54 616 ; 37 953 ») I 136 403 93 437 M 

7. In Handelsvermittlun^ i 33 147 41 281 112 410 i 134 264 

8. „ Hilfsgewerbon , 17 369 j 32 018 55 300 96 095 

9. „ Vereteigcrung, Verleihung, Auf- , 

bewahrung, Stellen- und An- I 

noncenvermittlung , Auskunfts- 

bureaus 7 98S ' 12 715 21919 32 673 

Zusammen | 842 269 1 205 134 ! 2 282 987 I 2 939 620 

1) J:>owoit er mangels niilierer Angaben iiber die vertriebenen Waren nicht unter 
die vorliergenannten Gnippeu eingeroclmet werdcn konnte. 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftJiche Bedeutuiig des Handels. 23 

Die Zahl der Erwerbsthatigen hat sich hieniach seit 1882 um iiber 
40 Proz., die Zahl aller Berufsangehorigen uni fast 30 Proz. vermehrt. 
Die deutsche Bevolkerung ist seit 1880 von 45,25 Mill, auf 52,3 Mill., 
also um 15,6 Proz., gewachsen. Die vom Handel unmittelbar lebenden 
Erwerbsthatigen und ebenso die Gesamtzahl der vom Handel lebenden 
Personen ist mithin erheblich starker gestiegen, als die Bevolkerung, 
d. h. der Handel hat als Erwerbsquelle der Bevolkerung wesentlich an 
Bedeutung gewonnen. Beim Warenhandel insbesondere ist die Zahl der 
Erwerbsthatigen seit 1882 um fast 48 Proz., die Zahl der samtlichen Be- 
rufsangehorigen um fast 31 Proz. gestiegen. Ein im Handel Erwerbs- 
thatiger kam 1882 auf 53,9, 1895 schon auf 38,8 Einwohner. 

Die Berufsstatistik von 1895 ergab im ganzen 22,91 Mill, erwerbs- 
thatige Personen (unter Einschlufs derjenigen Personen, welche ohne Beruf 
waren, oder fiir welche Berufsangaben nicht vorlagen). Davon entfielen auf 

1. Land- und Forstwirtschaft, Gartnerei,Tierzucht 

und Fisclierei 8,29 Mill. = 36,18 Proz. 

2. Berg- u. Hiittenwesen, Industrie u. Bauwesen 8,28 - =36,14 . 

3. Handel 1,205 . = 5,26 . 

Der Handel steht nach der Zahl der Erwerbsthatigen an dritter Stelle 
unter den Erwerbsarten des deutsehen Volkes, bleibt aber hinter den 
landwirtschaftlichen und den gewerblichen Berufsarten erheblich zuriick. 

An Erwerbsthatigen, Dienenden und Angehorigen, also an Berufs- 
angehorigen iiberhaupt, fiihrt die Berufsstatistik 51,77 Mill. an. Davon 
entfielen auf 

1. die landwiiischafthchen Beriifsai-ten . . . 18,50 Mill. = 35,73 Proz. 

2. die gewerblichen Berufsarten 20,25 - =39,11 

3. den Handel 2,94 . = 5,68 . 

Da die Zahl der Berufszugehorigen im Verkehrswesen etwas grofser 
ist, als im Handel, so erscheint hier der Handel als Erwerbsquelle an 
vierler Stelle. Immerhin ist der Prozentsatz der vom Handel lebenden 
Personen so erheblich niedriger als bei den landwirtschaftlichen und ge- 
werblichen Berufsarten, dafs der Handel lediglich nach der Zahl der 
diurch ihn unmittelbar erniihrten Menschen keine ausschlaggebende Be- 
deutung hat. Aber es ist zu beachten, dafs mittelbar der Handel auf die 
weitesten Volksschichten iibergreift und sich schon durch die gewaltige 
Masse der von ihm bewegten Giiter als ein sehr wichtiger Faktor der 
Volkswirtschaft erweist. 

In Oesterreich war 1890 die Zahl aller Erwerbsthatigen 13,57 Mill. i) 
Im Handel (ohne Bankwesen) waren erwerbsthatig 633 159 oder 4,66 Proz.^) 
Im ganzen lebten vom Handel 1 482 454 Personen oder 6,2 Proz.^) der 



1) Einschl. der benifsloscn Selbstandif^en. 

2) Einschl. Bank- und Versicherungswcsen 4,8 Proz. 

3) Einschl. Bank- iiud Versiclicriingswesen 6,8 Proz. 



24 Ereter Toil. Dcr Handel. 

Bevolkening. Ungarn zahlte in deniselben Jahr 182264 Erwerbsthatige 
im Handel oder 2,5 Proz. der Erwerbsthatigen iiberhaupt 

In Belgien waren 1890 von 2,94 Mill. Enverbsthatigen 327091 im 
Handel bescbiiftigt. Das sind 11,13 Proz., ein sehr hober Satz, der sich 
aus der Bedeutung des in Belgien bestebenden intemationalen Zwischen- 
handels erklart. 

In Italien lebten 1881 — ohne die Kinder iinter 9 Jabren — 279773 
Personen oder 1,24 Proz. der ganzen Bevolkening von 9 Jabren und 
und dariiber vom Handel. 

In Danemark existierten 1890 vom Handel 172929 Personen oder 
fast 8 Proz. der Bevolkening. Norwegen zablte 1891: 1,21 Mill. Erwerbs- 
thatige^), wovon 48 501 oder 4 Proz. dera Handel angeborten. 

Die Schweiz batte 1888: 1,27 Mill. Enverbtbiitige 0; davon arbeiteteu 
92293 oder 7,3 Proz. im Handel. Der Handel emabrte im ganzen 
213507 Personen, d. h. iiber 7,3 Proz. der Bevolkening iiberbaupL 

Die engliscbe Benifsstatistik giebt fur 1891 die Zabl der Erwerbs- 
tbatigen im Handel an 

in England und Wales auf 416 365 

„ Schottland , 58 589 

„ Iriand „ 29 189 

Zusammen 504 143 

Die Zabl hat sieb gegen 1881 um 31 Proz. erbobt und umfalst 1891 
etwa 3 Proz. der Erwerbstbatigen. 

In Frankreicb lebten 1891 vom Handel 

879 969 Selbstandige 
378 318 Angestellte 

480 344 Arbeiter 

Zusammen 1738 631 Erwerbsthatige 

1983 441 Familienaugeh5rige 
239 424 Dienstboten 



Zusammen 3 961496 Personen. 

Bei einer BevSlkerung von 38,13 Mill, lebten also iiber 10 Proz. 
vom Handel, und von den 15,67 Mill. Erwerbstbatigen Frankreichs 
waren 11 Proz. im Handel bescbaftigt 

In den Vereinigten Staaten waren 1890 unter 22,74 MiU. Berufs- 
tbatigen2) 1,33 Mill, im Handel tbatig (= 5,8 Proz.). 

Die Zablen der einzelnen Statistiken sind nicht vergleichbar, da 
Metbode und Grundlage der berufsstatistiscben Erbebungcn verscbieden 
sind. Immerhin gebt daraus bervor, dafs iiberall der Handel als Er- 
werbsquelle — geraessen an der Zabl der Erwerbstbatigen und der 

1) Einschl. der bemfsloseu Selbstaiidigen. 

2) Aiwschl. (lor bcrufslosen SelbsUindigen. 



2. Kapitel. Die volkswirtscbaftliche Bedeutung des Handela. 25 

Berufsangehorigen uberhaupt — nicht an oberster Stelle steiit und niit 
erheblich kleineren Ziffern als Landwirtschaft und Industrie erscheint. 
Gleichwohl gebort er in den Kulturliindern zu den wichtigsten Erwerbs- 
arten. Hunderttausende finden in ihm unraittelbar und viele niittelbar 
die Grundlagen ihrer Existenz, und von diesem Gesicbtspunkt aus darf 
er eine grofse Bedeutung in der modernen Volkswirtscbaft beanspruchen. 

Damit allein ist aber seine innere volksvvirtschaftlicbe Berecbtigung 
und seine Unentbehrlichkeit noch nicbt erwiesen. Es konnte der Einwand 
erboben werden, dafs diese Erwerbsart, wenn sie aucb vielen Handen 
Beschaftigung bietet, nicbt erforderUcb oder nicbt einnial vviinscbenswert 
8ei ini Interesse der wirtscbaftlicben Entwicklung, dafs es fiir das Land 
besser sei, wenn die jetzt iin Handel tbatigen Krafte und Kapitalien deni 
Ackerbau oder der Industrie zugefubrt wiirden u. s. w. Desbalb bedarf 
es noch einer Auseinandersetzung dariiber, welche sonstigen volkswirt- 
schaftlichen Wirkungen voni Handel ausgeben. 

Gabe es keinen Handel, so wiirde sicb die Bevolkerung — wirt- 
sehaftlich betraclitet — scbeiden in Produzenten und Konsumenten von 
Sachgutem. Was nutzt es nun dem einen wie deni anderen Teil, dais 
sie erst durcb Vermittlung des Handels in wirtscbaftlicben Verkehr niit 
einander treten? 

PYagen wir zunacbst, was der Handel fiir die Produzenten leistet, 
so treten am deutlicbsten die Dienste zu Tage, die der Handel in Bezug 
auf den Absatz der Erzeugnisse dem Produzenten gewabrt 

Alle Sacbgiiter werden zu dem Zwecke erzeugt, konsuraiert zu 
werden; das gilt fiir jede Form der Volkswirtscbaft und bat stets ge- 
golten und wird stets gelten. Aber die Zeiten sind in den Kulturstaaten 
langst vorbei, da der Produzent fiir den eigenen unmittelbaren Bedarf 
die Giiter erzeugte. Heute kommt iiberwiegend oder ausscbliefslicb, wie 
wir schon wissen, das iVrbeiten fiir fremden Bedarf in Betracbt. Sobald 
die Berufsgliederung so weit vorgescbritten ist, setzt der tibergang der er- 
zeugten Sacbgiiter in den Konsum voraus, dafs die Sacbgiiter Absatz finden. 

Die Produktion ist fiir den Produzenten erst dann abgescblosseu, 
wenn dieser Absatz den Erzeugnissen gesicbert ist. Solange das nicbt 
der Fall ist, fehlt seiner Tbatigkeit das notwendige Schlufsglied, ohne 
welches seiner Arbeit ein privatwirtscbaftlicber und ein volkswirtscbaft- 
Kcher Erfolg nicht zu teil wird. Besteht fiir die Erzeugnisse keine Ab- 
satzmoglichkeit, so erreicbt der Produzent zwar das tecbnische Ziel seiner 
Thatigkeit, also die Herstellung bestimmter Arten von Giitern, aber sein 
privatwirtschaftliches Ziel, d. h. die Erzielung eines Erwerbes aus seiner 
Thatigkeit iiber seine Gesamtaufwendungen binaus, erreicbt er nicbt, ja 
er findet noch nicbt einraal Ersatz fiir die Aufwendungen, die er im 
Interesse der Produktion gemacbt bat. Aber aucb fiir die Volkswirt- 
scbaft bleibt unter dieser Voraussetzung der Erfolg aus. Die erzeugten 



26 Ei-ster Teil. Der Handel. 

Giiter bleiben ja an Hirer Erzeiigungsstatte uubenutzt liegen und gehen 
vielleicbt wieder ganz zu Grunde, ohne dafs damit ein Bediirfnis befriedigt 
werden konnte. Wenn ich Nadebi fabriziert oder Getreide gebaut und 
geemtet oder Fische gefangen babe — alies Dinge, die an sich fahig 
sind, menscbliche Bediirfnisse zu befriedigen, und die ja gerade deshalb 
uberhaupt bergestellt oder gewonnen sind — , und wenn dafiir die Absatz- 
moglichkeit libcrbaupt fehlt, so hat die ganze darauf verwendete Arbeit und 
das ganze dabei gebrauchte und verbrauchte Kapital der Volkswirtschaft 
keinen Nutzen gebracht, und die ganze Arbeits- und Kapitalaufwendung 
ist nutzlos, ist vom Standpunkt der Volkswirtschaft aus eine Vergeudung 
gewesen. Xur in der Erzeugung derjenigen Sachgiiter, welche wirklich 
Absatz finden und so der Bedarfsbefriedigung dienstbar gemacht werden, 
kann fiir die Volkswirtschaft ein Nutzen stecken. 

1st hiernach die Erlangung des Absatzes fiir die erzeugten Giiter 
die notwendige Ergiinzung der Giitererzeugung, bringt jene den Produktions- 
prozefs erst privat- und volkswirtschaftlich zum Abschlufs, so ist damit 
doch nicht erwiesen, dafs der Kaufmannshandel notig und innerlich be- 
rechtigt ist. Es ist denkbar und ja auch bis zu bestimmtera Grade That- 
sache, dafs der Produzent sich nicht mit der Herstellung oder Gewinnung 
der Giiter begniigt, sondem auch selbst den Absatz dafiir zu finden sucht. 
Mit dem oben Gesagten ist also zunachst nur der ^Fabrik-'^ und „Hand- 
werkshandel" als notig und berechtigt erwiesen, und bei diesem Teil de« 
Handels bestreitet Niemand die Notwendigkeit und innere Berechtigung. 
Konnten und wollten alle Produzenten go vorgehen, so wiirde es des 
Kaufmannshandels iiberhaupt nicht bediirfen. 

Thatsachlich haben aber sehr viele Produzenten nicht den Willen, 
fiir den Absatz selbst Sorge zu tragen. Sie finden es lastig und unbe- 
quem, sich damit zu befassen, oder sie sehen es als unzweckmafsig an, 
sich auch diese Arbeit aufzuerlegen , obwohl sie ihnen an sich moglich 
s(*in wiirde. Auf diese Weisc kann sich eine Arbeitsteilung zwischeu 
Produzent und Kaufmann entwickeln, die nicht gerade durch zwingende 
Notwendigkeit herbeigefiihrt wird, die aber doch den grofsen Vorteil jeder 
Arbeitsteilung, d. h. die Steigerung der t^chnischen Leistungsfahigkeit in 
d(jr gewahlten Specialitat mit sich bringt. Die Ubertragung der Absatz- 
vcrmittlung an den Berufskaufmann kann also bei diesen Voraussetzungen 
sowohl den beteiligten Privatwirtschaften als auch der Volkswirtschaft 
niitzlich werden. 

Was hier durch den Willen des Produzenten herbeigefiihrt wird, ist 
in viclen anderen Fallen eine Notwendigkeit. Viele Produzenten konnen 
nicht auch noch die Sorge fiir den Absatz auf sich nehmen. Dazu ge- 
horen besondere Kenntnisse, Fahigkeiten und Erfahrungen, die dem Pro- 
duzenten vielleicbt nicht zu Gebote stehen. Es kann Jemand vortrefflich 
vorstehen, das teehnische Ziel der Produktion zu erreichen, und doch 



2. Kapitcl. Die volkswirtschaftlichc Bedeutung des HandclB. 27 

ungeeignet sein, aucli das privatwirtschaftliche Ziel zii sicheni. Es kann 
Jemand ein sehr guter Fabrikant sein, aber er braucbt desbalb noch lange 
nicht ein guter Kaufinann zu sein. Wiirde er gezwungen, beide Seiten 
selbst in die Hand zu nehmen und verantwortlicb zu ieiten, so wiirde 
er leicht Schiffbruch leiden, zu seineni eigenen Schaden zunacbt, aber 
auch zum Nachteii aller derer, die mittelbar und unmittelbar von ihra ab- 
hiingen, und zum Xachteil der Volkswirtscbaft, die nun die technische 
Leistungsfahigkeit des betr. Produzenten niebt geniigend ausnlitzen kann. 
In solchen Fallen scbeitert die Ubemabme der Fiirsorge filr den Absatz 
seitens des Produzenten an personlicben Hindernissen. 

In sehr vielen Fallen steben aber aueb sacbliche Hindemisse ent- 
gegen. Die Personen, bei denen der Produzent Absatz sucben mufste, 
sind bei ausgedehnter Produktion sehr zablreicb, sie wohnen zerstreut 
uber weite Gebiete bin, oft iiber die ganze Erde bin, sie sind oft erst in 
eineni spateren Zeitpunkt zu erwarteu, und es bedarf oft auch einer er- 
heblichen Zeit, bis sie die erzeugten G liter konsuniieren konnen. Wie soil 
da der Produzent die Konsunienten finden? Es ist oft schon sehr sebwer, 
in aller Herren Lander die Personen ausfindig zu machen, welche uber- 
haupt Bedarf nach dem betr. Erzeugnis haben. Aber das geniigt noch 
lange nicht Ihr Bedarf mufs der Menge nach grofs genug sein, uni 
die Erzeugnisse des Produzenten aufzunehnien ; ihr Bedarf mufs auch 
dem Zeitpunkt nabe liegen, zu welchem der Produzent den Absatz er- 
warten mufs ; ihr Bedarf mufs sich weiter auf denjenigen Grad der Be- 
schaffenheit richten, welchen der Produzent anbielen kann. Sind alle 
diese Schwierigkeiten wirklich iiberwunden, dann ist immer noch notig, 
dafs die als Abnehmer moglicherweise in Betracht kommenden Personen 
und Wirtscbaften auch bereit und ira stande sind, sich mit dem an- 
bietenden Produzenten iiber die Verkaufsbedingungen zu einigen. Alle 
Miihe des Produzenten um Ausfindigmachung der Abnehmer ist ver- 
gebens, wenn die Nutzensbewertung des betr. Erzeugnisses seitens der 
Abnehmer oder wenn deren Kaufkraft (oder Zahlungsfahigkeit) sich 
so weit von der durch die Produktionsbedingungen gebotenen iiufsersten 
Preisfordening des Produzenten entfernt, dafs beide Teile sich nicht 
iiber den Preis und die sonstigen Verkaufsbedingungen einigen konnen. 
Ware auch diese Schwierigkeit iiberwunden, so trate sofort eine neue da- 
durch ein, dafs der Produzent genotigt ist, seine grofsen Erzeugungsmengen 
in zahlreiche kleine Teile zu zerlegen und diese Teilmengen nach den 
verschiedensten Punkten hin zu versenden. Das wiirde viel Arbeit und 
viel Kosten verursacben. 

Bei jedem einzelnen Produzenten wiirden sich die gleichen Schwierig- 
keiten, Miihen und Kosten wiederholen, und es wiirde so schliefslich eine 
Unmenge Arbeit und Geld aufgewendet werden miissen, die thatsacb- 
lich zum grofsen Teil unfnichtbar und unwirtschaftlich sein wiirde. 



28 Ereter Teil. Der Handel. 

Viele Produzenten wurdeii an diesen Schwierigkeiten scheiteni und den 
erforderlichen Absatz nicht finden. Wo solche Schwierigkeiten bestehen, 
da ist die Stelle fur den Kaufniannshandel gegeben. Er kann seine 
ganze Kraft und Tbatigkeit auf die beste Ausnutzung der vorbandenen 
und auf die Ausspiirung neuer Absatzgelegenheiten , auf die zweck- 
nialsigste Dirigierung der Warentransporte, auf die geeignetste Aufspeiche- 
rung der Waren an bcstimniten Bedarfsstellen ricbten und kann so 
besser und billiger die Beziehungen zvvischen Produzenten und Konsu- 
nienten berstellen, als der mit vielen anderen Arbeiten belastete Produzent 
Der Berufskaufinann leistet unter solcben Unistanden dem Produzenten 
einen sebr wiciitigen Dienst: er nimmt den Produzenten die Arbeit und das 
Risiko des Aufsuchens der Absatznioglicbkeiten ab und erleicbtert dadurch 
die ungestortc und erfolgreicbe Durcbfiihrung der Sacbgiitererzeugung. 

Allerdings hat die Sache auch ihre Kebrseite. Die Ablosung der 
Arbeit, die niit deni Aufsuchen des Absatzes verbunden ist, von der 
Sachguterer/eugung macht den Produzenten auch abhangiger von dem 
berufsnialsigen Absatzvermittler. Der Produzent verliert dadurch immer 
niehr die Fiihlung mit dem Konsumenten und mit den Marktverbaltnissen. 
Es wird ihm schwerer, den voraussichtlichen Bedarf nacb Menge und 
Gescbmacksrichtung zu erkennen, und an die Stelle der eigenen un- 
mittelbaren Beobachtung treten vielfach die Weisungen des Kaufmanns. 
Der Kaufmann steht dem Bedarf naher und kann und mufs deshalb 
vielfach der Produktion die Richtung angeben. Audi das ist ja wieder 
ein wicbtiger Dienst, der dem Produzenten geleistet wird, aber doch auch 
ein Zeichen wirtschaf tlicher Abhangigkeit des Produzenten vom Kaufmann. 

Der Kaufmannshandel gewinnt durch die geschilderten VerbaJtnisse 
auch grofsen Einfluls auf die Preisgestaltung, und diese ist heute von 
l)e8onderer Bedeutung. Gerade die Bewegung der Preise ist jetzt, wo 
die lokale Beschrankung von Produktion und Absatz vielfach geschwunden 
ist, der wichtigste Anhaltspunkt, um ein Urteil iiber das VerhaJtnis 
zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Produktion und Bedarf zu 
gewinnen. Auch diese Seite der kaufmannischen Arbeit ist fiir den 
Produzenten von grofsem Nutzen. Aber auch sie kann fiir den Pro- 
duzenten eine unerfreuliche Kebrseite haben: Er wird selbst oft so sehr 
von dem Einflufs auf die Preisgestaltung abgedrangt, dafs er seine 
Interessen nicht mehr geniigend wahrnehmen kann. Unter den vielen 
Klagen, die von landwirtschaftlicher Seite heute erhoben werden, scheint 
mir nicht zum wenigsten berechtigt die zu sein, dafs bei der Getreidepreis- 
bildung der Einflufs des Getreideproduzenten durch die bestehende Or- 
ganisation des Getreidehandels fast ganz bei Seite gedrangt ist. Ahn- 
liches zeigt sich auch anderswo. 

Man soil solche Schattenseiten nicht verschweigen. Sie sind die 
Opfer, mit denen der Produzent sich die Dienste des Handels erkaufen 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliclie Bedeutung des Handels. 29 

rnnfs. Im iibrigen sind diese Dienste nach deni Ausgefuhrten so grofs, 
dafs sie im allgemeinen die damit verbundenen Nachteile uberwiegen. 
Ausnabmen kommen aber vor. 

Durch die Absatz suchende und Markt erweitemde Arbeit des Kauf- 
mannshandels , durch die Ervveckung de« Bedarfs nach den Erzeug- 
nissen des Produzenten bei den Personen und in den Gebieten, die 
bisher einen solchen Bedarf nicht batten, durch die mit dieser Arbeit 
verbundene Bekanntmachung der Art und Giite der Erzeugnisse des 
Produzenten schafft der Handel der Sachgiitererzeugung im allgemeinen 
giinstigere Lebensbedingungen, ja oft genug iiberhaupt erst eine gesunde 
Entwicklungsmoglichkeit 

In dieser Richtung wirkt auch noch eine andere Arbeit, die der 
Handel fiir die Produktion leistet Er erleichtert der Produktion die 
Emahrung ihrer Arbeiter, er erleichtert und vermittelt ihr den Bezug der 
Eohstoffe. Auch in diesen Beziehungen wiirden vielfach ubergrofse 
Schwierigkeiten fiir den Produzenten entstehen, wenn er alle damit ver- 
bundene Miihe und das darin liegende Risiko auf sich nehmen woUte. 
Insbesondere die Beschaffung der Eohstoffe setzt haufig soviele rein 
kaufmannische Erfahrungen und Fiihigkeiten voraus, dafs der Produ- 
zent nicht selten gezwungen ist, auch hierfiir die Dienste des Han- 
dels in Anspruch zu nehmen. Auch da, wo so zwingende Griinde 
nicht vorliegen, enveist es sich in sehr vielen Fallen als eine niitz- 
liche Arbeitsteilung, die Organisation der Rohstoffbeziige dem Handel 
zu iiberlassen. 

Die Dienste, die der Handel der Produktion beim Rohstoffbezug 
und beim Absatz der Erzeugnisse leistet, gcwahrt er nicht lediglich den 
einheimischen Produzenten ; auch den auslS-ndischen Produzenten werden 
gleiche Dienste gewahrt Wenn der deutschc Kaufmann fremde Roh- 
stoffe und Halbfabrikate, die bei uns nicht oder nicht geniigend oder 
nicht vorteilhaft genug gewonnen werden, ins Land bringt, oder wenn 
er unsere Erzeugnisse im Inlande vertreibt und, soweit sie im Lande 
selbst nicht unterzubringen sind, ins Ausland fiihrt, so dient das alles 
der vaterlandischen Produktion. Aber wenn er fremde Erzeugnisse ins 
Land schafft und einheimische Rohstoffe dem Auslande zufuhrt, so dient 
das den auslandischen Produzenten. Darin liegt kein unbedingter Gegen- 
satz. Nicht alles, was dem auslandischen Produzenten niitzt, schadet 
dem inlandischen. Gleichwohl mufs der Punkt erwahnt werden, weil 
die Moglichkeit vorliegt, dafs die Thatigkeit des Handels unter be- 
stimmten Voraussetzungen dem inlandischen Produzenten weniger als 
seinem auslandischen Konkurrenten niitzt oder auch wichtige Interessen 
der inlandischen Produktion beeintriichtigt. Wie man deshalb die Thatig- 
keit des Handels im einzelnen I^ande und im einzelnen Falle vom Stand- 
punkt der volkswirtschaftliehen Interessen aus zu beurteilen hat, lafst 



30 Ei-8ter Teil. Der Handel. 

sich nicht auf Gnind allgenieiner Erwiigungen, sondern nur auf Grand 
der thatsachlichen Verhaltnisse feststellen. 

Was leistet nun der Handel den Konsunienten? An sich ergiebt 
sich die Antwort aus dem vorhin Ausgefuhrten von selbst. Da aber gerade 
vom Standpunkt der Konsunienten aus der Nutzen des Handels in Zweifel 
gezogen ist, so mufs auch diese Seite der Sache noch kurz eriiiutert 
werden. 

Der Konsument bedart heute der Erzeugnisse der verschiedensten 
Produzenten, urn seine Bediirfnisse in der gewohnten Weise zu befriedigen. 
1st er doch in den Kulturlandera gewohnt, Erzeugnisse der ganzen Erde 
zu benutzen oder zu geniefsen. Die zahlreichen Produzenten, die zur 
Deckung eines so vielseitigen Bedarfs herangezogen werden miissen, 
wohnen zerstreut uber die weitesten Gebiete. Der Konsument kennt oft 
die in Frage kommenden Produzenten und Produktionsstlitten iiberhaupt 
nicht, weil ihm der Handel die Dinge bequem zufiihrt. Denkt man sich 
den Handel weg, ohne dafs gleichzeitig die anspruchsvoUe Vielseitigkeit 
des Bedarfs verschwindet, so wiirde der Konfeument genotigt sein, sich 
unmittelbar von zahlreichen einzelnen Produzenten die Bedarfsartikel zu 
beschaffen. Zu dem Zwecke miifste er zunachst die Triiger und die 
Statten der zahlreichen Produktionszweige kennen lernen, die fur seine 
Bedarfsde<;kung in Betracht kommen. Er miifste weiter fiir jeden seiner 
zahlreichen Bedarfsartikel eincn Produzenten finden, der den gewimschten 
Artikel in der gewiinschten Beschaffenheit in den fur den Konsumenten 
erforderlichen kleinen Mengen und zu den fiir ihn noch wirtschaftlich 
zu rechtfertigenden und mit seiner Zahlungsfahigkeit vereinbaren Preisen 
abzugeben bereit und im stande ist 

Schlechthin zu leugnen, dafs dem Konsumenten die Aneignung der 
notigen Personen- und Ortskenntnisse mid die Auff indung eines geeigneten 
Produzenten unmoglich sei, geht zu weit Es giebt eine ganze Reihe 
von Bedarfsartikeln, bei denen der Konsument allein oder in Verbindung 
mit anderen seinen Bedarf unmittelbar bei den Produzenten zu decken 
vermag. 

Es giebt aber auch sehr viele Bedarfsartikel, bei denen er das nicht 
kann, weil seine Kenntnisse und seine Beziehungen dazu nicht ausreichen, 
Wie sollte ich wohl ohne Vermittlung des Handels Reis aus Indien, 
Kaffee aus Brasilien, Thran aus Norwegeii, Elfenbein aus Centralafrika, 
Thee aus China, Gewiirze von den Philippinen u. s. w. als einzelner 
Konsument direkt beziehen? Es wiirde mir in vielen Fallen unmoglich 
sein, den fiir meine besonderen Zwecke geeigneten Produzenten zu finden, 
und ich wiirde Gefahr laufen, dafs viele meiner gewohnten Bedarfs- 
richtungen ungedeckt bleiben. Ich miifste also zu einer wesentlich ein- 
facheren Lebenshaltung zuriickkehren , falls mir die Hilfe des Handels 
nicht zur Verfiigung stande. 



2. Kapitcl. Die volkswirtscliaftlicluj Bedoutiuig des Haiulols. 81 

Aber auch da, wo der Konsunient seinen Bedarf durch unmittelbai'e 
Beziige von Produzenten befriedigen kann, wiirde ein solches Verfahren 
yielfach sehr unwirtschaftlicb sein. Nicht iin stande, alle in Frage 
kommende Artikei ricbtig zu beurteilen, wiirde der Konsument baufig 
zu teuer einkaufen. Aiicb ab^eseben davon, wiirde der Umstand, dafs 
der einzelne Konsunient nur kleine Men^^en auf einmal bezieben kann, 
ihm oft bobere Preise und bobere Fraebtkosten auferlegen, als bei der 
Vennittlung der Bedarfsversorgung durcli den Handel. Bei zablreicben 
Artikeln wiirde der Konsunient genotigt sein^ grofsere Vorriite fcstzulegen. 
Das scbmalert seine Mittel zeitweilig fiir andere Zwecke und belastet ilni 
mit dem Risiko des Aufbewabrens und Bebandeins vieler Artikei. Jeder 
einzelne kleine Konsument wiirde, soweit er sieb niebt fur gewisse (iSegen- 
stande mit anderen zusammentbun kann, genotigt sein, ein Imager von 
reebt vielen Gegenstanden zu balten. Sebr oft ist dies unmoglicb scbon 
aus Eaumriicksicbten. Diese Decentralisierung des Lagerbaltens wiirde 
iiberdies die Aufwendungen dafiir erbebUcb steigern. Es ist obne Zweifel 
wirtscbaftlicber, das Ijagerbalten uicbr zu konzentrieren. Das aber tbut 
der Handel; denn er iibernimmt das Lagerbalten fiir die Bediirfnisse 
vieler einzelner Konsumenten. 

Wollte der Konsument das Lagerbalten vermeiden, so wiirde er zu 
einer sebr grofsen Zabl von Einzelbesteliungen und Einzelbezugen greifen 
miissen und docb niebt sicber sein, stets recbtzeitig die erforderlicben 
Artikei beranzuscbaffen. Dureb die Vennittlung des Handels wird das 
unnotig; denn der Kaufmann bait dem Konsumenten in niiebster Nabe 
ein Lager von alien moglicben Artikeln, aucb von solcben, die nur 
gelegentlicb verbraucbt oder gebraucbt werden, und giebt davon jeder- 
zeit an den Konsumenten jede beliebige kleine Menge ab, je nacb dessen 
Wiinscben und Bediirfnissen. 

An und fiir sieb mufs desbaib der Handel die Bedarfsversorgung 
besser, billiger und regelmiifsiger gestalten konnen, ais sie es obne sein 
Eingreifen sein wiirde. 

Aber aucb reicbbaltiger und mannigfaltiger wird die Bedarfsbe- 
friedigung dureb das Eingreifen des Handels. Neue Artikei werden von 
ihm aufgesucbt und dem Konsumenten zuganglicb gemacbt Uberdies 
vollziebt sieb unter dem Einfluls des Handels die Bedarfsdeckung aucb 
zu gleichmafsigeren und rubigeren Preisen. Da der Handel aus den 
Statten und Zeiten des Wareniiberflusses die Waxen wegbolt und sie 
den Statten und Zeiten des Warenmangels zufiibrt, mufs er die ortlicben 
und zeitlicben Preisunterscbiede mebr abscbleifen. Darin liegt fiir den 
Konsumenten ein erbeblicber Vorteil. Denn beftige und weit ausgreifende 
Preisscbwankungen erscbweren ibm, soweit ibm niebt sebr reicblicbe 
Mittel zur Verfiigung steben, die geordnete Lebensbaltung , und grofse 
ortlicbe Preisverscbiedenbeiten zwingen Konsumenten von gleicben Ein- 



32 Erster Teil. Der Handel. 

komraensverlialtnissen zu ungleicher Lebensbaltung. Zu wirklicb starren 
und unbeweglichen Preisen, die dem Konsumenten ebenfalls nachteilig 
sein wiirden, koranit cs aber trotz der nivellierenden Tendenz des Handels 
nicht, weil die Verschiebung der thatsaclilichen Voraussetzungen ffir die 
Preisgestaltung in der Kegel starker ist als die Operationen der Kaufleute. 

Diesen erliebliclien Diensten fur den Konsumenten konnen auch 
Nachteile ge^eniiberstehen. Der Konsntnent k.ann genotigt werden, in 
den Preisen zu hohe Vergiitungen fiir die geleisteten Dienste zu zahlen. 
Er kann durch milsbrauchliche Ausnutzung des Kredits in Abhangigkeit 
von dem Kaufmann gebracht werden und dadurch die Freiheit in der 
Gestaltung seiner Bedarfsdeekung und in der Wahl seiner Bezugsquellen 
verlieren. Der Konsument kann aucb zu unwirtscbafUichen Ausgaben 
verleitet werden dadurcb, dafs der Handel iibertriebene Bediirfnisse in 
ibm zu erwecken verstebt. Die anregende und neue Bediirfnisse er- 
zeugende Tbatigkeit des Handels kann den Konsumenten auch zu Genussen 
verfiibren, die seiner sittlicben, geistigen und korperlicben Gesundbeit 
und seiner wirtscbaftlicben Leistungsfabigkcit nacbtcilig werden. Die 
Starke Einflufsnabme des Handels selbst auf die Preise kann aucb dazu 
fiibren, dafs der Preis, den der Konsument zablen mufs, sicb nicbt ge- 
nugend an die Verscbiebung der allgemeinen Marktverbaltnisse anscbliefst 
Das und mancbes Andere ist moglicb, ist aucb durcb mancbe Tbatsacben 
erbiirtet. Aber notwendig ist die Venvirklicbung solcber Gefabren nicbt, 
und aucb der Konsument bat unter normalen Verbiiltnissen so wesent- 
licbe Vorteile zu erwarten, dafs er im ganzen den Handel als eine sebr 
wicbtige Stutze seiner Lebensfiibrung anseben mufs. 

Die Dienste, die der Handel dem Konsumenten leistet, bescbranken 
sicb ebenfalls nicbt auf das Inland. Aucb fiir die auslandiscben Kon- 
sumenten arbeitet der Handel. Der inliindiscbe Konsument bat im all- 
gemeinen keinen Anlafs, sicb dariiber zu bescbweren, und wird aucb im 
allgemeinen dadurcb nicbt benacbteiligt. Anders wird es erst, wenn der 
Handel fur die auslandiscben Konsumenten besser sorgt, als fiir die in- 
landiscben, und die Interessen der Letzteren nicbt geniigend wabmimmt 
Dafs derartiges im einzelnen Fall moglicb ist, lalst sicb nicbt bestreiten. 

Die Dienste, die der Handel den Produzenten wie den Konsumenten 
leistet, sind zumicbst privatwirtscbaftlicber Art, konnen aber auch 
fiir die Volkswirtscbaft sebr wicbtig sein. Sichert und erleicbtert. der 
Handel den einzelnen Produzenten den Absatz, erobert er ihnen neue 
Absatzgebiete und fiibrt ihnen die erfordcrlicben Robmaterialien zu, so 
schafft er damit fiir die Volkswirtscbaft die Grundlagen einer stetigen 
Weiterentwicklung der produktiven Arbeit. Erleicbtert, vcrbessert und 
verbilligt er den einzelnen Konsumenten den Bezug der Bedarfsartikel, 
so summiert sicb das fiir die Volkswirtscbaft zur zweckmiifsigsten Or- 
ganisation der Hedarfsversorgung des Volkes iiberliaupt. Diese Leistungen 



2. Kapitcl. Die volkswiitschaftlichc Bedeutung des Haudols. 33 

baben eine holie volkswirtschaftliche Bedeutung solange und soweit als 
die Kosten, die der Volkswirtsehaft aus dieser Vermittlung erwachsen, 
nicht 80 hoch werden, dais man die in Frage kommenden Arbeiten ohne 
Vermittlung des Handels billiger bewirken konnte, nnd ferner so lange 
und 80 weit, als die techniscbe Leistungsfabigkeit des Handels nicht so 
zuriickgebt, dais obne Vermittlung des Uandels die ganze Arbeit besser 
und zweckmafsiger durcbgefiibrt werden konnte. Mit dieser Einscbrankung 
mufs man dem Handel eine sebr wicbtige Stellung ira Organismus der 
modemen Volkswirtscbaft zuweisen und ibn als ein notwendiges und niitz- 
licbes Glied in der Kette der vvirtscbaftlicben Tbatigkeiten anerkennen. 

Da die Dienste deis Handels, wie gezeigt, niebt nur dem Inlande, 
sondem aucb dem Auslande zufliefsen, so ist bei Beurteilung seiner Be- 
deutung fiir die einzelnc Volkswirtscbaft weiterbin die Frage von Wicbtig- 
keit, ob seine Arbeit niebr dem Auslande als dem Inlande niitzt oder gar 
das Gesamtinteresse des Inlandes benachteiligt Denkbar ist das I^etztere. 
Praktiscb wird es aber nur ausnabmsweise und nur voriibergebend werden. 

Ubrigens sind das Einscbrankungen, die niebt lediglicb beim Handel 
zu macben sind. Aucb bei der Produktion, beim Verkebrswesen u. s. w. 
ist eine unwirtscbaftlicbe Steigerung der toten Kosten und eine gelegent- 
licbe Benacbteiligung der inlandiscben Interessen denkbar. 

Zu dem Gesagten treten nocb andere Wirkungen des Handels binzu, 
die der Volkswirtscbaft im ganzen wesentlicben Nutzen bringen. Der 
Handel steht in inniger Beziebung zum Verkebrswesen. Genotigtj sicb 
desselben in umfassender Weise zu bedienen, treibt der Handel das Ver- 
kebrswesen zu immer bubcrer Leistungsfiibigkeit, und die giinstigen 
Wirkungen, die von einem leistungsfiibigen Verkebrswesen ausgeben, sind 
desbalb dem Handel mit zu danken, wie er andrerseiti* aber aucb mit 
verantwortlicb ist fiir die nacbteiligen Wirkungen, die einem solcben 
Verkebrswesen zuzuscbreiben sind. 

Dem Handel sind aucb allgemeine kulturelle Wirkungen zuzusprecben. 
Er verstebt es, neue Bediirfnisse zu wecken, und verstarkt so den An- 
trieb zu wirtscbaftlicber Arbeit, freilicb niebt immer in Ricbtungen, die 
wiinscbenswert sind. Der Handel ruft mitunter so starke Interessengegen- 
satze zwischen den Volkern bervor, dafs eine Austragung mit den Waffen 
erforderlicb wird, aber nocb viel baufiger und allgemeiner verstarkt er 
das BewuTstsein gemeinsamer Kulturinteressen und das Bediirfnis nacb 
einer friedlicben Entwicklung der Verhaltnisse. Der Handel bringt die 
Volker in engere Beriibrung mit einander und scbleift dadurcb aucb 
woblberecbtigte Eigentiimlicbkeitcn , aber nocb viel mebr unberechtigte 
Vorurteile ab und erzeugt ein stiirkcres Bediirfni^i nacb einbeitlicber 
Kecbtsgestaltung. 

Mit einem Wort, der Handel leistet der Kulturentwicklung und der 
Volkswirtscbaft sebr wertvolle Dienste, binter denen die gelegentliehen 

VAK DBB BoKGHT, Handel. i) 



34 Erster Toil. Der Handel. 

und voriibergehenden ungiinstigen Wirkungen weit zuriicktreten. Daraa 
kann auch der Umstand nichts andern, dafs der Handel vielfach in der 
Praxis und in der Wissenschaft eine sehr ungiinstige Beurteilung ge- 
funden hat Da in der That auch ungiinstige Wirkungen vom Handel 
ausgehen konnen, so kann sehr leieht gelegentlich eine f^berschatzung 
gerade dieser Wirkungen eintreten. 

Trotz all' der fiir die Volkswirtschaft giinstigen Wirkungen, die 
vom Handel ausgehen konnen, ist der alte Streit noch iinmer nicht ver- 
stummt, ob der Handel „produktiv" sei. Das ist ein Streit um Worte, 
weil unter „Produktion" und „produktiv^ etc. von den einzelnen Beurteilern 
sehr verschiedene Dinge verstanden werden. Versteht man unter Pro- 
duktion nur die Sachgutererzeugung, so ist der Handel nicht produktiv, 
weder seiner Wirkung noch seiner Tendenz nach ; dcnn Sachgiiter erzeugt 
er nicht Sucht man das Wesentliche alP der' Thatigkeiten, die wir 
Produktion nennen, herauszuschiilen, so liegt die Sache ganz anders. 
Alle diese Thatigkeiten laufen darauf hinaus, durch Steigerung der Taug- 
lichkeit zur Befriedigung nienschlicher Bediirfnisse die Wertfahigkeit 
der Outer zu steigern, d. h. sic fahig zu raachen, dais sie von den 
Menschen holier bewertet werden. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. 
Wir gebrauchen den Ausdruck Produktion nicht nur fiir diejenige Tluitig- 
keit, welche Erfolg hat, also thatsachlich die Menschen zu einer hoheren 
Bewertung der Outer veranlafst^ sondem auch fiir alle diejenigen, welche 
eine gleiche Tendenz verfolgen, ohne djis Ziel erreichen zu konnen. In 
diesem Sinne ist Produktion einfach alle diejenige menschliche Thatig- 
keit, welche auf die Steigerung der Wertfahigkeit der Oiiter gerichtet 
ist, gleichviel ob die Thatigkeit in einer mechanischen oder chemischen 
Umgestaltung oder — wie beim Bergbau — in einer Ortsveranderung 
in vertikaler Richtung oder in etwas anderem besteht Der Handel 
nimnit auch eine Ortsverandening der Oiiter vor, aber in horizontaler 
Eichtung. Diese Ortsveranderung verfolgt den Zweck, die Wertfahig- 
keit der Oiiter zu steigern, die Konsumenten also zu einer hoheren Be- 
wertung der Oiiter zu veranlassen. Nicht immer gelingt das. Der 
Handel kann oft genug die Konsumenten nicht dazu bringen, die von 
ihm herangeschafften Oiiter holier zu bewerten. Aber sehr haufig gelingt 
es ihm aus ganz erklarlichen Oriinden. Bei der thatsachlichen Bewer- 
tung der Dinge kommt es wesentlich auf das Urteil der Konsumenten 
an. Der Konsument ist aber geneigt, Dingen, die er zur Befriedigung 
seiner Bediirfnisse an sich als geeignet erachtet und deshalb begehrt, 
einen hoheren Wert beizulegen, wenn sie in seinen Verfiigungsbereich 
gebracht sind. Wer Seefische in Berlin konsumieren will, fiir den haben 
die Fische, die in der Nordsee schwimmen, oder die in Hamburg lagem, 
noch keinen Wert, sondem nur eine noch nicht ausgeloste Wertfahig- 
keit Werden aber die Fische durch den Handel nach Berlin gebracht 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliche Bedcutimg des Handels. 35 

und hier deni Konsumenteu bereitgehalten , so sind sie ao sich fiir ihn 
viel mehr geeignet zur Bediirfnisbefriedigung als vorher, baben also 
eine viel hobere Wertfabigkeit in seinen Augen, und er ist audi bereit, 
fiie dementsprecbend bober zu bewerten. Dasselbe wiederbolt sicb bei 
aUen anderen Bedarfsgegenstanden. Uberall kann die Zufiibrung an die 
Statte des Bedarfs, in den Verfiigungsbereicb des Konsumenten eine 
Steigerang der Wertfabigkeit und aucb eine tbatsachlicbe liobere Be- 
wertung zur Folge baben. Aucb da, wo der Handel das Ziel nicht 
erreicht, ist seine Tendenz darauf gericbtet. Das Gleicbe gilt deni Wesen 
der Sacbe nacb von der Zufiibrung der Giiter in die Zeiten des Bedarfs. 

Da aber, wenn man das wesentlicbe Merkmal suebt, alle Produktion 
in der auf Steigerung der Wertfiihigkeit gericbteten menscblicben Ar- 
beit bestebt, so kann und mufs aucb der Handel als eine produktive 
Tbatigkeit bezeichnet werden. Sachgiiter erzeugt er nicbt, aber ihre 
Wertfabigkeit will er steigem, und daniit sind alle Voraussetzungen er- 
fullt, die vorbin angegebcn sind. Dafs der Handel durcb die Art, wie 
er sein Ziel erreicben will, ganz erbeblich abweicbt von anderen Zweigen 
der produktiven Tbatigkeit, insbesondere aucb von der Sacbgiitererzeugung, 
verstebt sicb von selbst Aber sein Ziel ist dasselbe wie bei den tibrigen 
Arten, und darauf allein konimt es an. Wenn man sicb gewobnen 
wollte, scbiirfer zwiscben Wert und Wertfabigkeit zu unterscbeiden, wenn 
man insbesondere die natiirlicbe Nutzbarkeit nicbt schon als Gebraucbs- 
wert, sondem als Voraussetzung fiir die Wertsebatzung, als Wertfabig- 
keit bebandeln wollte, wenn man iiberbaupt die ganze Lebre vom Wert 
und von der Produktion mebr an die praktiscben Verbaltnisse ankniipfen 
wollte, so batte die bier vertretene ungezwungene und einfacbe Auf- 
fassung Aussicbt, sicb allgemein festzusetzen. Man batte sie in. E. nie- 
mals verlassen sollen. 

Auf die Beantwortung der Frage, ob der Handel ^produktiv'* sei, 
bat man aucb wobi eine bestimmte Rangordnung der wirtscbaftlicben 
Tbatigkeiten stiitzen wollen, die dann oft deni Handel eine untergeord- 
nete Stellung zuwies. Fafst man aber das gemeinsame Ziel, die Steige- 
rung der Wertfabigkeit, in's Auge, so wird man solcbe Versucbe von 
vomberein als frucbtlos und iiberfliissig aufgeben miissen. 

§ 2. Die BedentoDg der Hanptarten dei Warenhandels. Die in 
§ 1 angeftibrten allgemeinen Erwagungen bindem nicbt, den einzelnen 
Arten des Handels eine verscbiedene Bedeutung fiir das volkswirtscbaft- 
licbe Leben zuzuweisen. Es ist desbalb erforderlicb, aucb nocb die 
einzelnen Hanptarten des Handels nacb ibrer Bedeutung zu wUrdigen. 
Dabei kann an dieser Stelle der Effektenbandel ausgescbieden werden, 
da dieser Zweig des Handels, soweit er sicb durcb Vermittlung der Banken 
voUzieht, in einem anderen Bande dieses Handbucbs, und soweit er 
sich an den Borsen vollzieht, an einer spateren Stelle dieses Bandes nocb 



36 Eratcr Teil. Der Handel. 

genauer zu behandeln ist, und da — des Zusanunenhanges wegen — 
am besten ini Anschluls daran audi die Beurteilung desselben vorge- 
nommen wird. Es bleibt uns also hier der Warenhandel. Soweit sich 
derselbe als Trodelhandel darstellt, ist seine Bedeutung bereits erlautert 
Soweit er sich in Abzahlungsgeschaften vollzieht, wird er in eineni 
spateren Kapitel genauer zu wurdigen sein. 

Am wenigsten Meinungsverschiedenheiten herrscben iiber die Be- 
deutung des Grofsbandels, der dem Konsumenten am fernsten steht Je 
naber der Handel dem Konsumenten riickt, desto verscbiedener wird 
die Beurteilung^ desto lauter werden auch die Klagen iiber nacbteilige 
Wirkungen des Handels, wjibrend die Vorteile des Grofsbandels meist 
riickbaltlos anerkannt werden. 

Die Verscbiedenartigkeit der Beurteilung biingt zum Teil mit der 
Verscbiedenbeit der Abnebmerkreise^ zusammen, auf die jede dieser 
Gruppen angewiesen ist Der Kleinbandel bat es — \vie scbon erwabnt — 
mit der breiten Masse der eigentlicben Konsumenten zu tbun, die zum 
sebr grolsen Teil zu einer sacbverstandigen Beurteilung der Dinge nicbt 
die notigen Facbkenntnisse mitbringt und desbalb leicbt nacb Aufser- 
licbkeiten urteilt. Diese Abnebmer sind ibrer Mebrzabi nacb den wirt- 
scbaftlicb scbwacberen Kreisen zuzurecbnen. Ibre Zablungsfabigkeit ist 
in selir vielen Fallen eng begrenzt, sodaTs man eber die dem Kaufmann 
zu zablende Vermittlungsgebiibr als Last empfindet Ibre wirtscbaftlicbe 
Widerstandsfjibigkeit und ibr Kredit sind meist bescbrankt, und das fiibrt 
leicbt zu einer gewissen Abbiingigkeit vom Kaufmann, die dann natiirlicb 
unbequem ist und unzufrieden macbt Der Grofsbandel dagegen arbeitet 
meist mit gescbaftsgewandten, fiir eine sacblicbe Beurteilung binreicbend 
vorgebildeten Abnebmem, die vielfacb mit grofserer Zablungsfabigkeit 
und mit umfangreicberem Kredit ausgestattet sind. Dieser Unterscbied 
der Abnebmerkreise bat fiir die Beurteilung der Dienste des Handels 
eine viel grofsere Bedeutung, als man gewohnlicb annimmt 

Diesem mebr subjektiven Moment treten nun aber auch objektive 
binzu, die in der scbon beriibrten Verscbiedenbeit der allgemeinen Vor- 
aussetzungen fiir die Thatigkeit des Grofs- und Kleinhandels begriindet 
sind, und die thizu fubren, dafs beim Grofsbandel die giinstigen Wirkungen 
fiir Produzenten, Konsumenten und Volkswirtschaft deutlicher zu Tage 
treten, als beim Kleinbandel. Es ist scbon bervorgeboben, dafs der Spiel- 
raum fiir die Arbeitsteilung und fiir die Wabl des Standortes beim Grofs- 
bandel grofser ist, als beim Kleinbandel; das ermoglicbt an sicb dem 
Grofsbandel aucb eine bobere Ausgestaltung seiner tecbniscben licistungs- 
fabigkeit, die wieder gestattet, sicb mit relativ geringeren Vergiitungen 
fiir die Vermittlungsdienste zu begniigen. In dersclben Ricbtung wirkt 
die verbaltnismafsig geringere Notvvendigkeit des I^agerbaltens und das 
Operieren mit grofseren, nicbt weiter zu zerlegenden Mengen, sowie die 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliche Bcdeutiing des Handcls. 37 

festere Begrenzung der Kreditgewahmng beim Grofshandel. Die Gefahr 
einer Uberfiillung des Gewerbes, welche die Vennittlungsgebiihren fiir 
eine grolsere Zahl von Existenzen bedingt, ist beim Grolshandel nach 
den thatsachliehen Erfahrungen geringer. Dem Grolshandel ist es aber 
auch eher als deni Kleinhandel moglich, sich mit seiner Preisbewegung 
niehr und schneller den Marktverschiebungen anzupassen. Die Hemm- 
nisse, die dem Kleinhandler in dieser Beziehung durch die langere und 
relativ grofsere Einlagerung der Waxen, durch die Eigenart der Ab- 
nehmerkreise u. dergl. mehr entgegenstehen , felilen in der Hauptsache 
beim Grolshandel tJberdies ist der Grofshandel unabhangiger von den 
lokalen Einfliissen. 

Alles das tragt dazu bei, dais die Abnehmer an den Vermittler- 
gebiihren des Grofshandels weniger Anstofs zu nehmen pflegen, als an 
denen des Kleinhandels, und dafs auch thatsachlich die dem Kaufmanns- 
handel im allgemeinen zuzusprechenden Vorteile beim Grofshandel deut- 
licher in die Erscheinung treten. Die Absatz suchende und Markt er- 
weitemde Wirkung des Handels, sein regulierender Einflufs auf die 
Preise, seine fordemde Einwirkung auf das Verkehrswesen, seine kulturelle 
Bedeutung, seine Leistungen fiir den regelmafsigen Fortgang der Sach- 
giitererzeugung durch Heranschaffung der Rohstoffe, seine Bedeutung 
fiir die Organisation einer regelmafsigen und reichhaltigen Bedarfsver- 
sorgung der Bevolkerung drangen sich bier dem Beurteiler viel klarer 
auf. Das Moment einer gesunden Spekulation spielt beim Warengrof shandel 
eine wichtigere RoUe, als beim Kleinhandel, und die Spekulation ist hier 
auch zu feineren Formen ausgestaltet Das ist nur geeignet, an sich die 
Bedeutung des Grofshandels fur die zeitliche Verteilung und Dirigierung 
der Warenvorrate, fiir den zeitlichen Ausgleich zwischen Produktion und 
Bedarf und fiir die Abschwachung der zeitlichen Preisschwankungen zu 
erhohen. Freilich bietet sich infolgedessen auch im Grofshandel mehr 
Gelegenheit zu einer ungesunden Ausgestaltung der Spekulation, die 
Produzenten wie Konsumenten nachteilig werden kann. Aber das gehort 
nicht zum Wesen des Grofshandels und [kann an sich das Urteil iiber 
ihn nicht ungiinstiger gestalten. 

Das Gesagte gilt fiir den Grofshandel sowohl, wenn er als Binnen- 
handel, als auch dann, wenn er als intemationaler oder ausvvjirtiger 
Handel erscheint. Dafs gerade der letztere fiir die Absatzgewinnung und 
Rohstoffversorgung der Sachgiiterproduzenten und fiir die Sicherung 
regelmafsiger und reichhaltiger Bedarfsbefriedigung der Bevolkerung eine 
besondere Bedeutung hat, wird von Niemand bestritten. Aber es ist auch 
nicht zu iibersehen, dafs unter bestimmten Voraussetzungen die Thiitig- 
keit gerade des auswiirtigen Handels den inlandischen Interessen nachteilig 
werden kann, wie schon erwiihnt wurde. Soweit solche Gefahren beim 
auswartigen Handel bestehen, ist es Aufgabe der ilufseren Handelspolitik, 



38 Ereter Toil. Der Handel. 

^eeigDete Schutzwehren zu errichteD. Dais iiu iibrigen der auswartige 
Handel in Gestalt des internationalen Zwischenbandels der Nation eine 
wesentliche Bereicherung verschaffen kann, ist in der Geschichte zu oft 
zu Tage getreten, als dafs es hatte iiberselien werden konnen. 

Die Frage, ob der Binnenbandel oder der auswartige Handel grofserc 
Imsatze bewirkt, lafst sich nicht allgemein beantworten. Der Zahl der 
Urasatze nach wird allerdings der Binnenbandel im allgemeinen voran- 
stehen, weil er die zahlreichen kleinen Operationen des Kleinhandels 
niit umfafst Dafs die Gesamtmenge der Umsiitze grolser ist, kann aber 
daraus nicht obne weiteres gefolgert werden. Nur an der Hand einer 
genauen Produktions- und Ein- und Ausfuhrstatistik liefse sich diese 
Frage beantworten. Der Binnenbandel hat umzusetzen die einheimische 
Produktionsmenge nach Abzug des exportierten Teiles, und er hat weiter 
die vom Iniporthandel lierangeschafften Mengen an die Konsumenten 
zu bringen. Der auswartige Handel hat umzusetzen die Ausfuhnnenge, 
die Einfuhrmenge und die im internationalen Zwischenhandel bewegten 
Mengen auslandischer Giiter, die weder als Einfuhr noch als Ausfuhr 
angesprochen werden konnen. Wenn wir alle diese Grofsen genau er- 
mitteln konnen, so lafst sich die Grofse der Umsatze natiirlich sicher 
berechnen. Da die Importmenge sowohl beim auswartigen als auch 
beim Binnenbandel erscheint, so kommt es fiir die vorliegende Frage 
nur noch darauf an, ob die inlandische Produktion nach Abzug der 
Exportmenge grofser oder geringer oder ebenso grofs ist, als die Export- 
menge und die im internationalen Zwischenhandel bewegten Massen. Die 
(testaltung unserer Handelsstatistik ermoglicht eine annahemde Fest- 
stellung der Import- und Exportmengen, wenn auch einzelne Teile sich 
der statistischen Erfassung entzieheu ; dagegen konnen wir die im inter- 
nationalen Zwischenhandel bewegten Mengen nicht genau ermitteln, und 
noch weniger liegen korrekte Produktionsstatistiken umfassender Art vor. 

Auch auf indirektem Wege, namlich an der Hand der Verkehrs- 
statistik, lafst sich eine vollig einwandfreie Scheidung nach Binnen- und 
Aufsenhandel nicht durchfiihren. Immerhin gestattet die Verkehrs- 
statistik eine Berechnung, die wenigstens einen Wahrscheinlichkeitswert 
hat. Dabei darf freilich nicht ubersehen werden, dafs im inneren Ver- 
kehr viele Versendungsmengen mehrmals gezahlt werden, weil sie mehr- 
mals in Bewcgung gesetzt werden, und dafs wieder andere Mengen 
uberhaupt nicht gezahlt werden, weil sie am Erzeugungsort in den Ver- 
brauch gelangen. Genaue Zahlenangaben sind dehalb nicht moglich. 

¥uv grofse, dicht bevolkerte Liinder mit umfangreicher eigener Pro- 
duktion darf als Kegel ein Uberwiegen der Masse der im Binnenbandel 
bewegten Waren angenommen werden. Bei kleinen I^ndern in einer 
Lage, die fiir den internationalen Zwischenhandel giinstig ist, wird der 
Aufsenhandel in der Kegel die griifsere Bedeutung haben. 



2. Kapitel. Die volkswii-techaftliche Bedeutim/a: des Ilaiidels. 39 

Weit weni^er freundlich, als der Grofshandel wird ira allgemeinen 
der Kleinbandel beurteilt, schon deshalb, weil, wie erwahnt, sowohl die 
Art seines Abnebmerkreises als aucb sacbliche Eigentiimlicbkeiten ein 
deutliches Erkennen seiner licistungen iind eine gerecbte Abwagung 
seiner Bedeutung erschweren. 

Was wirft man dem Kleinbandel vor? Zunaebst niinnit man An- 
stols an der Hobe der Vergiitungen, die dem KleinbJindler fiir seine 
Dienste gezabit werden. Man bait diese Vergiitung fiir zn boob, ent- 
weder in dem Sinne, dafs der einzelne Kleinbandler sicb zu bobe Preis- 
aufscblage erlaubt, oder aber dafs — vvenn aucb der Einzelne nur eine 
mafsige Vergiitung nimmt — docb im ganzen die Volkswirtscbaft die 
Leistungen des Kleinbandels zu teuer bezablen mufs, weil der Klein- 
bandel tiberfiillt ist und zu viel Existenzen ernlibren mufs. 

Aucb wird bervorgeboben, dafs unzulanglicbe kaufmanniscbe Fabig- 
keit und Vorbildung den Kleinbandler zu falscben oder unzweckmafsigen 
Operationen, wie z. B. zu ungiinstigem Einkauf, unverstandiger Be- 
bandlung der Waren u. dergl. fiibrt, und dafs diese Febler des Kauf- 
manns durcb bobe Preisaufscblage auf die Konsumenten abgewalzt 
werden. Weiter wird angefiibrt, dafs die Bescbaffenbeit und Reinbeit 
der Waren nicbt immer einwandfrei sei, und dafs durcb mifsbraucb- 
liche Ausnutzung des Kreditsystems die Konsumenten in Abbiingigkeit 
von dem Kaufmann gebracbt werden und sicb aucb desbalb Preis- 
aufscblage gefallen lassen miissen, die weder mit dem Umfang der 
geleisteten Dienste nocb mit der Bescbaffenbeit der Waren in Ein- 
klang steben. 

Niemand kann leugnen, dafs sicb fiir jede dicker Bebauptungeu 
tbatsacblicbe Vorkommnisse anfiibren lassen. Aber ebensowenig kann 
bei rubiger Beurteilung der Sacbe geleugnet werden, dafs man solcbe 
Vorkommnisse nicbt verallgemeinern und unterscbiedslos auf alle Klein- 
bandler ttbertragen darf. Es giebt eben innerbalb des Kleinbandels so 
verscbiedene Elemente , dafs von einer Gleicbartigkeit de« Verbaltens 
scblecbterdings nicbt die Rede sein kann. 

Soliden und tiicbtig geleiteten Kleinbandelsbetrieben kann nacb den 
Untersucbungen, die auf Veranlassung des Vereins fiir Sozialpolitik 1888 
erschienen sind, und nacb den Ergebnissen der Beratungen des Vereins 
dariiber der Vorwurf nicbt gemaebt werden, dafs sie zu bobe Preis- 
forderungen durcb ungescbicktes Vorgeben, durcb Mifsbraucb des Kredites 
u. dergl. mebr berbeifiibren, und dafs sie sicb im ganzen ibre Vermittler- 
arbeit zu teuer bezablen lassen. Dafs bei einzelnen Artikeln die^se Ver- 
giitung bober ist, als bei anderen, verstebt sicb von selbst. Es kommt 
aber bei der Beurteilung auf die Gesamtziffern an, da die zablreicben 
Dienste, die der Kleinbandler dem Konsumenten Icistet, nicbt jeder fiir 
sicb bebandelt werden kihmen. Selbstverstjindlicb ist es aucb, dafs die 



40 Ereter Teil. Der Handel. 

VergiituDgen fiir dieDienste des Handels beim Kleinhandel ini allgenieinen 
verhaltnismafsig hoher sein miissen, als beim Grofshandel. Dafs sie 
aber im ganzen zu hoch sind gegenuben den Dieosten , die in Frage 
kommen, lafst sieh nicht allgeniein behaupten. Die oben erwahnten 
Untersuchungen haben ergeben, dafs die Gesamtvergiitung, die der einzelne 
Haushalt dem Kleinhandler jahrlich zu zahlen hat, doch verhaltnismafsig 
gering ist gegeniiber der Arbeit, die der Kaufmann behufs Heranschaffung 
und Lagenmg der zahb-eichen einzelnen Waren.aus aller Herren liinder 
auf sich nehmen mufs. Der einzelne Konsuraent wiirde diese Arbeit 
schwerlich ebenso billig leisten konnen, ganz abgesehen von den sach- 
lichen Schwierigkeiten, die ihm dabei als Nichtfachmann entgegentreten. 
Bei einzelnen wenigen Bedarfsgegenstanden mag der Konsument ohne 
den Kleinhandel fertig werden; fiir die Gesamtheit seiner zahlreichen 
Ikdarfsartikel ist ihm das unmoglich. 

Dafs bei weniger soliden nnd weniger gut geleiteten Betrieben raehr 
Grund zur Klage vorhanden ist, und dafs aueh das grotse Heer kleiner 
und kleinster Handler, die erst aus zweiter, dritter oder vierter Hand 
einkaufen, eine an sich vermeidliche Verteuerung der Waren hervorrufen 
kann, soil damit nicht geleugnet werden. 

Mit diesen Erwagungen ist nun freilich die Frage noeh nicht ent- 
schieden, ob die Volkswirtschaft im ganzen nicht die Dienste des Klein- 
handels zu teuer bezahlen mufs, weil wegen der Uberfullung desselben zu 
viele Existenzen emiihrt werden miissen. Audi auf diese Frage lafst sich 
keine allgemeuie Antwort geben. Bis jetzt hat noch Niemand die Fomiel 
gefunden, nach der man berechnen konnte, wneviel Einwohner mindestens 
auf einen Kleinhandelsbetrieb entfallen miissen, wenn die zweckmafsige, 
ununterbrochene und reichhaltige Bedarfsversorgung, die der Konsument 
heute beansprucht, mit dem geringsten Gesamtaufwande, der moglich ist, 
also in der wirtschaftlichsten Weise, bewirkt werden soil. Auch kiinftig 
wird eine solche Formel nicht zu finden sein. Fehlt sie uns aber, woran 
sollen wir die Verhaltnisse messen, wenn wir wissen woUen, ob zu viel 
Kleinhandler vorhanden sind? Man konnte sagen: an der wirtschaft- 
lichen Lage der Kleinhandler selbst; geht es ihnen schlecht, so hat der 
Einzelne eben nicht mehr ein geniigendes Arbeitsfeld. Aber wann geht 
es dem Kleinhander schlecht V An welchem Mafsstabe konnen wir seine 
wirtschaftliche I^age messen? Nicht einmal die Konkursstatistik ermog- 
licht uns den Schlufs auf eine Uberfullung des Kleinhandels, solange 
uns nicht die einzelnen Konkursursachen bekannt sind. In air diese 
Dinge spielen so viele personliche und statistisch gar nicht erfafsbare 
Faktoren hinein, dafs man mit allgemeinen Schlufsfolgerungen aufserst 
vorsichtig sein mufs. Im einzelnen Falle berechtigen uns wohl gewisse 
Anzeichen dazu, eine Uberfullung anzunehmen. Jede allgemeine derartige 
Behauptung aber nohwebt in der Luft. 



2. Kapitel. Die volkswirtecbaftliche Bcdeutiiiig dcs Handels. 41 

Die weiteren Vorwurfe, die gegeii den Kleinhandel gerichtet werden, 
gehen dahin, dafs seine Preise sich zu wenig and zu langsam den Ver- 
schiebungen der Grofshandelspreise anpassen, entweder weil die Klein- 
handler eine solche Anpassung nieht wollen, oder weil sie dieselbe nielit 
durchfiihren konnen. Soweit sie die Anpassung nicht durcbfuhren konnen, 
ist ein Vorwurf gegen die Kleinhandler personlieh nicbt zu erheben, 
sondern konnte sich nur richten gegen die ganze Organisation der Be- 
darfsvermittlung. Nur soweit, als die Kleinhandler die Anpassung unter- 
lassen, obwohl sie dieselbe durchfiihren konnen, wiire ihnen daraus ein 
Vorwurf zu machen. 

Die oben erwahnten Untersuchungen und Verhandlungen des Vereins 
fiir Sozialpolitik haben naturgemaXs nur einen kleinen Ausschnitt der 
thatsachlichen Verhaltnisse beleuchten konnen. Fur diesen Ausschnitt 
aber haben sie ergeben, dafs in tiichtigen und soliden Geschiiften ini 
grofsen Durchschnitte die Kleinhandelspreise sich denen des Grofsver- 
kehrs anpassen. AUerdings machen die Kleinhandelspreise nicht jede kleine 
Schwankung der Grofshandelspreise mit und hinken vielfach den letzteren 
nach, und weiter kommt die Verschiebung im Grofshandel meist nur 
teilweise im Kleinhandel zum Ausdruck. Im ganzen vibrieren deshalb 
die Kleinhandelspreise weniger oft und weniger heftig; aber die nach- 
haltigen Verschiebungen der Grofshandelspreise kommen doeh im wesent- 
lichen in der Preisbewegung des Kleinhandels zum Ausdruck. Es fehlt nicht 
an Beispielen dafiir, dafs eine Preiserhohung im Grofshandel die Preise 
des Kleinhandels verhaltnismafsig noch starker gesteigert hat; aber es 
fehlt auch nicht an Belegen dafiir , dafs der Konsument die Erhohung 
der Grofshandelspreise nur zum Teil hat auf sich nehmen miissen. Ja 
es laBsen sich thatsachliche Falle genug anfiihren, in denen die Konsu- 
menten die Erhohung der Grofshandelspreise iiberhaupt nicht liaben 
spiiren miissen, und in denen zeitweilig die Preise des Kleinhands unter 
denen des Grofshandels blieben. 

Hier zeigt sich deutlich, dafs iiberhaupt die Stellung des Klein- 
handlers zur Preisbewegung weniger frei ist als die des Grofshiindlers. 
Die Abnehmerkreise des Kleinhandels driingen selbst auf eine gewisse 
Stetigkeit der Preise bin, und der Kleinhandler mufs sichj dem an- 
passen, weil er bei einer Preiserhohung, auch wenn er vorher die Preise 
heruntergesetzt hatte, leicht Kunden verliert. Der Kleinhandler hat iiber- 
dies auch mehr mit den bei der Preisgestaltung mitwirkenden lokalen 
Verhaltnissen zu rechnen. Das Verhalten der Abnehmer begiinstigt viel- 
fach direkt eine stetigere Haltung der Preise. Wo z. B. im Kleinhandels- 
verkehr der Kredit regelmafsig in Anspruch genommen wird, also der 
Kleinhandler langsamer seine aufgewendeten Kosten ersetzt bekommt, 
miissen naturgemaXs die Preise langer auf demselben Stande verharren. 
Auch die Gewohnung der Konsumenten an bestimmte Preise fiir gewisse 



42 Erstcr Tcil. Der Haudel. 

Warensorten, deren feinere Unterscheidung den ineisten Konsumenten 
nicht gelaufig ist, drangt in dieselbe Richtung. 

Dazu kommt, dafs der Kleinhandler im Verhaltnis mehr und langer 
Lager halten, also auch langer niit den alten Einkaufspreisen reclinen 
muls, als der Grolshandler, und deshalb selbst manche Verschiebungen 
im Grofshandel gar nicht verspiirt. Des weiteren ist zu beach ten, dais 
die laufenden allgemeinen Unkosten von den Verschiebungen der Grofs- 
handelspreise ganz unberiihrt bleiben. Je hoher diese Kosten sind, desto 
geringer niufs der Einfluls der Schwankungen der Grofsbandelspreise 
auf die Kleinhandelspreise sein, sodals von vornherein im allgemeinen 
die Verschiebungen des grolsen Marktes nur in abgeschwachter Form 
beim Kleinverkehr rait den einzelnen Konsumenten zu Tage treten konnen. 
Diese Abschwiichung wird noch vergrolsert dadurch, dais der Kleinhandel 
mit sehr kleinen Einzelmengen beim Verkauf zu thun hat Die Ver- 
schiebungen des Grofsliandelspreises f iir 1 00 kg oder fUr 1 t machen bei 
der Einzelmenge, die im Kleinhandel verkauft wird, oft nur einen kleinen 
Bruchteil eines Pfennigs aus und werden deshalb ignoriert 

Was man billigerweise von der Preisgestaltung im Kleinhandel 
verlangen kann, ist hiernach nicht die voile Anpassung an die Bewegung 
der Grofshandelspreise, sondern nur die abgeschwachte Anpassung an 
grofse und nachhaltige Verschiebungen im Grofsverkehr. Diese Forderung 
aber wird, soweit Untersuchungen vorliegeu, im wesentlichen von soliden 
und gut geleiteten Kleinhandelsbetrieben erfiillt. 

Auch hier darf naturlich nicht vergessen werden, dafs im Klein- 
handel sehr verschiedenartige Betriebe stecken. Kleine und kleinste, 
nicht sachverstandig oder nicht solide geleitete Winkelgeschafte werden 
ein anderes Ergebnis wie in Bezug auf die Ilohe, so auch in Bezug auf 
die Bewegung der Preise zeigen. 

Eine besondere Stellung nehmen in dieser Beziehung die Geschafte 
ein, die standig fur alle Warcn denselben Preis verlangen (50 Pf.-, 1 M.-, 
3 M.-Bazare u. s. w.). Da die Einkaufspreise der Waren schwanken, so 
ist die VermittlungsgebUhr, die sich aus dem standig festgehaltenen Ver- 
kaufspreis ergiebt, bald hoher, bald geringer, vorausgesetzt, dafs die 
Handler diesen Verschiebungen nicht durch Anderung der Beschaffen- 
heit der Ware ausweichen. Eine Anpassung der Preise an die Ver- 
schiebungen des Grofsmarktes findet hier selbstverstiindlich nicht statt. 

Ein Teil de« Kleinhandels bleibt von den besprochenen Vorwurfen 
der Konsumenten meist verschont, niimlich derjenige, welcher in den 
Grofsmagazinen (Warenliausern) durchgefuhrt wird. Es ist schon ge- 
sagt worden, dats diese Form des Kleinhandels die technische Arbeits- 
teilung an Stelle der Berufsgliederung in den Vordergrund schiebt und 
so gewisse Nachteile einer weitgehenden beruflichen Arbeitsgliederung 
des Kaufmannshandels aufhebt. Sie bietet den Konsumenten die Mog- 



2. Kapitel. Die volkswirtechaftlicho Bcdcutung ties Plandels. 43 

lichkeit, in bequemer Weise iimerhalb glanzend ausgestatteter Eiiunie die 
verechiedensten Bediirfnisse zu decken, denn sie konzentriert gewisser- 
matsen eine grofse Zahl von Specialgeschaften an einer Stelle und in 
einer Hand^ Aber sie ruft — vvie sclion gezeigt — dadurcb aucb fur 
den entfernt wohnenden Teil der Konsumenten wieder gewisse Unbe- 
quemlichkeiten hervor. Aufserdem liegt in der grolsen - in der Praxis 
oft viel zu weit getriebenen — Mannigfaltigkeit der Waren eine gewisse 
Gefahr. Je grofser die Mannigfaltigkeit der Waren ^ desto schwerer ist 
68 fiir den Untemehnier, noeh selbst einen Uberblick iiber das Oanze zu 
behalten, desto grofser aucb seine Abhangigkeit von der Zuverlassigkeit und 
kaufmannischen Tuchtigkeit seiner Abteilungschefs, desto leichter konnen 
sich Mifsbrauche ausbilden. Auch darf wohl angenoniuien werden, dafs 
ein tiichtiges, binreicbend kapitalkraftiges Specialgescbaft in der Pflege 
und Bebandlung seines besonderen Artikels noch mehr leisten kann, als das 
Warenhaus, bei welcbem dieser Zweig nur einer unter sehr vielen ist. 
Schon aus diesen Griinden kann man die Grofsmagazine nicbt sehlecbthin 
als die rationellste Form des Kleinbandels bezeichnen. 

Immerbin aber bringen sie fiir einen Teil der Konsumenten un- 
mittelbar eine erheblicb grofsere Bequemlicbkeit mit sicb, und fiir die 
entfernt wohnenden Konsumenten lassen sich die Unbequemlichkeiten der 
Bedarfsdeckung durch ausgiebige Benutzung der Packetpost und anderer 
Verkehrseinrichtungen wesentlich abscbwachen. 

Nicbt zu leugnen ist femer, dafs die Grofsmagazine gewisse tecb- 
nische Vorzuge vor dem zersplitterten Kleinbandel aufweisen. Die Zu- 
sammenfassung vieler Specialgescbafte an einer Stelle und in einer Hand 
ist an sich geeignet, die allgemeinen Geschaftsunkosten zu vermindern, 
weil viele Ausgaben, die sich bei der zersplitterten Form des Betriebes 
in jedem einzelnen Geschaft wiederholen, jetzt nur einmal gemacht werden 
miissen. Dazu kommt, dafs diese Betriebe sich als kapitalkraftige Grofs- 
betriebe darstellen und sich deshalb fiir Einkauf, Transport, Lagerung, 
Bebandlung der Waren u. dergl. bessere Bedingungen verschaffen konnen, 
als viele kleine Kaufleute. Der (irofsbetrieb verleugnet auch bier die 
Vorziige, die ihm in vielen Beziehungen anhaften, nicbt. Diese Um- 
stande und dazu der regere Umsatz ermoglichen es an und fiir sich, dafs 
die Vergiitungen, die fiir die Dienste des Kaufmanns zu zahlen sind, 
sich auf einer geringeren Hohe halten konnen als bei den zersplitterten 
Geschaftsbetrieben. So weit das eintritt, mufs man darin vom Standpunkt 
der Volkswirtschaft aus einen Fortschritt erblicken, der gerjide den Kon- 
sumenten zu Gute kommt. 

Die Inanspruchnahme des Kredites bei Beschaffung der taglichen 
Bedarfsgegenstande ist bei den Grofsmagazinen nicbt unbedingt ausge- 
schlossen, aber so schwer durchzufiihren, dafs dieselben erkliirlicher- 
weise iiberall zum Prinzip der Barzahlung haben iibergehen miissen. 



44 Ereter Toil. Der Handel. 

Das mag eiDzelnen Konsunienten iiu Anfang unbequem sein, auf die 
Dauer wirkt es giinstig auf ihr wirtschaftliches Verhalteii ein, und man 
kann mit gutem Grunde hier von einer gewissen erzieherischen Wirkung 
reden, die bei einem Teil der zersplitierten Kleinbandlungen feblt. 

Auch darf anerkannt werden, dafs die Grofsmagazine das Eindringen 
ungeeigneter und nicht geniigend geschulter Krafte in den Kleinhandel 
erschweren und dainit einem Milsstand entgegenarbeiten, der sich bisher 
im Kleinhandel in sehr empfindlicher Weise fiihlbar gemacht bat, 

Fiir die Angestellten des Handels bieten die Grofsbetriebe ebenfalls 
manche Vorzuge. Milsstande ihrer Lage und Behandlung konnen sich 
bei solehen Betrieben, die durchaus im Lichte der Offentlichkeit stehen, 
sehwerer entwickeln als bei Einzelgeschiiften , auf die weniger geachtet 
wird. Die Arbeitszeit der Angestellten insbesondere lafst sieli in den 
(Trolsbetrieben leichter auf ein verniinftiges Mafs einschranken. Was be- 
zuglich der einzelnen Kleinbandlungen bisher meist vergeblich angestrebt 
wurde, die Verkiirzung der Arbeitszeit, ist in manchen Grofsmagazinen 
schon freiwillig durchgefiihrt. Sie haben die Maeht, auch in dieser Be- 
ziehung auf die Konsumenten einzuwirken und sie zu veranlassen, dafs sie 
ihre Einkiiufe auf kiirzere Zeit zusammendriingen. Allerdings mufs in 
den Grofsmagazinen in der kiirzeren Arbeitszeit auch intensiver gearbeitet 
werden. Aber darin liegt kein Nachteil, und die Angestellten selbst ziehen 
es in der Regel vor, die kiirzere Zeit hindurch angestrengt zu arbeit^n 
und dann frei zu sein, als vom friihen Morgen bis zum spaten Abend 
zvvar weniger angespannt, aber doch an das Geschaft gefesselt zu sein. 
Die Besoldungsverhaltnisse konnen in den Grofsbetrieben eher giinstig 
gestaltet werden, weil die finanzielle Leistungsfahigkeit der Untemehmer 
und die Anspriiche an ihre Angestellten grofser sind, als bei einem be- 
triichtlichen Teil der Einzelgeschiifte. l^berdies miissen die moralischen 
Anforderungen an die Angestellten hier sehr hoch gespannt werden und 
deshalb auf die Dauer auch in den Besoldungen einen ents[)rechenden 
Ausdmck finden. Durch Wohlfahrtseinrichtungen verschiedener Art, 
durch die gerade hier verhaltnismiifsig leicht anwendbare Gewinnbeteili- 
gung der Angestellten kann in den Grofsbetrieben des Kleinhandels ein 
giinstiger Einflufs auf die Gesamtlage der Angestellten eher ausgeiibt 
werden, als es in der Regel dem einzelnen kleinen Kaufmann moglich ist 
Zudem verheifst die hiihere wirtschaftliche Widerstandsfahigkeit der 
Grofsbetriebe auch eine stiindigere Arbeitsgelegenheit fiir die Angestellten. 

Das sind wichtige soziale Wirkungen, die man nicht unterschatzen soil, 
Allerdings reifst dann auch auf der anderen Seite der Zusammcnbruch eines 
Grofsmagazins viel mehr Existenzen in den Abgnmd, als der Untergang 
eines kleinen Einzelgeschafts, und iiberhaupt miissen diese Voiteile durch 
Verzicht der Beteiligten auf selbstjindige kaufmiiimische Unternehmerthatig- 
keit I'rkauft werden, was in sozialer Beziehung nicht oline Bedenken ist. 



2. KapiteL Die volkswirtschaftliche Bedeutuiig des Handels. 45 

Die vorstehenden Darlegungen lassen das ^instige Urteil vieler 
Nationalokonomeu uber den Grundgedanken der Grofsmagazine im vvesent- 
lichen als berechtigt erscheinen und erklaren audi zugleich die That- 
sache, dafs die Konsumenten im allgeineinen iiber die neue Forni des 
Kleinhandels nicht klagen. Desto lauter crtonen die Klagen der Klein- 
handler iiber die Gefahrdung ihrer Existenz durch die Grofsmagazine. 
Immer von neuem wird bervorgehoben, dais zahlreiche kleine Kaufleute 
durch die Grofsmagazine bei Scite geschoben werden. Man mufs das 
in der Hauptsache als richtig anerkennen. Die Grofsmagazine sind in so 
wichtigen Beziehungen dem zersplitterten Kleinhandel so iiberlegen, dafs 
die letzteren der neuen Konkurrenz oft nicht gewachsen sind. Gerade in 
den Klagen der Kleinhandler iiber die Konkurrenz der Grofsmagazine 
liegt die biindige Anerkennung dafiir, dafs — vom volkswirtschaftlicben 
Standpunkt und vom Standpunkt der Konsumenten aus — die Grofs- 
magazine einen wichtigen Fortschritt darstellen. Der Kampf zwischen 
den beiden Formen des Kleinhandels ist nicht nur ein Kampf zwischen 
Grofsen und Kleinen, sondem audi ein Kampf zwischen neuen und 
alten Betriebsformen. 

Die in ihrer Existenz bedrohten Vertreter der alten Betriebsformen 
haben oft behauptet, dafs der Konkurrenzkampf von Seiten der Grofs- 
magazine nicht mit ehrlichen Mitteln durchgefUhrt werde. Die Waren 
soUen vielfach von zweifelhafter Beschaffenheit sein, sodafs die Kon- 
sumenten geschadigt wiirden, durch einzelne besonders billige Artikel 
sollen die Kaufer angelockt werden, um ihnen nachher bei anderen 
Artikeln desto hohere Preise abzunehmen, u. s. w. 

Wer die Ent>vicklung ruhig verfolgt, wird zugeben miissen, dafs 
Bolche Dinge vorgekommen sind; aber den Beweis, dafs sie sehr liaufig 
sind und zu einem allgemeinen absprechenden Urteil iiber die Grofs- 
magazine berechtigen, hat noch Niemand erbringen konnen, und ich 
zweifle, dafs das spater gelingen sollte. Vor falschen Verallgemeinerungen 
mufs man sich auch bier unbedingt hiiten. Soweit unehrliche Mittel 
in diesem Kampfe angewendet werden, ist es Sache der inneren Handels- 
politik, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Soweit aber mit ehr- 
lichen Mitteln gekampft wird, sind alle Mafsregeln unberechtigt, die zu 
einer Gefahrdung oder Vernichtung der neuen Betriebsform fiihren konnen; 
auch die grofste Anteilnahme an der in der That schwierigen Lage 
vieler kleiner Kaufleute darf nicht dazu verleiten, eine an sich berechtigte 
Ent^vicklung kiinstlich uninoglich zu machen. 

Der Wanderhandel in seiner alteren Form (Hausierhandel, Markt- 
und Mefshandel) und in seiner neueren Ausgestaltiing (Wanderlager) 
ist auch unter den heutigen Verhaltnissen nicht einfach von den im § I 
dargelegten Wirkungen des Handels auszuschliefsen. Auch er dient 
dazu, die Trennung zwischen Produzent und Konsument zu iiberwinden. 



46 Krstcr Teil. Der Handel. 

Seine Eigentiimlichkeit, das Aufsuchen der Abnehmer, vvahrend der sels- 
hafte Handel sie normalerweise in seineni Geschaftslokal erwartet, mufs 
dem Wanderhandel iiberall da eine besondere Bedeutung verschaffen, 
wo die geringe Leistungsfahigkeit des Verkehrswesens und die geringe 
Dichrigkeit der Bevolkerung eine Bedarfsversorgung vennittelst fester 
Verkaufslokale erschwert oder unmoglich macht Fur die Lander der 
europaischen Kultur ist diese Voraussetzung in der Hauptsache nicht 
mehr gegeben. Aber audi in den hochentwickelten Landem giebt es 
immer noeh Gebiete, die an den modernen Verkehr nicht geniigend an- 
geschlossen sind und eine zerstreut wohnende dunne Bevolkerung auf- 
weisen und deshalb sefshaften Kaufleuten kein geniigendes Arbeitsfeld 
bieten. In solchen Fallen hat der Markthandel und noch mehr der 
Hausierhandel eine wichtige Stellung in der Bedarfsversorgung, jener, 
weil er gelegentlich grofsere Warenvorrate der aus der Umgegend zu- 
sammenstronienden Bevolkerung bietet, dieser, weil er den Konsumenten 
die Beschaffung vieler Bedarfsartikel init einer gewissen Regelmafsig- 
keit in bequenier Weise ennoglicht Selbst in den grofseren Stadten 
haben diese beiden Fomien des Wanderhandels noch eine gewisse Be- 
deutung und Berechtigung. Durch hausierartigen Betrieb werden Butter, 
Obst, Spargel, Geniiise, Gefliigel u. s. w. durch Bewohner der Um- 
gegend von Hans zu Ilaus gebracht, und so wird der Bezug soldier 
Gegenstande den Konsumenten iiufserst bequem gemacht. In grofserem 
Stile dieuen einem gleichen Zwecke die lokalen Wochenmiirkte; aber 
sie haben dabei einen wichtigen Vorzug vor dem hausiennafsigen 
Einzelbetrieb. Bei diesem findet ein unmittelbarer Wettbewerb der Ver- 
kaufer und die Ausstellung der Waren verschiedener Verkaufer nicht 
statt Der Hausierer ist isoliert und bewirkt auch seine Abschliisse in 
volliger Isolierung. Darin liegt eine Gefahr. Der Konsument kann 
dadurch leichter veranlalst werden, Preise zu zahlen, die den Verhaltnissen 
nicht entsprechen. Der Einflufs der Konkurrenz der Verkaufer auf die 
Preise kommt ihm nicht vollig zu gute. Auch ein Vergleich mit anderen 
Waren hinsichtlich der Beschaffenheit ist ihm dabei nieist nicht moglich. 
Fehlt ihm die Fiihigkeit zur Beurteilung der Beschaffenheit, so kann er 
dadurch benachteiligt werden. 

Bei den Wochemiiarkten liegt die Sache in beiden Beziehungen 
fur den Konsumenten gunstiger, nur muls er dafur audi die Umstand- 
lichkeiten und den Zeitverlust des Weges zum und vom Markt und die 
Arbeit des Wegschaffens der gekauften Gegenstande auf sich nehmen 
oder auf seine Kosten bewirken lassen. Die dem Kleinverkehr mit 
dem Konsumenten dienenden Wochenmiirkte, die ubrigens vielfach an 
jedem Wochentage abgehalten werden, sind nicht selten nach Waren- 
gattungen raumlich getrennt (Fischmarkt, Gemlisemarkt, Gefliigelmarkt, 
Blumenmarkt u. s. w.). In dieser Gliederung liegt fiir den Konsumenten 



2. Kapitel. Die volkswirtsehaftliche Bedeutung des Handels. 47 

der Nachteil, dafs mehr und langere Wege zuriickgelegt werdeii miissen, 
aber auch der Vorteil, dafs ihm ein besserer Uberblick iiber die Markt- 
lage des Specialartikels des einzelnen Marktes ermoglicht wird, und dafs 
die Konkurrenz unter den Verkaufern lebhafter ist 

Eine Weiterbildung in entgegengesetzter Richtung, also in der Rich- 
tung einer grofseren Zusammenfassung verschiedener Warenarten liegt 
in den Markthallen vor, wie sie sich neuerdings in den grofseren Stiidten 
entwickelt haben. Hier ist zwar an sich auch eine Specialisierung unter 
gleichzeitiger raumlicher Trennung nioglich, aber thatsachlich drangen 
sich meist in den Marktliallen die Verkaufer verschiedener Produkte zu- 
sammen, die dann aber oft innerhalb der Markthalle gruppenweise nach 
den Warenarten gegliedert sind. Dies letztere Verfahren vereinigt ge- 
wisse Vorteile des speciellen niit solchen des allgenieinen Marktes. Dazu 
kommt dann noch bei alien Markthallen der aufsere — auch in hygie- 
nischer Beziehung wichtige — Schutz gegen storende Einfliisse der 
Witterung, gegen Staub u. s. w. 

Dem Klein verkehr dienen auch die Jahrmiirkte, die in langeren 
Zwischenraumen eine grofsere Zahl von Verkaufem verschiedener Waren 
zusammenfiihren. Ihr Ursprung fiihrt auf kirchliche Feste und sonstige 
Anlasse zu grofsereni Zusammenstronien der Menschen zuriick, und 
daraus erklart es sich auch, dafs sie in der Regel mit Volksbelustigungen 
aller Art verbunden waren und sind. In friiheren Zeiten geringerer 
Verkehrsentwicklung und geringerer Volksdichtigkeit batten auch die 
Jahrmarkte eine erhebliche Bedeutung fiir Bedarfsversorgung. tJberdies 
waren sie ein wirksames Mittel, den durch allerlei Vorrechte geschiitzten 
stadtischen Gewerbetreibenden neue Anregungen zu geben und sie durch 
zeitweilige starkere Konkurrenz vor Stillstand und Schlendrian zubewahren. 
Die mittelalterliche sUidtische Gewerbepolitik hat gerade aus dieseni 6e- 
sichtspunkt heraus nicht selten die Zoll- und sonstigen Absperrungsmafs- 
regeln gegen fremde Zufuhren zu Gunsten des Marktverkehrs durchbrochen. 
TIeute sind in den Landem europaischer Kultur die alten Anlasse fiir 
die Entwicklung der Jahmiarkte in der llauptsache verschwunden. Dafs 
trotzdem die Jahrmarkte nicht aufgehort haben, ist ein Kennzeichen des 
grofsen Beharrungsvermogens alter Volksgewohnheiten. 

Die Markte, die sich in grofseren Zwischenriiunien wiederholten, 
dienten in friiheren Jahrhunderten auch dem Grofsverkehr. Sie wurden 
und werden in diesem Falle vielfach als „Messen'^ bezeichnet, wenngleich 
der Name Messe auch wohl fiir die dem Kleinverkehr gewidmeten Markte 
gebraucht wird. Die Messen, deren Entwicklung im einzelnen hier iiber- 
gangen werden kann, haben ihre friihere Bedeutung ebenfalls verloren, 
und soweit noch Markte unter dieser Bezeichnung gehen, dienen sie jetzt 
in den Staaten europaischer Kultur meist mehr dem Klein- als dem 
Grofshandel. 



48 Ereter Toil. Der llandcl. 

Dem Grofshandel sind auch verschiedene, periodiscli wiederkehrende 
Specialmarkte fiirVieh, Pferde,Wolle u.s.w. gewidmet Ihre Bedeutung liegt 
naraentlich in der Ausstellung der Erzeugnisse einer grolseren Zahl von 
Produzenten neben einander und in dem dadurch ermoglichten besseren 
Uberbliek iiber die Marktlage. Fiir eine Reihe wichtiger iiberseeischer 
Bedarf sartikel , wie z. B. fiir Wolle, Baumwolle, Kaffee u. s. w., haben 
sich neuerdings in den Ilaupteinfuhrhafen periodische Versteigerungen 
entwickelt, die ebenfalls dem Grofsverkehr dienen. Noch wichtiger sind 
in dieser Beziehung die moderaen Borsen, die an anderer Stelle naher 
zu besprechen sind. 

Dais der Wanderbandel in Gestalt des Hansierhandels und des Markt- 
oder Melshandels in den Landem geringerer Kultur auch heute noch 
eine sehr grofse Bedeutung beanspruchen kann^ ergicbt sich aus dem 
Gesagten von selbst. 

Was die ^Wanderhiger^' aulangt, so kommen liier ganz andere Ge- 
sichtspunkte in Betracht, als beim Hausierhandel und Markthandel. 
Haben diese auch heute noch zum Teil die Aufgabe, entlegenen und diinn 
bevolkerten Gegenden die Bedarf sversorgung zu erleichtern, so kommt 
das bei den Wanderlagern nicht in Frage. Die Wanderlager suchen 
nicht die entlegenen Gegenden, sondern gerade die grofsen Stadte auf, 
in denen die Bedarfsversorgung ohnehin schon geniigend entwickelt ist, 
und in denen auch wegen der lebhaften Konkurrenz der sefshaften 
Kaufleute und Gewerbetreibenden kein Bediirfnis besteht, durch gelegent- 
liche Zufuhren fremder Erzeugnisse neue Anregungen zu geben. Ein 
volkswirtschaftliches Bediirfnis fiir Wanderlager ist nicht anzuerkennen. 
Dem Konsumenten niitzen sie in der Kegel auch nicht, da die Beschaffen- 
heit ihrer Waren vielfach sehr zweifelhafter Art ist, und da sie sich oft 
darauf werfen, sonst unverkaufliche Ramsch waren an den urteilslosen 
Teil der grofsstiidtischen Bevolkerung abzusetzen. Durch anscheinend 
billige Preisgestaltung locken sie die Kaufer fiir solche Waren an, und 
unreellc Machenschaften sind dabei nicht gerade selten. Von den an- 
sassigen Kaufleuten werden sie deshalb — und zwar in den aller- 
meisten Fallen mit Recht — als eine unsolide Sehleuderkonkurrenz be- 
kampft. 

Die sefshaften Kaufleute luachen freilich auch gegen die iibrigen 
Formen des Wanderhandels — soweit er dem Kleinhandel dient — Front 
und betonen nachdriicklich , dafs es in wirtschaftlicher und auch in 
sozialer Beziehung wichtiger sei, den sefshaften Kleinhandel lebensfahig 
zu erhalten, anstatt veraltete und iiberfliissige Formen des Kleinhandels 
zu konservieren. Darin liegt etwas Richtiges, und soweit der sefshafte 
Kleinhandel ebenso gut und ebenso billig oder noch besser und billiger 
die Bedarfsversorgung vermittelt, mufs man solchen Erwiigungen zu- 
stimmen. Nur muts man sie nicht verallgemeinern, da es thatsachlieh in 



2. Kapitel. Die volkswirtecliaftliclie Bedeutuug dos H«aiidels. 49 

den Kultui-staaten noch Falle ^enug giebt, in denen Ilausier- und Markt- 
handel den Bediirfnisseu des Konsumenten an sich besser entsprechen. 

Geraeinsani ist alien Formen des Wanderhandels, dafs die Verkaufer 
einer standigen Kontrolle der Konsumenten entzogen sind. Am wenigsten 
gilt das fiir die Speciahnarkte des Grofsverkehrs und fiir die regelmiifsigen 
Wochemnarkte, da sicli liier in der Ilauptsaelie dieselben Verkaufer 
iramer wieder einfinden. Am meisten gilt es fiir die Wanderlager und 
fur einen erheblichen Teil des Ilausierhandels; von letzterem kann man 
wenigstens die Verkaufer der Produkte der nachsten Umgegend der 
Stadte als regelmafsig wiederkehrend betracbten. Der Umstand, dafs 
sich Wanderlager und meist auch Hausierer einer standigen Kontrolle 
durch die Abnehmer entziehen und iiberhaupt nur in voriibergehende 
Beziebungen zu den Abnelimern treten, birgt die Gefahr in sicb, dafs 
unreelle Machenscbaften leichter ungestraft vorgenommen werden konnen. 
Die (iefalir wird gesteigert durcb die Thatsache, dafs sich vielfach nicht 
einwandfreie Personen diesen Gescbaftsarten widmen. Beira Hausier- 
handel tritt dazu noch der Umstand, dafs zudringlicber Belastigung der 
Konsumenten und der Verleitung zu unniitzen Ausgaben ein grofser Spiel- 
raum gegeben ist. 

Die Mifsstiinde, die beim Wanderhandel eingetreten sind, recbtfertigen 
ein Eingreifen der Gesetzgebung, das sicb namentlicb gegeniiber den 
Wanderlagern in scharfe Formen kleiden kann. Ein wirkliche^ Verbot aber 
ist wenigstens in Bezug auf Markt- und Hausierhandel nicht wohl angiingig. 

Als eine Art Hausierbetrieb in modernisierter Form erscheint das 
„Detailreisen'', d. h. das Aufsuclien von Warenbestellungen bei den ein- 
zelnen Konsumenten seitens der Vertreter sefshafter Gescbjifte. Die Mog- 
lichkeit zudringlicber Belastigung und der Verleitung zu unniitzen Aus- 
gaben ist auch bier anzuerkennen. Da <aber binter dem Keisenden das 
sefshafte Gtescbaft steht, so ist die Moglichkeit einer Kontrolle durch die 
Konsumenten wesentlicb grofser. Dafs einem Teil der sefsbaften Gescbafte 
durcb das Detailreisen eine unliebsame Konkurrenz bereitet wird, ist 
nicht zu leugnen. Aber das Detailreisen scblecbtbin als volkswirtschaft- 
lich unberecbtigt binzustellen , ist nicht angiingig. Das Detailreisen 
wird aucir von eigentlichen Kleinbandelsgescliafteu betrieben und ist 
im Grunde nur die tlbertragung eines Mittels zur Absatzgewinnung, das 
im Grofsverkehr schon lange und neuerdings in erbeblich starkerem 
Mafse unbeanstandet angewendet wird, auf den Absatz im kleinen an 
den einzelnen Konsumenten. An sicb ist nicht einzuseben, weshalb fiir 
diesen Teil des Verkehrs das Aufsuclien von Warenbestellungen durch 
Reisende weniger berechtigt sein soil, als im Grofsverkehr. Nicht alles, 
was einen Teil des sefsbaften Kleinhandels unbequem ist oder ihm Ab- 
satz wegnimmt, mufs lediglich deshalb audi vom volkswirtschaftlichen 
Standpunkt aus verurteilt werden. 

VAN DER BoRGHT, Handel. i 



60 Erster Teil. Der Handel. 

Da das Detailreisen im Vergleich zu den zu erzielenden Absatz- 
mengen verhaltnismarsig holie Kosten und grolse Arbeit venirsacbt, so 
mufs man es als den Ausfluls einer gewissen Absatznot betrachten, und 
insofern kann man in der Entwicklung dieser Einrichtung eher als in 
vielen anderen Thatsaehen eine indirekte Bestatigung dafur erblicken, 
dais in einzelnen Orten und in einzelnen Geschaftszweigen der Klein- 
handel iiberfiillt ist. Eine Verallgemeinening des Detailreisens wurde als 
ein bedenkliches Symptom der Uberfiillung des Kleinhandels iiberhaupt 
gelten miissen. Gegenwartig tritt das Detailreisen aber nur als Ausnahme- 
erscheinung auf. 

Gewissen gesetzlicben Eingriffen bietet audi das Detailreisen Eauui; 
verboten werden kann es ohne Schadigung berecbtigter Interessen niclit. 

§ 3. Die Enetzong dei Kanfmannshandeli duroh andere Formen der 
Absatz- und Bezngivermittlnng. Die vermeintlicben und wirklichen Mifs- 
stande, die sich im Kaufmannsbandel gezeigt haben, oder die ibnen nacb- 
gesagt werden, haben vielfacbe Bestrebungen entsteben lassen, die darauf 
abzielen, die Dienste des Kaufmannsbandels entbehrlich zu macben. Man 
will haufig selbst die Arbeiten durebfiibren, die man friiher dem Kauf- 
mann iiberliefs. 

Im allgemeinen bedeutet da« einen Riickschritt in der Arbeitsteilung, 
wie sie sicb zwiscben Giitererzeugung und Absat^vermittlung und Be- 
darfsversorgung entwiekelt bat. Der Volkswirt ist geneigt, solche Riick- 
schritte von vomherein ungiinstig zu beurteilen. Man darf sich aber bier 
nicbt durch die Worte ^Riickschritt in der Arbeitsteilung'' beeinflussen 
lassen. Wenn dieser Riickschritt dazu fubrt, dasselbe, was der Kauf- 
mannsbandel geleistet hat, mit geringerem Aufwand ebenso gut oder noch 
besser zu leisten, als dieser, so ist das vom volkswirtschaftlichen Stand- 
punkt aus vorzuziehen; vom sozialen Standpunkt aus kann freilich die 
dabei eintretende Verdrangung selbstlindiger kaiifmiinnischer Untemehmer 
nachteilig sein. 

Ob das angegebene Ziel erreicht werden kann, mufs im einzelnen 
Falle gepriift werden. 

Bestrebungen zur Verdrangung des Kaufm^innshandels gehen sowohl 
von den Produzenten als audi von den Konsumenten aus und richten 
sich sowohl gegen den Grolshandel als auch gegen den Kleinhandel. 

Was die Bestrebungen der Produzenten anlangt, so erscheint schon 
vielfach der Fabrikhandel als ein Ausfluls dieser Bemiihungen. Um sich 
von der Vermittlung des Grolshiindlers unabhiingig zu macben, suchen 
die gewerblichen Produzenten selbst oder durch ihre Vertreter, insbesondere 
durch ihre Reisenden die Verbindung mit den Abnehmern grofserer Mengen 
zu erreichen. Um sich vom Kleinhandel unabhangig zu macben, errichten 
gewerbliche Produzenten eine grolsere Anzahl eigener Kleinverkaufsstellen, 
die unmittelbar mit den einzelnen Konsumenten in Verbindung treten sollen. 



2. Kapitel. Die volkswiilBchaftliche Bedeutuug des Handels. 61 

Ein derartiges Vorgehen ist, soweit sicli mangels eiiier entsprechenden 
statistischen Untersuclmng erkennen laTst, in den letzten Jabren hiiufiger 
von gewerblichen Produzenten eingesehlagen worden. Es liegt ja an 
sich auch nahe, dafs der Produzent den Wunsch hat, die Vermittler- 
gebuhren, die der Kaufmann bisher bezog, selbst zu verdienen. Die Frage, 
ob das fur den einzebien Produzenten zweckmafsig und voni volkswirt- 
^schaftlicben Standpunkt aus als ein Fortschritt anzusehen ist, lafst sicb 
— wie schon {lusgefiihrt — nicht allgemein beantworten. Ohne Zweifel 
giebt es viele Falle, in denen die Frage zu bejaben ist. Zeigt doch die 
praktisebe Erfahrung, dafs nicht wenige Fabrikanten den Vertrieb im 
grolsen und manche auch den Vertrieb im kleinen an die eigentlichen 
Konsumenten mit geringerem Aufwand durehfuhren, als der Kaufmann. 
Aber es fehlt audi keineswegs an entgegengesetzten Erfahningen. Man 
darf deshalb kaum anuehmen, dafs ein solches Vorgehen allgemein an- 
wendbar ist Die Art der Kundschaft, die Grofse der im einzelnen abzu- 
setzenden Meugen, der verschiedene Grad der Schwierigkeit, die Absatz- 
punkte und die Abnehmer ausfindig zu machen, alles das spielt hierbei 
eine wesentliche RoUe. Je komplizierter der kaufmannische Vertrieb ist, 
desto geringer ist die Aussicht fiir den Produzenten, den Vertrieb selbst 
durchzufiihren. Auch die Art der Waren ist dabei von Bedeutung. Je 
leichter die StUckelung der Ware ist, je bequemer sich ihre Zerlegung 
in kleine Mengen gestaltet, desto eher kann es dem Produzenten ge- 
lingen, an die eigentlichen Konsumenten selbst abzusetzen. Wer Schoko- 
ladenwaren oder Cigarren fabriziert, dem ist es wohl moglich, den Ver- 
kauf an die eigentlichen Konsumenten selbst zu organisieren. Wer Tuch 
oder Draht oder Bretter fabriziert, mufs in der Kegel da von absehen. 

Auch die Mannigfaltigkeit der Geschmacksrichtungen und dement- 
sprechend die Mannigfaltigkeit der erzeugten Warensorten ist nicht ohne 
Einflufs. Die Pforzheimer Bijoutericvvarenfabrikanten miissen sich, trotz 
der leichten Zerlegung ihrer Erzeugnisse in kleinere Absatzmengen, fiir 
den wesentlichen Teil ihres Absatzes auf die kaufmannische Vermittlung 
stiitzen, weil die uberaus grofse Keichhaltigkeit ihrer Muster und die 
sehr grofse Verschiedenheit der Geschmacksrichtung der Konsumenten 
den unmittelbaren Vertrieb an die letzteren erschwert, wenn auch nicht 
uimioglich macht 

Die Schwierigkeiten wachsen fiir den Vertrieb im grofsen und noch 
niehr fiir den Vertrieb im kleinen mit der Entfernung und Zahl der Ab- 
satzgebiete, die zur Unterbringung der massenhaften Erzeugnisse notig 
sind. Nadeln z. B. werden in der ganzen Welt gebraucht; aber gerade 
deshalb konnen die Fabrikanten, die diesen Artikcl in gewaltigen Massen 
herstellen, nicht selbst den kaufraiinnischen Vertrieb in der Hand halten. 

Das letzte Beispiel weist noch auf einen anderen Gesichtspunkt bin. 
Der Absatz an die Konsumenten liefse sich bier nur durch ein Netz 



52 Ereter Teil. Dor Handel. 

ei^ener Verkaufsstellen ermoglichen. Solcbe Verkaufsstellen wiirden aber, 
wenn sie lediglich Nadelii feilbieten, nicbt lebensfiibig sein, weil der Ab- 
8atz sicb sebr zersplittert und weil desball) die Unkosten der Ver- 
kaufsstelleii aufser allem Verbaltnis zu deni zu erzielenden Ertrage stehen 
wiirden. Nur durcb Verbindung init verschiedenen anderen Verkaufs- 
jirtikeln wiirden solehe Verkaufsstellen lebensfahig werden. Das aber 
wiirde den Nadelfabrikanten so sehr von seiner eigentlicben Aufgabe 
abdrangen, dafs schon aus dieseni Grunde Jiuf einen eigenen Vertrieb an 
die Konsunienten verziclitet werden nmfs. Hier fehlt eben die Moglicb- 
keit, Speeialgeschiifte fiir den erzeugten iVrtikel ohne unwirtschaftlichen 
Aufwand durchzufiibren. Bei Tabak, Cigarren, Zucker- und Schokolade- 
waren u. s. w. dagegen bat die Erfalining langst die Lebensfiihigkeit von 
Specialgeschaften, wenigstens in den grofseren SUidten, erwiesen, sodafs 
dem Fabrikanten die Organisation besonderer Verkaufsstellen inoglich ist. 
Auf dem platten I^nde und in kleinen Orten stehen aber aucb bei diesen 
Artikeln oft uniiberwindlicbe Schwierigkeiten entgegen. Mit anderen 
Worten, die Grenzen, die der Berufsgliederung des Kaufmannshandels 
durch die Zersplitterung und weite Verstreuung der Konsumenteukreise 
gezogen werden, konnen audi von dem Fabrikanten beim Fabrikhandel 
nicht iiberscbritten werden. 

xVus air dem muXs gefolgert werden, dafs nur unter besonders giin- 
stigen Voraussetzungen der grofsgewerblicbe Produzent die Aufgabe des 
Kaufmannsliandels ganz zu losen vermag, und dafs es nicbt mog- 
lich ist, den Kaufniann von dieser Seite her iiberhaupt entbehrlich zu 
macben. 

Bei kleingewerblichen Produzenten liegen vielfach die Verhiiltnisse 
giinstiger, da sie obnehin auf den unmittelljaren Verkehr mit den Kon- 
sumenten eines engeren Bezirks angewiesen sind, und da hier die Ver- 
lialtnisse oft geradezu zwingen, mit der Produktion den kaufmannischen 
Vertrieb zu verbindcn. Hinderlich ist hier aber nicht selten die geringe 
kaufmannische Erfahrung, Gewandtheit und Kenntnis. Bis zu gewissem 
Grade lafst sich diese Schwierigkeit durch Zusammenschlufs der klein- 
gewerblichen Produzenten zu Magazin- und Verkaufsgenossenschaften 
ausgleichen: doch ist bisher noeh verhaltnismafsig wenig davon Gebrauch 
gemacht worden. 

Mit besonderem Eifer sind die landwirfcschafthchen Produzenten be- 
strebt, sich beim Absatz ihrer Erzeugnisse von der Vermittlung des Kauf- 
mannshandels unabhangig zu machen. Dieses Streben hat sich vor- 
zugsweise in der Fonn Ausdnick vcrschafft, dafs die landwirtschaftlichen 
Produzenten sich auf genossenschaftlichem Wege zu gemeinsamem Vor- 
gehen vereinigt haben, wie denn iiberhaupt der genossenschaftliche 6e- 
danke gerade in der landwirtschaftlichen Bevolkerung in besonderem 
Umfange ver\vertet worden ist. 



2. Kapitel. Die volkswiitschaftlicho Bedcutung des Handels. 63 

Die landwirtscbaftlichen Produzenten sind dabei durcli die naturiicheii 
Yerhaltnisse in zwei Richtiin«^en gedriingt worden. Hire Erzeugnisse sind 
zum Teil Gegenstand eines umfangreiclien, inteniatiunal organisierten 
Grolshandels (vorzugsweise Getreide), zum Teil w erden sie in der nachsten 
Umgegend ini Wege des Kleinbandels abgesetzt, wie Milcb, Butter, Eier, 
Obst u. s. w. In beiden Fallen liaben die landwirtscbaftlichen Produzenten 
den Absatz selbst in die Hand zu nehmen und dadurcb ini ersteren Falle 
den Grofsbandel, ini letzteren den Kleinbandel zu verdriingen gesucbt. 

Bei der grolsen Bedeutung des Getreidebaues fur die deutscbe Land- 
wirtschaft, die ja im Getreide ibr Haupterzcugnis erblicken mufs, lag 
fiir die Landwirtscbaft unzweifelbaft ein Nacbteil darin, dafs ibr Einflufs 
bei der Bildung der Getreidepreise fast ganz ausgenierzt war, und dafs 
sie durcbaus nicbt inimer die Moglicbkeit batte, die dem Stande des Welt- 
niarktes entsprecbenden Preise zu erzielen. Der einzelne Landwirt^ nament- 
licb der kleine, zum Teil aber aucb der grofse, stand und stebt dem 
Getreidebandel so fern, dafs er sicb dem Dnick nicbt entzieben kann, 
der von den Getreideaufkaufeni auf ibn geiibt wird. Geldnot, Kredit- 
beziebungen zu den Aufkiiufern, ifannigfaltigkeit der Getreidesorten tbun 
das ilire, diesen Druck zu verstarken. 

Daber bildeten sicb — und zwar erst in der jilngsten Zeit — Ge- 
treideabsatz-Genossenscbaften, die in ibre Lagerbiiuser das absatzfabige 
Getreide der zugeborigen T^ndwirte aufnebmen und eventuell aucb be- 
leiben, und die nun djis so zusammengebracbte Getreide entweder an die 
grolsen Abnebmer fiir eigenen Bedarf, wie die Proviantiimter der Militar- 
verwaltung, oder an die bedeutenden Firmen des Getreidegrofsbandels 
obne weitere kaufmiinniscbe Vermitllung absetzen. 

Versuche in dieser Ricbtung sind zuniicbst im engeren Kreise an- 
gestellt Seit IS95 aber ist das Streben zu Tage getreten, in grorsem 
Stile den gemeinsamen Getreideabsatz zu organisieren. Die I^ndesregie- 
rungen, msbesondere die preufsiscbe, sind diesen Bestrebungen bereit- 
willig entgegengekommen. Durcb das preufsiscbe Gesetz vom 6. Juni 1896 
sind 3 Mill. M. und durcb das Gesetz vom 8. Juni 1897 w^eitere 2 Mill. M. 
zur Verfiigung gestellt, um daraus entweder Getreidelagerbauser staatlicber- 
seits zu bauen bebufs Vermietung an landwirtscbaftlicbe Genossenscbaften 
oder den Genossenscbaften niedrig verzinslicbe Darleben zur Erricbtung 
von Lagerbausem zu gewjibren. Das praktiscbe Vorgeben auf diesem 
( rebiete ist verscbieden, da man auf der einen Seite centraHsierte T^er- 
hauser fiir grofsere Bezirke, auf der anderen Seite ein Netz kleiner 
Lagerhauser anstrebt 

Man darf diesen Bestrebungen gewifs sympatbiscb gegeniibersteben, 
aber man darf ibre Bedeutung aucb nicbt iiberscbatzen. Die Einlagerung, 
Fiebandlung und Reinigung des Getreides liifst sicb mit Ililfe soldier 
I^gerbauser zwar obne Frage zwecknuifsiger durcbfiibren, als wenn jeder 



54 Ereter Toil. Der Haudel. 

Ijandwirt selbst diese Arbeiten auf sich nininit. Aber fiir die kleinen 
Landvvirte ist vielfach damit eine finanzielle Einbufse verbunden, da in 
Deutschland die einzelnen Bauern mit Schcunen zum Einlagera versehen 
sind, die nun nicht genii^end ausgeniitzt werden konnen, und da die 
Arbeiten vvjihrend des Lagerns vielfacli von dem I^ndwirt selbst und 
seinen Faniilienangehorigen geleistet zu werden pflegen, sodafs eine 
unmittelbare finanzielle Belastung daraus nicht erwachst. 

Ubrigens wird es oft noch der Anlage billiger Verkehrswege bedurfen^ 
uni deni Landwirt die Benutzung des Lagerhauses zu ermoglichen. 

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der grofsen Sortenverschieden- 
lieit des Getreides, wie es in Deutschland gewonnen wird. Das erschwert 
die I^gerung und den Verkauf im grofsen. 

Ferner ist die Befiirchtung nicht abzuweisen, dafs die Lagerhauser 
nur unmittelbar nach der Ernte voll ausgenutzt werden, ini iibrigen aber 
leer stehen werden. lUnvahrheitet sich das, so sind die Betriebskosten der 
I^erhauser relativ zu hoch, und es ist sehr fraglich, ob unter diesen 
Umstanden die Beseitigung der kaufmannischen Vermittlung beini 6e- 
treideabsatz durchgefuhrt werden kann. Es bleibt deshalb abzuwarten, 
wie sich in der Praxis diese Lagerhauser und der genossenschaftliche 
Vertrieb des Getreides bewahren werden, und ob die Ocnossenschaften die 
keineswegs leichte Aufgabe des Getreidegrofshandels bewiiltigen konnen. 

Auch beziiglich des Viehverkaufs strebt man genossenschaftliche 
Verbande an, deren Leistungsfahigkeit noch nicht zu iibersehen ist; bei 
ihnen h^indelt es sich ebenfalls urn Verdrangung des (Trofshandels. 

Die tJbernahnic der Aufgabe des Kleinhandels wird beabsichtigt 
bei einer grofsen Reihe landwirtschaftlicher Absatzgenossenschaften , die 
sich befassen niit deni Absatz von Obst, Eiem u. dergl. und vor alleni 
nut deni Absatz von Molkerciprodukten, die in den eigenen Molkereien 
der Genossenschaften gewonnen sind. Im letzteren Falle dreht e^ sich 
um Produktivgenossenschaften, die an die Stelle der zersplitterten Molkerei- 
betriebe der einzelnen Landwirte einen konzentrierten gemeinschaftlichen 
l^etrieb setzen und zugleich den Vertrieb ihrer Produkte in die Hand 
nehmen; im ersteren Falle handelt es sich um reine Absatzgenossen- 
schaften, welche nur den Vertrieb der von den Genossenschaftsmitgliedeni 
erzeugten Produkte orgauisieren. In beiden Fallen kommt vorzugsweise 
der unmittelbare Absatz an die eigentlichen Konsumenten in Frage. 
Dabei ist aber zu beachten, dafs hier weniger die Verdrangung des 
kaufmannischen Kleinhandels in Frage steht, als die zweckniilfsigere 
(iestaltung des Kleinverkaufs, der bisher schon in der Kegel von den 
landwirtschaftlichen Kleinproduzenten selbst besorgt worden war. Man 
mufs diese Umgestiiltung des Vertriebes (und der Produktion) als einen 
Fortschritt bezeichnen, der den Konsumenten eine Ware von zuverliissiger 
Beschaffenheit und den landwirtschaftlichen Produzenten einen stiindigen 



2. Kapitel. Die volkswiitschaftliehe Bedeutuug des Ilandels. 65 

Absatz zu angeniessenen Preisen sichert. Die 8tarkc Verniehrung be- 
sonders auch der Molkereigenossenschaften (nach der Statistik des ^All- 
^^euieinen Verbandes der deutschen landwirtscbaftlichen Genossenschaften'' 
von 201 im Jahre 1890 auf 486 im Jahre 1895 und auf 707 im 
Jahre 1896) ist deshalb frcudig zu begriilsen. 

Auf das Geuossenschaftswesen baben aber nicbt niir die Produzenten 
zuruckgegriffen, um selbst den Vertrieb ibrer Produkte in die Uand zu 
nehmen, sondeni aucb die Abnehmer und Konsunienten, um sieb bei ihren 
Bezugen unabbangig von der Vermittlung des Kaufnianns zu niachen. Ver- 
schiedener Art sind die hierher geborigen Organisationen. Zunacbst komnien 
in Betracht Vereinigungen von gewerblichen oder landwirtscbaftlichen Pro- 
duzenten, welche den Bezug gewisser Rob- und Hilfsstoffe besorgen woUen, 
und weiterhin Vereinigungen von Konsumenten im engsten Sinne desWortes, 
die sich Artikel de^ taglicben Bedarfs auf diese Weise verschaffen wollen. 

Die Genossenscbaften der Produzenten zum Bezuge der Rob- und 
Hilfsstoffe baben den Zweck, den Produzenten die Vorteile des Bezugs 
der Rob- und Uilfsstoffe im grofsen zu verschaffen und sie dabei un- 
abhiingig zu machen von demjenigen Teil des Grofshandels, von welchem 
sie sonst in kleinen Mengen, jeder fiir sicb, und deshalb auch zu hoheren 
Preisen bezogen baben. 

Eine Bedeutung hat das namentlich fiir die kleinen Produzenten, 
weii diese iiberbaupt nur geringe Mengen auf einmal beziehen konnen, 
wenn sie vereinzelt vorgehen. Legen sie ihren Bedarf zusammen und 
beziehen sie ihn gemeinschaftlich voni Produzenten — oder auch von 
den mafsgebenden Importeuren und anderen Handlem — , so konnen sie 
eine wesentlich giinstigere Preisgestaltung erlangen und deshalb auch 
vorteilhafter produzieren und ihre Konkurrenzfahigkeit gegen die Grofs- 
betriebe ihres Geschiiftszweiges steigem. Darin liegt ein wesentlicher 
Gewinn. Die Grofsbetriebe ibrerseits konnen dagegen, aucb wenn jeder 
fiir sich vorgeht meist so erbebliche Mengen auf einmal beziehen, dafs 
fiir sie im allgemeinen kein Anlafs vorliegt^ sich zu solchen Zwecken zu 
vereinigen. Nichtsdestoweniger kann es Falle geben, in denen auch 
fiir Grofsbetriebe der Zusammenschlufs vorteilhaft wird. Das gilt zu- 
nacbst fiir diejenigen Ililfsmaterialien, welche der Einzelne nur in ge- 
ringem Urafange gebraucht. Es kann aber auch wunschenswert sein 
bei solchen Rob- und Uilfsstoffen, die der einzelne Betrieb in grofsen 
Mengen braucht, dann mimlich, wenn die auf diese Stoffe angewiesenen 
Betriebe einem geschlossenen Vorgehen der Rob- odet Uilfsstoffproduzenten 
oder einem Ring der betr. Importeure gegeniiberstehen. In diesem 
Falle kann auch der grofse Abnehmer in eine ungiinstige Stellung ge- 
drangt werden. Schliefsen sich dann die beteihgten Abnehmer zusammen, 
so krmnen sie ihre wirtschaftliche Machtiitellung gegeniiber ihren ge- 
schlossen vorgehenden Lieferanten wesentlich verbessern. 



56 Eretor Toil. Dor Handel. 

Die gewerblichen Produzenten haben von deiii Mittel der Rolistoff- 
genossensclhiften verbaltnismafsig wenig Gebraucb gemacbt In Deutscli- 
land bat dieser Gedanke nocb am meisten Anklang gefunden. Hier 
bestanden am 31. Mai 1896: 58 und am 1. Mai 1897: 66 gewerblicbe 
Robstoffgenossenscbaften. Die landwirtBcbaftlicbe Bevr)lkerung bat sicb 
dagegen in Deutscbland aucb dieser Form der Genossenscbaften eifrig 
bedient. Am 31. Mai 1896 waren 1085, am I. Mai 1897: 1 128 landwirtschaft- 
licbe Robstoffgenossenscbaften in Deutscbland vorbanden, die iiberwiegend 
den kleineren und mittleren T^ndwirten dienen und namentlicli den Be- 
zug von Diingemitteln und Siimereien bezwecken. 

Die grofsen I^ndwirte baben sicli zu gleiebem Zwecke in der 
Diingerabteilnng der „Deutseben Landwirtscbaftsgesellsebaft'^ eine Central- 
stelle gesebaffen, die den Bezug der Diingemittel im grofsen vermittelt. 

Die Produzenten der Diingemittel stelien diesen Bestrebungen im 
allgemeinen giinstig gegeniiber, da sie in den gemeinscbaftlicben Organi- 
sationen der I^iandwirte grofse und sicbere Abnebmer finden, mit denen 
zu arbeiten leiobter ist, als wenn man den Absatz an zablreicbe Ab- 
nebmer zersplittern muTs. 

Der jiufsere Anstofs zu der umfangreicben Bildung landwirtscbaft- 
licber Bezugsgenossenscbaften darf in der Abbangigkeit erblickt werden, 
in der sicb friiber vielfacli der einzelne Landwirt gegeniiber dem liefe- 
ranten seiner Diingemittel etc. befand, namentlicb dann, wenn dieser Lief erant 
aucb gleicbzeitig der .\bnebmer fiir das Getreide des Landwirts war, 
dessen Geldgescbafte und andere gescliaftlicbe Angelegenbeiten besorgte 
und durcb all' diese Beziebungen scbliefslicb aucb die Befriedigung der 
Kreditbediirfnisse des I^ndwirts in die Hand nebmen konnte. Es ist 
nicbt zu leugnen, dafs sicb dadurcb mitunter sebr bedenklicbe Mifsstiinde 
entwickelt baben, die mit einem Mifsbraucb der Stellung des Kaufmanns 
zusammenfielen. Wo solcbe Mifsbriiucbe eingerissen sind, ist es stets an 
sicb ein berecbtigter Gedanke, sicb von der Vermittlung des Kaufmanns 
frei zu macben. Da es sicb in derartigen Fallen immer nur um die 
Heranscbaffung eines oder weniger Artikel bandelt, die regelmafsig ge- 
braucbt werden, so ist es aucb bier den Verbjinden der Abnebmer am 
leicbtesten moglicb, die Bezugs vermittlung mit Erfolg durcbzufiibren, 
umsomebr als die vereinigten Abnebmer zu einem eigenen Urteil iiber 
(Jiite und Preiswiirdigkeit des betr. Artikels wobl befabigt erscbeinen. 

Den markantesten Ausdruck desStrebens, sicb von der kaufmiinniscben 
Vermittlung beim Wafenbezug unabbjingig zu macben, mufs man in den 
K<msumvereinen erblicken, d. b. in den Genossenscbaften der eigentlicbeu 
Konsumenten bebufs gcmeinsamen Einkaufs der Bedarfsartikel des tag- 
licben Ijcbens. 

Der Gedanke, gemeinsam die Waren anstatt voui Kleinbilndler un- 
mittelbar vom Produzenten oder vom Grofsbandler zu bezieben, taucbt 



2. Kapitel. Die volkswii-techaftlichc Bedeiitiin^ ilos Haiiilcls. 57 

in den Kreisen der Kontsumonten sehr oft auf, iind leiclit traiien sich 
die Konsumenten audi zu, diese Arbeit durchfubren zu konnen, da sic 
deren tecbnische Scbwicrigkeit nicbt kennen. In sehr vielen Fallen fiibrt 
dies Streben zu gelefcentliehen Verbindungen einzelner Konsunienten 
zu dem Zwecke, von dieser oder jener Ware gemeinscbaftlich einen 
grolseren Posten zu bezieben und diesen dann unter sicb zu ver- 
feilen. Da es sieb bierbei nur uni eine oder wenige Waren handelt, 
so lafst sicb das aucb verbaltnisniafsig leiclit einricliten. Da sich aber 
anderseits nur selten eine grofsere Zaiil von Personen zu dieseni Zwecke 
zusammenfindet, so ist die dabei erzielte Erspamis nieist nur sehr gering. 
tlberdies enveist es sicb bei dem Bezuge von auswiirts oft als ein ififs- 
stand, dais man sich nicbt vorber iiber die Heschaffenbeit der Ware 
unterricbten kann. Ist der einzelne Teilnehmer genotigt, so viel von der 
gemeinsani bezogenen Ware zu entnebnien, dafs sein Bedarf fiir langere 
Zeit gedeckt ist, so wirkt da^ nicbt ininier vorteilbaft. Es wird dann 
oft nicbt si)ar8ani genug niit dem Vorrat umgegangen, oder es ist un- 
bequem, diesen Vorrat aufzubewahren, oder man verstebt nicbt, ibn ricbtig 
zu bebandeln und vor dem Verderben zu scbiitzen. Sehr baufig wird 
desbalb die Wiederbolung der ganzen Operation unterlassen. 

Was bier nur gelegcntlicb im kleincn Stile fiir einzelne Artikel ver- 
sucht wird, das wollen die Konsumvereine stiindig und in grofsem Stile 
fiir viele Artikel durchfiihrenj um so dem einzelnen Konsumenten die 
Vorteile des Einkaufs im grofsen zuganglicb zu macben. Einzelne Kon- 
sumvereine beschranken sicb aucb wobl auf einen Artikel. So sind z. B. 
Konsumvereine lediglicb fiir den Bezug von Branntwein gebildet worden, 
die obne Frage als ein Auswuchs angeseben werden miissen. In der 
Kegel aber erstreckt sicb die Tbatigkeit der Konsumvereine auf eine 
grofse Zabl von Waren. 

Die Konsumvereine, die zunacbst fiir die iirmeren Volksklassen 
wirken wollen, aber aucb auf andere Klassen iibergegriffen baben, ver- 
kaufen grundsiitzlicb nur gegen Barzablung und zwar entweder zu 
moglichst billigen Preisen oder zu den iiblicben Preisen des Kleinbandels. 
Im ersteren Falle kommt die Ersparnis, die durcb den gemeinscbafdichen 
Einkauf grofserer Mengen erzielt werden kami, den Mitgliedem unmittelbar 
zu gute. Im zweiten Falle wird ein T'berscbufs erzielt und nacbtniglicb 
an die Mitglieder verteilt und zwar in der Kegel nacb Mafsgabe des 
Umfangs der Emkaufe, die von dem Mitgliede im abgelaufenen Betriebs- 
jabr bewirkt sind. Dieser Weg der ITberscbufsverteilung scbliefst sicb 
an das beriibmte Beispiel der „redlicben Pioniere von Kochdale'' an, die 
durcb ibre glanzenden Erfolge der ganzen Bewegung wesentlich Vorscbub 
geleistet baben. Da in dem Verfabren ein grofser Keiz fiir die iritglieder 
liegt, so wird meist iibersehen, dafs die „Dividende" nur die Kiickgabe 
dessen bedeutet, was vorber den einkaufenden Mitgliedern zu viel al»ver- 



58 Eretcr Toil. Der Handel. 

laugt vvorden ist, dafs weder die Aufschlage auf die einzelnen Wareii, 
noch die Beziige der Mitglieder an diesen Waren relativ gleich sind, und 
dafs desbalb eine vollstiindige Anpassung der „Dividenden" an die Bei- 
trage der einzelnen Mitglieder zu dem Gesamtiiberschufs nicht erzielt wird. 
Jedenfalls hat gerade das besproehene System der Uberechufverteilung 
sehr viel zur Einburgening der Konsumvereine beigetragen. 

Thatsacblicb haben sich die Konsumvereine, was ihre Zahl anlaugt, 
zu der bedeutendsten Gruppe der Erwerbs- und Wirtsehaftsgenossenscliaften 
entwiekelt. England liatte 1895: 1486 allgemeine und 14 Special-Konsuni- 
vereine mit zusammen rund 1,4 Mill. Mitgliedern, deren Anteilskapitai 
sich auf 14,7 Mill. ?fd. Sterl. stellte. Der Urasatz war 36,6 Mill. Pfd. Sterl. 
und der Nettogewinn rund 5 Mill. Pfd. Sterl. Deutschland hatte I. Mai 1897: 
1469 Konsumvereine, Frankreieh 1897: 1187, Belgien rund 400 u. s. w. 
Als eine sehr wesentliehe Errungenschaft der Konsumvereine ^ wird 
man ohne woiteres die Verallgemeinerung des Grundsatses der Bar- 
zahhmg in den wirtschaftlich schwacheren Kreisen anerkennen raussen. 
Das ist um so wertvoller, als trotz des Ubergreifens der Konsumvereine 
auf andere Volksschichten doch <lie Handwerker und Fabrikarbeiter noch 
die Hauptmasse der Mitglieder bilden. AUerdings sind es nicht die 
armsten Schichten dieser Kreise, die sieli an Konsumvereinen beteiligen. 
Bernstein (Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der 
Sozialdemokratie, Stuttgart 1899, S. 103) betonte ganz richtig, dafs „die 
allerarmsten Klassen der Konsumgenossenschaft fast unzugiinglich sind 
oder doch nur sehr alhnahlich fiir sie gewonnen werden konnen''. Doch 
soil damit das Verdienst der Konsumvereine in Bezug auf Verbreitung 
der Barzahlung nicht geschmalert werden. 

Die Erfolge der Konsumvereine sind zum grofseu Teil auf Kosten 
der Kleinhandler erzielt worden, rait denen die Vereine unmittelbar in 
Wettbewerb treten. Unzweifelhaft schaffen die Konsumvereine fiir die 
ohnehin vielfach bedrangten Kleinhandler eine neue und sehr wichtige 
Erschwerung der Lage, namentlich dann, wenn die Mitglieder der Kon- 
sumvereine im Interesse der Erhohung ilires Dividendenanteils auch fiir 
NichtmitgliederWarenbeziige vermitteln, und weiter dann, wenn die Vereine 
auf die leistungsfahigeren Volksschichten in grofsem Umfange iibergreifen. 
Aufgabe der inneren Ilandelspolitik ist es, zu priifen, ob und mit 
welchen JVritteln etwa in den Kampf zvvischen Kleinhandlern und Kon- 
sumvereinen eingegriffen werden mufs, um die Bedingungen des Kampfes 
weniger ungleieh zu gestalten, als sie es jetzt vielfach sind. Von einer 
Zerstorung der Konsumvereine kann keine Rede sein. 

Wenn iibrigens vielfach behauptet wird, dafs im Kleinhandel die 
Waren in letzter Linie thatsiichlicli nicht teurer verkauft werden als 
von den Konsumvereinen, so lassen sich dafiir manche Beispiele an- 
il Hire allgemeine sozialpolitischc Wiinligiiujc gehuit iiiclit liicrher. 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliclie Bcdcutimg des Handels. 59 

fiihren. Soweit ds^s aber der Fall ist, niuXs bei so^^st gleichen Konkurrenz- 
bedingungen audi der Kleinliandel seine Stellung l)ehaui)teu koimen. 

In den Konsunivereinen eine hOliere Organisationsforni der Bedarfsver- 
niittlung zu erblieken und von ihr die Beseirigung des Kleinhandels iiber- 
liaupt zu erwarten, ist unzutreffend. Deni steht sclion der Unistand entgegen, 
dais die Existenzbedingungen fur Konsunivereine auf deni Lande bei 
weiteui nicht in dem Unifange gegeben sind, wie in den Stadten. Aber 
audi in den Stadten kiinnen die Konsunivereine nicht die ganze Bed<*irfs- 
versorgung der Konsunienten in die ITand nehnien. Auf die arnisten 
Schichten der BevtUkerung konnen, wie erwalint, die Konsunivereine in 
der Ilaiiptsache nicht rechnen, und fur die gesainte Bedarfsversorgung 
der leistungsfahigen Volksschichten reicht ihre technische Befahigung 
nicht aus. Je leistungsfiihiger die Konsunienten sind, desto grofser werden 
ihre Anspriiche an die Beschaffenheit der Verkaufslokale, an die Bequem- 
lichkeit und Annehnilichkeit des Geschaftsverkehrs, an die Beschaffenheit, 
Ausstattung und insbesondere auch an die Mannigfaltigkeit der Waren. 

Gerade die gesteigerte Mannigfaltigkeit der Waren erhoht die An- 
forderungen an Tiichtigkeit und Gewandtheit der Verinittler und erschwert 
ein sachverstandiges Vorgehen und eine sachgeinafse Beurteilung. Der 
Konsuuiverein setzt sich aus kaufmannischen Laien zusaninien, und wenn 
der Verein auch kaufmiinnisch geschulte Beanite anstellt — was durch- 
aus nicht iiberall der Fall ist — , so liegt doch die Beschlufsfassung und 
Enti^cheidung in der Hand dieser I^ien. Darin steckt cine grofse 
Schwierigkeit fiir den Konsuinverein. Der BerufskaufnianUj der nicht 
an die Beschlusse von l^iien gebunden ist, kann die Schwierigkeit leichter 
iiberwinden. In Bezug auf Reichhaltigkeit , Auswahl, Behandlung und 
feinere Abstufung <ler Warensorten ist er dein Konsuinverein iiberlegen, 
wenn er sein Facli griimllidi versteht. Hier treten eben die Vorteile 
der beniflichen Arl)eitsteilung zu Tiige, und gerade in dieser Beziehung 
stellt der Konsuinverein einen Riickschritt dar. 

Die Arbeit der Bedarfsverinittlung vvird durch den Konsuinverein 
nicht aus der Welt geschafft, sie wird nur aus der Hand des Berufs- 
kaufnianns in die Hand der Konsunienten oder der von diesen gewahlten 
Organe verlegt. Dabei mag es in nicht vvenigen Fallen gdingen, die 
Gesanitkosten der Verniitflung fiir die Konsunienten zu vermindem, da 
der Konsuniverein nicht iiuf die Erzielung eines privatwirtschaftlichen 
und die Existenz des berufsmafsigen Verniittlers ermoglichenden Gewinnes 
angevviesen ist. Aber beseitigt werden die Kosten der Bedarfsvemiittlung 
durch den Konsuniverein nicht. Es ist deshalb auch keineswegs ausge- 
schlossen, dafs der Berufskaiifniann sich eineni geringeren Stande <ler 
Vennittlungskosten anpassen kann. 

i'berdies kann der tiichtige Berufskaufniann sich in vielen Be- 
ziehungen den Wiinsdien und Bediirfnissen der Konsunienten leichter 



60 Ereter Tcil. Der Handel. 

aiischmie{^en, als der Konf^uinverein, der darin seiner Xatnr nacli schwer- 
falliger ist. 

Freilich ist iiieht jeder, der den Kleinliandel betreibt, als ein Berufs- 
kaufniann und noch viel weniger als ein tiichtiger Berufskaufmanu an- 
zuspreehen. Die vielfacli verbreitete TJntersebatzimg der Anforderungen 
des kaufiniinnischen Berufs und die Unkenntnis der thatsachlichen 
Schwierigkeiten, die dureh die ansclieinend bequeme Aufsenseite dieses 
Berufs verdeekt vverden, baben vielfacb Eleniente von vollig unzureicliender 
Vorbildung und Fabigkeit in den kaufmanniscben Xacbwucbs einriickeu 
lassen; sie haben weiterbin viele Leute, die sieb in anderen Berufsarten 
vergeblicb versucbt batten, d<azu getiieben, als letzten Rettungsanker die 
Eroffnung eines kleinen kaufmanniscben Gescbafts zu ergreifen^ obwobl 
sie dafilr nicbts vveiter mitbringen, als den Mangel an ausreicbendem 
Kapital und die vollige Unkenntnis der Sebwierigkeiten des neuen Berufs. 
Solcbe Eleniente sind natiirlicb nicbt konkurrenzfabig, sowobl den Kon- 
sunivereinen als aucb den tiicbtigen Kleinbandlern gegeniiber. Voni 
volkswirtsebaftlieben Standpunkt aus ist die Ausmerzung dieser „Klein- 
bandler'^ wiinscbenswert. Nicbt jeder, der sicb ,,Kleinbandler^ nennt, hat 
vom Standpunkte des Gesamtinteresses aus Ansprucb darauf, einer Be- 
rufsart erbalten zu werden, fiir die er nicbt geeignet ist. 

Wenn wir aber von diesen Anbangseln des Kleinbandels abseben, so 
kann eine Ausnierzung des Kleinbandels nacb dein Gesagten nicbt envartet 
und iui Tnteresse der Konsumenten selbst gar nicbt gewunsebt werden. 

Ist deni aber so, dann baben die Konsumenten selbst ein Interesse 
daran, dem Kleinbandel das Arbeitsfeld nicbt so zu bescbninken, dafs 
seine Leistungsfabigkeit berabgedriickt wird. Scbon jetzt giebt es sehr 
viele Konsumenten, die dabinter gekommen sind, dafs ibre Bedarfsver- 
sorgung dureb tiicbtige Kleinbandler besser vermittelt wird als durcb 
Konsumvereine, und die sicb desbalb fiir ibre eigenc Bedarfsdeckung 
von den Konsumvereinen giinzlicb fern balten. Die Zabl soldier Kon- 
sumenten wird mit wacbsender Einsiebt in die Verbaltnisse nocb zu- 
nebmen, und das wird der Erbaltung eines leistungsfabigen Kleinbandels 
Vorschub leisten. 

Die Bildung von Konsumvereinen wird <ladurcli nicbt aufboren, 
{iber sie wird sicb mebr und mebr bescbranken auf die Falle, in <lenen 
die Konsumenten einem nicbt geniigend leistungsfabigen oder seine Ver- 
mittlerstellung mifsbraucbenden Kleinbandel gegenubersteben. In solcben 
Fallen kann eine Abbilfe nur auf zwei Wegen gescbaffen werden, ent- 
weder durcb die Konkurrenz tiicbtiger un<l leistungsfabiger Vertreter 
des Kleinban<lels oder durcb die gemeinschaftlicbe »Selbstbilfe der Kon- 
sumenten. — 

Mit der zunebmenden Verbreitung <ler Konsumvereine bat sicb mebr 
und mebr gi'zeigt, dafs aucb der zusammengelegte Bedarf der Mitglieder 



2. Kapitel. Die volkswirtschaftliche Becleutung dcs Handels. 61 

des einzelneii Vereius nocli niclit eiiiem vorteilbaften Bezuj^ ini grofsen 
erniO|j:licht. Das hat dazii gefiilirt, Grorseinkaufs^enossenschaften zu 
bilden, die man als Einkaufsvereine fiir die Konsumvereine bezeiehmn 
kann. Sie wollen den liedarf der einzelnen Konsumvereine zusammen- 
legen zu einer grofsen Masse, die nun unter Umgelnmg des Grofsliandels 
direkt von den Produktionsstatten bezogen werden kann. I^ den Erfolg 
der einzelnen Konsumvereine liegt darin ein sehr wesentliches Moment, 
wie die Erfabrungen der engliscben ') und der sebottiseben *^) Grofseinkaufs- 
genossenseliaften beweisen. 

Dieselbe Genossenscbaftsform k<ann iibrigens audi — wie wir noeb 
sehen werden — fiir den Kleinbjindel eine grofse Bedeutung gewinnen. 

Eine besondere Stellung nebmen unter den Konsumvereinen die 
^Beamtenkonsumvereine" ein, die sicb an die mittleren und lioberen 
Scbicbten der Bevolkerung wenden. In Engban<i setzt ibre Entwicklung 
1S65 ein, in Deutecbland Mitte dcu* sOer Jabre. Das „Warenbaus fiir 
Annee und irarine^ entstand 1884, das „Warenliaus fiir deutsebe Be- 
arate^ 1889, und in diesen beiden Aktiengesellsebaften sind die Haupt- 
vertreter der neuen Ausgestaltung des Konsumvereinsgedankens in Deutscb- 
land zu erblicken. I'brigens ist audi in England bald die Fonn der 
Aktiengesellscbaft fiir solebe Unternebmungen in Aufnabme gekommen. 
Dem Wesen der Sacbe nacb sind die grofsen BeamtenkonsumvereineWaren- 
liauser und sind aucb wie diese zu l)eurteilen. Der wesentlidie Unter- 
schied gegeniiber den gew^obnlieben Warenbausern ist darin zu erblicken, 
dafs diese mit einer Kundscbaft zu recbnen baben, die sicb aus alien 
nioglicben Standen ~ vorwiegend der miberen Uiiigebung — zusanimen- 
setzt und niclit durdi bestimmte Einzablungen in engere Verbindung mit 
dem Unternebmen gebracbt ist, wiibrcnd die Beamtenkonsumvereine von 
vornberein bestimmte Gruppen der Konsumenten obne ortlidie Bescbrankung 
durdi Einzablungen an das Unternebmen zu fesseln sucben. Die sozial- 
politiscben Bestrebungen , die bei den einfacben Konsumvereinen mit- 
8pre<?ben, kommen bei den Beaintenkonsumvereinen niebt in Betraebt. 
Die Grenzen ibrer kaufmiinniscben Ijeistungsfjibigkeit ergeben sicb aus 
dem, was beziiglidi der Warenbiluser und der Konsumvereine aus- 
gefiibrt ist. Die RUckwirkung auf den Kleinbandel ist niebt anders als 
bei den Warenbausern. Von einem Verbot der Beanitenkonsumvereine 
kann natiirlicb ebensowenig die Rede sein, wie bei den Konsumvereinen 
iiberbaupt. Aucb dem Beamten kann das Recbt niebt genommen werden, 
sicb seine Bedarfsversorgung auf die nacb seiner Meinung billigste und 
zweckmafsigste Art und Weise einzuricbten. 

In gewissem Umfange bat audi der Staat zu einer Ersetzung des 
IlandeLs durcb staatlicbe TTnternebinungen beigetragen, und zwar bat 
der Staat sowobl in den Kaufmannsbandel als aucb in den Fabrikbandel 

1) Errichtet 1S64. 2) Emchtet 186)>. 



62 Erster Teil. Der Haiidol. 

eingegriffen oder doch einzugreifen Gelegenheit. Das erstcre ist dor 
Fall bei staatlichen Handelsunteraehinungen, zu denen urspriinglicli die 
1 772 errichtete und 1810 in eine reine StaatsanstaJt uingewaiidelte Preu- 
fsische Seehandlung zu rechnen war, und bei staatlichen Monopolen, die 
sich auf den Handel be^chranken. Das zweite ist der Fall bei staat- 
lichen Betriebsstatten , die im freien Wettbewerbe mit Privaten durch- 
gefiihrt werden, und bei den („vollen") Monopolen, welche Produktion 
und Vertrieb deni Staat ausschliefslicli vorbehalten. Fiir die Errichtung 
staatlicher Betriebsstatten , die in Konkurrenz mit Privaten betrieben 
werden, war vielfach das Streben niaTsgebend, der privaten Produktion 
besondere Anregungen zu geben. Die Monopole verdanken ihr Entstehen 
mitunter sozialpolischen, nieist aber finanzpolitischen Erwilgungen und 
sind deshalb in der Finanzwissenschaft nilher zu wiirdigen. Hier sind 
die staatlichen Betriebe, die eventuell in den Handel eindringen konnen, 
nur der VollsUindigkeit halber erwahnt, da bei ihnen die Verdrangung 
des privaten Handels in der Kegel nicht als eigentlieher Zweck er- 
scheint, sondeni nur eine durch andere Zweeke bedingte Nebenwirkung 
darstellt. 

Die Aufgabe des Handels in seiner Gesanitheit zu iibemehnien, 
konnte dem Staat nur bei volliger Sozialisierung der Gesellschaft zu- 
fallen. Ftir einzelne Zweige des Handels, speciell des Fabrikhandels, 
kann allerdings ein staatliches Eingreifen wunschenswert und zweck- 
mafsig sein, und der Staat hat solche Handelsbetriebe sowohl mit dem 
Schutze des Monopols als audi ohne denselben durchgefiihrt. Fiir die 
allermeisten Gebiete des Kaufmannshandels dagegen wiirde der seiner 
Natur nach in strengere Fonnen gebundene und auf ein mehr schema- 
tisches Vorgehen angewiesene Staatsbetrieb keineu wirtschaftlichen Fort- 
schritt darstellen. 

Die Thatsache, dais auch die Mtiengesellschaften, die sich neuer- 
dings doch auf die verschiedensten Gebiete geworfen haben, nur selten 
den eigentlichen Kaufmannshandel betreiben, ist ein deutlicher Hinweis 
daraiif, dafs der Kaufmannshandel im allgemeinen eine grofsere Be- 
wegungsfreiheit und Anpassungsfiihigkeit an den Wechsel der Verhalt- 
nisse verlangt, als in einem mehr biireaukratisch geordneten und auf ein 
nicht selbst interessiertes Beiimtentum gestiitzten Betriebe moglich ist. 



3. Eapltel. Die Entwicklnng des Handels. 

Eine umfassende Geschichte des Handels zu geben, Hegt aufserhalb 
des Planes dieser Arbeit. Nur die hauptsachlichsten treibenden Faktoren 
und die Hauptziige der Entwicklung sollen hier zusammengefalst werden. 

Dem Kulturmensehen ist der von einer besonderen Berufsklasse aus- 
geiibte Handel so gelaufig, dafs er sich kaum die Frage vorlegt, wie 



3. Kapitol. Die Entwickhiii^ dos Handcls. 63 

sicli ein solcher be^jonderer Berufshandel hat entwickeln konnen. Und 
doch ist es nicht uninteressant, sich klar zu werden dariiber, was die 
Menschen veranlafst haben kann, einen Handel auszubilden. 

Nach dem, was in den vorbergehenden Kapiteln iiber den Begriff 
des Handels gesagt ist, drangt sich die Antwort fiir diese Frage von 
selbst auf. Seinem Wesen nach ist der Handel die Uberwindung der 
riiumlichen, personliehen und zeitlichen Trennnng des Konsunienten vom 
Produzenten. So lange diese Trennung nicht besteht, so lange sich der 
Kreislauf von Prodiiktion zu Konsunition innerhalb des engen Kreises 
der einzelnen Wirtschaft voUzieht, kann es keinen Handel geben. Unter 
dieser Voraussetzung ist ein Handel selbst dann noch nicht nioglich, 
wenn sich der Begriff des Eigentunis der Familie oder auch des Einzelnen 
an beweglichen Sachen schon entwickelt hat, ein Begriff, der schon friih 
eingesetzt haben niuls. Wenn jede Wirtschaft sich selbst vollstandig 
geniigt, so ist es schlechterdings unauffindbar , was zwischen diesen 
Wirtschaften ausgetauscht werden soil, geschweige denn, was den Gegen- 
stand eines regelnialsigen Tauschverkehrs bilden soil. 

Das Bediirfnis, zu tauschen, kann eret einsetzen, wenn die einzelne 
Wirtschaft sich nicht mehr voUig geniigt, also der Ergiinzung durch 
Erzeugnisse anderer Wirtschaften bedarf. Das gilt sowohl von der 
Wirtschaft der einzelnen Familie, als auch von der Wirtschaft der 
Stannne und Volker. 

Aber von diesem Zeitpunkt an bis zur Ausbildung des Handels als 
eines besonderen Berufs ist noch ein weiter Weg. Die Notwendigkeit 
der Erganzung der eigenen Wirtschaft durch Erzeugnisse anderer Wirt- 
schaften kann auch bei ganz primitiven und ini wesen tlichen gleich- 
arligen Verhaltnissen entstehen dadurch, dafs es der einzelnen Wirtschaft 
nicht gelingt^ in sich selbst von alien erforderlichen Bedarfsgegenstiinden 
die notige Menge zu erzeugen. Tritt das ein in einer Kulturstufe, in 
welcher vollkomniener Kommunismus herrscht in Bezug auf alle Bedarfs- 
gegenstiinde und iiber alle AVirtschaften bin, so wiirde daraus ein Anlafs 
zur Vomahme eines Tauschaktes nicht hervorgehen. Wiirde sich der 
Konnnunismus nur auf einen Teil der Bedarfsgegenstilnde erstrecken, und 
wiirde sich der Fehlbetrag auf einen deni Komnmnisnius nicht unter- 
worfenen Gegenstand beziehen, so wiirde an sich Anlafs und Gelegenheit 
vorhanden sein, den Ausgleich durch einen Tauschakt vorzunehmen. 
Noch mehr wiirde das der Fall sein, wenn die beweglichen Gegenstande 
bereits dem Eigentum der einzelnen Wirtschaft unterworfen sind. Aber 
was so entstehen wiirde, wiire noch kein Handel, sondern ein gelegent- 
licher Austausch. Wir diirfen annehmen, dafs solche gelegentlichen 
Tauschakte bis weit in die vorgesehichtliehe Zeit hinein vorgekommen 
sind, dafs aber unter der Herrschaft priniitiver Zustiinde mit Familicn- 
wirtschaft und bescbranktem , ini wesentlichen in alien AVirtschaften 



64 Eretcft Buch. Der Handel. 

gleicliem Bediirfniskreis diese Stufe deis Tau8chverkehr8 audi nicht iiber- 
schritten worden ist. Eiii regelnmfsiger Austansch war ja nocli unmog- 
licli iind aiich unnoti|2:. 

Oanz anders niufste die Saclilage werden, sobald sich daucnide 
Unterschiede in cier Produktion der Wirtscliaften sowohl der einzelneu 
Fauiilien als aueh der Stanime iind Volker entwickelt hatten. Jetzt 
konnte das Bediirfnis entstehen, zur Erganzimg der eigenen Wirtschaft 
regelinafsig oder docb periodiseh in bestiniinten Zeitraumen Tauschbe- 
ziehungen niit anderen Wirtscbaften zu unterbaltenj und von bier aus 
konnte sicb, wenn aueh zunjiclist in sebr priniitiven Formen, ein Handel 
ausbilden. 

Pis ist kein Zufall, dafs das Streben, die eigene Wirtschaft standi^ 
dureb Erzeugnisse anderer Wirtscbaften zu ergiinzen, sicb zunacbst mebr 
von Stamni zu Stanini und von Volk zu Volk entwickelte, als innerbalb 
desselben Stanunes von Familie zu Familie und von Wirtschaft zu AVirt- 
schaft. Die einzelnen Stamnie der priniitiven Kulturstufen waren und 
sind auf ein engeres Gebiet bescbrankt, in welcbem iin wesentlicben 
gleicbartige rroduktionsbedingungen berrscben. Daber konnen sicb nennens- 
werte Unterscbiede in der Produktion der einzelnen Wirtscbaften des- 
selben Stanunes nicht entwickeln, zunial die Produktion selbst noch 
wenig ausgebildet ist und deiii eigenen Bedarf der Wirtschaft selbst — 
und nur diesem — und ibren noch einfacbeu und bescbrankten Bediirf- 
nissen angejiafst ist. 

Aueh unter benachbarten Stanunen von annabernd gleicb priniitiver 
Kultur kann sicb ein lebbafter Tauschverkebr nicht entwickeln, da die 
Erzeugnisse des einen deni anderen keinen besonderen Anreiz bieten 
konnten. Nur iiiit den Stanunen, die in der I^age waren, Salz zu ge- 
winnen, diirfte sicb sclion friih ein regelmafsiger Verkebr ausgebildet 
liaben, wie denn uberbaupt gerade da,s Salz in der Urgeschicbte des 
Handels eine grofse Rolle gespielt bat. 

Ini ubrigen aber kain es, so weit wir erkennen konnen, zu einer 
regeren Handelstbatigkeit iiberall durch die Beriibning primitiver mit 
einer hober entwickelten Kultur. Die Gescbicbte aller Zeiten und ins- 
besondere aueh die Erfabningen der neuest^n Zeit lassen unbedingt den 
Scblufs zu, dafs gerade die Beriihrung verscbiedener Kulturen den 
starksten Antrieb zuin Aufkonimen des Handels bietet. Das Voran- 
schreiten einzelner Stamnie und Volkerscbaften, die Ausbiblung verscbie- 
dener, hober und tiefer stebender Volkerindividualitat^n ist fUr die Ent- 
wicklung des Handels von unerniefslicber Bedeutung gewesen und ist 
es noch. Niniinerinehr ware ein starker Volkerverkebr moglich gewesen, 
wenn alle Stamme und Volker von der Natur gleicb ausgestattet und 
unter gleicbe Lebensbedingungen gestellt gewesen waren und sicb gleicben 
Schrittes in gleicber Weise entwickelt batten. 



3. Kapitel. Die Entwicklun^ des Handels. 65 

Fur die alte Welt hat namentlich die Beriihrung mit der Kultur des 
Orients eine henorragende Bedeutung gehabt, nicht nur in den Anfangen^ 
sondern aiich in spateren Epochen der Handelsentwicklung. 

Es ist klar, dafs, vvenn sicli bei der Beriihrung einer niederen uiit 
einer hoheren Kultur ein Handel entvvickelt, das niedriger stehende Volk 
eine passive, das hoher stehende eine aktive Rolle spieU, dafs also der 
Handel in die Hand der stanimfremden Vennittler iibergeht 

Der Stainmfremde aber wurde und wird von primitiven Menschen 
mit Mifstrauen, ja niit Furcht betrachtet. Man sieht in ihni einen Feind 
und behandelt ihu dementsprecheud und sucht sich oft seine Giiter ge- 
waltsam anzueignen, wenn sie begehrenswert erscheinen. Auch der 
frenide Handler konnte diesem Schicksal nicht entgehen, umsoweniger als 
er in urwiichsigen Zeiten sein Enverbsinteresse auch in urwiichsiger und 
riicksichtsloser Weise zur Geltung braehte. Oft genug kam er mit vielen 
seines Gleichen und mit bewaffneter Hand, baute sich feste und verteidi- 
gungsfahige Wohnsitze und Niederlagen und hielt die einheimische Be- 
volkerung in Abhangigkeit von sich. Der anfangliche Handelsvcrkehr 
war ja iiberhaupt \4elfach mit dem Raube, namentlich dem Seeraube 
verbunden. Wo die GewaU nicht zum Ziele fiihrte, da griff der Handler 
zur IJst oder, was schon eine hohere Stufe bedeutet, zum Erwerb von 
Rechten und Vorrechten durch Geschenke und Abgaben. Bei den fast 
ununterbrochenen Streitigkeiten , die bei Urvolkern zwischen den ver- 
schiedenen Stiimmen zu herrschen pflegen, kann es nicht auffallen, dafs 
man das Mifstrauen gegen die Stanimfremden nur langsam uberwinden 
lernte. Der oft beschriebene „stumme Tauschhander, der bei primitiven 
Volkem neuerdings beobachtet und der auch aus alten Zeiten uber- 
liefert ist, zeigt in charakteristischer Fonn, wie grofs noch das Mifstrauen 
gegen Fremde ist. Aber er bedeutet auch schon, dafs im Interesse des 
Handelsverkelirs voriibergehend die Waffen ruhten. Je mehr das geschah, 
je mehr man die Scheu so weit abstreifte, dafs man zu unmittelbarer 
Verhandlung mit dem Fremden in personliche Beriihrung trat desto mehr 
konnte ein standiger oder doch ein bei bestimmtcn Gelegenheiten sich 
wiederholender Verkehr erwachsen. 

Noch gunstiger wurden die Vorbedingungen, als man den Fremden 
unter den Schutz des Gastrechtes stellte. Das Gastrecht war fiir den 
Handel der altesten Zeiten von grof ser Bedeutung ; gerade dadurch wurde 
eine friedliche personliche Beriihrung zu Handelszvvecken erleichtert oder 
auch erst ermogliclit. Ich wage nicht zu entscheiden, ob das Gastrecht 
alter als der Handel ist. Manches spricht dafiir, dafs gerade ein gewisses 
Bediirfnis nach Tauschverkehr zur Entwicklung des Gastrechtes beige- 
tragen hat. Das aber darf als sicher angenommen werden, dafs das 
Bediirfnis des Handelsverkehrs der Verallgemeinerung des Gjistrechtes 
wesentlich Vorschub gcleistet hat. Mit Recht hebt Schradeu in seineni 

VAU DBR BoBORT, Handel. 5 



66 Erstcs Buch. Dcr Haiidel. 

^Linguistisch-historisclien Forschungen zur Handelsgeschichte und Wareii- 
kunde" (Jena 1886) hervor, dafs die mit dem Gastrecht verbundene Sitte 
des Austausches von Gastgeschenken auf den Zusammenhang mit dem 
Handelsverkehr hindeutet 

In dem Handelsverkehr mit Stammfremden darf man nach dem 
Gesagten die friiheste Betbatigung des Handels erblicken. Viel spater 
erst konnt^n innerhalb des Stammes oder Volkes die Voraussetzungen 
entsteben, unter denen ein Ilandelsverkebr moglicb war. Man gebt 
m. E. nicbt febl, wenn man bierbei zunacbst der Ausbreitung des raum- 
lieben Herrscbaftsgebietes einzelner Stamme, das oft mit dem Aufsaugen 
anderer scbwacberer Stamme verbunden war, eine gewisse Bedeutung 
zuschreibt. Dadurcb mufsten ja gewisse raumlicbe Verscbiedenbeiten 
der Produktion innerbalb des Stammes entsteben, und diese konnen den 
AnlaTs zu einem Austauscbverkebr geboten baben. Wicbtiger nocb wurde 
das allmablicbe Aufgeben der Produktion der verscbiedenen Gebrauchs- 
gegenstande und Nabrungsmittel fiir den unmittelbaren Bedarf der eigenen 
Wirtscbaft. Je mebr sicb die einzelnen Wirtscbaften auf besondere Zweige 
der Produktion warfen, dcsto mebr bedurften sie der Erganzung durcb 
die Er/eugnisse anderer Wirtscbaften, und desto mebr waren sie in der 
I^e, Entgeltsobjekte fiir diesen Austauscb aus den Uberscbiissen der 
eigenen Produktion zu nebmen. 

Diese Entwicklung zur Berufsgliederung bin, die ja mit einer waebsen- 
den Trennung des Konsumenten vom Produzenten — sowobl in person- 
licber als aucb in zeitlicber Beziebung — verbunden war, voUzog sicb 
namentlicb in den Stadten, und die Stadtebildung bat desbalb ganz un- 
verkennbar auf die Ausdebnung und die Fomien des Handels einen 
tiefgreifenden Einflufs ausgeiibt. 

Der Handel von Stamm zu Stamm und von Volk zu Yolk bat sicb 
in verscbiedenen Asten entwickelt, einmal als Handel auf Landwegen 
und weiter als Handel auf Wasserwegen und insbesondere auf See- 
wegen. Welcber von beiden ist alter? Die Ansicbten sind geteilt Eine 
allgemeine Entscbeidung ist nicbt moglicb. Immerbin ist es wabrscbein- 
licb, dafs der Handel auf den Fliissen eber zu einer Bedeutung gelangt 
ist, als der Handel auf I^mdwegen. Der Landtransport war scbwerer, 
miibevoUer, kostspieliger und zeitraubender, als der Transport auf Fliissen, 
und die letzteren boten desbalb eber Gelegenbeit, Waren zu bewegen. 
Langeren landtransport konnten nur wenige besonders wertvolle und 
dauerbafte Waren ertragen, und die Flufstbiiler waren iiberbaupt die 
friibesten Sitze der Kultur. Ob aber der I^indbandel ebur einsetzt, als 
der Seebandel, dariiber lafst sicb streiten. Noel z. B. nimmt es seiner 
„Histoire du commerce du monde depuis les temps les plus recul^s'' 
(Paris 1891, Bd. I S. 25 u. S. 113) an. Xacb ibm ist der Handel 
(Karawanenbandel) der Hebraer, Assyrer, Perser, Egypter und vor allem 



3. Kapitcl. Die Entwicklung dcs Handels. 67 

(ler Araber als Landhandel anzusehen, und erst niit deiii spateren Ein- 
greifen der Phonizier wurde der Handel zwischen den Volkern vor- 
wiegend Seehandel. Rathgen dagegen weist iin Worterbuch der Volks- 
wirtschaft (Bd. I S. 996) dem Seehandel die Prioritat zu. Fiir die letztere 
Auffassung, die von anderen geteilt wird, liifst sich die grofsere Schwierig- 
keit und Kostspieligkeit des Karawanentransports anfiihren. Fiir die 
erstere Auffassung, der sich ebenfalls Jiuch andere zuneigen, kann man 
darauf hinweisen, dafs die Gefahren der Seefahrt den unentwickelten 
Volkern sehr grofs erscheinen mufsten, eine Auffassung, die ja noch 
lange in dem angstJichen A'ermeiden einer zu grofsen Entfernung von 
der Kiiste nachwirkte. 

In beiden Fallen ist es nicht moglich, einen ausreichenden geschieht- 
lichen Beweis fiir die Prioritat zu erbringen; denn die Uranfange des 
I^ndhandels sowohl als des Seehandels verlieren sich in Dunkel Fiir 
heide aber wissen wir, djifs sie bis in die altesten Zeiten, die einer ge- 
sehichtlichen Forschung noeh zugjinglich sind, zuriickverfolgt werden 
konnen. 

Sowohl der Seehandel, als audi der Landhandel hat sich nur unter 
bestiramt^n Voraussetzungen entwickeln konnen, die in der Litteratur 
sehr oft und im wesentlichen iibereinstimmeud in folgendem Sinne um- 
schrieben sind. Auf den Landhandel mufsten namentlieh solche Stamme 
verfallen, die nomadisierend umherzogen und dabei mit verschiedenen 
Stufen der Kultur in Beriihrung kamen. Ein typisches Beispiel dafiir 
sind die Araber, die durch ihre geographisehe Lage die berufenen Ver- 
mittler des Warenbezuges aus Indien in Form des Karawanenhandels 
waren und lange Zeit hindurch eine grofse Bedeutung fiir diesen Ver- 
kehr batten. Dem Seehandel neigten die Volker zu, welche durch eine 
buchtenreiche Kiiste und durch nahe gelegene Inseln oder durch leicht 
zur See erreichbare P^estlandgebiete zur Ausbildung der Seeschiffahrt 
gedrangt und die durch ihre giinstige Lage zu wichtigen Produktions- 
gebieten veranlafst wurden, die zunachst fiir die Zwecke der Fiseherei 
und des Krieges und Raube« betriebene Schiffahrt audi Handelszwecken 
dienstbar zu machen. Diese Bedingungen trafen vor allem bei den 
Phoniziem zu, und in ihnen haben wir denn auch die ersten Trager 
eines wirklichen internationalen Seehandels zu erblicken. 

Dieses kiihne Seefahrer- und Handelsvolk spielt Jahrhunderte hin- 
durch im Handelsverkehr der Volker die herrschende Rolle und ist der 
I^hrmeister der spater im Handel grofs gewordenen Volker der alten 
Welt geworden. Seine Eigenschaften und die natiirlichen Verhaltnisse, 
unter denen es lebte, waren fiir eine solche Entwicklung von grofser 
Bedeutung. Eingezwangt auf einen schmalen I^ndstreifen zwischen 
dem Mittelmeer einerseits und Syrien und Palastina anderseits, wurden 
die Phonizier geradezu auf das Meer gedrangt. Friih schon kamen 



68 Ereter Teil. Der Handel. 

bei ihnen Seefahit imd Schiffbau auf, deni die iiahen Waldcr des 
Libanon da^ notige Material lieferten. Der Orient init seiner lioheren 
Kultur bot so vieles, was anderen Landern begehrenswert erschien, 
iind seine Erzeugnisse waren auf deni Land- und Seewege fiir die 
Phcinizier verhaltnismafsig so leicht erreichbar, daTs sich von selbst die 
phonizisehen Stiidte zu grofsenStapelplatzen der Orientwaren entwickelten. 
Diese Waren erscheinen als die Gnindlage des phonizisehen Verkehrs 
und vvurden gegen die Roh- und Urprodukte anderer Gebiete, wie 6e- 
treide, Wein, Holz, Vieh, Felle, Erz u. s. f, weiter auch gegen Sklaven 
ausgetauscht Die phonizisehen Stadte selbst, nanientlich Sidon, das 
18 Jahrhunderte vor Christi Oeburt zuriickzuverfolgen ist, und das etwas 
jiingere Tyrus, bildeten einen lebhaften Gewerbfleifs aus, der wichtige 
Exportartikel lieferte. Die geringe Entwieklungsstufe der uni das Mittel- 
meer wohnenden Stjimnie und Volker erleichterte es den Phoniziern, den 
ganzen VerniitUungshandel an sich zu ziehen. Eine grofse Reihe von 
Kolonien, von denen namentlich Karthago in der Geschichte eine Rolle 
spielte, wurde von ihnen errichtet, um so den Bevolkerungsiiberschufs 
voni Stamnilande abzulenken und gleichzeitig deni Handel Stutzpunkte 
zu sehaffen. 

Das eigentliche Gebiet jenes Handels waren die Mittelmeeriander ; 
die Fahrten der Phonizier aber grifferi noch dariiber hinaus. 

Die Geschichte dieses alten Seefahrer- und Handelsvolkes ist so 
oft beschrieben] worden, dafs sie hier als bekannt vorausgesetzt 
werden mufs. 

Gelehrige Schiller und Erben der Phonizier wurden die Griechen. 
Auch die Griechen fanden in der Gestaltung und Tjage ihres Landcii 
einen wesentlichen Antrieb, die Seefahrt auszubilden, und alles spricht 
dafiir, dafs dies schon in sehr ahen Zeiten geschehen ist Schrader a. a. 0. 
S. 43 fiihrt rait Recht als Beweis dafiir an, dafs alle Ausdriicke der antiken 
Nautik schon in den llomerischen Gediehten vorkomnien uiit Ausnahnie 
des Ankers, desseii Bezeichnung („a/)tr(>ft") erst im 5. Jahrh. v. Chr. 
auftaucht. Da aber in den honierischen Gediehten griechische Kaufleute 
noch gar nicht erw^ahnt werden, so niufs man annehraen, dafs die alt- 
grieehische Seefahrt nicht den Zwecken des Handels, sondem denen des 
Seeraubes und Krieges diente. Tm Innern hatte sich nichtsdestoweniger 
zweifellos ein gewisser Handelsvcrkehr zwischen den einzelnen griechi- 
schen Stamnien entwickeh, wofUr in der Verschiedenheit der Ausstattung 
der einzelnen Wohngebiete ein Anlafs gegeben ^var. Moglich auch, dafs 
die kleine Kiistenfahrt schon vor der Beruhrung mit den Phoniziern den 
Zwecken dieses Handels diente. Jedenfalls aber hat erst die stilndige 
Beriihnmg mit den Phoniziern den Anstofs zur Ausbildung eines inter- 
nationalen Seehandels der Griechen gegeben. Nur langsam trat natiir- 
lich diese Wirkung zu Tage. Zunslchst behielten auch den Griechen 



3. Kapitcl. Die Entwicklung des Handels. 69 

gegeniiber die Phonizier den Handel in der Hand; sie waren der aktive, 
die Griechen dagegen der passive Teil bei diesem Verkehr. 

Aber die Griechen begannen nach und nach selbst den Vennittlungs- 
handel zu treiben und ihn durcli eigene Gewerbeerzeugnisse, durch ein 
Xetz von Kolonien zu stiitzen, kurz die Bahnen zu wandeln, die ihnen 
von den Phoniziern gezeigt waren. Am friihesten zeichneten sich dabei 
die Korinther aus, begiinstigt durch die Lage ihrer Stadt sowohl zu den 
ileeres- als auch zu den Landwegen. Spater — seit den Perserkriegen — 
entwickehe sich dann Athen und seit dem 4. Jahrh. Rhodos zur Haupt- 
statte des griechischen Seehandels. 

Die Umsatze des Handels lassen sich nicht genau erniitteln. Soweit 
aber vereinzelte Angaben einen Schlufs zulassen, jnuTs in der Blutezeit 
der griechische Seehandel sowohl nach der Masse seiner Umsatze, als 
auch nach der Mannigfaltigkeit seiner Waren sehr bedeutend gewesen 
sein und keineswegs nur seltene Luxusartikel, sondern auch viele Gegen- 
stande des Massenkonsums unifafst haben. 

Auf der italienischen Halbinsel fand zwischen den einzelnen Stiimmen 
ebenfalls schon friih ein gewisser Warenaustausch statt. Auch der Aus- 
bildung der Seefahrt bot die Westkuste gunstige Vorbedingungen, und 
die Beriihrung mit den Phoniziern hat deshalb auch hier der Handels- 
entwicklung schon wichtige Antriebe gegeben. Fiir die Romer spielt 
aber das Vorbild der Griechen, die um 1050 v. Chr. mit ihren Kolonien 
auf Italien uberzugreifen begannen, die mafsgebende Rolle. 

Die Entwicklung des roniischen internationalen Zwischenhaudels 
nach griechischem und phonizischem Vorbild setzt schon friih ein, und 
die freundschaftlichen und feindlichen Beruhrungen mit der phonizischen 
Pflanzstadt Karthago, die ja sehr weit zuriickreichen, bestatigen das. 
509 V. Chr. bereits wurde zwischen Rom und dem damals sehr machtigen 
Karthago ein Vertrag geschlossen, der sich auf Handels- und Schiff- 
fahrtsverhaltnisse bezog. Ihm folgten 348, 306 und 279 v. Chr. weitere 
derartige Vertrage. Mit der allmahlichen Ausbildung des romischen 
Weltreiches, mit der Steigerung der Leistungsfahigkeit zur See, mit dem 
Ausbau des romischen Stralsennetzes wurden die Bedingungen fiir den 
internationalen Handel der Romer so wesentlich verbessert, dais er die 
ganze damals bekannte Welt umspannte. Dieser Welthandel, innerhaJb 
dessen iibrigens der Sklavenhandel eine grolse Rolle spielte, war eine der 
wichtigst^n Reichtumsquellen de« Rcmierreichs. Die Kriegsziige in Gallien 
und Germanien und in Agj^pten bahnten auch dem Handel den Weg, und 
die Begriindung des Kaiserreichs und die dadurch geschaffene Aussicht 
auf friedliche Zustande von langerer Dauer erleichterte die Ausnutzung der 
durch die kriegerischen Erfolge geschaffenen Beriihrungen fiir den Handel. 

Die Einlieitlichkeit, die sich im Rechtsvvesen und im Geld- und 
Zahlungswesen ausbiklete, kam dem Handel ebenfalls zu gute. Seinem 



70 Erstcr Toil. Dor Handel. 

Wesen nach blieb er iuteraatioualer Zwisclieiiliaudel, der, gestiitzt auf 
^rofse Stapelplatze , zwisclien den Erzeugnissen aller Lander den Aus- 
tausch vermittelte. Der Kreis der in Betraeht kommenden W^xen war 
sehr reichhaltig iind unifafste sowolil Nahrungsmittel, als auch Luxus- 
^egenstande aller Art, Metalle, Farbstoffe, Gewiirze, Sklaven u. s. w. — 

Die Entvvicklung der alten Kultur wurde dureh die Volken\'andenin^ 
so vollstandig: unterbrochen, dais das Zeitalter, welches wir als „Mittel- 
alter^' bezeicbnen, nicht als die Fortsetzung der antiken Ent\vicklung, 
sondern als eine neue Entwicklung erscheint, die von viel tiefer stehenden 
Zustanden ausging. Auch in Bezug auf den Handel war es nicbt 
anders, und wir sehen deshalb im Mittelalter zum zweiten Mai den 
llandel sicli aus den denkbar primitivsten Verhaltnissen erheben. Die 
Entwicklung zeigt eine beachtenswerte Parallelitiit mit derjenigen des 
Handels ini Altertuni. Anch ini Mittelalter macbt sich die verschiedene 
Ausstattung und Kulturstufe der einzelnen Volkei* als ein treibendes 
Moment bei der Entwicklung des Handels von Volk zu Volk, insbesondere 
zur See geltend, und wiedenim spielt dabei der Orient eine sehr wichtige 
Rolle. Auch im Mittelalter ringt sich nur langsam die Ablegung de^ 
Mifstrauens gegen Fremde durch, und Gewalt und List^ Anlegung fester 
Stiitzpunkte und ahnliche Mittel waren deshalb imentbehrlich. Um die 
Parallelitat noch scharfer hervortreten zu la^ssen, finden wir auch im 
Mittelalter Vijlker, die — ahnlich wie die Phonizier im Altertum — den 
llandel, insbesondere den Seehandel lange Zeit beherrschten und als der 
I^hrmeister der Welt erschienen. 

Die Italiener ubernahmen diese Rolle fur den Seehandel im Mittel- 
meerbecken. Fiir den Verkehr im Ostseebecken und an den Gcstaden 
der Xordsee kommt die gleiche Rolle der deutschen Hansa zu. 

Die Italiener verdanken ihre Bedeutung einmal der Gestaltung und 
I^ge ihrer Kiiste, die der Entwicklung der Seefahrt giinstig war, und 
weiterhin ihrer Lage und ihren Beziehungen zum Orient Zunachst 
kamen in dieser Hinsicht die Beziehungen zu Konstantinopel in Betraeht. 
Konstantinopel wurde die Zufluchtsstatte, in der sich die Reste der alten 
Kultur bargen. Die Stadt lag geographisch als StUtzpunkt fiir den 
Orienthandel sehr giinstig. Abendland und Orient stiefsen hier zusammen. 
Was auf dem Landwege in Kleinasien jius Indien und Arabien heran- 
gebracht werden konnte, vereinigte sich hier mit den Erzeugnissen 
Persiens, die iiber das schwarze Meer herangeschafft wurden. Von 
Westen her liefen die Wege des Mittelmeers in dieser Stadt zusannnen. 
Auch die Waren der mittleren und ostlichen Gebiete Europas konnten 
auf dem I^indwege hierher gelangen. 

Konstantinopel selbst wurde eine wichtige Produktionsstiitte von 
Luxuswaren, namentlich von Stoffen aus Rohmaterialien, die aus Klein- 
asien und Agj'pten hierher gelangten. 



3. Kapitel. Die Entwicklung dcs Ilandels. 71 

Kein Wunder, dafs die italienisclien Seestadte, wie Venedig, Genua, 
Piiia und Amalfi, welche infolge der Ausbildung ihrer Seefahrt raehr 
und mehr auch den Seehandel in die Hand nahnien, den Verkehr niit 
Konstantinopel eifrig pflegten. Sie schufen sich dort feste Stiitzpunkte, 
legten Magazine und Landungspliitze an, und bei den vielfachen Wirren 
die in der einheimischen Bevolkerung stattf<anden, errangen sie sich schliefs- 
lich die herrschende Stellung ini ITandel dieses wicbtigen Platzes. 

Durch das siegreiche Vordringen der Araber seit der Begriindung 
der mohamedanischen Ijehre riickte die orientalische Kultur den Italienem 
auch ini Siiden (Nordafrika) und ira Westen (Spanien) sehr nahe, und 
auch nach diesen Richtungen bin debnten die Italiener ibrc Handelsbe- 
ziehungen aus, zuni Teil scbon friih begiinstigt dureli Vertriige bandels- 
politischen Inhalts. 

Die fiihrende Stellung der Italiener im Verkehr niit Orientwaren 
\\nirde noch vvesentlich befestigt und weiter ausgebaut durch die wirt- 
schaftliche Nachwirkung der Kreuzzuge. Diese Kriegsziige haben auf 
die europaische Entwicklung einen ungeniein grofsen Einflufs ausgeiibt. 
Die haufige und enge Beriihrung niit den Erzeugnissen des Orients, wie 
sie sich in den Kreuzziigen vollzog, gab dem Verkehr in Orientwaren 
einen gewaltigen Aufschwung und erweiterte den Kreis der Handels- 
waren betraehtlich, und da die oberitaUenischen Hafenstadte diesen Ver- 
kehr beherrschten , und da die dabei in Betracht kommenden Seewege 
auf diese Stadte ausmiindeten, so mufste aus den Kreuzziigen eine ge- 
waltige Entwicklung der so begiinstigten Stadterepubliken erwachsen. 
Allen voran war dabei das stolze Venedig, das gegen Ende des 14. Jahr- 
hunderts 3000 Handelsschiffe auf der See schwininien hatte. Aber auch 
(renua, weiterhin Pisa und Florenz gelangten zu grofser Bedeutung und 
batten eine glanzende EntAvicklung ira spateren Mittelalter. 

Der Handel dieser Stadterepubliken war vorwiegend intemationaler 
Zwischenhandel; aber auch sie bildeten wichtige Exportindustrien aus, 
deren Erzeugnisse weithin Absatz fanden. Seide, Glas, Tuche und andere 
Luxusartikel waren die Haupterzeugnisse. 

Von den oberitalienischen Stadten aus gingen die orientalischen 
Waren zur See und zu Lande nach den anderen europaischen Landern. 
Besonders wichtig wjir die Weiterfuhrung dieser Waren nach Deutsch- 
land iiber die Alpen hinweg. Dieser Warenstrom miindete auf die ober- 
(sud-)deutschen Stadte aus, die ihrerseits selbst wichtige Produktions- 
statten gewerblicher Erzeugnisse waren. Zwischen den siiddeutschen und 
den oberitalienischen Stadten mufste so ein lebhafter Verkehr erwachsen, 
der zu dem Aufl)luhen der siiddeutschen Stadte wesentlich beitrug. 

Ein Teil der Orientwaren, die in den oberitalienischen Stadten zu- 
sanimentrafen, ging auf dem Seewege nach den flandrischen Iliifen und 
wurde dort von den Ilanseaten aufgenommen und weitergefiihrt. So 



72 Erater Teil. Der Handel. 

zeigt sich hier eine unniittelbare Beziehung zwischen deni italieiiiischeii 
imd dem deutschen Seehandel, die von grolser Bedeutung war. 

Die deutschen Kiisten hatten schon fruh eine eigene Seefahrt der 
Deutschen entstehen sehen, die niehr und mehr auch dem Dienst des 
Handels zuganglich gemacht wurde, je niehr die deutsche Kultur sich 
iiber die der nordischeu, nordostlichen und nordwestlichen Volker hob. 
Die Gebiete an der Ostsee und Nordsee waren die natiirliche Domane 
des Handelsverkehrs, der von den deutschen Kaufleuten zur See be- 
trieben wurde; seine Interessen fiihrten zu jenem grofsen Zusammen- 
schlufs deutscher StKdte, der unter dem Namen ^Ilansa^ bekannt ist. Auch 
dieser Handel war internationaler Z wischenliandel ; aber allmahlich lieferte 
auch der deutsche Gewerbfleifs wichtige Exportartikel. Die Gefahren 
des Handelsverkehrs mit den noch wenig entwickelten Volkem zwangen 
wiederum dazu, dem Handel in den ,,Faktoreien" feste Stiitz- und 
Saramelpunkte zu sichern, die in gemeinsamen Fahrten aufgesucht 
wurden, und von denen aus dann lange Zeit hindurch eine stark ausge- 
pragte wirtschaftliche Herrschaft iiber die beteiligten Volkerschaften aus- 
geiibt wurde. Die Hanseaten hatten in den nordlichen Meeren eine ganz 
ahnliche Handelsherrschaft wie im Mittelmeer die Italiener, und sie sind 
wie diese doch schUefslich auch die I^hrer der von ihnen wirtschafdich 
abhangigen Volkerschaften in der Seefahrt und im Handel geworden. 

Auch im mittelalterlichen Ljindhandel bestcht eine deutlich erkennbare 
Parallelitat der Entwieklung mit derjenigen des Altertums. Anfangs waren 
die Unterschiede in der Produktion noch nicht grofs und noch nicht 
standig genug, um einen Handels verkehr entstehen zu la^^sen. Aber melir 
und mehr machten sich die Verschiedenheiten in der natiirlichen Aus- 
riistung der Wohnsitze und in den natiirlichen Eigenschaften der Bewohner 
geltend, und als vollends die Menschen sich in den Stadten dichter zu- 
sammendrangten, war die Moglichkeit fiir eine weitgehende Specialisierung 
der wirtschaftlichen Thatigkeit und damit auch fiir die Ausbildimg leb- 
hafter Handelsbeziehungen gegeben, sowohl im engeren als auch im wei- 
teren Kreise. Der Handel von Stadt zu Stadt und iiber die I^ndesgrenzen 
hinaus war allerdings beschwerlich und gefahrlich. Gute und brauchbare 
T^andvve^e fehlten, und schwer genug war es fiir den Kaufmann, sich 
selbst und seine Waren fortzubringen. Die Waffe mufste der Kaufmann 
fiihren kimnen und mit Geleitsmannschaften nmfste er sich versehen, 
denn an schlimmen Gesellen fehlte es nicht, an hohen wie an niederen. 
Raubritter und Strauchdiebe bereicherten sich gem an den Waren des 
wandemden Kaufmanns. Auch vielfache Abgaben, um Durchhifs oder 
sicheres Geleit zu erkaufen, lasteten auf ihm, gleichviel ob er die Land- 
wege einherzog oder zu Schiff seine AVaren auf den Fliissen weiterfiihrte. 

Noch war es nicht moglich, von einem festen Mittelpunkt aus den 
Waren vertrieb zu dirigieren. Der Kaufmann zog selbst mit seinen Waren 



3. Kapitel. Die Entwicklung des Ilandcls, 73 

iiber Land, und ganz besonders nmlste er die Miirkte und Messen mit 
seinen Waren aufsucben, die in jenen Zeiten geringer Leistungsfahigkeit 
des Verkebrswesens und lokaler wirtscbaftlicber Abscbliefsung gegen 
aiidere Gebiete von der grofsten Bedeutung waren. Fiir gewohnlicb 
bielten die Stadte die fremden Kaufleute von sich fern, zu den Markten 
und Messen batten sie Zutritt, und ibnen sowohl als den einbeiiniscben 
Kaufleuten envucbs die Aussicht auf grofsen Absatz, da von vv either 
die Bevolkerung der Umgegend zu den Markten und Messen zu- 
sammenstromte. 

Auf diesen gelegentlicben Brennpunkten des Handelsverkebrs ent- 
wickelte sich auch der Geldwechsler- und der Wechsel- und Kreditverkebr 
in seinen alteren Fonnen. Gerade in jener Zeit, in der das Recht der 
Miinzpragung von so vielen Stellen aus gehandhabt wurde, gewann 
der Geldwecbslerverkehr eine grofse Bedeutung. Er war unentbebrlicb, 
uui die Hindernisse zu iiberwinden, die in der Verschiedenheit der 
nach vielen Hunderten zablenden Miinzsorten lagen. Auch auf den Ge- 
brauch der Wechsel, der ja die Verschiedenheiten vveniger fiihlbar machte, 
wirkte dieser Umstand ein. Die Unsicberheit und UmstandUchkeit der 
Geldbeforderung machte uberdies ein Mittel unentbehriich, das ohne un- 
mittelbaren Transport des Geldes einen Ausgleicb der Verbindlichkeiten 
zwiscben den verscbiedenen Platzen gestattete. 

Die Hauptgegenstande des Handelsverkebrs von Ort zu Ort waren 
bochwertige und haltbare Artikel, was (lurch die boben Transportkosten 
und den kngen Zeitverlust beini Transport notig wurde. Von Gegen- 
standen des Massenbedarfs war jedenfalls das Salz auch in dieser Zeit 
eine der wichtigsten Ilandelswaren. Ini ubrigen kamen kostbare Gerate 
und Stoffe, Waff en, GewUrze und andere Luxusartikel fiir den T^nd- 
verkehr vorzugsweise in Betracht, wahrend ira Seebandel der Hanseaten 
auch die Gegenstande des groben Bedarfs wie Getreide, Fische, Thran, 
Pottasche u. a. m. von Bedeutung waren. 

Eine freie Bewegung des Ilandels hat ini Mittelalter nicht bestanden. 
Der Geist einer eifersiichtigen Ausschliefslichkeit und eine weitgehende 
korporative und behordlicbe Einengung berrschte ini Handel sowohl zu 
Wasser als auch zu Lande. — 

Folgenscbwere Ereignisse, die auf die Entwicklung und Gestaltung 
des Handels den grofsten Einflufs gewannen, bezeichnen den 1 Jbergang 
voni Mittelalter zur Neuzeit. 1453 geriet Konstantinopel in die Hand 
der Tiirken und blieb seitdem dauernd unter ibrer Herrschaft Bei der 
grofsen Bedeutung, die Konstantmopel fiir den gesaniten Handels verkehr 
niit dem naberen Orient und rait Indien hatte, lag in diesem Ereignis 
eine emste Gefahr fiir den damaligen, von den Italienern beberrscbten 
Weltbandel. Der bisher benutzte wicbtigste Handelsweg nach Indien 
war jetzt in der Hand eines Volkes, von dem eine Fiirderung de>5 Ilandels- 



74 Ei^ter Tcil. Dcr Haiulcl. 

verkehrs nicht zu erwarten war. Auch der Weg iiber Egypten oder iiber 
Syrien, der sonst noch hatte in Betracht komnien konnen, war in muha- 
niedaniseher Gewalt. Man mufste einen neuen TTeg nacli Indien suchen, 
der nicht iiber die niuhamedaniseben Ilerrschaftsgebiete fiihrte. Es ist 
bekanntj welehe grofse Bedeutung dieser Gedanke fiir die Entdeekungs- 
fabrten gegen Ausgang des 15. Jahrbunderts batte. Vasco de Gaina und 
Kolunibus sucbten beide nicbts anderes als einen neuen Weg nach Indien, 
und wenn aucb Kolumbus in ganz andere Gebiete gelangte, so glaubte 
er docb Indien erreicbt zu baben. 

Fiir die Entwicklung des Handels war sow obi die Auffindung eineti 
wirklicben neuen Seeweges nacb Indien als aueb die Entdeckung Anierikas 
von uniwalzender Bedeutung. Gebiet, Gegenstande und Hilfsmittel des 
grofsen Ilandelsvcrkebrs wairden dadurcb wcsentlicb umgestaltet Die See- 
scbiffabrt wurde durcb die Antriebe, die durcb die grofsen Entdeckungs- 
fabrten gegeben waren, zu einer viel biiberen Leistungsfabigkeit gebracbt. 
Man verbesserte die Konstruktion der Scbiffe, man lemte die ICraft des 
Windes wirksanier und aussebliefslicber als bisber fiir die grofse Fahrt 
benutzen, man erweiterte die Kenntnis von der Bescbaffenbeit und Ge- 
staltung der Erde, man lemte Windricbtungen und Meeresstromungen 
besser kennen, und alles das tnig dazu bei, die bis dabin im we.sentlicben 
aufreebterbaltene Bescbrankung der Seefabrt auf Binnenmeere (Mittel- 
liindisebes Meer und Ostsee) zu beseitigen. Die grolsen Weltmeere wurden 
mebr und niebr befabren. 

Allerdings ware die Entwicklung der Oceanfabrt nicbt in dem Urn- 
fang eingetreten, wie es tbatsacblicb der Fall w^ar, wenn nicbt die neu 
aufgefundenen Gebiete Produkte geliefert batten, die beranzuscbaffen der 
Handel besonders geneigt sein niufste. In Mittelamerika waren e« zu- 
niicbst die Edelmetalle, in Siidamerika die Farbbolzer, in Indien die 
Gewiirze, die den Handel besonders anloekten, und gewaltig stieg die 
Masse dieser Waren an. Aucb andere, aus dem Handel mit dem Orient 
scbon bckannte Artikel, wie Reis, Baumw oUe, Seide, standen jetzt in viel 
grofserer Menge zur Verfiigung. Neue Waren traten dazu, die den Handels- 
verkebr anspornten, wie Kaffee, Kakao, Tabak. 

Die Wege des Weltbandels verscboben sicb in bedeutsamer Weise. 
Die neue Seestrafse nacb Indien miindete nicbt mebr auf die oberitalieni- 
scben Stiidte aus, sondern auf die westeuropaiscben Kiisten. Die bis- 
berige Herrsebaft der oberitalieniscben Stadtc iiber den Orientbandel 
wurde dadurcb erscbiittert und ging allmablicb ganz unter, ein Vorgang, 
der aucb auf die siiddeutscben Stiidte einen erkennbaren Einflufs ausiibte. 
Aucb sie lagen nicbt mebr giinstig zu dem Wege des Handelsverkebrs 
in orientaliscben Waren. Aber aucb die Wege des Handels mit der 
neuen Welt fiibrten nicbt nacb Venedig, Genua und anderen oberitalieni- 
scben Handelsstaaten, sondern ebenfalls nacb den westeuropaiscben Ilafen- 



3. Kapitol. Pie Entwickluiit? <les Handcls. 75 

.stiidten anr Atlantisclien Ocean. Der Verhist, der den oberitalieniscben 
SUidten aus dem neuen Wege nach Indien erwuclis, konnte also nicht 
(lurch den Verkelir mit der neuen Welt aus^e^lichen werden. 

So nmfsten denn die Staaten, die im Mittelalter den AVelthandel in 
der Hand hatten; niehr und mehr bei Seite ^edrangt werden, und die 
dem Atlantischen Ocean zu^ekehrten iJlnder iibernabmen jetzt die fiihrende 
Rolle. Portugal und Spanien gingen dabei voran; aber andere folgten 
bald nacb. Ein gewaltiges Ringen der westeuropiiiscben KStaaten um die 
Fiihrerrolle ini Weltbandel begann. Denn in den lilndcrnj die bis dab in 
wirtscbaftlicb von den Italienern und Hanseaten abbangig waren, voUzog 
j^icb ein Ubergang zur wirtscbaftlicben Selbstandigkeit. Die wirtschaft- 
licbe TIerrschaft der Italiener und der Hanseaten wurde scbliefslicb al)- 
gescliiittelt, und nicbt nur Spanien und Portugal, auch Frankreicb, Eng- 
land, Holland, Danemark begehrten ibren Anteil am Weltbandel und 
buchten die Herrscbaft dariiber zu erlangen. Im Innem wurde dieses 
Streben durcb konsequente Beforderung der eigenen wirtschaftiicben 
T^istungsfahigkeit seitens des Staates unterstiitzt. Xacb aufsen bin diente 
demselben Zwecke eine nicbt minder konsequente Scbutzpolitik im Interesse 
der nationalen Scbiffabrt und des nationalen Anteils am Weltbandel und 
weiterhin blutige Kriege, welcbe die wirtschaftiicben und politischen 
Rivalen bei Seite schieben sollten. Sieger blieb in diesen Kampfen 
England. England war im 16. und 17. Jahrhundert wirtscbaftlicb Deutsch- 
land noch lange nicht ebenbiirtig; aber seine folgerichtige, fiir jenc Zeit 
zweckmafsige Handels- und Schiffahrtspolitik und die unvergleicbliche 
Ounst seiner I^e zu dem Oceanverkehr glichen das mehr als genug aus. 

Die scharf ausgepriigte merkantilistische Schutzpolitik des Staates 
iibertrug im Grunde nur die Ideen der mittelalterlichen Wirt^scbaftspolitik 
der Stadte auf den Stiuit und war nicht geeignet, eine freie Bewegung 
des Handels herbeizufiihren. Sie arbeitete mit Monopolen und Privilegien, 
mit behordlichen Reglementierungen und Unterstlitzungen, mit behordlicher 
Bevormundung im Innern wie naeh aufsen. Da sie die ganzen damaligen 
Kulturstaaten — wenn auch mit verschiedener Ausgestaltung im einzelnen 
— beherrschte, so rief sie audi in den einzelnen lilndem vielfach gleicb- 
artige Bestrebungen bervor. Das zeigte sich namentlieh auch in der 
wirtschaftiicben Ausnutzung der iiberseeischen (iebiete. Die Hollander, 
die Englander, die Franzosen, in geringerem Umfange auch andere mittel- 
europaische Staaten, iibertnigen die wirtschaftliche Verwertung der iiber- 
seeischen Gebiete grossen HandeLskompagnien, die sich unter Benutzung 
der Aktienform seit Anfang des 17. Jabrbunderts bildeten, und statteten 
sie mit so vielen Privilegien und Monopolen aus, dafs sie wirtschaft- 
lich und politisch die Kolonialgebiete beherrschten. Dem. iiberseeischen 
Handels verkehr nach Ostindien und Amerika kam das wesentlich zu 
irute. 



76 Eratcr Teil. Der Handel. 

.Vlluiahlicli aber erstarkten die Kolonialreielie i^elbst und bereiteteu 
so die spatere vvirtschaftliche und politische Selbstandigkeit oder doeh 
wenigstens die Abschwachung ihrer Abhiingigkeit von den Mutterlandern 
vor. Die Gegensatze unter den europaischen Staaten leisteten dieser Ent- 
wicklung Vorschub. Hat sie auch vielfach erst iui 19. Jahrhundert zur 
volligen Selbstiindigkeit vieler Kolonialreiche gefiihrt, so setzte sie doeh 
schon iin 18. Jahrhundert ein. Frankreieh und England wurden zunachst 
davon betroffen. Die Franzoseu wurden aus Indien und Kanada naeh 
langeren Kiiuipfen durch die Englander verdriingt. Die Engliinder selbst 
verloren bald damach die Uerrsehaft iiber die nordanierikanischen Ko- 
lonien, die sich zu der unabhaugigen Rei)ublik der Vereinigten Staaten 
zusanimenschlossen. 

Nanientlieh das letztere Ereignis war fiir die Gestaltung des intiu*- 
nationalen Handels von grofser Tragweite. Der Handelsverkehr zur See 
wurde dadurch freier; verschiedene Harten und Riicksichtslosigkeiten, 
die bisher gegen die Uandelsschiffe iiblich waren, wurden beseitigt. In 
Ainerika selbst erstand statt eines abhangigen Kolonialgcbietes ein selb- 
stiindiger, grofser, rasch aufbliihender Kulturstaat, der dureh die besondere 
Richtung seiner Produktion wichtige Ilandelsartikel der europaischen 
Welt zu hefern vennochte und andere von dieseu Gebieten zu beziehen 
genotigt war. Alle Voraussetzungen eines grolsen internationalen Tlandels- 
verkehrs waren hier gegeben, und thatisaehlich hat er sich denn auch 
niit Riesenschritten ini Liiufe des 19. Jahrhunderts cntwickelt. 

Noch nach einer anderen Richtung legte das 18. Jahrhundert den 
Grund zu einer gewaltigen Uuigestaltung der Ilandelsverhaltnisse, die 
ebenfalls erst ini 19. Jahrhundert zur vollen Wirkung komuien konnte. 
James Watt hatte cine brauchban* Konstruktion der Danipfuiaschine 
gefunden imd dadurch die Einfuhrung einer Triebkraft in den gewerb- 
lichen Betrieb ennoglicht, die an I^istungsfahigkeit weit iiber die bis 
dahin benutzten Krafte hinausragte und die den technischen und wirt- 
schaftlichen Zuschnitt der (liiterproduktion wesentlich unigestalten sollte. 
Die Einfiihrung der Dampfkraft in den gewerblichen Betrieb zwang zur 
Massenproduktion in centralisierten, auf weitgehende Arbeitsteilung ge- 
stiitzten Grolsbetrieben. Der KkMnbetrieb des TIandwerks und der de- 
eentralisierte Grofsbetrieb der Ilausindustrie wurden auf vielen Gebieti'n 
beiseite gedrangt. Die Massenhattigkeit und auch die Mannigfahigkeit der 
(jUterproduktion und daniit auch der Handels waren nahui gewaltig zu, der 
Handelsverkehr seinerseits erlangte dadurch in sachlicher und rauuilichiT 
Hinsicht ein bedeutend erweitertes Arbeitsfeld. Die Entfernung zwischen 
Produzent und Konsunient wurde in persi'mlicher, zeitlicher und liiuni- 
licher Beziehung betrachtlich vergrofsert. Kein Wunder, dafs unter deni 
Einfluls dieser Uniwiilzung auch der Handel an Unifang seiner Leistungen, 
an Grofse seines Arbeitsgebietes, an Reichhaltigkeit seiner Gegenstiinde 



3. Kapitel. Die Entwickhing des Handels. 77 

viel gewann, iind dafs aucb seine Gewinnau«sichten yicli versclioben. 
Xicht mehr der Vertrieb weniger besonders wertvoller Warensorten niit 
reiclieni Gewinn, sondern eine grofse Menge von massenbaft zii ver- 
treibenden Waren mit relativ viel kleinereni Gewinn am einzelnen Stuck 
und an der einzelnen Sorte wurde dadurcb iiiafsgebend. 

Die Verscbiebungen sind — wie gesagt — erst ini 19. Jabrhundert 
z.ur voUen Geltung gekommenj weil sicb erst ini Laufe dieses Jabrlumderts 
die Verallgenieinening der ini 18. Jalirbundert angebabnten teclinisclien 
Fortschritt^ voUzog. 

Das 19. Jabrbundert seinerseits fiigte nocb ein weiteres Entvvickiungs- 
nioment von ebenfalls uniwalzender Bedeutung binzu, namlich ein auf 
Danipfkraft und Elektrizitiit gestutztes, in gewaltigen Grofsbetrieben kon- 
zentriertes Verkebrswesen von bober I^istnngsfabigkeit sowobl in Bezug 
auf die Scbnelligkeit als aucb in Bezug auf die Billigkeit der Bef()rderung. 
In den ersten 4 Jalirzebnten des 19. Jabrbunderts wurde der Grund zu 
dieser modemen Verkebrsentwicklung gelegt. Sie stiitzt sicb auf grofse 
wissenscbaftliche und techniscbe Fortscbritte und ist ibrerseits wieder der 
Antrieb zu solcben Fortscbritten gewesen. Der durcb Erfindung der 
Danipfraaschine eingeleiteten Entwicklung zur niodernen Massenfabrikation 
in grofsindustriellen Fabrikbetrieben liaben die Fortscliritte de« Verkebrs- 
wesens die wicbtigsten Dienste geleistet. Auf den Handel babcn sie nicbt 
minder umwalzend gewirkt. Die Verscbiebungen im Ilandel die durcb 
die Einfiihrung der Dampfkraft in den gewerblicben Betrieb hervorgerufen 
wurden, sind durcb die Verkebrsfortscbritte nocb gesteigert worden, ins- 
besondere ist Masse und Mannigfaltigkeit der Waren dadurcb stark ge- 
wacbsen. Massengiiter, deren Vertrieb durcb die boben Transportkosten 
gelabmt w^ar, rascb verderl)ende Waren, bei denen der Handel sbetrieb 
durcb die grofsen Zeitverluste der Beforderung gebemmt war, konnten 
jetzt immer mebr in den Ilandelsverkebr bineingezogen werden. Die 
leicbtere Uberwindung der Entfernungsunterscbiede riickte aucb die ent- 
legensten Gebiete in den Wirkungskreis des liandels und offnete den 
Erzeugnissen der verscbiedensten liinder den Absatz nacb alien mog- 
lichen Bedarfsstatten. Soweit dabei die einzelnen Produktionsgebiete in 
gleicber Richtung tbatig waren, mufste zwischen ibnen aucb ein viel 
lebbafterer Konkurrenzkampf entsteben. Thatsiicblicb konkurrieren jetzt 
in den IIaui)tabsatzgebicten die gleicbartigen Produkte fast aller bedeu- 
tenden Produktionsstiitten. Der zu erzielende Gewinnprozentsatz ist 
durcb die verscbarfte Konkurrenz wesentlicb abgeschwacht worden, wo- 
fiir aber die gesteigerte Massenbaftigkeit und Scbnelligkeit des Umsatzes 
einen Ausgleicb schafft. 

Der verscbarfte Konkurrenzkampf bat naturgemafs aucb zu einer 
energiscben Ausniitzung aller der Mittel gedriingt, welcbe beim Aufsucbon 
von Absatzgelegenbeiten niitzlicb sein kchmen, und diese Mittel selbst 



78 Ei-8ter Teil. Der Handel. 

haben unter deni Einflufs des moderaen Verkehrswesens an Mauni^- 
faltigkeit gewonnen. Die Reklame ini weitesten Sinne des Wortes in 
alien ihren Formen und Mitteln wird jetzt in eineni Unifang fiir die 
Interessen des Handels angewendet, der noeli vor eineni halben Jahr- 
hundert undenkbar erschienen ware. 

Gleichzeitig hat sich eine reiche Berufsgliederung im Handel voUzogen, 
zuni guten Teil audi grade in deni Streben, durch Specialisierung eine 
Leistungsfabigkeit zu gewinnen, die derjenigen der Konkurrenten iiber- 
legen ist. Die gesteigerte Masse des Umsatzes erleicbtert ein solcbes 
Vorgehen. 

Ist (lurch die erhohte Konkurrenz ohne Frage die Aufgabe des 
Kaufnianns schwerer geworden, so hat anderseits das moderne Ver- 
kehrswesen auch viel zur Erleichterung des Handelsbetriebes beigetragen. 
Die schnelle Beforderung der Waren hat die Kosten und die Zeitver- 
luste bei der Warenbewegung verinindert. Das erleicbtert es, von einer 
Stelle aus die Bewegung grofser Mengen je nach Bedarf zu leiten. 
Das Aufkommen eines besonderen Beruf sstandes , der die Zu- und Ab- 
fiihrung der Waren ubemininit, d. h. der Spediteure, wirkt in der 
gleichen Richtung. Dadurch schwindet die Notwendigkeit fiir den Kauf- 
mann, selbst mit seinen Warentransporten iiber das I^and zu ziehen. Von 
seinem Comptoir aus bewirkt er die Warenbewegung, dirigiert er seine 
detachierten Beamten (Reisenden) , seine Agenten und Makler u. s. w. 

Dazu kommt noch, dafs der heutige Kaufmann verhaltnisniafsig viel 
weniger Lager halten niufs als friiher. Dampfscliiffe und Eisenbahn- 
wagen geniigen ihm oft als Tjagerrauni, da er die noch auf deui Trans- 
port befindlichen Waren schon durch Verkauf verteilt und nach ver- 
schiedenen Bedarfspunkten bin dirigiert. Das heutige Verkehrswesen 
erlaubt eben eine Verfiigung uber Wareniiiengen, die noch gar nicht ini 
unmittelbaren Verfiigungsbereich des Betreffenden sind. Oft koniint die 
Ware iiberhaupt nicht zur Einlagerung in grofsen Mengen, in vielen 
anderen Fallen wird sie in — oft entfemt gelegene — T^erhauser ge- 
bracht, die unter selbstandiger Verwaltung stelien und dem Kaufmann 
gestatten, die Warenvorriite ohne eigene I^erraume fiir den Bedarfsfall be- 
reit zu halten. Der ansassige Kleinhandel kann zwar ohne eigenes Lager- 
lialten nicht zurechtkomnien ; aber bei der Leichtigkeit und Schnellig- 
keit, mit der er seine Vorrate ergiinzen kann, halt sich auch fiir ihn 
die Notwendigkeit des Ijigerhaltens in verhaltnismafsig engeren Grenzen 
als sonst. 

Durch diese Verschiebungen ist iiberhaupt die Bedarfsversorgung der 
Bcvolkerung von festen kaufmannischen Sitzen aus erleicbtert worden. 
Deshalb bedarf es in den Kiilturlandern nur noch in geringem Urafange 
des Wanderhandels in seinen iilteren Formen. Der nausierbetrieb , das 
Aufsuchen von Miirkten und Messen ist vielfach entbehrlich geworden, 



3. Kapitel. Die Eutwicklung ilci* Ilandels. 79 

uttd die Bedeutung des Hausier-, Markt- und Mefshandels iiiufste deslialb 
betrachtlich zuriickgehen. 

Fiir den Grofsverkehr sind an die Stelle der Jlessen und Markte die 
Borsen getreten, auf denen die Geschafte nur verabredet und auf denen 
die Waren nur noch nach der Benennung oder naeb Proben, ohne Heran- 
schaffung in natura, vertrieben wurden. 

Auf diesen Borsen konzentriert sicb ein grofser Teil desjenigen 
Ilandels, bei deni die spekulativen Zwecke besonders scharf ausgepragt 
sind. Aber auch aufserhalb der Borsen spielt das spekulative Element 
iui Handel eine viel breitere Rolle, wahrend gleichzeitig die Gefahren 
der Spekulation durcb den leistungsfiihigeren Nachrichtenverkehr ab- 
gesehwacht sind. 

Auch die engere Verknilpfung der Interessen der einzelnen Volker, 
wie sie durch das Verkehrswesen herbeigefiihrt ist, hat auf den Handel 
stark eingewirkt. Die I^ndesgsenzen setzen seinen Operationen keine 
grofsen materiellen Hindemisse entgegen. Der Handelsverkehr greift 
auf die verschiedensten Gebiete iiber, und vveder politische Gegensatze, 
noch Zolle und Formalitaten, noch Rechtsverschiedenheiten konnen ihn 
davon abhalten. Uberdies hat das Handelsinteresse viel dazu beigetriigen, 
manche Elrschwemisse des intemationalen Verkehrs abzuschwachen. Poli- 
tische Gegensatze, Zolle, Formalitaten und ahnliche Hindemisse sind 
durch Vertriige, durch bessere Ausbildung des Konsularwesens u. dergl. 
weniger fuhlbar gemacht. Die Rechtsverschiedenheiten sind durch eine 
weitgehende intemationale Annaherung des Handels-, Wechsel- und Ver- 
kehrsrechtes wesentlich vennindert worden, was wiederuni eine Erleichte- 
rung des Handelsverkehrs bedeutet. 

So hat der heutige Handel deni neuen Verkehrswesen vielfach neue 
und leichtere Wege und Fonnen unniittelbar zu danken. Dem Verkehrs- 
wesen hat er aber gleichzeitig auch in letzter Linie die viel grofsere 
Bewegungsfreit zuzuschreiben, deren er sich heute erfreut. Das Verlassen 
des Grundsatzes der obrigkeitlichen Fesselung und Bevormundung , die 
Verstattung freien Spielraunis ini Innern und im wesentlichen auch nach 
aufsen hat sich erst im 19. Jahrh. durchgerungen, war aber auch an- 
gesichts der hochgesteigerten Leistungsfahigkeit des Verkehrswe^ens un- 
entbehriich geworden. 

Das Geldwesen gewann ebenfalls im 19. Jahrh. wesentlich an Brauch- 
barkeit Schon vorher — seit Anfang des 17. Jahrh. — hatte man sich 
bemiiht, die nachteiligen Wirkungen der grofsen Miinzverschiedenheiten 
durch die Griindung von Wechsel- und Girobanken abzuschwachen. 
Spater kam es unter dem Einflufs des modemen Verkehrswesens mehr 
und mehr dazu, dafs territoriale Miinzverschiedenheiten iiberhaupt be- 
seitigt wurden. Die einzelnen Kulturstaaten schufen sich ein einheit- 
liehes Miinzsystem, und mehrfach haben verschiedene Staaten sich iiber 



80 Ereter Toil. Der Handel. 

die Munzciiiheit und die Wahrun^ international verstandigt. Xocli viel 
weiter wurde die internationale Vereinheitlichung des Mafs- und Gewichts- 
wesens im 19. Jalirli. gebracht. Beherrscht doch das von Frankreicb 
ausgegangene nietrisclie System fast die ganze Kiilturwelt. 

Dazu komnit die feinere Ausbildung des Kreditwesens, die im wesent- 
lichen ebenfalls erst dem 19. Jahrli. angehort Die entwickelten Fornien 
des in den Banken zusammenlaufenden Kreditverkehrs crleichtern den 
Ausgleicb der Zablungsverbindlichkeiten im Handel, sowolil im kleinen 
als auch im grofsen, sowohl im engeren Bezirk als auch im internatio- 
nalen Betrieb. Eine ganze Reihe von Geldersatzmitteln, wie Banknoten,Wecli- 
sel, Cheeks, steht dem Handelsverkehr zu Gebote; sinnreiche Abrechnungs- 
einrichtungen gestatten ihm, glatt und gerauschlos die riesigsten Suramen 
auszugleichen. Gleichzeitig ist die Beschaffung des Kapitals in sehr 
wirksamer Weise organisiert. Die durch den entwickelten Kreditverkebr 
gescbaffenen Wertpapiere sind selbst wieder Gegenstand neuer ITandels- 
zweige geworden und werden so dem Bedarf recbtzeitig und regelmafsig 
zur Verfiigung gestellt. 

Alle diese Erleicbterungen, die das 19. Jabrb. dem Handelsverkebr 
gebracbt bat, baben nun freilicb aucb dazu gefubrt, dafs die Anforderungen 
dieses Betriebszweiges an Kapitalkraft und personlicbe Fabigkeiten viel- 
facb untersebatzt werden. Namentlicb dem Kleinbandel gegeniiber, der 
sieb anscbeinend in so bequemen Fonnen abwickelt, ist diese Unter- 
sebatzung zu Tage getreten. Das erscliwert dem einzelnen Kaufmann 
die Existenz, wabrend auf der anderen Seite mit der Verfeinerung der 
Lebensgewobnbeiten die Anspriicbe der Bevolkerung an Bequemlicbkeit, 
an Ausstattung der Verkaufsraume u. dergl. erbeblieb gcwacbsen sind. 

Im Kleinbandel selbst sind neue Formen zu den alten hinzugetreten. 
Der Wanderbandel tritt ,jetzt oft in Form der Wanderlager, der sefshafte 
Kleinbandel in Form der Grofsmagazine und Warenbauser auf, wabrend 
gleicbzeitig die Produzenten und die Konsumenten selbst in Gestalt von 
genossenscbaftlicben Organisationen einen ansebnlicben Teil der Absatx- 
gewinnung und Bedarfsversorgung an sieb gezogen baben, um vermeint- 
licben oder wirklicben Mifsbriiucben entgegenzuarbeiten. 

Der bocb gesteigerten Leistungsfiibigkeit des Verkebrs entspricht es, 
dafs der internationale TIandel, der Weltbandel, im Laufe des 19. Jabrb. 
zu einer gewaltigen Ausdebnung gelangt ist. Die Wert^, die er auf der 
Erde in Einfubr und Ausfubr umsetzt, belaufen sieb 1897 auf niebt 
weniger als rund 77 Milliarden Mark und baben sieb in den letxten 
Jahrzebnten gewaltig gesteigert. 

Allen Lfindern voran stebt im Weltbandel im 10. Jabrb. England. 
England ist aueb jetzt nocb der Zwiscbenbandler , der Spediteur und 
FraebtfUbrer und der Bankier eines grofsen Tciles der Welt Uberdies 
findet es in seinen eigenen Tndustrieerzeugnissen eine umfangreicbe 



4. Kapitol. Die Gcgenstaiulc des Handelaverkchi-s. 81 

Unterla^e seiner Ilandelsoperationen. Unter den europaischen Staaten 
ist aber neuerdings, namentlich seit Anfang der 70 er Jahre, Deutschland 
ein gefahrlicher Nebenbuliler Englands geworden. Mit raschen Scliritten 
hat sich Deutschland zu cincni Industrie- und Ilandelsstaat ersten Ranges 
entwickelt, ohne in eine so einseitige Vemachlassigung des Ackerbaues 
geraten zu sein, wie England. 

In der neuen Welt stelien an der Spitze die Vereinigten Staaten von 
Amerika, in deren Handelsverkehr auch die landwirtschaftlichen Erzeug- 
nisse eine hervorragende Rolle als Exportartikel spielen. 

Die Bedeutung der Haupttrager des heutigen Welthandels mag durch 
folgende Zahlen beleuehtet werden. 1897 betrug der Specialhandel in 
Milliarden Mark: 

Einfuhr Ausfuhr Insgesamt 

(irofsbritannien und Irland . . . 9,2 4,8 14,0 

Deutschland 1,7 3,0 S,3 

Vereinigte Staaten von Amerika . 3,2 4,4 7,(» 

Frankreich 3,2 2,9 (),1 

Niederlande 2,b 2,5 5,3 

Belgien 1,5 1,3 2,S 

Oesterreich - Ungai-n 1,3 1,3 2,0 

Uufsland (fiber europ^iscbe Grenzen) 1,1 1,5 2,6 

Britisch-Indien 1,1 1,1 2,5. 

4. Kapitel. Die Oegenstftiide des Handelsverkelirs. 

Die Gegenstiinde des Handelsverkehrs heifsen „Waren", auch wohl 
— was friiher noch weiter verbreitet war — ^Kaufmannswaren*' oder 
,, Kauf mannsgu f^ . 

Der Begriff ^Ware'' ist enger als der Begriff ^Verkehrsguter^. Unter 
^Verkehrsgiitem" haben wir zu verstehen alle diejenigen wirtschaftlichen 
Giiter, welche den Gegenstand des nienschlichen Tauschverkehrs bilden. 
Da aber nicht jeder Tauschverkehr schlechthin schon als Handel — ini 
Sinne einer berufsmafsigen Austauschvermittlung genomnien — angesehen 
werden kann, so kann auch nicht jedes Verkehrsgut ohne weiteres ,,Ware'' 
im obigen Sinne sein. 

In Wirklichkeit fehlt es nicht an Beispielen dafiir, dais der Kreis der 
Waren enger ist, als der Kreis der Verkehrsgiiter; namentlich auf unent- 
wickelten Kulturstufen tritt der Unterschied deutlich hervor. 

Der Sprachgebrauch unterscheidet die Waren, mit denen es der 
Kaufmann zu thun hat, von den Gutem, die der Produzent hervorbringt 
und die als ,,Erzeugnisse'' bezeichnet zu werden pflegen. In der That 
decken sich beide Begriffe nicht. „Erzeugnis'' des Produzenten ist alles, 
was er an gebrauchsfahigen Giitern hervorbringt. Dafs aber nicht alle 
diese Er/eugnisse ^Wjiren'' sind, wird sofort klar, wenu wir uns einnial 
vorstellen, dafs die Erzeugnisse des Produzenten nirgends Abneluiier findeu, 

VAN DER BoBouT, Handoi. (t 



82 Erstor Teil. Dcr Handel. 

also unverkaiift liegen bleiben, oder dafs sie durch ein Naturereigiiis 
vernichtet werden, noch ehe sie den Weg zu dem Konsumenten begonnen 
haben. So lange das Erzeugnis noch bei dem Produzenten ruht, nennen 
wir es nicht Ware. Sobald sich aber die Austausch verraittlung , sei es 
in Gestalt des Fabrik- oder Handwerkshandels , sei es vor allem in 6e- 
stalt des Kaufmannshandels mit der Uberfuhrung des Erzeugnisses an 
die Konsumenten zu beschaftigen begonnen hat, nennen wir aueh diese 
Erzeugnisse Waren. Hier zeigt sich, dafs die Worte „Erzeugnis8e^ und 
^Waren^ zwei verschiedene Stadien desselben wirtschaftlichen Prozesses 
bezeiclinen, und zwar wird das Wort ^Ware'^ auf ein spateres Stadium 
angewandt, als das Wort „Erzeugnis". Die Ware kann ihrerseits wieder 
einem Produzenten ais Unterlage seiner Produktion dienen und so wieder 
in ein Erzeugnis hoherer Art verwandelt werden; aber auch nach diesem 
Prozefs wird das Erzeugnis erst wieder zur Ware, wenn die Vemiittler- 
tluitigkeit des Handels sich auf das betreffende Gut zu erstrecken be- 
gonnen hat. 

Die Unterseheidung zwischen Erzeugnis und Ware lehrt uns, dafs 
die Fiihigkeit, Ware zu werden, die Waren fahigkeit, ganz etwas 
anderes ist, als die Wareneigenschaft selbst, ganz ahnhch, wie man 
die Gutsfahigkeit von der Gutseigenschaft, die Wertfilhigkeit vom Werte 
unterscheiden mufs. Das Erzeugnis, das der Produzent fertiggestellt und 
in seinem Lager aufgesjieiehert hat, zeigt die Fahigkeit, Ware zu werden, 
aber es ist noch nicht Ware. 

Die Austauschvermittlung erfolgt stets zu dem Zwecke, irgend welchen 
menschlichen Bediirfnissen eine Befriedigung zu ermoglichen. Deshalb 
raiissen auch die Waren des Handels so geartet sein, dafs sie der mensch- 
lichen Bedarfsbefriedigung dienen konnen. Es zeigt sich aber sofort, dafs 
die Stellung der Waren zur menschliclien Bedarfsbefriedigung durchaus 
verschieden ist. Die Hauptmasse der Sachgiiter, die als Waren erscheinen, 
zeigt derartige stoffliche Eigenschaften, dafs sie unmittelbar den mensch- 
lichen Zwecken dienstbar gemacht werden kimnen, entweder als Gegen- 
stande des menschlichen Verzehrs oder Gebrauchs oder als Ililfsmittel 
seiner wirtschaftlichen Thiitigkcit u. s. w. Man geht hier auf den Sach- 
oder Stoffwert zuriick und begehrt die Waren um dieser ihrer stoff lichen 
Eigenschaften wegen. Das sind die Gegenstande des uumittelbaren Be- 
darfs, die man auch wohl reale Waren nennt, 

Daneben giebt es andere Waren, die normalervveise nicht wegen 
ihrer stofflichen Brauchbarkeit fiir uumittelbaren menschlichen Bedarf 
begehrt werden, sondeni wegen ihrer Fahigkeit, die Beschaffung von uu- 
mittelbaren Bedarfsgegenstiinden zu vermitteln oder zu erleichtem. Dazu 
gehort das gemiinzte Geld. Xormalerweise wird das Geld von den Men- 
schen nur deshalb begehrt, weil es als der allgemeine Vemiittler de« 
Tauschhandels die Moglichkeit hietet, alle moglichen unmittelbaren Be- 



4. Kapitel. Die Gegenstiinde des Haudclsverkehi-s. 88 

darfsgegensUinde zu beschaffen, deren Preise innerhalb der Grenzen der 
Kaiifkraft des zur Verfiigung stehenden Geldes liegen. Die heutige Aus- 
gestaltung des wirtschaftlichen Verkehrs bringt es mit sich, dafs aiifser- 
lieh als das Ziel aller wirtschaftlichen Thatigkeit in kultivierten Liindern 
die Erlangung der dem wirtschaftenden Subjekt notig oder wiinschens- 
wert erscheinenden Geldmenge anzusehen ist. Aber es ist nieht das Geld 
an und fiir sich, sondem die dadurch vermitteite Kauffiihigkeit hinsieht- 
lich unniittelbarer Bedarfsgegenstiinde, die den Menschen lockt. Das ge- 
iiiiinzte Geld hat nun freilich gleichzeitig auch einen bestiramten und 
beim Edelmetallgeld sogar erheblichen Stoffwert. Aber so wichtig dieser 
fiir die ungestorte Funktion des Geldes auch ist, so tritt er doch bei 
dem Begehr nach Geld durchaus in den Hintergrund. Wenn wir den 
Stoffwert von Gold und Silber fiir unsere wirtschaftlichen Zwecke aus- 
nutzen wollen, so richtet sich unser Begehr niclit auf die Edelnietallmiinzen, 
sondem auf die ungemiinzten Edelmetalle, und soweit \nr dabei den 
Uniweg iiber die Miinzen nehnien, luussen wir die Miinzen erst um- 
schmelzen, also ihrer Miinzfonn entkleiden. Nicht selten wird iibrigens 
dieser Umweg gemacht, namentlich bei Gold, weil seine Verarbeitung 
leichter sein soil, wenn es schon einmal durch die Miinzpressen gegangen 
ist, und weil sein Feingehalt alsdann nicht erst festgestellt zu werden 
braucht. In Pforzheim beispielsweise verarbeitet die Gold- und Bijouterie- 
warenfabrikation erhebliche Mengen gemiinzten Goldes. 

Das gemunzte Geld nimmt hiemach eine besondere Stellung ein. Es 
hat einen erheblichen Stoffwert, wird aber normalerweise nicht dieses Stoff- 
wertes wegen, sondem wegen seiner Funktion als Vermittler des Bezuges 
unmittelbarer Bedarfsgegenstande begehrt Es gehort also zu den Gegen- 
standen des mittelbaren Bedarfs, unterscheidet sich aber von anderen ( icgen- 
stiinden des mittelbaren Bedarfs wesentlich durch seinen eigenen Stoffwert. 

Neben dem Gelde haben sich infolge des Aufkommens und der 
grofsen Bedeutung des Kreditwesens viele andere Gegenstande des mittel- 
baren Bedarfs entwickelt, bei denen ein eigener nennenswerter Stoffwert 
nicht mehr vorhanden ist. Diese Gegenstande, die man auch wohl als 
^ideelle Waren'' bezeichnet, bestehen in Urkunden, die einen gewissen 
field- oder Warenbetrag reprjisentieren und einen Anspmch auf gewisse 
Geld- oder Warenmengen geben, wie Aktien, Banknoten, Wechsel, An- 
weisungen, Checks, Papiergeldscheine, Schuldverschreibungen (Obli- 
gationen), Warrants u. s. w. Der Stoffwert dieser Urkunden ist thatsach- 
lich gleich Null. Nur einen nominellen Wert haben sie und verdanken 
ihn lediglich dem Anspmch, der durch sie gegeben wird. Nichtsdesto- 
weniger sind sie eine sehr wichtige Ware in der neueren Zeit geworden. 

Wir haben hiemach, wenn wir die Stellung der Waren zu der mensch- 
lichen Bedarfsbefriedigimg ins Auge fassen, drei Warengruppen zu unter- 
scheiden : 



84 Ereter Toil. Dcr Ilaiulel. 

1. GegensUiiKle des unmittelbaren Uedarfs; 

2. Gegenstande des n)ittelbaren Bedarfs mit eigenem Stoffwert (Geld); 

3. Gegenstande des niittelbaren Bedarfs ohne eigenen Stoffwert. 
Da das Geld an einer anderen Stelle des Handbuehs eine nahere 

Behandlung erfalirt, so bedarf es hier nur noch einiger Bemerkungen 
fiber die Gegenstande des unmittelbaren Bedarfs und fiber die Gegen- 
stande des mittelbaren Bedarfs ohne eigenen Stoffwert 

Bei den zuerst zu beaprechenden Gegenstanden des unmittelbaren 
Bedarfs ist daran zu erinnem, dafs niebt jeder dieser Gegenstande als Ware 
in unserem Sinne erscbeint, und dafs deshalb der Warencharakter nur 
unter bestinimten Voraussetzungen angenommen werden kann. Diese 
Voraussetzungen sind zunachst allgemeiner Art Die Berufsgliederung 
mills sicb soweit gesteigert haben, dafs ein regelmafsiger Austausch der 
verecliiedenen Erzeugnisse iiberhaupt mr»glicb und notig ist; denn ohne 
diese Voraussetzung kann sich kein Handel entwickeln, und ohne Handel 
kann es keine Waren in unserem Sinne geben. Je vveiter die Berufs- 
gliederung vorgeschritten ist, je scharfer sich die Trennung des Konsu- 
menten vom Produzenten auspragt, je ausschliefslicher der Produzent fiir 
fremden Bedarf arbeitet, desto grofser mufs der Kreis der unmittelbaren 
Bedarfsgegenstande sein, die vom Handel vertrieben werden, desto 
weniger kann der Kreislauf von der Produktion zur Konsumtion ohne 
den Kaufmannshandel auskommen. 

Dazu kommt noch ein Anderes. Je hoher die allgememen kulturellen 
VerhiUtnisse und je mannigfaltiger deshalb die Bediirfnisse abgestuft sind, 
desto mehr Bedarfsgegenstande konnen und miissen in den Kreis der 
Thatigkeit des Handek gezogen werden. 

Weiterhin aber ist der Stand und die Ijeistungsfahigkeit des Ver- 
kehrswesens auch fiir den Kreis der Kaufmannswaren von tiefgreifender 
I^edeutung. Jede wirksame Verbesserung des Verkehrswesens vergrofsert 
den Warenkreis. Denn die Absatzfahigkeit der Waren wird dadurch 
gesteigert, und nicht minder werden die Grenzen fiir den Warenbezug 
wesentlicli erweitert. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich schon a priori, dafs der Warenkreis 
sieb im I^ufe der Zeit immer mehr ausdehnen mufste. Die (4eschichte 
bestiitigt das. Wir wissen, dafs thatsiichlich in den Zeiten des friihen 
Mittelalters der Kaufmannshandel nur cine nach unseren Begriffen geringe 
Zahl besonders haltbarer und kostbarer Waren bewegte, und diifs von 
den Artikeln des Massenbcdarfs nur das Salz auch in dem friiheren 
Handel eine grofsere Bedeutung hatte. Die Haui)tmasse der tiiglichen 
Bedarf sartikel wurde mir in engeren Wirtschaftsgebieten unmittelbar vom 
Produzenten an den Konsumenten abgesetzt; fiir diese Bedarfsgegenstande 
kam also vorzugsweise der Handwerkshandel in Betracht. Nur erganzend 
hatte der Kaufmannshandel einzugreifen. Im spiiteren Mittelalter war der 



4. Kapitel. Die (wegcnstiiiido des Handelsverkchrs. 85 

Warenkreis des Kaufmannshandels schon erheblich grofser, und heiite 
iibenvie^ in der Bedarfsversorgung der Bevolkerung der Kaufmanns- 
handel; der Fabrik- und Handwerkshandel tritt ihra nur erganzend zur 
SeitCj wenn auch, wie wir schon gesehen haben, gerade in der neuesten 
Zeit vielfach wieder unmittelbare Beziehungen zwischen Produzenten und 
Konsumenten angekniipft sind. 

Zu den allgenieinen Voraussetzungen miissen aber nocli eine Reilic 
specieller Voraussetzungen hinzutreten, von deren Erfiillung es abbangt, 
oh ein Bedarfsgegenstand in hoherem oder geringereni Malse als Kauf- 
mannsware erscheint 

Nimmt man die vorhin ge^ebenen Voraussetzungen als gegeben an, 
80 bedarf ein Gegenstand, um eine gute Kaufniannsware zu sein, noch 
folgender Eigentiiralichkeiten. Zunachst niufs er eine gewisse natiirliche 
Brauchbarkeit fiir menschliche Zwecke aufweisen ; denn ohne diese Voraus- 
setzung ist liberhaupt kein Gegenstand fahig, Ware zu werden. Weiter- 
hin ist notig, dafs der Gegenstand leicht, d. h. ohne zu grofse Miilie- 
waltung und ohne erhebliehes Risiko aufzubewahren ist. Auch diesi* 
Voraussetzung mufs erfullt sein, wenn ein Bedarfsgegenstand iiberliaupt 
die Warenfahigkeit aufweisen soil. In friiheren Zeiten, als der Uinsatz der 
Waren langsamer vor sich ging, als jetzt, hatte die Aufbewahningsfahig- 
keit oder, was der Sache nach auf dasselbe hinauslauft, die Haltbarkeit 
und Widerstandsfahigkeit gegen schadliche Einfliisse eine so grofse Be- 
deutung, dais sehr viele Gegenstande voni Handelsvertriebe ausgesehlossen 
waren, die heute vollkoramen Warencharakter angenomnien haben. Aber 
so sehr auch jetzt gegen friiher der Umsatz beschleunigt ist, so niiunit 
er doch vielfach noch so viel Zeit in Anspruch, dafs die Aufbewahrungs- 
fahigkeit nicht gleichgiiltig sein kann. Je widerstandsfahiger die Ware 
sich erw eist, desto leichter kann der Kaufniann daniit seine Operationen 
bewirken. Thatsachlich ist die Aufbewahrungsfahigkeit sehr verschieden, 
und es giebt eine nicht geringe Zahl taglicher Bedarfsartikel, bei denen der 
Handel sich nur deshalb bethatigen kann, weil der Unjsatz sich in kurzester 
Frist vollzieht Dafs Rohstoffe im allgeineinen haJtbarer sind als Ilalbfabri- 
kate und Fabrikate, lafst sich ebenso wenig behaupten als das Unigekehrte. 

Um einem Bedarfsgegenstand die Warenfahigkeit zu verleihen, mufs 
zu der naturlichen Brauchbarkeit und zu der Aufbewahrungsfahigkeit 
noch die Transportfahigkeit hinzutreten, da der Warenhandel ohne rauni- 
liche Fortbewegung der Gegenstande, die er vertreibt, nicht auskomnjen 
kajin. Je leichter sich der Gegenstand transportieren lafst, desto leichter 
kann ihn der Handel als Ware verwenden. Bei der Frage der Trans- 
portfahigkeit spielt auch die Widerstandsfahigkeit gegen die beim TraufN- 
port zu Tage tretenden nachteiligen Einflusse, wie Stofse, Erschiitterungen 
Einwirkimg der Hitze, der Kalte, der Trookenheit, der Feuchtigkeit, eine 
Rolle. Die niodemen Verhesserungen des Verkehrswesens haben diosi' 



86 Erstcr Teil. Dcr Handel. 

Eintliisse wesentlich abgcschvvaclit und den ganzen Transport weni^ef 
verlustreich gestaltet, aber sie haben nachteilige Einwirkungen nicht ganz 
aus der Welt schaffen konnen. Weiter aber ist bei der Frage der Trans- 
l)ortfahigkeit aucb das Verbaltnis der Transportkosten zu den fiir die 
Ware zu erzielenden Preisen von Bedeutiing. Je geringer die Spannung 
zwiscben beiden ist, desto scbwerer transportfahig sind die Waren. Ini 
allgenieinen ist in letzterer Beziehung das fertige Fabrikat gunstiger ge- 
stellt als der Rolistoff. Deshalb werden aucb im Eisenbabnverkehr Kob- 
stoffe vielfaeb billiger verfracbtet, als Ilalbfabrikate und Fabrikate. 

Die Erwabnung dieses Verbiiltnisses fiibrt uns auf weitere Voraus- 
setzungen fiir den Wareneharakter, die ein mehr subjektives Gepnige 
tragen. Die bisher besproebenen Eigenscbaften der natiirlichen Braucb- 
barkeit fiir menscbliche Zwecke, Aufbewabmngsfabigkeit und Transport- 
fiibigkeit stcllen sieb dar als die objektiven Voraussetzungen der Waren- 
fiihigkeit des Bedarfsgegenstandes. Aber der Gegenstand mag nocli so 
sehr dureb diese Eigenscbaften ausgezeichnet sein, zu einer Ware wird 
er docli erst^ wenn die Menscben seine Eigenscbaften als fiir ihre Zwecke 
geeignet erkennen und anerkennen und deshalb einen Bedarf nach dem 
betr. Gegenstande zeigen. Der Gegenstand niufs also niit der Konsum- 
und Geschmacksrichtung eines Teiles der Menscben in Ubereinstinimung 
sein, und die Ilerstellung dieser Beziebungen zu den menscblichen Be- 
diirfnissen wird zwar dureb das Vorhandensein der objektiven Voraus- 
setzungen ermoglicht, aber in Wirklicbkeit docb erst vollzogen dureb 
den Menscben mit seinen subjektiven Auffassungen selbst. Je kleiner 
der Kreis der Menscben ist, der aus den objektiven Voraussetzungen die 
notigen Scbliisse ziebt, desto scbwerer ist es fiir den Handel, den Gegen- 
stand als Ware zu verwenden. Je grofser und je gleicbmafsiger iiber 
die verschiedensten Gebiete bin verbreitet dieser Kreis ist, desto leicbter 
wird deni Handel das Eingreifen, in desto b()herem Mafse stellt sicb der 
Gegenstand als Ware dar. Gegenstande des Massenbedarfs, wenn sie 
die sonst erforderlicben Eigenscbaften baben, konnen aus dieseni Grunde 
bei cnt^vickelten Verkebrs- und Kulturverbaltnissen in ganz besondereni 
Mafse den W^arencbarakter verwirklicben. 

Dazu mufs nocli konunen einc gewisse zeitlicbe Gleicbmafsigkeit 
des Bedarfs. Je haufiger die Gesebniacksricbtung wechselt, je unberecben- 
l)arer und ungleicbniafsiger der Bedarf auftritt, desto niebr Scbwierig- 
keiten erwachsen deni Handel. Bei Gegenstanden voUends, welche nur 
ganz ausnabnisweise und gelegentlicb begebrt werden, bat der Handel 
einen so schweren Stand, dais er niitunter ganz auf den Vertrieb des 
b(itr. Gegenstandes verzichten mufs. 

Zu den erwabnten objektiven und subjektiven Voraussetzungen 
miissen nocb .verscbiedene Vorbedingungen binzutreten, die als bandels- 
technisclie bezeicbnet werden konnen. 



4. Kapitel. Die Gcgcnstando dcs Handclsvcrkehi-s. 87 

Soil sicli der Handel in umfassender Weise mit dem Vcrtrieb eines 
(legenstandes beschaftigen, so wird ihin das ohne Zweifel erleichtert, 
wenn die Sortenverschiedenheit sich in engen Grenzen bait. Der Handel 
soil und kann auch den verscbiedenen Abstiifungen der Gesebmacks- 
richtung der Konsunienten Eecbnung tragen. Aber je einbeitlicber die 
Geschniacksriebtung ist, je weniger Sortenabstiifungen der Ware also 
erforderlicb sind, und je leicbter sicb desbalb die Anpassung an den 
individuellen Bedarf bewirken lafst^ desto eber und desto bequemer kann 
der Handel Massenoperationen niit dein betr. Gegenstande vornehnien. 

Von Bedeutung ist audi fur den Handel, dafs ihni die Besebaffuug 
der zu vertreibenden Artikel niebt iibermafsige Sebwierigkeiten niacbt. 
Die Produktion des betr. Artikels nnifs umfangreicb genug sein, uni 
grofse Operationen zu ennoglicben, und die Produktionsstatten niiissen 
so gelegen sein, dafs sie die Leitung der Warenbewegung nacb den 
Bedarfsplatzen bin erleicbtern. Es konnte scbeinen, als ob die Ziisanimen- 
drangung der ganzen Produktion an einer bestimmten Stelle fiir den 
Handel am bequemsten ist. In sehr vielen Fallen trifft das aber niebt 
zu. Da die Leiter der Handelsbevvegung an den versebiedensten Punkten 
sitzen und sitzen miissen, um mit den Absatzgebieten die notige Fublung 
erhalten zu konnen, so wiirde die Bescbrankung der ganzen Produktion 
auf ein engeres Gebiet einem Teil des Handels sebon dadurcb Sebwierig- 
keiten macben, dafs die Bezugsquelle schwerer erreicbbar ist. Dazu 
kommt, dafs in dem einen einzigen Produktionsgebiet der Wettbewerb 
der Kaufleute um Erlangung der notigen Warenmengen sebarfer und 
deutlicber zu Tage treten mufs, was die Stellung der Kaufleute 
gegeniiber den Produzenten ersehweren kann. Unter Umstanden 
konnen die Produzenten diese Wirkung nocb verstarken diircb Zuriick- 
baltung gegeniiber der Nacbfrage der Kaufleute und durcb ge- 
meinsames Vorgeben. Uberdies wiirden Storungen in der Produktion 
des einzigen Produktionsgebietes dem Handel sebr emste Sebwierig- 
keiten bereiten. In sebr vielen Fallen seben es desbalb die Kaufleute 
als giinstiger an, wenn die Produktion sicb iiber verscbiedene Gebiete 
verteilt. Sie gewinnen dann an Unabbangigkeit gegeniiber den Produ- 
zenten und konnen die Warenbew egung leicbter nacb den Bedarfspunkten 
dirigieren, und sie sind audi besser gescbutzt gegen die nacbteiligen 
Wirkungen etwaiger Produktionsstorungen. 

Die zuerst erwahnte leicbtere Anpassung an den individuellen Bedarf 
haben Rohstoffe und Urprodukte im allgemeinen in boberem Mafse auf- 
zuweisen als die Halbfabrikate und Ganzfabrikate, bei denen eine vie! 
feinere Beriicksicbtigung der verscbiedenen Gescbmacksricbtungen notig 
ist und desbalb aucb im allgemeinen eine viel reicbere Sortenabstufung 
bestebt. Die Erleichterung der Bescbaff ung und Leitung der Warenmengen 
durcb ortliche Verteilung der Produktion kann sowobl bei Rolistoffen, 



88 JOrstcr Toil. Per Handel. 

und Halbfabrikaten als auch bei Fabrikaten vorhanden sein. Aber es 
ist nicht zu verkennen, dafs oft die Rohstoffgewinnung sich auf wenige 
Gebiete zusainmendrangt, wahrend die Verarbeitung dieses Rohstoffer^ 
sich vielfaltig verteilt. 

Zu den handelsteehnischen Voraussetzungen, welche die Thatigkeit 
der Handels erieiehtem, darf auch noch eine gewisse zeitliche Gleich- 
nialsigkeit der Produktion gerechnet werden. Stofsweises Auftreten und 
unregelmafsiger Fortgang des Produktion stellen den Handel oft vor sehr 
schwierige Aufgaben. 

Es ist klar, dafs eine Ware, bei der alle objektiven, sulyektiven und 
handelsteehnischen Voraussetzungen in der gunstigsten Weise gegeben 
sind, den Warencharakter in seiner hochsten Ausgestaltung aufweist. 
In Wirklichkeit giebt es nur wenige Waren, die so giinstig geartet sind, 
und deren hat sich denn auch l)ezeichnendenveise namentlich der Grofs- 
verkehr der Borsen benmchtigt. Ini iibrigen giebt es zahlreiche Ab- 
stufungen innerhalb der Waren, die thatsachlich voni Handel vertrieben 
werden, und es ist unmoglich zu sagen, bis zu welcheni Grade der 
Warencharakter abgeschwacht sein darf, wenn der Handel sich iiberhaupt 
noch niit deni Vertrieb soil befassen konnen. Die Technik der Handels 
ist ja auch in den einzelnen Gebieten ungleich entwickelt und des- 
halb in verschiedeneni Mafse fahig, die Schwierigkeiten zu iiberwinden. 
Als die Ware, bei der alle Voraussetzungen in bester Weise gegeben 
sind, darf man das Getreide bezeichnen. Als diejenige, bei welcher fast 
in alien Beziehungen die Voraussetzungen sehr ungiinstig sind, erscheinen 
die individuell gestalteten Originalerzeugnisse der Malerei und Bildhauerei, 
und doch bilden auch diese Erzeugnisse der Kunst den Gegenstand des 
Handels. Zwischen diesen Extrenien liegt aber eine so unendliche FUlle 
von Abstufungen, dafs es ein vergebliches Bemiihen sein wiirde, sie zu 
veranschaulichen. 

Die Bedeutung, welche den subjektiven ilonieuten fiir den Waren- 
charakter beizulegen war, bringt es niit sich, dafs der Kreis der Waren 
nicht iiberall derselbe ist. Die Bediirfnisse der Menschen sind verschieden. 
Deshalb kann derselbe (Jegenstand in einem Gebiete als Ware erscheinen 
und in deni anderen Gebiete nicht. Wissenschaftliche Bucher z. B. sind 
in Deutschland, aber nicht in Centralafrika Gegenstand des Handels, Rosen- 
krjinze am Rhein, aber nicht in rein protestantischen Gebieten u. s. w. Die 
kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und religiosen Verhaltnisse, die in 
einer reichen Abstufung neben einander bestehen, bedingen ebenfalls 
grofse Abweichungen in dem Warenkreise, mit deni sich der Handel 
zu beschiiftigen hat. Die zeitlichen Verschiebungen aller dieser Ver- 
haltnisse und der Bediirfnisse des Menschen ziehen nicht minder grofse 
Veranderungen nach sich. Ein Gegenstand, der bisher als Ware gelten 
mufste, kann diesen Charakter verlieren, wenn sich die Bedarfsrichtung 



4. Kapitel. Die (icgonstando ilos Handelsverkolirs. 89 

von ihm abwendet, und ein Gegestand, der sich bisher nicht als Ware 
darstellte, kann Warencharakter annehmen, wenn sicli die Bedarfsrichtuu<>: 
ihm zuwendet. Im ganzen ist das letztere im T^ufe der Kultiirentwiek- 
lung haufiger eingetreten als das erstere, und der Wareukreis hat dchi- 
halb in den Kulturlandem an Mannigfaltigkeit und Reichhaltigkeit 
unendlich gewonnen. 

Andere Unterschiede werden bedingt durch die verschiedenen Wirt- 
sehaftsstufen, die sich neben oder nach einander enhvickeln. Der Acker- 
Y)aiistaat mit seinem engeren Kreise von Produkten kann auch nur 
wenige Waren im aktiven oder passiven Handel abgeben und ist fiir 
seinen Bedarf an gewerblichen Erzeugnissen, der sich aber bei den ein- 
facheren Lebensverhaltnissen in engen Grenzen halt, auf fremde Zufuhren 
angewiesen. Der Staat, der eine hohe gew^erbliche Leistungsfiihigkeit 
erlangt hat, bedarf vielfach der Zufuhr fremder Ackerbauerzeugnisse und 
sendet seine gewerblichen Erzeugnisse in alle Welt hinaus. Dabei ist 
aber nicht zu ubersehen, dafs auch in demselben gewerblich entwickelteii 
Staate nicht immer die gleichen Erzeugnisse im Vordergrunde stehen. 
Auch darin tritt — im Zusammenhang mit der eigenen Entwicklung 
des Landes und auch mit deni Vorwartsschreiten der bisherigen Absatz- 
Hlnder — oft einp sehr bemerkenswerte Verschiebung ein. Unter Um- 
standen sind die \^erschiebungen so stark, dafs selbst das anscheinende 
naturliche Monopol einzelner Gebiete fiir gewisse Waren durchbrochen 
wird. Die Versorgung mit Zucker z. B. ist dank der gewerblichen 
Entwicklung des europaischen Festlandes im wesontlichen den tropischen 
Gebieten abgenommen und den europaischen Landem zugewiesen worden. 

Die vielfachen Unterscheidungen der Waren nach ihrer Herkunft^ 
nach dera Grade der technischen Bearbeitung, nach ihren naturwissen- 
schaftlichen Merkmalen u. s. w. werden iibergangen; sie gehoren in die 
Warenkunde, die hier nicht zu behandeln ist. — 

Die Gegenstande des mittelbaren Bedarfs ohne eigenen Stoffwert 
(die ^ideellen" Waren) bediirfen ebenfalls noch einer kurzen allgemeinen^ 
Betrachtung. Zu verstehen sind daninter, wie schon gesagt, Urkunden^ 
welche einen gewissen Geld- oder Warenbetrag reprasentieren und einen 
Anspruch auf gewisse Geld- oder Warenbetrage geben. 

Dafs derartige Urkunden zu Waren geworden sind, ist eine Er- 
scheinung, die mit dem neuerlichen Vordringen des Kreditsystems und 
mit der Erleichtenmg des Nachrichtenverkehrs zusammenhangt Ansatze 
zu einer solchen Entwicklung finden sich freilich schon friih. Die Wechsel 
insbesondere waren schon im Mittelalter Gegenstand des Ilandelsverkehrs. 
Zu einer grofseren Ausdehnung des Handels in Urkunden gab erst das 
Einsetzen der modemen Aktiengesellschaften denAnstofs; fiir diese hatte 
zwar das Mittelalter schon Vorbilder gegeben, aber ilire Ausbreitung ist 
(loch erst durch die grofsen Aktienkompagnien zur Ausnutzung iiber- 



1)0 Eretcr Toil. Der Handel. 

seeisclier Gebiete seit Anfan<^ des J 7. Jahrh. eingeleitet Avor(fen. Selion 
iin Anfang des 17. Jahrh. entwickelte sich in Amsterdam ein lebhafter 
Aktienhandel, und im 18. Jahrh. trat — bcsonders in Frankreicli und 
England — wiederliolt ein auffalliges Anschwellen des Aktienhandels 
zu Tage, neben dem sich als standiges Element des Handels mit „ideellen 
Waren^' der Weehselhandel weiter entwickelte^. Die heutige gevvaltige 
Ausdehnung des Handels mit Urkunden ist aber durchaus ein Ergebnis 
der allemeuesten Entwicklung und ist zuzuschreiben der ungemein starken 
und raschen Zunahme der Verwendung der Aktienform in alien Kultur- 
staaten, der schnellen und riesigen Ausdehnung des offentlichen Schulden- 
wesensj der Ausbildung des Banknot^n- und Check verkehrs, der enormen 
Zunahme der aus dem internationalen Handelsverkehr sich ergebenden 
Forderungsrechtc und Weehselurkunden u. s. w. in Verbindung mit der 
ungemeinen Erleichterung des Nachrichtenverkehrs. 

Die bezeichnetcn Urkunden sind also heute Waren, und zwar sowohl 
im grofsen wie auch im kleinen, im internationalen wie ira nationalen 
und lokalen Verkehr geworden. Gegeniiber den Gegenstiinden des un- 
mittelbaren Bedarfs, welche die andere grofse Gruppe der Waren dar- 
stelleUj zeigen die in Betracht kommenden Urkunden freilich sehr wichtige 
Abweichungen. 

Bei den Gegenstanden des unmittelbaren Bedarfs stiitzt sich der 
Begehr auf den Stoffwert, und deshalb mufste als erste objektive Voraus- 
setzung der Warenfahigkeit auch die nati'irliche Brauchbarkeit fiir mensch- 
iiche Zwecke angefuhrt werden. Bei den Urkunden, mit denen wir es 
hier zu thun haben, ist von einer natiirlichen Brauchbarkeit fiir unmittel- 
bare menschliche Bedarfsbefriedigung und von einem eigenen Stoffwert 
gar keiuc Kede. Die kleinen Papierstiicke aus denen diese Urkunden 
bestehen, haben nur eine jiufserst geringe natiirliche Brauchbarkeit und 
nur einen so winzigen eigenen Stoffwert, dafs sie aus diesem Gninde 
jedenfalls nieht eine wichtige Ware des Handels hjitten werden konnen. 
Nicht das, woraus diese Urkunden bestehen, sondem das, w as auf ihnen 
steht, und die Garantie, welche hinter ihnen steht, macht sie zu einem 
Gegenstande des Ikgehrs. 

Verschieden genug sind aber die Anlasse, welche dazu treiben, der- 
artige Urkunden zu kaufen und zu verkaufen. Ein grofser Teil dieser 
Papiere wird deshalb erworben, weil mit ihrer Hilfe Zahlungsverbind- 
lichkeiten im nationalen und internationalen Verkehr beglichen werden 
krmnen. Banknoten, Checks, Anweisungen, Wechsel werden aus diesem 
Grunde vielfach und in imnjcr wachsendem Umfange begehrt. 

Ein anderer Teil der Urkunden wird erworben, um eine dauemde 
Kapitalanlage zu bewirken, die aber doch ein leichtes Wiederflussig- 
nuichen der angelegten Mittel gestattet. Diesem Zwecke dienen Schuld- 
vorschreibungen des Staates und anderer (">ffentlicher Korperschaften, 



4. Kapitel. Die Gegenstiinde cles Haudolsverkcln's. 91 

Obligationen und Aktien von Aktiengesellschaften , lanrtschaftliehe und 
andere Pfandbriefe u. s. w. Mit derartigen Wertpapieren ist das Recht, 
die Riickzahlung des Kapitals beliebig zu verlangen, nicht verbunden, 
und das zwingt die Inhaber, falls sie ihr Kapital wieder flUssig machen 
wollen, ihre Anlagepapiere zu veraulsern. Dieser Umstand und gleich- 
zeitig das starke Anwacbsen des anlagesuchenden Kapitals hat einen 
sehr lebhaften Kauf- und Verkaufsverkehr bervorgerufen. 

Ein dritter Zweck, der bei Erwerbung von Wertpapieren verfolgt 
wird, ist die voriibergehende Kapitalanlage ini Interesse der Gewinnung 
ortlicher Kursdifferenzen, z. B. bei Wechseln, oder zeitlicher Kursdifferenzen, 
die bei einem Teil der offentlichen und der Aktienpapiere u. s. w. von 
Bedeutung sind. 

Zuni Teil spielen spekulative Interessen der letzteren Art aucli hinein bei 
dem Handeisverkebr mit Lagerscheinen bezw. Warrants. An und fiir sich 
werden solche Papiere freilich fiir einen anderen Zweck erworben oder 
verauTsert : man will dadurch die Verf iigung iiber Warenvorrate erkingen 
oder Ubertragen, ohne diese Vorrate selbst bewegen zu miissen. 

Bei noch anderen Papieren drebt es sich darum, im intemationalen 
Verkehr Zollerspamisse zu machen und so auf dem intemationalen Markt 
konkurrenzfahiger zu werden. Das kommt in Betracht bei den Einfuhr- 
seheinen und Zollquittungen, die bei Aufhebung des Identitatsnachweises 
fiir bestimmte Waren gewahrt werden, und die nun ihrerseits wieder 
den Gegenstand eines Handels zum Teil recht lebhafter Art bilden. 

Je mehr aus diesen verschiedenen Griinden die Nachfrage nach 
Urkunden der in Rede stehenden Arten anwachst, desto weniger lafst 
sich der Verkehr in solchen Papieren noch unter der Hand bewirken, 
desto mehr bedarf es der Vermittlung des Ilandels. 

Die Waren dieses Handels sind leicht zu transportieren und bei 
genugendem Schutz gegen Feuersgefahr und Diebstahl leicht aufzube- 
wahren. Der Bedarf damach ist grofs und weit verbreitet und wachst 
fortwiihrend. Die Schwierigkeiten der Heranschaffung sind bei den 
heutigen Verkehrsmitteln sehr geringfiigig. Die Umstiindliehkeiten, die })ei 
realen Waren aus dem Nebeneinander verschiedener Sorten derselben 
Warenart erwachsen konnen, bestehen hier nicht. Audi individuelle 
Unterschiede der einzehien Stiicke derselben Art kommen nicht in Betracht, 
vielmehr ist eine vollkommene Vertretl)arkeit der einzelnen Stiicke der- 
selben Art unter einander vorhanden. 

Alles das erleichtert es, stiindig einen grofsen und weit verzweigten, 
die Landergrenzen durchaus ignorierenden Ilandelsverkehr in diesen 
"Waren zu unterhalten, dessen wichtigste Konzentrationspunkte die Wert- 
papierborsen sind. 

Herkunftsland und Absatzgebiet spielen in diesem Verkehr kaum 
eine Rolle. Viel wichtiger ist fiir einen Teil desselben die Sicherheit 



92 Ki-ster Toil. Der llandcl. 

iind der innere Wert des Anspruebs, der dureh die Urkunde gewSlirt 
wird. Bei den Erwerbungen, die behufs Besehaffung von Zablun^- 
ausgleicbsniitteln oder von dauemden Kapitalanlagen oder behufs Oe- 
\vinnung ortlicher Kursdifferenzen gemaeht wcrden, ist gerade dieser 
Punkt von grofser Bedciitnng-. Bei den Enverbungen zur Gewinnung 
zeitlicher Kursdifferenzen ist er nicht bedeutungslos, tritt aber in der 
Praxis oft weit ziiriick liinter der Frage, ob die Preis- (Kurs-)Bewegung 
des betr. Papiers binreichend lebbaft ist, nni Ankniipfungspunkte fiir die 
spekulativen Operationen zu geben. 

Die Gegenstande des mittelbaren Bedarfs gliedern sicb nacb deni 
(lesagten in Warenpapiere und Oeldpapiere, je nacbdeni sie einen An- 
spruch auf reale Waren oder auf Geld gewahren. Die Warenpapiere 
werden nainentlicb durcb die Ijagerseheine und I^gerpfandseheine (War- 
rants) vertreteUy also durcb die von Lagerhausem iiber eingelagerte 
Waren ausgestellten Urkunden, durcb welcbe Verpfandung oder Verkauf 
der eingelagerten Waren obne deren raumliche Fortbewegung enn()g- 
licbt wird. Die Ilauptniasse der ^ideellen^ Waren bestebt indes in 
Geldpapieren, die tmtweder von offentlieben Koq)er8cluiften oder von 
privaten Gesellscbaften oder Personen (z. B. Standesberren) ausgegeben 
werden. Ein Teil dieser Papiere gewiibrt keinen Zinsenansprucb, reprji- 
sentiert also nur eine bestinimte (icldsumnie, wie.z. B. eigentlicbe und 
uneigentliche Papiergeldscheine, Banknoten, An weisungen, Cbecks, Wecbsel. 
Mit anderen ist ein Zinsenansprucb verbunden, z. B. mit offentlieben und 
nicht offentUchen Scbuldverscbreibungen (( )blig'atiouen)j landscbaftlicluMi 
und IIy])othekenpfandbriefen u. s. w. Xoch andere sind mit deni An- 
spruch auf einen ratierlichen Anteil am Reingewinn ausgestattet (,,Divi- 
dendenpapiere^), wie die Aktien. 

Da diese Papiere nur Gegenstand des Handelsverkehrs sein kimnen 
wenn ibre Ubertragbarkeit von Hand zu Hand gesichert ist, so bat sieh 
!)ei dem auf den Namen des Inhabers lautenden Papieren das Institut 
des Indossaments entwickelt, das insbesondere bei Wechsehi eine grofse 
Tlolle spielt (Namenspapiere, Orderpapiere). Ist die tlbertragung durcb 
Indossament ausgeschlossen(,,Rektapapiere''), soerschwert dasdenHandels- 
verkebr erbehlich, obne ihn indes unnjoglich zu machen, da der Weg 
einer Cession audi bier noch die IJberta'agung ermogliebt. Wird die 
Ubertragung an erschwerende Fonnalitaten gebunden (z. B. Eintragung 
in besondere Biicher), oder wird sie nur mit ausdriicklicber Genebmigung 
der beteiligten Gesellschaft oder ihrer ausfiibrenden Organe gestattet (z. B. 
vinkulierte Xamensaktien), so ist der Handel darin noch mehr beengt. 
Am leichtesten und glattesten voUzieht sich der Handelsverkehr bei den 
Inhaberi)apieren, die den Namen des berecbtigten Inhabers uberhaui)t 
nicht enthalten. Denn bier geniigt die einfache Ubergabe von Hand zu 
Hand obne Jegliche Formalitat zur in)ertragung. Diese Form der Pajnere 



5. Kapitcl. Die menschlicbe Arbeit im Dienste <les Haiidels. 93 

ifet denn audi neuerdings in den Vorder^rund getreten, und audi bei 
PapiereUy die auf den Nauien lauten, hat man durcli das Blankoindossa- 
nient eine gleieh leichte I'bertragung wie bei den Inhaberpapieren her- 
beizufubren gewufst 

Einzelheiten iiber die in Betradit komnienden Papiere werden in 
anderen Banden des Handbuchs gegeben und konnen deshalb bier iiber- 
gangen werden. 



5. Kapltel. Ble meiisehllche Arbeit Im Blenste des Handels. 

Der Handel im engeren Sinne, der Kaufmannsbandel, bat die nienscb- 
lidie Arbeitskraft, die geistige und die k()rperliehe, ebenso wie andere 
Berufszweige sowohl zu der leitenden als aucb zu der ausfiihrenden 
^Vrbeit heranzuziehen. Er beschaftigt also eine Reihe von Arbeitskraften 
als Unt^raehmer, als Trager der Handelstbatigkeit und gesellt dazu 
ausfiihrende Personen fiir hobere und fiir niedere Dienstleistungen (kauf- 
niannische Angestellte, Arbeiter). Aulserdem stiitzt er sicb vielfach auf 
die Arbeit von selbstandigen Personen, die ibni nacb den vereebiedensten 
Eiditungen bin Vennittlerdienste leisten (Hilfspersonen des Handels). 

Die Zabl der als Untemebmer tbatigen Personen ist im Handel ver- 
haltnismalsig grofs, weil ein bedeutender Bnicbteil der Betriebe von deni 
Untemebmer allein obne Heranziebung fremder Arbeitskrafte durcb- 
gefiihrt wird, und weil audi in den Betrieben, welcbe fremde Arbeits- 
krafte beranzieben („Gebilfenbetriebe^), die Zabl der Kleinbetriebe dureb- 
aus iiberwiegt. 

Nadi den deutscben Gewerbezablungen von 1882 und 1895 bestanden 
in Deut*icbland im Handelsgewerbe iiberbaupt 

i^b2 lyjo 





Haiipt- 


NebeD- 


Betriebe 


Haupt- 


Neben- 


Betriebe 




betriebe 


betriebe 


uberhaupt 


betriebe 


betriebe 


uberhaupt 




452 725 


104 111 


016 830 


035 209 


142 286 


777 495 


Daninter Allein- 














betriebe . . . 


293 3'.)9 


150 500 


443 899 


350 572 


125171 


475743 


= Proz. 


04,8 


91,7 


71,9 


55/2 


88,0 


62,3 



Die Zabl der AUeiiibetriebe ist biernacb zwar im Vergleidi zur Ge- 
samtzabl der Betriebe zuriiekgegangen, umfafst alier im ganzen nocli iiber -^5, 
bei den Hauptbetrieben fast 3/., aller Betriebe. Im Warenbandel allein 
bestanden 1895 (vergl. ,,Statistik des Deutsdien Reiebes^, X.F., Bd. 113): 

Hauptbetriebe . . . 52bi885, davoii Alleinbetriebe 271595 = 51,3 IVoz. 
Nebenbetriebe . . . 118 253, . . 103 4S6 = S7,5 . 

Betriebe uberbaiipt 647 13S, . . 375 0S1 = 58,0 . 

Zu den Untemebmern der Alleinbetriebe kommen nocb die Inbaber 
und Gesdiaftsleiter der Gebilfenbetriebe binzu, die sicb im Handel iiber- 



94 Ei-ster TeiL Dor Handel. 

haupt 1SS2 aiif 153827 und 1895 auf 240 418') belief en. Im ganzen 
waren im Handel thatig in den Haiiptbetrieben 

1S82 1895 

Durclisclmittlich bescbaftigte Personen . . S38 392 1332 993 

Davon in Unteraehmeretellungen .... 447226 590990 

= 53,33 Proz. = 44,34 Proz. 

Ini Warenbandel betrug 1895 die Zahl aller durchschnittlich be- 
sebaftigten Personen 1105 423, davon waren Unternebraer von Allein- 
betrieben 271595 und Inhaber und Oeschaftsleiter von Gehilfenbetrieben 
215 040, sodals iiu ganzen 486635 Personen oder 44,02 Proz. in T^nter- 
nehnierstellungen tliatig waren. 2) 

Dieser grolse Bnichteil wird nur in wenigen Gewerbezweigen iiber- 
schritten. Der Bedarf des Handels an Untemehmerkraften ist also ver- 
haltnisnialsig grols. An der Uutemehmertbarigkeit ist das weibliche Ge- 
scblecbt stark beteiligt. Es befanden sicb im Handel iiberhaupt unter 
den Untemehmem weibliche 

1SS2 1S95 

in Alleinbeti-ieben . 76 1 69 = 25,96 Pi'oz.^) 1 10 702 = 31,58 Proz.^0 
^ Gehilfenbetnel)en 18 269=11,88 . •») 29 640=12,33 „ ^) 

Der Anteil der weiblichen Kriifte bat sicb also vemiehrt, besonders 
bei den Alleinbetrieben, in denen iiberhaupt die weiblichen Untemehmer 
besonders hiiufig vertret^n sind. 

Von den verschiedenen Untemehmungsformen iiberwiegt im Handel 
die Einzelunternehmung durchaus. Von den 635 209 Hauptbetriebeu des 
Handels iiberhaupt waren 1895 

350 572 Alleinbetriebe 
und 237 191 Gehilfenbetriebe ^) 
Zusarainen 587 763 Hauptbetriebe 
oder 92,5 Proz. in der Hand von Einzeluntemehmem. Im Warenbandel, 
der im ganzen 528 885 Hauptbetriebe umfafste, waren 

271595 Alleinbetriebe 
und 218 915 Gehilf enbe^iebe^^ ) 
Zusammen 490 510 Hauptbetriebe 
oder 92,7 Proz. Einzehmternebmungen. 

Die oft hervorgehobenen Vorziige der Einzelunternehmung, die 
aus ihrer personlieben, zu vollig selbstandigem Handeln befugteu und 
vollig selbstverantwortlichen Spitze hervorgehen, insbesondere ihre Fahig- 
keit, sicb dem Wechsel der Marktbedingimgen anzupassen, sind fiir 



1) Durchschnittlich Bescluiftigtc. 

2) Die Angaben der Gewerbczjihhinjs: weichen von denen ditr Benifswahlung 
bckanntlich otwas ab. 

3) r>er Gesanitzalil der UDteniehmerkrafte dor botr. Gnippe. 

1) „(io»amtbctriebe^, d. h. unter geuieinsamer Leitung und Huchfuhrung stehende 
Bctriebe, ;reonhiet nach deiu hauptsachhchen Betriebszwoig. 



5. Kapitel. Die menschliehc Arbeit im Dienstc des Hainiels. 95 

wiehtige Gebiete des Ilandels von so ^rofiser Bedeutung, dafs sich 
das starke Uberwiegen der Einzelunternehimmg durcliaus erkljirt. In 
der Hand der Einzelunternehmer liegt die Ilauptmasse sowolil der 
Kleinhandels- als audi der rirofshandelsbetriebe, sowold der Zwergunter- 
nehniungen bescheidenster Art, als audi der weithin sichtbaren Orofs- 
betriebe, die weite Gebiete mit ihren Operationen unifassen. Freilich sind 
es redit verschiedene soziale Scliichten, die sidi hier zusamnienfinden. 
Der kleine Kramer steht vielfach sozial und wirtschaftlieh der breiten 
Masse der Arbeiter sehr nahe, nur dais seine geringe wirtsdiaftliebe 
Widerstandsfahigkeit mit dem Reiz der wirtschaftliehen Selbstiiudigkeit 
verbramt, abcr aueh mit deren Sorgen belastet ist. Der Grofskaufmann, 
der ^Ilandelsherr" ist auf dem Gebiete des Handels dasselbe, was auf 
dem Gebiete der gewerblichen Produktion der Grofsindustrielle ist. Er 
ist der Fiihrer und Bahnbrecher im wirtschaftliehen Ringen, ein madit- 
voller, durch Bildung und Besitz ausgezeichneter Vertreter stolzen und 
gesunden Biirgertums, und ein grofser Teil dieser Handelsherren spielt 
im offentlichen Leben auf den verschicdensten (Tebieten cine hervor- 
nigende Rolle. 

Wie die ganze soziale Stellung, so ist aueh die kaufmannische Arbeit 
des Klein- und Grofskaufmanns sehr verschieden. Der Inhaber des kauf- 
mjinnischen Kleinbetriebes unterscheidet sich von dem Grolskanfmann 
in dieser Bezichung ahnlich, wie der kleine Ilandwerksmeister vom 
Grofsindustriellen. Der Kleinkaufmann hat eine Fiille korperlidier, rein 
nieehaniseher ^Vrbeiten neben der — oft sehr bescheidenen — geistigen 
Untemehmerarbeit auf sich zu nehmen. Der Grofskaufmann dagegen 
hat es nur mit der hier sehr umfangreichen geistigen Arbeit zu thun, er 
ist der Organisator und Leiter einer grofsen Menge von Einzelthatig- 
keiten, die durch ihn zu erspriefslidier Arbeit zusammengefjifst werden. 

Wie auf alien iibrigen Gebieten der wirtschaftliehen Arbeit tritt audi 
im Handel oft genug die enge Begrenzung der persimlichen I^istungs- 
fjihigkeit hindemd in den Weg. Arbeitskraft, Wissen und Kapitalkraft 
des Einzelnen konnen ilber gewisse natiirliche Schranken nicht hinaus- 
gehen. Daher hat sich audi der Handel nach verscliiedenen Richtungen 
hin auf gesellschaftliche Untemehmungen stutzen miissen, die entweder 
die personliche Arbeitskraft imd das personliche Wissen oder die per- 
sonliche Kapitalkraft oder beides erganzen soUen. 

Die heutigen Formen der Handelsgesellsdiaften stammen zumeist 
aus Italien und haben sich dort schon im Mittelalter zu entwickeln be- 
gonnen. Fur ihre modeme rechtlidie Ausgestaltung ist aber vielfach das 
franzosische Recht mafsgebend geworden. 

Die offene Handelsgesellschaft ist zweifellos aus der Familie hervor- 
gegangen. War es doch der niidistliegende Weg zur Verstiirkung und 
Ergiinznng der persimlichen Leistungsfahigkeit des Unternehmers, auf die 



<)«> Ei-ster Toil. Der Handel. 

Faniilieiiinit^lieder zuriickzugreifen. Ursprunglicli deni Gewerbebetriebe 
dieiiend, hat sich diese Gesellschaftsfonn , die sicb inzwischen auch aiif 
Xicht-Faniilienmitglieder erweitert hatte, spater inehr und mehr in den 
Dienst des Ilandels gestellt und namentlich im 1 7. und 1 S. Jahrliundert 
ini Handel Verbreitung gefunden. In Frankreich wurden durch die Col- 
bert'scbe Handelsordonnanz von 1673 die Verhaltnisse der offenen Han- 
ilelsgesellschaft geregelt, und auf dieser Grundlage hat die neuere Rechts- 
entwicklung weit^r gebaut. 

Die Stille Gesollschaft und die Konimanditgesellsehaft haben sich 
aus der italienischen comnienda entwickelt, fiir die aber sehon djis 
romische Altertum gewisse Vorbilder liefert. Die eonimenda diente ur- 
.spriinglieh deni Seehandel und erscheint ini friihen Mittelalter als ein 
Auftrags-(Korainission8-)Verhaltnis zwischen dem eonimendator, d. h. dem 
Kaufniann, welcher S(»hiff und Waren und Geld zur Verfiigung stellte, und 
<lem tractator, welcher niit diesem Schiff und diesen Waren und Geldniitteln 
in uberseeischen Gebieten fiir den eonimendator Geschafte machte. Spater 
beteiligte sich der tractator selbst mit Kapitaleinlagen, und gegen Ende des 
Mittelalters wurde er zur Ilauptperson des Geschaftes, welche von ver- 
schiedenen Personcn Kapit^ileinlagen zuni Geschaftsbetriebe empfing. Von 
hier aus entwickelte sich dann in Italien ini 15. und 16. Jahrhundert 
eine feste Gesellschaftsforni, die Koninianditgesellschaft, deren rechtliche 
Ausgestaltung aber wiederuni durch die franzosische Gesetzgebung des 
17. Jahrhunderts zum Abschlufs gebracht wurde. Auch hier bildet das 
franzosische Recht die Grundlage der neueren Entwicklung. Nebenher 
geht die Ausbildung der Stillen Gesellschaft, bei welcher die Kapital- 
beteiligung nicht nach aufsen liervortritt^ und die ihre vollkoiumene recht- 
liche Ausgestaltung erst durch das Allgemeine Deutsche Handelsgesetz- 
buch erhielt. 

Die Aktiengesellschaft ist bekanntlich ebenfalls in Italien ini Zu- 
saninienhang niit dem Schuldenwesen der Stildterepubliken entstanden. 
Ihre neuere Entwicklung kniipft aber an die Bildung der grolsen privi- 
legierten Handelskompagnien im Anfang des 17. Jahrhunderts an. Seit 
<lem 18. Jahrhundert hat die Aktiengesellschaft, fiir die in Frankreich 
<lie Form der Inhaberaktien aufgebracht worden war, an Verhreitung 
wesentlich gewonnen und sich im 19. Jahrhundert auf alle moglichen 
Erwerbsgebiete ausgedehnt. 

Gewisse Eigentiimlichkeiten der Aktiengesellschaft sind seit Ende 
des 17. Jahrhunderts auch auf die Kommanditgesellschaft iibertragen 
worden, w oraus sich die Kommanditgesellschaft auf Aktien entwickelt hat. 

Die neueste Entwicklung hat in Deutschland (Ges. vom 20. April 1S92) 
noch eine besondere ,,(Tesellschaft mit beschriinkter Haftung'^ entstehen 
lassen, nachdem schon vorher in die iiltere Form der Genossenschaften 
di(» beschrjinkte Solidarhaft eiui^refiihrt worden war. 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dienstc dos Haiidels. 97 

Die Entwicklung der Handelsgesellschaften im einzelnen zu scliiidern, 
ist nicht die Aufgabe dieses Biiches. DafUr mufs auf die Speeialdar- 
stellungen in der nationalokonomischen iind handelsrechtlichen Litteratur 
verwiesen werden. Die volkswirtschaftliehe Bedeutung und die juristische 
Stniktur der Handelsgesellschaften- ist in Band IV dieses Handbuches 
bereits erlautert. leh beschranke mich deslialb darauf, den m. E. eha- 
rakteristischen Untersehied zwischen den llauptformen der heutigen 6e- 
sellschaften hervorzuheben. 

Das cliarakteristiscbe Unterscheidungsmerkmal ist in der Stellung 
der Gesellschafter zu den Gesellschaftsverbindlichkeiten zu erblicken. Das 
wird am besten klar, wenn man von der Einzelunternehmung als dem 
Vor- und Urbild aller Unternehmungsformen ausgeht. 

Der Einzelunternehraer hat das voile Risiko des Unternehmens zu 
tragen. Seine gauze wirtschaftliche Existenz ist mit dem Unternehmen 
verkniipft, mit seinem ganzen Vermogen hat er fiir die Gesehaftsverbind- 
liehkeiten einzustehen. 

Ersetzenwir denEinzelunternehmer dureh mehrerePersonen, vondenen 
jeder ebenfalls mit seinem ganzen Vermogen fiir die Geschaftsverbindlich- 
keiten einstehen muls, und die deshalb solidarisch dem Geschaftsglaubiger 
haften, so haben wir die Offene Handelsgesellschaft. Sie ist eigentlieh nur 
eine Einzelunternehmung mit einer mehrkopfigen Spitze, eine Multiplikation 
des Einzelunternehmers. Fiir keinen der Gesellschafter ist die Haftung 
gegeniiber den Gesellschaftsglaubigern beschrankt. 

Erweitem wir den Kreis der solidarisch haftenden Unternchmer zu 
einer Vielheit von Personen derart, dafs andere als solidarisch haftende 
Mitglieder der Gesellschaft nicht vorhanden sind, so erhalten wir die 
Oenossenschaft. Die Genossenschaftsmitglieder haften entweder schran- 
kenlos oder bis zu einer gewissen Ilochstgrenze, aber stets solidarisch 
den Genossenschaftsglaubigern. (Nach dem jetzigen deutschen Recht ist 
noch eine dritte Form, namlich unbeschriinkte Nachschufspflicht gegen- 
iiber der Genossenschaft, zulassig.) 

Diesen Unternehmungsformen mit Solidarhaft aller Mitglieder gegen- 
iiber den Gesellschaftsglaubigern bezeichnet die Aktiengesellschaft eine 
solche Gesellschaftsform, deren samtliche Mitglieder nur bis zum Betrage 
ihres iNJktienbesitzes am Geschiiftsrisiko beteiligt sind und den Gesell- 
schaftsglaubigern nicht personlich fiir die Gesellschaftsverbindlichkeiten 
haften. Hier giebt es also lediglich Gesellschafter, deren Beteiligung und 
Haftung auf ihre Einlagen beschninkt ist. Xiemand haftet mit seinem 
ganzen Vermogen fiir die Geschaftsschulden. Auch Nachschufsverbind- 
lichkeiten gegeniiber der Gesellschaft bestehen nicht. 

In etwas abgeschwiichter Form erseheint dieses Prinzip bei den 
neuen Gesellschaften mit beschriinkter Haftung. Auch hier haften alle 
Gesellschafter — und zwar nicht unmittelbar den Gesellschaftsglaubigern, 

VAN DER BoKGUT, Uandol. 7 



98 Erstcr Teil. Der Handel. 

sondem niir der Gesellschaft — grundsatzlicli nur nach Malsgabe ihrer 
Einlagen, konnen aber der Gesellschaft gegeniiber durch das Statut zu 
Naehschiissen ^cenotigt werden. 

Zwisehen den besprochenen beiden Gnippen, deren eine nur soli- 
dariseh haftende und deren andere- nur nacb Einlagen haftende Mit- 
glieder unifaXst, stebt nun eine dritte Gruppe, welche beide Systeme mit 
einander verkniipft und sowohl personlich und solidarisch haftende, als 
auch nach Einlagen haftende Gesellschafter unischliefst. Hierher gehort 
zunachst die Stille Gesellschaft, bei der auf jeder Seite nur eine Person 
in Frage kommt, der personlich haftende Unternehmer und der stille 
Teilhaber. Nach aufsen tritt diese Gesellschaft ilberhaupt nicht hervor. 
Femer kommt in Betracht die Kommanditgesellschaft und die Konimandit- 
Aktiengesellschaft. Hier haben wir einen personlich mit seinem ganzen 
Vermogen oder mehrere ebenso solidarisch und personlich haftende 
Gesellschafter auf der einen Seite (die ^Komplementiire") und eine Mehr- 
heit oder Vielheit von nur beschriinkt nach ihrer Einlage haftenden Ge- 
sellschaftem (,,Kommanditisten") auf der anderen Seite. 

Der besprochene Unterschied in der Ilaftung der Gesellschafter hat 
grundlegende Bedeutung; der Ausbau der verschiedenen Gesellschafts- 
formen ist dadurch wesentlich beeinflufst worden. Kur an zwei charak- 
teristischen Punkten soil da^ kurz gezeigt werden, an der Geschafts- 
fuhrung und an dera Gewinnanteil. Bei der Einzeluntemehmung ist 
die notwendige Ergjinzung der unbedingten und unbeschriinkten per- 
s()nlichen Haftung zu erblicken in dem unbedingten und unbeschriinkten 
Geschaftsfiihrungsrecht und Gewinnanspruch. Wo bei den Handels- 
gesellschaften personlich haftende Gesellschafter vorkommen , nahert 
sich in beiden Beziehungen ihre Stellung derjenigen des Einzelunter- 
nehraers. Am nachsten kommt ihr die Stellung der Mitglieder der 
Offenen Handelsgesellschaft. Hier hat grundsatzlich jeder Gesellschafter 
die Pflicht und das Recht zur Geschaftsfuhning, aber auch ein Wider- 
spruchsrecht gegen die Handlungen eines anderen Mitgliedes. Der Gewinn 
wird mangels entgegenstehender Vereinbarungen nach Kopfen verteilt. 

Bei der Genossenschaft haben alle Mitglieder grundsatzlich gleiche 
Rechte imd gleiche Pflichten; auch bei Einbringung von Geschaftsanteilen 
miifs jedes Mitglied in der Generalversammlung eine Stimme haben und 
darf auch nur eine haben. Der Idee nach haben alle Mitglieder das 
Recht auf Geschiiftsfuhrung. Nur die Vielheit der Mitglieder vcrhindert 
es, dafs die laufende Geschaftsfiihning von alien besorgt wird. Sie 
mussen sich aus ihrer Mittc einen Vorstand wiihlen, der sie vertritt und 
die laufcndcn Gescluifte besorgt, und ebenfalls aus ihrer Mitte einen 
Aufsichtsrat, der die Geschaftsfiihning iibervvacht Fiir eine ganze Reihe 
wichtiger JIafsnahmcn sind Beschliisse der zur Generalversammlung 
zusammengefafsten Gesamtheit der Jlitglieder notig. Der Gewinn wird 



5. Kapitel. Die menschlichc Arbeit im Dienste des Handel 8. 99 

nonnalerw^eise fiir das erste Geschiiftsjahr nach dem Verhaltnis der Ein- 
zahlungen und spaterhin nach dem Verhaltnis der Geschaftsguthaben aiif 
alle Mitglieder verteilt. Jedes Mitglied darf aber nur mit einem Geschafts- 
anteil beteiligt sein; nur bei der Genossenschaft mit besehrjinkter Solidar- 
haft kann das Statut die Beteiligung mit mehreren Anteilen zulassen. 

Wo ledigHch Mitglieder vorhanden sind, die nach Einlagen haften, 
liegt die Sache wesentlich anders. Bei der Aktiengesellschaft ist zwar 
aiich die Generalversammlung das oberste Willensorgan, aber das Stimm- 
recht stiift sich nach dem Aktienbesitz ab. Die eigentliche Geschafts- 
fiihrung liegt in der Hand eines gewahlten Vorstandes, der aus Aktionaren 
Oder anderen Personen bestehen kann und sich meist aus besoldeten Beam ten 
zusammensetzt, und der, wenn er aus mehreren Personen besteht, in der 
Kegel nur durch gemeinsame Erklaning die Gesellschaft verpflichten kann. 
Seine Geschaftsfuhrung ist zu uber>vachen durch einen von der General- 
versammlung aus Aktionaren oder Nichtaktionaren zu wjihlenden Auf- 
sichtsrat. Der Gewinn wird im Verhaltnis zum Aktienbesitz auf die 
Gesellschafter verteilt. 

Bei der Gesellschaft mit beschriinkter Ilaftung stuft sich das Stimm- 
recht in der Generalversammlung und der Gewinnanteil ebenfalls im 
Verhaltnis zur Einlage bezw. zum Geschiiftsanteil ab. Die Geschafts- 
fuhrung liegt in der Iland besonders bestellter Geschaftsfuhrer, die entweder 
Gesellschaftsmitglieder oder besoldete Beamte sind. Die Gesellschafter 
in ihrer Gesamtheit sind jedenfalls nicht die gegebenen Geschaftsfuhrer; 
es bedarf vielmehr einer besonderen Bestimmung im Gescllschaftsvertrage, 
wenn alle Gesellschafter zu Geschaftsfiihrem bestellt werden soUen. 

Bei der Stillen Gesellschaft, der Kommanditgesellschaft und der 
Kommandit-Aktiengesellschaft finden wir entsprechend der doppelten Art 
der Haftung nebeneinander die charakteristischen Merkmale jeder der 
beiden Gruppen. Bei der Stillen Gesellschaft hat der stille Teilhaber 
einen Anspruch auf Gewinnanteil nach Mafsgabe seiner Einlage. In die 
Geschaftsfuhrung hat er nicht hineinzureden ; diese ist dem (personlich 
haftenden) Untemehmer vorbehalten. Bei der Kommanditgesellschaft und 
der Kommandit-Aktiengesellschaft sind die personlich haftenden Gesell- 
schafter, die ,,Komplementare'', die gegebenen und sehr unabhangig 
gestellten Geschaftsfiihrer. Bei der Kommanditgesellschaft haben die 
Kommanditisten nur ein Widerspruchsrecht gegen diejenigen Handlungen 
der Komplementare, welche iiber den gewohnlichen Betrieb des Ilan- 
delsgewerbes der Gesellschaft hinausgehen; bei der Konmiandit-Aktien- 
gesellschaft haben die Kommanditisten (x\ktionare) nur durch die General- 
versammlung, in der normalerweise jede Aktie eine Stimme giebt, und 
durch den von der Generalversammlung gewahlten Auf sich tsrat einen 
beschrankten Einflufs. Am Gewinn sind die Konmianditisten nach Mafs- 
gabe ihrer Einlagen (oder ihres Aktienbesitzes) beteiligt. 



100 Ei-ster Toil. Dor Handol. 

Neben den Handelsgesellschaften konnen nocb Innungen, Gewerk- 
scliaften und andere i)rivate Korporationen. Vereine, koniniunale Korper- 
schaften und der Staat (in Bundesstaaten audi das Reich) als Trager 
von Handelsunternelimungen ersclieinen. 

Nach der deutsehen Benifs- und Gewerbestatistik wurden 1895 von 
den Hauptbetrieben des Ilandels liberhaupt und des Warenhandels 

durchgefuhrt Handels- Waren- 

betriebe handelsbetriebe 

durcli raehrere GeseUscliafter 20221 10500 

„ Vereine 641 412 

„ Kommanditgesellschaften 390 23 S 

„ Aktiengesellschaften 900 305 

„ Kommandit-AktiengeseUschaften . ... 103 3S 

y. Eingetragene Genossenscliaften .... 913 400 

„ Gescllschaften mit beschiUnkter Ilaftung 345 242 

^ Inmingen 10 4 

7, Oewerkscbaften 15 13 

r andere wirtscliaftliclie Koiporationen . . 80 29 

y. Gemeinden 048 

^ andere konuiuinale Koiiioi'schaften . . 391 4 

„ einen Staat 34 7 

. das Keich 230 2 

Der ganze grolse Rest wird von Einzelunternebniern, entwcder mit 
Angestellten oder ohne solche, durcbgefiibrt. 

Die deutscbe Statistik fafst die mit Angestellten arbeitenden Handels- 
l)etriebe unter dem Xamen ,,Gebilfenbetriebe'' zusammen. Ibre Zabl war 

im Handel uberhaupt im Warenhandcl 
1SS2 1895 1S95 

Hauptbetriebe . . . 159 326 284 637 257 200 

Nebenbetnebe . . . 13 611 17115 14 767 

Zusamraien i7y937 ^1^07752 272057~ 

Der (lesamtbedarf der Gebilfenbetriebe (mit Aussebhifs der Neben- 
betriebe) an menseblieher Arbeitskraft war in Deut8cbland 

• u ^ 1 ..1 1 . J 1882: 544 993 
mi Handel uberhaupt Si cor. QS9 491 

und im Warenliandel allein 1S05: 833 S2S. 
Darin stecken aber nocb die als Untemebmer thatigen Personen, die im 
ganzen auf 240 418 Personen im Handel uberhaupt und auf 215040 Per- 
sonen im Warenhandel angegeben werden. Der Bedarf an besehaftigten 
Personen in abbangiger Stellung stellte sich desbalb 1895 im Handel 
uberhaupt auf 742003 und im Warenbandel allein auf G1S78S Personen. 
Vcrgleiebt man darait die Gesamtzabl der als Untemebmer von AUein- 
und Geliilfenbetrieben tbiitigen Personen (beim Handel iiberbaupt 590990, 
beim Warenbandel 486635), so erkennt man, dafs das abhangige Personal 
nur um 25 V2 bezw. 27^5 Proz. fiber das Unternebmeri)ersonal binausragt. 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dienste des Uandels. 101 

Die^e Erscheinung hangt damit zusanmien, dais der Kaufnianns- 
handel eine Warenerzeugung iiberhaupt nicbt und eine Weiterv erarbeitung 
der angekaiiften Waren nur in beschranktem Umfange durchfubrt, also 
verhaltnisinafsig wenig gewohnliehe Arbeiter gebraucht, und daTs man 
auch bei der eigentlichen kaufmannischen Arbeit mit einer geringen Zahl 
angestellter Kxafte auskominen kann. Von den 742003 im deutscben 
Handel (Hauptbetrieben) 1895 in abbiingiger Stellung bescbaftigten Per- 
sonen geborten 589636 zu dem Gebilfen- und Arbeiterpersonal (Gebilfen, 
Fubrleute, Packer, Mascbinenpersonal, Arbeiter u. s. w.) und 152367 zu 
dem Vervvaltungs-, Comptoir- und Bureaupersonal inkl. Handlungsreisende 
und zu dem techniscben Aufsicbtspersonal. 

Im Warenbandel allein waren die entspreebenden Ziffern fiir 1895: 

Gebilfen und Arbeiterpersonal . . . . 521 784 
Vem^altungs- u. s. w. Personal .... 97 004 

Nacb dem Gesagten kann es nicbt auffallen, dais im Warenbandel 
nur wenig Betriebe mit grolseren Arbeiterzablen vorkommen. Von den 
257 290 Gebilfenbetrieben, die 1895 als Hauptbetriebe des Warenbandels 
gefiibrt wurden, batten nur ^ 

213 ein Personal von 51 — 100 Personen 
51 . . „ 101-200 

10 „ , , 201—500 

3 „ . V 501—1000 

Die drei letztgcnannten Betriebe geborten siimtlicb dem Handel mit 
Manufakturwaren an. 

Die Angestellten im Warenbandel gliederten sicb 1895 folgendermalsen: 

MtoDlich Weiblich 
Kaufmanniscbes Verwaltungspersonal 
Teclmiscbes Aufsicbtspersonal . . . 
Andere Gebilfen und Arbeiter . . 
Mitarbeitende Famibenangeh5rige ^) . 

Hier zeigt sicb wiedenim die Tbatsacbe, dais das weiblicbe Gescblecbt 
gerade bei den einfacberen Dienstleistungen des Handels am starksten 
beteiligt ist Vorzugsweise kommen die Dienstleistungen in offenen Ver- 
kaufstellen in Betracbt, wofilr das weiblicbe Gescblecbt aucb unzweifel- 
haft gewisse brauebbare Eigenscbaften mitbringt. Aucb die mitarbeitenden 
Familienangeborigen weiblicben Gescblecbts widmen sicb vorzugsweise 
diesem Dienst und spielen dabei eine viel grolsere RoUe als die miinn- 
licben Familienangeborigen. Im eigentlicben Comptoirdienst ist das weib- 
licbe Gescblecbt nocb wenig vertreten, aber es sprecben viele ^Vnzeicben 
dafiir, dais es aucb dort an Bedeutung gewinnt. 

Die eben erwabnte Tbats<acbe, dais 9085 miinnlicbe und 116011 
weiblicbe Familienangeborige in den einfacberen Diensten des Handels 

1) Der mUnnlichcn. 2) Als Gehilfeii und xVrbeiter. 



89938 


5 024 


= 5,6 Pi-oz.J) 


1744 


298 


= 17,1 . 


270 530 


126 158 


= 46,6 , 


9085 


116011 


= 1277,0 „ 



102 Ereter Teil. Der Handel. 

besehaftigt werden, dais also die Fainilienangehorigen einen sehr be- 
trachtlichen Bnichteil des Gebilfenpersonals der Betriebe stellen, deutet 
darauf bin, dais gerade der Handelsbetrieb in offenen LMen eine solche 
Mitarbeit der Familienglieder erleicbtert und begiinstigt Die Beobachtung 
des taglicheu Lebens zeigt denn auch, wie leieht sich im Kleinhandel 
mit offenen Laden eine solche Mitarbeit von selbst entwickelt, oft zunachst 
nur gelegentlicb und ohne die Absicht, ein dauerndes Arbeitsverhaltnis 
herbeizufiihren, aber leieht durch die Gewohnheit und den Zwang der 
Umstande sich zu einer stiindigen Einrichtung erweiternd. 

Der Handel zieht in nennenswertem Unifange auch jiingere Alters- 
stufen heran. Ein erheblicher Teil der jungeren Personen wird in der 
Stellung von Lehrlingen besehaftigt Die deutsche Gewerbestatistik von 
1895 weist im Handel 60941 gewerbliche Ijehrlinge (darunter 13807 
weibliehe) und 29 503 kauf mannische I^hrlinge fiir Verwaltungs-, Comp- 
toir- und Bureaudienst, darunter 668 weibliehe, nach. Im Warenliandel 
wurden 19 502 kaufmannische Lehrlinge, darunter 518 weibliehe, gezahlt. 
Die Gesamtzalil ist demnach nicht ubernjalsig. Aber die Verteilung auf die 
einzelneu Betriebe igt derart, dafs in einer ganzen Reihe von Fallen eine 
ilbertriebene Heranziehung ungelemter Krafte angenommen werden muls. 

In den Hauptbetrieben des deutschen Warenhandels sind unter 520646 
angestellten Hilfspersonen und mitarbeitenden Familienangehorigen 1895 
im ganzen 49 296 Personen unter 16 Jaliren gezahlt, von denen 52 unter 
12 Jahren und 2704 unter 14 Jahren waxen. Hiernach entfielen auf 
die Altersstufe 12 — 14 Jahren 0,53 l^roz., auf die Altersstufe 14 — 16 Jahre 
8,94 Proz. Vergleicht man damit die Textilindustrie als ein Gewerbe, 
das notorisch viel junge ^Vrbeitskrafte heranzieht, so findet man, dafs 
1895 in Deutschland von 792814 beschaftigten Personen 1309 oder 
0,1 Proz. weniger als 14 Jahre alt waren und 56521 oder 7,13 Proz. der 
Stufe von 14 — 16 Jahren angehorten. Im Warenhandel hat also die 
A'erwendung jugendlicher iVi'l)eitskrafte noch einen stiirkeren Umfang 
angenommen als in der Textilindustrie. Die vielen einfachen Dienst- 
leistungen, die im Handel, namentlich im Ladenhandel mit untcrlaufen, 
erleichtern jedenfalls ein solches ^'orgehen. 

Eine andere Eigentumliehkeit des Ilandels ist die starke Beteiligung 
der Juden an seiner Thiitigkeit. Nach der Berufsziihlung von 1895 
w^aren in Hauptbetrieben erwerbsthiitig: 

Im Waronhaiulej . . . 972 270 Pei-sonen, davon Juden 109 140 = 10,95 Proz. 

in der Landwirtscliaft S292 692 . ,, . :U71= 0,04 „ 
ira Bergbau, Iliitten-, 

Industrie- 11. Bauwesen 8 2S1220 « ^ ^ 15 993= 0,56 ,, , 

wahrend in der ganzen Bevolkemng nur 1,1 Proz. der jiidischen Religion 
angehoren. Der Antcil der Juden an der Ilandelsthiitigkeit ist also unver- 
haltnismafsig grofs, ein Ergebnis einer langen Entwicklung, welche diesen 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dienste des Handels. 103 

Teil der Bevolkerung zura Handel hinzvvang, und auch die Folge der besoa- 
deren Fiihigkeiten fiir den Handel, welche sich gerade hier vielfach f inden. 

Die Dienstleistungen, welcbe den besebaftigten Personen im Handel 
obliegen, und dementsprechend ibre wirtscbaftliche und soziale Stellung 
8ind sebr verschieden. Bin Teil der besebaftigten Personen erscbeint in 
der RoUe des einfacben ausfiibrenden Arbeiters. Diese Arbeiterscbiebt, die 
ira Handel einen verbaltnismafsig geringen Umfang gegeniiber anderen 
Erwerbszweigen bat und nacb der Natur der Sacbe baben mufs, zeigt 
insofern eine Besonderbeit, als ein Zusammenarbeiten grofserer Mengen 
in gescblossenen Riiumen meist nicbt stattfindet. Aucb bei Grolsbetrieben 
des Handels ist die Zabl eigentlicber Arbeiter gering, und sie werden 
nicbt in so einseitiger Weise zur Arbeit berangezogen, wie das im Grofs- 
betriebe der Industrie der Fall ist. Vielfacb baben sie im Aufsendienst 
als Auslaufer, Austrager, Fubrleute u. s. w. zu tbun. Ira Innendienst 
kommen sie als Packer, Ablader, Lagerarbeiter, beim Brennen von Kaffee 
und anderen tecbniscben Verricbtungen, bei der Bedienung von Fabr- 
stiiblen, von Kraftmascbinen fiir Beleucbtungszwecke und Ilebewerkzeuge, 
beim Reinigen der Gescbaftsraume u. s. w. in Betracbt. 

Mebr Interesse bietet an dieter Stelle das zum kaufraanniscben 
Dienst bestimmte Personal. Hier macbt sicb ein grofser Unterscbied 
zvviscben Klein- und Grofsbandel bemerkbar. Der Kleinbandel braucbt 
kaufmanniscbes Personal vorzugsweise zur Bedienung des kaufenden 
Publikums. Seine kaufmanniscben Angestellten sind also Uberwiegend 
lernende oder ausgelernte Verkaufer und Verkauferinnen. In grofseren 
Betrieben des Kleinbandels treten dazu aucb wobl Kassierer, Bucbbalter, 
Abteilungscbefs, Magaziniers, bisweilen aucb Reisende. Die Stellungen, 
die der kaufmiinniscbe Dienst des Kleinbandels bietet, erfreuen sicb viel- 
facb einer grofsen Beliebtbeit, weil die Mebrzabl der Personen, die sicli 
diesem Dienst widmet, darin ein Durcbgangsstadium zur spateren wirt- 
schaftlicben Selbstandigkeit in der Stellung eines Kleinbandlers erblickt 
und dieses Ziel bei den verbaltnismafsig geringen Anfordeningen der 
Kleinbetriebe an Kapitalkraft aucb oft erreicbt. Freilicb lauft aucb viel- 
facb eine Unterscbiitzung dieser Anforderungen mit unter, und auf der 
anderen Seite giebt es nicbt wenige, die sicb zu diesem Dienst drangen, 
lediglicb desbalb, weil sie ibn fiir „feiner'' balten als andere Berufsarten. 
Die Aussicbt auf Erlangung der wirtscbaftlicben Selbstandigkeit wird 
iibrigens in demselben Mafse geringer, als die Grofsbetriebe sicb im 
Kleinbandel festsetzen, weil der Grofsbetrieb aucb bier viel bobere An- 
forderungen an Wissen und Besitz stellt 

Der Grofsbandel bat ein Personal zur Bedienung des kaufenden 
Publikums nicbt notig. Denn der Grofsbandel ist nicbt Laden-, sondern 
Oomptoirbandel. Seine Beziebungen zu den Abnebmern werden entweder 
auf scbriftlicbem Wege vom Comptoir aus bewirkt oder auf miindliebem 



104 Erster Teil. Der Handel. 

Wege (lurch Angestellte im Aufsendienst, (lurch Reisende. Der Schwerpunkt 
der geschaftliehen Thatigkeit liegt aber in der Comptoirarbeit, fiir die eine 
Stufenleiter von Angestellten: Bureauchefs, BuchhaHem, Korrespondenten, 
Comniis, Kassierern, Schreibkraften u. s. w. herangezogen wird. Von hier 
au8 werden auch die Einkaufe dirigiert; doch sind daneben auch wohl im 
Aufsendienst besondere Einkaufer thatig. 1st mit dem Betrieb ein eigenes 
Lager verbunden, was aber durchaus nicht bei alien Grolshandelsbetrieben 
der Fall ist, so bedarf es auch noch hoherer und niederer Lagerbeamten. 

Vorbildung und soziale Stellung der Angestellten des Grofshandels 
zeigt sehr grolse Gegensatze. Jedes grolse Geschaft sehleppt einen Boden- 
satz untergeordneter und zu einer hoheren Laufbahn nicht fahiger An- 
gestellter mit, die namentlich im mechanischen Schreibwerk beschaftigt 
werden. Ihnen gegeniiber steht eine andere Gnippe, die das Streben 
hat, die Stufenleiter der verschiedenen Stellungen im Grofshandel all- 
mahlich durchzumachen und in den bevorzugtesten Stellungen ihre 
laufbahn zu beschliefsen. Andere widmen sich dem Dienst des Grofs- 
handels, [urn sich zur Selbstandigkeit, wenn auch nicht als eigentlicher 
Grofskaufmann, so doch als Makler, Agent, Kommissionar u. s. w. empor- 
zuarbeiten. Noch andere, denen Geburt und Abstammung von vomherein 
die Kichtung zum Grofskaufmann geben, wollen sich fiir die spatere Uber- 
nahme oder Begriindung eines eigenen Grofshandelsbetriebes vorbereiten. 

Zu den hCichsten Gruppen der Angestellten im Handel gehoren die 
Prokuristen und ITandlungsbevollmachtigten, denen auch das Handels- 
recht eine besondere Behandlung, getrennt von den iibrigen kaufmannischen 
Angestellten, w^idmet. Prokuristen und Ilandlungsbevollmachtigte spielen 
namentlich im Grofshandel und weiterhin auch in den grofsen Betriebcn 
des Klcinhandels eine Rolle. Der Prokurist (vergl. das deutsche Handcls- 
gesetzbuch voni 10. Mai 1897 § 48 ff.) hebt sich dadurch aus der Reihe 
aller anderen kaufmannischen Angestellten heraus, dafs er eine Dritten 
gegeniiber unbeschrankte imd unbeschrankbare Vertretungs- und Hand- 
limgsbefugnis fiir das Handelsgeschaft seines Prinzipals erhalt. Alle 
Arten von gerichtlichen und aufsergerichtlichen Geschiiften und Rechts- 
handlungen, die der Betrieb des Handelsgewerbes des Prinzipals mit 
sich bringt, kann der Prokurist mit bindender Wirkung fiir das Geschaft 
vomchmen, sofern nur die Prokura in der gehorigen Weise erteilt und 
handelsgerichtlich eingctragen ist. Diese MachtvoUkommenheit iiber- 
dauert selbst den Tod des Prinzipals. Gesetzlich verschlossen sind dem 
Prokuristen nur die Ubertragung seiner Prokura und die Bestellung von 
l^rokuristen und mangels besonders erteilterBefugnis auch dieVeriiufserung 
und Belastimg von Grundstiicken. Eine sonstige sachliche Beschrankung 
der Handlungsbefugnis kann zwar zwischen dem Prinzipal und dem 
Prokuristen vereinbart werden, ist aber Dritten gegeniiber unwirksanj. 
Eine ortliche Beschrankung auf den Betrieb einer oder mehrerer Nieder- 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dienste des llaiidels. 105 

lassungen des Gesehafts ist Dritten gegeniiber nur wirksam, wenn die 
Xiederlassungen als solche ausdrucklieli kenntlich geniacht oder unter 
besonderer Finna betrieben werden. 

Der Prokurist hat hieniach im kaufmannisclien Leben eine liohe 
Ehren- und Vertrauensstellung inne, die ihn unmittelbar neben den Prin- 
zipal riickt, aber gerade deslialb auch jederzeit widerruflieli sein niufs, 
iim Milsbrauehe zu verhiiten. 

Der Handlungsbevollmaehtigte, dessen Bestellung niclit in den 
Formen der Prokuraerteilung erfolgt, hat so weitgehende Befugnisse nicht. 
Das deutsche Ilandelsgesetzbucli vom 10. Mai 1S97 § 54 ff. kennt drei 
Arten von Handlungsbevollniachtigten. Die Vollniacht kann sich erstrecken 
auf den Betrieb des ganzen ILandelsgewerbes des Prinzipals (Oeneral- 
bevollniachtigter) oder auf eine bestininite Art von Geschiiften (Artbevoll- 
maehtigter) oder aiif einzelne zum Handelsgewerbe gehorige Geschafte 
(Speeialbevollmaehtigter). Der Umfang der Volhnacht ist mafsgebend 
fiir die Befugnisse des Handlungsbevollraaehtigten. Er kann alle die 
Geschafte und Rechtsliandlungen vomehmenj die der Betrieb des Ilandels- 
gewerbes bezw. die Vomahme der ihni ubertragenen Art von Geschiiften 
oder der ihm ubertragenen einzelnen Geschafte gewohnlich niit sich bringt. 
Die Befugnis zur Veraufsenmg oder Belastung von Grundstucken, zur 
Eingehung von Wechselverbindlichkeiten, zur Aufnahme von Darlehen und 
zur Prozefsfiihrung liegt aber nicht von selbst in seiner Vollniacht; dazu 
bedarf es vielmehr der Erteilung einer besonderen Emiachtigung. Sonstige 
Beschrankungen der Befugnisse haben Dritten gegeniiber nur dann Wirkung, 
wenn der Dritte die Beschrankungen kannte oder kennen niufste. Die 
I7bertragung derVollmacht steht dem Handhmgsbevollniachtigten nicht zu. 

Hiemach gehen selbst bei dem GeneralbevoUmachtigten die Be- 
fugnisse lange nicht so weit, als die des Prokuristen; aber auch hier 
handelt es sich um eine hervorragende Vertrauensstellung, die den Hand- 
lungsbevollniachtigten iiber den Eahraen der iibrigen kaufniannischen 
Angestellten weit erhebt. 

Fiir die Gesamtheit der im Handelsgewerbe zur Leistung kaufman- 
nischer Dienste angestellten Personen gebraucht das deutsche Ilandels- 
gesetzbuch den Namen ,,Handlungsgehilfen'' und, soweit sie sich noch 
ini Lehrverhaltnis befinden, ,,Handlungslehrlinge^ und behandelt sie in 
einem besonderen Abschnitt § 59 ff. 

Bei einem Teil der Handhmgsgehilfen haben sich im Lauf der Zeit 
gewisse Mifsstiinde herausgestellt, die zumeist in iihnlicher Form in fast 
alien Kulturstaaten zu Tage getreten sind. Sie beziehen sich nament- 
lich auf die Handlungsgehilfen in offenen Ladengeschaften und sind 
hier wesentlich mit hervorgerufen worden durch den iibermafsigen An- 
drang vieler unzuliinglich vorgebildeter Arbeitskrjifte. Zum Teil greifen 
freilich die Mifsstiinde auch liber auf die Angestellten in den Bureaus 



106 Erstor Teil. Der Handel. 

(ler kaufmannischen Grolsbetriebe. Fiir letztere batten sich nament- 
licb aus den kurzen Kundigungsfristen und aus der Konkurrenzklausel 
Unzutraglichkeiten ergeben. Die kurzen Kiindigungsfristen, die aller- 
dings noch niebr im Kleinhandel urn sich gegriffen batten^ bedingten 
eine grofse Unsicherheit der Existenz. Schnell und unvemiutet konnte 
der llandhingsgebilfe dadurch seiner Stellung beraubt werden. Die 
Konkurrenzklausel ersehwerte die wirtsebaftliche Zukunft des Angestellten. 
Sie lief darauf hinaus, dafs der Angestellte veq)fliebtet wurde, nacb 
seineni Austritt wabrend einer bestinimten Zeit entweder in bestimmten 
Oebieten oder iiberbaupt niebt in ein Konkurrenzgesehaft einzutreten. 
Derartige Abniaehungen sind einer gewissen Konkurrenzfurcbtentsprungen; 
sie sind niebt ganz zu entbebren, weil es Fiille genug giebt, in denen 
der kaufnianniscbe Unternebmer gescbadigt wird, wenn sein Angestellter 
die in seinem Betriebe erworbene Kenntnis interner Gescbaftsangelegen- 
beiten nacb deni Austritt unvermittelt in Konkurrenzgesebjifte ubertragen 
kann. Fiir den Angestellten liegt aber darin eine grofse Krscbwerung 
seines Fortkoniniens, weil ibni die Verwertung gerade seiner Special- 
kenntnisse fiir gewisse Zeit unterbunden wird. Iliilt sieb eine solcbe 
Abniacbung in verniinftigcn Grenzen, so ist (Lagegen nicbts einzuwenden. 
Es feblt aber niebt an Beispielen, in denen die Konkurrenzklausel eine 
sebr barte Form angenomnien batte. Ist es docb vorgekomnien, dafs 
dem Angestellten unter Androbung scbwerer Verinogensnaebteile fiir 
iinnier ini ganzen Europa und audi noeb in den Vereinigten Staaten von 
Amerika und anderen wicbtigen iiberseeiscben Gebieten niebt nur fiir 
bestinunte Specialitiiten, sondeni fiir den gesaniten GescbiiftszNveig der 
Eintritt in Konkurrenzgesebafte untersagt wurde. Das !)edeutete niebt 
weniger als den Zwang, iriit dem Austritt aus der Stelle eine vollstandig 
neue Ricbtung der Tbiitigkeit einzuscblagen, sodafs ein grofser Teil des 
erworbenen Wissens fiir den Angestellten unverwertbar wurde. 

In beiden Beziebungen bat das neue deutsebe Ilandelsgesetzbueb 
vom 10. Mai 1 897 bereits Wandel zu sebaffen gesuebt. Die Kiindigungs- 
frist ist in § 66 fiir den Fall, dafs ^wicbtige^ Kiindigungsgriinde nicht 
vorliegen, gesetzlieb derart festgelegt, dafs beide Teile fiir den Seblufs eines 
Kalenderviertel.jabres mit einer Frist von 6 Wocben kiindigen konnen, 
d. b. also: am 43. Tage vor Beginn des neuen Vierteljabres mufs die 
Kiindigung erfolgen. Durcb Vertrag kann eine langere oder kiirzere 
Kiindigungsfrist bedungen werden; aber in diesem Fall mufs nacb § 67 die 
Frist fiir beide Teile gleicb sein und darf niebt weniger als I Monat 
betragen, eine Vorscbrift, welebe aueb dureb entgegenstebende Privat- 
vertriige niebt lieseitigt werden kann. Diese Vorsebriften gelten niebt 
bei boehgelobnten Angestellten mit mindestens 5000 JI. Jabresgebalt, 
femer bei Angestellten in iiberseeiscben Ilandelsniederlassungen, sofem 
der Prinzipal vertnigsmiifsig, falls er kiindigt, die Kosten der Ruekreise 



5. Kapitel. Die inensoliliclie Arbeit im Dieiiste des Handels. 107 

(les Angestellten zu tragen hat (§ 68), und endlich nach § 69 fiir die 
nur zu voriibergehender Aushilfe angenommenen und nicht langer als 
3 Monate beschaftigten Angestellten ; nur niufs ini letzteren Fall wiedenim 
die Kiindigungsfrist fiir beide Teiie gleich sein. 

Ohne Innehaltung der Kiindigungsfrist — mit Scbadenersatzansprueli 
gegen den vertragswidrig liandelnden Teil — kann das Dienstverhaltnis 
aus ^wiehtigen'' Griinden aufgelOst werden. Was wiclitige Griinde sind, 
ist eine Thatfrage, die notigenfalls vcnn Eicbter zu entscbeiden ist. Einige 
besonders wiclitige Griinde werden in den §§ 71 und 72 aufgefiibrt. 

Beziiglicb der Konkurrenzklausel selireibt § 74 vor, dafs die Klausel 
nur insoweit fiir den Ilandhingsgebilfen verbindlieli sein soil, als die 
dcidurcb bedingte Bescbrankung ,,nacb Zeit, Ort und Gegenstand nicbt 
die Grenzen iiberscbreitet, dureb welebe eine unbillige Erscbwerung des 
Fortkommens des Handlungsgebilfen ausgescblossen wird'\ Ob diese 
Grenze liberscbritten wird, bat wiederuni der Ricbter zu priifen; docb 
ist beziiglicb des Zeitraunis der Bescbrankung das zuliissige Hocbstmafs 
gesetzlicb auf 3 Jabre festgesetzt. Konkurrenzklausein, die mit niinder- 
jiihrigen Handlungsgebilfen abgeseblossen werden, sind iiberbaupt nicbtig. 
Ist fiir den Fall der Verletzung der Klausel eine Vertragsstrafe verein- 
bart, so kann nacb § 75 der Prinzipal gege])encn Falls nur die Zablung 
der Strafe, aber nicbt die Erfiillung und aucb nicbt Sebadenersatz ver- 
langen. Unverbaltnisniiifsig bobe Vertragsstrafen konnen nacb Mafsgabe 
des Biirgerlicben Gesetzbucbs berabgesetzt werden. 

Der j:\ji8i)rucb aus der Klausel ist verwirkt, wenn ein vertragswidriges 
Verbalten des Prinzipals den Angestellten zur Auflosung des Dienstver- 
biiltnisses obne Kiindigungsfrist berecbtigt, oder wenn der Prinzipal seiner- 
seits das Dienstverbaltnis kiindigt obne einen von ibni nicbt verscbuldeten 
erbeblicben Anlafs oder obne Weiterzablung des zuletzt bezogenen Gebalts 
wahrend der Dauer der Bescbrankung. 

Man darf in dieser Regelung der Kiindigungsfristen und der Kon- 
kurrenzklauseln einen verstiindigen Jlittelweg erblicken, der den berecb- 
tigten Jnteressen beider Teile gerecbt zu werden sucbt. 

Ein weiterer Mifsstand, der sicb bei den in den Coniptoirs bescbaf- 
tigten Angestellten, nocb niebr aber bei den Handlungsgebilfen in Laden- 
geschjiften entwickelt hat, ist in der unzulanglichen Fiirsorge fiir den 
Fall zu erblicken, dafs der Angestellte durch unverscbuldetes Ungliick, 
insbesondere durch Krankheit an der Lc»istung seiner Dienste gehindert 
wird. Zwar hatte der Art. 60 des bisherigen Allg. Deutsc^ben Ilandels- 
gesetzbucbes dem Angestellten fiir diesen Fall den Fortbezug des Gebalts 
und Unterbalts auf liingstens 6 Wocben sichern wollen; aber die friibere 
unbescbriinkte Zulassigkeit vertragsniiifsiger Vereinbarung kurzer Kiin- 
digungsfristen hatte die Wirkung dieser Vorschrift sebr eingeeng-t. Da.s 
deutsche JCrankenversicberungsgesetz voni 10. April 1S92 bat desbalb die 



108 Erster Teil. Dor Handel. 

Handlungsgebilfen und Lelirlin^e, die bis dahin nach dem Kranken- 
kassengesetz von 18S3 niir dureh Ortsstahit versicheningspflichtig gemacht 
werden konnten, dem gesetzliclien Krankenversicherungszwang uuter- 
worfen, sofern ilir Arbeitsverdienst 6^/3 M. tiiglicli oder 2000 M. jabrlicli 
nicht iiberscbreitet, und sofern durcli Vertrag die aus Art. 60 des Allg. 
Deutschen Ilandelsgesetzbiiches sich ergebenden Anspriiche beschrankt 
oder aufgeboben sind. Nach dem neuen deutschen Handelsgesetzbuch 
vom 10. Mai 1897 § 63 steht dem ITandlungsgehilfen, falls er durch un- 
verseliuldetes Ungluck an der Leistung seiner Dienste verhindert ist^ 
ebenfalls fiir liingstens 6 Wochen der Anspruch auf Fortbezug des Gelialts 
und Unterhalts zu und zwar derart, dafs er sich sclbst fiir den Fall 
einer entgegenstehenden Vereinbarung auf diese Beziige den Betrag nicht 
anreclmen zu lassen braucht, der ilim wahrend der Behinderung aus 
einer Kranken- oder Unfallversicherung zukommt. 

Fiir den Fall der Invaliditiit und des Alters sind die iiber 16 Jahre 
alten Ilandlungsgehilfen und I^hrlinge, deren regelmafsiger Jahresarbeits- 
verdienst 2000 M. nicht iiberschreitct, der deutschen Alters- und Invaliden- 
versicherung unterworfen (laut Gesetz vom 22. Juni 1889). Dagegen 
unterliegt das Ilandelsgewerbe als solches der obligatorisehen Unfallvcr- 
sichemng nicht, und auch die im Fabrikhandel thatigen kaufmannischen 
Angestellten sind in Deutschland der Unfallversicherungspflicht gesetzlich 
nicht unterworfen, konnen *aber auf Grund entsprechender Statutbestim- 
mungen mit versichert werden. 

AlsMittel des vorbeugenden Schutzes gegenGefahrdungder Gesundlieit 
hat weiterhin das neue deutsche Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 
§ 62 den Prinzipal verpflichtet, eine ahnliche Fiirsorge fiir die Gesund- 
heitsmaXsigkeit der Gescliaftsraume und der Betriebsvorrichtungen und 
Geratschaften auszuiiben, wie sie in § 120 a undb der deutschen Gewerbe- 
ordnung dem gewerblichen Untcmehmer und durch § 618 des deutschen 
Biirgerl. Gesetzbuchs iiberliaupt dem Dienstherrn auferlegt ist Die Ver- 
letzung dieser Pflicht macht den Prinzipal schadenersatzpflichtig. Um 
in dieser Bezichung *auch den staatlichen Behorden den Weg einer 
notigenfalls zwangsweisen Einwirkung zu eroffnen, hat der im Anfang 
1899 dem Deutschen Reichstag vorgelcgte Entwurf einer Novelle zur 
Gewerbeordnung den Polizeibchorden das Recht geben wollcn, fiir einzelne 
offene Verkaufsstellen entsprechendc Mafsnahmen anzuordnen. Aufscr- 
dem sollte der Bundcsrat bezw. an dessen Stelle andere Behorden ent- 
sprechendc allgemeine Verordnungen iiber die in dieser Beziehung zu 
stellenden Anforderungen an die (ieschilftsraume u. s. w. erlassen konnen. i) 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dafs in Deutschland tlie Gesetz- 
gebung schon nach verschiedenen Richtungen und zwar, wie hinzugesetzt 
werden mufs, mehr als in anderen Staaten — eingegriffen hat, um den 

1) Dieser Vorschlag hat die Zustiinimuig dea Keichstaga gefuiiden. 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dienste des Handels, 109 

Angestellten des Handels einen Schutz ^e^en unverschuldetes Un^Iuck 
zu gewahren. Xeuerdings raacben sicli Bestrebungen bemerkhar, welche 
diesen Schutz naraentlicb durch Erweitening der Versicheningspflicht 
noch ausdelinen wollen. Es ist notig, dem gegcniiber vor eineni IJber- 
uiafs zu wamen. Fiir den besser gestellten Teil der kaufinannisclien 
Arbeitekrafte lafst sieb die Sieberstellung insbesondere fiir den Fall der 
eigenen Invaliditiit und ein wirtschaftlicber Schutz der Hinterbliebenen 
fiir den Fall des Todes den besonderen Verhaltnissen dieser Kreise viel 
liesser anpassen, wenn sie sich freiwillig zu geuieinsanier Selbsthilfe zu- 
sammenschliefsen, als wenn sie einem staatlichen Versicheningszwang 
unterworfen werden. Der Versicheningszwang ist fiir die wirtschaftlicli 
schwachsten Kreise niitzlich und unentbehrlich ; aber da er sich seiner 
Natur nach auf das Notwendigste beschritnkt und weniger individuali- 
sierend, als schematisierend vorgehen kann, so ist den wirtschaftlich 
leistungsfahigeren und sozial h()her stebenden gebildeten Kopfarbeiteni 
des Handels wie audi andercr Benife niit einem solchen Zwang wenig 
gedient. Wenn die Angestellten sich selbst bei einer leistungsfabigen 
Kasse einkaufen, oder wenn ihre Arbeitgeber sie bei solchen Kassen ein- 
kaufen oder einen Teil der Pramie niit tragen^ so liifst sich das Ziel 
jedenfalls besser, d. h. mit grofserer Individualisiening, niit besserer An- 
passung an die Ijebensverhaltnisse und Lebensgewohnheiten der Kopf- 
arbeiter erreichen. Dafs auf diesem Wege Erfolge erzielt werden konnen, 
hat der Deutsche Privatbeamtenverein zu Magdeburg bewiesen, und 
audi in anderen Organisationen sind beachtenswerte Erfolge erzielt worden. 
Ein weiterer Mifsstand, der sich infolge der IJberfiJllung des Klein- 
bandels mit Angestellten und infolge schlechter Gewohnheiten der Kaufer, 
zuni Teil aber audi infolge besonderer wirtschaftlicber Verhaltnisse der- 
selben namentlich in offcnen Verkaufsstellen entwickelt hat, ist in der 
starken Ausdehnung der Sonn- und Festtagsarbeit zu erblicken. Auch 
bier hat die deutsche Gesetzgebung schon helfend eingegriffen. Durch 
§105b des „Arbeiterschutzgesetzes" von 1891 (Novelle zur Gewerbe- 
ordnung) ist im Handelsgewerbe die Beschaftigung der Angestellten am 
ersten Weihnachts-, Oster- und Pfingstfeiertage ganz untersagt, an son- 
stigen Sonn- und Festtagen in der Kegel nur fiir langstens 5 Stunden 
gestattet. Durch Orts- oder Kommunalverbandsstatut kann fiir alle oder 
fiir einzelne Handelszweige noch cine weitere Verkiirzung eintreten. 
Dieser verstandigen und notwendig gewordenen Beschrankung, die sich 
aus sozialpolitischen Riicksichten rechtfertigt, ist dann noch die weitere 
Beschrankung hinzugefiigt worden in § 41 a, dafs in of fen en Verkaufs- 
stellen (einschliefslich derjenigen von Konsumvereinen) wahrend der Zeit, 
wahrend welcher die Angestelhen nicht beschiiftigt werden diirfen, ein 
Geschaftsbetrieb nicht stattfinden darf. Dieser Ladenschlufs an Sonn- 
und Festtagen erklart sich nicht iiiehr aus- sozialpolitischen Gninden, 



110 Ereter Teil. Dcr Handel. 

sondern einmal aus den Riicksichten auf die aufsere Heilighaltun^ der 
Sonn- und Festtage, weiter aus der Besorgnis, dafs ohne diesen Schlufs 
die Vorschriften iiber die Sonntagsnihe umgangen werden konnten, und 
endlich aus der Konkurrenzfurcht derjenigen Ladeninhaber, welche An- 
gestellte beschafrigen, gegeniiber denjenigen, welche ibren Laden ohne 
Angestellte besorgen. 

Man hat damit im Intere^se der leistungsfahigeren und zuni Nach- 
teil der auf sich selbst angewiesenen wirtschaftlich schwachen Ladenin- 
haber tief in das Selbstbestimiuungsrecht des kaufmannischen Unter- 
nehmers iiber seine eigene Arbeitsleistung und Arbeitszeit einge^riffen. 
Gerade dieser Eingriff in die Selbstbestimmung des Unternehmers hat 
selbst bei aufrielitigen Freunden der Sonntagsruhe fiir die Angestellten 
manche Milsstimniung hervorgerufen, zunial die personlichen und wirt- 
schaftlichen Ilarten desselben wenigstens im Anfang nicht durcli eine 
sorgfaltige Anpassung an die Bediirfnisse der einzelnen Platze und 
Ilandelszweige geraildert wurden. 

Der Hauptniifsstand, iiber den die Angestellten der Ladengeschiifte 
klagen und schon lange geklagt haben, ist die grofse Ausdehnung der 
tagliclien Arbeitszeit Das Vorgehen der Gesetzgebung anderer Staaten 
und die von der deutsehen Reichskommission fiir ^Arbeiterstatistik" an- 
gestellten und 1893 veroffentlichen Erhebungen haben im wesentliehen 
die Berechtigung dieser Klagen ergeben. Die Keichskommission fiir 
Arbciterstatistik hat etwa ^/lo der im Eeiche vorhandenen offenen Ver- 
kaufsstellen mit mindestens einem Gehilfen beriicksichtigt. Hiemach war 
der Laden geoffnet 

bei 14,9 l^*oz. der Betriebe weniger als 12 Stunden 
. 22,0 . „ „ bis zu 13 ,, 

7)^'»^?5 r? ?? T V •'^ V 

r 1S,0 „ , , . , 15 , 

„2I,0^ ^ ^ ^ „ 16 „ 

J, 6,5 ^ „ ^ iiber 16 

Mehr als die Ilalftc aller Betriebe hat eine Ladenzeit von iiber 14 Stimden 
und mehr als V^ von iiber 15 Stimden. 

Bei den Tabak- und Cigarrenhandlungen haben sogar 72,2 Proz. 
mehr als 14 Stunden imd 9,6 Proz, mehr als 16 Stunden den Laden 
offen. In den Nalirungsmittelladen war die Ladenzeit mehr als 14 Stunden 
bei 73,4 Proz., mehr als 15 Stunden bei 48,4 Proz. der Betriebe. Am 
liingsten sind die Liiden offen in den Kolonial- und Materialwarenge- 
schaften; hier sind 84,4 Proz. der Liiden langer als 14 Stunden, 63,9 Proz. 
liinger als 15 Stimden und 16,5 Proz. langer als 16 Stunden offen. 

Freilich fallt diese Zeit nielit immer mit der Arbeitszeit der Ange- 
stellten zusammen; sie brauchen nieht immer schon mit der Offnung des 
Ladens anzutreten und nicht immer bis zum Schlufs des Ladens dazu- 
bleiben. Selbst da, wo sie wiihrend der ganzen Zeit im Laden sein 



5. Kapitel. Die menschliche Arbeit im Dien»t« des Handels. Ill 

miissen, sind doch nicbt alle Stunden mit gleichnuifsig intensiver Arbeit 
ausgefiillt Es liegt in der Natiir des I^denbetriebes, dafs in maneben 
Stunden die Anspannung der Ang:estellten sebr gcring ist. Aber scbon 
die in den langen Ladenzeiten liegende starke Been«:un<;: der personlichen 
Bewegungsfreiheit, weiter der lange und ununterbrocbene Aufentbalt in 
den nicbt inimer bequemen nnd nicbt inimer gesundbeitsniafsig einge- 
richteten Ladenrauinen, die Verkiirzung der fiir die Weiterbildung zur 
Verfiignng stebenden Zeit lassen ein so langes Festbalten der Angestellten 
in den Laden als bedenklicb erscbeinen. • 

Dafs die Angestellten selbst nicbt Einflufs gemig liaben, eine Andening 
berbeizufiibren, ist durcb die Erfabrung langst festgestellt. Selbst in 
England, wo man staatlicben Eingriffen in das Wirtscbaftslcben nicbt 
besonders geneigt ist, bat sebliefslicb die Gesetzgebung eingreifen miissen, 
obwobl scbon 1842 eine Early Closing Association die Geister fiir den 
Gedanken eines friiberen Ladenscblusses zu bearbeiten begonnen batte. 
Das Eingreifen der Gesetzgebung kann zuniicbst in der Art erfolgen, 
dafs die Offenbaltung der Laden nur wabrend bestimmter Stunden 
gestattet wird; bierbei kann man entweder scbablonenbaft eine einbeit- 
licbe Scblufsstunde oder nacb Arten und Handelszweigen verscbiedene 
Scblufsstunden festsetzen. Ein anderer Weg ist der, dafs die Gesetz- 
gebung die zulassige taglicbe oder wrjcbentlicbe Maximalarbeitszeit ent- 
weder fiir alle oder fiir den besonders scbutzbediirftigen Teil der An- 
gestellten festsetzt. Den letzteren Weg ist England gegangen, das 1886 
fiir Ladengebilfen unter 18 Jabren die bocbste zulassige Arbeitszeit auf 
74 Stunden wocbentlicb bescbriinkte, und Neuseeland, das 1S94 fiir weib- 
licbe Angestellte die Maximalarbeitszeit ordnete. Den ersteren Weg bat 
Victoria betreten, wo seit 1886 der 7 Ubr-I^adenscblufs vorgescbrieben ist. 

Mit dem zwangsweisen scbablonenbaften Ladenscblufs zu einer be- 
stimmten Stunde mufs man sebr vorsicbtig sein. Darin liegt, wenn der 
Scblufs fiir eine friibe Stunde vorgescbrieben wird, eine gewisse Riick- 
sicbtslosigkeit gegen den Teil der Konsumenten, der erst spat abends 
seine Einkaufe macben kann, weil er am Tagc nicbt abkommlicb ist. 
Darin lie^ aber audi ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecbt des 
Unternebmers. Scbiitzen will man die Angestellten als die wirtscbaftHcb 
Scbwacberen gegen zu weitgebende Anspriicbc der Unternebmer, aber 
nicbt den Unternebmer gegen sicb selbst. An sicb kann dem Ladenin- 
haber nicbt verboten werden, nacb Scblufs der Ar])eitszeit der Angestelltt^n 
seinen Laden offen zu balten und selbst zu bedienen, wenn er auf ge- 
niigende Einnabmen dabei recbnen kann. Der Gedanke des zwangs- 
weisen I^adenscblusses zu einer bestimmten Stunde erklart sicb zum Teil 
aus der Uberzeugung, dafs dem einzelnen Kaufmann ein aussicbtt^voller 
Kampf gegen Gewobnbeiten des Pubbkums nicbt mr>glicb ist, und gerade 
desbalb baben aucb kaufmiinniscbe Unternebmer und ITandelskammern 



112 Eretcr Teil. Dcr Handel. 

den Vorscbla^ unterstiitzt Weiter hat dabei aiich mitgewirkt der Uni- 
stand, dafs ofter kleine Geschaftsleute durch die lange Ladenzeit grofserer 
Gescliiifte genOtigt werden, ebenfalls lange den leaden offen zu haltenj 
oline entsprechenden Mehrverdienst dabei erzielen zu konnen. Zum Teil 
spricht aber aucb iihnlicb wie beim Ladenschlufs an Sonn- und Fest- 
tagen eine gewisse Konkurrenzfurcht von Ladeninhabern mit Angestellten 
gegeniiber den Ladeninhabern ohne AngestcUte niit, iind insoweit das 
der Fall ist, kann eine entsprechende gesetzliehe Vorschrift die wirt- 
schaftlich stiirkeren Kaufleute begiinstigen und die wirtschaftlieli schwaehe- 
ren benachteiligen. Rentiert fiir den I^deninhaber der Abendbetrieb 
nicht, so wird er auch geneigt sein, von selbst zu einem friiheren Schlufs 
iiberzugehen, was eine Reihe grofserer Ladenbetriebe aucli bereits gethan 
hat. Manchem Kleinbetriebsinliaber wurde allerdings dieser Schritt leiehter 
werden, wenn er wiifste, dafs alle seine Konkurrenten ebenfalls den Laden 
nicht langer offen halten diirfen. Immerhin soil man ohne zwingende 
Griinde deni kaufniannischen Untemehnier nicht die eigene Arbeitszeit 
gesetzlich bescliriinken. Wohl aber ist es berechtigt, ihni eine Grenze 
zu Ziehen, wahrend deren er seine Angestellten zu beschaftigen befugt 
ist. Man braucht sich dabei nicht auf die Bczeichnung einer bestimniten 
Stundenzahl zu beschranken; man kann audi die friiheste Tagesstunde, 
von der an die Angestelhen beschaftigt werden diirfen, und die spateste 
Tagesstimdc, zu der sie wieder entlassen werden miissen, gesetzlich oder 
durch lokale Verordnungen auf Grund gesetzlich er Ermachtigung fest- 
setzen. Dabei wird man vor den erwachsenen mannlichen Angestellten 
nicht Halt niachen diirfen, da im Handel die Verkiirzung der Arbeitszeit 
der weiblichen imd jugendlichen Arbeitskrafte niclit dieselbe Riickwirkung 
auf die Arbeitszeit der erwachsenen mannlichen Angestellten auszuiiben 
vemiag, wie oft im Gewerbebetriebe. Auch Vorschriften iiber die Dauer 
der Pausen wahrend der iVrbeitszeit lassen sich rechtfertigen. 

Der dem Deutschen Reichstage Anfang 1899 zugegangene Ent- 
wurf einer Novelle zur Gewerbeordnung wollte folgenden Weg ein- 
schlagen. Innerhalb der taglichen Arbeitszeit soil alien Angestellten in 
offenen Verkaufsstellen eine angemessene Mittagspause gewahrt werden. 
Wird die Ilauptmahlzeit aufserhalb des Geschaftsgcbaudes eingenommen, 
so wird die Jlindestdauer der Mittagspause durch die Gemeindebehorde 
einheitlich fiir alle Verkaufsstellen — mindestens auf 1 Stunde — fest- 
gesetzt. Nach Schlufs der taglichen Arbeitszeit mufs alien Angestellten 
eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 10 Stunden gewahrt 
werden. Auf Antrag von 2/3 der beteiligten Geschaftsinhaber kann die 
hohere Verwaltungsbehorde nach Anluirung der beteiligten Gemeinde- 
behr>rden entweder fiir eine Gemeinde oder fiir mehrere, ortlich un- 
mittelbar zusammenhangende Gemeinden fiir alle oder fiir einzelne Ge- 
schaftszweige anordnen, dafs wahrend bestimmter Stunden in der Zeit 



5. Kapitcl. Die menschliclie Arbeit im Dienste des Handels. 113 

zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr raorgens oder zwiscben 9 Uhr abends 
imd 7 Uhr morgens die Verkaufsstellen gesehlossen sein miissen. Wahrend 
dieser Zeit ist dann aucb der Strafsen- und Ilausierhandel verboten. 

In diesen Vorscblagen ist Riehtiges und Falsches gemischt Ricbtig 
scheint mir der Gnmdgedanke, den einbeitlieben Ladenscblufs nicht 
einfach durch Gesetz scbablonenhaft zu erzwingen. Eine gewisse Mit- 
wirkung den Beteiligten selbst vorzubebalten, ist jedenfalls wiinschens- 
wert; der im Entwurf vorgesebene Weg mit seinem Erfordernis einer 
Zweidrittelmebrbeit diirfte freilicb eine Initiative der Ladeninbaber auf 
diesem Gebiet niebt erleicbtern, so lange ein erbebHcber Teil derselben 
an dem langen Offenbaiten der Laden interessiert ist Falseli dagegen ist 
es, lediglicb eine Rubezeit von 10 Stunden zu bestinimen. Es ware 
wirksamer, als Regel aufzustellen, dais die Angestellten nur wabrend der 
Tagesstunden, z. B. zwiscben 7 Ubr morgens und 9 Ubr abends ^ be- 
sebaftigt werden diirfen, und dafs ibre Gesamtarbeitszeit einscbliefslicb 
der Pausen, fiir die ein MindestmaTs anzusetzen ist, eine bestimmte 
Stundenzabl nicbt iiberscbreiten darfJ) 

Als eigentUcber Grund der Mifsstande in offenen Verkaufsstellen ist 
vorbin ein iibermafsiger Andrang zum Kleinbandelsdienst bezeiebnet 
worden. Es wird vielfacb behauptet, dafs diese relative Ubersetzung 
des Kleinbandelsdienstes nocb gefordert und in ibren Wirkungen nocb 
verstarkt werde durcb die ^Lebrlingsziicbterei^ und die zunebmende 
Yerwendung weiblieber Arbeitskrafte. Was die Lebrlinge anlangt, so 
ist sebon erwabnt, dafs Mifsstande nur in einem Teil der Kleinbandels- 
betriebe besteben. Ilier baben sie aber mitunter eine so krasse Fonn, 
dafs neben den LebrUngen andere Arbeitskrafte uberbaui>t nicbt oder 
nur in ganz geringer Zabl bescliaftigt werden. Es ist vor allem die 
Billigkeit dieser Arbeitskraft, die zu solcben Auswiicbsen fiibrt Dafs die 
Lebrlinge selbst dabei immer in der geniigenden Weise allseitig ausgebildet 
werden, mufs man bezweifeln. Aber es ist aucb nicbt zu verkennen, 
dafs nicbt alle diese Lebrlinge spater den Arbeitsmarkt im Kleinbandel 
belasten. Mancbe von ibnen geben in den Grofsbandel, andere in den 
Fabrikbandel iiber, und nocb andere finden im Auslande Unterkommen. 

Immerbin lafst sicb nicbt leugnen, dafs da, wo eine ubergrofse Zabl 
solcber ungelernter Arbeitskrafte vorbanden ist, die Gesamtlage der An- 
gestellten ungiinstig beeinflufst wird. Im Mittelalter balf man sicb in 
solcben Fallen und scbiitzte man sicb gegen solcbe Mifsstande dadurcb, 
dafs man von Zunft wegen die Zabl der Lebrlinge bescbrankte durcb 



1) Die wahrend des Dnickes gefafsten Bcsclilusse des Reichstags dehnen die 
Alittagspause auf 1V« Stunden, die Kuhezeit in Orten mit 20000 und mehr Eiuwohnem 
fur Geachafte mit mindestens zwei Angestellten auf il Stunden aus und schreiben 
einen allgemeinen Ladenschlufs von 9 Uhr abends bis 5 Ulir morgens vor, der auf 
Initiative der Beteiligten noch ausgedehut werden kann. 

VAX DBB BoBOHT, Handel. S 



114 Erster Tcil. Der Ilaiulcl. 

Festsetzung einer absoluten Hochstzahl fur die einzelnen Betriebe oder 
durch Anordnung eines bestimniten Verhaltnisses zwischen der Zahl der 
leraenden iind der ausgelernten Arbeitskrafte. Ob das Gleiche heute noch 
moglich sein wird, mufs bezweifelt werden angesichte der Verscliiedenheit 
der Verhaltnisse und der vielfach verbreiteten falscben Auffassung iiber 
Anfordeningen und Wirkungen des kaufmannisehen Dienstes. Konnte 
man diese falsche Auffassung einengen, so wiirde auch der Andrang 
yon Lehrlingen vennindert werden. Konnte man weiter die Anfordeningen 
an die Vorbildung der Lehrlinge steigern, so wiirde sich auch ein der 
Zahl nach beschrankteres, aber besser mit Wissen ausgeriistetes Lehrlings- 
material einstellen. Ilier mufs das wesentlichste von der Verbreitung 
einer richtigen Auffassung in der Bevolkening erwartet werden. Die 
Gesetzgebung ihrerseits hat jedenfalls die Pflicht, eine geniigende faeh- 
liche Ausbildung und Weiterbildung der Lehrlinge zu sichem. 

Das neue deutsche Ilandelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 hat in den 
§§ 76 ff. den Lehrvertrag als die Grundlage des Lehrv^erhiiltnisses 
besser geregelt und die Verpflichtung des Lehrherm zur Fiirsorge fiir 
eine geniigende Ausbildung des Lehrlings scharf betont. Grobe Ver- 
naehlassigung diescr Pflicht derart, dafs die Ausbildung gefahrdet w^ird, 
zieht den Lehrherm eine Geldstrafe bis zu 150 M. zu und berechtigt 
den Lehrling zur Auflosung des Lehrverhaltnisses ohne Kiindigungsfrist 

Was die weiblichen Arbeitskrafte anlangt, so spiclen diese, wie schon 
S. 101 angegeben ist, im Warenhandel eine erhebliche Rolle und zwar 
namentlich in den einfacheren Arbeitsleistungen des Gehilfendienstes offener 
Verkaufsstellen. Im Biireau- und Comptoirdienst und im technischen 
Aufsichtsdienst sind sie noch nicht besonders stark, wenn auch viel 
mehr als friiher vertreten. 

Dafs sich im Handel die weiblichen Arbeitskrafte sehr vermehrt 
haben, ergiebt sich aus folgenden Angaben der deutschen Gewerbestatistik. 
An Verwaltungs-, Comptoir- imd Bureaupersonal waren in den Haupt- 
betrieben des Handels beschaftigt 

18S2: 74 852 Angestellte, davon weiblich 2 023 = 2,7 Proz. 

1895: 152367 „ „ „ 7 108 = 4,7 , , 

an sonstigem Gehilfen- und Arbeiterpersonal 

1882: 316 314 Angestellte, davon weiblidi 88 076 = 28 Proz. 

1895: 589636 „ „ „ 253 508 =43 , . 

1882 waren noch nicht ^lo, jetzt sind schon liber Vio dieser Gruppe 
der Angestellten weiblichen Geschlechts. Ihre Zahl hat sich seit 1882 
fast verdreifacht, wahrend die der mannlichen Angestellten in dieser 
Zeit nur um 32 Proz. gestiegen ist, 

Dafs davon ungUnstige Wirkungen auf die Lage der mannlichen 
Angestellten ausgehen konnen, ist zuzugeben. Die weiblichen Arbeits- 
krafte sind anspruchsloser in Bezug auf Gehalt, sie unterwerfen sich 



6. Kapitel. Die monschJiche Arbeit im Dienstc des Ilandcls. 115 

leichter sehr langen Arbeitszeiten, sind iiberhaupt weniger widerstands- 
fahig gegen unberechtigte Anspriiche an die Arbeitskraft der Angestellten. 
Die Starke Vermehnmg der weiblichen Angestellten legt der Gesetz- 
gebung neue Aufgaben auf, da dieser Kreis der Arbeitskrafte sich noch 
weniger selbst zu schutzen vermag als die mannlichen und bei seiner 
jetzigen Ausdehnung auch den mannlichen Angestellten die Wahrung 
berechtigter Interessen erschwert Anderseits lafst sich aber niclit ver- 
kennen, dafs fiir den Ladendienst vielfach die weiblichen Angestellten 
besonders geeignet sind. Gesetzliche Mafsregeln gegen das Vordringen des 
weiblichen Geschlechts im Handel sind ausgeschlossen. Es liegt im Zuge 
unserer ganzen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, dafs das weib- 
liche Geschlecht nach Arbeitsgebieten ringt und drangt, die ihm eine eigene 
wirtschaftliche Existenz ermoglichen, wenn und solange ihm der eigentliche 
Frauenberuf, die wirtschaftliche und sittliche Arbeit in der eigenen Familie, 
aus irgend einem Grunde verschlossen oder noch nicht erreichbar ist. 

In die hier aiifgerollten Fragen spielt iiberall auch das Problem 
der kaufmannischen Ausbildung mit hinein; dasselbe wird bei der Be- 
sprechung der inneren Ilandelspolitik behandelt werden. — 

Die menschliche Arbeitskraft wird, wie schon im Eingang dieses 
Kapitels betont ist, im Handel nicht nur in Untemehmerstellungen und 
in abhangigen Dienststellungen verwendet, sondem es haben sich auch 
mehrere Gruppen von Hilfspersonen ausgebildet, die berufsmafsig deni 
Handel, namentlich dem Grofshandel bestimmte Dienste leisten, ohne in 
ein Arbeitnehmerverhaltnis zu dem Unternehmer zu treten. 

Hierher gehoren die Agenten, Makler und Kommissionare. Alle 
drei sind selbstandige Personen, deren Stellung als Handelsvermittler 
jetzt gesetzlich umgrenzt ist, und deren Vergiitung sich nach dem Umfang 
der thatsiichlich geleisteten Dienste richtet. 

Als Kommissionar gilt nach dem deutschen Handelsgesetzbuch vom 
10. Mai 1897 § 383 derjenige, „welcher es gewerbsmaTsig iibeminmit, 
Waren oder Wertpapiere fiir Rechnung eines Anderen (des Kommittenten) 
im eigenen Namen zu kaufen oder zu verkaufen". Fiir die ausgefiihren 
Geschafte erhalt der Kommissionar eine Provision. Der Kommissionar 
leistet seine Dienste nicht einem oder wenigen, sondem \ielen, sowohl 
Kaufleuten als auch Nichtkaufleuten. 

Das Institut des Kommissioniirs hat sich im Mittelalter aus den Be- 
durfnissen zunachst des Seehandels heraus entw^ickelt In den entfemten 
Punkten, in denen sich die Faktoreien und Comptoirs der Kaufleute 
befanden, brauchte man ortsangesessene, den Beschrankungen der Fremden 
nicht unterworfene Vertreter, die orts-, sach-, personen- und sprachkundig 
waren. Je mehr iiberhaupt der Handel auf weite Entfemungen betrieben 
wurde, desto mehr bedurfte es solcher Vertreter. Schon im 16. Jahrh. 
war das Recht iiber die Kommissionare imd ihre Geschafte ausgestaltet. 



116 Erster Toil. Der Handel. 

Das Institut orts-, spracli-, facli- und personenkundiger Vertreter an 
fremden Orten hat sich seitdem zu grofser Bedeutung entsvickelt. Der 
Fabrikliaiidel bedient sich beim Absatz iiber See oder auf weite Ent- 
fernuiigen im Binnenlande in sehr grofsem Umfange der Kommiasionare; 
sie erleichtern es dem Fabrikanten, sich auf dem betreffenden Markt ein- 
zufUhren und dauerade geschiiftliche Beziehungen zu erzielen. Auch der 
grolse Kaufmaiinshandel braucht sie oft dazu. Selbst ini Kleinhandel falh 
in manchen Ilandelszweigen dem Kommissionar eine wichtige Aufgabe zu. 

Von dem Kommissionsgeschaft begann sich als eine besondere Spiel- 
art seit dem 14. Jahrh. das Speditionsgeschaft abzusondem; aber nicht 
nur geschichtlich, sondern auch rechtlich zeigt die Stellung des Spediteurs 
manche enge Beriihrung mit derjenigen des Kommissiomirs, ein deut- 
liclier llinweis auf den gemeinsamen Ursprung beider Institutionen. 
Nach dem deutschen Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 § 407 ist 
Spediteur derjenige, welcher „es gewerbsmafsig ubemimmt, Gutersen- 
dungen durcli Frachtfiihrer oder durcli Verfrachter von Sceschiffen fur 
Rechnung eines Andern (des Versenders) im eigenen Xamen zu besorgen^. 
Das Handeln fiir fremde Eeclmung, aber im eigenen Namen, welches 
dem Kommissionshandel sein besonderes Geprage giebt, ist auch beim 
Speditionsgeschaft das charakteristische Merkmal. 

Eine weitere Abzweigung hat sich neuerdings entwickelt, namlich die 
^Lagerhalter" ; ihre Verhaltnisse wurden im Allg. D. Handelsgesetzbuch 
von 1861 noch nicht behandelt, sind jetzt aber im Handelsgesetzbuch vom 
10. Mai 1897 im § 4l6ff. naher geregelt F^erhalter ist derjenige, welcher 
^gewerbsmiifsig die Lagerung und Aufbewahrung von Giitern iibernimmt''. 

Die Zahl der Speditions- und Kommissionsbetriebe ') , die 1875 in 
Deutschland 8012 betrug, ist 1882 auf 4900, 1895 auf 4351 zuruck- 
gegangen, wiihrend sich gleichzeitig die Zahl und Bedeutung der grofseren 
Speditions- und Kommissionsbetriebe gehoben hat. Mit den Nebenbetrieben 
kommen 1895: 5028 Betriebe heraus, von denen 1679 Alleinbetriebe sind. 
In den Speditions- und Kommissionsbetrieben wurden durchschnittlich 
beschiiftigt 1882: 25094 und 1895: 29 398 Personen. Die Zahl der Er- 
werbsthiitigen (nach dem Hauptberuf) war 1882: 12024 und 1895: 20848. 

Unter den Erwerbsthatigen dieses Geschiiftszweiges (nach dem Haupt- 
beruf) befanden sich 1895: 4177 selbstiindige Geschafisleiter, 7177 Ver- 
waltungs-, Auf sich ts- und Bureiiupersonal , 68 mitarbeitende Familien- 
angehorige, 782 Handlungsgehilfen und Commis, 8644 sonstiges Personal. 

Die Agenten („Handlungsagenten" sagt das neue deut^sche Handels- 
gesetzbuch) sind erst im Laufe des 19. Jahrh underts zu grofserer Be- 
deutung gekommen. Ein Anzeichen dafiir ist der Umstand, dafs erst das 
neue deutsche Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 (§ 84 — 92) dem 
Agenten eine besondere gesetzliche Behandlung zu teil werden liifst. 

1) Hauptbetriebe. 



5. Kapitel. Die menschlichc Arbeit irn Dienste des Handels. 117 

Als Agenten bezeichnet dieses Gesetzbuch § 84 denjenigen, welcher ^ohne 
als Handlungsgehilfe angestellt zu sein, standig damit betraut ist, fiir 
das Handelsgewerbe eines Anderen Geschiifte zu veniiitteln oder ini Namen 
des Anderen abzuschliefsen''. Audi das Heranziehen solcher Personen, 
das iibrigens einen Vertrag voraussetzt, dient dazu, deni Kaufmann an 
entfemter gelegenen Platzen die Gewinnung des Absatzes zu erleichtem 
durch Vermittlung orts- und personenkundiger sachverstandiger Personen, 
die durch die ibnen fiir erfolgreiche Vermittlung zustehenden Provisions- 
anspriiche noch besonders zu eifriger Thiitigkeit angespornt werden. 

Viel loser als zu dem Agenten ist das VerhaJtnis des Unteraehniers 
zu den Maklern. Unter ^Handelsmakler'^ versteht § 93 des Ilandelsgesetz- 
buchs von 1897 denjenigen, welcher ^gewerbsmafsig fiir andere Per- 
sonen, ohne von ihnen auf Grund eines Vertragsverhaltnisses standig 
damit betraut zu sein, die Vermittlung von Vertragen iiber Anschaffung 
oder Veraufserung von Waren oder Werti)apieren, iiber Versicheningen, 
Giiterbeforderungen , Bodraerei, Schiffsmiete oder sonstige Gegenstande 
des Handelsverkehrs iibemimmt''. Fiir seine Vermittlerarbeit erhalt der 
Makler eine Provision, die hier „Maklerlohn'' heifst 

Das Institut der Makler findet sich schon ini Altertum. Im Mittelalter 
kam es zu grolser Bedeutung; man legte den Maklern aratliche Stellung 
bei und gab ihnen das Monopol der Vermittlung, indem man gleichzeitig 
ihre Zahl beschrankte. Diese Einrichtung ragt bis in unsere Tage hinein. 
Daneben haben sich aber audi noch unvereidete Privatmakler entwickelt, 
und sie haben nicht selten die iiberwiegende Bedeutung gewonnen. 

In Deutschland hat das Handelsgesetzbuch von 1861 — und dieseni 
Beispiel sind Oesterreich imd Holland gefolgt — die amtlichen Makler 
beibehalten, ohne ihnen indes ein Monopol der Vermittlung zu geben. 
Daneben sind wiederum unvereidigte Privatmakler durch das Handels- 
gesetzbuch in Verbindung mit der Gewerbeordnung zugelassen worden. 
Letztere wurden im Handelsgesetzbuch von 1861 nicht naher behandelt 
und erfreuten sich einer viel grofseren Bewegungsfreiheit, als die nach 
vielen Richtungen bin beschrankten amtlichen Makler. 

Diese Beschrankungen, denen seit Erlafs des Einfiihrungsgesetzes 
zur deutschen Civilprozefsordnung nennenswerte Vorrechte nicht mehr 
gegeniiber standen, erwiesen sich mehr und mehr fiir den Handel als^ 
hinderlich. Die neueste Entwickdung hat deshalb das Institut der ver- 
eideten Makler schon zum Teil ganz abgeschafft. In Hamburg geschah 
das bereits 1871. Im Borsenverkehr wurden durch das Reichsborsengesetz 
vom 22. Juni 1896 die amtlichen Handelsmakler beseitigt Das neue 
Handelsgesetzbuch von 1897 siiricht von vereideten amtlichen Maklern 
iiberhaupt nicht; es behandelt nur noch die un vereideten privaten Makler. 

Die Makler und Agenten werden in der deutijchen Berufsstjitistik 
nicht getrennt. Nur von einer Gruppe ^Ilandelsvennittlung^, zu der die 



118 Erater Teil. Der Uandel. 

Makler und Agenten gehoren, ist die Rede. Die hierher gehorigen Haupt- 
betriebe haben sich seit 1875 mehr als verdoppelt; ihre Zahl war 1875: 
17134, 1880: 30320, 1895: 37175;] 

Mit den Nebenbetrieben stellt sich fur 1895 die Zshl der Betriebe 
aiif 46734, wovon 40728 Alleinbetriebe sind. 

Die Zahl der durchschnittlich beschaftigten Personen stellte sich in 
der Handelsvermittlung 1882 auf 36180, dagegen 1895 auf 51509, die 
Zahl der Erwerbsthatigen (nach dem Hauptberuf) 1882 auf 33147, 1895 
auf 41281, wovon 36506 selbstandige Geschaftsleiter sind. 

Die rechtliche Behandlung der besprochenen Hilfsgewerbe gehort 
nicht in den Eahmen dieses Buches. 



6. EaplteL Das Eapltal Im HandeL 

Nach dem im 5. Kapitel Ausgefiihrten ist im Kaufmannshandel der 
Bedarf an menschlicher Arbeitskraft geringer, als in der gewerblichen 
Produktion. Die Folge davon ist, dais das zum Handelsbetriebe erforder- 
liche „uralaufende" oder, wie man wohl richtiger sagt, „verbrauchbare'' 
Kapital, soweit es in Form von I^ohnen und Gehaltem fiir menschliche 
Arbeit erscheint, verlialtnismafsig geringeren Umfang erreicht als in der 
eigentlichen Warenerzeugung. Der grofste Teil des verbrauchbaren 
(umlaufenden) Kai)itals im Kaufmannshandel dient durch Vermittlung 
der fliissigen Form des Geldes zur Warenbeschaffung; die sonst noch ver- 
bleibenden Betriebskosten treten hinter den fiir die Warenbeschaffung auf- 
zuwendenden Mitteln jedenfalls weit zuriick. Der Bedarf an ^stehendem"* 
— oder richtiger ,,abnutzbarem^ — Kapital ist im Kaufmannshandel 
schon um deswillen viel geringer als bei der Warenerzeugung, weil eben 
die ganze Arbeit der Ilerstellung der Giiter mit ihrem heutzutage sehr 
umfassenden Bedarf an Anlagen der verschiedensten iVrt vom Kauf- 
mannshandel abgetrennt ist. Auf den Fabrikhandel kann in diesem 
Zusammenhang wegen seiner engen Verkniipfung mit der Produktion 
nicht eingegangen werden. 

Der Kaufmannshandel bedarf an abnutzbarem Kapital zunachst 
Gebiiude fiir Aufbewahrung der Waren, die aber vielfach schon auf 
besondere Unternehmungen abgevviilzt ist und infolge der Leistungs- 
fahigkeit des heutigen Verkehrswesens nicht mehr in demselben Um- 
fange wie friiher notig ist. Fafst man den Handel im ganzen ins Auge, 
so wird man ihm freilich den Kapitalbedarf dieser und anderer Hilfs- 
zweige zurechnen miissen. 

Weiterhin sind Transi)ortmittel zur Fortbewegung der Waren notig. 
l^r den einzelnen Kaufmann ist durch die Verkehrsanstalten und durch das 
Speditionsgewerbe der Bedarf an eigenen Transportmitteln wesentlich 
geringer geworden als in den Zeiten, in denen er selbst den Transport 



6. Rapitcl. Das Kapital im Handel. 119 

(ler Waren bewirken niufste. Der zwerghafte ansassige Kleinbandel ver- 
fiigt im allgemeinen iiber Transportiiiittel nicht. Der Grofshandel, der 
ja ill! wesentliehen voni Bureau aus die Warenbewegung dirigiert, 
hat vielfacb nur einen beschrankten Bedarf an eigenen Trans- 
portmitteln, stiitzt sich aber umsomehr fiir seine weite Gebiete umspannen- 
den Operationen auf die grolsen Verkehrsmittel, auf die Eisenbahnen 
und die Segel- und Darapfschiffahrt, deren Vervvendung durch Telegraph, 
Teleplion und die heute sehr schnell arbeitende Briefpost erleichtert wird. 
Bei den mittleren und grofsen Betrieben des Kleinhandels sind zuni 
Teil fiir die Uberfiihrung der eingekauften Waren in die Vorratsraume, 
nocli mehr aber fiir die Fortschaffung an die Abnehmer Transportmittel 
notig, da in den grofseren Stadten die Anspriiche der Konsumenten an 
die Bequemlichkeit des Warenbezuges sehr gestiegen sind. Man begniigt 
sich hier oft damit, der Verkaufsstelle personlich oder telephonisch seine 
Wiinsche niitzuteilen, und iitfst sicli dann die Waren in's Haus bringen. 
Pferd und Wagen, Motorwagen, Transportdreiriider und ahnliche Falir- 
zeuge sind deshalb oft solchen Gcschaften unentbehrlich. 

Der Kaufmannshandel, soweit er als Grofshandel vom Comptoir aus 
betrieben wird, bedarf weiterhin der Raumlichkeiten und Utensilien fiir 
die Unterbringung des Personals. Der Ladenhandel hat statt dessen 
besondere Verkaufsraume notig. 

Dazu komraen im Kleinbandel noeh gewisse Werkzeuge und Apparate 
fiir die Durchfiihrung der Manipulationen, die mit den Waren vor- 
genouimen werden, in Betrieben mit grofserem Lager auch Krahnen, 
Warenaufziige u. dergl. mehr. Alle kaufmannischen Betriebe bediirfen 
auch gewisser Heiz- und Beleuchtungsvorrichtungen u. s. w. In grofsen 
Betrieben sind dazu vielfacb umfangreiche, mit mechanischen Trieb- 
kraften durchgefiihrte Anlagen erforderlich. 

Deshalb kann es nicht auff alien, dafs die Gewerbezahlungen auch 
Motorenbetriebe im Handel nachweisen. 

Die deutsche Gewerbezahlung von 1895 z. B. fiihrt 6160 Motoren- 
betriebe im Handel an, die zusammen 52877 Pferdestarken reprasen- 
tieren. Im Durchschnitt kommen auf 1 Motorenbetrieb 8,6 Pferdestarken. 
Daraus ergiebt sich sofort, dafs der Handel — wie ja auch selbstver- 
standlich — mit viel geringerem Kraftbedarf auskommt als die gewerb- 
lichen Betriebe. In alien von der Gewerbezahlung von 1895 ersichtlich 
gemachten Gruppen mit Ausschlufs der Landwirschaft und Viehzucht, 
des Handels, der Versicherung , der Verkehrsgewerbe und der Beher- 
bergung und Erquickung waren 1895: 139687 Motorenbetriebe (Haupt- 
und Nebenbetriebe) mit 3356538 Pferdestarken vorhanden, sodafs auf 
jeden Betrieb 24 Pferdestarken, also fast dreimal so viel wie' im Handel 

1) 5550 Haupt- und 610„Nebeubetriebe. 



120 Eretes Buch. Der Handel. 

entfielen. Ini Bergbau und Huttenwesen allein karnen sogar 557 Pferde- 
starken auf jeden Motorenbetrieb. 

Im eigentlichen Warenbandel ist der Kraftbedarf noch geringer. 
Hier gab es 1895 in Deutschland nur 2472 Motorenbetriebe mit 11689 
Pferdestarken oder 4,72 Pferdestarken fiir jeden Motorenbetrieb. Der 
Kraftbedarf stellt sich im Warenbandel also nur auf V^ dessen, was bei 
gewerblichen Motorenbetrieben im Durehschnitt erforderlich ist. 

Mit dem geringeren Kraftbedarf des Warenhandels hangt es zusammen, 
dafs die Dampfkraftmotoren bier weit seltener anzutreffen sind als Gas- 
motoren, die je bis zu ganz winzigen Pferdestarken gebracbt werden 
konnen. Von den 2472 Motorenbetrieben des deutscben Warenhandels 
waren 1895: 1096 mit Gaskraft (4482 Pferdestarken) und nur 483 mit 
Dampfkraft (5963 Pferdestarken) ausgerlistet 

Innerhalb des Warenhandels kommen Motorenbetriebe in alien Zweigen 
vor; selbst im Trodelhandel wird 1 Motorenbetrieb mit 10 Pferdestarken 
(Dampfkraft) aufgefiihrt 

Den Geldwert der Motorenanlagen zu berechnen ist leider nicht 
moglich. 

Uber den Gebaudebedarf des Handels sind allgemeine Angaben 
nicht zu geben, da die Statistik diese Dinge nicht geniigend klar stellt. 
Immerhin lafst sich soviel erkennen, dafs bei den nicht zu Wohnzwecken 
bestimmten Neubauten die Bediirfnisse des Handels eine ansehnliche 
Rolle spielen. Nach dem Statistischen Jahrbuch deutscherStadte vsraren u.a. 
von den nicht zu Wohnzwecken errichteten Neubauten 1894 bestimmt fiir 

Geschfifts. I^gerh&user, Gesamtzahl 

hftuser M Schuppen, der nicht zu 

Ort einschl Ver- Speicher, Wohnzwecken 

kaufslkden Magazine, errichteten 

Kauisiaaen Niederlagen Neubauten 

Aachen — 34 74 

Altona — 8 80 

Augsburg I 6 93 

Barmen 12 58 162 

Bochum 31 27 124 

Bremen — 55 139 

Breslau — 61 205 

Dortuumd 17 30 137 

Duisburg 24 30 98 

Erfurt 4 — 26 

Frankfurt a. M 8 62 135 

^ a. — 11 61 

lYeiburg i. Br. (1895) . . 1 12 48 

HaUe a. S 8 20 73 

Hamburg 7 180 360 

1) Ohne Fabrikgebaude , VVorkstatteu , Stallgcbaude , Gastwirtschaften und 
Hotels u. s. w. 



6. Kapitel. Das Kapital im Handel. 121 

Geschafts- Lagerhtuser, Gesamtzahl 

hfiuser Schuppen, der nicht zu 

Ort einschl. Ver- Speicher, Wohnzwecken 

kaufslftden Magazine, emchteten 

Niederlagen Neubauten 

Hannover — 158 364 

Karlsruhe 7 GO 114 

Leipzig . 6 46 196 

Magdeburg 1 1 7 

Mainz 15 22 72 

Mannheim 29 19 146 

Niimberg 13 26 151 

Plauen 4 29 110 

Posen 1 1 .16 

Strafsburg i. E — 28 55 

Stuttgart 8 73 130 

Wiesbaden — 37 92 

Zwickau 2 22 56 

Die in dieser Ubersiebt genannten Geschaftshauser und Lager- 
liauser u. s. w. dienen nicht ausschliefslich, aber doch — soweit sich 
erkennen laTst — iiberwiegend den Bediirfnissen des Handels. Die 
hierdurch veranlaTsten Neubauten maelien in Duisburg, Frankfurt a.M., 
Hamburg, Karlsruhe, Mainz, Strafsburg i. E., Stuttgart und Wiesbaden 
iiber die Halfte aller nicht zu Wohnzwecken errichteten Neubauten aus, 
und das deutet auf einen ansehnlichen Umfang des Gebaudebedarfs im 
Handel bin. 

Der mittelbare Bedarf des Handels an den Anlagen und Einrich- 
tungen der grofsen Transportmittel lafst sich nicht genau berechnen. 
Ein erheblicher Teil des in diesen Verkehrsanlagen steckenden abnutz- 
baren Kapitals mufs aber als im Dienste des Handels thatig anerkannt 
werden. Am meisten gilt das von der Handelsflotte, die sich fiir die 
Welt nach dem Jahrbuch der deutschen Seeinteressen ^Nauticus" belief 

1870/71 auf 2 793 Dampfer ») und 16 042 Segler^) 
1898/99 „ 18 887 „ „ 8 693 „ 

Der Wert dieser Handelsflotte wird in der deutschen Kolonialzeitung 
(1899, No. 34) auf rund 5 Milliarden Mark geschatzt. 

Gegeniiber der gewerblichen Produktion zeigt der Kaufmannshandel 
in Bezug auf den Kapitalbedarf nach dem Gesagten wichtige Abweichungen. 
Auf abnutzbares Kapital ist er viel w^eniger angewiesen, und auch bei 
wichtigen Teilen des verbrauchbaren Kapitals sind die Anspriiche des 
Handels geringer. Damit ist freilich noch nicht gesagt, dafs der Kapital- 
bedarf des Handels im ganzen — auf den ublichen Ausdruck des Geldes 
umgerechnet — geringer sein mufs, als derjenige der gewerblichen 
Produktion. 

1) Cber 100 Registertons uetto. 2) Uber 50 Ke^istertons nctto. 



122 Erater TeiJ. Der Handel. 

tJber diesen Punkt geiiauen zalilenmafsigen Aufschluls zu bekommeu, 
ist zur Zeit nicht mOglich; auch hier liifst uns die Statistik im Sticli. 
Aber gewisse Anhaltspimkte lassen sich doch j^ewinnen. 

Sowohl bei der Produktion als audi bei dem Warenvertrieb haben 
zur Zeit schon die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in nennens- 
werteni Unifange eingesetzt Beide zeigen gegeniiber dem durch Gesell- 
schaften oder diircli Private diirchgefiihrten Ilandels- und Produktions- 
betrieb wichtige Abweichungen. Man kann deshalb nicht aus dem 
Kapitalbedarf der Konsumvereine ohne weiteres auf den sonstiger Waren- 
vertriebsanstalten schliefsen und ebenso nicht von dem Bedarf der genossen- 
sehaftlichen auf den der sonstigen Produktion. Wohl aber ist es zulassig, 
den Kapitalbedarf der Konsumvereine und sonstiger genossenschaftlicher 
Warenvertriebsanstalten mit dem Kajntalbedarf der Produktivgenossenschaf- 
ten zu vergleichcn. Der genossenschaftliche Warenvertrieb zeigt ja gegen- 
iiber dem sonstigen Warenvertrieb jihnliche Abweichungen wie die genossen- 
schaftliche Warenproduktion gegeniiber der sonstigen Warenproduktion. 

Die englische Genossenschaftsstatistik unterscheidet nun scharf 
zwischen Distributiv- und Produktivgenossenschaf ten , also zwischen 
genossenschaftlichen Warenvertriebs- und genossenschaftlichen Waren- 
l)roduktionsanstalten. Den ersteren werden die Konsumvereine und die 
Ilandelsabteilungen der Grof seinkauf sgenossenschaf ten zugeteilt , den 
letzteren die Produktivgenossenschaf ten und die Produktionsabteilungen 
der Grofseinkaufsgenossenschaften. 

Im Jahre 1895 betrug bei den britischen 

Distributiv- Produktiv- 

geoossenschaften gcnossenschafteii 

Pfd. Sterl. Pfd. Sterl. 

das eingezahlte und geliehene Kapital . . 17 736 302 2 131 703 

der Reservefonds 1070938 6S S07 

" 'Zusamraen 18 807340^" ~2lo0 570 

die Hohe der VerkJiufe 47 809 341 4 146 652 

der erzielte Nett(»gewinn 5 204 496 180 052. 

Iliornach verhiilt sich also der in Geld ausgedriickte Kapitalbedarf 

bei den Distributiv- bei den Produktiv- 
geuoBsenschaften genossenschaften 

zur Hohe der Verkaufe .... wie 100:254 wie 100: 188 

zum Nettogewinn >vie 100: 27,6 Arie 100: 8,2. 

Der Kapitalbedarf ist mithin bei den Distributivgenossenschaften 
im Vergleich zu den Verkiiufen erheblich geringer als bei den Produktiv- 
genossenschaften , und der damit zu erzielende Gewinn ist bei jenen 
viel grofser als bei diesen. Die Distributivgenossenschaften schlagen ihr 
Kapital viel rascher um. Um 100 Pfd. Sterl. umzusetzen, brauchten 1895 
die Produktivgenossenschaften 53, die Distributivgenossenschaften nur 
39V:3 Pfd. Steri. 



6. Kapitel. Das Kapital im Handel. 123 

Nimmt man nur die Zahlen der Grofseiiikaufsgenosseiischafteii fiir 
1895, BO ergiebt sich folgendes: 

1. Englische Grofseinkaufs- Handelsabteilung Produktionsabteilung 
genossenschaft PW. Sterl. Pfd. Sterl. 

Kapital^) 1155998 567613 

Resenen 365 967 — 

Zusammen 1521965 5¥7~6 r3~ 

Verkaufe 10 141917 963 808 

Nettogewinn 192 766 29 028 

2. ScLottische Grofseinkaufs- 
genossenschaft 

KapitaP) 779 736 275 603 

Resenen 78 931 

Zusammen 858667 275 603~ 

Verkaufe 3 449 4 62 606 700 

Nettogewinn 132 374 24 043 

Hiernach verlialt sich der Kapitalbedarf zu den Verkiiufen 

Handels- Produktions- 
abteilung abteilung 

a. Engl. Grofseinkaufsgen. wie 100:666 wie 100:170 

1). Schott. „ ,100:402 „ 100:220 

Der erzielte Nettogewinn betriigt 

Handels- Produktions- 
abteilung abteilung 
a. Engl. Grofseinkaufsgen. 1 2,6 Proz. 1 5,4 Proz. des ganzen Kapitalbe- 
h, ScLott. „ 5,1 „ 8,7 „ darfs inkl. Reserven. 

Nach diesen Zahlen ist der Gewinn bei der Produktionsabteilung 
grofser, aber der Umschlag langsanier, als bei der Ilandelsabteilung. 
Um 100 Pfd. Sterl. umzusetzen, brauehte die englische (^rofseinkaufs- 
genossenschaft in der Produktionsabteilung 59, in der Handelsabteilung 
nur 15 Pfd. Sterl. und die schottische in der Produktionsabteilung 45 und 
in der Handelsabteilung nur 25 Pfd. Sterl. 

Die Zahlen sind fiir den Warenvertrieb in Bezug auf den Kapital- 
bedarf gegenuber den Uinsatzen noch giinstiger als vorhin. Das diirfte 
darauf zuriickzufiihren sein, dafs die Grofseinkaufsgenossenschaften den 
genossenschaftlichen Grofshandel darstellen. Bei dem genossenschaft- 
lichen Kleinhandel, wie er in den Konsumvereinen verkorpert wird, ist der 
Kapitalbedarf grofser und der Umsatz langsanier, aber auch der Gewinn 
lioher. Bei den britischen Konsumvereinen (oline die Grofseinkaufs- 
genossenschaften) bctrug 1895 

das eingezalilte und geliehene Kapital. 15 798 574 Pfd. Sterl. Verhaltnis. 

die Reserve . . . 626 040 , ^___ ^«**^^'" 

Zusammen 16 424 614 Pfd. Sterl. = 100 

die Hohe der Verkaufe 34 140 768 „ „ =208 

der Nettogewinn 4 879 289 « „ =30 

1) Eingezahltes und gelielienes. 



124 Erstor Teil. Der Handel. 

FUr je 100 Pfd. Sterl. Umsatz stellte sich hiemach ini genossenschaft- 
lichen Kleinhandel der Kapitalbedarf auf 48 Pfd. Sterl., d. h. das Anlage- 
und Betriebskapital koramt fast der Ilalfte der Unisatze gleich und wird 
nur etvva zweimal ini Jahre uuigeschlagen. 

Zuin Vergleich seien die entsprechenden Ziffem fiir die deutschen 
Konsunivereine, soweit Berichte vorliegen (468 Vereine), angefiihrt. 1896 
stellte sich bei diesen Vereinen der Betrag 

der Geschaftsanteile auf 8,03 Mill. M. 
der lleserven „ 3,61 „ „ 

Zusammen 11,64 Mill. M. 
dee VerkaufserlSses auf 91,55 „ ^ 
des Reingewinns „ 9,34 „ „ 

Bei diesen deutschen Konsumvereinen, die den genossenschaftlichen 
Betrieb des Kleinhandels — zum Teil allerdings in Gestalt von Grofs- 
betrieben — darstellen, verhielt sich der Kapitalbedarf zuni Umsatz wie 
100 zu 787 und der Nettogewinn betrug 80 Proz. des ganzen Kapital- 
bedarfs. Fiir 100 M. Umsatz waren nur 12,7 M. Kapital erforderlich, 
d. h. das Kapital wurde fast 8 Mai umgeschlagen. Dieser Teil des 
deutschen Kleinhandels — denn dazu mufs man die Konsumvereine 
thatsachlich rechnen — zeigt mithin einen sehr geringen Kapitalbedarf. 

Einen gewissen Anhalt bietet uns audi die Aktienstatistik. Nach 
der Statistik des deutschen Aktienwcsens fiir 1896, die ich in der II. Auf- 
lage des „Handworterbuchs der Staatsvvissenschaften" veroffentlicht habe, 
gab es in Deutschland 19 Konsumvereine auf Aktien, die an eingezahltem 
Aktienkapital, Anleihen und Reserven 5,88 Mill. M. aufvviesen; im Durch- 
schnitt entfielen also auf jeden Aktienkonsumverein 310000 M. Anlage- 
und Betriebskapital. Dagegen batten samtliche 3181 Aktiengesellschaften, 
die neben den Kredit- imd Versicherungsgesellschaften in Deutschland 
bestanden, an eingezahltem Aktienkapital, Anleihen und Reserven 
6,35 Milliarden M. aufzuweisen. Jede dieser Gesellschaften hatte also 
rund 2 Mill. M. Anlage- und Betriebskapital. Da diese 3181 Gesellschaften 
uberwiegend der Produktion dienen, so darf man in den angegebenen 
Zahlen einen Ilinweis darauf erblicken, dais der Kleinhandel auf Aktien 
im allgemeinen geringeren Kapitalbedarf hat, als die Produktion auf 
Aktien. Dem Grofshandel auf Aktien darf man die 7 Ilandelsgesell- 
schaften, Exi)ortmustcrhiger u. s. w. zureehnen, deren gesamte Anlage 
und Betriebskapitalien 10,94 Mill. M., im Durchnitt 1,56 Mill. M. betrugen, 
also auch noch vveniger als im Durchschnitt aller 3181 oben erwahnten 
Gesellschaften. 

Ausdriieklich sei aber darauf hingewiesen, dafs zur vollen Erkenntnis 
diese Zahlen iiber die Aktiengesellschaften nicht ausreichen. Sie lehren 
uns nichts iiber das Verhaltnis des Kapitalbedarfs zu den Umsatzen, 
sondem nur, dafs die durchschnittliche Grofse des Kapitalbedarfs im 



6. Kapitel. Das Kapital iiu Handel. 125 

Handel geringer ist als bei den der Produktion dienenden Gesellschaften. 
Bemerkensvvert ist, dafs der Reingewinn im Vergleich zum eingezahlten 
Aktienkapital beim Handel auf Aktien verhaltnismalsig hoch war. 
Wahrend bei alien Aktiengesellschaften, die nicht zum Kredit- und Ver- 
sieherungswesen zu rechnen sind, der Reingewinn 10,2 Proz. des einge- 
zahlten Aktienkapitals betrug, war er bei den Handelsgesellschaften 
(Grolshandel) 14,7 Proz., bei den Konsumvereinen (Kleinhandel) auf 
Aktien 33,7 Proz. 

Ahnliche Untersehiede in der Kapitalausriistung finden sich auch 
in anderen Landem. 

In Italien gab es 1895: 393 Konsumvereine in Form der „Kooperativ- 
gesellschaft'' (society cooperativa per azione). Dieselben — namentlich 
von kleinen Leuten betrieben — dienen dem Kleinhandel und batten 
4 372000 Frs. eingezahltes Kapital, also durchschnittlich 11125 Frs. Da- 
gegen batten die 428 eigentlichen Aktiengesellschaften, die neben den 
Kredit- und Versicherungsinstituten bestanden, 1237 Mill. Frs. einge- 
zahltes Kapital, d. h. durchschnittlich 2,9 Mill. Frs. 

In Rulsland sind — ohne Kredit- und Versicherungsinstitute — von 
1799—1881 gegriindet 

Aktiengesellschaften tiberhaupt 719 mit 1479,3 Mill. Rub., also durchschnittlich 

2,1 MiU. Rub., 

davon Handelsgesellschaften . 30 „ 27,5 „ „, also durclischnittiich 

917 000 Rub. 

In Belgien bestanden 1895 — ohne Kredit- und Versicherungs- 
institute — 839 Aktiengesellschaften mit 1593,8 Mill. Frs. Kapital, also 
im Durchschnitt 1,9 Mill. Frs. Die darin enthaltenen 41 Handelsgesell- 
schaften batten dagegen nur 38,2 Mill. Frs., also im Durschnitt 932000 Frs. 

In Holland gab es 1895/96 — ohne Kredit- und Versicherungsin- 
stitute — 1526 Aktiengesellschaften mit einem eingezahlten Aktienkapital 
von 565,02 Mill. Gld., also im Durchschnitt 370000 Gld. Darunter be- 
fanden sich 13 Handelsetablissements mit 2,82 Mill. Gld., also durch- 
schnittlich 217 000 Gld. Hier ist der Unterschied nicht so grots wie in 
anderen Landem, weil in Holland uberhaupt viele kleine Institute, wie 
Beerdigungsgesellschaften, Molkereibetriebe, Backereien, Garkiichen u. s. w. 
auf Aktien betrieben werden, wodurch der Gesamtdurchschnitt herabge- 
driickt wird. Die in der hollandischen Statistik aufgefiihrten 81 „Handels- 
gesellschaften" mit 77,97 Mill. Gld. eingezahltem Aktienkapital (durch- 
schnittlich 963000 Gld.) sind keine eigentlichen Handelsbetriebe, sondern 
zumeist Institute, die nach Art der Credits mobiliers alle moglichen Unter- 
nehmungen namentlich in den uberseeischen Gebieten betreiben. Ihr 
verhaltnismalsig bohes Kapital spricht also nicht gegen die vorhin auf- 
gestellte Behauptung, dafs die dem Handel dienenden Aktiengesellschaften 
durchschnittlich relativ kleine Kapitalien haben. 



126 Ereter Teil. Der Handel. 

Leider ist es nicht moglich, fiir die Einzeluntemehmungen einen 
solchen Vergleich anzustellen. Aber aus dem Ausgefiihrten darf man 
doch unbedenklich schlielsen, dais der gesanite Kapitalbedarf im Kauf- 
mannshandel — in Geld ausgedriickt — verhaltnismafsig geringer ist 
als in gewerblichen Untemehmungen. 

Innerhalb des Handels selbst bestehen nun freilich wiederum grofse 
Unterscbiede in Bezug auf den Kapitalbedarf und dessen Verhaltnis zmn 
Umsatz. Die Unterscbiede vverden zum Teil durch den Gesehaftszweig 
bedingt Je niebr der Gesehaftszweig grofse Lagerraume oder umfang- 
reiche Verkaufsraume, grofses Personal u. s. w. notig hat, und je langsamer 
sich bei ihm das Kapital umschlagt, desto grofser ist der Bedarf an 
Anlage- und Betriebskapital. Aber auch die Betriebsform ist hierbei von 
grofser Wichtigkeit. Zuniichst ist der Grofshandel in Bezug auf den 
Kapitalbedarf gegeniiber den Umsatzen anders gestellt als der Klein- 
handel. Im allgemeinen voUzieht sich der Umsatz im Kleinhandel lang- 
samer als im Grofshandel. Das liefs sich auch aus den oben angestellten 
Berechnungen liber die englischen Distributivgenossenschaften erkennen. 
Wahrend 100 Pfd. St. Umsatz bei der englischen Grofseinkaufsgenossen- 
sehaft 15 Pfd. St. und bei der schottischen 25 Pfd. St Anlage- und 
Betriebskapital erforderten (in den Handelsabteilungen) , wahrend also 
im genossenschaftlichen Grofshandel das Kapital iiber 6 bezw. 4 Mai 
im Jahre umgeschlagen wurde, bedurfte es dazu bei den brit. Konsum- 
vereinen, also im genossenschaftlichen Kleinhandel eines Kapitals von 
48 Pfd. St, sodafs das Kapital hier nur etwa 2 Mai im Jahre umge- 
schlagen wird. In absoluten Zahlen ist natiirlich der Kapitalbedarf im 
genossenschaftlichen Kleinhandel viel geringer als im genossenschaftlichen 
Grofshandel. Eingezahltes und geliehenes Kapital und Reserven betnigen 
1895 bei jenem 16424 614 Pfd. St, also bei jedem der 1439 Konsum- 
vereine 11414 Pfd. St, wahrend die englische Grofseinkaufsgenossen- 
schaft in der Handelsabteilung 1,5 Mill, und die schottische 0,86 Mill. 
Pfd. St an Kapitalkraft aufwiesen. 

Die Zahlen der genossenschaftlichen Warenvertriebsanstalten darf 
man naturlich nicht ohne weiteres auf die sonstigen Handelsbetriebe 
libertragen; aber eine Bestiitigung dafiir, dafs der Kleinhandel im allge- 
meinen sein Kapital viel langsamer umschlagt als der Grofshandel, darf 
man in den vorgefiihrten Ziffern doch erblicken. 

Dafs dabei auch von Land zu Land erhebliche Unterscbiede be- 
stehen, zeigt der raschere Umschlag der Konsumvereine in Deutschland, 
die ja fast 8 Mai im Jahre ihr Kapital umschlagen. 

Im Kleinhandel selbst zeigen sich ebenfalls grofse Unterscbiede. 
Der Kleinbetrieb des Detaillisten mit offenem Laden hat relativ mehr 
Kapital notig als der Konsumverein, der viele Spesen ersparen kann, 
und setzt es viel langsamer um als dieser. In den von der Handels- 



6. Kapitel. Das Kapital im Handel. 127 

kammer zu Hannover herausgegebenen und auf Veranlassung von Handels- 
kammem und wirtscliaftlichen Vereinen angestellten Erhebungen iiber 
^Die Lage des Kleinhandels in Deutschland^' (Bd. I, Berlin 1899) finden 
sich einige Angaben, die das bestatigen. Fiir den Eisenwarenhandel in 
Hannover-Linden wird dort die Kegel aufgestellt (S. 62), dais das An- 
lage- und Betriebskapital ,,in eineni richtig geleiteten Geschaft, welches 
einen angemessenen Ertrag abwerfen solP^, mindestens halb so grofs wie 
der jahrliche Umsatz sein mufs, dais also im Durchschnitt das Anlage- 
und Betriebskapital zweimal im Jahre umgesehlagen werden mufs. Im 
einzelnen mufs bei Artikeln fiir Handwerker und Bauuntemehmer das 
Kapital zweimal, bei Haushaltungsgegenstiinden dreimal umscblagen 
werden. Fiir den Kleinhandel in Konigsee bei Schwarzburg wird (S. 84) 
festgestellt, dafs Anlage- und Betriebskapital oft dem Jabresumsatz gleieh- 
kommen, d. h. nur einmal umscblagen werden. Fiir den Manufaktur- 
warenhandel in Memel wird (S. 112) angegeben, dafs das Anlage- und 
Betriebskapital mindestens V^ so grofs wie der jahrliche Umsatz sein, 
also mindestens viermal im Jahre umgesehlagen werden mufs, wenn das 
Geschaft einen angemessenen Ertrag abwerfen soil. Die Verschiedenheit 
dieser Satze beniht zum Teil auf der Verschiedenheit der Geschaftszweige, 
zum Teil aber auch wohl auf ortlichen Verhiiltnissen. In kleinen Platzen 
wird oft der Umschlag noch langsamer sein, als im Kleinhandel grofser 
Stadte. Im ganzen aber ist der hier als wiinschenswert oder als that- 
sachlich vorhanden bezeichnete Umsatz viel langsamer, als der thatsiich- 
liche Umschlag der Konsumvereine. 

In den erwahnten Erhebungen ist auch mehrmals der Versuch gemacht 
worden, das Verhaltnis des Anlage- und Betriebskapitals zu dem Ein- 
komraen und zu den Einnahmen festzustellen. So wird fiir die Manufaktur- 
und Modewarengeschafte in Hameln (S. 50) angegeben, dafs zu erzielen sei 

bei eioem Betriebskapital von eine EinDahme too 
20 000 M. 1800 M. 

40 000 „ 2500 „ 

60 000 ^ 3200 „ 

80 000 „ 4000 „ 

100 000 „ 4800 „ 

Fiir den Eisenwarenhandel in Hannover-Linden wird (S. 62) folgende 
Skala angegeben: 

Kapital Einkommen 

unter 5 000 M. unter 1500 M. 

von 5 000— 50 000 „ 1500— 6 000 „ 

50000 — 100000 „ 6100—12000 „ 

100000—150000 „ 12000—18000 ^ 

Die Ertragsverhaltnisse scheinen hiemach im Eisenwarenhandel zu 
Hannover-Linden giinstiger zu sein, als im Manufaktur- und Modewaren- 
handel in Hameln. 



128 Erster Toil. Der Handel. 

Im ganzen sind die Ertragnisse aber nur gering; auch fiir Hannover- 
Linden kommt man bei Kapitalien von 50 000 M. und mehr nur auf 
12 Proz. als Einkommen. Dem gegeniiber erscheint das Einkommen der 
Konsunivereine sehr viel hoher. Nach den ^Mitteilungen aus der Ver- 
waltung der direkten Steuern im prenlsisehen Staate'' sind steuerpfiicbtige 
Konsumvereine (mit offenem Laden und dem Recht einer juristischen 
Person) besteuert gewesen (innerhalb der Einkommensteuer) : 

J , V * Summe der eingezahlten Steuerpflichti&^s 

janr vereme GeschafteaDteile Einkommen*) 

1896 191 5363129 M. 2316743 M. 

1897 187 5799643 „ 2922296 • 

1898 190 6010875 „ 3393537 ^ 

1897 und 1898 macbt also das steuerpfiicbtige Einkommen mebr 
als die Ilalfte der eingezablten Geschaftsanteile aus, 1896 mebr als 2/5. 
Damit konnnen sieb die nicbt von Genossenscbaften betriebenen Klein- 
bandelsunternebmungen niebt messen, well ibr Umseblag viel langsamer 
und ibre Unkosten grofser sind. Namentlicb fiir ibre Verkaufslokale 
miissen sie sebr viel aufwenden, da sie weitgebenden Anspriicben der 
Konsumenten in Bezug auf Lage und Ausstattimg entsprecben miissen. 
Aucb ibre Personalkosten sind bober. In beiden Beziebungen kann sicb 
der Konsumverein in sebr engen und bescbeidenen Grenzen bewegen. 
t'berdies werden die Zinsenverluste, die durcb langes Kreditgeben ent- 
steben, bei den Konsumvereinen meistens erspart. Der Kleinbandler 
mufs unter giinstigen Verbaltnissen 20 — 30 Proz., unter ungiinstigen Ver- 
baltnissen 60 — 70 Proz., unter mittleren Verbaltnissen 50 Proz. seines 
Bruttogewinnes fiir Unkosten absetzen. Die von der Handelskammer zu 
Hannover veroffentlicbten Erbebungen iiber „Die Lage des Kleinbandels 
in Deutscbland'' geben dafiir zablreicbe Belage. Der Anwalt des Ver- 
bandes der Enverbs- und Wirtscbaftsgenossenscbaften Dr. Criiger teilt in 
dieser Sebrift (S. 222) folgendes Beispiel mit: In einem Kleinbandels- 
gescbaft werden in 1 7 stiindiger Arbeitszeit fiir 50 M. Waren umgesetzt 
Darauf ruben an Unkosten 

4 M. fur Miete, 

1 „ ftir Beleucbtung, 
1,50 „ ftir LebrUng, 

4 y, I^bensunterhalt fiir den Prinzipal und seine Frau, 

2 „ ftir Kinder, Schulgeld, Steuern u. s. w. 
Zusammen 12,50 M. 

Also sind 25 Proz. des Umsatzes fiir Unkosten anzusetzen. Im 
konkurrierenden Konsumverein werden 50 M. vielleicbt in einer balben 
Stunde umgesetzt, und die Unkosten belaufen sicb nur auf ca. 1,50 M. 

Das ist ein einzelner Fall; aber dafs der zersplitterte Kleinbandels- 
bctrieb durebscbnittlicb mit boberen Unkosten recbnen mufs als der kon- 



1) Nach dem Durchschnitt der drei Ictzten Jalire. 



6. Kapitol. Das Kapital im Handel. 129 

zentrierte Betrieb eines Konsumvereins mit grolserer Mitgliederzalil, liifst 
sich nicbt in Abrede stellen, und auffaJlen kann es deslmlb nicht, dais 
das Kapital der Konsumvereine im Durcbschnitt ertragreicher ist als das 
zwerghafter Kleinhandlungen. 

Damit ist aucb hingedeutet auf eine wichtige Ursache, welcbe den 
Orofsbetrieben des Kleinhandels, den Grofsmagazinen und Warenhiiusern, 
einen Vorsprung giebt. Ihr Kapitalbedarf ist grofs — das Warenhaus 
Au bon Marche in Paris hat etwa 50 Mill. Frs. Kapital — , aber ihr Um- 
satz ist sehr umfangreieh und vollziebt sich rascher als in den zwerg- 
haften Kleinhandlungen, und ihre Unkosten sind gegeniiber der Masse des 
Umsatzes geringer. 1898 setzten um: 

Au bon Marche in Paris . . . 180 Mill. Frs. 

Ijouvre in Paris 145 „ „ 

Siegel, Cooper & Co. in Chicago 91 ^ ^ 
Marshall Field in Chicago . . 80 , „ 
Whiteley in London .... 55 „ „ 
Wannamaker in Philadelphia . . 35 „ „ 
Bloomingdale in New York . . 30 „ „ 
In Deutschland war der Unisatz des grolsten Warenhauses (Wert- 
heini in Berlin) 1898: 30 Mill. M., dagegen 1897: 24, 1896: 12, 1895: 
6 Mill. M. 

Nach allem zeigt die Ertragsfilhigkeit des Kapitals und der Kapital- 
bedarf in den verschiedenen Zweigen und Betriebsarten des Handels sehr 
grolse Unterschiede derart, dais der Kleinbetrieb des selbstiindigen Klein- 
handels ini allgemeinen die ungiinstigsten Verhiiltnisse aufweist. Die 
vorteilhafte Wirkung stiirkerer Kapitalzusammenziehung tritt eben auch 
im Handel deutlich zu Tage. 

Der Gewinn, den der Kaufmann aus der Verwendung des Kapitals 
und aus seiner Arbeit ziehen kann, hangt hinsiehtlich seiner relativen 
und absoluten Hohe wesentlich auch davon al), wie die wirtschaftlichen 
Machtverhaltnisse zwischen dem Ilandel und seinen Abnehmern, insbe- 
sondere der Masse der Konsumenten gestaltet sind, und wie sich deshalb 
die Preise, die zu erzielen sind, den Interessen der Kaufleute oder der 
Konsumenten anpassen. Die Preislehre hat Lehk in dem I. Bande dieses 
Ilandbuchs (^Gnmdbegriffe und Grundlagen der Volkswirtschaft>', Leipzig 
1893) so ausfiihrlich dargestellt, dais hier nur darauf verwiesen werden 
kann. Im ganzen haben sich bei der Preisbildung im Ilandel die Macht- 
verhaltnisse zu Ungunsten der Kaufleute verschoben. ITeute muls, wie 
auch die vorhergehenden Zahlen zeigen, der Kaufnumn sich im Verkehr 
der Kulturlander mit einem bescheidenen Gewinn begniigen. Nur aus- 
nahrasweise, sei es durch besondere Verschiebungen der natiirlichen 
Marktverhaltnisse, die voriil)ergehend dem Kaufmann eine Mono})olstellung 
schaffen, sei es durch kiinstliche Vergewaltigung der natiirlichen Ver- 
sorgung des Marktes im Interesse grolscr Spekulationen (Corners, Ringe, 

VAN DBR BoROHT, Handel. 



130 Erater Teil. Der Handel. 

Scliwanze) kann ein abnorni hoher Gewiim innerhalb des civilisierten 
Verkehrs erreicht worden. Anders ist es ini Verkehr mit niedrig stehenden 
Volkern. Hier gewinnt der Kaufmann von selbst eine Monopolstellung, 
die ibin besonders bobe Gewinne erraoglicbt. Es wiederbolt sich bier, 
was den Volkerhandel friiberer Zeiten cbarakterisiert Jabrbunderte bin- 
durcb standen die dem Handel obHegenden V()lker so bocb iiber den 
Volkem und Nationen, mit denen sie Handel trieben, dais sie ein voll- 
standiges Monopol batten und die Preise diktierten. So war es in den 
Urzeiten des Handels, so aucb im mittelalterlicben Handelsverkebr der 
Italiener und Hanseaten, so aucb im Zeitalter der Entdeckungen und im 
Zeitalter der grofsen monopolisierten Handelskompagnien im 17. und 
18. Jabrbundert Jos. Kuuscher, der kiirzlicb in „Conrads Jabrbucbem 
fur Nationalokonomie und Statistik^ (Sept. 1899) die Entwicklung des 
Handelsgewinns zum Gegenstand einer sebr lebrreieben Untersucbung 
gemaebt bat, stellt zablreiebe Beispiele fiir die friiberen abnorm boben 
Handelsgewinne zusammen. Die Spanier z. B. macbten im 16. Jabrb. 
im Verkebr nacb Amerika oft 1 00 — 300, ja bis 400 Proz. Gewinn. Die 
Hollandiscb-Ostindiscbe Kompagnie verkaufte die von den Molukken 
bezogenen Gewurze bereits in Malakka mit 1000 Proz. Gewinn. Am 
Pfeffer verdiente sie in Holland 500 Proz. Die Engliscb-Ostindiscbe Kom- 
pagnie erzielte bei ibren 8 ersten Expeditionen durcbscbnittlicb 171 Proz. 
Gewinn. Die engliscbe Hudsonsbai-Gesellscbaft bat nacb Koscher den 
Wilden im Anfang des 18. Jabrbunderts mit 2000 Proz. Gewinn ver- 
kauft u. 8. w. 

Je mebr die einzelnen Yolker selbst zu wirtscbaftlicber Leistungs- 
fabigkeit emporbliiben, desto mebr scbwacben sicb solcbe Riesengewinne 
ab. Dazu kommt, dais der Handelsverkebr sicb mebr und mebr aucb 
aiif die Massenbedarfsartikel, wie sie namentlicb von der Industrie ber- 
gestellt werden, bat werfen miissen, und bei diesen ist ein Monopolgewinn 
viel scbwerer zu erreicben, als bei Pfeffer, Gcwiirzen und anderen kost- 
baren, nur den Keicben zuganglicben Artikeln des friiberen Volkerbandels. 
Uberdies bat sicb allgemein im Handel, wie scbon erwabnt, die Kon- 
kurrenz verscbarft, und im inncren Verkebr der civilisierten Lander bat 
sicb aucb das Interesse der Konsumenten mebr Geltung verscbafft Der 
Preisaufscblag biilt sicb desbalb durcbweg in engeren Grenzen als sonst. 
Dem allgemeinen Zuge der neueren Entwicklung zur Herabminderung 
der Kapitalgewinne bat sicb aucb der Handelsgewinn anscbliefsen miissen. 



7. Kapltel. Der Kredlt im HandeL 

Von jeber bat im Handel der Kredit eine bedeutende Rolle gespielt 
Das friibe Aufkommen der Wecbsel ist ein sprecbender Beweis dafiir. 
Al)er gerade im Handel ist der Kreditverkebr von mancben Scblacken 



"^ 



7. Kapitel. Dor Kredit im Handel. 131 

frei geblieben, die ihm in anderen Kreisen anhaften. Mit der zunelimenden 
Ansammlung von Kapital hat, wie Uberall, auch im Handel der Kredit 
an Bedeutung noeh wesentlich gewonnen, und der heutige kaufmiinnische 
Verkehr ist reich durchsetzt mit Kreditoperationen, die sicli stiitzen auf 
die grofse Strenge und Gewissenhaftigkeit, die gerade in dieser Beziehung 
den Kaufmannsstand im ganzen auszeichnet, 

Der Handel bedient sich sowohl des Personal- als auch des Keal- 
kredits. Im Grofshandel wie im Kleinhandel nimmt und giebt der Kauf- 
mann in zahlreichen Fallen Kredit, der sich lediglich auf die Kredit- 
fahigkeit und vor allem auf die Kreditwiirdigkeit des Kreditnehmers 
stiitzt und einer sachlichen Sicherst^llung entbehrt. Aber in vielen anderen 
Fiillen benutzt der Handel auch die Wertobjekte, iiber die er verfiigt. 
Er ninmit Darlehen gegen Verpfandung von Edelmetallen, von Wert- 
papieren, von Warenvorraten; ein wichtiger Geschaftszweig der Banken, 
das Lombardgeschaft, griindet sich darauf, und seine Handhabung ist in 
sinnreicher Weise erleichtert durch das Warrantsystem, welches die fest- 
lagernden Warenvorrate durch die mit dem Verfiigungsrecht iiber diese 
Vorrate ausgestatteten I^agerscheine und Lagerpfandscheine ersetzt |und 
diese als Pfandobjekt benutzt'). 

L^berwiegend erscheint der Kredit, den der Kaufmann in der einen 
oder anderen Form nimmt^ als kurzfristiger Kredit. Das hangt wesent- 
lich mit der Thatsache zusammen, dafs der Handel weniger abnutzbares 
(stehendes) als verbrauchbares (umlaufendes) Kapital notig hat. Dadureh 
erhalt auch sein Kreditbediirfnis die Richtung mehr auf Betriebskredit 
als auf Anlagekredit, und der Betriebskredit ist naturgemafs auf kiirzere 
Fristen eingeengt — 

Die ubliche Unterscheidung des Kredits nach seinem Zwecke in 
Produktions- und Konsumtionskredit bedarf im Kaufmannshandel einer ge- 
wissen Erlauterung. Hat der Handel im engeren Sinne auch produktive 
Zwecke und meist auch produktive Wirkungen, will er also durch sein 
Eingreifen die Wertfahigkeit der Guter erhohen, und bringt er das auch 
meist fertig, so ist doch der Weg, den er dabei einschlagt, anders, als 
in der Giitererzeugung. Der Kaufmannshandel erzeugt die von ihm zu 
vertreibenden Waren nicht selbst — der Fabrik- und Handwerkshandel 
thut das freilich — , sondem er giebt sie im wesentlichen so, wie er sie 
aus der Hand des Produzenten bekommen hat, ohne einen eigentlichen 
Verarbeitungsprozefs weiter. Er leitet gewissermafsen die Guterstrome, 
die von den Produzenten ausgehen, zunachst in ein Sammelbecken, um 
sie dann durch zahlreiche Kanale an die einzelnen Bedarfspunkte zu 
verteilen. Seine Arbeit lauft anf ein Konzentrieren und ein spiiteres 

1) In dem Bande dieses Handbuchs, der das Geld-, Kredit- und Bankwcsen 
bebandelt, Bind die Einzelhciten iiber das Warrantsystem und das Lombardgeschrd't 
zu finden. 

9* 



132 Eretcr Teil. Der Handel. 

D.'centralisieren dcr von den Sachguterproduzenten hergestellten Bediirfs- 
gegenstiinde hinaus. Soweit der Kaufniannshandel filr diese Zwe<;ke 
den Kredit heranziebt, thut er dasselbe, was der Saoligiiterproduzent 
beim ^Produktionskredit'^ tbut. Auf beiden Seiten soil der Kredit die 
ibrer Tendenz nacb produktive Arbeit leistungsfahi^er macben. Hielte 
sicb jeder bei dera Wort „Produktionskredit" das Wesen der Produktion 
vor Augen, so konnte dieser Teil des voni Handel benutzten Kredits 
anstandslos als Produktionskredit bezeichnet werden. Bei der Biegsaui- 
keit des taglicben Spraehgebraucbs bezeiclinet man aber den in Rede 
stebenden Teil des Kredits besser als ^Kredit fiir gesebaftlicbe Bediirf- 
nisse^. Solcben Kredit ninimt der Kaufniann in Ansprueh, wenn er 
Warenvorrate oder AVertpapicre ini Wege des l^mbardgeschaft* beleibt, 
wenn er Wccbsel, die seineni gescbaftliehen Verkebr entspringen, dis- 
kontieren lafst, wenn er beim Einkauf von den Produktionsstiitten oder 
von Grofsliandlungen fiir die Zablung des Preises der Ware eine gewisse 
Frist, ein ,,Ziel" bedingt u. s. w. Hier bandelt es sieb um Befriedigung 
von Kreditbediirfnissen, die aus deni Gesehaftsbetriebe unmittelbar lier- 
vorgeben. Ein Teil der Kaufleute namentlieb im Grofshandel nimmt 
nicbt nur, sondem giebt aucli ^Kredit fiir gesebaftlicbe Bediirfnisse'^, 
die dann natiirlicb nicbt seine eigenen, sondem die anderer sind. Das 
ist der Fall, wenn der Grofshiindler dem Produzenten, dem er Bobstoffe 
liefert, oder dem kleineren Kaufmann, dem er Waren zufiibrt, eine ge- 
wisse Zablungsfrist gewiibrt. Die Kreditnebmer gebraucben diese Zablungs- 
frist in ibrem gescliaftlicben, nicht in ibrem personlichen Interesse. 

Dem Kredit fiir ,,gescbaftlicbe Bediirfnisse'' stebt gegeniiber der 
^Kredit fiir personlicbe Bediirfnisse'^, der dem entspricbt, was gewobn- 
licb als ^Konsumtionskredit"^ bezeiclinet wird. Dieser Kredit spielt im 
liandelsverkebr insofern eine grofse Rolle, als aucb dem eigentlicben 
Konsumenten beim Bezuge seiner Bedarfsgegenstande vielfach eine langere 
Zablungsfrist gewiibrt wird. 

Es ist iiblicb, den Produktionskredit scblecbtbin als niitzlicli zu be- 
zeichnen, weil er das Kapital seiner eigentlicben Bestimmung, dem Dienst 
fiir die Produktion, zufiibrt, uud den Konsumtionskredit scblecbtbin als 
schadlich, weil er das Kapitiil dieser seiner eigentlicben Bestimmung 
entfremdet. Von diesem Standpunkt aus wiirde man aucb im Handel 
den Kredit fiir gesebaftlicbe Bediirfnisse scblecbtbin als niitzlicli und den 
Kredit fiir personlicbe Bediirfnisse als scliadlicb liezeicbnen miissen. 
Allein in dieser Scbarfe ist das Urteil m. E. nicbt aufreclit zu er- 
balteu. Nicbt aller l^roduktionskredit und nicbt aller Kredit fiir gesebaft- 
licbe Bediirfnisse wirkt niitzlicb ; er kann aucb einer ungesunden Bildung 
und Erweiterung der Produktions- und Handelsbetriebe, einem Eindringen 
unzuliinglicli gescbulter Elemente, einem Uberleiten der Kapitiilkraft 
in Babnen, die den Verbiiltnissen des Landes nicbt entsprecben, Yor- 



7. Kapitel. Der Kredit im Handel. 133 

schub leisten. Auf der anderen Seite ist nicht aller Konsumtionskredit 
Oder Kredit fiir personlicbe Bediirfnisse sehadlich vom Standpunkt der 
Volkswirtschaft aus. Er kann auch dazu dienen, durch Erlialtung oder 
Erleiehterung der Entwieklung und Bethiitigung von Existenzen iiiittel- 
bar der Produktion Vorteil zu bringen. Man darf sieb in solchen Dingen 
eben nicbt einfacb durcb den Reiz scbarfer Antitbesen verleiten lassen, 
von den praktischen Verhaltnissen und Bediirfnissen abzuselien. Kicbtig 
ist nur, dais in der Kegel der Kredit fiir gescbiiftliebe Bediirfnisse niebr 
Vorteile als Nacbteile und der Kredit fiir personlicbe Bediirfnisse niebr 
Xacbteile als Vorteile fiir die Volkswirtsebaft bat, dafs die Gefabren, die 
mit deni Kredit verbunden sein konnen, bei letzterem scbarfer bervor- 
treten, als bei ersterera. 

Der Kredit fiir gescbaftlicbe Bediirfnisse spielt im Grofsbandel die 
Hauptrolle; der Kredit fiir personlicbe Bediirfnisse tritt bier ganz in den 
Hintergnind, weil ein unmittelbarer Verkebr mit dem eigentlicben Kon- 
sumenten nicbt stattfindet Im Kleinbandel dagegen ist gerade der Kredit 
fiir personlicbe Bediirfnisse von besonderer Bedeutung; aber der Klein- 
bandel nimmt aucb in erbeblicbem Umfjing den Kredit fiir gescbaftlicbe 
Bediirfnisse in Ansprucb. 

Der Grofsbandel befriedigt sein eigenes Kreditbediirfnis zum Teil 
durch unmittelbare Entnabme von Kapitalien aus den Banken, d. b. aus 
Organen des Kreditverkebrs, die sicb ausscbliefslicb der Kreditvermitt- 
lung widmen und dadurcb einen wicbtigen Teil der friiber mit dem 
Handel unmittelbar verknupften Kreditoperationen zu einem selbstandigen 
Gewerbezweige entwickelt baben. Dieser Kredit kleidet sicb sebr oft in 
die Form des Lombardgescbaftes und des Wecbseldiskontierens; aber auch 
reiner Bankierkredit wird wegen der zunebmenden Verbreitung stiindiger 
Geschaftsverbindungen mit Banken in erbeblicbem Umfange benutzt. 
Soweit das Kreditbediirfnis durcb unmittelbare Entnabme aus den Banken 
befriedigt wird, kann zwiscben Produzenten und Grofsbandel der Ver- 
kebr auf die Basis der Barzablung gestellt werden, d. b. der Grofs- 
handler braucht beim Warenbezuge seinen Kredit beim Produzenten 
nicbt in Ansprucb zu nebmen; das Eingreifen der Bank bat das ent- 
bebrlicb gemacbt. 

Ein anderer Teil des Kreditbediirfnisses des Grofsbandels wird da- 
diu-cb befriedigt, dafs der Produzent dem (irofsbandler beim Waren- 
bezuge eine Kreditfrist einraumt, was dann biiufig zur Anwendung von 
Wecbseln und zu deren Diskontierung fiibrt, also wiedenim die Bank- 
thatigkeit in Ansprucb nimmt. Aber in diesem Falle dient die Banktbiitig- 
keit nicbt dazu, unmittelbare Kreditbeziebungen zwiscben Produzenten 
und Grofsbandlern zu vermeiden, sondern bat die Aufgabe, die Forderungs- 
rechte, die sicb aus diesen unmittelbaren Kreditbeziebungen zwiscben Pro- 
duzent und Grofsbandler ergeben, rascber zur Verwirklicbung zu bringen. 



134 Erater Teil. Der Handel. 

Je mehr von vornherein die Banken behufs Vermeidung unmittel- 
barer Kreditbeziebungen zwischen Produzenten und Grofshandler in An- 
sprucb genoramen werden, desto mehr schiebt sich im Verkehr zwischen 
diesen Parteien selbst die Barzahlung in den Vordergrund, aber die Ver- 
wertung des Kredites fiir geschaftliche Bediirfnisse an sich nimmt dabei 
zu. Im ganzen ist das der Zug der neuen Entwicklung. 

Im Grofshandel herrschen im allgemeinen gesunde Kreditverhaltnisse. 
Nur selten werden bier Klagen laut. Freilich sind die Zustande nicht 
in alien Landern und auch nicht zu alien Zeiten dieselben. Der Kredit- 
verkehr bedarf immer des Riickhaltes geordneter Rechtszustande und 
sicherer Rechtspfiege. Daran fehlt es in manchen Landern, und im Ver- 
kehr mit diesen raufs denn auch bei der Kreditgewahrung Vorsicht geiibt 
werden. Die zeitlichen Unterschiede hangen vorzugsweise mit dem zeit- 
weiligen ungesunden Anwachsen der Spekulation zusammen. Der speku- 
lative Verkehr, wie er sich namentlich im Terminhandel konzentriert, ist 
standig mit Kreditbeziebungen durchwachsen. Wird dieser Verkehr 
krankhaft iiberspannt, so wird auch dem Kreditverkehr im Grofshandel 
leicht ein ungesunder Charakter angeheftet, der sich namentlich in der 
iibertriebenen Masse der Diskont- und Lombardanspriiche an die Banken 
und in der geringeren Qualitat der im Lombardverkehr als Pfand an- 
gebotenen Wertpapiere aulsert. 

Der Kleinhandel nimmt Kredit fiir geschaftliche Bediirfnisse beim 
Einkauf seiner Warenvorrate — entweder bei Produzenten oder bei 
Grofshandlern — in Anspruch. Der Anlafs dazu liegt weniger in 
schlechten Gewohnheiten als in der geringen wirtschaftlichen Leistungs- 
fahigkeit eines grofsen Teiles der Kleinhandler. Allerdings kommen 
ihnen die Fabrikanten und Grofshandler da, wo starke Konkurrenz um 
den Absatz herrscht, oft sehr weit und sehr gern entgegen. Als die 
iibliche Kreditfrist, die dem Kleinhandler beim Wareneinkauf gewahrt 
wird, darf man 3 Monate ansehen. Nach den von der Handelskammer 
zu Hannover 1S99 veroffentlichten Erhebungen iiber „Die Lage des 
Kleinhandels in Deutschland" ist das dreimonatliche Ziel bei dem Einkauf 
der meisten Kolonialwaren, Eisenwaren, Haus- und Kiichenartikel, Manu- 
fakturwaren u. s. w. iiblich. Nur vereinzelt wird ein kiirzeres Ziel als 
gebrauchlich bezeichnet; so haben z. B. die Elberfelder Grossisten, wie 
aus Barmen fiir die Manufakturwarengeschafte berichtet wird, ein kurzes 
Ziel von 30 Tagen durchgefiihrt. Mit diesem kurzen Ziel kaufen auch 
vielfach besser gestellte Kleinhandler in den verschiedensten Geschafts- 
zweigen ein, wenn sie es nicht vorziehen, gegen bar zu kaufen. Sie 
erreichen mit dem kurzen Ziel einc Verbilligimg, zum Teil dadurch, dafs 
sie Vorzugspreise bewilligt erhalten, meist aber dadurch, dafs ihnen ein 
Sconto bewilligt wird, dessen Ilohe vielfach mit 2 Proz. angegeben, aber 
nicht iiberall gleich ist Bei der Ilohe des Scontos spielt auch die Art 



7. Kapitel. Der Kredit im Handol. 135 

tier Waren mit hinein. Bei Waren, die wertvoU sind und wenig begehrt 
werden, hat der Produzent oder Grossist ein Interesse daran, ihre Ein- 
fiihrung durch giinstige Einkaufsbedingungen zu erleichtem. Daher ist 
hier der Scontosatz oft holier als bei viel gebrauchten Massenartikeln. 
Die Mehrzahl der Kleinhandler macht sich aber, wie gesagt, diese Er- 
leichterung nicht nutzbar und bleibt bei dem iiblichen Dreimonats-Ziel Ja 
es giebt einzelne Artikel, *bei denen ein noch liingeres Ziel den Klein- 
handiern gewahrt zu werden pfiegt. Fiir Cigarren z. B. wird den Klein- 
handlern in Konigsee (Schwarzb.), Posen, Rawitsch auf 6 Monate, in 
Wreschen bis zu 1 Jahr, in Heidelberg 3 — 6 Monate, in Ostrowo iiber 
3 Monate Ziel gegeben. Sechs Monate Ziel werden aueh bei Wein- und 
Spirituosenbezugen der Kleinhandler in und bei Posen als Ublich bezeichnet. 

Das deutet darauf hin, dafs bei gewissen Artikeln der Grofshandler oder 
Produzent den Kleinhandlern den Einkauf glaubt besonders erleichtem 
zu miissen. Ahnliche Erwagungen, wie sie beini Sconto erwahnt sind, 
weiterhin auch starke Konkurrenz im Angebot mogen dabei mitsprechen. 

Auf der anderen Seite giebt es Artikel, bei deren Ankauf dem 
Kleinhandler nur eine kiirzere oder gar keine Kreditfrist gewahrt wird. 
Petroleum wird nach verschiedenen Berichten gegen bar oder gegen 
Accept oder rait 1 Monat Ziel, Spiritus gegen bar oder mit 10 — 30 Tagen 
Ziel, Mehl und Zucker gegen bar oder Accept eingekauft. Man darf 
wohl annehmen, dafs hier der engere Zusammenschlufs der Produzenten 
oder Grofshandler wirksam genug gewesen ist, um solche, ihnen wesent- 
lich giinstigere Verkaufsbedingungen durchzusetzen. 

Der Kredit fiir geschaftliche Zwecke, wie ihn der Grofs- und Klein- 
handel hiernach benutzen, wirkt nicht ganz gleichartig. Der durch 
Lombardieren und Diskontieren dem Grofshandel gewahrte Kredit dient 
namentlich dazu, die Ausnutzung giinstiger Konjunkturen und die dazu 
wunschenswerte Verstarkung oder Erganzung der geschaftlichen Thatig- 
keit zu erleichtem. Er f iihrt dem Grofshandel dadurch wichtige Gtewinne 
zu, die allerdings einen deutlichen spekulativen Beisatz haben. Darin 
liegt auch die Gefahr, mit der bei diesem Kredit zu rechnen ist; er 
kann in spekulativ erregten Zeiten leicht ungesunden Operationen dienstbar 
gemacUt werden. Zum Teil kann auch der reine Bankierkredit, der ohne 
sachliches Unterpfand gegeben wird, zu denselben Zwecken benutzt 
werden. Sehr haufig dient er aber auch dazu, eine glatte Erfullung 
laufender Verbindlichkeiten zu ermoglichen. 

Der Kredit, der dem Grofs- und Kleinhandler beim Wareneinkauf 
gewahrt wird, verringert den Bedarf an eigenem Kapital des Unter- 
nehmers und erleichtert das Aufkommen junger, noch nicht kapital- 
kraftiger Untemehmungen. Aber oft genug wird er gefahrlich. Er er- 
leichtert es auch, mit ganz unzulanglichen Mitteln und Kenntnissen neue 
Handel sbetriebe zu eroffnen, und einer Uberfiillung des Geschaftszweiges 



136 Eratcr Teil. Der Handel. 

leistet namentlich diese Art des Kredits Vorsclmb. Audi fiir den betr. 
Kreditnehmer konnen ungiinstige Wirkiingen eintreten. Er kann schliefs- 
lich dadurch in Abbangigkeit von seinen Lieferanten geraten und so 
sehr an wirtschaftlicher Widerstandsfiibigkeit verlieren, dais er sicb auch 
minder gute Waren gefallen lassen nuifs. 

Der Kredit filr personlicbe Bediirfnisse wird, wie erwahnt, vom 
Kleinbandel oft den Konsumenten gewalirt. Man spricht in solchen 
Fallen, wenn das Krcditieren des laglicben Redarfs weit verbreitet ist, 
von ^Borgsystem" und will mit diesem Wort die ganze Erscbeinung von 
vomherein als etwas Kaebteiliges bezeichnen, was freilieb in dieser All- 
genieinbeit niebt zutreffend ist. 

Veranlafst wird dies System zum Teil durcb die Unzulanglicbkeit 
der Mittel der Konsumenten gegeniiber ibrem Bedarf. Der „Bedarf" ist 
aber dabei durcb subjektive Eigcntiimlicbkeiten stark beeinflulst In 
den meisten Fallen ist die Unzulanglicbkeit der Mittel nicbt so zu ver- 
steben, dais mit den verfiigbaren Mitteln iiberbaupt nicbt die pbysiscbe 
Existenz erbalten werden kann. Eine solcbe absolute Unzulanglicbkeit 
der verfiigbaren Mittel fiibrt den Beteiligten nur selten und voriibergebend 
in das eigentlicbe „Borgsystem'', sondem in den Fiirsorgekreis der 
Amienpflege. Die Benutzung des Kredits fiir personlicbe Bediirfnisse 
erfolgt vielniebr auf Grund einer relativen Unzulanglicbkeit der Mittel 
gegeniiber dem durcb irgend welcbe Umstiinde gesteigerten Bedarf. Die 
Mebrzabl der Konsumenten, die davon Gebraucb macbt, ist an sicb 
durcbaus in der Lage, ibren notwendigen Bedarf zu decken; aber die 
Anstands- und Luxusbediirfnisse sind unter dem Einflufs der Gesellscbafts- 
sphare, in der sicb das Lebcn vollziebt, oft so gesteigert, dafs im ganzen 
das ricbtige Gleicbgewicbt feblt oder docb nicbt in jedem Augenblick 
aufrecbt erbalten werden kann. Wo die Einnabmen nur stofsweise zu- 
flicfsen, wo die Aufsenstande nicbt piinktlicb eingeben, da kann sicb 
leicbt vorriibergebend ein Mifsverbaltnis zwiscben verfiigbaren Mitteln 
und Bedarf einstellen, sofem unter dem Zwang der gesellscbaftlicben 
Verbaltnisse die Lebensbaltung auf der bisberigen Ilobe aufrecbt erbalten 
werden mufs. Dasselbe kann eintreten, wenn grofsere Anscbaffungen 
notig werden, wenn durcb Krankbeiten, durcb Ungliicksfalle, durcb un- 
erwartete Ausgaben z. B. fiir die Erziebung und Ausbildung der Kinder 
besondere Anforderungen an die Mittel gestellt w^erden, Anfordenmgen, 
die nur durcb Verteilung der Ausgabe auf langere Perioden befriedigt 
werden konnen. In solcben Fallen braucbt die Wirtscbaftsfiibnmg des 
Betreffenden durcbaus nicbt unsolide zu sein; oft genug sind es vor- 
sicbtige und ibre Zablungsfabigkeit ricbtig abscbatzende Personen, die 
sicb mit Hilfe des Kredits fiir personlicbe Bediirfnisse die entstandenen 
grofseren Ausgaben auf langere Zeit verteilen und sicb dadurcb den fiir 
sie zweckmafsigsten Weg der Zablung sucben. 



7. Kapitel. Der Kredit im Handel. 137 

In anderen Fallen sine] Eiicksiebten der Bequenilichkeit niafsgebend. 
Es ist oft lastig, regeluiaTsige kleine Beziige stets sofort zu bezahlen. 
Man lafst sie lieber fiir eine gewisse Periode anstehen, uni sie dann am 
SchluXs der betr. Periode zu begleichen. Gerade diesen Bequenilicbkeits- 
riicksichten leisten die Kaufleute selbst sebr oft Verschub. Werden die 
Zahlungsperioden regelmafsig inne gebalten, so erw aclist deni Kaufmann 
dadurcb kein Verlust, und auf der anderen Seite sicbert er sieh dadureb 
eine feste Kundscbaft^ deren Bedarf er allniablicb abscbiitzen lemt und 
deshalb bei seinen Operationen als sicbercn Faktor mit einstellen kann. 

Die Kaufleute veranlassen aucb nocb in anderer Weise die Benutzung 
(lieser Form des Kredits; es kommt oft, in mancben Stiidten sogar ge- 
wobnbeitsmafsig und allgemein vor, dafs der Kleinbandler bei Barzablung 
keinen Eabatt gewiibrt. Er nimmt also — anders ausgedriickt — vom 
Barkaufer dieselben Preise wie vom Kreditkaufer. Das liiuft praktisch 
darauf binaus, dafs alle Kiiufer Kreditpreise geben miissen, vveil der 
Kaufmann seine Preisstellung so einriebtet, dafs der Zinsverlust, der bei 
der durcbsebnittlicben Kreditfrist eintritt, mit gedeekt ist. In einer Stadt, 
in der dies Verfabren allgemein iiblieb ist, kann der Kleinbandler aucb 
durcbsetzen, dafs allgemein die Kreditpreise gezablt werden. Der Kaufer, 
der unter solcben Umstiinden bar bezahlt, bat gegeniiber dem Kredit- 
kaufer keinen Vorteil ; im Gegenteil, er verliert dureb die sofortige Bar- 
zablung die Zinsen des Kaufpreises, die der Kreditkaufer gewinnt. Daber 
geben viele durebaus zablungsfabige I^ute in solcben Fallen dazu iiber, 
die iiblicbe Kreditfrist zu benutzen, um wiibrend dieser Zeit die betr. 
(lelder nutzbar macben zu konnen. Vom Standpunkt des einzelnen 
Kaufers aus ist das keineswegs unwirtscbaftlicb, sofern er nacb Ablauf 
der iiblicben Kreditfrist aucb regelmafsig bezablt, wenn es aucb im 
Gesamtinteresse wiinscbenswert ware, da, wo die Fiibigkeit zur sofortigen 
Barzablung bestebt, die Inansprucbnabme des Kredits zu unterlassen. 

In vielen Fallen — ob in den meisten, wage icb nicbt zu ent- 
scheiden — ist freilicb die Ursacbe zur Inansprucbnabme des Kredits 
fiir personlicbe Bediirfnisse in leicbtsinniger und gewobnbeitsmafsiger 
Uberschreitung der durcb die Einnabmen gezogenen Scbranken zu sucben. 
Viele Leute leben iiber ibre Verbaltnisse und konnen das nur, weil ibnen 
der dazu notige Kredit nicbt feblt. 

Die Verbreitimg des Kreditgebens an die Konsumenten ist durcb 
mancberlei Verbaltnisse beeinflufst. Art und Preislage der Ikdarfsartikel 
spielt bier gewifs eine Rolle. Am leicbtesten entwickelt sicb die regel- 
mafsige Inansprucbnabme des Kredits mit regelmafsiger Innebaltung der 
Zahlungsfristen bei den Artikeln, die man tiiglicb in kleinen llengen 
braucbt und beziebt. Die Milcb, die der Bauer, die Bnitcben, die der 
Backer jeden Morgen ins Ilaus scbickt, bezablt man in sebr vielen 
Fallen in bestimmten Perioden. Aucb bei Kolonialwaren und Fleiscb 



138 Ereter Teil. Der Handel. 

entwickelt sich dasselbe Verfahren leicbt, weiin man standig von deni- 
selben Kaufinann beziebt Artikel, die man nur selten braucht, und mit 
denen eine sebr fiihlbare Ausgabe nicbt verbunden ist, und fiir die man 
sicb bald an diesen, bald an jenen Kaufmann wendet, nimmt man meist 
auf Barzahlung. Wenn der gewobnliche Ilausbalt einmal einen Hammer 
Oder Nagel oder ein Paar Riemen oder eine Flasche Tinte braucht und 
dergl., so wird er in den allermeisten Fallen dafiir den Kredit nicht in 
Anspruch nehmen. Selten gebrauchte Artikel, dereu Anscbaffung mit 
bedeutenden Ausgaben verkniipft ist, werden aber wieder oft auf Kredit 
genommen, um die Anschaffungskosten besser zeitlich zu verteilen, 
namentlich dann, wenn die Notwendigkeit der Beschaffung nicbt vor- 
herzusehen war, der Kiiufer sich also nicht darauf einrichten konnte. 

Auch ortliche Verschiedenheiten machen sich geltend. In einer 
grofsen Stadt, in der man die Verhaltnisse der einzelnen Kaufer nicht 
ubersehen kann, pflegt der Kaufmann mifstrauisch zu sein und giebt 
nicht gem Kredit, wenn er nicht durch lange Beziehungen dem Kunden 
njiher getreten ist. In kleineren Orten, in denen der Kaufmann die Ver- 
haltnisse, die Kreditfiihigkeit und Kredit wiirdigkeit besser beurteilen kann, 
und in denen sich leichter regelmafsige Beziehungen zwischen dem Kauf- 
mann und seinen Kunden entwickeln, bildet sich eher eine gewohnheits- 
miifsige Benutzung des Kredits aus. 

Auch die Art des Kundenkreises ist nicht ohne Bedeutung. Die- 
jenigen Gruppen der Kunden, welche uur in langeren Perioden Mittel 
in die Hand bekommen, werden haufig regelmafsig Kredit beanspnichen 
und ihn auch erhalten, da sie zwar mit langeren Fristen, aber doch 
sicher zahlcn. Der Kaufmann sieht diese Gruppen keineswegs als schlechte 
Kunden an. Aus dem schon erwahnten von der Handelskammer zu 
Hannover veroffentlichten Erhebungen iiber „Die Lage des Kleinhandels 
in Deutschland*' geht hervor, dafs in manchen Bezirken Beamte und 
Arbeiter regelmafsig ^auf Buch^^ kaufen und in regelmafsigen Fristen 
bezahlen, und wo die letztere Voraussetzung zutrifft, sind die Kaufleute 
mit dem ganzen System nicht unzufrieden. Auch die Landwirte und 
Handworker kaufen oft auf Kredit, weil sie nur in langeren Perioden 
grofsere Geldmittel in die Hand bekommen. Daneben fehlt es freilich 
auch nicht an Beispielen dafiir, dafs auf der einen Seite die Arbeiter- 
bevolkerung regelmafsig gegen bar und gerade gutgestellte Kreise regel- 
mafsig auf Kredit kaufen. 

Die Stellung der verschiedenen Formen des Kleinhandels zu dem 
Kreditsystem ist dm-chaus ungleichartig. Es giebt Geschaffcsformen , die 
grundsiitzlich nur gegen bar verkaufen. Die Warenhauser und Grofs- 
magazine und der allergrofste Teil der Konsumvereine folgt diesem Grund- 
satz, der allerdings die Kundschaft Icichtsinniger oder nicht geniigend 
zahlungsfahiger Elemente ausschliefst. Die letzteren sind dann auf andere 



7. Kapitel. Der Krcdit im Handel. 139 

(reschafte angewieseu, die nicht grundsatzlich dem Kreditgeben vvider- 
streben, und das tragt dazu bei, diese anderen Geschafte noch raehr in 
das Kredit- und Borgsystem hineinzuziehen. Darin liegt eine unerwunschte 
Nebenwirkung der Ausbreitung der auf Barzahlung dringenden Geschafte; 
diese Nebenwirkung besteht nicht nur in der Theorie, sondern ist that- 
sachlich schon niehrfach nachgewiesen worden. An sich mufs trotzden) 
das Streben nach Verbreitung der Barzahlung im Kleinhandel als be- 
rechtigt und wiinschenswert bezeichnet werden; es dient auch der Er- 
ziehung zu besseren Gevvohnheiten im taglichen Verkehr. 

Die erwahnte unerfreuliche Nebenwirkung, die der selbstiindige 
Kleinhandel der hergebrachten Form verspilrt, erklart sich zum Tcil da- 
durch, dafs manche Menschen aus alten Gewohnheiten nicht herauszu- 
bringen sind, weil es ihnen unbequem und lastig ist, zum Teil aber auch 
daraus, dafs nicht wenige Konsumenten thatsachlich iiber zu geringe 
Mittel verfiigen, als dafs sie ohne Eingreifen von Darlehnskassen und 
anderen Kreditorganisationen im tiiglichen Verkehr die Inanspruchnahme 
des Kredits beim Kleinhiindler ganz vermeiden konnten. 

Auf der anderen Seite giebt es Geschaftsformen, die unmittelbar und 
ausschliefslich auf den Kredit fiir personliche Bediirfnisse gegriindet sind. 
Das sind die Abzahlungsgeschiifte, die den weniger zahlungsfiihigen 
Personen die Anschaffung von Bedarfsgegenstiinden gegen ratenweise 
Entrichtung des Kaufpreises ermoglichen woUen. Die ratenweise Ent- 
richtung des Kaufpreises kommt auch in anderen Geschaften sehr oft 
vor. Njihmaschinen, Fahrnider, Mobel, Klaviere, Konversationslexika 
und andere nur mit grofseren Aufwendungen zu beschaffende Gegen- 
stiinde werden sehr haufig in dieser Form erworben. Was aber hier 
neben anderen Formen des Verkaufs einhergeht^ ist in den Abzahlungs- 
geschaften zum mafsgebenden Geschaftsprinzip erhoben worden. Der 
Gedanke des Eatenkredits hat manches fiir sich, aber er fiihrt auch leicht 
zu groben Mifsbniuchen, deren krasseste zu verhindern bereits die Gesetz- 
gebung versucht hat. 

Die altere Form des Kleinhandels, wie sie durch die kleinen selb- 
standigen Kaufleute reprasentiert wird, ist ihrer Natur nach auf den 
Bar\^erkehr angewiesen. Aber Nachgiebigkeit gegen die Wiinsche der 
Konsumenten, Versaumnis besonderer Reizmittel zur Barzahlung, lang- 
jahrige Beziehungen zur Kundschaft bei den Kaufleuten und Zwang 
der Verhaltnisse oder unwirtschaftliche Gewohnheiten bei den Konsumenten 
haben auch hier dem Kredit fiir personliche Ikdiirfnisse eine sehr grofse 
Ausbreitung verschafft. 

Die mehrfach erwjihnten Erhebungen liber „Die Lage des Klein- 
handels in Deutschland"* haben iiber den Umfang des Borgsystems 
dankenswerte Aufkliirungen gebracht. Sie zeigen, dafs allenthalben im 
Kleinhandel von dem Kredit fiir personliche Bediirfnisse ein umfang- 



140 Ei-ster Teil. Der Handel. 

reicher Gebraiich gemacbt wird. Niir ganz vereinzelt wird der Barein- 
kauf als Hauptform des Bezuges bezeichnet. Im Kolonial- und Material- 
vvarenbandel zu Danzig, Eniden, Ilaniein, Memel, Posen, Ostrowo,Eawitseb, 
Konigsee, ini Manufakturwarenbandel zu Posen, Rawitsch, Ostrowo, 
Wreseben, Rudolstadt, ini Weifswarenbandel zu Sagan und Hameln, im 
Cigarrenbandel zu Ileidelberg, im Eisenwarenbandel zu Hannover (im 
Verkebr mit Privaten, niebt auch mit Handvverkern und Bauuntemebmem) 
und zu Rawitscb wird nacb den mitgeteilten Bericbten iiberwiegend 
gegen bar eingekauft; aber aucb bier kommen daneben scbon Kreditf listen 
von 3, 6, 9, 12 und raebr Monaten vor. Die meisten iibrigen Berichte 
dagegen ergeben, dais der Kreditkauf iiberwiegt. 

Fristen von 6, 12 und 18 Monaten, ja von 2 Jabren kommen selbst 
im Kolonialwarenliandel und sogar von 3 Jabren im Eisenwarenbandel 
einzelner Bezirke vor. Mebrfacb wird dabei erwahnt, dafs Ilandwerker, 
Bauuntemebmer, reicbe Bauern und Grorsgnindbesitzer den Kredit stark 
in Ansprucb nebmen. Das letztere wird namentlicb aucb aus dem 
Reg.-Bez. Posen fiir den Stabeisen- und Eisenkurzwarenbandel angefiibrt 
In Griitz wird dabei aber ausdriicklicb betont, dafs die Ijandwirte, wenn 
sie aucb den langsten Kredit beansprucben, docb im allgemeinen sicbere 
Kunden sind; das eine scbliefst eben das andere tbatsacblicb nicbt aus. 
Vereinzelt finden sicb aucb zablenmiifsige Angaben iiber den Umfang der 
Kreditkiiufe. Hiemacb werden u. a. auf Kredit bewirkt von alien 
Einkjlufen : 

15 — 25 Proz. bei Manufaktunvaren in Posen, 

20 „ ^ Cigarren in Heidelberg, bei Manufakturwaren in Rudol- 
stadt, bei Kolonialwaren in Osti^owo, 

25 ^ „ Kolonialwaren in Rawitscb, 

25 — 50 V V ^ in Posen, 

33V3 ^ 7? Stabeisen und Eisenwaren in Rawitscb, 

33V:i V V ^lanufakturwaren in Ostrowo und AVreschen, 

40 ^ ., Manufakturwaren in Rawitsch, 

50 „ „ r, in Hameln, 

50 „ „ Kolonialwaren in Wreschen und Gratz, 

50 — 6G'^/:i ,, ., Stabeisen und Eisenkurzwaren in Wresclien, 

6 6'-/ 8 — 75 ^ „ ^ „ „ in Ostrowo, 

75 ., ., „ „ „ in Posen, 

75 ^ „ Manufakturwaren in Gratz, 

90 ^ „ Stabeisen- und Eisenkurzwaren in Gratz. 

Man kann angesicbts dieser Beispiele jedenfalls nicbt leugnen, dafs 
das Borgsystem im Kleinbandel eine grofse, zum Teil sogar bedenklicbe 
Ausdebnung gewonnen bat, und man kann sicb desbalb aucb nicbt 
wundem, dafs gerade diese Verbreitung des Kredits fiir personlicbe Be- 
diirfnisse im tiiglicben Kleinverkebr als einer der Griinde angefiibrt wird, 
die zu der biiufig wabmcbmbaren ungiinstigen I^ge des Kleinbaudels 
geflibrt baben. 



7. Kapitel. Der Kredit im Handel. 141 

Die grofse Ausbreitung; des Borgsy stems hat in der That niehr Nach- 
teile als Vorteile fiir deni Kleinhandler. Als Vorteil kann angefiihrt 
werden, dais der Kleinhandler sich einen stiindigen Kundenkreis durch 
das Kreditgeben sichern kann oder doch sichern zu konnen hoffen darf, 
und dafs diese Abnehmer ihren ganzen Bedarf im wesentlichen bei ihm 
decken werden. Das letztere trifft nun freilich nicht immer zu. Mancher, 
der die Fesseln des Kreditverkehrs als lastig empfindet, kauft das, wozu 
er die Bannittel in der Hand hat, an anderer Stelle, um sein Schuldkonto 
nicht zu sehr anwachsen zu lassen, und nur, wenn ihni die Mittel knapp 
werden, wendet er sich an den Kaufmann, in dessen Schuld er steht 
Zum Teil wird dieses Verhalten auch veranlalst durch die Befurchtung, 
dafs Irrtiimer und Verwechselungen entstehen, wenn man bei demselben 
Kaufmann teils gegen bar, teils auf Kredit kauft Auf diese Weise trilgt 
das Kreditgeben des Kaufmanns selbst dazu bei, die Bedeutung seines 
Barverkehrs gegeniiber dem Kreditverkehr abzuschwachen. Die erstere 
Iloffnung, einen standigen Kundenkreis durch das Kreditgeben an sich 
zu fesseln, erfiillt sich bis zu gewissem Grade. Man kann indes oft 
genug beobachten, dafs bei Verbesserung der wirtschaftlichen Verhalt- 
nisse, die den Ubergang zum Barkauf gestatten, der bisherige Kredit- 
kiiufer seinen Bedarf nicht bei dem alten Lieferanten deckt. Immerhin 
kann zugegeben werden, dafs in Bezug auf die Sicherung des Kunden- 
kreises dem Kaufmann aus dem Kreditsystem Vorteile erwachsen. 

Ein anderer Vorteil liegt fiir den Kaufmann darin, dafs seine 
Stellung gegeniiber dem standigen, wirt«chaftlich schwachen Kreditkaufer 
gekraftigt wird. Er kann diesen in eine gewisse Abhangigkeit von sich 
bringen; er hat weniger dessen Einspmch zu fiirchten, wenn die Quali- 
tiit nicht alien Anforderungen entspricht; er hat auch in Bezug auf die 
Preisstellung freiere Hand, da die standigen Kreditkaufer sehr oft die 
allgemeine Preisbewegung wenig oder gar nicht verfolgen und, weil sie 
das Meiste bei dem kreditgebenden Kleinhandler beziehen, iiber die 
Preisverhaltnisse in anderen Geschaften nicht geniigend unterrichtet sind. 

Aber diese Vorteile des Borgsy stems hat der Kaufmann mit grofsen 
Nachteilen zu erkaufen. Die lange Kreditfrist, die er gewiihren mufs, 
tragt sehr dazu bei, den ohnehin schon langsamen Umsatz seines Kapi- 
tals in seiner Wirkung abzuschwachen; das drjingt ihn gegeniiber den 
konkurrierenden Formen des Kleinhandels mit rascherem Umschlag noch 
mehr zuriick. Der Kaufmann kann auch oft nicht streng auf Inne- 
haltung der verabredeten Kreditfrist bestehen und auch hiiufig nicht 
durch x\nmahnung oder wiederholtes Einsenden der Rechnung zur Ab- 
kiirzung dieser Frist drangen. Diejenigen Kreditkjlufer, die an sich gut 
gestellt sind und mehr aus Neigung oder Bequemlichkeit als aus dem 
Zwang der Verhaltnisse ihren Kredit beim Kleinhandler ausnutzen, ver- 
merken mitunter ein Drangen auf Zahlung, ja selbst schon wiederholtes 



142 Erstcr Teil. Der Handel. 

Einreichen der Eechnung reclit iibel. Sie bezalilen dann wohl, entziehen 
aber auch fiir langere Zeit oder fiir imnier dem drangenden Kaufmann 
ibre Kundscbaft und beeinflussen auch wohl ihre Bekannten und Freunde 
in dieser Ricbtung. 

Je weniger sich die thatsacblicbe Blreditfrist in den Grenzen halt, 
die der Kaufmann bei seiner Preisstellung vorausgesetzt hatte, desto mehr 
hat er auch mit Zinsenverlusten zu recbnen. 

Auf der anderen Seite hat er selbst unter Umstanden dadurch seinen 
Lieferanten mehr Zinsen zu zalilen, da der verspiitete Eingang seiner 
Aulsenstiinde ilin auch hindert, seinen eigenen Verbindlichkeiten recht- 
zeitig nachzukommen. Das kann auch zur Folge haben, dais er von 
seinem Lieferanten auf Zahlung verklagt wird, und dafs die geschaft- 
lichen Beziehungen mit ihm seitens der Lieferanten abgebrochen werden u. 8.w. 
Unter Umstanden kann der Kleinhandler durch den unpiinktlichen und 
verspateten Eingang seiner Aufsenstande zur Zahlungseinstellung und 
zum Konkurse gedningt werden. 

Ein Teil der Aufsenstande geht bei starker Verbreitung des Kredit- 
sy stems dem Kleinhandler verloren. Es scheint, als ob im allgemeinen 
dieser Verlust in engen Grenzen bleibt, weil der standige Kreditkaufer 
doch schliefslich einmal bezalilen mufs, da ihm sonst vielleicht von 
dem beteiligten Kaufmann, olme den er seinen Bedarf nicht decken kann, 
Waren nicht mehr verabfolgt werden. Aber bedeutungslos sind solche 
Verluste doch nicht, und unter Umstanden nehmen sie erheblichen Um- 
fang an. In einzelnen Orten und Geschaftszweigen steigt der Verlust 
auf 10 Proz. der kreditierten Betrage, in anderen schwankt er zwischen 
2 und 5 Proz. u. s. w. Das spielt fiir den Gesamtertrag des Geschafte^ 
schon eine Rolle. 

Die nachteiligen Wirkungen, die von dem iibermafsigen Kreditverkehr 
ausgehen, lassen sich nicht zahlenmafsig feststellen. Auch die Konkurs- 
statistik reicht dazu nicht aus. Allerdings bezcichnet der Konkurs den 
offentlich wahmehmbaren Zusammenbruch des Geschafts; wie weit aber 
dabei der Kreditmifsbrauch des taglichen Kleinverkehrs als Ursache ver- 
antwortlich ist, liifst sich aus den statistischen Veroffentlichungen nicht 
ersehen. Ein Teil der Schwierigkeiten, die aus dicsem Verkehr erwachsen, 
wird iiberdics auch ohne Konkursverfahren unter der Iland ausgeglichen. 
Auch die Thatsache, dafs der Warenhandel einen sehr grofsen Bruchteil 
der Konkurse stellt — in Deutschland z. B. 1895: 38 Proz., 1897 : 38,2 Proz. 
der neuen erciffneten und beantragten Konkursverfahren — beweist noch 
nicht, dafs gerade der Kreditmifsbrauch im Kleinhandel dafiir verant- 
wortlich zu machen ist. Denn an sich ist es erklarlicli, dafs der Handel, 
der strenge auf piinktliche Erfiillung der Verbindlichkeiten halt, relativ 
ofter zu dem Mittel des Konkursverfahrens greift als andere Berufs- 
zweige. Allerdings ist der Unterschied in den einzelnen Benifsarten sehr 



7. Kapitel. Der Kredit im Handel. 143 

grofs. Nach der deutscben Konkiirsstatistik kamen 1895 aiif 100000 
Berufsangehorige 

im Warenhandel 113,85 neue Konkurse 

y, Geld und Kreditliandel 38,12 „ 

in Spedition und Kommission 16,74 „ „ 

im Hausierhandel 17,12 „ 

y, Buchhandel 59,64 „ ^ 

in Handelsvermittlung u. Hilfsgewerben des Handels 18,67 „ „ 

bei Versteigerung, Stellen- und Inseratenvermittlung 27,55 „ „ 

Unter den verscbiedenen Gnippen des Handels zeigt also der Waren- 
handel die bocbsten Ziffern, iind diese Zablen werden in keiner anderen 
Berufsgruppe auch nur annabernd erreicht. Die naebst boben Zablen sind: 

Beherbergung und Erquickung 43,46 

Schriftsteller, Redakteure, IMvatgelehrte . . 42,21 

Industrie der Nahrungs- und Genufsmittel . . 33,10 

Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe . . . 30,67 

Hausindustrie 24,92 

Privateekretiire, Rechnungsftibrer, Sebreiber . 23,60 

Papierindusti-ie 20,23 

Maficbinen- und Instrumentenindustrie . . . 19,11 

Polygrapbiscbe Gewerbe 18,29 

KUnstleriscbe Gewerbe 18,01 

Industi-ie der Holz- und Scbnitzstoffe . . . 17,00 
u. 8. w. 

Keine Berufsgruppe zeigt also eine so auffallend starke Belastung 
rait Konkursen als der Warenbandel. Ob innerbalb des Warenbandels 
der Kleinbandel starker beteiligt ist, als der Grofsbandel, lafst sicb aus 
der Statistik nicbt erseben. UnraogHcb ist es niebt, weil die private 
Ausgleicbung von Zablungsscbwierigkeiten im Grofsbandel viel baufiger 
als im Kleinbandel vorkommt, und weil der Kreditinifsbraucb im Klein- 
bandel weiter verbreitet ist als im Grofsbandel. 

Das Borgsystem bat nicbt nur filr den Kleinbiindler, sondem aucb 
fiir den Konsumenten selbst leicbt grofse Naebteile. Ein Vorteil liegt fiir 
den Konsumenten in der leicbteren Uberwindung augenblicklicber Scbwie- 
rigkeiten, in der leicbteren Verteilung grofser Ausgaben auf langere Zeit- 
riiume, in der bequemeren Form des Verkebrs mit dem Kaufmann, unter 
Umstanden aucb da, v^o allgemein Kreditpreise gefordert werden, in 
dem Zinsgewinn wabrend der Kreditfrist Aber es bedarf grofser Vor- 
sicbt, wenn daraus nicbt emste Storungen der Wirtscbaftsfiibrung ent- 
stehen sollen. In dem standigen Benutzen des Kredits fiir perscmbebe 
Bediirfnisse liegt eine grofse Versucbung zu unwirtscbaftlicbem Verbalten. 
Man acbtet nicbt mebr genau genug darauf, dafs nicbts Uberfliissiges 
gekauft wird, weil man die damit verbundene I^st zur Zeit des Kaufes 
noch nicbt spiirt. Man priift aucb die Ilobe der Preise aus (lemsell)en 
Gninde nicbt sorgfaltig genug, und leicbt kann sicb daraus eine Lebens- 



144 Erstcr Teil. Der Handel. 

haltung eiitwickeln , die niit den Einnalmien dauemd nicbt in Einklang 
steht. E« giebt gewils viele Leiite, die dieser Versuclmng nicbt erliegen ; 
aber es giebt nicbt minder viele, die dagegen nicbt widerstandsfiihig 
genug sind. 

Dazu kommt, dais Personen vun geringer wirtscbaftlicber I^eistungs- 
filbigkeit leicbt in grofse Abbangigkeit von dem kreditgebenden Kauf- 
niann geraten und sicb bobe Preise und geringere Bescbaffenbeit der 
Waren gefallen lassen niiissen. Be\ all' dem scbweben sie noch in der 
(iefabr, dais der Kanfmann seine Fordening gerade zu einer Zeit eintreibt, 
die fur den Kreditkaufer wenig giinstig liegt. Wirtscbaftlicb leistungs- 
fabige Personen konncn bei vorsicbtigem Verbalten dieser Gefabr ent- 
geben; aber sie begeben sieb docb aucb wicbtiger Vorziige, die der 
Harkauf bat. Beim l^arkauf ist der Kiiufer stets freier gegeniiber 
dem Kanfmann; er ist nirgends gebunden und kann sicb desbalb von 
Fall zu Fall den Kanfmann aussucbeu, der ibm die relativ beste Ware 
zu den relativ gilnstigsten Preisen liefert, und durcb den* Einkaut an 
versebiedenen Stellen gewinnt er aucb einen viel besseren 1 'berl)lick. 
Wer in der Lage ist, alles beim Einkauf bar zu bezablen, dem kann 
man nur dringend raten, es zu tbun, wenn es aucb unbecjuemer ist, als 
das Anstebenlassen. 

Die Kauflente selbst konnen dsizu wesentlicb beitragen, wenn sie 
allgemein bei Barzablung einen Babiitt gewabren oder beim Kreditkauf 
einen Zuscblag auf die Preise nebmen, jc nacbdem sie von Kredit- oder 
von Barkaufpreisen auBgeben. Man bat in mancben Bezirken gute Er- 
fabrungen damit genmcbt, und es ist nicbt einzuseben, warum nicbt aucb 
in anderen liezirken die vorteilbaftere Preisgestaltimg beim Barkauf viele 
zablungsflibige Ixjute reizen sollte, von der Kreditbenutzung im Verkebr 
mit Kleinbandlem abzuseben. Wenn der einzelne Kaufmann vielleicbt 
aucb durcb Gewabrung von Rabiitt nicbt viel erreicben kann, so kann 
docb ein Zusammenscblufs einer grofseren Zabl von Kleinbandlem Er- 
folg baben. (janz wird der Kreditkauf im Kleinbandel freilicb nie ver- 
scbwinden, weil die wirtscbaftlicbe Einsicbt und Leistungsfabigkeit, die 
zum gewobubeitsmiifsigen Barkauf gebort, nicbt bei alien Konsumenten 
zu finden ist. 

Die Ribattgewtilirung ist ein Jlittel, dem iibertriebenen Gebraucb 
des Kredits fUr personlicbe Bediirfnissc direkt durcb Einscbriinkung des 
Kreditverkebrs entgegenzuarbeiten. Mittelbar kann den Gefabren dieses 
Systems fiir den Kaufujann entgegengearbeitet werden dadurcb, dais der 
Kaufmann iiber Kreditfiibigkeit und Kreditwiirdigkeit seiner Scbuldner 
genau unterricbtet ist. Da die auf privatem Wege und unter der Hand 
zu erlangenden Auskiinfte dazu nicbt immer ausreicben, baben sicb 1864 
in Dresden und spiiter in vielen anderen Orten die kleinen Kaufleute 
und Ilandwerker zu ,,8cbutzgemeinscbaften filr Ilandel und Gewerbe" 



7. Eapitcl. Der Kredit im Handel. 145 

vereinigt, um von saumigen Scbuldnem die Fordeningen einzuzieben 
und sich gegenseitig durcb „schwarze Listen" vor scblecbten Scbuldnem 
zu wamen. 1867 scblossen sicb diese Vereine zu einem ^Verband ge- 
werblicber Schutzgeraeinscbaften" zusammen, und 1870 konstituierten sicb 
ibre Vorstande als Auskunftsbiireaus. 

Neuerdings sind die Vereine ^Kreditreform" mebr in den Vorder- 
grund getreten. Diese Vereine, deren Bildung 1882 begann, baben sicb 
inzwiscben zu einem intemationalen Verbande zusammengescblossen. Der 
Verband zablte Ende Marz 1899: 359 Vereine, 327 Filialen und 7 offizielle 
Vertretungen. Davon kamen 

Vereine Filialen Vertretungen 

auf Deutschland 279 161 — 

„ Belgian 1 — 3 

^ DiUiemark 1 — — 

„ Frankreich — — 1 

„ Grofsbritannien und Irland 9 — — 

„ Italian — 2 1 

„ die Niederlande .... 19 12 — 

, Norwegen 1 — — 

„ Oestarraich-Ungarn ... 14 140 — 

„ Ostramalian — — 1 

„ die Scbwalz 35 12 — 

„ die Tttrkei — — 1 

Die MitgliederzabI wird fiir 318 Vereine auf 57 927 angegeben, ist 
aber in Wirklicbkeit nocb um mebrere Tausend bober. Das allgemeine 
Ziel dieser Vereine ist iiberbaupt eine Reform der Kreditverbaltnisse. 
Aber die Vereine betreiben u. a. aucb das Inkasso von Aufsenstanden, 
das Aufsucben unabgemeldet verzogener Scbuldner und eine umfassende 
Auskunftserteilung (scbriftlicber wie miindlicber Art). Die Auskunfts- 
erteilung ist bier in decentralisierter Form organisiert; die Auskiinfte 
werden vorzugsweise am Wobnort des Kreditnebmers an den, der sicb 
liber denselben unterricbten will, gegeben. Zur Unterstutznng der Ver- 
bands- und Vereinstbatigkeiten waren 1899 in Deutscbland 28 406, in 
den iibrigen Landem 8166 Korrespondenten tbatig. Von den zum Mabnen 
angemeldeten 10,6 Mill. M. sind 4,9 Mill. M. eingezogen worden. Die 
Zahl der erteilten Auskunfte belauft sicb auf iiber 3 Millionen, wovon 
iiber 1 V2 Millionen scbriftlicb gegeben wurden. Die rascb emporgebliibte 
Organisation dient voraebmlicb den kleinen Kaufleuten und Handwerkern 
und hat ibnen grofsen Nutzen verscbafft 

Der Starke Drang der neueren Entwicklung nacb Arbeitsteilung bat 
aber aucb besondere berufsmafsige Auskunftsinstitute entsteben lassen, 
die in centralisierter Weise betrieben werden. Sie dienen zumeist dem 
Verkehr der Gescbaftsleute untereinander; die grofsten dieser Institute 
lebnen Auskunftserteilung iiber Nicbtgescbaftsleute iiberbaupt ab. Die 
Entwicklung der centralisierten Auskunftsinstitute, die viel Kapital, ein 

VAN DEE BoRGHT, Handel. 10 



146 Ereter Teil. Der Handel. 

grofses Personal im Innen- und AuXsendienst und eine tuchtige Geschafts- 
leitung notig haben, gehort ganz der neuesten Zeit an. In England 
setzt ihre Entwieklung Ende der SOerJahre, in Amerika 1841, in Frank- 
reich 1857, in Deutschland Anfang der 60erJahre ein. In Deutschland 
begann 1860 der Makler S. Salmon in Stettin die benifsmafsige Kredit- 
erkundigung zu betreiben. 1862 bildete sich das Biireaii der Firma 
Lesser und limann zu Berlin, das auch jetzt noch von grofser Bedeutung 
ist. Am meisten bekannt ist das 1862 begrundete Auskunftsbiireau (spater 
^Auskunftei'' genannt) von W. Schimmelpfeng in Berlin, dessen Be- 
griinder und Leiter dureh wiederbolte Broschuren iiber den Gegenstand 
und durch wicbtige Refomien anerkanntermafsen der Entwieklung dieses 
neuen Geschaftszweiges grofse Dienste geleistet hat. Die Auskunfts- 
institute erteilen in Amerika und zum Teil auch in England durch grofse 
regelmafsig revidierte ^Referenzbiicher", d. h. Verzeichnisse der Geschafts- 
hiiuser mit Beifiigung der erforderliehen Angaben, in den ubrigen Ge- 
bieten durch Beantwortung der eingegangenen Angaben von Fall zu 
Fall ihre Auskiinfte. 

Auch der Grofshandel stiitzt sich darauf in bedeutendem Umfange. 
Das gilt sowohl fiir den inneren, als auch fiir den auswartigen Verkehr; 
im Interesse des letzteren haben die grofsen Auskunfteien im Auslande 
neuerdings Zweiginstitute erriclitet. Die Einziehung von Auskiinften 
durch Konsulate und durch Handelskammern im Auslande tritt erganzend 
dazu. Bei guter Organisation und tiichtiger Leistung diirfte aber ein 
dem Auskunftswesen ausschliefslich gewidmetes Institut leistungsfahiger 
sein, als die amtlichen Organe und die Interressenvertretungen im Auslande. 

Die Entwieklung der berufsmafsigen Auskunftserteilung in der neueren 
Zeit ist ein Anzeichen dafiir, wie mit der wachsenden wirtschaftlichen 
Leistungsfahigkeit der Lander fiir den in- und auslandischen Markt auch 
die Venvertung des Kredits an Ausdehnung gewaltig zugenonmien liat 

Den Gefahren des Kreditwesens hat man auch durch eine besondere 
Kreditversicherung entgegenarbeiten woUen. Der (^edanke ist schon vor 
IJLngerer Zeit aufgetauclit Die Eigenart des zu versichemden Risikos 
erschwert aber eine solche Versicherung sehr. Uber einzelne, wenig be- 
deutende Ansatze ist man in dieser Beziehung noch*^nicht hinausgekommen, 
und diese Ansatze — wie z. B. die in Hamburg neuerdings von den 
Delkredereagenten dortiger Banken durchgefiihrte Versicherung fiir den 
Verkehr in Warenwechseln — dienen mehr dem Grofshandel als dem 
Kleinhandel. Letzterem eine Versicherung gegen Kreditverluste durch 
den von den einzelnen Konsumenten beanspruchten Kredit fiir person- 
liche Bediirfnisse zu schaffen, erscheint als ein so schweres Problem, 
dafs auf seine Verwirklichung noch lange nicht wird gerechnet werden 
konnen, falls sie iiberhaupt moglich sein sollte. 



8. Eapitcl. Die Konkurrenz im Handel. 147 

8. Kapitel. Die Konkurrenz Im Handel. 

Die Konkurrenz, d. h. das Ringen mehrerer um dasselbe Ziel, ist eine 
Erscheinung, die auf alien moglicben Gebieten des Lebens von Bedeutung 
ist. Hier ist sie nur soweit zu betrachten, als sie im Handel vorkommt. 

Im Handel kann die Konkurrenz — ahnlicb wie in der gewerblichen 
und landwirtschaftlichen Produktion, im Verkebrswesen und auf anderen 
Gebieten des Wirtschaftslebens — in den verschiedensten Arten auftreten. 
Wir haben eine Konkurrenz um Erlangung und um Unterbringung von 
Eapitalien, um Erwerb und um VerauXserung von Gesehaftslokalen, um 
Erlangung von Arbeitskraften und um Gewinnung von Arbeitsgelegen- 
heiten, um Erlangung von Waren und um Unterbringung von Waren, 
sowohl im Verkehr zwiscben Produzenten und Kaufleuten, als aucb im 
Verkehr der Kaufleute mit den Konsumenten, eine Konkurrenz im An- 
gebot von Waren und alien moglicben anderen Dingen und Diensten, 
und eine Konkurrenz in der Nacbfrage nacli Waren und Diensten u. s. w. 

AUe diese verscbiedenen Arten der Konkurrenz sind fiir die Gesamt- 
verhaltnisse des Handels von grofser Bedeutung. Es ist fiir den Kauf- 
mann sehr wicbtig, anderen bei jeder dieser Konkurrenzarten zuvorzu- 
kommen, also z. B. die Kapitalien, die Arbeitkrafte, die Gescbaftsraume, 
die er braucht, zu giinstigeren Bedingungen und mit grolseren Garantien 
der Braucbbarkeit zu erlangen, als andere ; denn von der Ausriistung mit 
tiichtigem Personal, von der Ausstattung mit ausreicbendem Kapital, von 
der Lage und Beschaffenheit der Gescbaftsraume wird der Erfolg der 
kaufmanniscben Thatigkeit in nicbt geringem Grade beeinflufst. 

Gewobnlich wird freilicb das Wort Konkurrenz bezogen auf das 
Ringen um Unterbringung der Waren, also um Absatz. Spricbt man 
von Konkurrenz schlecbtbin, so hat man gerade diese Konkurrenz im 
Angebot der Waren im Auge. Das erklart sich daraus, dafs der Erfolg 
der Arbeit des Kaufmanns zunacbst und fiir jeden am sichtbarsten in 
dem Umfang und der Ergiebigkeit seines Absatzes zu Tage tritt. Auf 
die Absatzgewinnung konzentriert sicb ja aucb der bedeutendste Teil 
der Arbeit des Kaufmanns, und alle iibrigen Stadien und Formen seiner 
Arbeit sind diesem Ziele dienstbar gemacbt. Das Ringen um den Absatz 
muls also als Hauptform der im Handel vorkommenden Konkurrenz 
bezeichnet werden. Mit dieser Hauptform baben wir es bier zu tbun. 

Die Konkurrenz in dem festgestellten engeren Sinne bat zunacbst 
saebliche Grenzen. Sie kann an sicb nur innerbalb desselben Gescbiifts- 
zweiges zur Geltung gelangen. Soweit eine scbarfe Sondcrung der ein- 
zelnen Geschaftszweige bestebt, ist denn aucb diese sacblicbe Begrenzung 
der Konkurrenz tbatsachlich vorhanden. Am meisten ist das im Grofs- 
handel der Fall. Hier findet eine Vermiscbung versebiedenartigcr Ge- 
schaftszweige nur selten statt. Der Kaffeegrolshandler konkurriert zwar 

10* 



148 Ereter Teil. Ber Handel. 

mit anderen Kaffeegrofshandleni, aber nicht mit dem Guano- oder Ge- 
treide- oder Eisen- oder Spiritusgrofshandler u. s. w. Im Kleinhandel tritt 
viel haufiger eine Vennischung der verschiedenen Gescbaftszweige ein. 
Zwar giebt es in den grofsen Stadten scbon viele Specialgescbafte, z. B. f iir 
Kaff ee, f iir Leder, fur Butter und Eier und Kase, fur Samereien u. s. w., und 
bier vollziebt sicb aucb eine sacblicbe Sondenmg der Konkurrenz nacb Ge- 
scbaftszweigen. Aber daneben bestehen selbst in grof seren Stadten und nocb 
raebr in kleineren Orten viele Gescbafte, die sehr verscbiedenartige Waren 
nebeneinander fiihren und desbalb mit den verscbiedensten Specialzweigen 
in Konkurrenz treten. Die meisten Kolonialwarenbandlungen zeigen diese 
Eigentiimlichkeit Sie konkurrieren mit Kaffee- und Butterbandlungen, 
mit Wein- und Cigarrenbandlungen, uiit Seifen- und Parfiimeriegescbaften, 
mit Biirsten- und Pinselbandlungen, mit Wurstwaren- und Delikatefs- 
gescliaften, mit Kerzenbandlungen u. s. w. Diese Uberscbreitung der 
Grenzen giebt der Konkurrenz im Kleinbandel ein ganz anderes Geprage 
als im Grofsbandel. Der Kleinbandler bat seine Stellung nacb viel mebr 
Ricbtungen bin zu verteidigen, weil ibm von alien moglicben Seiten lier 
der Absatz in bestimmten Artikeln streitig gemacbt wird. 

Die Warenbauser vollends, die sicb auf den Vertrieb der verscbieden- 
artigen Artikel werfen, greifen mit ibrer Konkurrenz in die meisten Ge- 
scbaftszweige ein, sind aber aucb ibrerseits einer Konkurrenz der meisten 
Gescbaftszweige ausgesetzt. 

Die Konkurrenz trifft femer auf gewisse ortlicbe Grenzen, die aber 
stets weniger fiir den Grofsbandel als fur den Kleinbandel von Bedeutung 
gewesen sind. Der Grofsbandel bat aucb in den Zeiten geringerer Ver- 
kebrsentwicklung weitere Gebiete in den Kreis seiner Tbatigkeit zieben 
miissen. Durcb die leicbtere IJberwindung der raumlicben Enfemungen 
in der neueren Zeit sind die raumlicben Grenzen fiir die Bethatigung 
des Grofsbandels nocb viel weiter gesteckt worden. Hat aucb in den 
meisten Fallen der Grofsbandel ein gewisses natiirlicbes Absatzgebict, das 
ibm besonders giinstig gelegen ist, so greift er docb fast regelmafsig 
auf viele andere Gebiete iiber. Vielfacb ist beute die Konkurrenz im Grofs- 
bandel voUkommen international. 

Beim Kleinbandel lag und liegt die Sacbe etwas anders. In den 
Zeiten besebrankter Leistungsfabigkeit des Verkebrs vollzog sicb der 
Kleinbandel durcbaus in sebr engen lokalen Grenzen, die nur ausnabms- 
weise iiberscbritten wurden. Aucb beute nocb ist die Hauptmasse des 
Kleinbandels lokal organisiert und im wesentlicben auf den Absatz 
im engeren Bezirk angewiesen. Der Kleinbandler in Aacben konkurriert 
im allgemeinen nicbt mit dem in Berlin oder Mcmel. Das erklart sicb 
aus dem engen Zusammenbang des Kleinbandels mit den Konsumenten, 
denen er im allgemeinen moglicbst nabe bleiben mufs. Aber in der 
friiberen Weise macben sicb docb diese lokalen Grenzen fUr die Kon- 



S. Eapitel. Die Konkurrcnz im Handel. 149 

kurrenz im Kleinhandel nicht mehr geltend. Es ist nicht melir der 
engste Bezirk des Niederlassungsorts , fiir dessen Bediirfiiisse der dort 
ansassige Kleinhandel ausschliefslich herangezogen wird. Regelmafsig 
dient er auch schon der naheren Umgebung, deren Bewohner entvveder 
personlieh zum Wareneinkanf in die Stadt kommen oder durch Briefe, 
Telegramme oder Ferngesprache Bestellungen aufgeben. Die neuen Ver- 
kehrsmittel erleichtern aber auch Warenbestellungen von entfernt wohnenden 
Konsumenten und ennoglichen die billige Versendung nach fremden iind 
auch nach entlegenen Orten; namentlich die Packetpost hat das letztere 
erleichtert. Gut eingefiihrte und als leistungsfahig bekannte Geschafte 
haben deshalb sehr haufig eine gewisse auswartige Kundschaft Neuer- 
dings hat sich das, was zunachst nur gelegentlich vorkam, zu besonderen 
Betriebsfonnen des Handels verdichtet, die mit Nachdruck gerade die 
Beziehungen zu entfemt wohnenden Kaufem pflegen. Das geschieht 
durch Errichtung von Filialgeschaften in anderen Orten, ein Weg, den 
namentlich grofe kapitalkraftige Kleinhandelsbetriebe einschlagen, oder 
durch Entsendung von Detailreisenden, durch Aussendung von Preislisten 
und Bestellfonnularen u. s. w. 

Ja es giebt Geschafte, deren Hauptthatigkeit in dem Absatz nach 
auXserhalb besteht, und die mit ihren Abnehmem nur noch durch Ver- 
mittlung der Post verkehren; das sind die ^Versandgeschafte". 

Die ortlichen Schranken der Konkurrenz im Kleinhandel sind da- 
durch zwar nicht aufgehoben, aber sie sind vielfach schon stark ver- 
wischt und durchbrochen. Es hat sich eine Lockerung der personlichen 
Beziehungen zwischen Kleinhandel und Konsumenten vollzogen, die 
schon erheblichen Umfang erreicht hat und noch weiter wachsen wird. 
Die Lockerung hat innerhalb des ortlichen Verkehrs begonnen, da viel- 
fach Kleinhandler und Konsument schon nicht mehr personlieh, sondera 
durch Boten oder Femsprecher rait einander verkehren, und sie hat 
mehr und raehr auf den Verkehr von Ort zu Ort ubergegriffen. 

Nicht immer kann man darin einen Vorteil erblicken. Mit dieser 
Lockerung der personlichen Beziehungen, mit diesem Verkehr durch die 
Post geht dem Kaufmann die unmittelbare Einwirkung auf den Konsu- 
menten und dem Konsumenten die Moglichkeit einer genauen Besich- 
tigung und einer personlichen Auswahl der Ware verloren. Das kann 
sich unter Umstanden recht unangenehm fiihlbar machen. Fiir den ort- 
lichen Kleinhandel bedeutet es jedenfalls eine Verscharfung der Kon- 
kurrenz. 

Dafs auch von anderer Seite her, namlich durch die Entwicklung 
der Gewerbefreiheit, durch Beseitigung der alten rechtlichen und that- 
sachlichen Gebundenheit des Erwerbslebens die Konkurrenz im allge- 
meinen wesentlich gesteigert ist und sich aus einer durch behordliche 
und zfinftlerische Schranken beengten in eine wirklich freie und alle 



160 Ereter Teil. Der Handel. 

Verbaltnisse durchdringende Konkurrenz verwandelt hat, braucht hier 
nicht naher erlautert zu werden. 

Die Konkurrenz im Handel bewegt sich in verschiedenen Richtimgen. 
Zu allererst richtet sie sich auf die Preise der ArtikeL Durch scheinbar 
oder wirklich billigere Preise sucht im Kleinhandei wie im Grofshandel 
der Kaufmann seine Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen und 
von der Kundschaft ganz oder doch bis zu einer gewissen Grenze ab- 
zudrangen, urn den so freigcwordenen Absatz an sich zu reilsen. Diese 
Konkurrenz im Preise tritt auch fiir den einfachen Konsumenten am 
deutlichsten zu Tage; oft nimmt er uberhaupt nur diese Seite der Sache 
wahr, und auf alle Falle sieht die Mehrzahl der Konsumenten darin 
den Hauptvorteil, den ihnen die Konkurrenz der Kaufleute bringt 

Gleichwohl ist das nur eine — freilich praktisch sehr wichtige — 
Richtung der Konkurrenz. Man kann auch in der Beschaffenheit der 
Waren konkurrieren, d. h. sich bemiihen, durch bessere Beschaffenheit der 
Waren die Konsumenten an sich zu ziehen und an sich zu fesseln. Niemand 
wird leugnen, dafs die Konkurrenz, die den Sieg von der besseren Be- 
schaffenheit der Waren abhangig macht, Wele Vorziige vor der Kon- 
kurrenz im Preise hat, und dafs sie sowohl im Grofshandel als auch im 
Kleinhandei giinstig wirkt Aber gerade in dieser Beziehung unterliegt 
der Kaufmann oft dem Druck, den die Verbaltnisse und die Neigungen 
der Konsumenten ausiiben. Ein sehr grofser Teil der Konsumenten sieht 
nicht in erster Linie auf die Gute, sondem auf den Preis der Waren. 
Dafs man unter sonst gleichen Umstanden am besten kauft, wenn man 
am teuersten kauft, wird nur zu oft vergessen. In ubertriebener und 
oft unverstandiger Weise drangt die Masse der Konsumenten auf mog- 
lichste Billigkeit der Waren und treibt und zwingt dadurch den Kauf- 
mann, billige und billigste Artikel zu fiihren, deren Haltbarkeit und Be- 
schaffenheit dann natiirlich entsprechend geringer ist Gicbt der Kauf- 
mann diesem Drangen nicht nach, so geht ihra nicht selten ein Teil 
seines Absatzes verloren, da es andere Ge«chafte genug giebt, die den 
Nachdruck auf die Heranschaffung besonders billiger Artikel legen. 

Die Konkurrenz kann sich femerhin bethatigen in der Bequemlich- 
keit der Verkaufsbedingungen, wiederum sowohl im Grofs- als auch im 
Kleinhandei. Die Anrechnung oder Nichtanrechnung der Verpackung, 
die Gewahning von Eabatten bei Barzahlung oder bei Zahlung in be- 
stimmter Frist, die Gewahrung von Kredit, die Verteilung der Fracht- 
kosten auf beide Kontrahenten, die Gestattung des Umtauschs, die t^ber- 
nahme des Zolles und Almliches gehort hierher. Der Grofshandel folgt 
in solchen Diugen mehr einer feststehenden Ubung, die bei scharfer 
Konkurrenz freilich nicht selten durchbrochen werden mufs. Im Klein- 
handei ist man auch in diesen Beziehuugen durch die Konkurrenz oft 
zu einem sehr weitgehendem Entgegenkommen gegen die Wiinsche der 



8. Kapitel. Die Konkun-enz im Handel. 151 

Kunden genotigt uad sucht einander den Rang abzulaufen. Im Klein- 
handel hat man auch oft zu gewohnheitsmaTsigen Zugaben je nacb der 
Hohe der Einkaufe, zu regelmafsigen Geschenken an die Abnehmer 
selbst oder an ihre Dienstboten und ahnlichen Mitteln gegriffen, die den 
Anschein besonders giinstiger Bezugsbedingungen envecken sollen, im 
allgeraeinen aber als ein irrefiihrender Auswuchs betrachtet werden 
niiissen. 

Ein anderer Punkt, in welchem die Kaufleute miteinander wetteifern, 
ist die Bequemlichkeit der Aufgabe der Warenbestellung und der Waren- 
zufuhning an die Abnehmer. Auch das spielt im Grofshandel bei scharfer 
Konkurrenz eine Rolle. Noch inehr und noch regelmafsiger suchen die 
Kleinhandler sich in die^en Dingen zu iiberbieten. Dem Konsumenten 
wird oft zu bestimmten Zeiten ein Bote in's Haus gesandt, um die Be- 
stellungen entgegenzunehmen, oder es werden ihm Bestellkarten — mit- 
unter schon mit Freimarken versehen — ubergeben, in denen die am 
haufigsten gebrauchten Artikel vorgedruckt sind, sodafs man nur die 
gewiinschte Menge auszufiillen braucht In manchen Geschaftszweigen 
hat es sich auch eingebiirgert, Bestellkasten auf den Strafsen anzubringen, 
in die der Konsument beim Voriibergehen den Bestellzettel wirft u. s. w. Die 
Konkurrenz hat in solchen Dingen, die der Bequemlichkeit des Konsumenten 
Vorschub leisten, sehr erfinderisch gemacht Die bestellten Waren werden 
dann durch besondere Boten in's Haus geschickt In grolseren Orten 
braucht man oft keinen Schritt vor die Thiire zu setzen und kann doch 
alles, was man n()tig hat, von den Kaufleuten beziehen. Kaufleute, die 
nicht in gleicher Weise vorgehen und nach der friiheren Art dem Kon- 
sumenten zumuten, fur seine Einkiiufe sich selbst in den Laden zu be- 
miihen oder seine Dienstboten zu schicken, verlieren manchen Kunden 
an die Geschafte, die der Bequemlichkeit der Kiiufer mehr entgegen- 
kommen. 

Auch in der aufseren Ausstattung, die den Waren, sowohl einzelnen 
als auch mehreren Stiicken oder den Mustern, beigegeben wird, um sie 
in moglichst vorteilhafter Gestalt den Abnehmern vorzufuhren, also in 
der ^Aufmachung^ besteht ein reger Wetteifer unter den ICaufleuten. 
Solche Aufseriichkeiten sind nicht gleichgiiltig fiir die Absatzgewinnung. 
Die geschickte Aufmachung fesselt den Beschauer der Ware, und wenn 
der Kaufmann es versteht, darin der Geschniacksrichtung der Konsumenten 
gerecht zu werden, so hat er schon dadurch mehr Aussicht auf Absatz, 
alsjandere, denen das Gleiche nicht gelingt. Die einzelnen Abnehmer- 
kreise haben in dieser Beziehung recht verschiedene Wiinsche und Ge- 
wohnheiten, die allerdings einem gewissen Modeweehsel unterworfen 
eind. Auch lafst sich beobachten, dafs die einzelnen Gegenden in ihren 
Anspriichen an die aufsere Ausstattung der Waren von einander abweichcn. 
Dem mufs der Kaufmann sich anzupassen suchen. Das gilt zuiuichst 



152 Ereter Teil. Der Handel. 

fttr den Kleinhandelsverkehr; aber auch im Grofshandel ist es von Be- 
deutung, selbst im intemationalen Verkehr. Fiir die asiatischen, siid- 
amerikanischen und australischen Absatzgebiete spielt sogar die Aiif- 
machung oft eine entscheidende Rolle. 

Hieran reiht sich das Streben, durch auffallige, blendende Ausstattimg 
der Auslagen und Schaufenster, durch Aufsehen erregende Anzeigen, 
geschmackvolle Plakate, schon ausgestattete Kataloge und Preislisten 
u. dergl. die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu erregen und die Waren 
besser bekannt zu machen. AucL in diesen Dingen sucht jetzt einer 
dem Anderen zuvorzukommen. 

Im Kleinhandel zeigt sich weiterhin noch ein sehr grofser, mitunter 
krankhafter Eifer, die iibrigen Kaufleute durch Annehmlichkeit, Grofse, 
Beleuchtung und sonstige Ausstattung der Verkaufsstellen zu iiberbieten. 
An sich liegt dem ein psycholochisch richtiger Gedankc zu Grunde. 
Die meisten Menschen ziehen es vor, in grofsen und schonen I^aden- 
lokalen zu kaufen, anstatt in unfreundlichen und engen Winkeln. Bei 
Nahrungs- und GenuTsmitteln ist das fiir die Auswahi des Lieferanten 
oft von entscheidender Bedeutung, da man Waren aus wenig ansprechen- 
den Geschaftslokalen vielfach mifstrauisch gegenliber steht Aber auch 
auf anderen Gebieten des Kleinhandels haben sich die Anspriiche der 
Konsumenten in dieser Beziehung sehr gesteigert Ein gewisser Luxus 
in der aulseren Erscheinung der Verkaufslokale wird jetzt fast aligemein 
gewiinscht Fiir den Kaufmann ist es nicht immer leicht, diesen An- 
spriichen zu geniigen, und der Wetteifer darin ist so stark, dafs immer 
raffiniertere Arten der Ausstattung der LadenlokaJe um sich greifen. 
Besonders bei Neubauten werden die Laden in der glanzendsten Weise 
ausgestaltet. Die alteren Geschafte, deren Verkaufsraume viel be- 
scheidener sind, werden dadurch leicht vom Absatz abgedrangt, und die 
Unkosten der kaufmannischen Vermittlung werden niclit unerheblich 
gesteigert. Namentiich die Grofsbetriebe des Kleinhandels, die Waren- 
hauser leisten in der aulseren Erscheinung der Verkaufsraume sehr 
viel, und das tragt mit dazu bei, ihnen einen Vorsprung zu sichem. Bei 
den Konsumvereinen dagegen tritt diese Seite der Sache zuriick. Hier 
dienen andere Reizmittd, namentiich die* „Dividenden" dazu, die Mitglieder 
des Vereins zu fesseln. 

Alle diese verschiedenen Richtungen der Konkurrenz der Kaufleute 
dienen demselben Ziel, dem Ziel, Absatz zu gewinnen. Ob und in welchem 
Umfange das Ziel erreicht wird, hangt ab von den Bedingungen und 
Voraussetzungen, unter denen die einzelnen Kaufleute am Konkurrenz- 
kampfe teilnehmen. Der Erfolg im Konkurrenzkampf kann dem Einzelnen 
nur zu teil werden, wenn gewissc personliche und sachliche Voraus- 
setzungen erfiillt sind. Unter den pers(5nlichen Voraussetzungen des Er- 
folges ist in erster Linie zu nennen eine geniigende allgemeine und fach- 



S. Kapitel. Die Konkurrenz im Handel. 153 

liche Ausbildung. Daran fehlt es einem nicht unerheblichen Teil der 
Kleinhandler durchaus/ 

Selbstverstandlich bestehen darin Unterschiede sowohl nach Bezirken 
als auch nach Geschaftszweigen. Man findet manche Platze, in denen 
die uberwiegende Mehrzahl der Kleinhandler eine kaufmannische Aus- 
bildung — in der Kegel rein praktischer Art — genossen hat. Aber 
es giebt auch viele andere, in denen die Fachbildung sehr haufig den 
Kleinhandlern fehlt. Besonders gem suchen Personen ohne kaufmannische 
Ausbildung den Cigarrenhandel auf. In Leipzig z. B. sind nach den 
mehrerwahnten Erhebungen iiber die Lage des Kleinhandels die wenigsten 
Cigarrenhandler kaufmannisch vorgebildet. Auch anderswo ist festzu- 
stellen, dafs der Cigarrenhandel die Zufluchtsstatte aller nioglichen in 
andern Berufen gescheiterten Existenzen ist 

Im Handel mit Kleineisenwaren finden sich nicht wenige 6e- 
schaftsinhaber, die eine ' eigentliche] kaufmannische Vorbildung nicht 
haben. Soweit sie friiher im Eisengewerbe als Ilandwerker thatig waxen, 
bringen sie aber wenigstens gewisse technische Kenntnisse mit, die ihnen 
auch beim Handel zu gute kommen. Im Manufakturwarenhandel zu Gratz 
ist die Halfte und in Wreschen der grofste Teil der Kleinhandler nicht kauf- 
mannisch gebildet Im Kleinhandel zu Konigsee (Schwarzburg-Rudolstadt) 
ist V^ der Kaufleute friiher im Handwerk oder in anderen nicht kauf- 
mannischen Erwerbszweigen thatig gewesen. Auch im Kolonialwaren- 
handel steht es oft recht schlimm um die Fachbildung. Im Kolonial- 
warenhandel zu Bawitsch sind ^/s, zu Ostrowo '^/o, zu'^Liidenscheid iiber ^jr^, 
im Kreise Gifhorn fast ^/s der Geschaftsinhaber ohne kaufmannische Aus- 
bildung. Im Kreise Gifhorn finden sich friihere Schuhmacher, Gastwirte, 
Tischler, Hiittenmeister, Schreiber, Staatsbeamte, Backer, Miiller, Klempner, 
Kiirschner, WoUspinner und Hausknechte als Kolonialwarenhandler.O 

Die allgemeine Bildung der Geschaftsinhaber geht bei einem sehr 
grofsen Teil nicht iiber die gewohnliche Volksbildung hinaus. 

Diese kemeswegs erfreulichen Thatsachen spielen im Konkurrenz- 
kampf des Kleinhandels eine grofse Rolle. Unter sonst gleichen Ver- 
haitnissen ist jedenfalls der mit guter allgemeiner und mit griindlicher 
kaufmannischer Ausbildung Ausgestattete stark im Vorsprung und kann 
die mangelhaft gebildeten Kaufleute bei Seite drangen. Der Kleinhandel 
ist eben nicht geeignet, das Sammelbecken aller der Existenzen zu sein, 
die an anderer Stelle nicht vorwiirtsgekommen sind; denn er ist ein 
Erwerbszweig, der — wie jeder andere — ein bestimmtes Mafs prak- 
tischer und theoretischer Kenntnisse verlangt. Lediglich mit einer 
grofseren oder geringeren Dosis gesunden Menschenverstandes kann man 
noch lange nicht ein tiichtiger Kleinhandler werden. 

1) Diese Einzelheiten werden in den mehrerwahnten Erhebungen uber „Die 
Lage des Kleinhandels in Deutschland"^ berichtet 



154 Ereter Teil. Der Handel. 

Ini Grofshandel liegen die Verhaltnisse in dieser Beziehung wesent- 
lich giinstiger. Die erforderliche Fachbildung ist meistens vorhanden; 
die wiinschenswerte und notwendige allgemeine Bildung fehlf freilich 
manchmal. 

Auch bei gleicher Vorbildung wird der Erfolg der konkurrierenden 
Kaiifleute verschieden sein. Denn noch viele andere personliche Eigen- 
schaften liaben darauf Einfluls. Praktiscbe Erfahrung, Gewandtheit 
Geschicklichkeit, Findigkeit, Ruhrigkeit, Energie, Ausdauer, Reellitat, unter 
Umstanden freilich auch — bei besonders zugespitzten Verhaltnissen — eine 
gcwisse Riicksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit sind wichtige Ililfsmittel. 

Unter den sjichlichen Bedingungen des Erfolges im Konkurrenz- 
kampf nimmt eine besonders wichtige Stelle ein die Ausriistung niit dem 
erforderlichen eigenen Kapital und niit dem zu dessen Erganzung notigen 
Kredit. Die thatsachliche Erfahrung bestatigt das imnier aufs neue. 
Nicht nur ini Grofshandel, auch im Kleinhandel hat der kapitalkraftige 
Betrieb einen grofsen natiirlichen Vorsprung. Durch Fleifs und Energie 
kann es dem weniger gut mit Kapital ausgeriisteten Kaufmann wohl 
gelingen, sich in die Hohe zu arbeiten; aber mit je kapitalkraftigeren 
Elementen er zu konkurrieren hat, desto schwerer wird ihm die Erhaltung 
und Hebung seiner kaufmannischen Existenz. Im Kleinhandel bestehen 
darin oft in derselben Stadt krassc Unterschiede. Betriebe, deren ganzes 
Anlage- und Betriebskapital noch nicht 5000 M. ausmacht, konkurrieren 
mit solchen, die mehrere 100000 M., ja 1 Mill, und mehr Mark in die 
Wagschale werfen. Die Konsumvereine sind ebenfalls oft kapitalkraftiger 
als der einzelne Kleinhjindler, und bei den grofsen Warenhausem vollends 
ballt sich das Kapital zu so riesigen Massen an, dafs oft \iele hundert 
einzelner Kleinhandler zusammen noch nicht die gleiche Kapitalkraft 
reprasentieren. Mancher Mifserfolg im Kaufmannsstande erklart sich 
aus solchen Unterschieden. 

Dazu kommt die verschiedene Schnelligkeit des Umschlages und 
das verschiedene Verhiiltnis der Unkosten zum Umsatz, zwei Punkte, in 
denen der einzelne Kleinhandler ebenfalls den Konsumvereinen und Grofs- 
magazinen oft nachstehen mufs. Auch der notwendige Umfang und die 
Schwicrigkeit des I-agerhaltens, die grofsere oder geringere Muhe bei 
Erwerbung stiindiger Kundschaft, die Konsumgcwohnheiten, die Zahlungs- 
fahigkeit und Zahlungswilligkeit der Abnehmerkreise und dergl. mehr 
sind von Bedeutung. 

Die Bedingungen, unter denen die Konkurrenz im Handel durch- 
gefiihrt wird, sind mithin sehr ungleich, und zwar ist im Kleinhandel 
die Ungleichheit noch seharfer ausgedrttckt, als im Grofshandel. Darin 
liegt zuniichst ein Nachteil fiir die Einzelnen, aber auch ein Nachteil fiir 
die Gesamtheit. Von der Auffassung, dafs die Konkurrenz stets und 
iiberall fiir die Gesamtheit giinstig sei, ist man ja langst abgekommen. Die 



8. Kapitcl. Die Konkun-enz iin Handel. 156 

Konkurrenz hat iiberaJI und jederzeit sowolil gute als auch schlechte 
Wirkungen. Sollen die guten Wirkungen ubervviegen, so miissen die 
konkurrierenden Parteien annahernd mit gleichen Kraften ausgeriistet 
sein und unter annabernd gleichen Bedingungen in den Kanipf eintreten. 
Je weniger das der Fall ist, desto leichter treten die nachteiligeu Wirkungen 
der Konkurrenz, das riicksichtslose Xiedertreten schwacher Existenzen, 
die skrupellosen Eingriffe in die Rechtssphare anderer, die unbedenkliche 
Anwendung unlauterer Mittel in den Vordergrund. Da nach dein Ge- 
sagten im Grofshandel die Bedingungen, unter denen der Konkurrenz- 
kampf aufgenomnien wird, im allgemeinen sowohl in sachlicher als auch 
in personlicher Beziehung mehr gleichartig sind als ini Kleinhandel, so 
ist es ohne weiteres klar, dais die allgemeinen Wirkungen der Konkur- 
renz im Grofshandel anders sind als im Kleinhandel. 

Was man der Konkurrenz als giinstige Wirkung nachriibmen mufs, 
die Verhinderung iibennafsiger Preise, ihre Anpassung an die aUgemeinen 
Marktverhaltnisse, die Ausgleichung der Gewinne, die allmahlicbe Aus- 
merzung wirklich untiichtiger und unbrauchbarer Elemente und eine der 
Gesamtheit zutragliche Auslese der tiichtigeren Kxafte und deren Antrieb 
zu besonderer Anspannung, das hat sich am meisten im Grofshandel 
gezeigt. Die hergebrachten Ijchren von den guten Wirkungen der freien 
Konkurrenz passen nirgends besser als bier. 

Aber selbst im Grofshandel, in welchem im allgemeinen geniigend 
vorgebildete und mit ausreichender Kapitalkraft ausgeriistete Kampfer auf 
den Plan treten, fehlt es doch nicht an Anzeichen, dafs ungiinstige 
Wirkungen moglich sind, namentlieh dann, wenn zu viele sich dem 
betr. Grofshandelszweige zuwenden. In der neuesten Zeit sind genug 
Beispiele dafiir zu finden, dafs der Grofshandel liber seine eigentliche 
Grenze hinausgreift. An sich hat er namentlieh den Verkehr zwischen 
Produzenten und Kleinhandlem zu vermitteln. Aber vielfach hat er sich 
schon direkt an die Konsumenten herangedrangt; durch Detailreisende, 
durch Heranziehung von llausierem, durch Versendung in Postpaeketen 
und dergl. mehr sucht er sich des Konsumenten selbst in nicht wenigen 
Fallen zu bemachtigen. Im allgemeinen ist das kein erfreulicher Vor- 
gang. Der Kleinhandel in irgend einer Form ist fiir die Hauptmasse 
der Konsumenten unentbehrlich und niitzlich. Das Beiseitedrangen dieses 
natiirlichen Vermittlers der Beziige im kleinen kann jedenfalls nicht 
schlechthin als ein wirtschaftlicher Fortschritt bezeichnet werden. Nur 
soweit es sich um Ausstofsung wirklich iiberfliissiger Zwischenhande dreht, 
kann man vom allgemeinen Standpunkt aus einen Vorteil darin erblicken. 

Ein weiteres Symptom dafiir, dafs im Grofshandel teilweisc die Kon- 
kurrenz schon die gesunden Bahnen verlassen hat, darf in der Thatsache 
erblickt werden, dafs Kleinhandlem, namentlieh neu auftretenden, in 
Iibennafsiger Weise von Grofshiindlern Kredit gewahrt wird. 



156 Erster Teil. Der Handel. 

Bei weitem scharfer aJs im Grofsliandel treten die ungiinstigen 
Wirkungen der Konkurrenz im Kleinhandel zu Tage. Selbstverstandlich 
kann auch im Kleinhandel die Konkurrenz nutzlich wirken durch Aus- 
gleichung der Preise und Gewinne, durch Anpassung der Preisbewegung 
an die Marktverhaltnisse des Grofsverkehrs, durch Anregung zur Anspannung 
aller Krafte, durch Beiseiteschiebung ungeeigneter Elemente. Oft genug 
sind auch thatsachlich solche Wirkungen zu verzeichnen; aber sie setzen 
stets voraus dafs der Kleinhandel des betr. Bezirks und Geschaftszweiges in 
der Hand tiichtiger und gut ausgebildeter Krafte mit hinreichenden Mitteln 
liegt, und dafs er nicht uberfiillt ist. Selbst unter solchen Voraussetzungen 
treten indes diejenigen Wirkungen, welche unmittelbar dem Konsumenten 
zu gute kommen, also die Anpassung der Preise an die Bewegungen im 
Grofsverkehr und die Ermsilsigung der Preiszuschlage zu den Selbst- 
kosten, nur langsam und schleppend und unvollkommen ein, wcil nament- 
lich die geringe Geschaftsgewandtheit und Marktkenntnis der Masse der 
Konsumenten und der langsamere Umsatz sich hemmend in den Weg stellen. 

Sehr oft sind aber gerade im Kleinhandel die Verhaltnisse ungesund. 
Das gilt selbst dann, wenn man lediglich die Konkurrenz der selbstandigen 
ansassigen Kleinhandelsfirmen ins Auge fafst Es ist schon darauf hin- 
gewiesen, welche krassen Unterschiede in der Ausrustung mit allgemeinem 
und fachlichem Wissen und mit Kapital gerade im Kleinhandel vielfach 
bestehen. Deshalb sind es sehr ungleiche Elemente, die hier in Wett- 
kampf treten, und ein Konkurrenzkampf unter ungleichen Elementen ist 
von vomherein weniger geeignet, giinstige allgemeine Wirkungen zu 
erzeugen. Auch darauf ist schon hingewiesen, dafs der Kleinhandler 
der Konkurrenz von sehr vielen Seiten her ausgesetzt ist, weil die Grenzen 
zwischen den einzelnen Geschaftszweigen nicht streng in der Praxis 
innegehalten werden. Das macht den Konkurrenzkampf fiir den Einzelnen 
schwieriger als im Grofshandel und fuhrt zu einer sehr lebhaften und 
hitzigen Form des Kampfes. 

Dazu komnit, dafs sich vielfach die Zahl der konkurrierenden Be- 
triebe stark vermehrt hat. Das bedeutet oft eine Verscharfung der Kon- 
kurrenz, wenn man auch, wie schon erwahnt, nicht allgemein eine 
Dberfullung des Kleinhandels behaupten kann. Nach den deutschen 

Statistiken kam im Warenhandel 

18S2 1895 

ein Hauptbetrieb auf 118 Einw. auf 93 Einw. 

ein selbstandiger Erv^erbstliatiger ^) . . „ 120 „ „ 109 „ 

ein Erwerbsthatiger tiberhaupt *) . . . „ 6S „ „ 52 „ 

ein Berufszugehoriger tiberhaupt'^) . . „ 25 „ ,, 22 „ 

eine durchschnittl i eh beschaftigte Person *^) „ ^^ ?? ?» 46 „ 



1) Nach dem Hauptberuf. 

2) Erwerbsthutige nach dem Hauptberuf, Dienende imd Angehorige. 

3) In den Hauptbetrieben. 



8. Kapitel. Die Konkurrenz im Handel. 157 

Auf 100000 Einwoliner kamen 

1892 1895 

Hauptbetriebe des Warenhandels 845 1083 

Selbstluidige Erwerbsth&tige des Warenhandels 1) . . 832 917 

Erwerbsthatige tiberhaupti) „ „ . . 1476 1918 

Berafszngehorige^) „ „ „ . . 3952 4547 

Durchschnittl. beschaftigte Personen des Warenhandels ^) 1719 2198 

Die Zahl der Hauptbetriebe jdes Warenhandels, jihr Personal und 
die gesamte davon zu ernahrende Bevolkerung sind also viel schneller 
gewachsen, als die Einwohnerzahl des Reiches, sodafs der Personen- 
kreis, der einen Kaufmann, sein Personal und seine Angehorigen ernahren 
soil, viel kleiner geworden ist Gleichzeitig ist nun aber auch der Wohl- 
stand und deshalb der Konsum in vielen Dingen gewachsen. Nach dem 
„Statisti8chen Jahrbuch des Deutschen Reichs" betrug z. B. der Verbrauch 
pro Kopf an 

1881/85 
durchischn. 

BaomwoUe 3,43 kg 

Gewiirzen 0»12 ,, 

Gesalzenen Heringen . 3,01 „ 

Rohkaffee 2,44 „ 

Kakao 0,06 „ 

Reis 1,81 „ 

Sttdfrtichten .... 0,03 „ 

Jute 0,06 „ 

Petroleum 8,54 „ 

Zucker 7,80 „ 

Tabak 1,40 „ 

Der Konsum pro Kopf hat sich also in wichtigen Artikeln betracht- 
lich gesteigert und zwar zum Teil noch rascher, als sich die Zahl der 
Warenhandelsbetriebe und der von denselben zu emahrenden Personen 
im ganzen auf 100000 Einwohner gehoben hat. Ob der Konsum, dessen 
Deckung durch den Warenhandel erfolgen rauTs, in seiner Gesamtheit 
sich starker vermehrt hat, als die Zahl der Betriebe und ihrer zugehorigen 
Bevolkerung, lafst sich freilich daraus noch nicht folgern, und ebenso- 
wenig, ob angesichts der Bewegung der Preise der Gesamtumsatz des 
Warenhandels, in Geld ausgedriickt, entsprechend starker gestiegen ist. 
Die Statistik gestattet nicht, dariiber Berechnungen aufzusteUen, die irgend 
eine Beweiskraft hatten. 

Eine gewisse Vermehrung der Betriebe des Warenhandels auch iiber 
das Mafs des Bevolkerungszuwachses hinaus ist jedenfalls moglich, ohne 
dafs deshalb die Erwerbsmoglichkeit fiir die Kaufleute zuriickgegangen 
zu sein braucht 



1891/95 


1998 j 


darchschn. 




4,95 kg 


6.30 kg 


0,15 „ 


0,15 „ 


3,74 „ 


3,82 „ 


2,41 „ 


2,80 „ 


0,16 „ 


0,27 „ 


2,49 „ 


2,51 ,. 


0,05 „ 


0,05 „ 


1,56 „ 


2,44 „ 


14,82 „ 


17,23 „ 


9,90 „ 


11,80 „ 


1,50 „ 


1,80 „ 



1) Nach dem Hauptberuf. 

2) Erwerbsthatige nach dem Hauptberuf, Dienende und Angehorige. 

3) In den Hauptbetrieben. 



158 Ereter Teil. Der Handel. 

Das gilt auch fiir einzelne Bezirke und Geschaftszweige. Im Eisen- 
warenhandcl zu Hannover-Linden z. B. kam ein GescLaft 1860 auf 9474, 
1896 schon aiif 4678 Einwohner, ohne dafs iiber eine Uberfullung ge- 
klagt wild (VergL ^Die Lage des Kleinhandels in Deutschland", hrsgg. 
von der Handelskammer zu Hannover). 

In Konigsee bei Rudolstadt dagegen ist in den letzten 30 Jahren 
die Einwohnerzabl von 2400 auf 3000, also um 25 Proz. gestiegen, da- 
gegen die 2^hl der Kolonial- und Materialwarengeschafte von 4 auf 18, 
der Manufakturvvarenhandlungen von 3 auf 10, der Galanterie- und 
Papierwarenhandlungen von 4 auf 8, der Eisenwarenhandlungen von 2 
auf 8. Dort klagt man iiber Uberfullung, auch bei Beriicksichtigung 
des Umstandes, dais aus der Umgegend noch etwa 4000 Seelen dem Ab- 
nehmerkreis hinzugefiigt werden mussen. An Beispielen dafiir, dafs 
die Zahl der Geschafte sich gegeniiber der Bevolkerung vermindert hat, 
fehlt es anderseits auch nicht. In Ludenscheid z. B. kam 1 Spezerei- 
geschjift 1896 auf 418 Einwohner, dagegen 1885/6 auf 147 Einwohner. 
Der durchschnittliche Abnehmerkreis der einzelnen Geschafte ist sehr 
verschieden. Er betrug z. B. im Eisenwarenhandel zu 

Hannover- linden . . . 4678 Einwohner 

Emden 1400 „ 

KOnigsee und Umgegend 875 „ , 

im Manufakturwarenhandel zu 

Barmen 1911 Einwohner 

K6nigsee und Umgegend 700 ^ 

Emden 476 „ , 

im Kolonialwarenhandel zu 

Posen 1062 Einwohner 

Hameln 572 „ 

Liidenscbeid .... 418 „ 

Kawitsch 393 „ 

Konigsee und Umgegend 390 „ 

Frankenhausen ... 300 „ 

Emden 167 „ 

Kreis Gifhom .... 125 „ 

Diese Unterschiede mogen zuni Teil ausgeglichen werden durch den 
starkeren Bedarf der Bevolkerung; aber sie sind doch so grofs, dafs fiir 
inanche Bezirke die Klagen iiber allzu scharfe Konkurrenz und iiber 
wenig erfreuliche Absatzverhaltnisse berechtigt erscheinen. Im Durch- 
schnitt des Rciches ist der Abnehmerkreis fiir ein Manufakturwarenge- 
schaft rund 900, fiir ein Kolonial warengeschaft rund 350 Einwohner; 
in dieaen Zahlen steckt aber auch der Grofshandel. 

Zum Teil liegt trotz der erheblichen Vermehrung der Betriebe die 
Sache so, dafs der sefshafte selbstandige Kleinhandel ein hinreichendes 
Absatzfeld haben wiirde, wenn er nicht von anders gearteten Warenver- 
triebsanstalten um einen Teil des Absatzes gebracht wiirde. 



8. Kapitel. Die Konkurrcnz im Handel. 159 

Gerade diese „ungleichartige Konkurrenz^ ist ein Gegenstand viel- 
facher Klagen, und der dadurcli dem Kleinhandler entzogene Absatz ist 
an manchen Ort^n so umfangreich, dais der Rest fiir die vorhandenen 
Kleinhandler nicht ausreicht. 

Da sind zuniichst die Hausierer, die mitunter von Fabriken und 
Grofshandlungen herangezogen werden, um sonst unverkaufliche Reste 
anznbringen. Sie drangen sich an den einzelnen Konsunienten heran, 
sie suchen ilin in seinein Ilause auf und sind oft schwer abzuweisen. 
Ihre Konkurrenz niacht sich namentlieh auf dem I^nde bemerkbar, trifft 
hier aber nicht nur die dort ansassigen Kaufleute, sondem auch die in 
der Stadt wohnenden und auf Landkundschaft angoviesenen Handler. 
Zuni Teil hat sich dabei ein Naturaltausch entwickelt. Im posenschen 
Gebiet tauschen die Hausierer oft Eier und Butter gegen Kolonialwaren 
und verkaufen dann die Eier und Butter wieder an Grofshandler. 

In den Stadten sind es die Wanderlager, diese neue Form des 
Wanderhandels , die dem Kaufmann des Orts eine oft schwer zu be- 
siegende, wenn auch nur gelegentlich auftretende Konkurrenz bereiten, 
ahnlich wie auf dem Lande die Hausierer. 

Dazu kommen die Detailreisenden, die in Stadt und Land die ein- 
zelnen Konsumenten aufsuchen und — mitimter unter sehr geschickter Ein- 
fiihrung — zum Absatz bewegen. Sie werden von Fabrikanten und 
Grofshandlem, aber auch von grofseren Kleinhandelsbetrieben ausgesandt 
und haben von dem Ladengeschaft das unmittelbare Herantreten an den 
einzelnen Konsumenten voraus. Eine ahnliche Rolle spielen im Hannover- 
schen die „westfalischen Kommissionare'', die bei den einzelnen Ab- 
nehmem Bestellungen auf Eisenwaren aufnehmen und die betr. Waren 
alsdann in westfalischer Kleineisenbetrieben herstellen lassen. 

Das Eingreifen der Produzenten in die Konkurrenz im Kleinhandel, 
das uns schon bei den Detailreisenden begegnete, erfolgt zum Teil audi 
in Gestalt bestimmter Laden, die von dem Fabrikanten veranlafst und 
mit seiner Hilfe errichtet und erhalten werden, aber formell selbstandig 
sind und die Aufgabe haben, sonst nicht abzusetzende Lagerbestande an 
die einzelnen Konsumenten zu bringen. Diese ^Fabrikladen" schmiickcn 
sich mit der Devise „Verkauf zu Fabrikpreisen" , was aber durchaus 
nicht immer der Wahrheit entspricht 

Die geringe Preislage der hier vertriebenen Waren ist das, was die 
Konsumenten reizt; dafs sie dabei oft Waren erhalten, die nicht mehr 
marktgangig sind, ist ihnen gleichgiiltig oder unbekannt. 

Geringe Preise und minderwertigeBeschaffenheit charakterisieren auch 
den Konkurrenzkampf, der von den „Ramschgeschaften^' ausgeht. Sie 
kaufen Lagerbestiinde, auf deren Absatz nicht mehr gerechnet werden 
kann, fehlerhafte oder beschiidigte Waren u. s. w. in grofseren Mengen 
auf; die scheinbare Billigkeit lockt die Konsumenten an. 



160 Erster Teil. Der Handel. 

Solclie Geschafte haben sich neuerdings an einzelnen Orten stark 
vermehrt. In Memel z. B. gab es 1885: 6, 1890: 10, 1895: 15, 1897: 24 
Raniscbgeschafte, die namentiich den Manufakturwarenhandlem einen 
scharfen Wettbewerb bereiten. 

Dazu kommen weiterhin die Konsumvereine, die — mogen sie nur 
an Mitglieder oder auch an Nichtmitglieder verkaufen — dem bestehenden 
Kleinhandel einen Teil des Absatzes entreifsen. Die Konsumvereine 
arbeiten in der Kegel mit geniigendem Kapital und mit geringeren Un- 
kosten, da gleiche Anspriiche an Ausstattung der Verkaufsraume, an 
Bequeralichkeit der Bestellung undiZufuhrung der Waren u. s. w. wie 
an den Einzelkaufmann nicht gestellt werden, und da der genossenschaft- 
liche Vertrieb aucb mit Lohnen und Gehaltern und sonstigen Ausgabe- 
posten weniger belastet ist Die Konsumvereine haben iiberdies einen 
festen Abnehmerstamm, der namentlicb durch die Dividende festgehalten 
wird, sie haben einen schnelleren Umschlag und sind durch alles das 
oft dem Kleinhandler iiberlegen, auch wenn sie in keiner Weise bei 
Steuern und Abgaben u. dergl. gunstiger behandelt werden. Durch das 
Barzahlungssystem, das die meisten Konsumvereine streng durchftihren, 
sind sie auch gegen Zinsen- und Kapitalverluste geschiitzt, die nach dem 
friiher Entwickelten dem Kleinhandler erwachsen konnen. 

Xichtsdestoweniger giebt es Falle, in denen Konsumvereine sich 
neben dem bestehenden Kleinhandel nicht haben halten konnen. Die 
von der Handelskammer Hannover veroffentlichten Erhebungen iiber ,,Die 
Lage des Kleinhandels in Deutschland" fiihren einen solchen Fall aus 
Ilameln an. Dort wurde 1870 ein Konsumverein gegriindet, der anfangs 
starken Zuspruch hatte, aber wegen der scharfen Konkurrenz seitens der 
Kolonialwarenhandler 1877 aufgelost wurde. 

Die Konsumvereine haben zum Teil die Form kapitalkraftiger Aktien- 
gesellschaften angenommen, und diese haben ebenfalls die Konkurrenz 
sehr verscharft Der bedeutendste dieser Gesellschaften in Deutschland, 
der Gorlitzer Wareneinkaufsverein, hat in Gorlitz den Kleinhandel fast 
ganz an sich gerissen, und den Rest hat der daneben bestehende Gorlitzer 
Konsumverein im wesentlichen in der Hand. Gorlitz ist uberzogen mit 
einem Netz von Verkaufsstellen dieser Institute; der selbstandige Klein- 
handel ist dort im Kolonialwarenhandel fast ganz bei Seite gedriickt 

Die grofseren Konsumvereine greifen mit der Errichtung von Ver- 
kaufsstellen auch auf andere Bezirke iiber. Die Posener Beamtenvereini- 
gung arbeitet auch in den umliegenden Stadten; die Verkaufsstellen des 
Gorlitzer Wareneinkaufsvereins finden sich selbst in entfemt gelegenen 
Orten, und die Konkurrenz des Vereins macht sich iiber grofse Gebiete 
bin fiihlbar. 

Dazu treten noch die Filialen und der direkte Versand anderer 
grofser Firmen, insbesondere auch der Warenhauser. Von solchen Grofs- 



8. Kapitel. Die Konkurrenz im Handel. 161 

betrieben aus hat sich zum Teil ein vollstandi<2^es Netz von Filialen iiber 
weite Gebiete erstreckt. Nicht selten sind die Filialen formell selbstandig, 
geschiiftlich hangen sie aber mit dem Stammgeschaft eng zusanimen. 
Die Warenbauser und sonstigen Grofsgescbafte bereiten aulserdem natiir- 
licb noch an ihrem Haupteitz dem kleinen Kaufmann eine sehr scharfe 
Konkurrenz, wie scbon erwahnt ist. Ubrigens haben die Kolonialwaren- 
handler in Hameln es verstanden — bis jetzt vvenigstens — , audi den 
Filialen auswartiger Gescbafte ein Paroli zu bieten. 

Der Einflufs der Warenbauser und Konsumvereine im ganzen wird 
allerdings bisweilen iiberschatzt. Man ninnut an (nach der Zeitschrift 
^Propagandas, Jabrgang 1898 S. 277), dafs diese Gescbaftsformen zu- 
sammen 300 — 400 Mill. M. Umsatz haben, wabrend man den gesamten 
Detailumsatz in Deutschland auf 20 Milliarden M. schatzt. Aber es darf 
nicht iibersehen werden, dafs die Gesamtziffern des Landes von der 
Scharfe der Konkurrenz dieser Warenvertriebsanstalten nur ein abge- 
schwachtes Bild geben. An den einzelnen Orten, an denen Konsum- 
vereine und Warenbauser besonders entwickelt sind, ist naturgemafs der 
von dieser Seite her erfolgte Einbruch in das bisherige Absatzgebiet der 
selbstandigen Kleinbandler viel wirksamer. 

Die Versandgeschafte weiterhin greifen den Absatz des ortlichen 
Kleinhandels an alien moglichen Orten an. Sie haben den personlichen 
Zusammenbang mit dem Konsumenten ganz aufgegeben; aber die Be- 
(juemlicbkeit, die darin fiir den Konsumenten liegt, lafst diesen oft iiber 
die daniit zusammenhiingenden Nachteile hinweg seben. 

•Die Konsumenten ibrerseits sucben vielfach direkte Beziehungen zu 
den Produzenten und umgeben so die Vermittlung des Kleinhandels. 
Die modernen Verkehrseinrichtungen haben das wesentlich erleichtert, 
und manchem Kaufmann wird die darin liegende Scbmalerung des Ab- 
satzes schon recht fuhll)ar. 

Als gelegentlich wirkende Konkurrenz kommen dazu noch die Messen 
und Markte, die iiberwiegend heute dem Kleinhandelsverkehr zuzurechnen 
sind, sowie Versteigerungen aus bestimmtem Anlafs, wie Geschiiftsaufgabe, 
Todesfall, Konkurs u. s. w. Diese Auktionen werfen mitunter erhebliche 
Mengen auf den Markt. In Leipzig z. B. sind vom 12. Junibis 5. Okt 1896: 
39 Versteigerungen von Cigarren mit ira ganzen 415000 Stlick, 20 Ver- 
steigerungen von Cigarren ohne Angabe der Stiickzahl offentlich angezeigt. 

Uberblickt man diese lange Reihe von Fonnen der „ungleichartigen 
Konkurrenz", so kann man sich nicht wundern, dafs der Kleinbandel 
der hergebrachten Form sich von alien Seiten l)edrangt und in seiner 
Existenz bedroht fiihlt. Die meisten Formen der ungleiehartigen Kon- 
kurrenz sind neuerdings aufgetaucht, und sie nehmen noch rasch zu. Die 
Konkurrenz der Kleinbandler unter sich, die friiher fast ausschliefslicb 
in Betracht kam, ist durch diese neuen Formen nur vereinzelt vermindert 

TAB DSB BoKQHT, Handel. 11 



162 Ereter Teil. Der Handel. 

worden. Meist ist sie schon in sich gewachsen, und durch das Hinzu- 
treten immer weiterer neu aufkommender Geschaftsformen Lat sie sich 
vielfach in ungesunder Weise verschSrft 

Dais dabei nicht gerade giinstige Wirkungen fur die Gesamtheit 
herauskommen, versteht sich von selbst. 

Die Konkurrenz ennafsigt, so ist der allgemein angenommene Satz, 
die Preise. Der Satz trifft nicht fur alle Verhaltnisse ohne weiteres zu. 
Im Kleinhandel aber wird sich die nachste Wirkung scharfer Konkurrenz 
in der That in einem niedrigen Preisstand auTsem. Allerdings wird der 
wirkliche Stand der Preise oft verschleiert Besonders hohe Rabatte, 
Zugaben, Geschenke bei bestimmten Festen, Geschenke bei Einkaufen 
von bestimmter Mindesthohe u. dergl. mehr dienen dazu, den thatsach- 
lichen Preis noch unter den Nominalpreis zu bringen. Unter dem Druck 
der Konkurrenz greifen die Kaufleute oft zu sehr merkwiirdigen Mitteln, 
um das Publikum zu der Uberzeugung zu bringen, dafs es bei ihren 
Preisen thatsachlich am billigsten kauft Loffel und Gabel werden als 
Zugabe versprochen, wenn fiir einen bestimmten Betrag gekauft wird, 
anderswo werden Facher, Stiihle, Sonnenschirme u. s. w. in solchen Fallen 
geschenkt. In Aachener Blattem zeigte kiirzlich ein Kaufmann an, dafs 
bei einem Einkauf von 1 M. an jeder Kaufer ein gebundenes Exemplar 
des Biirgerlichen Gesetzbuches als Zugabe erhalt. Ein grofses Waren- 
haus verspricht den von auswaxts kommenden Kaufem je nach der Hohe 
des Einkaufs die Reisekosten zu vergiiten u. s. w. 

Derartige Dinge verursachen dem Kaufmann natiirlich Kosten, die 
er von dem erzielten Preise absetzen mufs. Dem erwahnten Ver- 
fahren liegt ubrigens eine richtige Erw%ung zu Grunde. Ein grofser 
Teil der gewohnlichen Konsumenten wiirde lange nicht so angelockt 
werden, wenn der zu zahlende Preis um den Betrag des Geschenkes 
oder der Zugabe herabgesetzt und das Geschenk selbst in Wegfall ge- 
bracht wiirde. Die Zugabe iibt auf viele einen grofseren Reiz, umso- 
mehr als man sich nach den pomphaften Anpreisungen vielfach ganz 
iibertriebene Vorstellungen davon macht; viele werden sich auch nicht 
klar dariiber, dafs sie das angebliche ^Geschenk'' thatsachlich mit be- 
zahlen, und dafs sie ohne dasselbe weniger fur die Waren batten zahlen 
miissen. Das mag unklug und unwirtschaftlich sein ; aber es ist in den 
Kreisen der einfachen Konsumenten weit verbreitet. 

So erklarlich auch aus psychologischen Erwagungen heraus das 
besprochene Verfahren sein mag, dafs es vom allgemeinen Standpunkt 
aus wunschenswert ware, kann man nicht behauptcn. Es dient dazu, 
die Kaufer irre zu fiihren; es ermoglicht manche Tauschung leicht- 
gljiubiger Menschen, es verschleiert die wahre Preisgestaltung, und es 
schadigt den Kaufmann, der ehrlich genug ist, solche unkontroUierbaren 
Reizmittcl nicht anzuwenden, sondem den Preis, den er fordem mufs, 



8. Kapitel. Die Eonkurrenz im Handel. 163 

ohne dekoratives Beiwerk anzugeben. Vom allgemeinen Standpunkt aus 
ist das letztere Verfahren entschieden vorzuziehen; alles, was dazu dienen 
kann, der Dnklarheit in wirtschaftlichen Dingen entgegenzuarbeiten, ist 
den Gesamtverhaltnissen forderlich. 

Das Sinken der thatsachlichen Preise in Folge der scharfen Kon- 
kurrenz der Kleinhandler wiirde vielfach noch starker sein, als es ist^ 
wenn nicht das Verhalten der Konsumenten selbst — wie scbon erwahnt 
— eine gewisse Hemniung hervorriefe. Das triigt dazu bei, dafs die 
Konsumenten die durch iibermaTsige Konkurrenz im Kleinhandel ge- 
schaffene Sachlage nicht ganz fiir sich ausnutzen. 

Soweit die Preise durch die Konkurrenz vermindert werden, ohne 
dafs die Beschaffenheit der Waren schlechter wird, liegt darin ein Vor- 
teil fur die Konsumenten, und auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt 
aus ist das, wenn es nicht ins Mafslose geht, wiinschenswert. Wenn 
aber die Preise so gedriickt werden, dafs die Existenz der Kaufleute 
nicht mehr moglich ist, so wiirde darin eine ungiinstige Verschiebung 
erblickt werden miissen. 

Es wird freiiich nicht leicht zu einer solchen allgemeinen Kalamitat 
kommen. Je mehr sich die Preise der Grenze nahem, von der an der 
Kaufmann seine Vermittlerarbeit nicht mehr durchfiihren kann, desto 
zaher wird sein Widerstand, desto grofser die Versuchung, sich auf 
andere Weise, durch Verschleierung des Mafses und Gewichtes der in 
bestimmten Einheitsmengen verkauften Waren u. dergl. mehr schadlos 
zu halten. Man darf wohl annehmen, dafs die Kaufleute sich, wenn 
die Bewegung eine so drohende Wendung nimmt, auf ihre gemeinsamen 
Interessen besinnen werden. Das schliefst] aber nicht aus, dafs bei 
einzelnen Artikeln thatsachlich vom Kaufmann voriibergehend zugesetzt 
wird, um Abnehmer zu gewinnen und zu fesseln. Je ofter dergleichen 
vorkommt, desto mehr mufs man darin ein bedenkliches Symptom fiir 
ungesunde Konkurrenzverhaltnisse erblicken. 

Die Emiafsigung der Preise bedeutet nicht immer, dafs die Gesamt- 
kosten, die fiir die Bedarfsvermittlung von der Bevolkerung anzulegen 
sind, geringer werden. Ist der Kleinhandel iiberfiillt, so vermindert sich 
zwar fiir den einzelnen Kaufmann der Nutzen; aber da sie doch schliefslicli 
alle leben miissen, so lauft, vom Standpunkt des Ganzen aus betrachtet, 
die Sache haufig darauf hinaus, dafs die Gesamtkosten der Volkswirt- 
schaft fiir die Dienste des Kleinhandels dieselben bleiben odor gar nocli 
wachsen, sich aber auf eine viel grofsere Zahl von Vermittlern verteilen. 

Die iibermafsige Konkurrenz im Kleinhandel fiihrt durchaus nicht 
immer zu einer Auslese der Tiichtigeren und Solideren. Oft genug werden 
gerade die das Feld behaupten, deren Gewissen der Versuchung zuni 
Gebrauch unlauterer Mittel [am wenigsten (Widerstand entgegensetzt. 
Die praktischen Erfahrungen beweisen unwiderleglich , dafs iiberhaupt 

11* 



164 Erster Teil. Der Handel. 

der Konkurrenzkanipf der gescluiftlichen Moral gefahrlich werden kann. 
Eingriffe in die Rechte eines Anderen, Anwendung oder Nachalimung seiner 
Firma, seiner Warenzeielien, seiner Verpackungen , Herabsetzung und 
Yerdachtigung Anderer, Verbreitung irrefuhrender Behauptungen iiber 
das eigene Gescbiift und die eigenen Waren, Spekulation auf niedrige 
Sinnliehkeit in der Ausstelliing und Anzeige der Waren und wie 
die Dinge alle beifsen, baben sicb infolge der ubergrofsen Kon- 
kurrenz gewifs nicbt allgemein, aber doeb so oft gezeigt, dais demorali- 
sierende Wirkungen dieses so sehr gepriesenen Rebels der wirtschaft- 
lichen Tbiitigkeit nicbt geleugnet und nicbt mebr ignoriert werden konnen. 

So liegen nicbt etwa in der Konkurrenz an sicb, sondern in der 
libertriebenen Konkurrenz fur die Kaufleute, fiir die Konsumenten und 
fiir die Oesamtbeit emste Gefabren, denen entgegenzuarbeiten man alle 
Ursacbe bat. Da nur das t^bemiafs der Konkurrenz scbadlicb wirkt, 
so kann von einer Unterbindung der Konkurrenz liberbaupt keine Rede 
sein. Mit einem solcben Radikalmittel das ubrigens tbatsiichlicb heut- 
zutage undurcbfiibrbar ist, wiirden zwar die Xacbteile der ubermafsigen 
Konkurrenz, aber aucb die Vorteile einer niafsvollen Konkurrenz be- 
seitigt werden. 

Die Konkurrenz durch staatlicbe Mafsregeln auf das ricbtige Mafs 
zuruckzufiibren, ist wenigstens auf direktem Wege nicbt moglicb. Der 
Staat kann durcb seine Gesetzgebung und durcb das Eingreifen der 
Gericbte und Verwaltungsbebr)rden die Eingriffe in die Recbtsspbiire 
Anderer und wirklicbe Unreellitaten bekanipfen und bintanbalten , die 
Moglicbkeit guter Durcbbildung der Kaufleute erleicbtem und selbst 
eine Reibe von passenden Unterricbtsveranstaltungen in's Leben rufen; 
er kann aucb bei seinen eigenen Beziigen, die ja sebr unifangreicb 
sind, einen gewissen Einflufs auf den Handel gewinnen; aber ini 
ubrigen mufs es der Selbstbilfe iiberlassen werden, sicb gegen tJbermafs 
und Auswiiebse der Konkurrenz zu scbiitzen. 

Das Streben nacb solcber Selbstbilfe bat sicb bei Konsumenten und 
Kaufleuten entwickelt. Die Konsumenten sind der Gefabr, infolge 
ubermiifsiger Konkurrenz scblecbte Waren zu erbalten oder sonst durch 
unredlicbes Vorgeben gescbadigt zu werden, namentlicb durcb Bilduug 
von Konsumvereinen entgegengetreten ; sie verfolgen damit zugleicb den 
weiteren Zweck, sicb dem Borgsystem zu entAvinden und die Gesamt- 
kosten der Bedarfsvcrmittlung zu vermindeni. So sebr man sicb die 
Anwendung dieses Mittels aucb erkbiren kann, und so gerecbtfertigt es 
aucb in mancben Beziebungen sein mag, so ist docb nicbt zu leugnen, 
dafs gerade dadurch die Konkurrenz im Kleinbandel vermebrt wird. 
Denn mit den Konsumvereinen tritt eben zu den scbon vorbandenen 
Bedarfsvermittlem nocb eine neue Gnippe binzu, und nur teilweise baben 
die Konsumvereine die Zabl der scbon vorbandenen Vermittler allmab- 



8. Eapitel. Die Konkuirenz im Handel. 165 

lich vermindern konnen. Soweit das nicht geschieht, verengen die Konsum- 
vereine dadurch, dais sie einen Teil der Konsunienten selbst versorgen, 
das Arbeitsfeld fiir die iibrigen Bedarfsvermittler, sodafs unter diesen 
der Konkuirenz- und Existenzkampf in der Kegel noch heftiger entl)rennt. 

Die Kleinhandler ihrerseits sind darauf angewiesen, zunacbst ilire 
eigene Stellung im Kampfe gegen die Konkurrenz anderer Kleinhiindler, 
also gegen die „gleichartige" Konkuirenz zu stiirken. Sie bediirfen dazu 
vor allem einer besseren Ausriistung mit allgemeinem und facblicbem 
Wissen und miissen auch bei ihren Hilfskraften in dieser Beziebung 
hohere Anforderungen stellen. Hire Bestrebungen werden sich mit denen 
des Staats, die bei der Handelspolitik noch naher zu erortern sind, be- 
gegnen mussen. Der Einzelne muls hier zunacbst fiir sich selbst Hand 
anlegen, aber um die notigen Reformen des kaufmannischen Bildungs- 
wesens herbeizufiihren und die erforderlichen Bildungsanstalten zu schaffen 
oder bei den Triigern der offentlichen Gewalt durchzusetzen , bedarf es 
vielfach eines gemeinsamen Vorgehens der Berufsgenossen. 

Auch das Streben, sich selbst mehr Kredit zu verschaffen und sich 
gegen Auswiichse im Kreditwesen zu schiitzen, das Bemiihen unredliche 
Mittel der Konkuirenz und zu starkes Herabdriicken des Preise abzu- 
wehren, driingt die Kaufleute auf gemeinsames Vorgehen; der Einzelne 
kann hier nur ausnahmsweise etwas erreichen. 

Noch mehr vielleicht gilt das von der Starkung der eigenen Stellung 
gegen die ungleichartige Konkurrenz der Konsumvereine, der Waren- 
hauser u. s. w. Der Staat kann hier wohl durch gleiches Eecht, gleiche 
Behandlung seitens der Behorden, relativ gleiche, d. h. der Leistungsfahig- 
keit angepaf ste Besteuerung u. dergl. die allgemeinen Bedingungen des Kon- 
kurrenzkampfes gleich gestalten. 1st das aber geschehen, so muls es den 
Beteiligten selbst iiberlassen werden, den Kampf auszufechten. Hierbei 
aber ist der einzelne Kaufmann sehr wenig einflufsreich. Erst der 
Zusammenschlufs der gleich Interessierten stiirkt ihre Stellung gegen die 
ungleichartige Konkurrenz so weit, dais der Kampf nicht aussichtslos 
ist Durch Bildung von Einkaufsgemeinschaften , durch Begriindung 
von Vereinen zur Wahrung der Interessen, zur Abwehr der Kredit- 
mifsbrauche u. dergl. lafst sich hier viel erreichen und mehr, als der 
Ruf nach Staatshilfe verspricht. Das Mahnwort „Vereinigt euch und 
organisiert euch!", das lieute an so viele Bevolkerungskreise ergehty 
gilt auch den Vertretem des Kleinhandels, er darf sich von dem allge- 
meinen Streben nach freiwilligem Zusammenschlufs nicht ausschliefsen, 
wenn er sich nicht selbst den Erfolg im Konkurrenzkampf unmoglich 
machen will. 

Ansatze zum Zusammenschlufs sind im Handel schon in erfreu- 
lichem Umfange vorhanden; fiir die Einzelheiten kann ich auf meinen 
Artikel „Unternehmerverbaiide" im Handworterbuch der Staatswiss( n- 



166 Erster Toil. Der Handel. 

schaften (Bd. VI, Jena 1894) verweisen. Aber die Mahnung, auf dieser 
Bahn verniinftiger gemeinsamer Selbsthilfe weiter zu schreiten, kann 
niclit ernst genug wiederholt werden, well die Stromungen im B3em- 
handel neuerdings den Ruf nach Staatshilfe viel zu sehr in den Vorder- 
grund geschoben haben. 

Wirkliche Kiirtelle sind im Kleinhandel so gut wie gar nicht vor- 
handen. Die Voraussetzungen dafiir sind auch bei der grofsen Zahl 
der Beteiligten und bei dem starken Bruchteil nicht genugend vor- 
gebildeter und in engherzigen Anschauungen befangener Elemente nicht 
giinstig. Viel eher kann der Grofshandel sich zur Abwehr der Nachteile 
iibermalsiger Konkurrenz in Kartellen zusammenschliefsen. Das Haupt- 
arbeitsfeld der Kartelle liegt aber nicht beim Kaufmannshandel, sondem 
bei der Industrie und dem daran anschliefsenden Fabrikhandel. Die 
Kartelle sind deshalb auch bei der Darstellung der Produktion in Band 4 
der I. Abteilung dieses Hand- und Lehrbuchs (Lehr-Frankenstein, Pro- 
duktion und Konsumtion in der Volkswirtschaft, Leipzig 1895 S. 164 ff.) 
naher behandelt worden, sodafs hier nicht darauf eingegangen zu 
werden braucht 

Nicht in diesen Zusammenhang gehoren die comers (Einge, Schwanze). 
Sie laufen zwar auch auf eine Beschrankung oder gar auf zeitweilige 
Aufhebung der Konkurrenz hinaus, aber sie dienen nicht der Abwehr der 
Nacliteile ubermafsiger Konkurrenz, sondem sind Vereinigungen zumZweck 
grolser Spekulationsuntemehrnungen und suchen ihr Ziel durch kiinst- 
liche und gewaltsame Unterbrechung der naturlichen Versorgung des 
Marktes zu erreichen. Sie sind nicht, wie die Kartelle, „ Kinder der 
Not'', sondem die Friichte einer mafslosen Spekulationssucht und Ge- 
winngier. 

9. EapiteL Der Betrleb des Warenliandels« 

Der Handelsbetrieb in seinen geschaftlichen Einzelheiten kann hier 
nicht besprochen werden. Nur iiber einige besonders markante Punkte 
mogen Bemerkungen Platz finden. Vorweg ist zu bemerken, dafs der 
Effektenhandel nicht herangezogen wird. Soweit er sich durch Vermitt- 
lung der Borsen voUzieht, wird im nachsten Kapitel das Notige gesagt 
werden. Soweit cr ohne die Borsen durchgefiihrt wird, liegt er wesent- 
lich in der Hand der Banken, die in einem anderen Bande des Hand- 
buchs — auch bezuglich ihrer Geschaftsarten — behandelt werden. Hier 
bleibt also nur der Warenhandel iibrig, an den sich der besonders zu 
hesprechende Buchhandel anreiht. 

§ I. Die Besohaffung der Ware. Die erste Aufgabe, die der Kauf- 
mann zu losen hat, ist die Beschaffung der erforderlichen Warenmengen. 
Der Fabrik- und Handwerkshandel produziert sich die Waren selbst. 
Der Kaufmannshandel ist darauf angewiesen, sie einzukaufen. 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 167 

Diese Aufgabe ist sowohl fur den Grofshandel als auch fiir den 
Heinhandel keineswegs leicht, und ihre Schwierigkeiten werden in 
nichtkaufmannischen Kreisen vielfach unterschatzt Von dem zweck- 
maXsigen Einkaufe hangt oft der Erfolg der geschaftlichen Thiitigkeit 
wesentiich ab. Der Kaufmann, der nicht blindlings vorgehen will, raufs 
zur richtigen Zeit und am riehtigen Ort einkaufen, um in Anbetracht 
der fiir ihn in Betracht kommenden Transportwege und Transportkosten 
und der bis zum Absatz durch die Lagerung entstehenden Zinsen- und 
Warenverluste und Behandlungskosten sowie der sonstigen ihra erwachsen- 
den Einkaufskosten und Generalunkosten zu den fiir ihn giinstigsten 
Preisen einkaufen zu konnen und um rechtzeitig in der dem Bedarf 
voraussichtlich entsprechenden Menge und in der absatzfahigsten Be- 
schaffenheit die Ware zur Verfiigung zu haben. 

Der Zeitpunkt des Einkaufs mufs so gewahlt werden, dafs der 
Kaufmann von einer starkeren Aufwartsbewegung Vorteil ziehen kann, 
nicht aber durch einen spateren Preisfall Verluste auf sich nehmen 
mufs. Das gilt fiir Grofshandel wie fiir Kleinh^ndel, und wenn im 
Kleinhandel ungeschulte Elemente sich das nicht immer klar machen, 
oder wenn Kaufleute ohne geniigenden Kredit aufser stande sind, den 
zweckmafsigsten Zeitpunkt des Einkaufs fiir sich auszunutzen, so be- 
weist das nichts gegen den angefiihrten Grundsatz. Ein sehr grofser 
Teil der Kleinhandler befolgt ihn, und im Grofshandel wird nur aus- 
nahmsweise dagegen verstofsen, Es gehort eine sorgfaltige Beobachtung 
der ganzen Bewegung der in Frage kommenden Produktionszweige, eine 
gute Marktkenntms, eine reiche Erfahrung dazu, den richtigen Zeitpunkt 
des Einkaufs zu treffen. Nicht Jedem und nicht immer gelingt es, und 
Verluste oder Minderang des Gewinns sind dann unausbleiblich. Hier 
zeigt sich deutlich, dafs in der That, wie schon hervorgehoben, im Kauf- 
mannshandel ganz allgemein ein spekulatives Element steckt. Allerdings 
ist es mit verschiedener Scharfe ausgepragt. Die kleinsten, ungeschulten 
und mittellosen Kleinhandler konnen am wenigsten diese spekulative 
Seite des Handels pflegen; sie leben auch bei ihren Einkaufen von der 
Hand in den Mund und sorgen nur fiir die nachsten Bediirfnisse. Je 
hoher der Kaufmann steht, und je mehr ihn gleichzeitig seine Mittel 
und sein Ejredit die Ausnutzung der wechselnden Gestaltung der Markt- 
lage gestatten, desto scharfer tritt das spekulative Element zu Tage. 

Das heutige Verkehrswesen, namentlich der heutige, die raumlichen 
Entfemungen fast ganz unschadlich machende Nachrichtenverkehr hat 
die Gefahren der kaufmannischen Spekulation vermindert, aber das speku- 
lative Element im Handel nicht beseitigen konnen. 

Auch die Wahl des Einkaufsortes ist nicht leicht zu treffen. Man 
mufs dabei nicht nur darauf sehen, dafs man die Ware dort in der ge- 
wiinschten Menge und Beschaffenheit iiberhaupt bekommen kann, sondern 



168 Erster Teil. Der Handel. 

man hat auch zu achten darauf, mit welchem Zeitverlust und mit welchem 
Kostenaufwand und mit welchem Eisiko die Ware von dort ans an die 
Steilen zu transportieren ist, von denen aus sie der Kaufmann weiter ver- 
teilt. Je mehr Waren nebeneinander gefiilirt werden, desto mehr verwickelt 
sich die ganze Sache. Gerade deshalb ist im Grofshandel, der auch in 
dieser Beziehung fast ausnahraslos die Marktverhaltnisse vol! auszunutzen 
beraiiht ist, die Sonderung der Geschafte nach Warenarten noch viel scharfer 
durchgefiihrt, als ira Kleinhandel, dessen kleine und kleinste Vertreter 
sich oft auf den Bezug aus irgend einem nahegelegenen Ort beschranken. 

Der Grofshandel geht mit seinen Einkaufen vielfach direkt an die 
Produktionsstatte. Ist die Produktion in grofsen Betrieben konzentriert, 
so ist es dera Grofshandler durchaus moglich, ohne weitere Zwischen- 
hande mit dera Produzenten in Verbindung zu treten. Ist die Produktion 
dagegen sehr zersplittert, so mufs oft erst durch Zwischenhande eine 
Zusammenziehimg der zerstreuten kleinen Produktionsmcngen stattfinden. 
Namentlich bei Getreide tritt das deutlich zu Tage. In Rufsland z. B. 
sorgen vielfach Dorfwucherer, kleine Kaufleute, kleine Spekidanten da- 
fiir, das von den einzelnen Bauem produzierte Getreide zu sammeln und 
es an den Grofshandler zu verkaufen, oder die Grofshandler senden 
Agenten oder Commis in die Produktionsbezirke und lassen dort die 
kleinen Mengen zusammenkaufen. Neuerdings haben sich private und 
staatlichc Getreidespeicher und Elevatoren gebildet, die als erste Sammel- 
stellen des von den Bauern produzierten Getreides dienen sollen. 

In Deutschland bringt der Bauer sein Getreide auf den niichsten 
Markt, wo es von den Vertretem oder Agenten der Grofshandler oder 
von kleinen Zwischenhandlem zusammengekauft wird, oder — was m. W, 
noch haufiger ist — die in den Dorfem ansassigen kleinen Handler 
oder die auf die Dorfer geschickten Agenten der Grofshandler enverben 
dort die kleinen Produktionsmcngen der einzelnen Bauem. Auch hier 
sucht man durch Getreidelager — meist auf genossenschaftlichem Wege 
unter Benutzung des vom Staat gewahrten Kredits — die Zusammen- 
ziehung der zerstreuten Produktionsmcngen zu erleichtem. 

In den Vereinigten Staaten von Amerika wird die Zusammenziehung der 
zerstreuten Produktionsmcngen ohne Vermittlung kleiner Kaufleute be- 
wirkt. Das Getreide geht in loser Schiittung an einen landlichen 
Speicher — die Farmer selbst haben meist keine eigenen Scheunen — , 
an einen Country Elevator, wie sie sich an fast alien Eisenbahnstationen 
und an den Wasserstrafsen finden, und wird dann von hier aus an 
stadtische Elevatoren gebracht, wobei mancherlei Abstufungen der Vermitt- 
lung bestehen. Das Ganze liegt in der Hand grofser Firraen und ist 
auf das aufserste centralisiert. 

Der Getreideeinkauf bei Grofsgrundbesitzem mit bedeutenden Pro- 
duktionsmcngen vollzieht sich natiirlich leichter als bei den kleinen 



9. Kapitel. Der Betrieb dcs Warenbandels. 169 

Bauem. Hier besteht in Deutschland z. B. meist ein direkter Verkehr 
zwischen Grofsgnindbesitzer und Grolshandler. 

Das Beispiel des Getreides zeigt, wie bei zersplitterter Produktion 
erst umstandliche Veranstaltungen notig sind, ehe iiberhaupt der Grofs- 
handel an die Produkte herankonmit. 

Dem Zweck, die zersplitterten Produktionsmengen zusanimenzuziehen 
und dem Grofshandel bereit zu stellen, dienen audi die grofsen Special- 
markte, die sicli neuerdings entwiekelt haben, und auf denen die Produ- 
zenten enhveder selbst oder durch Vennittlung v on Ilandlem ihre Waren 
zusammen bringen. Solelie Miirkte giebt es z. B. fiir Vieli , f iir Wolle, 
fur Hopfen, fiir Flachs, fiir Saaten, fiir Karden, fiir Fedem u. s. w. 

Der Grofshandel versucht es aber auch vielfach gar nicht erst, direkt 
von Produzenten einzukaufen, sondem er halt sich an andere Grofshandler, 
namentlich an die Exporteure des Produktionslandes oder an die Inipor- 
teure seines eigenen oder benachbarter Lander. Darin kann eine wesent- 
iiche Arbeitserspamis fur den Grotshandler liegen und weiterhin auch 
eine Erieichterung der Auswahl. Fiir manche Artikel hat auf diese 
Weise der Grofshandel bestimmter Ilafenpliitze eine allgemeine Bedeutung 
gewonnen. London z. B. war friiher der Mittelpunkt des ganzen Ge- 
treidehandels der Welt. Es ist noch ininier in dieser Beziehung sehr 
bedeutsam, neben ihni haben aber auch Liverpool und Antwerpen eine 
grotse Wichtigkeit fiir den intemationalen Getreidehandel erlangt. Ein 
bedeutender Teil der Einkaufe des festlandischen Getreidehandels wird 
in diesen Platzen bewirkt Fiir Edelmetalle ist London noch immer der 
Centralmarkt Bei Kaffee ist der Grofshandel in Amsterdam und Rotter- 
dam fiir niederlandisch-indische, in New York, London, Havre, Ant- 
werpen und Hamburg fiir brasilianische, centralamerikanische und afri- 
kanische Ware der Hauptvermittler. Auch fiir andere Artikel spielen 
die grofsen Hafenplatze in England, Frankreich, Belgien, Holland und 
Deutschland eine hervorragende Rolle. Die Grofshandler dieser Platze 
kaufen entw^eder direkt in den Produktionslandem bei Exporteuren oder 
Produzenten, oder sie nehmen die Waren auf, die von den Produktions- 
landem ohne Bestellung nach diesen Platzen gesandt sind. Von den 
grofsen Importfimien beziehen dann wieder viele binnenlandische Grofs- 
handler ihren Bedarf, um die auf sie angewiesenen Kleinhandler zu ver- 
sorgen. Zum Teil kauft der Grofshiindler auch auf den grofsen offent- 
lichen Versteigerungen ein, die in den Ilafenplatzcn fiir gewisse Artikel 
iiblich sind, z. B. in London fiir Kolonialwolle, in Amsterdam, Rotter- 
dam und London fiir Kaffee u. s. w. 

Die Aufgabe des Grofshiindlers ist mit der Ausfindigmachung des geeig- 
netsten Einkaufsplatzes und der besten Einkaufszeit noch nicht erschopft. 
Es kommt auch auf die sonstigen Einkaufsbedingungen an. Je nach den 
Dmstanden mufs der Grofshandler z. B. bei iiberseeischen Beziigen feststellen. 



170 Ereter Teil. Der Handel 

ob er auf Abladung „fob" (free on board) oder „cif" (coast, insurance, 
freight) nach einem vereinbarten Platze kauft Das erstere wird er thun, 
wenn er (Jelegenheit zu gnnstiger Schiffsverladung hat, wobei er dann 
die Fracht der Weiterbefordening zu tragen hat. Daa letztere, das 
haufiger vorkoramt, bedeutet, dais der Verkaufer aufser den Kosten der 
Verladung auch die VersicherunggegengrofseHavarie und die Fracht bis zu 
dera vereinbarten Hafen zu tragen hat; dabei wird bei ganzen Schiffs- 
ladungen die Ware erst nach einem Orderhafen gefiihrt, in welchem der 
Schiffsfiihrer dann den endgiiltigen Bestimmungshafen erfahrt, wahrend 
bei Teiliadungen in der Eegel der endgiiltige Bestimmungshafen von 
vomherein festgestellt wird, z. B. cif London, cif Hamburg u. s. w. 

Im Festlandsverkehr mufs der Grofshandler sich klar werden, ob 
er „frei ab Lager" kaufen mufs, d. h. die Kosten des ganzen Trans- 
ports vom Lager ab tragen will, oder ob er „frei ins Schiff", „frei zur 
Bahn"^ u. s. w. kaufen soil, wobei dann der Verkaufer die Kosten der 
UberfUhrung vom I..ager in das zur Weiterbeforderang zu benutzende 
Fahrzeug zu iibernehmen hat, oder ob der Verkaufer alie Kosten uber- 
nehmen soil, die durch den Transport der Ware bis zu dem vereinbarten 
Bestimmimgsort entstehen (z. B. „frei BerUn", „frei Breslau" u. s. w.). 

Dazu kommt die Priifung der Frage, ob die eingekaufte Ware sofort 
oder zu einem spateren Termin zu liefern ist, ob der Abzug des Gewichts 
der Verpackung („Tara'') vom Bruttogewicht den Interessen des Einkauf en- 
den entspricht , ob die Zahlungsbedingungen ihm giinstig sind u. s. w. 

An den Einkauf der Waren, den die Laien so oft fur eine einfache 
Operation halten, kniipfen sich also fiir den Grofshandler eine Unzahl 
von zum Teil selir komplizierten Erwagungen, und es ist durchaus nicht 
leicht, das Zvveckmatsigste dabei herauszufinden ; eine grofse geistige 
Arbeit mufs hier geleistet werden. 

Will der Kleinliandler nicht unwirtschaftlich vorgehen, so hat er 
beim Einkauf seiner Waren eine ahnliche Arbeit zu leisten. Allerdings 
hat ihm der Grofshandel gewisse Arbeiten abgenommen; aber der Klein- 
handel ist bei weitem nicht so specialisiert wie der Grofshandel und 
mufs deshalb oft auf eine grofse Zahl von Artikeln sein Augenmerk 
richten. Die modemen Warenhauser vollends haben die Mannigfaltigkeit 
ihrer Artikel auf das iiufserste gesteigert und deshalb die Arbeit ihres 
Einkaufs selir verwickelt und schwierig gestaltet. Der einzelne Klein- 
handler trifft iiberhaupt auf einen sehr mannigfaltigen und in grofsen 
Stadten sehr umfangreichen Bedarf, dem er gevvachsen sein mufs; die 
Statistik grofser Stiidte, soweit sie sich iiberhaupt mit diesen Dingen be- 
fafst, zeigt das deutlich. 

Der Kleinliandler kann einkaufen beim Produzenten oder beim Grofs- 
handler. Beide Wege werden benutzt. Uberseeische Er/eugnisse kauft 
er fast ausschliefslich vom Grofshandler, aber es sind nicht immer die 



9. Kapitel. Der Betricb des Warenhandels. 171 

groben Importfirmen, an die er sich wendet, sondern oft genug nahe 
gelegene Grof shandelsf irmen , die selbst erst von den Iraporteuren ein- 
^kauft haben. Ganz kleine Geschafte kaufen audi bei den grofseren 
Kleinhandlungen ihres Orts ein. Festlandische Erzeugnisse, namentlich 
des Inlands, kauft der Kieinhandler heute niebr als sonst bei den Pro- 
dnzenten ein, insbesondere Erzeugnisse der Fabrikindustrie, deren direkter 
Bezug durch das heutige Verkehrswesen erleichtert ist Mostrich, Seife, 
Cigarren, Essig, Graupen, Nudeln und Maccaroni und ahnliche Fabrikate 
nimmt auch in kleinen Orten oft der Kolonialvvarenliandler von deni 
Fabrikanten. Im Eisenwarenhandel findet sich der Bezug direkt voui 
Fabrikanten wohi fur den grofseren Teil der Waren, soweit nicht durch 
besondere Abmachungen zwischen Produzenten und Grofshandlern fiir 
bestimmte Waren der direkte Bezug voni Fabrikanten unmoglich gemaclit 
ist. Auch im Manufakturwarenhandel und anderen Geschaftszweigen vvird 
ein Teil der Waren direkt von dem Fabrikanten bezogen. 

Der Kleinhandel hat also thatsachlich zum Teil den Grofshandel bei 
dem Einkauf bei Seite gedrangt Fiir alle seine Einkaufe ist das freilich 
nicht moglich; bei Erzeugnissen, die in weit entlegenen Gebieten gewonnen 
werden und iiber See heranzubringen sind, ist der Kleinhandel im wesent- 
lichen auf den Einkauf bei Grofshandlern angewiesen. Aber im einzelnen 
zeigt der Kleinhandel dabei ein sehr verschiedenes Vorgehen. Die grofsen 
und gut geleiteten Kleinhandelsbetriebe iiberspringen alle abgeschwachten 
Grade des Grofshandels und gehen direkt an die bedeutendsten Grofs- 
handels- oder Fabrikantenfirmen. Das erfordert eine intensive Durch- 
dringung der gesamten Marktverhaltnisse. Welche Arbeit damit verbunden 
ist, mag das folgende Beispiel zeigen, das ich in meiner Schrift uber den 
^Einflufs des Zwischenhandels auf die Preise" (Leipzig 1888) angefiihrt 
habe. Eine grofse, kapitalkraftige und vortrefflich geleitete Kleinhandels- 
firma fiir Kolonialwaren wandte sich 1886 u. a. 

nach Holland und SUddeutscbland fiir nach Mainz, dem Elsafs und Marseille 



Apfelkraat, 



fiir Grie^mebl, 



Ungam und Italien fiir Bohnen, 1 ,, Heilbronn und Dormagen fUi- 

Amsterdam und Rotterdam fiir ' Hafergriitze, 

Javakaffee, „ der Eifel fiir Ilonig, 

Havre, Hamburg und Antwerpen : ,, Mainz und Saebsen fiir Linsen, 

ftlr Campinaskaffee, „ Eschweiler fiir Weizenmehl, 

London fiir Kanehl, ' ,, KOln und der Sebweiz ftlr kon- 

London, Hamburg und Antwerpen densierte Milch, 

fnr Korinthen, ' „ Amsterdam fiir Muskatniisse, 

Neuwied fiir Eichelkaffee, „ PYankfurt a.M. fiirGemiisenudeln, 



der Provinz Sachsen fiir Erbsen, 
Holland, Sachsen und Siiddeutsch- 
land fiir Gerste, 



Sachsen (Provinz) fiir Paraffm- 

kerzen, 

London u. Amsterdam fiir Pfeffer, 



Braunschweig, Vlotho, Koln, I „ Pest, Augsburg und Mainz fiir 
Hamm und Minden fiir Farin, , Pflaumen, 



172 Erster Teil. Dcr Handel. 

nach Bayreuth fiir Putzkalk, ' nach IJppe-Detinold und Loewen ftir 

„ Antwerpen und Holland fiir AiTa- j Reisstilrke, 

canreis, ' „ Mtihlhausen fttr Suppenfiguren 

„ Smyrna, Antwerpen und Holland I und Vermicelli, 

fiir liosinen, j „ London und Hamburg fiir Thee, 



MarseUle fiir Mohnol, 

Mainz und Neustadt fiir deutsclien 

Sago, 

Stolberg und Koln fiir Olseife, 



Stettin ftir Wiclise, 
Koln, Duisburg und Magdeburg 
fiir Raffinade, 
u. s. w. 



Diese lange Liste, die doch nur einen kieinen Teil der von grofsen 
Kolonialwarengesehaften zu fuhrenden Waren aufweist, lafst erkennen, wie 
viele Fiiden in einem solchen Geschaft zusanimenlaufen, und iiber wie weite 
Bezirke bin das Geschaft Beziehungen unterhalten raufs. Bei jedein 
einzelnen Artikel mufs der Kleinhandler, der kaufmannisch handeln will, 
die beste und seinen Zwecken dienlichste Einkaufsgelegenheit und Ein- 
kaufszeit zu finden suehen, die zweckmafsigsten Zahlungs- und Lieferungs- 
und Transportbedingungen, die richtige Taraberechung, die vorteiihafteste 
Abmachung iiber Anreehnung der Verpackuug, liber Ersatz der Gewiehts- 
verluste bis zum Verkauf („Gutgewicht''), iiber Verglitung fiir schadhaft 
Oder unbrauchbar gewordene Teile der Waren und fiir Unreinlichkeiten 
derselben („Refaktie", ^Bonifikation^', bei fliissigen Waren „Decalo"), iiber 
Abziige fiir Ausiaufen oder Schwund der Fliissigkeiten beini Transport 
oder Lagem (^Leckage'^, ^Abfiillung*', ^Auffiillung"), iiber Abziige ftir 
das, was in den Kisten oder Fassem beim Entleeren hiingen bleibt 
(Besenschon) u. dergl. mehr. Der Kaufmann nmfs eben iiberall auch 
kleine Vorteile mit in Rechnung stellen, urn im ganzen gut abzuschliefsen. 
Zum Teil stehen ja Abziige der genannten Art gewohnheitsmafsig fest, 
zuni Teil miissen sie aber ini einzelnen Fall erst vertragsnuifsig ver- 
einbart werden. 

Ein Teil der Kleinhandelsfinnen niacht es sich allerdings bequenier. 
Seine Beziehungen reichen iiber die niichsten Grofsstadte nicht hinaus. 
Nacli den envahnten Erhebungen iiber „Die Lage des Kleinhandeis in 
Deutschland" kaufen z. B. die Kolonialwarenhandler ini Kreise Gifhorn 
nieist bei Grofshandlem in Hannover und Braunschweig ein, die Kolonial- 
warenhandler in llameln wenden sich nach Hannover und Bremen, die 
in Rawitscli nieist nach Breslau u. s. w. Noch andere betreiben den 
Einkauf in der Weise, dafs sie den Besuch der Agenten und Reisenden 
von Fabrikanten und Grofshandlern abwarten und diesen Bestellungen 
machen. Die Agenten gehen dabei tcilwcise — z. B. in und bei Posen 
— so vor, dafs sie Bestellungen von verschiedenen Firmen auf die ver- 
schiedensten Waren sammeln und dann in Wagenladungen die Waren 
nach deni betr. Ort schaffen. 

Das bedeutet eine Zusammenziehung der zersplitterten Einkauf smengen 
der kleineren Urmen. Der Vorteil dieser Zusammenlegung kommt aber 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 173 

nicht dem Kieinhandler, sonderu deni Agenten oder Lieferanten zu gute 
und besteht in der Frachtkostenersparnis. Der geringe Bedarf kleiner Ge- 
schafte an den einzelnen Waren ist aber audi fur die betr. Kleinhiindler 
selbst nachteilig. Sie konnen in der Kegel dabei nicht so gunstige Ein- 
kaufsbedingungen erzielen, wie kapitalkraftige Einzelbetriebe, Konsum- 
vereine und Warenhauser, und sind dadurch gegeniiber ihrer kraftigeren 
Konkurrenz von vomherein ira Nacbteil. Der Nachteil lafst sich ver- 
mindern, wenn die kleinen Firmen sich zum gemeinsamen Einkaut zu- 
Bamnienschliefsen ; sie konnen sich selbst dadurch die Verbilligung der 
Fracht verschaffen, die sie bei dem vorhin erwahnten Verfahren den 
Agenten oder Lieferanten iiberlassen, und sie konnen den Abstand zwischen 
ihren Einkaufspreisen und denen ihrer kapitalkraftigen Konkurrenz zu 
ihrem eigenen Vorteil vermindem. Der Nutzen eines solchen Vorgehens 
liegt so klar zu Tage, dais man es nur bedauem mufs, dafs noch so wenig 
davon Gebrauch gemacht wird. Die Erhebungen iiber die „Lage des 
Kleinhandels in Deutschland" fiihren nur vereinzelte Falle eines gemein- 
schaftlichen Einkaufs der Kleinhiindler an. Die Kolonialwarenhilndler 
in Frankfurt a. 0. kaufen gemeinschaftlich bei Importeuren und Fabri- 
kanten ein; die in Sprottau beziehen Zucker, Reis, Salz, Petroleum und 
Heringe gemeinsam, die in Sagan nur Viehsalz und Soda, die in Tosen 
Seife, Wichse, Citronen, Petroleum u. s. w. Im Manufakturwarenhandel 
zu Barmen gehoren einige Firmen einer Gruppe zu gemeinschaftlichem 
Einkauf an u. s. w. In der Mehrzahl der in diesen Erhebungen er- 
wahnten Falle gehen aber die Kleinhiindler getrennt vor. Die grofsen 
Firmen konnen das aushalten, die kleineren und kleinsten machen sich 
selbst dadurch die Konkurrenz auf die Dauer unmoglich. Gewifs ist es 
nicht immer leicht, die im Konkurrenzkampf gegen einander stehenden 
Kleinhiindler zu vereinigen. Gewohnheiten, Anschauungen und Interessen 
gehen bei ihnen oft auseinander. Der Mangel an Kapital erschwert aueh 
haufig ein gemeinsames Vorgehen, wenn nicht durch besondere Kredit- 
organisationen der Mangel ausgeglichen w^ird. Aber was in Frankfurt a. 0. 
— unter dem Druck einer scharfen Konsumvereinskonkurrenz — moglich 
war und nach dem Zeugnis der dortigen Ilandelskammer den Klein- 
handlem die „Erlangung billigster Preise" und die „Ausnutzung billigster 
Transportgelegenheit^ verschafft hat, das sollte auch anderswo moglich sein. 
Kleinhandel wie Grofshandel sLnd bei der Auswahl ihrer Einkaufs- 
gelegenheiteu nicht immer frei. Grofse Fabriken lehnen oft alien direkten 
Verkehr mit kleinen Kaufleuten ab und verweisen auf ihre Vertreter in 
den einzelnen Bezirken. Kartelle der Produzenten und unter Umstiinden 
auch der Grofshandler entziehen dem Abnehmer die freie Auswahl seiner 
Lieferanten u. dergl. mehr. Gerade in solchen Fallen wird es aber ein 
gemeinschaftlicher Einkauf ebenfalls erleichtern, wichtige Vorteile in den 
Bezugsbedingungen durchzusetzen. — 



174 Ereter Teil. Der Handel. 

Dem Einkauf der Waren schliefst sich an die Heranschaffung der 
gekauften Waren an den Punkt, von dem aus der Kaufmann die Ware 
verteilen will. Dieser Punkt ist fiir den Kleinhandler gegeben. Er muXs 
die Ware nach dem Ort haben, an welchem sich sein Verkaufslokal be- 
findet, oder doch wenigstens in die Nahe dieses Ortes, sodals die Wieder- 
erganzung der Vorrate, die in der Verkaufsstelle selbst nStig sind, leicht 
bewirkt werden kann. Der Grofsbandel laTst zum Teil die gekauften 
Waren in seine eigenen Lager bringen, falls er solche iiberhaupt hat; 
aber er hat bei den heutigen Verkehrsmitteln nicht mehr notig, dafs das 
Lager in seiner nachsten Nahe liegt, weil er selbst bei grofserer Entfemung 
noch leicht liber die Ware und ihre Bewegung verfiigen kann. Da es 
sich fiir ihn um Bewegung grofserer Mengen beim Bezuge wie beim 
Absatz handelt, so sucht er unnotige Transporte, Riicktransporte nach 
einem schon einmal von der Ware beriihrten Punkte u. s. w. in der Kegel 
zu vermeiden. Sehr oft geniigt es seinen Zwecken, wenn die Ware am 
Hafenplatz eingelagert wird (in Lagerhauser, zoUfreie Niederlagen u. s. w.), 
sofem von hier aus der Versand nach den von ihm zu versorgenden 
Bedarfspunkten ohne zu grofsen Kosten- und Zeitaufwand bewirkt werden 
kann. In noch anderen Fallen lafst er die Waren iiberhaupt nicht ein- 
lagem, sondem dirigiert sie, noch wahrend sie sich auf dem Transport 
befinden, durch schriftliche oder telegraphische Order und mit Hilfe der 
Ladescheine und Konnossemente nach den Bedarfspunkten an seine 
Abnehmer. 

Nicht immer liegt dem einkaufendem Grofs- oder Kleinhandler selbst 
die FUrsorge fiir den Transport ob. Wie schon erwahnt, konnen die 
Abmachungen so getroffen werden, dafs der Lieferant die Kosten und 
die Fiirsorge fiir den Transport bis zu dem Verteilungsplatz des Kauf- 
manns zu iibemehmen hat Wird die Abmachung so getroffen, dafs der 
einkauf ende Handler selbst fiir die Heranschaffung der Ware zu sorgen 
hat, so bedient er sich haufig dazu eines Spediteurs, weil dieser als 
Specialist die vorteilhaftesten Beforderungsgelegenheiten leichter ausfindig 
macben kann. Die Entwicklung des besonderen Berufs der Spediteure 
ist eine wiehtige und im ganzen durchaus vorteilhafte Aufserung der 
Arbeitsteilung. Friiher hatte der Kaufmann viel mehr selbst mit dem 
Transport zu tliun und rait hohcm Kosten- und Zeitaufwand fiir die 
Warenbewegung zu rechnen. Die geringe Wegsamkeit der zu durch- 
ziehenden Strecken, die Unsicberheit zu Lande zu Wasser zwang damals 
oft zu gemeinsamem Transport in grofsen Warenziigen, in Karawanen, 
in Schiffskarawanen (Admiralschaften), Vorkelirungen, die in kultivierten 
Landem entbehrlicli geworden sind. 

Da heute im Verkehr civilisierter lilnder die Aufschlage auf den 
Einkautspreis viel geringer sind, als friiher, so sucht der Kaufmann in 
jedem Falle den Transportaufwand moglichst zu beschranken. Fiir ihn 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenbandels. 176 

sind das — vom privatwirtschaftliclieu Standpunkt aus betrachet — tote 
Kosten. Oft ist der Drang naeh billigem Transport so grols, dais die 
langsamere und unpunktlichere Beforderung auf Wasserwegen dem Eisen- 
bahntransport vorgezogen werden mufs. 

Die Ausfindigmachung des vorteilhaftesten Weges fur die Heran- 
schaffung der Waren — mag nun der Lieferant den Transport iiber- 
nehmen oder der Kaufmann ihn einem Spediteur iibertragen oder selbst 
leiten — ist fiir jeden vorsicbtig handeinden Kaufmann von grotser Be- 
deutung und Gegenstand besonderer Sorge und Arbeit. Sovveit der Kauf- 
mann das Risiko dieses Transportes selbst zu tragen hat, greift er in 
der Kegel zur Transportversicherung und hat deshalb die weitere Auf- 
gabe, die passendste Versicherungsgelegenheit zu suchen. 

Auch die Bezahlung des Einkaufspreises vollzieht sich nicht, ohne 
dafs der p^aufmann sich iiber den vorteilhaftesten Weg klar werden 
muXs. Er mufs sich berechnen, ob er sich besser steht, mit einem be- 
stimmten Ziel zu bezahlen oder sofort den Kaufpreis unter Beanspruchung 
eines Rabattes (^Sconto'^) zu erlegen. Das lauft auf ein Rechenexempel 
hinaus. Je niedriger der Scontosatz bei sofortiger oder kurzfristiger Be- 
zahlung ist, desto weniger Anlats hat der Kaufmann, auf die iibliche 
Kreditfrist zu verzichten. 

Handelt es sich um Bezahlung des Kaufi)reises auslandischer Waren, 
so mufs der Kaufmann priifen, ob er billiger wegkommt, wenn er bares 
Greld wegsendet, oder wenn er mit Wechseln bezahlt Die genaue Unter- 
richtung Tiber Bewegung und Stand der Wechselkurse ist also fiir ihn 
unentbehrlich. 

Sind die Waren an dem vom einkaufenden Handler bezeichneten 
Bestimmungsort angekommen, so mufs er sich vergewissern , dafs die 
Ware den getroffenen Abmachungen entspricht, um eventuell die notigen 
Reklamationen nach Mafsgabe der gesctzlichen Vorschriften einleiten 
zu konnen. Lagert er die Ware in einer zollfreien Niederlage oder in 
einem Lagerhause ein, so mufs er die fiir ihn zweckmafsigste Art 
und Stelle der Lagerung ermitteln. Bringt er die Ware auf sein eigenes 
Lager, so mufs er fiir deren Schutz gegen Tierfrafs, gegen Schwund, 
gegen Verderben, gegen Diebstahl u. s. w. sorgen, die Ware rich tig be- 
handeln lassen, auf geniigende Absonderung explodierbarer und feuer- 
gefahrlicher Warenarten bedacht sein, notigenfalls die mechanische Ver- 
kleinerung der Wareneinheiten, gewisse technische Arbeitsleistungen und 
Ahnliches vorbereiten. Fiir den Grofshandel beschrankt sich die Aufgabe 
in dieser Beziehung vielfach auf das Aussuchen der besten und vorteil- 
haftesten Lagergelegenheit, da die Lagerung und Aufbewahrung der 
Waren schon zu einem besonderen Geschaftszweig geworden ist, dem 
sich bestimmte Geschaftsleute und Gesellschaften berufsmiifsig widmen. 
Auch diese Aufserung der Arbeitsteilung gehort der neuesten Entvvieklung 



176 Ereter Teil. Der Handel. 

an. Die Gewerbestatistik in Deutschland wies 1895 im ganzen 281 ^Auf- 
l)ewahrungsanstalten^' niit 4208 durchschnittlich beschaftigten Personen 
nach, daninter 18 Grofsbetriebe (mit je iiber 50 besehaftigten Personen), 
die 2562 durcbschnittlich beschaftigte Personen batten. 1882 gab es nur 
171 Aiifl)ewabrungsanstalten mit 3565 durchsebnittlieh beschaftigten Per- 
sonen, daninter 13 Grofsbetriebe mit 2215 Personen. 1896 gab es in 
Deutscbland 23 I^gerliausgesellscbaften auf Aktien mit 26,07 Mill. M. ein- 
gezahltem Aktienkapital , 9,01 Mill. M. Obligationen und ahnlicben An- 
leihen und 1,15 Mill. M. Reservetonds. 

Der sefsbafte Kleinhandcl kann das eigene Lagerbalten im Verhaltnis 
viel vveniger entbehren als der Grofshandel. Der Hausierliandel dagegen 
bat ein festes Lager oft iiberbaupt nicht, sondern fiihrt seine Waren- 
vorriitc mit sieb berum. 

§ 2. Die Absatzgewinnimg. AUe die bisber besprocbenen Vorgiinge 
dienen dazu, den Kaiifmann in den Besitz derjenigen Waren zu setzen, 
welche er an die Abnelimer vertreiben will. Eine weitere Gruppe seiner 
Arbeiten ist desbalb der Absatzgewinnung gewidmet. Sein Augenmerk 
mufs sieli zuniicbst ricliten auf die Annaherung an die Abnehmer, auf 
die er reebnen mufs, wenn seine Ware nielit unverkauft liegen bleiben 
soil. Der Handel scbliigt hierbei sehr verscbiedene Wege ein. 

Die typiscbe Form des Kleinbandels, der sefsbafte I^denhandel, be- 
gniigt sicb im wesentlichen damit, in seinem Verkaufslokal die Kiiufer 
abzuwarten. Zwar sucbt man dem Konsumenten durcb Zusendung von 
Roten, von Bestellkarten u, s, w. die Herstdlung einer Verbindung mit dem 
Gescbaft zu erleicbtern und sie ibm durcb diese und andere Mittel nahe 
zu iegen; aber der IIauj)tvveg zur Anniibenmg an die Konsumenten ist 
in dieser Gruppe des Kleinbandels doeb noeb immer das Warten auf die 
Kiiufer und auf die dadureb entstebenden melir oder minder stiindigen 
Ik^ziehungen zu den Konsumenten. 

Das entgegengesetzte Verfabren besteht in dem Aufsuehen von Waren- 
l)estellungen und Absatzgelegenbeiten. Hier kommt nicht der Kiiufer zum 
\'erkiiufer, sondern der Verkiiufer tritt an den Kaufer heran. Das Auf- 
suclien von Bestellungen und Absatzgelegenheit kann in personlicher und 
unpersimlicber Weise gescbeben. In persimlicber Weise sucbt der Ilau- 
sierer unmittelbar bei dem Konsumenten Absatz zu finden, und gerade 
dieses enge Heranrucken an den Konsumenten selbst scbafft dem Klein- 
bandel der Ilausierer oft einen Vorsprung vor dem I^denbandel und 
sicbert selbst in solcben Gegenden einen Absatz, in denen der Laden- 
handel an sicb binreichend vertreten ist, um den Bedarf der Konsumenten 
zu decken. Selbst in den Stiidten, in denen der Ladenbandel fur die 
Heranscbaffung aller Bedarfsgegenstiinde gesorgt bat, findet der hausier- 
miifsige Handel nocli Al)nebmer. In abgelegenen Gegenden mit zerstreut 
wobnender Bevolkerung ist er auch in civilisierten liindern nocb nicht 



9. Eapitel. Der Betrieb des Warcnhandcls. 177 

zu entbehren. Die Beziehun^en zwischen Konsument und Hausierer sind 
in soichen Gegenden zwar nicht standig, aber sie benihen auf perio- 
discher Wiederkehr, sodafs sich ein gevvisses Bekanntsehaftsverhaltnis 
ausbildet. In den Stadten entwickelt sich etwas Ahnliehes bei dem 
hausiermaTsigen Handel^ der mit Eiem, Butter, Milch, Gemiise, auch wohl 
GeflUgel von den Bauern der nachsten Umgegend ausgeiibt wird. Denn 
hier entsteht haufig ein periodisches Herantreten an den Konsumenten. 
Bei vielen anderen Hausierem dagegen, die aus grolserer Entferaung 
gelegentlich in die Stadt koramen, handelt es sich oft nur um einmalige 
Benihrung. 

Ein personliches Aufsuchen von Warenbestelhmgen bei den Kon- 
sumenten wird vom Kleinhandel auch durch Aussendung von Detail- 
reisenden betrieben. Dieser Betrieb hat seinem Wesen nach viel Venvandt- 
schaft mit dem Hausierhandel ; aber das personiiche Auftreten der Detail- 
reisenden bewegt sich in besseren Formen, und der Detailreisende nimmt 
nicht die Warenvorrate selbst, sondem nur Proben und Muster mit und 
liefert das Verkaufte nicht sofort an den Konsumenten aus, sondem nimmt 
nur die Bestellung entgegen, die dann von seiner Firma durch Uber- 
senden der Waxen ausgefiihrt v^ird. 

Auch der Grofshandel, sowohl der Kaufmanns- als auch der Fabrik- 
handel, pflegt das personiiche Aufsuchen von Warenbestellungen. Er 
wendet sich an die Abnehmer — in der Kegel also Kaufleute — durch 
Reisende und Agenten, von denen die ersteren zu den Angestellten des 
Geschafts gehoren. Auch diese Agenten und Reisenden fiihren nicht die 
Warenvorrate mit sich, sondern nur l^roben und Muster. Von der Tuchtig- 
keit, der Gewandtheit des Auftretens und der Geschicklichkeit der Bei- 
senden und Agenten hangt oft viel ab. Fur manche Geschafte ist es eine 
I^bensfrage, die bewahrten und in bestimmten Bezirken gut eingefuhrten 
Vertreter zu behalten. Die Aufsuchung von Warenbestellungen auf diesem 
Wege erfolgt fast ausnahmslos in periodischer Wiederkehr. 

Das unpersonliche Aufsuchen von Warenbestellungen wird durch 
Offerten, durch Probe- und Mustersendungen mit der Aufforderung zur 
Bestellung u. dergl. mehr ausgeiibt Der Kleinhandel beteiligt sich daran 
im allgemeinen nicht in besonderem Mafse; nur die Versandgeschafte, 
die uberhaupt die personiiche Beriihrung mit den Konsumenten im wesent- 
lichen aufgegeben haben, und die grofsen Warenhauser und grofse Einzel- 
betriebe des Kleinhandels, die mit dem Absatz in ihrem engeren Bezirk 
nicht auskommen, machen von diesen Mitteln mehr Gebrauch. Im 
Grofshandel spielt dagegen das unpersonliche Aufsuchen von Waren- 
bestellungen eine grofse RoUe. Die Voraussetzung dafur ist, dafs dem 
GeschSft eine hinreichende Zahl von Adressen geeigneter Abnehmer zur 
Verfiigung steht, und zwar braucht der Grofshandel die Adressen von 
Kaufleuten und Produzenten, der Kleinhandel, soweit er sich der Aus- 

TAK DKB BoROHT, Handel. 12 



178 Ereter Teil. Der Handel. 

sendung von Offerten bedient, die Adressen von Konsunienten. Da es 
nicht immer leicht ist, die geeigneten Adressen zu finden, so haben sicli 
besondere Geschafte entwickelt, die durch Herausgabe kanfmiinnischer 
Adrefsbiieher, durch Hersteilung von Adrcssenkatalogen, durch Zu- 
sammensteilung bestimmter Gruppen von Adressen u. s. w. dem Kauf- 
mann die Vorarbeiten fiir die Aussendung der Offerten abnehmen und die 
das Adressenmaterial fortlaufend erganzen und berichtigen. Die Existenz 
und das Aufbliihen solcher Adressenbiireaus , in denen abermals eine 
Aufserung der Arbeitsteilung ira Handel zu erbhcken ist, beweist, in 
welchera Umfange von dem unpersonlichen Aufsuchen von Waren- 
bestellungen Gebrauch gemacht wird. Ubrigens werden dabei, nanient- 
lich von Kleinhandelsfirmen, vielfach Fehier gemacht; vieie Offerten gehen 
an Personen, die nach ihren personiichen Verhaltnissen oder nach den 
Zustanden ihres Wohnortes iiberhaupt nicht in die Lage kommen, von 
den Offerten Gebrauch zu machen. Durch schablonenhaftes Vorgehen 
werden so oft genug unnotige Ausgaben hervorgerufen. 

Das unpersonhche Aufsuchen von Warenbestellungen direkt bei den 
Konsumenten hat mancherlei Mifsstande gezeitigt. Es wird mitunter in 
lastiger und zudringlicher Weise bewirkt. Manche Firmen begniigen sich 
nicht mit der Zusendung von Offerten und Mustem, sondem senden 
grofsere oder kleinere Warenvorrate unaufgefordert an den Konsumenten 
und versuchen dann den Kaufpreis einzuziehen, wenn der Konsument 
die Sendung nicht in bestimmter Frist zuriickgeschickt hat Dies Ver- 
fahren ^iauft darauf hinaus, den Mangel an geschiiftlicher Gewandtheit 
und an Kenntnis der rechtlichen Vorschriften, wie er sich bei vielen 
Konsumenten findet, durch eine Art Uberrumpelung auszunutzen. 

Zwischen dem Abwarten der Kaufer in der Verkaufsstelle und dem 
personiichen Aufsuchen von Absatzgelegenheiten unmittelbar bei den Ab- 
nehmem steht das Verfahren, dais der Verkiiufer mit seinen Waren in 
die wichtigeren Absatzgebiete riickt und nun dort abwartet, bis die 
Kaufer kommen. Dies Heranriicken an die Absatzgebiete kommt im 
Grofshandel wie im Kleinhandel vor. Im Kleinhandel erscheint es zu- 
nachst in der Form der Filialgeschafte, die in bestimmten Bezirken er- 
richtet werden, um den dortigen Konsumenten naher zu sein. Das 
Verfahren unterscheidet sich im iibrigen nicht von dem Betrieb des 
Ladenhandcls und lauft wie dieser auf Gewinnung standiger Beziehungen 
zu den Konsumenten hinaus. Daneben giebt es aber auch Formen des 
Heranriickens an das Absatzgebiet, welchenur voriibergehende Beziehungen 
zu den Konsumenten bezwecken. 

Ilierher gehoren zunaclist die Wanderlager. Sie werfen voriiber- 
gehend in bestimmte Orte grofsere Warenmengen und suchen sie dort 
von einem festen Verkaufslokal aus abzusetzen, wobei sie auf das per- 
sonliche Herantreten der Konsumenten vvarten mussen. 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 179 

Wahrend die Wanderlager ein Ergebnis der neuesten Entwicklunc: 
von zweifelhaftem Wert sind, begegnet uns in dem Markthandel eine 
sehr alte Form des Heranriickens an die Absatzgebiete. Fur den Klein- 
handel, um den es sich an dieser Stelle dreht, kommen die Woehen- 
markte und die Jahmiarkte in Betracbt Die Wochenmarkte dienen 
namentlich der Versorgung der Stadte mit I^bensmitteln, die aus der 
Umgegend herangebracht werden entweder durch die Bauern selbst oder 
— was heute vielfach iiberwiegt — durch Kleinhandler, die in der Stadt 
ansassig sind und die Produkte der Umgegend heranziehen. Die friiher 
mafsgebende Bedeutung fur die Lebensmittel versorgung haben die Wochen- 
markte nicht mehr. Aber sie erhalten sich, weil die Zusammenziehung 
gleichartigcr taglicher Bedarfsartikel an bestimmten Stellen bei der Aus- 
wahl der Waren und bei der KontroUe der Preisforderungen dem Kon- 
sumenten Vorteile bietet In Grofsstadten ist dieser Wochenmarktverkehr 
vielfach in Markthallen verlegt Dnrch orfliche Trennung der einzelnen 
Warengruppen wird im Markt- wie im Markthallenverkehr die Ubersicht 
Uber Vorrate und Preise der betr. Gruppe erleichtert. Ein grofser Teil 
der Konsumenten besucht den Wochenmarkt bezw. die Markthalle nur 
gelegentlich und halt sich fiir den laufenden Bedarf an die nahegelegenen 
Ladengeschafte, in denen in der Kegel die betr. Waren ebensogut und 
zn den gleichen oder nur wenig hoheren Preisen und mit viel geringerem 
Zeitverlust gekauft werden konnen. 

Viel scharfer tritt der voriibergehende Charakter der Beziehungen 
zwischen Konsumenten und Kleinhandlern bei den Jahrmarkten und 
Krammarkten hervor, die in langeren Zwischenraumen in den Stiidten 
abgehalten und meist von entfernter ansassigen Kleinhandlern oder Klein- 
produzenten beschickt werden. Diese benutzen die Jahrmjirkte, um 
gelegentlich in entfemte Absatzgebiete eindringen zu konnen und so den 
Konsumenten des Marktplatzes und seiner nachsten Umgebung niiher zu 
riicken. Es ist schon erwiihnt, welche grofse Bedeutung solchen Markten 
in den Zeiten unentwickelten Verkehrs zukam. Der iilteste Handelsver- 
kehr rait den Konsumenten vollzog sich in der Form des Hausier- und 
Wanderhandels, ohne dafs der Verkehr auf bestimmte Orte und Zeiten 
zusammengezogen wurde. Das allmahlich einsetzende engere Zusammen- 
drangen der Bevolkerung in geschlossene Ortschaften, in Stadte, der 
periodisch bei bestimmten kirchlichen wie weltlichen Anlassen wieder- 
kehrende starke Zusammenflufs von Menschen in den Stadten veranlalste 
auch die Handler, sich in diesen bei den entsprechenden Gelegenheiten 
zusammenzufinden. 

In Stadten, die gute Landegelegenheit boten, oder an wichtigeu 
Flufsubergangen oder Kreuzungspunkten der Ilandelsstrarsen konnte sich 
am ehesten ein solcher Verkehr entwickeln, sofern die niitige Kechts- 
sicherheit gewahrleistet war. Gerade dieser letztere Gesichtspunkt spriclit 

12* 



180 Erater Teil. Der Handel. 

fiir die xinsicht, dais die Markte sich weniger selbst bildeten, als durcli 
das Eingreifen der Obrigkeit ins Leben genifen wurden, weil damit der 
erforderliche rechtliche Schutz gesichert war. Nach Rietschel's sehr 
beacbtensvverter Abhandlung „Markt und Stadt in ibrem rechtlichen 
Verhaltnis" (Leipzig 1897, S. 40) ist in den meisten Stadten des rechts- 
rbeiniscben Deutschlands der Markt gegrlindet worden durch Verleihung 
entsprechender Privilegien an Bischofe, Kloster und weltliche Grofse seitens 
des Konigs oder durch den Konig selbst, der ein besonderes Marktregal 
in Anspnicb nabm und es — wie iiblich — uberwiegend in fiskaliseheni 
Interesse ausnutzte. 

In den civilisierten Landern sind die Vorteile des Jahrmarktsverkehrs 
ebenso geschwunden, wie die Anlasse, die sonst solche Markte notig 
machten. Der Ladenhandel, der ja jiinger ist als der Hausierhandel und 
als der Markthandel, hat die regelmalsige Bedarfsversorgung der Be- 
volkerung iibernommen. Wir brauchen die Jahrmarkte nicht mehr dazu, 
und sie niitzen uns auch nichts mehr. An ihrer Verminderung wird von 
alien Seiten gearbeitet Gleichwohl findet sich noch in vielen Orten der 
Jahnnarktsverkehr. Die stiidtische Bevolkerung sieht in den Markten 
weniger eine Gelegenheit, Einkaufe zu machen, als Vergniigungen zu 
genielsen ; die landliche Bevolkerung, die ja in ihren Gewohnheiten viel 
standiger ist, erscheint aber noch immer als Kaufer. Eine grolsere Be- 
deutung haben fiir die Bedarfsversorgung der Konsumenten nur noch die 
Specialraarkte, soweit sie dem Kleinhandel dienen. Diese haben sich 
auch neuerdings vermehrt Man wird es darauf zuriickfiihren milssen, 
dais die Statistik im gauzen eine Zunahme der Markte nachweist. In 
Preulscn gab es 

1875: 12098 Markte an 2675 Orten, 

1891: 12 701 „ „ 2663 „ 

Der Grolshandel hat das System, an die Absatzgebiete heranzuriicken, 
ebenfalls in friiheren Zeiten sehr stark befolgt und hat es auch beibe- 
halten, wenn auch in anderen Formen. Im Mittelalter und bis in die 
Neuzeit hinein waren die grolsen Messen die periodischen Brennpunkte 
des Grofshandelsverkehrs. Sie spielten im Grolsverkehr eine ahnliche 
Rolle, wie die Markte im Kleinhandelsverkehr und bedeuten ihrem Wesen 
nach ebenfalls eine zeitweilige Konzentration von Kaufleuten und Waren, 
um naher an die Absatzgebiete heranzukommen. Seit dem 13. Jahr- 
hundert waren die durch grolse Privilegien geschiitzten Messen die 
wichtigsten Veranstaltungen im Grolshandel des Binnenlandes. Die 
Grolshandler und Kleinhandler fanden sich hier zusammeu, um ihre 
Einkaufe zu machen, oder um an andere Kaufleute ihre Waren abzu- 
setzen, und an diesen Warenverkehr schlols sich Geld- und Wechsel- 
verkehr mehr und mehr an. Die internationale Bedeutung der Messen 
verschob sich im Laufe der Zeit Im 12. und 13. Jahrhundert waren 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 181 

es die Messen der Champagne, die als die bedeutendsten Stiitzpunkte 
des kontinentalen Grofshandelsverkehrs anzusehen waren. Noch alter 
als sie sind die Messen von Paris und St Lyon. Seit dem 14. Jahr- 
hundert riicken im Norden Briigge und Antwerpen, im Suden Lyon und 
Genf in den Vordergrund. Seit dem 16. Jahrhundert kommt im Zu- 
saramenhang mit der VerscUiebung des Zuges der orientalischen Waren 
Frankfurt a. Main und fiir den Verkehr nach den ostlichen Gebieten 
Frankfurt a. 0. und Leipzig in die Hohe. Diese und andere Messen, 
deren es noch eine grofse Zahl gab, dureb das Stapelrecht zum Teil 
zu besonderer Bedeutung gelangt, liaben im engsten Zusammenhange 
mit der Aufhebung der lokalen Abgrenzung der wirtschaftlichen Be- 
ziehungen, also mit der zunehmenden Leistungsfahigkeit des die Gebiete 
enger an einander riickenden Verkehrsvvesens immer mehr an Wichtig- 
keit verloren. Im aJlgemeinen bedarf der Grofshandel soldier perio- 
dischen Zusammenziebung grolser Warenmengen und vieler Personen 
in der friiheren Form nicht mehr, und aus den alten Centralpunkten des 
Grofsverkehrs haben sich vielfaeh Jahrmarkte entwickelt, die eine be- 
sondere Bedeutung nicht mehr haben. Oft sind auch an die Stelle der 
Messen die Borsen getreten. An anderen Stellen hat sich der Grofs- 
handel in den Specialmarkten besondere Veranstaltungen zum gelegent- 
lichen Heranriicken an die Absatzgebiete geschaffen. Auch die periodischen 
Auktionen in den Importhafen, die dem Grofshandel in Lebensmitteln 
dienenden Auktionen in den Centralmarkthallen in Paris und ahnliche 
Einrichtungen helfen jetzt die Aufgabe der friiheren Messen durchfiihren. 

Nur in gewissen Artikeln hat der Metsverkehr noch heute eine lie- 
deutung fiir den Grofshandel. So kniipft in Leipzig der Export in Spiel- 
waren noch zum grofsen Teil an die Messen an; auch der Grofsverkehr 
in Pelzen stiitzt sich nocli auf die dortigen Messen. Anscheinend liegt 
der Grund dafiir darin, dafs derartige Waren ohne personliche Musterung 
und ohne personliche Vergleichung der verschiedenen angebotenen Sorten 
schwer in der richtigen Beschaffenheit und Preislage eingekauft werden 
konnen. 

In Gebieten mit geringerer Verkehrsentwicklung haben freilich die 
Messen auch heute noch eine ahnliche Aufgabe zu erfiillen, wie sie ihnen im 
Mittelalter allgemein zugefallen war. In den weiten Gebieten des russischen 
Reiches ist sowohl in Europa als auch in Asien noch vielfaeh der Mefs- 
verkehr von grofster Bedeutung. Aber je mehr die Eisenbahnen in diese 
Gebiete hineingefiihrt werden, je dichter das Bahnnetz wird, je leichter das 
Hindemis der raumlichen Entfemung iiberwunden werden kann, desto 
mehr wird das Arbeitsfeld der Messen auch in diesen Gebieten eingeengt* 

Dem Bestreben des Grof shandels , seine Waren naher an die Ab- 
satzpunkte heranzuriicken, entspringt auch der Konsignationshandel im 
Verkehr iiber See. 



182 Ereter Teil. Der Handel. 

Der Produzent oder Grofshandler sendet noch unverkaufte Waren- 
mengen auf eigenes Risiko an einen im iiberseeischen Hafen ansassigen 
.Kaufmann, der nun als Kommissionar die Ware so gut als moglich zu 
verkaufen sucht So wird z. B. oft Getreide und BaumwoUe von Amerika 
nach London, so werden deutsche Tuche nach New York konsigniert 
u. s. w. Der Vorteil liegt darin, dafs man mit den Waren dem Absatz- 
gebiet nSher ist und sich bei der Absatzgewinnung auf einen mit den 
Verhaltnissen vertrauten Kaufmann stiitzen kann. Aber das Risiko ist 
nicht gering, und Verluste treten nicht selten ein. 

Auch im Binnenlandsverkehr bedient sich der Grofshandel oft der 
Jvommissionslager, um den Absatzgebieten naher zu sein, oder er bestellt 
in wichtigen Orten standige Vertreter, die mit den notigen Mustersamm- 
lungen ausgeriistet sind. 

§ 3. Die Bekanntmaohung der Waren nnd Firmen. Die verschiedenen 
Wege des Heranriiekens an die Abnehmer bediirfen oft noch einer Unter- 
stiitzung durch eine Reihe von Veranstaltungen, die eine m5glichst vor- 
teilhafte, den Kaufer anregende und anlockende Art der Bekanntmaohung 
der Waren und Firma bezwecken. Man pflegt aile diese Veranstaltungen 
unter dem Namen „Reklame" zusammenzufassen ; unter dieser Bezeich- 
nung werden allerdings recht verschiedene Dinge vereinigt, die nur durch 
den gleichen Zweck zusammengehalten werden. 

Das Bediirfnis, sich fiir die Absatzgewinnung der Reklame zu be- 
dienen, ist bei den verschiedenen Betriebsformen des Handels sehr un- 
gleich entwickelt. Der Konsuraverein, der sich auf Verkauf an seine 
Mitglieder beschrankt, bedarf einer besonderen Reklame nicht; geht er 
aber iiber den Kreis seiner Mitglieder hinaus, wird er iiberhaupt als Er- 
werbsuntemehmen betrieben, das sich auf weitere Konsumentenkreise 
stiitzen mufs, so bedarf auch er mancher Reklameveranstaltungen. 

Der Hausierer und Detailreisende, der unmittelbar an den einzelnen 
Konsumenten herantritt, braucht keine besondere Reklame zu machen, 
da ihm Vorlegung der Waren oder Muster, Gelegenheit zu personlicher 
Uberredung, Eindruck des ganzen Auftretens u. dergl. zu Hilfe kommen. 

Der Markthandler hat schon erheblich mehr Reklame notig, bedient 
sich freilich mil Riicksicht auf die Auffassung der Masse der Konsu- 
menten meist ziemlich plumper Mittel und stiitzt sich vor allem auf die 
persoiiliche Uberredung, zu der er vielfache Gelegenheit findet 

Das Wanderlager, dem standige Beziehungen zu den Konsumenten 
fehlen, und das in moglichst kurzer Zeit raoglichst viel Ware absetzen 
will, ist auf eine sehr lebhafte und umfangreiche Reklame angewiesen, 
die oft skrupellos vorgeht. 

Der sefshafte Kleinhiindler kann der Reklame nicht entraten und 
wird sie umsomehr anwenden, je scharfer der von ihm zu bestehende 
Konkurrenzkampf ist. Bisweilen sind freilich Kleinhandler so eng mit 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 183 

ihrer Kundschaft verwachsen, dafs sie auch ohne besondere Reklame 
zurechtkommen konnen. 

Rechnet der Kleinhandler auf Absatz in anderen Bezirken, so steigert 
das sein Reklaraebediirfais. Versandgeschafte voUends, die iiberhaupt 
auf die persSnliche Beriihrung mit den Konsumenten verzichten, k5nnen 
ohne grofse Reklame nicht vorwarts kommen. Auch die Warenhauser 
sind, da sie auch auf die entfernter wohnenden Konsumenten rechnen 
miissen und einer scharfen Konkurrenz begegnen, zur ausgiebigen Ver- 
wertung der Reklame genotigt. 

Der Grofshandel ist ebenfalls auf die Reklame angewiesen, aber da 
er zura grofsen Teil mit geschaftsgewandten Abnehmern zu thun hat, 
die mehr durch sachliche Vorteile als durch auffallige Reklamemittel zu 
gewinnen sind, so bewegt sich seine Reklame vielfach in ruhigeren 
Formen, halt sich von Auswiichsen und Mifsbrauchen fern und kann 
unter Umstanden auch in engeren Grenzen bleiben. 

Die Mittel der Reklame sind nicht gleichartig. Personliche Auf- 
fassung, Geschick und Geschmacksrichtung des Kaufmanns und Riick- 
sichten auf die Art der Hauptkundschaft bedingen hier wichtige Ab- 
weichungen. Beginnen wir mit dem Kleinhandel, dessen Verhaltnisse 
vielfach noch mehr auf jReklame hindrangen als die des Grofshandels, so 
finden wir zuniichst das Streben, die Existenz des Geschaftes und meist 
auch seine Hauptwarengattung in milglichst auffalliger Weise durch 
Purmenschilder, Aufschrift^n u. dergl. zur Kenntnis der Konsumenten zu 
bringen und ihnen in den Schaufenstern und Auslagen die wichtigsten 
Waren in moglichst Aufsehen erregendem Aufbau vorzustellen. Sehr 
haufig werden auch die Preise in erkennbarer Form angegeben, sodafs 
der Konsument sich schon von aufsen genau unterrichten kann. Fiir 
Brot ist das letztere auf Grund der Gewerbeordnung in manchen Orten 
polizeilich vorgeschrieben. Fiir sehr viel Konsumenten ist es angenehmer, 
die Preise von aufsen lesen zu konnen; sie fragen nicht gem erst im 
Laden, und in der Annahme, dafs der geforderte Preis zu hoch sein 
werde, unterlassen sie es oft, iiberhaupt den Laden zu betreten, der bei 
den ausgestellten Waren die Preise nicht kenntlich gemacht hat Manche 
Geschafte mieten auch an Stellen, an denen viel Menschen vorbeikommen, 
besondere Schaukasten, um die Aufmerksamkeit zu erregen. 

Was bei dem einzelnen Kleinhandler sich auf ein oder wenige 
Fenster beschrankt, das wachst sich bei den Warenhausem zu grofsen 
Flachen aus, hinter denen die Waren in reichster Auswahl ausgestellt 
sind. Das Warenhaus Au bon March6 in Paris, das ein gauzes Stadt- 
viertel bedeckt, ist rings herum mit Schaufenstern versehen, in denen 
die Haupt-Warengruppen vertreten sind. Die Firma Rud. Hertzog in 
Berlin hat ebenfalls eine ganze Reihe von Schaufenstern neben einander. 
Das neue Gebaude fiir das Wertheinrsche Warenhaus in Berlin (Leip- 



184 Ereter Teil. Der Handel. 

ziger Strafse) stellt sich in Folge der umfassenden Verwendung des Glases 
dem Beschauer von aufsen fast wie ein einziges riesiges Schaufenster 
dar. Ein solches Gebaude wirkt an sich schon wie eine fortgesetzte 
Reklarae und erregt die Aufmerksamkeit und Kauflust der Konsumenten 
in hohem Malse. Darin Ahnliches zu leisten, ist der iiberwiegenden 
Mehrzahl der selbstandigen Kieinhandler unmoglich. 

Im Innern der IJ,den bietet ein Teil der Kieinhandler, der uber 
grofse Raume verfugt, oft eine kleine Specialausstellung. Neuere Tapisserie- 
und Stickereigeschafte, Teppichhandlungen u. s. w. leisten in den grofsen 
Stadten darin viel, in Anbetracht der teuren Mieten vielleicht zu viel. 
In vielen anderen Kleinhandlungen verbietet die Enge des Kaumes oder 
die Art der Waren ein ahnliches Vorgehen. Wo aber im Innem die 
Waren zur Schau gestellt werden, da empfiehlt es sich wiedenim, eine 
moglichste Offentlichkeit des Preises durchzufuhren, um dera Konsumenten 
die Ubersicht zu erleichtern, Viele Kaufleute behandeln den Kaufpreis 
noch fast als Geheimnis, sie driicken ihn in Formen aus, die nur dem 
Geschaftspersonal verstandlich sind. Das ist weder notig noch niitzlich. 
Je besser der Konsument sich selbst orientieren kann, desto leichter kann 
mit ihm eine Verstandigung erzielt werden. 

Auch in Bezug auf die Ausstellung der Waren im Innem der Ver- 
kaufsraume sind die grofsen Warenhauser dem Kleinkaufmann iiber- 
legen. Sie bieten in iibersichtlichster Form in grofsen, geschmackvoU 
ausgestatteten Baumen und in zum Teil fein und mit einem gewisstn 
asthetischen Gefiihl ausgestalteter Gruppierung eine Reihe von Special- 
ausstellungen nebeneinander. Darin liegt ein grofser Reiz fiir die Kon- 
sumenten. 

Fiir den Nahrungsmittelverkehr haben die Markthallen eine ahh- 
liche Bedeutung, wenn auch ihr ganzer Zuschnitt viel nuchtemer ist, 
als derjenige der modemen Warenhauser. Das volkswirtschaftlich rich- 
tige Prinzip der Markthallen hinsichtlich der Ausstellung der Waren 
liegt in der Centralisation der auszustellenden Warenmengen der einzelnen 
Geschafte unter voller Ersichtlichmachung jedes einzelnen derselben. 
Das ist dasselbe Prinzip, auf dem sich die Wochenmarkte, die Jahr- 
markte und Messen und auch die Bazare im Orient aufbauen, und das 
in einigen Stadten in den ^Passagen'^ nachgeahmt ist, wie z. B. in der 
Galeria Vittorio Emanuele in Mailand, in der ^Passage'' in Berlin u. s. w. 
In den europiiischen Stadten ist es aber nur der allerkleinste Teil der 
Geschafte, der sich an dieser Centralisation beteiligen kann. 

In anderer Weise centralisieren die Magazingenossenschaften der 
Handwerker die Ausstellung der Waren. Sie bringen die Erzeugnisse 
der Beteiligten in einen einzigen gemeinschaftlichen Verkaufsraum, um 
sie dort durch einen auf gemeinsame Eechnung bestelhen Verkaufer ab- 
setzen zu lassen. 



9. Kapitel. Dor Betriob des Warenhandels. 185 

In aJP den erwahnten Fallen der Centralisation der Warenausstellung 
sind die Verkaufsstellen ortlich zusammengelegt; die Verschiedenheit der 
Geschaftsinhaber verschwindet bei den Warenhiiusern aurserlich und 
thatsachlich und bei den Magazingenossenschaften wenigstens aufserlich, 
wahrend bei den Bazaren, den Markthallen, bei den Markten und Messen, 
bei den Passagen die Verkaufsstellen der einzelnen Kaufleute in deutlich 
erkennbarer Weise von einander getrennt sind. 

Die Centralisation der Warenausstellung der Kleinhandler ist iiber- 
haupt ohne Zusanimenziehung der Verkaufsstellen auf einen Punkt nicht 
wohl moglich, sofern es sich nicht lediglich urn voriibergehende Ver- 
anstaltungen handelt Deshalb ist auch nicht darauf zu rechnen, dafs 
der Kleinhandel einer Stadt uberhaupt zur Begriindung eines gemein- 
samen stiindigen Ausstellungsmagazines schreiten wird. Gustav Cohn 
(a. a. 0. S. 275) erkennt eine entfernte Moglichkeit dafiir an. Aber 
so lange nicht auf die zerstreute Lage der Verkaufsstellen vom Publikuni 
verzichtet wird, solange wiirde das gemeinsame Ausstellungsniagazin die 
Geschaftskosten steigem, da in den Verkaufsstellen selbst nach wie vor 
die Vorfiihrung und, soweit sie moglich ist, die Ausstellung der Waren 
verlangt werden wird, hier also nichts gespart werden kann. 

trbrigens wiirde die ortliche Zusanimenlegung der Verkaufsstellen 
der einzelnen Firmen vermutlich der erste Schritt zur Aufhebung auch 
der personlichen Trennung der Geschafte werden; die letzteren wiirden 
baJd durch Genossenschaften oder Aktiengesellschaften oder andere Ge- 
sellschaftsformen, zu denen sich die Kapitalisten zusammenfinden, oder 
durch kapitalkraftige Einzeluntemehmer aufgekauft werden. Statt der 
selbstandigen Kleinhandler wiirden wir dann nur noch Warenhauser 
haben. Die Versuchung zu einem solchen Vorgehen wiirde jedenfalls 
hier grofser sein als bei dem Nahrungsraittelverkehr der Markthallen, 
weil die Gewinnaussichten grofser sind. Ausgeschlossen ist aber audi 
bei den Markthallen eine solche Entwicklung nicht. 

Es ist moglich, dafs eine spatere Zeit der Bedarfsversorgung ledig- 
lich durch Warenhauser giinstig gegeniiber steht, weil die Centrali- 
sation eben gewisse Kostenerspamisse ermoglicht. Das liegt aber doch 
in so femer Zukunft, dafs man mit solchen Moglichkeiten noch nicht 
rechnen kann. 

In abgeschwachter Weise lafst sich der Gedanke der Zusanimen- 
legung der Warenausstellungen der Kleinhandler auch jetzt schon ver- 
werten. Eine mafsige Zahl von Kleinhandlem kann sich z. B. zusammen 
thun, um gemeinsam an einer belebten Stelle eine grofse Warcnauslage 
herzurichten, in der die einzelnen Firmen ersichtlich gemacht werden. 
Das wiire eine besondere Form der Reklame, die ebensogut moglich ist, 
wie gemeinsame Zeitungsanzeigen u. dergl. Ob diese Art der Reklame 
sich bezahlt machen wiirde, miifste allerdings erst erprobt werden; die 



186 Ereter Teil. Der Handel. 

Aussicht wiirde um so geringer werden, je weiter die in der Auslage 
angegebenen Verkaufsstellen entfernt sind. 

Aufser den Schaufenstern und der Ausstellung der Waren in den 
Verkaufsraumcn oder in besonderen, abgetrennten Auslagen benutzt auch 
der Kleinhandel, wenigstens derjenige, welcher in der Hand kapitalkraftiger 
Firnien liegt, vielfach Cirkulare, Kataloge und Preisverzeichnisse, um die 
einzelnen Konsumenten mit der Art und den Preisen der Waren bekannt 
zu machen. Der Wetteifer in dieser Beziehung hat dazu gefiihrt, dafs auf 
die aufsere Ausstattung dieser Dnickstucke besonderer Wert gelegt wird, 
und manches wirklich Geschwackvolle und Originelle wird darin geleistet. 

Ein anderes, neuerdings sehr in Aufnahme gekommenes Mittel zur 
Bekanntmachung der Firma und ihrer Waren sind die Reklameplakate. 
Solche Plakate haben manche Vorziige. Sie lassen sich an jeder be- 
liebigen Stelle, soweit nicht Polizeivorschriften entgegenstehen, anbringen: 
in Eisenbahnwagen, an Strafsenecken, an Anschlagsaulen, an Bauzaunen, 
an Giebelwanden u. s. w. Sind sie wirksam gestaltet, so haben sie den 
Wert eines standigen ITinweises auf die Firma und ihre Waren und 
machen diese iiberall hin bekannt Gerade in Bezug auf die Plakate 
hat sich ein grofser Fortschritt vollzogen. Die Kunst hat sich in den 
Dienst der Plakatmalerei gestellt, zuerst in Frankreich und weiterhin 
auch in anderen liindem. Der Kiinstler findet hier nicht nur einen Weg 
zum Erwerb, sondern auch die Gelegenheit, seine Eigenart dem Publikum 
naher zu bringen, und das, was an dieser Eigenart bei einem Gemalde 
viele vielleicht abstofsen wiirde, lafst sich in der Plakatmalerei gut ver- 
werten, weil es dem Zweck, die Aufmerksamkeit zu erregen und zu 
fesseln, entspricht. Namhafte Kiinstler und auch manche gute junge 
Kraft haben sich auf diesem Gebiete bewahrt Mehrfach haben grofse 
Firmen Plakatkonkurrenzen ausgeschrieben, und wirksame Entwiirfe von 
kiinstlerischem Werte sind dabei zu Tage gefordert worden. 

Die Verwertimg dieses Reklamemittels wird erleichtert dadurch, 
dafs sich Specialfirmen entwickelt haben, die geeignete Entwiirfe an die 
Beteiligten kauflich ablassen. Die Herstellung der Plakate ist eine 
Industrie von nennenswerter Bedeutung geworden, ebenso auch die Her- 
stellung der Kataloge, Cirkulare u. s. w. 

Den Zweck, die Aufmerksamkeit zu erregen, sucht man auch viel- 
fach durch besondere Gestaltung der fiir das Geschaft thS.tigen Fahrzeuge 
zu erreichen. Stiefelgeschafte geben dem Wagenkasten die Form eines 
Stiefels, Cigarrenhandlungen die Form und Ausgestaltung einer riesigen 
Cigarrenkiste u. s. w. 

Als weiteres sehr wichtiges Mittel tritt die offentliche Ankiindigung. 
Sie erfolgte friiher, als es noch gar kein Zeitungswesen gab, durch Aus- 
rufer, die auf den Strafsen die Waren und ihre Preise bekannt machten. 
Auch heute ist das Verfahren noch nicht ausgestorben. In kleinen abge- 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 187 

legenen Orten spielt noch immer der offentliche Ausrufer eine wichtige 
Rolle auch fiir den Handelsverkehr mit den Konsumenten. Aber selbst 
in grolsen Stadten wird noch vieles durch einfachen Ausruf bekannt 
gemacht In Paris, in Mailand und anderen romanischen Stadten werden 
al!e moglichen Waren auf den Strafsen ausgerufen, was dem lebhafteren 
Temperament der Bevolkerung auch ganz entspricht. Gtemiise, Spargel, 
Weintrauben, Scherzartikel u. s. w. werden auf diese Weise bekannt 
gemacht. Auch in Berlin mit seiner ruhiger gearteten Bevolkerung 
werden nicht nur, wie in sehr vielen Grofsstadten, Zeitungen, sondern 
auch Biickinge, Eier, Apfelsinen u. s. w. ausgerufen, und soweit meine 
personlichen Erfahrungen reichen, hat sich diese Art der offentlichen 
Ankiindigung eher vermehrt als vermindert. 

Immerhin ist es doch nur der kleinste Teil der offentlichen An- 
kundigungen, der durch Ausrufen bewirkt wird. Die Hauptmasse der An- 
kiindigungen erfolgt in den Zeitungen, sei es dafs Anzeigen oder besondere 
Keklameartikel der Zeitung eingefiigt werden, sei es dafs besondere Bei- 
lagen, die als Reklame fiir die Firma dienen, beigegeben werden. Das 
Inserieren in den Zeitungen mufs mit Geschick durchgefiihrt werden, 
wenn es Erfolg haben soil. Man mufs die richtigen Blatter wahlen, 
man mufs entweder standig inserieren oder die richtigste, d. h. die am 
meisten Beachtung der Anzeige versprechende Zeit aussuchen, man mufs 
die aufsere Anordnung und den Text der Anzeige moglichst wirksam 
gestalten u. s. w. In jeder Zeitung kann man sich iiberzeugen, wie 
grofs die Verschiedenheit der Geschicklichkeit in dieser Beziehung ist. 

Die Einriickung in Zeitungen ist heutzutage ganz aufserordentlich 
verbreitet. Fiir die Zeitungen ist damit eine sehr reichliche, oft fiir den 
finanziellen Erfolg entscheidende Einnahmequelle erschlossen. Fiir den 
Geschaftsbetrieb des Kleinhandels liegt freilich darin eine erhebliche Aus- 
gabe. Sie wird sich nicht in alien Fallen bezahlt machen; aber selbst 
wenn sie nicht durch entsprechend vermehrten Absatz ausgeglichen wird, 
kann sich bei der Heftigkeit der Konkurrenz im Kleinhandel der Einzelne 
dem Einriicken von Anzeigen in Zeitungen nicht entziehen. 

Ubrigens fehlt es keineswegs an Beispielen dafiir, dafs die Anzeigen 
in den Zeitungen sich reichlich rentieren, namentlich in Tageszeitungen, 
die von vielen Familien gelesen werden; Fachblatter, die nur in einem 
engeren Kreise Beachtung finden, versprechen nicht immer guten Er- 
folg, doch giebt es auch wichtige Ausnahmen auf beiden Seiten. In 
der Zeitschriit „Mitteilungen iiber Insertionsmittel^, die als Beilage der 
von Hob. Exxer herausgegebenen Fachzeitschrift fiir das Reklamewesen 
^Propaganda" beigegeben wird, findet sich u. a. in Nr. 1 vom Oktober 1897 
eine Ubersicht iiber die geschaftlichen Erfolge der Anzeigen einer Firma 
^der feineren Genufs- und Konsumbranche". Die Firma hat fiir Anzeigen 
in 14 Zeitunij:en 3535 M. aus<?egeben und dadurch 369 Auftrlige im Ge- 



188 Ereter Teil. Der Handel. 

samtbetrage von 13222 M. erhalten, sodafs fiir 100 M. Auftrage 26,73 M. 
Insertionskosten zu zahlen waren. Dieser Betrag ist nicht niedrig, wird 
aber von der Firma im Hinblick auf die so angekniipften dauemden Be- 
ziebungen nicht als zu hoch angesehen. In manchen Blattern war der 
Erfolg noch erheblich iiber den Durchschnitt hinausgegangen ; fiir 100 M. 
Auftrage waren bei den wirkungsvoUsten Blattern nur 13,80, 12,90, 10,60 
iind 10,40 M. an Insertionskosten zu zahlen. 

Einen Einblick in den Unifang des Annoncenwesens gewinnt man, 
wenn man die in derselben Zeitschrift (II. Jahrg., Heft 3) veroffentlichte 
Statistik der Inserateneinnahmen von iiber 100 grofsen Tageszeitungen 
am 11. Dezeniber 1898 ansieht. An diesem einen Tage nahmen an 
Annoncen ein 

der Berliner Lokalanzeiger 32 659 M. 

der Breslauer Generalanzeiger . . . . 14 034 „ 

das Berliner Tageblatt mit Generalanzeiger 12 474 „ 

das Hamburger Fremdenblatt .... 10649 „ 

Weitere 15 Zeitungen iiber 5 000 — 10 000 M. 



6 


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JJ 


4000— 5000 


13 


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3000— 4000 


24 


» 


».» 


2000— 3000 


33 


J7 


V 


1000— 2 000 


6 


11 


uber 


1000 M. 



Die Inseratenflache betrug bei 

5 Zeitungen iiber 5 qm 
9 „ tiber 4 bis 5 „ 

6 ?. „ 3 „ 4 ,, 
19 ., ,, 2 „ 3 „ 

u. s. w. 

Dafs auch fiir den Absatz in den Arbeiterkreisen das Annoncieren 
von Bedeutung ist, zeigt der Umstand, dafs in einer ganzen Reihe sozial- 
demokratischer Blatter mehr Seiten fiir Anzeigen als fiir Text verwendet 
werden. Im Jahrg. I Nr. 4 der genannten Zeitschrift wird mitgeteilt, dafs 
am 12. Dezember 1897 betnig 

in der Volksstiniine, Fi*ankfurt a. M. 
„ „ Volkszeitung, T^ipzig . 
„ ,, Volksstimine, Magdeburg 
„ ,, Arbeiterzeitung, Dresden 
„ „ Volkszeitung, Mainz 
ini Abendblatt, Offenbach . . 

11. s. w. 

Auch die Inseratenvermittlung hat sich zu einem besonderen Ge- 
schjiftszweig entwickelt, der von bedeutenden Firmen durchgefiihrt wird. 

Der Grofshandel bedient sich zum Teil der schon erwahnten Mittel 
ebenfalls. Namentlich Anzeigen, Cirkulare und Kataloge werden viel 
gebraucht und spielen zum Teil beim Export eine grofse Rolle. Dazu 



der Text 


die Anzeigen 


[. 9'/2 Seiten 


20 '/2 Seiten 


. 10--»/4 ,, 


15 'A „ 


. 6 


14 


. 5 


11 


• 5'/2 „ 


10 '/2 » 


. 4 


10 



9. Kapitcl. Der Bctrieb des Warcnhaiidcls. 189 

treten nocli andere Wege zur Bekanntinaclmng der Waren, Wege, die 
iiberwiegend vom Grofshandel verwcrtet werden. Das, was der Klein- 
handel durch Schaufenster und Auslagen und durch die Warenausstellung 
im Innem der Verkaufsstellen zu erreichen sucht, d. h. die stiindige Vor- 
f iihrung der Waren, das erstrebt der Grofshandel, insbesondere der Fabrik- 
handel, durch Exportnmsterlager. 

Die Exportmusterlager stellen sich dar als eine standige Ausstellung 
der neuesten Muster, verbunden mit einer kaufniannischen Vermittlungs- 
stelle. Der Zweck ist, einen Uberblick iiber die wichtigsten Exportartikel 
zu geben und dadurch eine Orientiening fiir den einheimisehen Grofs- 
hiindler, der den Export pflegt, und fur den ausliindischen Grofshandler, 
der sich iiber die Leistungsfahigkeit der Exportindustrie des Landes unter- 
richten will, zu erraogliehen, gleichzcitig aber audi Geschaftsabsehlusse 
zu vermitteln. Die Aufgabe ist also wesentlich praktischer Art. Die 
Durchf iihrung eines solchen Ausfuhrrausterlagers ist einem Einzelnen nicht 
ganz unmoglich. Es giebt einige Exportmusterlager, die von einzelnen 
Untemehraern durchgefiihrt werden. In grufserem Stile ist die Aufgabe 
aber nur durch Zusammenschlufs mehrerer zu erreichen. Das ist denn 
audi der Weg, den Prof. Dr. Huber in Stuttgart 1881 anre^e. Ihra ist 
es gelungen, auf dem Wege einer Genossenschaft 400 Fabrikanten fiir 
diesen Zweck zu vereinigen und im Friihjahr 1882 das erste deutsche 
Exportmusterlager in Stuttgart zu errichten. Diese neue Schopfung hat 
sich gut entwickelt und dem Export viel geniitzt; 1894 vermittelte das 
Ausfulirmusterlager fiir 343 Kaufer 2124 Auftrage, 1896 fiir 371 Kaufer 
2433 Auftrage. 1885 errichtete das Institut in Hamburg und im Piraeus 
Zweigniederlassungen. Nach seinem Vorbilde sind eine ganze Reihe anderer 
Ausfuhnnusterlager entstanden. Nach Hubeks Angabe im Ilandworterbuch 
der Staatswissenschaften (2. Aufl.) folgte schon 1883 Berlin (^ Central verein 
fiir Ilandelsgeographie'^), 1884 und 1885 Amsterdam, Miinster, Karls- 
ruhe, Frankfurt a. M., 1886—1888 Koln, Dresden, Wien, Pest („Handel8- 
museum"), Ix)ndon (^Exportborse"), Buenos Ayres („standige Ausstellung"), 
Belgrad (,,kommerzielle Exportagentur"), mehrere italienische Stadte u.s. w. 
1897/98 kamen in Deutschland dazu die Exportmusterlager in Leipzig, 
in Weimar, ein weiteres „Deutsches Exportmusterlager'' (Luisenhof) in 
Berlin. In Briissel ist die „F6d^ration industrielle beige pour favoriser 
Texportation'' hierher zu rechnen. Auch in Frankreich, Rufsland, Italien, 
Schweden und Nordamerika hat die Bewegung, die hier im einzelnen 
nicht geschildert werden kann, grofse Fortschritte gemacht, und gerade 
in der neuesten Zeit sucht man allenthalben auf diesem Wege eine Forde- 
rung des Exports zu erreichen. Die Erfolge sind nicht iiberall gleich. 
In Wien, Miinchen und Karlsruhe gingen die Exportmusterlager bald wieder 
ein; auch die franzosischen ^Exportkontore'', die bei den franzosischen 
Handelskaramem im Auslande errichtet wurden, haben besondere Erfolge 



190 Ereter Teil. Der Handel. 

noch nicht erzielt. Die Schwierigkeit liegt namentlich darin, dais eine 
standige geschaftliche Fiihlung mit der Exportindustrie unterhaJten werden 
mufs, um in Mustem, Preisen u. dergl. stets auf dem neuesten Stand- 
punkt zu stehen. Mit veralteten „Lagerhutern'' ist nichts zu erreichen. 
Die Anforderungen an die Umsicht, Geschicklichkeit und Gewandtheit 
der leitenden Personen sind deshalb sehr grofs, und Huber selbst, von 
dem der Anstofs zu der ganzen Bewegung ausgegangen ist, hat wieder- 
holt betont, dafs der Erfolg von der Tiichtigkeit des Leiters und der 
Mitglieder wesentlich abhangt 

Charakteristisch ist bei den Exportmusterlagern, dafs der Zusammen- 
schluXs einer grofseren Zahl von Exportindustriellen („Fabrikkaufleuten") 
in der iiberwiegenden Mehrzahl der Falle die Grundlage der Institution 
ist, Beim Kleinhandel sahen wir, dafs der Zusammenschlufs zu gemein- 
samer Unterhaltung von Warenausstellungslokalen noch sehr vfeuig ent- 
wickelt ist, und dafs dort auch die Aussichten in dieser Beziehung nicht 
sehr grofs sind. Warum ging es beim GrofshandelV Einmal deshalb, 
weil es sich im Grofs- (Fabrik-) Handel iiberwiegend um tiichtig dureh- 
gebildete Kaufleute handelt, die iiber die Sorgen des nachsten Tages 
hinausblicken konnen, weiter weil im Verhaltnis ihre Zahl geringer ist, 
vor allem aber auch deshalb, weil im Grofshandel Verkauf und Waren- 
ausstellung anders organisiert werden kann, als im Kleinhandel. Der 
letztere kann seine auszustellenden Warenvorriite und seine Verkaufsstellen 
in der Kegel nicht trennen, weil der Absatz in kleinen, meist dem Kaufer 
gleich mitzugebenden Einheiten erfolgt und deshalb unmittelbar von dem 
dazu gehorigen Warenlager versorgt werden mufs. Die zur Schau gestellten 
Waren und das Warenlager fallen hier naturgemafs meist bis zu gewissem 
Grade zusammen und konnen von der Verkaufsstelle nicht wohl abgelost 
werden. Im Grofshandel, speciell im Fabrikhandel , geniigt es. Muster 
und Proben zur Schau zu stellen und dazu einen Geschaftsvermittler zu 
setzen. Die Warenvorrate selbst konnen vollig davon getrennt werden, 
da der Kaufer die Ware, die er erstanden hat, nicht sofort mitnimmt und 
mitnehmen kann. 

Nicht zu verwechseln mit den Ausfuhrmusterlagem sind die eigent- 
lichen „Handelsmuseen^, deren Aufgabe rein informatorischer Art ist. Das 
Handelsmuseum ist eine Saramlung von gangbaren Exportartikeln, die 
den inliindischen Produzenten Anregung und Richtung fiir ihre Thatigkeit 
geben soil. Es ist also ein Mittel kaufmannischer und geschaftlicher 
Bildung, aber seiner Idee nach keine Verraittlungsstelle fiir praktische 
Geschiiftsabschlusse. Solche Anstalten sind zum Teil aus Staatsmitteln, 
zum Teil mit Staatsunterstiitzung, zum Teil aus den Mitteln privater 
Vereinigungen errichtet, zuerst 1883 in Briissel (aus Staatsmitteln). Auch 
in Italien, Oesterreich, Schweden bestehen Ilandelsmuseen. In Deutsch- 
land ist ein Reichshandelsmuseum zwar schon liingere Zeit geplant, aber 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandols. 191 

noch nicht verwirklicht In Philadelphia ist 1896 ein grofses „Welt- 
Handelsmuseum'' errichtet, dessen Ziele aber weiter gesteckt sind. Die 
praktisehe Bedeutung wird bei solchen Anstalten leiclit abgeschwacht, 
wenn sie nicht aiif der Hohe der Zeit bleiben. 

Zum Teil wird der Name „Handelsmuseum^, wie aus den obigen 
Angaben hervorgeht, auch fiir eigentliche Exportmusterlager gebraucht. 

Das Exportmusterlager ist eine sefshafte, stiindige Warenausstellung 
im Inlande oder Auslande; der Verkehr hat aber auch „fliegende^, also 
Wanderausstellungen von Waren in's Auge gefafst. Man hat die Waxen 
durch „8chwimmende Ausstellungen'' in den Absatzgebieten bekannt zu 
machen versucht, d. h. durch Schiffe, welche ein Musterlager von Export- 
artikeln mit sich fuhren, und auf denen auch Gelegenheit zum Geschafts- 
abschlufs gegeben ist. Auch aus Deutschland ist unter Fiihrung von 
Dr. Jannasch in den neunziger Jahren eine solche Expedition ausgegangen. 

In diesen Bestrebungen steckt ohne Frage ein richtiger Kern; aber 
die Schwierigkeiten, die sich dem geschaftlichen Erfolge in personlicher 
und sachlicher Ilinsicht in den Weg stellen, sind nicht gering. In sach- 
licher Beziehung ist die Erganzung und Emeuerung der Muster, in per- 
sonlicher Beziehung die Oewinnung von Personen, die mit der notigen 
Vielseitigkeit der Warenkenntnis auch die notige Orts- und Sprachkenntnis 
und die sonst erforderlichen kaufmannischen Fahigkeiten verbinden, eine 
schwer zu losende Aufgabe. 

In kleinerem Stile dient einem ahnlichen Zwecke die Entsendung von 
^Kollcktivreisenden'' in das Ausland. Mehrere Firmen gleicher Geschafts- 
art entsenden gemeinschaftlich einen Vertreter, der mit den erforderlichen 
Mustersammlungen ausgeriistet ist, ins Ausland, um dort die Waren bekannt 
zu machen und gleichzeitig Abschliisse zu venuitteln. Da hter die lie- 
schriinkung auf dieselbe Warcnart oder doch auf nahe verwandte Waren- 
arten moglich ist, so lafst sich mancher Erfolg erzielen, vorausgesetzt, 
dafs man die richtigen Personen findet. 

Zu den Reklamemittein , deren sich der Grofshandel bedient, sind 
auch die heutigen Ausstellungen zu rechnen. Urspriinglich waren die 
Ausstellungen mehr als Ililfsmittel des Bildungswesens gedacht. Spater 
hat sich der Reklamezweck, d. h. die Absicht, die Erzeugnisse bekannt 
zu machen, in den Vordergrund geschoben. Diese Bekanntmachung er- 
folgt naturgemals in der Absicht, Absatz zu erzielen. Bei jeder neueren 
Ausstellung ist denn auch dafiir gesorgt, dafs in der Ausstellung selbst 
sowohl kleinere Einkaufe von Probestiicken als auch grr»fsere Abschliisse 
bewirkt werden konnen. Aber mehr noch als diese unmittelbare Wirkung 
auf den Absatz wird die mittelbare Wirkung ins Auge gefafst. Der Aus- 
stellende rechnet darauf und niufs darauf rechnen, vor alleni auc^h iiber 
die Dauer der Ausstellung hinaus stiindige Absatzbeziehungeu zu gewinnen 
dadurch, dais er voriibergehend der BevOlkerung in der Ausstellung seine 



192 Erster Teil. Der Handel. 

Waren vorgefuhrt hat. Fiir den praktischen Geschaftsmann tritt der ideale 
Zweck der Ausstellung, wie die Schaffung neuer Anregungen, die Dar- 
bietiing eines Uberblicks iiber die hochste I^istungsfahigkeit der Produk- 
tion, die erzieherische Wirkung der Ausstellung in den Hintergrund, wenn 
ihm auch diese Seite der Sache nicht gleichgiiltig sein mag, da er ge- 
wisse Anregungen dadurch bekommen kann. Im Vordergrande steht fur 
den Geschaftsmann jedenfalls der Charakter der Ausstellung aJs Reklame- 
raittel, und von dem Erfolg dieser Reklame wird das Urteil der Gesehafts- 
welt iiber den Wert der Ausstellungen wesentlich bedingt. Die raittels 
der Ausstellungen veranstaltete Reklame ist im allgemeinen sehr kost- 
spielig. Frachtkosten, Reisekosten, Platzmiete, Kosten der aufseren Ein- 
richtung des Ausstellungsraumes, Kosten der Vertreter oder des eigenen 
Aufenthalts am Ausstellungsorte, Versicherungskosten u. dergl. mehr er- 
wachsen dem Aussteller unter alien Umstanden, selbst wenn er nicht auf 
kostspielige und sonst nicht verwertbare Reklamestucke verfallt Solche 
Paradestiicke sind iibrigens nicht selten und verschlingen mitunter grofse 
Summen. Der Aussteller wird dazu gedrangt durch das Streben, inner- 
halb der Ausstellung die Aufmerksamkeit in besonderer Weise zu erregen. 
Ob die Kosten dieser Reklame sich bezahlt machen, ist natiirlich nicht 
vorauszusehen. Selten wird der wahrend der Ausstellung selbst erzielte 
Absatz besonders ins Gewicht fallen, wenn es sich nicht um Gegenstande 
des taglichen Bedarfs handelt, die von den Besuchem der Ausstellung 
benutzt werden, wie Cigarren, Bier und andere Genufsmittel. In der 
Regel kommt es darauf an, ob und in welchem Umfange durch die 
Ausstellung standige und nachhaJtige Geschaftsverbindungen angeknupft 
sind. Das Risiko, dafs dieser dauemde Erfolg durch die voriibergehende 
Schaustellung nicht erreicht wird, ist nicht gerade gering. Mitunter wird 
durch die Teilnahme an der Ausstellung das gerade Gegenteil von dem 
erreicht, was der Aussteller hoffte. Er stellt nicht nur seine Waren aus, 
sondem giebt mit den Waren auch manche Fabrikationsgeheimnisse und 
Muster preis, die nun unter Umstanden von der auslandischen Konkurrenz 
nachgeahmt und verwertet werden, naraentlich wenn der Schutz des 
geistigen Eigentums nicht geniigend ausgebaut ist. Tritt das ein, so hat 
der Aussteller seine Konkurrenten gefordert und seinen eigenen Absatz 
nicht erweitert. Solche Erfahrungen sind oft genug gemacht und haben 
in den gewerblichen und kaufmiinnischcn Kreisen eine gewisse Abneigung 
gegen die Beteiligung an Ausstellungen hervorgerufen. 

Ob die Reklamekosten, die mit der Beteiligung an der Ausstellung 
verbunden sind, sich fiir die Volkswirtschaft rentieren, hangt davon ab, 
ob sich der Absatz der Produktion des Landes im ganzen dadurch nach- 
haltig erweitert und so einen dauemden Gewinn ermoglicht, der ohne die 
Ausstellung nicht zu erreichen gewesen ware. Sowohl fiir die Volks- 
wirtschaft wie fiir den einzelnen Aussteller kann das der Erfolg der Aus- 



9. Kapitel. Der Bcta-icb des Warenhandels. 193 

stellung sein und ist es oft genug gewesen. Aber es fehlt auch durch- 
au8 nicht an ungiinstigen Erfaliningen. 

Fur die Volkswirtschaft haben die Ausstellungen aber nicht nur diese 
unmittelbare geschaftliehe Bedeutung; gerade die ideale Bedeutung ist 
hier wertvoll. Eine Ausstellung kann durch Vorfiihnmg guter Vorbilder, 
durch Klaretellen der Mangel und Liicken der Produktion den Anstofs 
zu einer dauemden Steigerung der Leistungsfahigkeit der Produktion 
geben. Sie kann die Wertschatzung der nationalen Produktion im In- 
lande und Auslande steigem. Sie kann auch durch die oft koniplizierten 
Aufgaben, die ihre aulsere Gestaltung stellt, der Architektur, der Technik, 
der Gartnerei u. s. w. wertvolle Anregungen geben, und unter Uuistanden 
konnen diese allgenieinen Wirkungen so grofs sein, dafs sie auch iiber 
den geschaftlichen Mifserfolg zu trosten verniogen. 

Allerdings wird auch dieser Zweck nicht immer erreicht, und gerade 
die geschaftlichen Interessen der Aussteller konnen sich hier als hinder- 
Hch erweisen. Der grofste geschaftliehe Erfolg ist bei Waren inittlerer 
Preislage, die sich zum Absatz im grofsen eignen, zu erzielen. Solche 
werden denn auch vorzugsweise ausgestellt. Die hervorragendsten, aber 
auch kostspieligsten Ijcistungen sind nicht oder nicht geniigend vertreten, 
sodafs schon aus diesem Grunde ein voiles Bild der Leistungsfahigkeit 
der Produktion nicht erzielt wird. Dazu kommt, dafs immer nur ein 
kleiner Brachteil der Produzenten ausstellt, und dafs oft gerade be- 
deutende Firmen sich nicht beteiligen, weil sie ohnehin schon geniigend 
eingefiihrt sind und deshalb des Reklamemittels der Ausstellungen nicht 
zu bediirfen glauben. 

Den allgemeinen Weltausstellungen , fiir die das Gesagte vorzugs- 
weise gilt, reihen sich neuerdings in wachsendem Umfange Fach- und 
Provinzialausstellungen an. Beide kommen ebenfalls als Reklamemittel 
fiir den geschaftlichen Verkehr in Betracht, und ihnen stehen viele Prak- 
tiker freundlicher gegeniiber. Die Kosten sind hier fiir den Aussteller 
nicht so erheblich, wie bei der Teilnahme an den grofsen entfemt ge- 
legenen Weltausstellungen. Die Provinzial- und Fachausstellungen schaffen 
iiberdies, weil sie im nachstgelegenen Absatzgebiet wirken, auch mehr 
Gelegenheit zur Ankniipfung dauernder Geschaftsbeziehungen. Einen 
Uberblick iiber die gauze Produktion des Landes geben sie nicht Aber 
sie bieten entweder nach territorialer oder nach beruflicher Abgrenzung 
einen Ausschnitt aus der Produktion, der oft in sich vollstsindiger ist, 
als die entsprechenden Teile der Weltausstellungen. Mit den Provinzial- 
und noch mehr mit den Fachausstellungen sind deshalb, falls sie iiber- 
haupt richtig organisiert waren und unter der Leitung tiichtiger Krafte 
standen, im allgemeinen gunstige Erfolge erzielt worden. 

Auf weitere Einzelheiten und auf die Entwicklung des Ausstellungs- 
wesens kann hier nicht eingegangen werden. Der Band dieses lland- 

YAH DEB BoBOHT, Handol. 13 



194 Ereter Teil. Der Handel. 

buchs, welcher Gewerbewesen und Gewerbepolitik behaDdelt, wird den 
Gegenstand ausfiihrlicher darstellen miissen. An dieser Stelle kommen 
die Ausstellungen nur aJs ein Mittel der geschaftlichen Reklame in Be- 
tracbt. Der Kleinhandel bedient sich, schon der grofsen Kosten wegen, 
dieses Mittels nur wenig. Fiir den Grofshandel, namentlich fiir den 
Fabrikbandel, ist es aber von erheblicher Bedeutung. 

Die Reklame belastet den Handelsverkehr ohne Frage mit grofsen 
Kosten. Es fragt sich, ob diese Kosten sich volkswirtschafflich recht- 
fertigen lassen. Die Frage wird in den nationalokonomischen Lehrbuchem 
entweder ganz ignoriert oder nur fliichtig gestreift Zwischen den 
Zeilen kann man dabei, sofern die Reklame und ihre Mittel iiberhaupt 
beriihrt werden, oft ein ungiinstiges Urteil herausiesen. Ausstellungen, 
Exportmusterlager und ahnliche Veranstaltungen werden allerdings an- 
erkannt; aber das, was namentlich der Kleinhandler durch Anzeigen, 
Plakate, Schaufenster u. s. w. an Reklame leistet, wird unter dem Gesichts- 
punkt — und nur unter diesem — betrachtet, dafs es die Kosten der 
Bedarfsvermittlung erhoht, und diese Kosten der Bedarfsvermittlung er- 
regen an manchen Stellen Anstofs. 

Will man zu einem sachlich begrundeten Urteil iiber die volkswirt- 
schaftliche Berechtigung der Reklame kommen, so mufs man sich klar 
machen, dafs die Frage aufs engste zusammenhangt mit der Frage nach 
der Berechtigung des Handels iiberhaupt Gabe es keinen Handel 
(Fabrik- und Kaufmannshandel), so gabe es auch keine Reklame; Niemand 
wiirde sie notig haben. Konnte man es erreichen, dafs die Bedarfsver- 
sorgung in der bisherigen Mannigfaltigkeit, Reichhaltigkeit, Piinktlichkeit 
und Regelmafsigkeit durchgefiihrt wiirde ohne eine berufsmafsige Ver- 
mittlung zwischen Produzenten und Konsumenten, so konnten wir die 
Kosten nicht nur der Reklame, sondem zum Teil auch die des Handels 
iiberhaupt sparen. Sozialisten und Koramunisten glauben denn auch 
eine Gesellschaftsform gefunden zu haben, in der die ganzen Vermittlungs- 
kosten des Handels beseitigt werden konnen, und sie erhoffen davon eine 
wesentliche Verbilligung der Lebenshaltung, die dann zu einer Steigerung 
der Bedarfsbefriedigung benutzt werden konnte. Dieses ZukunftsideaJ — 
das Ubrigens von der Mehrzahl der Bevolkerung noch nicht einmal als 
Ideal anerkannt wird — schwebt in so nebelhafter Feme, dafs wir uns 
dariiber den Kopf nicht zu zerbrechen brauchen. 

Gehen wir in der Vergangenheit riickwarts, so stofsen wir schliefslich 
auch auf einen Zustand, in welchem die Bedarfsversorgung ohne den 
Handel vollzogen werden konnte. Aber wir miissen dann zuriickgreifen 
auf die Zeiten primitivster Familienwirtschaft, in der Konsument und 
Produzent in derselben Wirtschaft vereinigt waren. Da wir einen solchen 
Zustand nicht mehr haben, so niitzt uns auch dies Beispiel nichts. Fiir uns 
handelt es sich vielmehr daruni, ob wir in unserer Zeit ohne den Handel 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 195 

iind seine Reklame auskommen konnen. Die erstere Frage haben wir 
schon an einer friiheren SteUe dieser Arbeit veraeinen mussen. So lange 
wir eine personliche, ortliche und zeitliche Trennung des Konsumenten 
vom Produzenten, eine weitgehende Specialisierung der Produktion und 
eine subjectiv zugespitzte und deshalb aufserst mannigfaltige Gestaltung 
der Bediirfnisse der Konsumenten haben, so lange konnen wir auch den 
Handel nicht entbehren. Konnen wir aber den Handel nicht entbehren, 
so mussen wir auch die Mittel aJs notig und berechtigt anerkennen, die 
dem Handel die Durchfiihrung seiner Aufgabe ermoglichen und erleichtem. 
Zu diesen Mitteln gehort die Reklame ohne Frage. Ohne Reklame iiber- 
haupt kann der Handel keinen Absatz oder nur so unzulangiichen Absatz 
gewinnen, dafs er als selbstandiger Beruf nur dann aufrecht erhalten 
werden konnte, wenn ihm von den Konsumenten sehr hohe Preise ge- 
zahlt wiirden. Ein Handel, der nur so unzulangiichen oder gar keinen 
Absatz gewinnen kann, ist — volkswirtschafdich betrachtet — eine grofse 
Verschwendung. Diese Verschwendung zu vermeiden und dadurch die 
unentbehrliche berufsmafsige Bedarfsvermittlung, den Handel, zur wirt- 
schaftlichsten Erfiillung seiner Aufgabe zu befahigen, das ist die volks- 
wirtschaftliche Aufgabe der Reklame. Erfiillt sie die Aufgabe, dann 
mussen wir ihr auch eine hohe allgemeine Bedeutung zusprechen ; erfiillt 
die Reklame die Aufgabe nur unvollkommen oder mit einem Kosten- 
aufwand, der iiber das wirtschaftlich zulassige Mais dauemd hinausgeht, 
dann bedarf sie nicht etwa der Abschaffung, sondem der Zuriickfiihrung 
auf das richtige Mafs und die richtigen Formen. 

Nun fehlt es nicht an .Beispielen dafiir, dais die Reklame in iiber- 
mafsiger Weise, in ungeschickten und wirkungslosen oder auch in sittlich 
bedenklichen Formen durchgefuhrt wird. Im einzelnen wird hier manches 
gesiindigt, und gewisse Auswiichse sind nicht zu leugnen. Fafst man 
aber die Reklame in ihrer Gesamtheit als Mittel zur Beforderung des 
Absatzes ins Auge, und sieht man nicht auf den voriibergehenden Erfolg 
oder Mifserfolg, sondem auf die dauemde und nachhaltige Gesamtwirkung, 
so lalst sich nicht leugnen, dafs sie dem Handel die Erfiillung seiner Auf- 
gabe wesentlich erleichtert, sowohl im Innern wie nach aufsen hin, und 
dafs sie das Gedeihen von Handel und Industrie und die Bedarfsver- 
sorgung der Konsumenten nicht nur nicht erschwert, sondem fordert. 

Dem Konsumenten erleichtert sie die Ausspiirung der fiir ihn zweck- 
mafsigsten Bedarfsgegenstande und Kaufgelegenheiten. Ohne die Reklame 
wiirde er vielfach diejenigen Waren und Verkaufsstellen nicht finden^ 
welche seinen besonderen Bediirfnissen und seiner Zahlungsfahigkeit ent- 
sprechen. Wiirde z. B. der wenig zahlungsfahige Mann nicht durch die 
Reklame aufmerksam gemacht, an welchen Stellen er Anziige, Stiefel, 
Fleisch, Brot, Tabak u. s. w. in der fiir ihn erschwinglichen Preislage 
bekommen kann, dann wiirde seine Ijcbenshaltung sehr heruntergedriickt 

13* 



1 96 Ereter Toil. Dor Haiidol. 

Averden. Stiefel l)raucht der Reiehe wie die Anne. Jener kann 20 und 
25 M. und melir dafiir anle^en; wollte dieser dasselbe thun, so niiifste 
er es sich an anderen Bedarfsgegenstiinden, an Fleisch, an Brot u. s. w. 
absparen, weil er so viel fiir Stiefel auszugeben uberhaupt nicht in der 
Lage ist Die Reklame, die in den verschiedensten Fornien an ihn auf- 
klarend herantritt, schiitzt ihn gegen diese peinliche Alternative. Das 
wiederholt sieli bei alien Bedarfsartikeln, sowohl hinsichtlich der Preis- 
lage als auch hinsichtlich der Beschaffenheit. 

Dem Kaufniann aber und durch dessen Vermittlung auch deni Pro- 
duzenten sichert und erweitert die Reklame den Absatz. Mit der Her- 
stellung der Ware ist die Produktion und mit der Heranschaffung der 
Ware ist der Handel noch nicht zum Abschlufs gelangt, Bleibt der 
Absatz aus, oder tritt er nicht geniigend ein, so wird privatwirtschaftlich 
der einzelue Produzent oder Kaufmann geschadigt, aber auch die ganze 
Volkswirtschaft benachteiligt, weil sie mit einem starken Bruchteil er- 
folgloser Produktion und Bedarfsvermittlung belastet wird, ohne Aussicht, 
auch nur die Auslagen dafiir wieder zu erhalten. Die Reklame dient 
nicht nur dazu, den Waren fiir die vorhandenen Bediirfnisse Absatz zu 
sichern und zu schaffen, sie erweckt auch neue Bediirfnisse und ermog- 
licht dadurch neue Richtungen der produktiven Thatigkeit, Dabei konnen 
freilich auch Bediirfnisse geweckt werden, vvelehe sittlich und wirt^chaft- 
lich bedenklich sind. Das mufs man als moglich zugeben, auch wenn 
man - wie ich — die von Rosoher aufgestellte Beschrankung des Be- 
griffs ,,6ut'' auf die zur Befriedigung y,wahrer'' Bediirfnisse gceigneten 
(jegenstande als unhaltbar und mit den Thatsachen unvereinbar ansieht 
Aber es werden auch vielfach und m. E. iiberwiegend neue Bediirfnisse 
durch die Reklame geweckt, die volkswirtschaftlich voUig unanfechtbar 
sind. Ich erinnere in dieser Beziehung z. B. an die Einfiihrung wich- 
tiger neuer Heil- und Kriiftigungsmittel, niitzlicher Biicher u. s. w^, die 
wesentlich erst durch die Reklame in die Bevolkerung eingedrungen 
sind. Wer wiirde — aufser den Arzten — von Somatose, von Haematogen, 
von Tropon, von Schweifshemden, von wollener Reform-Unterkleidung 
fiir Damen u. s. w, etwas wissen, wenn nicht die Reklame allenthalben 
und ununterbrochen darauf hingewiesen hatte? Solcher Beispiele giebt es 
geradc in unserer Zeit so viele, dafs man der Reklame auch von diesem 
Gesichtspunkt aus eine grofse Bedeutung nicht absprechen kann. 

Die Reklame dient den auslandischen wie den inlandischen Erzeug- 
nissen. Sie kann de^halb die Wirkung habcn, auslandischen Erzeug- 
nissen im Inlande auf Kosten gleich guter inliindischer Erzeugnisse Ab- 
satz zu verschaffen. In diesem Falle hat sie eine ungiinstige Riickwirkung 
auf die einheimische Produktion; die Wirkung braucht aber nicht dauemd 
zu sein, da gerade die ungiiustigere Absatzgestaltung einen Anspom zu 
gesteigerter Anstrengung und zur Erhohung der Leistungsfiihigkeit der 



9. Kapitol. Dor Bctrieb des Warcnhaiidels. 197 

einheimischen Produktion bieten kann. Die Reklanie kann aber auch 
die Wirkung haben, dais sie das auslandiscbe Erzeugnis verdrangt und 
der einheimischen eben so guten und preiswiirdigen Ware den Markt 
sichert. Das ist ein grofser Vorteil fur die Nation. Es steigert die Er- 
giebigkeit der eigenen produktiven Arbeit und die Unabhangigkeit in 
der Bedarfsversorgung vom Auslande. Die Reklame hat unleugbar — 
auch gerade in Deutsehland — oft diese giinstige Wirkung gehabt und 
das Vorurteil fiir auslandiscbe Erzeugnisse vermindert, zum Teil schon 
beseitigt Dariiber hinaus steht die Eeklame wesentlich auch im Dienste 
des Exporthandels. Gelingt es ihr, im Auslande fiir die einheimischen 
Erzeugnisse Absatzgebiete zu erobern, so wird kein Mensch ihren boh en 
Wert in Abrede stellen. Gerade fur ein Land, dessen Exportindustrie 
so rasch und machtig emporbliiht, wie es in Deutsehland seit der poli- 
tischen Einigung der Fall ist, hat die Reklame im Dienste des Exports 
eine besondere Wichtigkeit, und an dem siegreichen Vorwartsdringen 
deutscher Erzeugnisse auf fast alien Auslandsmarkten hat sie einen wesent- 
lichen Anteil gehabt. 

Wer tragt nun eigentlich die Kosten der Reklame? Die Frage ist 
nieht allgcmein zu beantworten. Es ist ebenso falsch, schlechthin zu 
behaupten, dafs der Konsument die Kosten der Reklame iibemehmen 
und sich deshalb eine ungebiihrliche Erhohung der Kosten der Bedarfs- 
versorgung gefallen lassen mufs, wie auf der anderen Seite allgemein 
zu erklaren, dafs der Handler oder der Produzent die Kosten tragt. Es 
hangt ganz von den Verhaltnissen ab, wer die Kosten thatsachlich auf sich 
zu nehmen hat Aber das eine darf man behaupten, dafs normalerweise 
der Konsument umsoweniger mit den Kosten der Reklame belastet wird^ 
je erfolgreicher diese ist. Hat die Reklame nur eine beschrankte Er- 
weiterung des Absatzes zur Folge, so wird der Kaufmann lebhaft dar- 
nach streben, die Kosten der Reklame in den Preisen ersetzt zu erhalten. 
Ob ihm das gelingt, hangt freilich von dem Mafse der Energie ab, mit 
welcher die Konsumenten und die Kaufleute ihre beiderseitigen Inter- 
essen zur Geltung zu bringen vermogen. Die thatsachlichen Verhalt- 
nisse sind in dieser Beziehung verschieden imd wechseln auch. Aber 
fiir die grofse Masse der nicht geschaftsgewandten Konsumenten ist doeh 
vielfach die Gefahr vorhanden, mit den Kosten einer wenig wirksamen 
Reklame belastet zu werden. Hat dagegen die Reklame die Wirkung, dafs 
sie die Masse des Umsatzes wesentlich steigert, so ist der Handler viel eher 
bereit und in der Lage, sich mit einem bescheideneren Nutzen am einzelnen 
Stiick zu begniigen und die Kosten der Reklame selbst zu tragen. Der 
Konsument selbst hat deshalb im allgemeinen ein lebhaftes Interesse daran, 
dafs eine wirksame Reklame in geniigendem Umfange durchgefiihrt wird. 

Mufs man hiemach die Moglichkeit von Auswiichsen und ungiinstigen 
Wirkungen der Reklame auch zugeben, so ist doch nicht daran zu 



198 Ereter Teil. Der Handel. 

zweifeln, dafs die Reklame im ganzen niitzlich wirkt und volkswirt- 
schaftlich berechtigt ist Dafs sie gleichzeitig neue Industrie- und Handels- 
zweige entwickelt hat, dafs die Arbeit fiir Reklamezwecke als solche 
neue Erwerbsmoglichkeiten der Bevolkerung hervorgerufen hat, das wird 
auch nicht einfach bei Seite geschoben werden konnen, und das ist 
etwas wert bei einem starken Zuwachs der BevSlkening. 

§ 4. Die Festsetsnng nnd Einnehung der Verkanfspreise. Durch 
die besprochenen Mittel zur Annaherung an die Abnehmer und zur Be- 
kanntmachung der Firma und ihrer Waren sucht der Kaufmann Absatz 
zu gewinnen; aber es kann ihm nicht daran liegen, nur voriibergehende 
Geschaftsbeziehungen zu erreichen, sondern er wird besonderen Nach- 
druck darauf legen miissen, die gewonnenen Abnehmer dauemd an sich 
zu fesseln. Das erfordert eine fortgesetzte Arbeit Immer von neuem 
mufs der Kaufmann um seinen Absatz ringen, immer von neuem an 
seine Abnehmer durch Offerten, Preislisten, Eataloge u. s. w. und durch 
Anzeigen und sonstige Reklamemittel herantreten; dariiber hinaus wird 
er aber durch Giite und Preiswiirdigkeit der Waren, durch moglichstes 
Entgegenkommen gegen die Wiinsche der Abnehmer, durch moglichste 
Befriedigung ihrer Anspriiche an die Hohe des Preises, an die Bequem- 
lichkeit der Bestellung, des Bezuges und der Bezahlung der Ware u. dergl. 
mehr die Abnehmer festzuhalten suchen miissen. 

Geht er kaufmannisch vor, so wird er in alP diesen Dingen Opfer 
nicht scheuen, aber doch darauf halten miissen, dafs das Gesamtergebnis 
seiner geschaftlichen Thatigkeit ihm noch einen angemessenen Gewinn 
iibrig lafst Das hat namentlich Bedeutung fiir die Festsetzung der zu 
fordernden Verkanfspreise. Sie miissen sich^nchten nach den Selbst- 
kosten des Kaufmanns. Die Ermittlung des Selbstkostenpreises ist des- 
halb von grofser Wichtigkeit |fiir den Kaufmann. Man bezeichnet die 
Ermittlung des Selbstkostenpreises als „Kalkulation". 

Will der Kaufmann rich tig kalkulieren, so mufs er dem Einkaufs- 
preise hinzurechnen zunachst die Einkaufskosten , wie z. B. die Reise- 
kosten, die er zum Zwecke des Einkaufs hat machen miissen, die Kosten 
der Verwiegung und Verpackung, die Provision, die er dem Vermittler 
des Einkaufs zahlen mufste, die Lagermiete, die bis zum Weitertransport 
der Ware entstanden ist u. s. w. 

Zu den Einkaufskosten treten, soweit der Transport auf Kosten des 
Einkaufenden be wirkt wird, die Transportkosten hinzu, die nicht nur 
die reine Fracht, sondern auch die Kosten der Transportversicherung, 
die Vergiitung an die Spediteure oder sonstige fiir den Transport in 
Anspruch genommene Hilfskrafte u. s. w. umfassen. 

Handelt es sich um zoUpflichtige oder octroipflichtige Waren, so 
sind weiter die Betrage der staatlichen oder stadtischen Zolle hinzu- 
zu rechnen. 



9. Kapitel. Der Betrieb des Waronhandels. 199 

Dazu treten die Kosten, die durch Bezahlung des Einkaufspreises 
entstehen (Rembourskosten) , z. B. die Wechselcourtage, die Stempel- 
kosten u. s. w. 

Hieran schliefsen sich die Lagerkosten, also die Ausgaben fur Lager- 
miete, fiir Lagerbehandlung der Waren, filr Versicherung wahrend der 
Lagerung, ferner die Verluste, die durch Schwund oder Verderben der 
Waren wahrend der Lagerung entstehen. 

Weiter kommen in Betracht die Dnkosten, die durch die Gewinnung 
des Absatzes erwachsen, wie Ausgaben fiir Reisende, Provisionen der 
Verkaufsvermittler, Reklamekosten, und ferner die Betrfige, welche fiir 
Diskonte, Rabatte u. s. w. den Abnehmern zu Gute zu bringen sind. 

Dazu tritt eine [gewisse Risikopramie zur Ausgleichung der Ver- 
luste, die durch den unverkauft bleibenden Rest der Ware entstehen, 
ferner die Zinsen fiir das in den Waren angelegte Kapital bis zum Zeit- 
punkt nicht des Verkaufs, sondem des Eingangs der Verkaufspreise unter 
Beriicksichtigung der iiblichen Kreditfristen. Aufserdem hat der Kauf- 
mann einzurechnen einen ratierlichen Anteil an der Verzinsung und Amorti- 
sation seiner abnutzbaren Kapitalien und an den allgemeinen Geschafts- 
unkosten, wie Miete, Unterhaltung, Heizung, Beleuchtung Reinigung 
des Verkauf slokals , Arbeitslohne und G^halter des Personals, Arbeiter- 
versicherungskosten, Steuem u. s. w. 

Diese ratierlichen Anteile und auch ein Teil der vorher genannten 
Kosten miissen, da eine Vorausberechnung von Fall zu Fall nicht genau 
durchgefiihrt werden kann, nach den durchschnittlichen Verhaltnissen 
der letzten Jahre abgeschatzt werden. 

Die so berechneten (Selbstkosten mufs der Kaufmann mindestens 
ersetzt bekommen, wenn er nicht fortwahrend Verluste erleiden soil. 
Bekame er aber nur diesen Betrag, so wiirde er seine Thatigkeit nicht 
fortsetzen konnen, weil ihm eine Vergiitung fiir seine eigene Arbeit und 
ein Gewinn aus seinem Kapital und aus seiner Untemehmerthatigkeit 
nicht zufliefsen wiirde. So lange der Handel als besonderer Beruf be- 
trieben werden soil, mufs also zu den gesamteh Selbstkosten noch ein 
entsprechender Gewinnzuschlag hinzutreten, bei dessen Bemessung aber 
der Kaufmann normalerweise durch die Verhaltnisse seiner Konkurrenz 
und durch die Riicksichten auf die .Leistungsfahigkeit seiner Abnehmer 
und auf die mit der Hohe der Preise zusammenhangende Ausdehnung 
der Absatzmoglichkeit in bestimmten Schranken gehalten wird. 

Der Kaufmann ist nicht immer in der Lage, den auf richtiger Kal- 
kolation beruhenden Verkaufspreis zu erzielen. Voriibergehend kann er 
das auf sich nehmen, aber als dauernder Zustand ist es nicht moglich, 
da er dann sein Geschaft aufgeben mufs. Nonnalerweise mufs er also 
seine Preisforderung der Kalkulation der Selbstkosten anpassen. Im 
Grofshandel geschieht das audi fast durchgangig, wie iiberhaupt im 



200 Ei-8ter Teil. Der Handel. 

Grofshandel im allgemeinen die durchaus nicht leichte Kalkulation richtig 
durchgefuhrt wird. Im Kleinhandel ist das nur teilweise der Fall. 
Wirklieh tiichtige und durchgebildete Kaufleute kalkulieren auch hier 
korrekt. Aber es komrat vor und ist auch durch die von der Handels- 
kammer zu Hannover veroffentlicbten Erbebungen iiber „Die Lage des 
Kleinbandels in Deutschland'' mehrfach festgestellt, dafs die allgemeinen 
Geschaftsunkosten bei der Kalkulation nicht mit in Betracht gezogen 
werden, oder dafs uberbaupt nicht kalkuliert wird, sondem der Klein- 
handler sich lediglich nach den Preisen anderer Geschafte richtet, oder 
dafs einfach die Einkaufspreise als Selbstkosten genommen werden. 

Dieses geradezu selbstmorderische Verfahren eines Teiles der Klein- 
handler lafst sich nur zum kleinsten Telle auf den Druck der Konkurrenz 
an sich zuriickfiihren. Viel mehr Schuld daran trjigt die Unfahigkeit, 
zu kalkulieren, wie sie bei ungeniigend vorgebildeten Kleinhandlern nur 
zu haufig besteht Von geschaftlichem Erfolg kann dabei naturlich 
nicht die Rede sein. Erst diese Unfahigkeit eines Teiles der Kon- 
kurrenten ira Kleinhandel fiihrt dazu, dafs auch tiichtige Kaufleute sich 
ofter, als gut ist, unzulangliche Preise gefallen lassen miissen. 

Die Kalkulation hat an und fiir sich fiir jeden Artikel besonders 
zu erfolgen, wenn sie ganz genau den Verhaltnissen entsprechend ab- 
gestuft sein soil. Eine solche Einzelkalkulation hat aber manche Schwierig- 
keiten, weil die Arbeit der Kalkulation im ganzen dadurch wesentlich 
gesteigert wird. Um die Arbeit auf das zulassige geringste Mafs zu 
beschranken, wahlt der Kaufmann auch wohl eine allgemeine oder Durch- 
schnittskalkulation. Hier wird die Selbstkostenberechnung und Preis- 
feststellung nicht fiir jeden einzelnen Artikel besonders durchgefuhrt, 
sondem es wird ein durchschnittlicher Zuschlag zum Einkaufspreise an 
der Hand der Erfahrung emiittelt und nun bei alien Waren zur An- 
wendung gebracht. Beide Systeme kann man auch miteinander verbinden 
derart, dafs die allgemeinen Geschaftsunkosten mit demselben Durch- 
schnittssatz bei alien Artikeln zur Anrechnung gebracht, aber im iibrigen 
fiir den betr. Artikel diejenigen Selbstkosten, welche sich fiir die einzelnen 
Artikel mit Sicherheit berechnen lassen, besonders ermittelt werden. Man 
kann eine Vereinfachung der Kalkulationsarbeit auch dadurch herbeifiihren, 
dafs man nicht fiir die einzelnen Artikel, sondem nur fiir Gmppen mehrerer 
verwandter Artikel die Selbstkosten ermittelt (Gmppen-Kalkulation). 

Will man genau vorgehen, so mufs man fiir jeden Einkaufsposten 
die Kalkulation aufuiachen, sodafs die Arbeit sich fortgesetzt emeuert 
Bequemer, aber auch ungenauer ist es, den einmal festgestellten Satz 
gewohnheitsmafsig langere Zeit hindurch anzuwenden und nur bei be- 
sonders starken Verschiebungen der Einkaufspreise die Kalkulation zu 
emeuem. Das letztere \ erfahren wird vielfach von Kleinhandlern dureh- 
gefiihrt, weil im Kleinhandel sich iiberhaupt die Preisbewegung in rahigeren 



0. Kapitcl. Dor Betrieb des \Vaieiiliaii<lels. 201 

Bahnen vollzieht. Ini Grofshandel, in welchem Kiiufer imd Verkjiufer 
^eschaftsgewandt sind und scharfer die ■ Marktverhaltnisse beobachten, 
zieht man das erstere Verfahren vor. 

Das Ergebnis der Kalkulation iiufsert sich in den vom Kaufmann 
geforderten Preisen. Der Abstand zvvischen den Einkaufs- und Verkaufs- 
preisen bezeichnet die Ilohe der Kosten, die durcli die berufjsniafsige 
Bedarfsvermittlung verursacht werden. Einen allgemeinen Satz fiir den 
Umfang dieser Kosten aufzustellen, ist unmoglich. Xur fiir specielle Haus- 
haltungen liefse sich ein solcher Satz berechnen, wenn man ihren Konsura 
und die in Betracht kommenden Einkaufs- und Verkautspreise kennt 
Einige Beispielc dieser Art babe ieh in meiner Schrift ,,Der Einflufs des 
Zwisehenhandels auf die Preise" (Leipzig 188S) berechnet. Da ergab 
sich in einer aus drei erwachsenen Personen bestehenden Haushaltung 
eines mittleren Beamten mit etwa 3000 M. Einkonmien fiir den Jahres- 
bezug von 23 Kolonialwaren als Gesamtvermittlungsgebiihr des Kauf- 
manns der Betrag von 14,97 Proz. des Einkaufspreises, den der Kaufmann 
fiir die in Betracht kommende Verkaufsmenge dieser Artikel bezahlt hatte. 
In einem aus sechs erwachsenen Personen und zwei Kindern bestehenden 
Haushalt eines Beamten mit 6000 M. Emkommen ergab sich fiir den 
Jahresbezug von 26 Kolonialwaren, fiir die eine ganz genaue Berechnung 
moglich war, ein Aufschlag von 18,75 Proz. des Einkaufspreises des be- 
treffenden Kleinhiindlers , dessen Betrieb allerdings zu den grofsen und 
gut geleiteten gehort Man darf diese Siitze nicht verallgemeinern, da im 
Kleinhandel die Verhaknisse sehr verschieden sind. Aufserdem ist zu 
beachten, dafs die angegebenen Zahlen nur den Kostenbetrag darstellen, 
den die Vennittlung des Kleinhandels erfordert Die Kosten, die durch 
die Uberfiihrung vom Produzenten zum Kleinhjindler entstehen, sind dabei 
nicht mitgerechnet Im allgemeinen macht aber die Gesamtausgabe fiir 
die Vennittlung des Grofshandels wegen der relativ geringeren Unkosten 
und Gewinnzuschlage desselben einen kleineren Prozentsatz des Einkaufs- 
preises aus, als die Kosten der Vemiittlung des Kleinhandels. 

Die zugiinglichen statistischen Materialien reichen nicht aus, um 
festzustellen, um wieviel Prozent im ganzen die Vennittlung des Grofs- 
und Kleinhandels die Waren verteuert, welche Gesamtgebiihr also di(^ 
Volkswirtschaft an den benifsmaXsigen Ilandel zahlt. Angaben, die ge- 
legentlich w^ohl dariiber gemacht werden, sind Schiitzungen, die einer 
sicheren Gnindlage entbehren. Soweit ich habe die Verhaltnisse kontrol- 
lieren konnen, bin ich innner mehr in der IJberzeugung bestiirkt 
worden, dafs die Ausgaben fiir die Vennittlungsarbeit des llandels iiber- 
haupt vielfach iiberschatzt werden. Im einzelnen werden manche Artikel 
auf dem Wege vom Produzenten zum Konsumenten allerdings sehr stark 
verteuert, aber wenn man alle Artikel zusammenrechnet, dann vermindert 
sich der prozentuale Kostenbetrag sehr erlieblich, und man kommt des- 



202 Ereter Teil. Der Handel. 

halb zu falschen Schliissen, wenn man sich lediglich an die einzelnen 
Artikel halt. Auch in den oben mitgeteilten Durchschnittssatzen, die in 
zwei Haushaltungen fiir den Bezug einer Reihe von Kolonialwaren an 
den Kaufmann zu zahlen waren, stecken selir verschiedene Aufschlags- 
satze fiir die einzelnen Waren, liohe sowolil als niedrige, iind doch ist 
der Gesamtbetrag sehr bescheiden. 

Die Tliatsache, dais die Spannung zwischen Einkaufs- und Ver- 
kaufspreisen sehr verschieden ist iind auch zeitlichen Schwankungen 
unterliegt, ist durch die 1888 vom Verein fiir Sozialpolitik und 1899 von 
der Handelskammer zu Hannover veroffentlichten Untersuchungen uber 
den Kleinhandel so hinreichend festgestellt, dafs es hier geniigt, auf diese 
Untersuchungen zu verweisen. Im Kleinhandel schwanken die Aufschlage 
auf den Einkaufspreis, soweit sie ermittelt sind, zwischen 5 und 400 
Prozent^ im Grolshandel zwischen 2\'2 und25Proz. Diese Unterschiede 
sind nicht rein willkiirlich, sondern haben bestimmte sachliche Griinde. 

Zum Teil erklaren sich die Unterschiede daraus, dafs jeder Kauf- 
mann gewisse Artikel standig oder zu bestimmten Zeiten ohne Gewinn 
verkaufen mufs, um die Kunden anzulocken. Gewohnlicher Pfefferkuchen 
z. B. wird zur Weihnachtszeit oft von Kleinhandlem ohne Nutzen abge- 
geben, Streichholzer werden ev. von Warenhausem zum oder unter dem 
Selbstkostenpreise verkauft, um die Kaufer anzulocken, Der Kaufmann, 
der so vorgeht, sucht natiirlich einen Ausgleich bei anderen Artikeln zu 
erzielen. Er kann das thun, da es fiir sein Geschaftsergebnis im ganzen 
nicht darauf ankommt, dafs er bei jedem einzelnen Artikel den kalku- 
lierten Preis erhalt, sondern dafs im ganzen seine samtlichen Unkosten 
gedeckt werden und ihm noch ein ausreichender Gewinn iibrig bleibt 
Das enthebt ihn nicht der Pflicht, fiir jeden Artikel die Kalkulation vor- 
zunehmen; denn er mufs sich klar sein dariiber, wo er zusetzt, und wo 
er verdient Dieser Ausgleich tragt bis zu einem gewissen Grade einen 
willkiirlich en Charakter, aber auch hier liegt es nicht lediglich in der 
Hand des Kaufmanns, bei welchen Waren er zum Ausgleich besondere 
Zuschlage erheben will. Denn die Verhaltnisse bei den einzelnen Artikeln 
notigen selbst zu einem verschiedenen Vorgehen. 

Von erheblichem Einflufs ist zumichst die Dauer der iiblichen Um- 
schlagszeit Je langsamer der Umschlag vor sich geht desto mehr mufs 
der Kaufmann auf den Einkaufspreis schlagen, um zurechtzukommen. 
Aber auch die Kaufkraft der Abnehmerkreise, die fiir die einzelnen 
Waren in Betracht kommen, mufs bei der Festsetzung der Verkaufspreise 
beriicksichtigt werden. Was der Amie kauft, mufs im allgemeinen mit 
geringeren Zuschlagen belastet werden, als das, was von dem Reichen 
konsumiert wird. Diese beiden Griinde fiihren z. B. dazu, dafs thateach- 
lich bei den standig in grofsen Mengen abzusetzenden cinfachen Konsum- 
artikeln viel geringere Zuschhige in Rechnung gestellt werden, als bei 



9. Kapitcl. Der Betrieb des Warenhandels. 203 

Luxusartikeln , die nur von Wohlhabenden und audi von diesen nur 
in einzelnen Stucken oder kleinen Mengen und nur gelegentlich gekauft 
werden. Bei Luxusartikeln werden mitunter 100 und 200 Proz. und mehr 
Aufschlag genommen, bei den gewohnlichen Nahrungs- und Genufs- 
mitteln bleibt der grofste Teil unter einem Zuschlag von 25 Proz. 

Die Verachiedenheit erklart sich weiter auch daraus, dais das Risiko 
des Unverkauftbleibens eines Teiles der Waren bei Luxusartikeln viel 
grolser ist, als bei gangbaren Artikeln des taglichen Bedarfs. Denn jene 
sind auf einen kleineren Abnehmerkreis angewiesen, und ein standiger 
Bedarf des ESnzelnen nach ihnen besteht nicht. 

Dieser selbe Gesiehtspunkt spielt auch bei den Waren eine wiehtige 
Rolle, die dem Modewechsel unterliegen. Je rascher die Mode weehselt, 
desto grofser ist die Gefahr, dais ein Teil der eingekauften Waren uber- 
haupt nicht oder doch nicht rechtzeitig Al)satz findet. Dieses Eisiko 
niufs natiirlich nomialerweise in entsprechend hoheren Zuschlagen seinen 
Ausgleich finden. Erleichtert wird das bei Modewaren dadurch, dafs in 
der Zeitj in der die betr. Artikel in Mode sind, die Xachfrage besonders 
groXs und dringlich ist, weil Niemand nachhinken will. Hier entspriclit 
also die Wirkung der erhohten Dringlichkeit des Bedarfs der iiblichen 
Lehre, dafs gesteigerte und dringliche Nachfrage den Preis in der Regel 
erhoht Daraus darf aber nicht gefolgert werden, dafs eine standige 
Starke Nachfrage relativ hohe und eine standige geringe Nachfrage rela- 
tiv niedrige Preise bedingt. Die angefiihrten Beispiele der nur gelegent- 
lich verlangten Luxuswaren und der gangbaren und einer standigen leb- 
haften Nachfrage begegnenden Artikel des taglichen Bedarf zeigen, dafs 
auch gerade das Gegenteil eintreten kann. 

Von Bedeutung ist femer der Umstand, in welchen Mengeneinheiten 
sich der Absatz zu vollziehen pflegt. Wer 1000 Sack Kaffee auf einnial 
verkauft, kann natiirlich mit einem geringeren Gewinnzuschlag zufrieden 
sein und hat auch weniger Unkosten, als derjenige, welcher den Kaffee 
in einzelnen Pfunden oder in noch geringeren Mengen absetzt. Je kleiner 
die iibliche Verkaufseinheit ist, desto grofser ist unter sonst gleichen Ver- 
haltnissen der Abstand zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis. Schon 
die Unmoglichkeit, mit Teilbetragen der kleinsten Geldsorte im taglichen 
Verkehr zu arbeiten, tragt hierzu bei. 

Dieser Gesichtepunkt leitet Uber auf einen femeren, in der Praxis 
sehr wichtigen Umstand, der die Ilohe der ZuschUige zum Einkaufspreis 
beeinflufst, das ist die Gesamthohe des Aufwandes beim Einkauf in der 
Iiblichen Mengeneinheit. Je geringer dieser Aufwand ist, desto weniger 
macht sich der Kaufer klar, ob er in diesem niedrigen Gesamtpreise einen 
hohen oder niedrigen (lewinnzuschlag mit bezahlt. Wenn ein Liter Essig 
15Pf. kostet, dann denkt Niemand dariiber nach, dafs er vielleicht 50 Proz. 
Aufschlag auf den Einkaufsi)reis des Kleinhandlers zuzahlt, Wer ein 



204 Erster Teil. Der Handel. 

Schliisselclien oder ein Paar gewohnlicher Obrbommeln zu 10 Pf. oder 
100 Drahtstifte zu 5 Pf. einkauft, niacht sich nicht klar, dafs er dem 
Kaiifmann mehrere 100 Proz. Aufschlag zalilt, und doch hat Conrad 
1888 in seineiu Bericht auf der Hauptversaiiiinlung des Vereins fiir So- 
zialpolitik aus Mitteihingen eines Kleinhandlers festgestellt, dafs damals 
der Kleinhandler selbst fiir ein Paar gewohnlicher Ohrbommeln nur 
2—3 Pf., fiir ein Scblusselelien nur 3 Pf., fur 100 Drahtetifte nur 1 Pf. 
zahlte. Die Gesanitbelastung fiir den einzelnen Konsumenten ist hier 
ebensowenig fiiblbar, dafs eine genaue Bereclinung der durch den Klein- 
handel bewirkten Verteuerung fast allgemein unterlassen wird. 

Die durch die Kalkulation erniittelten Verkaufspreise stellen nur 
die Preise dar, die der Kaufmann vom Konsumenten oder iiberhaupt 
vom Abnehmer fordem will. Ini Verkehr erleiden diese Preise aber oft 
genug eine Abschwachung. Das Vorgehen der Konkurrenten kann den 
Kaufmann zwingen, von dem kalkulierten Preise abzugehen oder in 
seinen Verkaufspreisen schon einer Verschiebung der allgemeinen Marktlage 
Rechnung zu tragen, die er bei seinen Einkaufen noch nicht fiir sich 
selbst ausniitzen konnte, u. dergl. mehr. Mitunter fiihrt zu einer Ab- 
schwachung der kalkulierten Preise auch die Gewohnheit eines Teiles der 
Kaufer, von dem geforderten Preise etwas abzuhandeln. Die iiberwiegende 
Mehrzahl der Konsumenten hat sich freilich an „feste Preise*' gewohnt 
und unterwirft sich der Preisforderung des Verkaufers oder schliefst, 
falls ihm der Preis zu hoch scheint, mit diesem Verkaufer iiberhaupt 
nicht ab. Aber ganz verschwunden ist das ^Abhandeln" oder ^Handeln*" 
im Kleinhandel trotzdem nicht. In den Stadten kommt es weniger bei 
dem mannlichen als bei dem weiblichen Teil der Bevolkerung vor, der 
manchmal den dabei erzielten kleinen Vorteilen eine zu grofse Bedeutung 
beimifst Die landliche Bevolkerung halt vielfach noch an der alten 
Gewohnheit fest und hat ihre Freude an den dadurch erreichten Ver- 
billigungen. Zu leugnen ist nicht, dafs in einem Teil dieser FaJle that- 
sachlich der Kaufmann von dem Preise, den er fordem mufs, etwas nach- 
lafat, um iiberhaupt den Verkauf zu stande zu bringen. Er rechnet dann 
darauf, bei anderen Waren oder bei anderen Gelegenheiten dafiir einen 
Ausgleich zu bekonmien. Aber in vielen anderen Fallen fiihrt das Abhandeln 
nur zu einer scheinbaren Abschwachung der kalkulierten Preise, da der 
Kaufmann bei seiner kundgegebenen Preisforderung schon einen ent- 
sprechenden Zuschlag gemacht hatte, um sich vor Schaden zu schiitzen. 
Dafs dies Verfahren wiinschensweil sei, lafst sich nicht behaupten, aber es 
ist doch entschuldban wenn der einzelne Kaufmann sich solchen Kunden 
gegeniiber, die regelmiifsig abhandeln, zu schiitzen sucht. In manchen 
Orten mit starkem Frcmdcnverkehr hat sich das Uberfordem seitens 
der Kaufleute zu einer allgemeinen Unsitte ent\vickelt, die auf eine Aus- 
beutung des Fremdenpublikums liinausliiuft. Namentlich in italienischen 



9. Kapitol. l.>er Betrieb dcs Warenhandels. 205 

Stadten ist das ubiicli, und hier ist der Freiiide auf das Abhaiideln, das 
•oontrattare'', geradezu ang^ewiesen. Im Orofsliandel treton Preisforderung 
uiid Preisan^ebot zwar ebenfalls re^elniafsig einander ^e»:enuber; aber 
hier handelt es sich danim, die inittlere Linie einer Verstandigung zu findeii, 
was bei den in Frage stelienden grofsen Mengen* auch unentbehrlieh ist. 

Die Einziehung des vereinbarten Kaufpreises erfolgt ini Verkehr 
zwischen Grofshandler und Kleinhandler in derselben Weise, wie es 
schon oben bei der Bezahlung des Einkaufspreises erwahnt ist. Hier 
ist noch hinzuzuf ttgen , dafs im Konsignationsverkehr der Konsignant 
(Kommittent) haufig fiir einen Bruchteil ([l^, \2, -3) des Wertes der kon- 
signierten Waren einen Weclisel auf don iiberseeischen Kommissionar 
(Konsignatar) ziebt und dadureb einen Vorsebuls auf die nocli zu ver- 
kaufende Ware erbalt. Die Bezahlung des Kaufpreises wird hier also 
fiir einen Bruchteil vorweggenommen. Ini Verkehr zwischen Klein- 
handler und Konsument ist die iiblichste Form die sofortige Barzahlung. 
Beim Versand nach auswiirts wird, da es sich in der Kegel um kleinere 
Mengen handelt, weniger init Wechseln, sondern meist mit Postnachnahnie 
gearbeitet, die ebenfalls auf sofortige Barzahlung oder doeh auf Zahlung 
in kiirzester Frist hinausliiuft. Gerade von diesem Mittel ist in wach- 
sendeni Umfange Gebrauch geniacht worden. 1S9G wurden in Deutsch- 
land von der Reichspost 10,1 Mill. Stiick Nachnahmepaekete und 8,S5 Mill. 
Nachnahniebriefe, also im ganzen 1 8,95 Mill. Stiick Nachnahmesendungen 
mit 250,7 Mill. M. Naehnahmebetrag befiirdert, dagegen 1S76 nur 3,65 Mill. 
Stiick mit 53,4 Mill. M. Naehnahmebetrag. Diese starke Steigerung des 
Nachnahmeverkehrs ist ein Zeichen dafiir, wie sehr sich die Lockerung 
des personlichen Verkehrs zwischen Kaufmann und Abnehmer durch Ver- 
sandgeschafte und andere Gesehaftsformen entwickelt hat. 

Neben der Barzahlung spielt, wie schon friiher ausgefiihrt ist, der 
Kreditverkehr im Kleinhandel noch eine grofse, in manchen Orten sogar 
die uber\viegende Rolle. Da sich hierbei manchmal die Bezahlung iiber 
die ubliche Frist hinaus verzogert, sucht der Kleinhandler durch wieder- 
holte Zusendung der Rechnung, durch Zusenden eines Boten mit der 
Quittung, durch Postaiiftriige, bei grofseren Betriigen auch wohl durch 
Wechsel auf den Kaufer, durch Mahnung und gegeniiber boswilligen 
Schuldnem durch gerichtliche Klage die Einziehung des Kaufpreises zu 
bewirken. Er mufs dabei mit Vorsicht zu Werke gehen und den sicheren, 
wenn auch saumseligen Schuldner anders anfassen als den boswilligen 
und unsicheren. Verliert er letzteren aus der Zahl seiner Kunden, 
so wird ihm das nicht schmerzlich sein; den sicheren Schuldner aber 
als Kunden zu behalten, hat er ein Interesse und de^jhalb wird er gut 
thun, dieuem nicht unnotig liistig zu werden. Es ist nicht immer leicht 
fiir den Kaufmann, in diesen Dingen sein Interesse mit den Riicksichten 
auf die Eigenart und Bequemlichkeit der Abnehmer in Einklang zu 



206 Erster Teil. Der Handel.] 

bringen, und gerade sichere Schuldner, die die Absicht und die Fahig- 
keit zur Zahlung haben, sind oft sebr empfindlich gegen ein Drangen 
des Kaufmanns. 

Ob dem Kaufmann die Sorge fiir die Zufuhrung der verkauften 
Ware an den Abnehmer obliegt, hangt von den beim Kaufakt getroffenen 
Vereinbaningen ab. Im Grofshandel ist, wie schon gezeigt, die Abmachung 
endweder so, dafs der Abnehmer vom Lager des Verkaufers ab bezw. 
vom Bahnbof oder Hafen des Lageningsortes ab die Weiterbefordening 
iibernehmen mufs, oder dafs der Verkaufer die Ware nach einem be- 
stimniten Platz zn liefem und fiir den Transport dahin zu sorgen hat 
Soweit im Grofshandel der Verkaufer den Transport zu bewirken hat, 
ist er in der Kegel auf die grofsen Transportmittel (Schiffahrt, Eisen- 
bahnen) angewiesen und hat die fiir den Eisenbahn- und Schiffsverkehr 
geltenden besonderen Rechtsgrundsatze zu beachten. 

Der Kleinhandel ist bei Versendungen nach ausw^rts uberwiegend 
auf die Benutzung der Packetpost angewiesen, da in der Regel nur kleinere 
Mengen auf einmal zu versenden sind. Die Notwendigkeit, eine solche 
Versendung der verkauften Waren an den auswartigen Konsumenten zu 
iibernehmen, tritt bei Versandgeschaften naturgemafs fiir die grofse Masse 
ihrer Verkaufe ein, da diese Geschafte iiberhaupt dazu bestimmt sind, 
ohne personliehe Beriihrung niit den Konsumenten deren Bedarf zu decken. 
Die Versandgesehafte unterhalten iibrigens auch zum Teil offene Ver- 
kaufsstellen, die dann in dieser Beziehung keine Abweichung von den 
sonstigen Kleinhandelsbetrieben zeigen. Warenhauser und der iibliche 
Ladenhandel kommen ebenfalls oft in die Lage, nach auswarts zu 
versenden. Die Konkurrenz der beim Versand von Waren miteinander 
ringenden Geschafte hat es zum Teil dahin gebracht, dafs der Klein- 
handler in solchen Fallen die Kosten der Verpackung und das Porto auf 
sich nimmt Normalerweise ware das Sache des Konsumenten, soweit 
nicht etwa in dem Verkaufspreis schon diese Kosten eingerechnet sind. 

Fiir die weitaus iiberwiegende Menge derGeschaftsabschliisseinWaren- 
liausem und im Ladenhandel ubemimmt es der Kaufer selbst, fiir die Zu- 
fiihrung der Ware zu sorgen. Er nimmt sie gewohnlich sofort mit. Aber 
die Anspriiche an die Bequemlichkeit in dieser Beziehimg sind vielfach 
schon sehr gewaehsen, und auch die am Ort selbst ansa^sigen Konsumenten 
verlangen oft, dafs ihnen die Ware durch Boten oder Wagen ins Haus 
gebracht wird. Der Wettbewerb unter den Kleinhandlem sorgt dafiir, dafs 
man solchen Anspriichen immer bereitwilliger entgegenkommt, und dafs 
man auch diese Gelegenheit zur Reklame fiir die Fimia und ihre Waren 
benutzt. Die dadurch entstehenden Kosten sind bei der Kalkulation zu 
beriicksichtigen. 

§ 5. Die SelbstkontroUe des Kaufmanns durch die Buohfahrang. Der 
Kaufmann bedarf, um richtig zu kalkulieren, und um jederzeit iiber die 



9. Kapitel. Der Betrieb des Warenhandels. 207 

Einzelheiten und die finanzielle Lage seines Unteraehniens Klarheit zuhaben, 
einer geordneten Buchfiihrung, die alle geschaftlichen Vorgange iiber- 
sichtlich und zweifellos darstellt und festhalt. Die geordnete Buchfiihrung 
ist ein wesentliches Element der Gesundheit de« Untemehniens. Dadurch wird 
der Kaufmann fortgesetzt angehahen, sein eigenes Vorgehen, die Entwiek- 
lung seines Geschafts, dessen Aussichten auf finanziellen Erfolg, die in den 
Weg tretenden Schw ierigkeiten zu kontroUieren und weiterhin das Verhalten 
seines Personals zu iiberwachen. Durch eine zweekmafsig eingerichtete 
und gewissenhaft durchgefiihrte Buchfiihrung wird der Kaufmann geschiitet 
gegen jede Selbsttauschung, gegen jede Unterschatzung und gegen jede 
Uberschatzung seiner geschaftlichen Lage. Durch die Buchfiihrung wird 
ihm der Entwicklungsgang seines Unteraehniens vor Augen gefiihrt, wird 
ihm gezeigt, in welchen Artikeln er Erfolg, in welchen er Mifserfolg ge- 
habt hat, wie seine allgemeinen Geschaftsunkosten sich gestalten u. s. w. 
Mit einem Wort, Klarheit iiber sich selbst und iiber sein Unteraehmen 
wird dem Kaufmann durch eine gute Buchfiihrung verschafft, und bei 
der Strenge, mit der im Handelsverkehr auf Erfiillung aller geschaftlicher 
Verbindlichkeiten gehalten wird, ist diese Klarheit fiir den Kaufmann 
unentbehrlich. Mangelhafte und nachlassige Buchfiihrang ist eine Ver- 
siindigung an sich selbst und an alien, die mit dem Geschiift in Verbindung 
treten; absichtlich falsche Buchfiihrang ist ein Verbrechen. 

Da die Gesundheit des kaufmannischen Lebens fiir die Volkswirt- 
schaft unentbehrlich ist, so ist das Mittel zur Sicherang dieser Gesund- 
heit, die Buchfiihrang, auch volkswirtschaftlich von hohem Wert, und 
das rechtfertigt es, wenn sie hier erwahnt wird. 

Die Gesetzgebung hat die Bedeutung der Buchfiihrang langst an- 
erkannt. Die Handelsgesetzbiicher legen dem Kaufmann ausdriicklich 
die Pflicht auf, Biicher zu fiihren, und schreiben vielfach auch diejenigen 
Biicher vor, die unbedingt gefiihrt werden miissen. Das neue deutsche 
Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 erklart in § 38 den Kaufmann 
fiir verpflichtet, „Biicher zu fiihren und in diesen seine Handelsgeschafte 
und die Lage seines Vermogens nach den Grandsatzen ordnungsmafsiger 
Buchfiihrang ersichtlich zu machen''. Das Gesetzbuch verlangt weiter 
in § 44, dais die Handelsbiicher 10 Jahre nach der letzten Eintragung 
aufbewahrt werden, und giebt in § 43 noch Vorschriften iiber die aufsere Ein- 
richtung der Biicher, um ihre Haltbarkeit und Ubersichtlichkeit zu sichera, 
iiber die anzuwendende Sprache und Schriftzeichen, um ihre Verstand- 
lichkeit zu gewahrleisten, und iiber die Forai der Eintragungen, um jede 
Verschleierang des wahren Inhalts zu verhindera. 

Eine Strafe fiir Unterlassung der Buchfiihrung oder fiir mangel- 
hafte Buchfuhrang an und fiir sich sieht das Handelsgesetzbuch nicht 
vor, imd einer solchen Strafe bedarf es auch nicht, solange die nach- 
teiligen Folgen der Pflichtversaumnis nur den siiumigen Kaufmann sellist 



208 Erster Teil. Dor Handel. 

treffen. Sohald die Naehteile aber auf andere iiber^eifen, tritt eine 
Strafe auf Gnind der Konkursordnung ein. Der Zeitpunkt, in welehein 
dieses Ubergreifen der Naehteile unterlassener oder nachlassiger Buch- 
fiihning auf andere erkennbar wird, ist der Augenblick des Zusammen- 
bruebs des Gesehafts, also der Zablungseinstellung oder des Konkurses. 
In dieseni Fall wird der Kaufmann, der die erforderiiehen Biicher nieht 
oder so unordentlich gefuhrt hat, dafs sie keine Ubersicht des Vermogens 
gewiihren, oder der die niit der Buchfiihrung zugleich vorgeschriebene 
regehnaXsige Aufmachung einer Bilanz unterlassen hat, mit Gefangnis 
bis zu 2 Jahren — bei Vorliegon niildernder Unistiinde mit Geldstrafe 
bis zu 6000 M. — „wegen einfachen Bankrotts'^ bestraft, selbst wenn die 
Absicht, die Glaubiger zu benachteiligen, nieht vorlag. Hat aber der in 
Konkurs oder Zahlungseinstellung geratene Kaufmann in der Absicht, seine 
Glaubiger zu benacliteiligen, die nach den Gesetz zu fiihrenden Biicher 
nieht gefuhrt oder so unordentlich gefiilirt^ dafs sie keine Ubersicht des 
Vermogens gewaliren, f>der hat er in dieser Absicht die Handelsbiicher 
vernichtet oder verheiralicht, so trifft ihn Zuchthausstrafe, und selbst bei 
mildernden Umstiinden ist mindestens eine Gefiingnisstrafe von 3 Monaten 
vorgesehen. 

Das Recht legt hiermit dem Kaufmann Verpflichtungen auf, die nur 
von einern geschaftsgewandten und geniigend ausgebildeten Kaufmann 
erfiilh werden konnen. Nur die kleinsten Handelsbetriebe unterliegen 
diesen Veq)flichtungen nieht. 

Daran liegt eine neue und ernste Mahnung an alle die, welche sich 
dem Kaufmannsstande widmen wollen, sich diesem Erwerbszweige 
nieht ohne entsprechende Vorbildung zuzuwenden. Der Kaufmann kann 
und soil viel im praktischen Betricbe leraen, auch in Bezug auf die Buch- 
fiihrung; aber lediglich aus der Praxis wird er zu einer geordneten und 
zweckmafsigen Buchfiihrung nur in den seltensten Fallen kommen. Eine 
gute Buchfiihrung erfordert nieht nur praktische Ubung, sondem auch 
tlieoretisches Wissen und will de«halb besonders erlernt sein, Ohne 
solche Kenntnisse in den Handel sich hinein wagen, ist leichtsinnig und 
kann sich schwer riichen. 

Eine Besprechung der Einzelheiten der Buchfiihrung liegt aufserhalb 
des Rahmens dieser Arbeit. 

§ 6. Der Betrieb des BuohhandeU. Mehrfache Besonderheiten zcigt 
der Betrieb des Buchhandels. Seine Aufgabe ist der Vertrieb gedruckter 
Biicher und verwandter Gegenstiinde. Rein vom geschaftlichen Stand- 
l)unkt aus betrachtet, ist er ein Erwerbsunternehmen, wie alle anderen 
Zweige des Handels. Aber jeder Zweig des llandels hat auch eine be- 
stimmte allgemeine Funktion auszuiiben, die iiber das materielle Erw^erbs- 
interesse des Kaufmanns Innausfiihrt. Auch beim Buchhandel ist eine 
wiclitige Funktion fiir die Gesamtheit sofort — und hier vielleicht noch 



0. Kapitel. Der Bctriob des Waronhaudels. 209 

scharfer aJs in anderen Zweigen — wahrnelimbar. Volkswirtsehaftlicli 
betraclitet, ist der Buchliandel als Mittel zur Verbreituni;^ und Fordening 
der Bildung imd des Wissens von lioelistem Wert. Die geistige Arbeit 
des Volkes ist auf das engste niit dem Bucbhandel verkniipft; ihre Er- 
gebnisse sind es, die durch den l^iichhandel in weite Kreise getragen 
werden. Die Waren des Buchhandels, die Biicher, dienen der Befrie- 
digung geistiger Bediirfnisse, und diese geistigen Bedilrfnisse sind noch 
viel mannigfaltiger abgestuft, als die niateriellen; bei ihnen spielt die 
Individualitiit des Einzelnen, die geistige Stromung der Zeit, der besondere 
Charakter des geistigen Lebens des Volks eine aufserst wiehtige Rolle. 
Der reichhaltigen Abstufung der geistigen Bediirfnisse mufs die Mannig- 
faltigkeit der Waren des Buchhandels entsprechen. Massenbedarfsartikel 
in dem Sinne, dafs jeder Menseh auf sie angewiesen ist, giebt es im 
Bucbhandel nicht. Getreide kann uberall Absatz finden, weil es uberall 
gebraucht vvird. Biicher, und wenn sie noch so weit verbreitet sind, haben 
doch stets von vornherein ein beschninkteres Absatzgebiet. Kein Buch 
ist so weit verbreitet in der Welt als die Bibel. Aber ein Massenbedarfs- 
artikel der Welt ist audi dies Buch nicht; als allgemein notwendiger 
Bedarfsartikel kann es nur in protestantisclien Landern betrachtet werden. 
Gerade dies Ikispiel zeigt, dafs der Konsunientenkreis, fiir dessen Be- 
friedigung ein Buch in Betracht kommt, selbst unter den giinstigsten 
Voraussetzungen an bestinimtc Schranken gebunden ist, dafs aber die 
Schranken doch auch sehr verschieden weit sind. Ein grofser Teil, wolil 
die Mehrheit der Biicher kann nur in ganz engen Kreisen Absatz finden. 
Eein wissenschaftliche Fachwerkc aus Gebieten, die den breiteren Schichten 
des Volkes frenid sind, konnen eben auch nur von Fachkreisen gelesen 
werden. Wissensgebiete, die infolge der allgemcinen Schulbildung in 
weiten Schichten auf Verstiindnis treffen, konnen auch Biicher liefern, 
deren Absatz iiber die Fachkreise hinausgeht, falls die Sprache des Buches 
allgemein verstiindlich ist. Konversationslexika, die jedem Gebildeten 
mancherlei Aufschliisse zu geben vermogen, konnen sich Absatz in der 
ganzen gebildeten Welt erobem u. s. w. 

Aber die besonderen Eigenschaften des Buchs, die Zeitumstiinde, 
unter denen es erscheint, niachen sich heim Absatz doch stets fiihlbar, 
und auch die Person des Verfassers ist fiir den Absatz oft von grofster 
Bedeutung. Biicher liaben eben ihre besonderen Schicksale. 

Fiir die Mehrzahl der Menschen ist das Bediirfnis, liiicher zu er- 
werben, nur sehr gering, und deshalb spielt bei dem Absatz der Biicher 
neben den Eigenschaften des lynches auch der Preis eine ganz besondere 
Eolle. Vielleicht nirgendwo tritt es so klar zu Tage wie hier, (Lafs der 
Preis die Naclifrage unmittelbar beeinflufst. 

Der Bucbhandel unifafst nach dem ganz allgemein herrschenden 
Sprachgebrauch den Verlagsbuchhandel, den Sortimentsbuchhandel, den 

TAV DBB BoBOHT, Handel. 1 } 



210 Krstcr J eil. I>or Hamlel. 

Kolportagebncliliandel iind den Xiiti(iuariatsbuclihandel als Ilaupt^ruppen, 
die noch diirch verscbiedene Zwisehenglieder init einander verbunden sind. 
Der Uiihstaiid, dafs man die Tbatigkeit der Verleger anstandslos ini all- 
gemeinen und nieist aueh ini wissenscliaftliclien Sprachgebrauch als 
^Handel" bezeiebnet, ist ein beaebtenswertes Zeieben dafiir, dafs man den 
Begriff Handel niebt einengcn kann auf das, was ich als ^Kaufmanns- 
bandel" bezeiebnet babe, sondern aucb dem Kegriff .,Fabrikbandel" eine 
Bedeutung beimessen mufs. Dcnn in Wirklicbkeit ist der ^'e^lagsbucb- 
bandel als eine Unterart des Fabrikbandels, des Handels mit Erzeugnissen 
der eigenen Produktion, zii betracbten. Im Verlagsbiicbbandel trifft die 
Tbatigkeit des Produzenten mit der des Kaufmanns zusammen. Wie 
jeder l^roduzent Robstoffe einkauft und diese in bestimmter Weise um- 
gestaltet nnd so in eine gebraucbsfabigere Form bringt, so erwirbt der 
A'erlagsbuebbandler das Manuskript, das in dieser Form noeb gar nicbt 
absatzfabig ist, und bringt es durcb eigene oder durcb berangezogene 
fremde gewerbliebe Anstalten und Arbeiter in die Buebform, die absatz- 
filbig ist. Der geistige Inbalt des Manuskrii)ts bleibt dabei unverandert, 
aber die siufsere Form, in der dieser Inbalt erscbeint, wird ganz anders. 
Das individuelle Erzeugnis des A'erfassers wird dadurcb vervielfiiltigt. 

An diese Ilerstellung der zum Absiitz fiibigen P'orm und an diese 
mecbaniscbe Vervielfaltigung des Manuskripts reibt der A'erlagsbucb- 
bandel unmittelbar die Tbatigkeit des Grofsbandels an. Er sucbt die 
Erzeugnisse seiner Produktion an die mit den Konsumenten arbeitenden 
Kleinbandler abzusetzen. Zum Teil, in Deutscbland mebr als in anderen 
iJindem, verbindet sieb damit gleiebzeitig aucb der Absatz unmittelbar 
an Konsumenten sowobl filr die aus eigener als audi fiir die aus fremder 
Produktion stammenden Waren. 

Der Kleinbandel mit IMicbern, der unmittelbar an die Konsumenten 
riickt, bat zumeist die Form des I^denbandels angenommen („Sortiments- 
buebbandel"). Aber er erscbeint daneben aucb in der Form des Hausier- 
bandels (,,Kolportiigebucbbandel'0. Aucb die Form des Detailreisens 
(„Beisebucbbandel") wird bilufig angcwendet. Dazu tritt in den Stadten 
nocb der Strafsenbandel (,,fliegender Jiuebbandel")? <lcr von einem Stand 
auf der Strafse oder von einem Wagen aus oder direkt aus der Han<l 
Biicber und andere Druckerzeugnissc verkauft. Der V'erkauf direkt aus 
der Hand erstreckt sicb nanientlicb auf Zeitungen, Zeitscbriften, aber aucb 
auf gangbare Biicber, wie Strafsenfiibrer, Fabrpliine, Tagesbroscbiiren u. s. w. 
Der Bucbbandel, der von einem Stand oder Wagen aus betrieben wird, 
erscbeint zum Teil als Antiquitiitenbandel, da er (»ft, namentlicb in T'ni- 
versitiitsstjidten, alte, selten gewnrdene Biicber vertreibt. 

A'oii diesen letzteren Fallen abgeseben, soUen die erwabnten Formen 
des llucbkleinbandels dem Absiitz nouer Erzeugnisse des A'erlagsbucb- 
bandels dienen. Diesen Absatz zu finden, ist ibre Hauptaufgabe; der 



9. Kapitel. Der Betricb des Warcnhandels. 211 

Buchkleinhandler ist infolge der besonderen Verhaltnisse des Biichliandels 
viel mehr reiner N'erkaufer als Einkaufer. Ist die Haiiptvoraussetzung 
fur den geschaftlichen Erfolg des Verlagsbiichhandels die, dafs er unter 
den zur Verfiigung stehenden Manuskripten diejenigen herausfindet, 
welehe am meisten Aussicht haben, in weitere Kreise zu dringen, so ist 
es fiir den Buchkleinhandler von der grofsten Bedeutung, dafs er Absatz 
zu finden versteht, dafs er die Konsumenten anregt, zu kaufen. 

Daneben hat sich in dem Antiquariatsbuchliandel ein Ilandelszweig 
entwickelt, der einmal alte und seltenc Bticlier vertreibt, weiterhin ge- 
brauchte Biicher neueren Ursprungs abzusetzen beuiiiht ist und endlich 
unverkaufte Restvorrate eines Buches bei dem Publikum unterzubringen 
sucht. Die Betriebe, die iiberwiegend dem letzteren Ziel dienen, werden 
aueh wohl unter dem eigenartigen Namen „modernes Antiquariaf' zu- 
sammengefafst. 

Die Entwicklung de« Buchhandels zu scliildern, ist hier nicht der Ort. 
Kur einige Zahlen mogen Platz finden. In dem „codex nundinarius 
Germ, liter, bisecularis'' (Mefskatalog), den G. Schavetschke heraus- 
gegeben (1850 und 1877) und aus dem Fr. Zarxcke in der aus J'riedr. 
Kapp's Nachlafs veroffentlichten ,,Geschiehte des deutsehen Buchhandels 
bis in das 17. Jahrhundert'' (Leipzig 18S6) graphische Darstellungen 
und Tabellen ausgezogen hat, sind Dmckwerke verzeichnet: 



aus deutsehen 


aus fremden 


ohne 


Orten 


Orten 


Ortsangabe 


1564— JGOO . . 14724 


6113 


1014 


im 17. Jahrlmndcrt 83 304 


17 032 


177 


„ 18. „ 166359 


8300 


691 


1801 — 1846 . . 2S5629 


6 652 


787 



Im ganzen schatzt Dziatzko im ,JIand\vorterbuch der Staatswissen- 
schaften'' die Druckwerke in Deutschland 

fur das 15. Jalirlmndert aiif 20 000 

„ „ 16. „ „ 100 000 

;, „ 17. \, „ 200 000 

„ „ 18. „ ,, 500 000 

Fiir das 19. Jahrhundert diirfte die von Wiumixgiiaus im ^Worter- 
buch der Volkswirtschaft" gegeliene Schiitzung auf 1 Mill. Druckwerke 
nicht zu hoch gegriffen sein. Die gegenwartige deutsche Produktion ist 
jjihrlich rund 20000; in den 40 er Jahren war sie nmd 10000. 

Noch viel rascher als die Zahl der Druckwerke hat sich die Zahl 
der Buchhandlungen vermehrt. Nach der Deutsehen Reichsstatistik gab 
es im Buch- und Kunsthandel ') 

1882: 4426 Hauptbetriebe mit 14 481 diirchschnittl. bescliaftigton Porsonen 
1895: 8425 „ „ 24 69'^. 



1) Ohne Leihbibliothekcii und Zeitungsvcrlag sowie -Spedition. 

14'* 



212 Erster Ten. Dcr Handel. 

Das „AlIgemeine Adrelsbuch des deutschen Buchhandels'' giebt fiir 
1898: 8972 Buchhandlungen (darunter 2075 reine Verlagshandlungen) an, 
umfafst aber audi einen Teil des aufserdeutschen Buchhandels. Die 
enteprechenden Zahlen waren fiir 

7474 Buchhandlungen, daninter 1665 reine Verlagshandlungen 



1890: 


7474 


1884: 


6142 


1877: 


4920 


1871: 


3838 


1865: 


3079 


185G: 


2215 


1839: 


1348 



1340 


" ?> 


1230 


'^ ?? 


866 


" 7? 


668 


?' ?' 


525 


V V 


232 


?J » 



Der Verkehr zwischen Fabrikhandel und Kleinhandel, genauer ge- 
sagt I^denhandel, hat sich im Buchhandel Deutschlands zu eigenartigen, 
auch fiir andere liinder vorbildlichen Formen entwickelt, die von den 
friiher iiblichen erheblich abweichen. 

Als der Buclihandel ini 15. Jahrh. durch die Erfindimg der Buch- 
dnickerkunst vor die neue Aufgabe gestellt wurde, einer viel grofseren 
Zahl von litterarischen Erzeugnissen Absatz zu verschaffen, als sein Vor- 
ganger, der mittelalterlichc Handschriftenhandel, notig hatte, da ging der 
Verlagsbuchhandel zunachst dazu iiber, durch seine Agenten, die „Bucli- 
fiihrer", eine grofsere Menge von Biichem in die Stadte und auf die 
wichtigeren Mefspliitze zu schicken und dort verkaufen zu lassen; zum 
Teil unterhielten die Verleger auch standige Vertreter an grofsen Platzen. 
Spater bildete sich rait dera zunehnienden Biicherverkehr ein besonderer 
Buchkleinhandel aus. Der Verkehr zwischen diesem und dem Verlags- 
handel volbsog sich auf den Messen, und an den wichtigen Mefsplatzen 
siedelten sich gleichzeitig auch viele Verlangsbuchhandlungen an. Der 
Mefsverkehr setzte — wie gesagt — anfangs noch das Mitfiihren von 
Biichervorraten voraus. Das wurde entbehrlich durch die Mefskataloge, 
die sich seit der zweiten Halfte des 16. Jahrhunderts einbiirgerten. Die 
wiclitigste Buchhandlermesse war anfangs Frankfurt a. M., wo sich auch 
ein bedeutender Verkehr mit dem Auslande entwickelte. Auch Koln, 
Strafsburg, Augsburg und Nurnberg waren als Buchhandlermefsplatze 
wichtig. Seit dem 17. Jahrhundert vollzog sich eine Verschiebung zu 
Gunsten Ijcipzigs, das immer mehr zum Mittelpunkt des deutschen buch- 
handlerischen Verkehrs wurde und seit der Mitte des 17. Jahrh. that- 
sachlich die fiihrende Stelle errang, begunstigt durch seine centrale Lage 
und indirekt gefordert durch die einengende und dem Verkehr hinderliche 
Art und Weise, wie in Frankfurt a. M. die 1569 dort eingerichtete Kaiser- 
liche Biicherkomraission ihre polizeilichen Funktionen ausubte. Leipzig 
ist auch heute der Mittelpunkt des buchhiindlerischen Verkehrs in Deutsch- 
land, Oestcreich und in der Schweiz. Dieser Verkehr zeichnet sich aus 
durch seine eigentiimliche Centralisierung. 



1). Kapitel. Der Betricb des Warcnhandels. 213 

Der Verkehr zwisclien Verlags- und Sortimentsbuchhandlungen wird 
vermittelt durch den ^Koiumissionsbuchhandel''. Hauptkommissionspliitze 
sind Stutto:art, Berlin, Wien, Budapest, Pra^, Zurich, vor allem aber 
Leipzi<2:. I-«eipzig ist das eigentlich C'entrum des Koniraissionsbuchhandels. 
Hier hat jeder Verleger und Sortimenter seinen Komniissionar, der den 
ganzen Verkehr vermittelt. Der Verleger sendet seinem Komniissionar seine 
Ankilndigungen, zum Teil auch ein I^ger seiner Verlagsartikel. Der Sorti- 
menter sendet seinem Komniissionar seine Bestellungen auf besonderen 
Zetteln, die dann von diesem an den Kommissiomir des beteiligten Verlegers 
oder, falls der Verleger in I^eipzig ansassig ist, unmittelbar an letzteren 
selbst weiterbefurdert werden. Halt der Leipziger Komniissionar des be- 
teiligten Verlegers in Leipzig ein Ljiger, so liefert er das Verlangte dem 
I^eipziger Komniissionar des Sortimenters; andemfalls schickt der Kom- 
niissionar des beteiligten Verlegers diesem den Bestellzettel (,,Verlangzetter') 
zu, und die Verlagshandlung sendet dann das Gewiinschte an ihren Kom- 
missionar, der es dem Kommissiomir des Bestellers ausliefert. So kon- 
zentrierensichalle Korrespondenzeniiber Bestellungen, Abreehnungen u.s.w. 
und alle Paeketsendungen in Leipzig und zwar zumeist mit Hilfe der 
^Bestellanstalt fiir buchhandlerische Geschjiftspapiere" , die 1842 vom 
Verein der Buchhandler in Leipzig gegriindet wurde, um den Verkehr 
zwischen den Kommissonaren zu vermitteln. Aueli die Zahlungsaus- 
gleichung ist in Leipzig zusammengezogen. Der ganze buchhiindlerische 
Rechnungsverkehr zwischen Verleger und Sortimenter wird auf der Oster- 
messe des deutschen Buchhandels in Leipzig, die mit dem Sonntag 
Kantate beginnt, durch Vermitdung der Kommissioniire ausgeglichen. 
Daneben bestehen dann fiir gleiche Zwecke noch Buchandlemiessen in 
Stuttgart und Wien, die aber nicht so grofse Gebiete des buchhandlerischen 
Verkehrs umspannen. 

Mafsgebend fiir diesen centralisierten Verkehr ist jetzt die vom Borsen- 
verein der deutschen Buchhandler beschlossene „Verkehrsordnung" vom 
26. April 1891. Der Borsenverein, 1825 gegriindet, ist eine Interessen- 
vertretimg, die sich durch freiwiUigen Zusammenschlufs der meisten 
Buchhandler gebildet hat. In den einzelnen Orten bestehen aufserdem 
als Lokalorgane der Interessenvertretung zahlreiche Buchhandlervereine. 

Gerade dieser feste Zusammenschlufs der Beteiligten, durch den 
sich der Buchhandel vor vielen anderen Ilandelszweigen auszeichnet, hat 
es emioglicht, die geschilderte Organisation des Verkehrs zu schaffen, die 
eine rasche und gleichmafsige Verteilung der neuen Biicher und eine 
zuverlassige und billige Abwickhing des Verkehrs gestattet. 

Nach dem Adrefsbuch des deutschen Buchhandels waren 1897 in 
Deutschland, Oesterreich-Ungam und der Schweiz im ganzen an 7 Pliitzen 
279 Kommissionare vorhanden, davon allein 158 in Leipzig, die 7910 Buch- 
handlungen vertraten. In Stuttgart liefsen sich dagegen nur 62(> Buch- 



214 Erster Teil. Der Handel. 

liandlungen vertreten, in Berlin 420, in Wien 671, in Pest 159, in Prag 140, 
in Ziirich 87. 

Neben deni durcli den Kommissionshandel vermittelten Verkehr be- 
stehen al)er auch noch direkte Beziehnngen zwischen Sortijnentern und 
Verlegern, die ohne jede Verniittlung bewirkt werden; die Entvvicklnng 
der Leistungsfahigkeit und der Billigkeit der Postverkehrs hat solche 
direkten Geschaftsverbindungen erleichtert. Imraerhin wird nur der kleinste 
Teil des buehhiindleriscben Verkehrs in Deutschland auf diesem Wege 
bewirkt. 

Ahnlieh wie in Deutschland, Oesterreich und der Sehweiz ist der 
Buchhandel organisiert in Diinemark, Schweden und Norwegen. In den 
ubrigen Landem fehlt die Vermittlungsinstanz des Kommissionsbuch- 
handels, wenn gleieh auch dort meist ein Zusaramenschlufs der Buch- 
handler in bestimniten Organisationen durchgefiihrt ist. Wohl finden 
wir in den ubrigen Landern Ilauptplatze des Buchhandels, in denen 
die unifangreichste Verlagsthiitigkeit entwickelt ist, wie Paris, Briissel, 
I^ndon, New York u. s. w., aber wirkliche Centralstellen, durch welche 
der Verkehr zwischen Verleger und Sortimenter konzentriert wird, be- 
stehen nicht. 

Die deutsche Organisation hat zwar inanche Nachteile zur Folge, 
insbesondere auch einen Reiz zur ubergrofsen Ausdehnung der Auflage 
der einzelnen AVerke und eine mit den Absatzverhaltnissen nicht inimer 
vertragUche Starrheit der Bucherpreise ; aber sie erleichtert auch das 
Bekanntwerden und den Absatz der Bucher. In anderen Landem hat 
der Verleger selbst fiir den Absatz niehr zu arbeiten, und der Erfolg ist 
oft geringer. Das giebt dort dem „raodernen Antiquariat" eine verhalt- 
nisniafsig grofse Bedeutung, da oft erhebliche Restbestande auf diesem 
AVege untergebracht werden miissen. 

Schon das Ausgefuhrte zeigt, wie eigenartig sich in einigen liln- 
dern der Verkehr zwischen Verlags- und Sortimentsbuchhandel voUzieht. 
Auch in anderen Beziehungen liegen die Verhaltnisse hier anders als im 
Warenhandel. 

Der Einkauf der Warcn seitens des Sortinientsbuchhandels ist nicht 
so verwickelt, wie beini Warenhandel. Die Waren des Buchhandels 
sind mit der Bezeichnung ihres Bezugsortes versehen und werden regel- 
mafsig in periodischen Zusammenstellungen den Beteiligten bekannt ge- 
geben. Auch bei direktem Verkehr des Sortimenters mit dem Verleger 
ist also in der Kegel Bezugsort und Bezugsquelle von vornherein gegeben. 
Bei dem in Deutschland mafsgebenden System geht iiberdies die Ilaupt- 
maisse der Biicherbestellungen seitens des Sortimentsbuchhandels durch 
die Leipziger Centralstelle, sodafs die Arbeit des Einkaufs sich verhaltnis- 
mafsig einfach vollzieht; ebenso ist auch der Transport der eingekauften 
Bucher durch diese Centralisation sehr erleichtert und vereinfacht und 



0. Kapitcl. Dor Betrieb des Warculiandcls. 215 

ofaneliin, da grofse Mas^^en hier uicht versandt werden, viel weniger 
kompliziert, ah bei den Wareneinkaufen ini Warenhandel. 

Bei den Bezugen des Sortimenters ist in Deutschland und den anderen 
Landern, welclie die deutselie Organisation als Vorbild genomnien haben, 
vereinzelt auch in England und Frankreich, ein Unterschied zwischen 
den nur gegen feste Bestellung zu beziehenden und den h condition ge- 
lieferten und den fur das eigene Lager des Sortimenters bestimmten 
liuchem zu machen. Xur gegen feste Bestellung werden Biicher, die scbon 
vor langerer Zeit verlegt sind, vom Verleger dem Sortimenter geliefert, in 
der Re^el wenigstens. Der Bezug h condition dagegen spielt bei neuen 
Verlagsartikeln eine grofse Rolle. Das seit dem 18. Jahrhundert auf- 
gekommene Konditionsgeschaft besteht darin, dafs der Verleger ohne 
feste Bestellung von dem neu erschienenen Buch dem Sortimenter eine 
x\jizabl von Exemplaren zur Verfiigung stellt derart, dafs der Sortimenter 
die nicht verkauften Exemplare in der liuchhandlermesse , die auf das 
lieferungsjahr folgt, dem Verleger zuriickgeben darf, aber anderseits 
der Verleger sie dann aucb zuriickfordern kann. Die zu dieser Messe 
zuruckzugebenden Exemplare beifsen ^Remittenden". Wird von dem 
Verleger der Riicklieferungstermin iiber diese Messe hinausgeschoben, 
(L b. werden die ^ condition gesandten Biicher auf die Rechnung des 
nachsten Jabres iibertragen, wobei sich der Verleger die Zuriickforderung, 
also die Verfiigung iiber das Konditionsgut vorbehalt, so beifsen die 
dieser Abmacbung unterliegenden Biicher „Disponenden". Das Kon- 
ditionsgut ist EigQutum des Verlegers, der Sortimenter hat es mit der 
Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns zu bewahren. Im iibrigen hat 
er bei dem Bezuge h condition keinerlei eigenes Risiko zu tragen und 
setzt eigene Mittel dabei nicht aufs Spiel. Auch bei dem Bezuge auf 
feste Bestellung hat der Sortimenter ein Risiko dann nicht zu tragen, 
wenn er den Bezug auf Grund einer Bestellung seitens eines Kon- 
sumenten bewirkt. 

Anders ist es bei den Buchern, die der Sortimenter fur sein eigenes 
Lager einkauft. Ilier tnigt er dasselbe Risiko, wie jeder andere Klein- 
handler bei den auf seinem Lager befindlichen Vorraten, also das Risiko 
des Verlustes, der Beschadigung, des Unverkauftbleibens der Ware, des 
Zinsausfalles an dem zum Einkauf verwendeten Kapital u. s. w. Der 
Sortimenter hat auch beim Bezuge der auf sein eigenes Risiko zu lagern- 
den Bestande besondere technische Schwierigkeiten nicht. Aber er mufs 
es verstehen, die richtigen Lagerbestande herauszufinden. Xur Biicher, 
die gangbar sind und regelmafsig Absatz finden, wird der Sortimenter 
auf sein eigenes Risiko fur sein Lager erwerben woUen ; aber ob er das 
immer fertig bringt, ist eine andere Frage. An dieser Stelle ist der per- 
sonlichen Geschicklichkeit des Sortimenters bei der Auswahl der Bezugs- 
artikel ein erheblicher Raum zur Bethatigung gegeben. 



216 Erster Teil. Der Handel. 

Das Letztere gilt aiich fur den Antiquariatsbucliliandler; derselbe mufs 
eine richtige Auswahl unter den vorbandenen alten Biichem oder unter 
den Eestbestiinden, die dem Verleger liegen geblieben sind, zu treffen 
verstehen, weil er sonst Absatz dafiir nicht findet, und er mufs aueb 
versucben^ diese Einkiiufe zu mogliebst vorteilbaften Preisen abzuschliefsen. 

Uni den Einkauf der gangbaren Lagerartikel zu erleicbtem und vor- 
teilhaft zu gestalten, baben sicb mebrfacb Genossensebaften zum gemein- 
sanien Einkauf grofserer Mengen gebildet, die „Vereinssortimente'' in Frank- 
furt a. M., Breslau nnd Olten. Weiter bestebt ein ,,Barsortiment^ in Leipzig, 
Berlin, Stuttgart und Wien und ein ,,Au8landiscbes Sortinicnt'^ in I^ipzig, 
Berlin und Wien, die abnlicbe Zwecke fur bestimmte Buchergruppen 
verfolgen. Ilier zeigt sicb ein Seitenstuck zu den Einkaufsgenossen- 
schaften der Kleinbiindler ini Warenbandel. 

Viel grofsere Arbeit als der Einkauf bereitet deni Bucli-Kleinbandel 
die Gewinnung des Absatzes. Nur selten ist der Erfolg eines Buches 
so grofs, dafs die Bevolkening von selbst nacb dem Erwerbe desselben 
driingt. Immerhin kommen solehe Falle vor, und der Kleinbandel bat 
es dabei leicbt. Ein anderer Teil seiner Waren trifft auf einen standigen 
und monopolartigen Absatz, niimlicb diejenigen Scbulbiicher, welcbe 
amtlicb eingefiibrt sind. Aueb bier bat der Sortimenter wenig Arbeit. 
Bel der grofsen Masse seiner Waren aber verbalt sicb die Bevolkening 
sebr gleicbgiiltig, und es ist die Aufgabe und die Kunst des Sortimenters 
und der iibrigen Formen des Bucb-Kleinbandels, diese Gleichgiiltigkeit 
zu uberwinden. 

Um das zu erreicben, mufs der Bucb-Kleinbandel versucben, mog- 
liebst nabe an dii* Konsumenten beranzukommen. Der Ladenbandel der 
Sortimenter ist in dieser Beziebimg wie alter ladenbandel im wesent- 
lichen darauf angewiesen, die Kiiufer abzuwarten, und ebenso der Anti- 
quariatsbilndler mit offenem l^den; beide baben desbalb in besonderem- 
Mafse die noch zu erwabnenden Jlittel zur Bekanntmaehung ihrer 
Firma und ibrer Waren n(jtig. Der Kleiiibandler, der auf der Strafse 
seinen Stand bat, riiekt dem Konsumenten scbon naber. Der Strafsen- 
biindler, der aus der Hand an die l*assanten verkauft, der Stadtkolpor- 
teur, der von llaus zu Ilaus zieht, der eigentlicbe Uausierer (Kolporteur 
im engeren Sinue), der Reisebucbhandel, sie alle treten unmittelbar und 
personlicb an diejenigen beran, welcbe moglicberweise als Kiiufer er- 
scbeinen, d. b. sie alle sucben den Konsumenten selbst auf und warten 
nicbt ab, bis er zu ibnen konmit. Sie bringen dem Konsumenten ent- 
weder Troben und Cluster bebufs P>langung von Bestellungen, wie der 
Reisebucbbandel, dessen Betrieb dem der Detailreisenden entspricht, nur 
dafs der Kredit, insbesondere in Form der Eatenzablung bei dem Reise- 
bucbbandel eine grofsere Rolle spielt; oder sie legen ibm die Waren 
selbst vor und baben dadurcb zugleieb ein besonders wirksames Mittel, 



0. Kapitel. Dcr Bctrieb des Warenhandels. 217 

ihre Ware bekannt zu niachen, wic die verschiedenen Formeu des Kol- 
portagrebuchhandels- 

Die Bedeutun^ der erwiihnten Arton des Wanderhandels fiir den 
Biicherabsatz ist viel ^rofser, als man gewiihnlicli annimnit, und der innere 
Wert ihrer Waren ist im all^enieinen viel In'iher anzusehlagen, als viele 
glauben. Das ^ilt audi von deni ei^entlichen Kolporta«^^ebiichliandel, der 
nanientlich die breiteren Scliiehtcu der Bevolkeriing* fiir den Biiclierer- 
werl) zu ^ewinnen suebt. Dazu bedarf es oft eines besonders wirksamen 
Titels und eines fiir den einfaeben Leser spannenden Inbalts, und die An- 
wendung dieses Mittels bat vielfacb die Meinun^ entj>teben lassen, als 
ob nur mindenvertige oder ^ar unziiebti^e Scbriften von deni Kolpor- 
tagebandel vertrieben werden. Selbstverstjindlicb koninit das audi vor; 
aber nocb viel niebr wird sittlidi nicbt anstiU'si^es Material vertrieben. 
Der fein^ebildete Goetbeliebbaber wird vielleiebt an der so in das Yolk 
gebraebten litteratur keinen (lenufs hai)eu; aber der Budibandel kann 
nicbt ledig:lieb fiir den {j;elauterten (lescbniaek eines en<,^en Kreises sor«ren. 
In den Kreisen, in denen man mit naiverer Auffassun^* der Litteratur ^egen- 
uber stebt, bedarf es audi soldier iUicber, (lit; sieli deni Ideenkreise des 
einfaeben I^esers anpassen. Wie wicbti*;* in diesen Kreisen besonders aueb 
die Wahl des Titels ist, bat der Verein zur ^rassenverbreitun^,^ ji^uter Sdiriften 
erlebt, der »2:erade in die iinneren Kreise «:ute Lektiire bineintra^en will. 

Tbatsiicblich bat der Teil der Lektiire, den nuui als „Sebund- und 
Schauerromanc'' bezeicbnet, bei dem Vertrieb des KolporUi^^ebucbbandels 
nur eine sebr gerin^e — ^ef2:en friiber erbeblieb ab«;esebwiidite — liedeii- 
tun«^. Der Verlagsbuebbiindler v. Biedemuinn in Leipzig bat Anfaii^* der 
OOer Jabre nur 5,38 Proz. als Anteil dieses ^faterials l)erecbnet. Viel wicb- 
tiger als das ist die gute Litteratur, die dureh die Kolportage in das Volk 
getragen wird. Viele gute Faniilien-Zeitscbrilh^n, Erziiblungen von guten 
Volksscbriftstellem, Konversationslexika, Brebms Tierleben und andere 
belebrende Biicber, Atlanten, gescbiebtlidie Werke, (Jebetbiieber, Bibeln, 
unsere Klassiker und vieles andere wird von den Kolporteuren viTbreitet, 
und damit wird eine wertvoUe Arbeit an der Bildung des Volks geleistet; 
man sollte das iiber dem geringen Bniditeil sdileebten ^Nfaterials nicbt 
vergessen. 

Ein grofser Teil dieser Sdiriften wiirde niebt in breitere Sebiditen 
dringen, wenn lediglicb der sefsbafte I^denbandel die Biicber vertreiben 
sollte. Die iiberwiegende Jlebrzabl der Menscben wiirde niemals ein 
Buch kaufen, wenn es ibnen nidit dureb den Kolporteur nabegelegt 
wiirde. Wie unentbebrlicli die Kolportage ist, bat gerade audi der sdion 
erwahnte Verein zur Massenverbreitung guter Scbriften selbst erfabren. 
Er hat sich genotigt geseben, enge Fiiblung mit dem Kolportagebucb- 
handel zu nebmen, weil er sonst nicbt an die einfaeben Kreise lieraii- 
kommen konnte. 



218 Erster Teil. Dor Ilaudcl. 

Audi (ler Keisebuchliandel ist ganz unentbebrlich fiir den buch- 
bandleriscben Vertrieb. Er bat naiuentlicb eine Bedeutung fiir den Absatz 
der in Lieferungen zii beziebenden Werke und erleichtert denselben dureb 
Gewabrung bequemer Teilzablungen. Xeuerdings ist die Bedeutung des 
Rcisebucbbandels noch grofser geworden als die des Kolportagebueb- 
handels, und aucb bier bandelt es sieb in der Ilauptsaebe um Erzeug- 
nisse, deren Eindringen in weitere Kreise nur erwiinscbt sein kann. Von 
facbmanniseber Seite ist wiederbolt bebauptet worden, dafs zwei Drittel 
aller in Deutscbland erscbeinenden littemriscben Erzeugnisse dureb Detail- 
reisende vertrieben werden. Dr. Batjmbacii, der in seiner Sebrift „Der 
Kolportagebucbbandel und seine Widersacber** (Berlin 1894) diese An- 
gabe bestiitigt, fiibrt auf Onind von Jlitteilungen des ^Bibliograpbiscben 
Instituts" in Leipzig einige Zablenangaben an, die geeignet sind, die Tie- 
deutung des Reisebucbbandels fiir den Bucberabsatz zu erweisen. Ilier- 
naeb sind 18S5— 1S1)3 abgesetzt worden 

durch Keisebuchbaodel durch Kol portage 

Exemplare Wert Exemplarc Wert 

MiU. M. MiH. M. 

vou Moyei-s grofsem Ivmvereatiiuisloxikon 124 000 21,28 19 000 3,23 

kleinem „ 12 000 0,28 26 000 0,62 

„ Brelnns Tierleben (grofse Ausgabo) 15 000 2,50 2 400 0,36 

Von 5 weiteren Verlagsartikeln dieser Firnia (Banke, ,.Der Menscb"; 
Batzel, ^Volkerkundc"^ ; Kerner, ^J^flanzenleben-" ; Haacke, ,,Scbopfung 
der Tierwelt'^ ; Neimayer, „ErdgescIiiebte'') sind dureb Reisebucbbandel 
fiir 1,44 Mill. M., dureb Kolportagebucbbandel fiir 100000 M. abgesetzt 
worden; von Meyers Klassikerausgai)en bat der Reisebucbbandel von 
1885—1893 etwa fiir I Mill. M. verkauft. 

Diese Angaben Bavmbachs zeigen, dafs der bucbbjindleriscbe Ver- 
trieb auf Reise- und Kolpoilagebucbbandel nicbt verzichten kann. IJbrigens 
babnt sieb zwiseben beiden eine Art Arbeitsteilung an'; beim Kolportage- 
bucbbandel verscbiebt sicb der Scbwerpunkt mebr und niehr naoh den 
kleineren billigeren Werken bin, wiibrend der Reisebucbbandel sieb mebr 
auf die grofseu Lieferungswerke wirft. 

In air deni zeigt sicb, wie uotwendig es fiir den Biicherabsatz ist, 
die OleicbgUltigkeit der Bevrdkerung dureb personlicbes Herantreten an 
den Einzelnen zu ilberwinden. Je unuiittelbarer der Bucbbandel deni 
Einzelnen nabe koninit, desto weniger braucbt er nocb besondere Reklame- 
veranstaltungeii. Reise- und Kolportagebucbbandel konnen desbalb ini 
weseutlicben auf besondere Reklanie verzicbten. Der Ladenbucbbandel, 
deni das persrmlicbe Aufsucben der Konsumenten nicbt moglicb ist, be- 
darf dagegen besouderer Reklanieveranstaltungen, die sicb in mancben 
Beziebung<Mi den jenigen des sonstigen r^adenbandels anscbliefsen. Finnen- 
schilder. Scliaufenster, Ausstellung der Waren in den Verkaufslokalen, 
Anzeigen in den Zeitungi-n, Versenden von Prospekteu, Verzeicbnissen, 



\K Kapitel. Der Betiieb ties Wareiihandels. 210 

Katalo*^n u. s. w. werden auch hier angewandt. Dazu komrnt das Zn- 
senden von Probeheften bei Liefenmgswerken , das den Probe- und 
Mustersendungen im Warenhandel entspricht. 

Aufserdem bemitzt der Buelihandel noch zwei wichtige Mittel zur 
Bekanntmachung seiner Waren, die im Warenliandel im allgemeinen nicht 
zur Anwendung gelangen. Das eine Mittel ist die Ansichtsscndung der 
Ware. Der Buchljandler sendet den Personen, die nach seiner Meinung 
als Kaufer fur ein bestimmtes Bucli auftreten konnen, dieses Buch selbst 
zur Ansieht zu, ohne dazu aufgefordert zu sein, in der richtigen Erwagung, 
dafs die vollstandige Vorfiihrung der Ware am leichtesten ein Interesse 
an dem Erwerbe des Buches erwecken kann. Der Warenhandel kann sich 
dieses Mittels in den meisten Fallen nicht bedienen. Wenn der Kolonial- 
warenhandler bei mir vermutet, dafs ich ihm 1 Pfd. Kaffee ahkaufen 
werde, so kann er mir dieses Pfund nicht zur Ansieht senden. Bei 
einem Buch dagegen ist es viel wirksamer als alle Prospekte, wenn ich 
das Buch selbst sehen kann. Fiir Personen, die einen regelmjifsigen 
Bedarf an Buchern haben, sind die regelmafsigen Ansichtssendungen zu- 
gleich auch ein Mittel, sich iiber die neuesten Erscheinungen der Littera- 
tur leicht zu unterrichten. 

Die Auswahl der zur Ansieht zu sendenden Biieher kann nur dann 
richtig vorgenommen werden, wenn der Buchhandler sich iiber die Rich- 
tung des litterarischen Interesse^ des Einzelnen klar wird. Gewisse Schriften, 
z. B. kunstgeschichtlichen oder volkswirtschafdichen Inhalts, finden auch 
in weiteren Kreisen einen Boden; viele andere interessieren aber nur 
einen engen Kreis, und den raufs der Buchhandler herauszufinden suchen. 
Ein medizinisches Fachwerk wird Nichtmedizinern in der Kegel erfolglos 
vorgelegt werden, ein Werk iiber Briickenbau interessiert nur den Tech- 
niker, der mit diesem Facli besonders zu thun hat u. s. w. Gerade bei 
der richtigen Auswahl der Ansichtssendungen kann der Buchhandler seine 
Personenkenntnis gut verwerten. Die Ansichtsscndung ist besonders in 
Deutschland sehr verbreitet. In manchen anderen liindern hat sie sich 
nicht eingebiirgert. 

Das zweite dem Buchhandel eigentumliche Mittel zur Bekannt- 
machung seiner Ware ist die litterarische Kritik in Tages- und Fach- 
zeitungen. Bei der grofsen Verbreitung der Presse in unserer Zeit ist es 
fiir den buchhandlerischen Verkehr von grofster Bedeutung, dafs die 
Presse Urteile iiber die neuen Erscheinungen des Buchhandels bringt. Die 
Kritik in Fachzeitschriften dringt naturlich nur in Fachkreise ein, ist 
aber fiir den Absatz in diesen Kreisen von AVert Die Kritik in Tages- 
zeitungen wendet sich an weitere Kreise und kann deshalb dem Absatz 
noch wirksamere Ililfe leisten. Besonders wertvoll ist es fiir den Buch- 
handel, wenn die Tageszeitungen ihre Kritik an Stellen und in einem Zu- 
sammenhange bringen, durch die oder durch den die Beachtung seitens der 



220 Erster Toil. Dor Handel. 

Leser gesichert wird. Die Abteilungen der Zeitungen iiber ^Litterarisches'' 
werden nur von einem Bruchteil der Empfiinger wirklich gelesen. Be- 
schjiftigt sicli dagegen ein Feuilleton oder ein Leitartikel mit dem Bueli, 
so findet das bei sehr vielen Beachtiing, selbst wenn die Zeitung dabei 
das Buch bekampft. Der Buchhandler hat ein grofses Interesse daraii, 
die Kritik hervorzunifen ; vor allera der Verlagsbuchhandler miifs diesen 
Weg betreten. Das Mittel dazu ist die Zusendung vpn unentgeltliehen 
Recensionsexemplaren an die Eedaktion oder unmittelbar an standige 
Mitarbeiter der Zeitschrift. Fiir den Erfolg hangt viel davon ab, ob der 
Buchhandler die richtigen Blatter fiir die Zusendung der Recensions- 
exemplare gefunden hat. Ihni mufs daran liegen, die gelesensten Blatter 
zu einer Kritik zu veranlassen; aber er mufs dabei auch das Verbreitungs- 
gebiet und den Leserkreis der Zcitschrift daraufhin priifen, ob eine Be- 
sprechung des gerade in Jktracht koninienden Buches in dieser Zeitschrift 
wirklich dem Absatz forderlich sein wird, und ob in derselben iiberhaupt 
eine Besprechung zu erwarten ist. Die Arbeitsbelastung der Redaktioneu 
ist nun freilich oft sehr grols, und das hat dazu Veranlassung gegebeu, 
dafs der Buchhilndler vielfach dem Recensionsexemplar schon eine druck- 
fahige Besprechung hinzufiigt, sodafs die Zeitung sie nur abzudrucken 
braucht. Ein Teil der Zeitungen macht von diesem beciuemen Mittel auch 
ausgiebig Gebrauch, und daraus erkliirt sich das Vorkommen wortlich 
gleichlautender Besprechungen in verschiedenen Blattern. Andere Zei- 
tungen dagegen, die iiber einen grofsen Stab stlindiger und gelegentlicher 
Mitarbeiter verfiigen, lassen es sich mit Recht nicht nehmen, ein eigenes 
Urteil abzugeben. 

Die Kalkulation der Verkaufspreise spielt beim Sortimentsbuchhandcl 
keine bcsonderc Rolle. Denn die Verkaufspreise der Biicher fiir den 
Ladenhandel werden durch den Verleger vorgeschrieben und \ielfach auf 
die Biicher aufgednickt, und dem Sortimenter wird vom Verleger ein 
bestimmter Rabatt auf den Ladenpreis — f ruber meist 33^3, jetzt meist 
25 Proz. — gewiihrt, aus dem der Sortimenter seine Unkosten decken 
kann und seinen Gewinn erzielen mufs. Das ist wenigstens die Regel. 

Friiher wurden die festgesetzten Preise allerdings vielfach im Laden- 
handel durchbrochen. Es hatte sich im Buchhandel die Gewohnheit ent- 
wickelt, dem Kiiufer auf den Ladenpreis Rabatt zu gewahren (,,Kunden- 
rabatt^*), und zwar selljst dann, wenn die Biicher nicht direkt bezahlt 
wurden. Dieser Kundenrabatt wurde zum Teil so ausgedehnt, dafs heftige 
Klagen iiber Schleuderpreise laut wurden und eine starke Gegenbewegung 
im Sortimentsbuchhandel einsetzte. Das hat dazu gefiihrt, dafs 1887 der 
Borsenverein der doutschen Buchhandler dem Unwesen cnergisch ent- 
gegentrat. Der Kundenrabatt ist grundsiitzlich abgeschafft worden; nur 
ein allerdings hoher Diskont von 5 I^roz. soil bei Barzahlung gewahrt 
werden. Die Berliner und Leii)ziger Sortimentsbuchhandler haben sich 



9. Kapitcl. Dor Betrieb des Wareiihandels. 221 

(lem init Riicksicht auf die ortliclien Verhiiltnisse nicbt an^eschlossen 
und gewahren einen Rabatt bezw. Diskont von 10 Proz. Das Biicher 
kaufende Publikum hat sich im allgemeinen leicht mit dein Wegfall der 
friiheren grofseii Eabatte abgefunden. Aber cbarakteristiscli fiir die Ver- 
breitung des Bucherrabattes ist es, dafs die Universitiits- und andere 
Staatsbibliotheken in Deutschland den Eabatt auch dann beanspnichen, 
wenn die Bezahlung deni Bezuge nicht sofort folgt, und dafs die preuf sische 
Oberrecbnun^kammer Biicherreebnungen staatbcber Organe beanstandet, 
wenn der Eabatt nicht in Abzug gebracht ist. 

An sich ware es be^ser, wenn allgemein der Buclierrabatt beseitigt 
und die Preise denientsprechend niedriger gehalten wiirden. Weshalb — 
abgesehen von einem mafsigen Sconto bei sofortiger Barzahlung — jeder 
Mensch, der ein einzelnes Buch kauft, noch einen besonderen Rabatt 
erhalten soil, ist unerfindlich. 

Soweit die Rabattgewiihrung von Sortinientern zur Durehbrechung 
der vom Verleger festgesetzten Preise benutzt wurde und wird, mufs der 
Sortimenter eine Preiskalkulation vornehnicn; man greift aber nicht felil, 
wenn man annimmt, dafs in der Ilitze des Konkurrenzkampfes davon 
oft abgesehen wird. Im iibrigen hat aber der Sortimenter mit der Preis- 
kalkulation nichts zu thun. Diese Aufgabe hat ihm der Verleger ab- 
genommen, der seinerseits allerdings sich klar zu werden hat, auf welchen 
Preis er rechnen mufs, urn seine Unkosten zu deeken und einen aus- 
reichenden Gewinn zu eriibrigen. 

Im Biicherkleinhandel spielt die Kalkulation eine RoUe gewohnlich 
nur beim Antiquariatsbuchhandel. Fiir die^en kouimen die vom Ver- 
leger festgesetzten Preise nicht in Betracht. Er mufs sich also selbst 
den Verkaufsprcis berechnen, den er nach Mafsgabe seines Einkaufs- 
preises und seiner sonstigen Unkosten fordern mufs. 

Verlags- wie Antiquariatsbuchhandel haben bei ihrer Kalkulation 
den Umstand zu beriicksichtigen, dafs im allgemeinen der Umsatz der 
Biicher sehr langsam vor sich geht. Schon aus der oben beschriebenen 
Organisation des Konditionsgeschjiftes ergiebt sich das. Nur ausnahms- 
weise kommt der Buchhiindler sclmell wieder zu dem Gelde, das er fiir 
Beschaffung seiner Ware ausgegeben hat. Audi der Sortimenter hat 
namentlich bei der Auswahl der auf sein eigenes Risiko gefiihrten Lager- 
bestande auf diesen Umstand Riicksicht zu nehmen. Der Buchhandels- 
betrieb setzt deshalb eine verhaltnismafsig grofse Kapitalkraft von Anfang 
an voraus, weil sonst der Handler den langsamen Wiedereingang seines 
Betriebskapitals nicht ertragen kann. Das ist auch friiher schon so ge- 
wesen, und in Preufsen hatte deshalb auch die Regierung die fursorg- 
liche Bestimmung getroffen, dafs der Buchhandler die Konzession nur 
erhielt, wenn er u. a. auch den Besitz eines bestimmten Kapitals nach- 
wies. Jetzt ist das, da die Gewerbeordnung den Buchhandel zu den 



222 Erster Tcil. Dit Handel. 

freien (U'werlMMi reelinet, niclit mehr erforderlich , mid cs bleil)t deni 
Einzelnen Uberlassen, sieh iiber den erforderlichen Uiiifan^ der Kapital- 
ausriistuii^ klar zu werden. 

Der Kredit spielt iiu Biiehbandel eine grofse Kolle. Der Verleger 
iiiniint den Kredit des Verfassers des Manuskripts in der Kegel (bidurcli 
in An.sprucb, dais er das vereinbarte llonorar erst zablt, wenn der Druck 
beendet ist. Das dauert oft reeht lange, namenrtieb bei Zeitscbriften 
iind Wurterbuebern u. s. w., deren einzelne Lieferungen sieb nurin langeren 
Pausen folgen. 

Der Verleger seinerseits giebt Kredit deni Kleinbuebbandler, imd zwar 
vielfaeb mit liingeren Fristen, als sic ini Warenbandel iiblicb sind. In 
Deutsebland, Oesterreieb und in der Scbweiz belaiifen sicb diese Kredit- 
fristen auf 3 — 15 jMonate, in Italien auf nieist Monate. In Holland 
liefert der Verleger an den Sortinienter oft anf Jabresrecbnung u. s. w. 

Der Bucb-Kleinliandel ist ebenfalls genotigt, seinen Abnebniem viel- 
faeb Kredit zu geben. Der Keisebiiclibandel verkauft viel auf Ilaten- 
zabhmg, aueli der I^denbucbbandel wendet dies System nicbt selten ijeliufs 
Unterbringuug grofser AVerke, wie Kouversationslexika u. dergl., an. 
I in iibrigen wird niit den Konsunienten oft auf Viertel-, Halbjabrs- oder 
aueli .labresreebnung gearbeitet. 

Die Starke Verbreitung des Kredits tn'igt natiirlieli dazu bei, dit* 
AVirkungen des langsanien Unisatzes zu verscbiirfen. 

Ini Antiquariatsbuebbandel tritt der Kredit etwas zuriiek. Ilier wird 
sebr viel i^G^^^n Barzablung aus deni Laden verkauft, oder es werdt-n 
Versteigerungen veranstaltet, in denen ebenfalls das BarzaliUmgsi)rinzip 
berrscbt. . 

1(K Kapitcl. Uer l{ffrscnliaiidel. 

§ 1. Begriff, Eigentumlichkeiten und Entwicklnng der Borsen. Die 

eigenailige (lestaltung des Borsenbandels recbtfertigt es, ibn filr sieb zu 
bebandelu. 

Die l>r»rse ist eine regebniifsig wiederkebrende Versaninilung von 
lljindelspersonen zuni Zweeke des Abseblusse* von Ilandelsgescliaften, 
die an anderer Stelle und zu anderer Zeit zu erfiillen sind. 

Ui-spriinglieb war das Wort ,,B()rse" eine Ortsbezeiebnung. Man 
leitet das AVort jetzt gewrjbnlieb ab von dem nnttelalterlicben bursa, das 
auf das grieebiscbe ^i{)aa (= ledemer Oeldbeutel) zuriickfiilirt. Das Wort 
^bursa:" kebit in deni Nanien einer l^itrizierfaniilie van der Burse zu 
Brugge wieder, deren >\^aj)i)en drei deldbeutel zeigte. Sie existierte in 
Briigge voiii 13. i)is Anfang de^ 16. Jabrbunderts. Das Haus dieser 
Faniilie wurde ,.de burse^ genannt, ebenso der dabei gelegene Platz. 
Das Haus „de burse^* wurde von den vent'tianiseben Kaufleuten als 
Konsularbaus i)enutzt. Danelien batten die Oenuesen und Florentiner 



10. Kapitfl. Der Borsculiandel. 223 

ihre Konsularhauser. Auf deiii Platz bei diesen Ilmisem traten die ita- 
lienischen Kaufleute taglich zu gescliaftlichen Versainnilimgen zusamiiien. 
Spater biirgerte sicli die Bezeielmung Burse fiir bestimmte Arten von 
Versammlungen der Kaufleute ein. 

Das ist die iibliche Erklarung. Sie dilrfte zutreffend sein. Noch 
beute gebrauehen wir das Wort Borse in den angegebenen drei Be- 
deutungen. Wir bezeichnen niit dieseni Wort bestinmite Arten von Geld- 
beuleki, wir nennen Borse bestimmte Arten von Versammlungen von 
Handelspersonen, und wir gebraucben denselben Namen aucb fiir den 
Ort dieser A'ersammlungen. Hier kommt es auf die zweite Bedeutung 
an, weil sie das We«en der Saclie trifft. Wir baben es also in den 
Borsen mit Versammlungen zum Abscblufs von Handelsgescbiiften ])0- 
stimmter Art zu thun. 

Periodische Versammlungen von Kaufleuten zu geschaftlieben Ab- 
schliissen sind uns scbon begegnet. Aucb die Miirkte sind solcbe Ver- 
sammlungen. Aber die Borsen sind den Markten im engeren Sinne 
niebt zuzurecbnen. Denn nur in diesem einen Punkte, dafs sie regel- 
mafsige Versammlungen von Kaufleuten darstellen, stimmen sie mit den 
Markten iiberein, aber im iibrigen zeigen sie so wicbtige Abweichungen, 
dafs sie als eine besonderc Institution angesebcn werden mtissen. Das 
ents])richt aucb der gescbicbtlicbcn Entwicklung. Die Borsen baben 
sich gerade desbalb ausgebildet, weil es fiir die Messen und Miirkte 
vielfaeh eines zeitgemafsen Ersatzes bedurfte. 

Manche der Abweichungen sind freilieb niebt durcbscblagender 
Art. Zunaebst besteben Unterschiede in der Zeit der Versammlungen. 
Die Borsen baben stlindigen Cbarakter, und ibrc Versammlungen finden 
taglich Oder doch in ganz kurzen Zwischenraumen statt. Die Jfiirkte 
fiir den Grofsbandel (Messen, Specialmarkte) werden nur in liingeren 
Zwischenraumen abgebalten. Von den Markten fiir den Kleinbandel 
zeigen die Wocbenmarkte eine Wiederbolung in kurzen Perioden oder 
aucb eine taglicbe Wiederbolung. Die iibrigen Miirkte fiir den Klein- 
bandel folgen sicli ebenfalls nur in grofseren Zwiscbenriiumen. Die Mebr- 
zabl der Miirkte batte und bat eben nur die Aufgabe, eine periodische 
Zusammenziehung von Angebot und Nacbfrage herbeizufiihren. Die heu- 
tigen Borsen dagegen wollen eine stiindige Begegnung von Angebot und 
Nacbfrage bewirken. 

Weitere Unterschiede erstrecken sich auf die Teilnehmer an den 
Versammlungen. Auf den Miirkten des Grofsverkehrs stromten friiher 
und kommen zum Teil aucb jetzt noch die Menschen aus sehr entle^^enen 
Gebieten zusammen. Ebenso ist es bei den Miirkten des Kleinverkelirs, 
mit Ausnahme der AVochenmiirkte, auf d(»nen wegen ilirer schnelleren 
Wiederbolung nur die Verkiiufer der niichsten Umgebung und des Markt- 
ortes selbst zusammentreffen. Da die Biirsenversannnhmgen in den 



224 Erstcr Toil. Der Handel. 

meisten Fallen ta«:licli stattfinden, so setzen sich ihre Besucher noch viel 
mehr aiis den Einwohnem des l^orsenplatzes zusammen, denen sicb dann 
audi einige nahewohnende Personen anschliefsen, wenn gnte Eisenbahn- 
verbindungen oder 8()nsti<2:e Verkebrsgelcgenbeiten das ohne besonders 
fiiblbare Opfer an Zeit enn()glichen. 

Weiter sind die Besucher der Borsen in der Hauptsache Kaufleute 
oder sonstige Haudelspersonen. Auf den Grofsmarkten ist das durchaus 
nicht iiberall der Fall. Auf den Specialmjirkten des Grofsverkehrs er- 
scbeinen haufig aueb die Produzenten. Auf den Miirkten des Kleinhandels 
treten den Kaufleuten und Produzenten die Konsumenten gegeniiber. 

Von den auf der Borsc verkehrenden Kaufleuten gebort ein sebr 
erbeblicber Bruchteil zu den Maklern und Kommissionaren, die im Auf- 
trage anderer handeln, und deren Auftraggeber zum Teil weit entfemt 
wohnen. Auf den Markten dagegen erscheinen im wesentlichen die 
Interessenten selbst oder ibre unmittelbaren Vertreter. Die berufsmiifsigen 
Handelsvennittler fehlen auf den Markten des Grofsverkehrs zwar niebt, 
treten aber lange niebt in gleieher Starke auf, wie an den Borsen, und 
auf den Jliirkten des Kleinverkehrs fehlen sie fiist ganz. 

Viel wicbtiger noeli sind die Unterscbiede in den Waren des Ver- 
kebris. Auf den Markten des Grofs- und Kleinhandels werden nur Gegen- 
stilnde des unmittelbaren Bedarfs vertrieben, auf den Borsen in sebr 
grofsem Umfangc aucb Waren des mittelbaren Bedarfs, also Wert- 
papiere der verschiedensten Art. Weiter aber dient der Markt dem 
Verkebr in individuell bestimmten Waren, die Borse dagegen dem 
Verkebr bestiramter Mengen einer Warengattung. Die Gattungswaren, 
die vertretbaren (fungiblen) Sachen, die nach Zabl, Mafs oder Ge- 
wicht bestimmt werden, sind der Gegenstand des Borsenbandels, und 
zwar werden dabei nur bestimmte Mengen gebandelt, wiihrend die 
Besebaffenlieit niebt naber untersuebt wird. An der Borse kauft und 
verkauft man z. B. 1000 Sack Kaffee derjenigeu Art, die der iiblicher- 
weise zu Grunde gelegten typischen Sorte entspricht. Auf dem Markt 
kauft man dagegen in der Kegel von einer in jedem einzelnen Fall be- 
son(l(Ts naeb ibrer Bescbaffenheit zu l)ezeichnenden Warenart bestimmte 
Mengen oder ganz bestimmte Exemplare. 

Gerade die mafsgebende RoUe, welehe im Borsenverkebr der Gattungs- 
ware zukommt, ist fiir die eigenartige Ausgestaltung dieses Verkehrs von 
grofser Bedeutung. Da die Bescbaffenheit der Ware nicht im einzelnen 
Fall besonders festgestellt werden mufs, sondern entweder schon durch 
die nezeichnung der Warenart gegeben ist oder gewohnbeitsmafsig fiir 
die Gescbaftsabschliisse an der Borsii feststebt, so bedarf es der Vor- 
fiihrung der zu v(Tkaufenden Vorrate an der Borse selbst nicht mehr. 
Es geniigt in vielen Fallen, Proben oder Muster vorzuzeigen, aus denen 
sich die i ■ bereinstimmung, der zu verkaufenden Menge mit der Beschaffen- 



10. Kapitcl. Dcr Borsoiiliandol. 225 

heit des iin Borsenverkelir iiblichen Warentypus erkenueu lafstj und es 
geniigt in vielen anderen Fallen sogar, einfacli die Ware zu nennen. 
Die in Frage koinmende Warengattung ist eben jedeni der Beteiligten 
bekannt. Im Marktverkehr fiir den Cfrofshandel kommt ein ahnlicbes 
Verfahren auch vor, aber es tritt weit zuriick binter dem Vorfiibren der 
zu verkaufenden Waren selbst und deni Kauf und Verkauf individuell 
bestimmter Warenmengen. 

Das Nichterscbeinen dcr Waren selbst auf der Biirse mrd weiter 
aucb dadurch veranlafst, dafs das nliebste Ziel des Verkebrs an der 
Borse lediglicb der Abscblufs, aber niclit die Erfiillung des Gescliafts 
ist. Auf den Miirkten ist iiberwiegend das Ziel, Abscblufs und Erfiillung 
an Ort und Stelle und Zug urn Zug herboizufubren. Auf der Borse 
dagegen ist zeitlicli wie raunilicli die Erfiillung von deni Abscblufs 
des Gescliafts getrennt selbst bei den ^Kassagescbiiften*'. Unter diesen 
Umstiinden hat es naturlicb aucb keinen Sinn, die Ware', auf die sicb 
der Geschaftsabscblufs beziebt, an der Borse selbst zusaiiimenzubringen, 
da sie dort ja docb nicbt abgenomnien und bezablt wir(L 

Das Letztere wiirde iibrigens bei einem Teil der an der liorse ver- 
triebenen AVaren aucb pbysisch unmoglicb sein, da der Borsenverkelir 
seine Abscbliisse regelniafsig auf grofse Warenmengen erstreckt, deren 
unmittelbare Heranfiilirung auf die Borse oft grofse Kosten verursacben 
und so ausgedebnte Raunilic^bkeiten erfordern wiirde, dafs die Abwick- 
lung des Verkebrs auf das iiufserste dadurch erschwert wiirde. Die 
liurse ist eben einc Centralstelle fiir den Grofsvcrkehr in Gattungswaren. 
Die den einzelnen Abschliissen zu Grunde liegenden Mengen erreichen 
schon deshalb einen grofsen Uinfang, weil in Gattungswaren ein Grofs- 
verkebr nur dann an einer Stelle zusaniniengczogen werden kann, wenn 
er von dem zersplittcrten Konsum noch weit entfernt ist, ein Gesichts- 
jmnkt, auf den namentlich Gust. Cohn mit Recht hingewiesen hat (a. a. 0. 
S. SS). Die Mengeneinheiten des B()rscnverkebrs stehen iibrigens eben- 
falls zum Teil gewohnheitsmiifsig fest 

Die besprocbenen Eigentiimlichkeiten trageii dazu bei, dem Borsen- 
verkelir einen weitreichenden Einflufs, oft iiber die I^andesgrenzen hinaus, 
zu schaffen. Die Preise, die sicb im Borsenverkehr ergoben, wirken 
auf den Verkehr aller der Zwiscbenhandler ein, die notig sind, um die 
grofsen im liorsenverkebr verhandelten Mengen an die einzelnen Kon- 
suraenten zu bringen, und der Umstand, dafs im Borsenverkehr vielfach 
auch Auftrage entfenit wohnender Personen ausgefubrt werden, ist ge- 
eignet, die Bedeutung der Borscnpreise fiir weite Gebiete noch erheblicb 
zu steigern. 

Ein Markt im iiblichen Sinne des Wortes ist also die liorse keines- 
wegs. Vielmehr ist der ^ifarkt'^ ersetzt worden fiir bestimmte Teib* 
des Grofsverkehrs diirch eine von der konkreten Ware abgeloste Central- 

VA3t DXB BosoHT, Handol. 1 ."» 



226 Ki-ster Toil. Der Handel. 

stelle fiir den Absclilufs von Geschaften. Will man diese Centralstelle 
nocli „Markt^ nennen, so niiifs man jedenfalls dem Worte ^Markt" eine 
andere und hohere Bedeutun^ beilegen, als ihm gewohnlich zukommt 

Bei air dem ist festzuhalten, dafs sich eine scharfe Grenze zwischen 
Markt und Jiorse nicht ziehen lafst, zumal sich Mischfonnen zwischen 
beide einschieben, welche Merkmale sowohl des Markte« als auch der 
Borse aufweisen. 

Schon aiis dem zuletzt Ge^agten ergiebt sich, dafs wir es in den 
Borsen mit einer neuen Organisationsform zu thun haben. In der That 
gehort die Entwicklung der Borsen im wesentlichen der Neuzeit an. 
Solange die mittelalterlichen Formen der Zusammenziehung von Angebot 
und Nachfrage im Grorshandelsverkehr, also namentlich die an die kon- 
krete Ware gebundenen Messen, dem Bediirfnis des Handelsverkehrs ge- 
niigten, bedurfte es der nicht mehr an die konkrete AVare gebundenen 
Form des Borsenverkehrs noeh nicht. Wenn iiberhaupt ein standiges 
Begegnen von Angebot und Nachfrage an bestimmten Stellen, wie es im 
Borsenverkehr vorliegt, moglich und ncitig werden sollte, so mufste der 
Verkelir schon so grofsen Umfang erreicht haben, dafs die nur in 
langeren Zwischenriiumen eintretenden Messen nicht mehr ausreichten. 
Dazu mufste die Vertretbarkeit der Ware so entwickelt sein, dafs Ge- 
schafte dartiber auch ohnc unmittelbare Vorfuhning der Ware moglich 
waren, und auch die starke Einengimg des Handelsverkehrs, die in der 
Bindung an konkrete Warenmengen liegt, mufstt sich als Ilindemis 
fiihlbar gemaclit haben, ehe an Borsen zu denken war. Das alles sind 
Voraussetzungen, die sich erst in der neueren Zcit entwickelt haben. 

Allerdings reichen die ^Vnfange der Bi>rsen bis in's Mittelalter zuriick, 
wie ja iiberhaupt das Mittelalter vielfach einen vorbereit^ndcn Charakter 
aufweist. Im Warenverkehr des Mittelalters finden wir vercinzelt den Ab- 
sclilufs von Geschaften ohne unmittelbare Vorfuhning der Ware. Getreide 
wurde wohl auf dem Halm, WoUe auf dem Schafe gekauft. Auch bei 
Heringen kam der Kauf ohne Vorfiihrung der Ware auf. Zu allgemeiner 
Bedeutung gelangte indessen diese Art des Verkehrs im mittelalterlichen 
Warenhandel nicht. Xur fiir Gewilrze halt Rk^hard Ehrenberg und 
nach ilim andere Schriftsteller einen borsenmafsigen Verkehr an einigen 
Pliitzcn gegen Ausgang des Mittelalters nicht fiir ausgeschlossen. Hier 
handelt es sich ja auch um eine Ware, bei der die Vertretbarkeit (Fungi- 
bilitiit) sich schon damals in hinreichendem Umfange ent^vickelt hatte 
und die im mittelalterlichen Grofshandel cine hervorragende Eolle spielte. 

Wichtiger noch ist die (iestaltung des Wechselverkehrs. Es steht 
fest, dafs gerade in Bezug auf Wechsel schon im Mittelalter ein borsen- 
mafsiger A'erkehr in verschiedenen italicnischen Stadten, wenn auch nicht 
unter dem Namen Biirse, entstanden war. So im 12.— 11. Jahrhundert 
in Lucca, Genua, Florenz, Venedig u. s. w. Audi fiir sUdfranzosische 



10. Kapitel. Der Borecnhandcl. 227 

und spanische SUidte, z. 15. fur Montpellier, Marseille, Barcelonci ist das 
gleiche schon fiir jene Zeit anzunehmen ; I^yon und London liaben ini 
15., Augsburg und Niirnberg im 16. Jahrhundert einen borsenmafsigen 
Wechselverkehr ausgebildet. In diesen oberdeutschen Stiidten kam aueli 
der Verkehr in Gewiirzen und in T^eibkapitalien in Betracht. Die Ixiih- 
kapitalien haben iiberhaupt schon friih im borsenmafsigen Verkehr eine 
RoIIe gespielt. 

In Brugge, wo, wie schon erwahnt, der Name ,,Bor8e'' entstand, ]»ezog 
sich dieser Name nur auf die Vcrsammlungen der italienischen Kaufleute, 
wahrend die Kaufleute der iibrigen Nationen sich noch je fiir sich ver- 
sammelten. Der Borsen verkehr erstreckte sich auch dort auf Weehsel, 
nicht auf Waren. 

Die modeme Entwicklung des Borsenverkehrs knupft aber nicht an 
Briigge und die anderen alteren Vorbilder an, sondem an Antwerpen. 
Nach Antwerpen wurde von Brugge aus schon 1460 die Einrichtung und 
der Name der Borse ilbertragen. Zunachst handelte es sich auch hier 
urn getrennte Einrichtungcn fiir die Kaufleute der verschiedenen Nationen, 
wie es ja im Mittelalter iiberall der Fall sein mufste, weil die Kaufleute 
der einzelnen Nationen ihre besonderen Privilegieu batten und sich des- 
halb nicht zu einer einheitlichen Kaufmannschaft verschmelzen konnten- 
Dieses Hindernis gerade wurde in Antweri)en beseitigt. Durch seine I^e 
nahe der Scheldemiindung fiir die Aufnahme eines grofsen iiberseeischen 
Verkehrs bestimmt, suchte Antwerpen durch moglichste Freiheit der 
Handelsbewegung den Verkehr an sich zu ziehen und lief d^adurch biild 
Briigge den Rang ab. Die mittelalterlichen Sondervorrechte der Kauf- 
leute der einzelnen Nationen verloren durch die freiere Bewegung des 
Handels ihre Bedeutung, die nationale Sonderung der Kaufmannschaft 
trat mehr und mehr zuriick, und aus den Borsen der einzelnen Nationen 
entwickelte sich eine gemeinschaftliche B()rse der Kaufmannschaft in Ant- 
werpen uberhaupt Noch 1515 wurde in Antwerpen eine besondere B()rse 
der englischen Kaufleute errichtet 1531, in welch em Jahre das grofse 
Borsengebaude von der Stadtverwaltung er])aut wurde, hatte die Borse 
in Antwerpen schon einen allgemeinen Charakter angenommen. 

In Antwerpen entstand ein sehr umfangreicher Verkehr, in welchem 
bald auch, seit den 40er und 50er Jahren des 16. Jahrhunderts, die ^Rent- 
meisterbriefe^', d. h. die von den Rentmeistern fiir Rechnung der Regie- 
rung ausgestellten Obligationen eine besondere RoUe spielten. Gerade 
diese Papiere waren bis zu der Krisis von 1557 die eigentlichen Triiger 
des Kapitalverkehrs an der Antwerpener Borse. 

Von Antwerpen aus bahnte sich die neue Einrichtung ihren Weg in 
andere Lander. Mafsgebend wurde in Frankreich die seit der zweiten 
Halfte des 15. Jahrhunderts bestehende 15(>rse in Lyon, die ebenfalls unter 
der Herrschaft einer freieren Bewegung des Verkehrs die Sondenmg des 



228 Erster Teil. Der Handel. 

Borsenhandels nach Nationen abstreifte und in den ^Konigsbriefen'', d. h. 
Urkunden iiber Anleihen der Krone, ein ahnlich bequemes Objekt fur den 
Kapitalverkebr fand, wie Antweri)en in den Rentmeisterbriefen. Nach 
dem Vorbilde Lyons wurde 1549 in Toulouse durch Konigliche Anord- 
nung eine ^bourse commune'' errichtet. Andere Platze folgten bald. 

Hinter den neueren Br)rsen, namentlich hinter Lyon, hatte Paris, das 
im Mittelalter als Wechselverkehrsplatz von Bedeutung gewesen war, 
langere Zeit zurucktreten miissen. Seit Ausgang des 16. Jahrhunderts 
ging die Borse in Lyon aber zuriick, und Paris kam wieder in die Hohe. 
1716 wurde Paris zu einer Fondsborse, die aber 1720 aus Anlafs des 
Zusaramenbrucbs des von Johx Law entfesselten Aktienspiels durch 
Konigliche Verordnung geschlossen wurde. Durch Dekret vom 24. De- 
zember 1724 wurde sie wieder eroffnet und erhielt nun einen offiziell 
anerkannten Charakter. 

In England wird die Griindung der Hauptborse des Landes, der 
Londoner Borse, auf Thomas Gresham zuriickgefuhrt Die Bestrebungen 
zur Errichtung eines Borsengebaudes setzten allerdings schon 1535 ein, 
aber erst Gresham fiihrte die Errichtung durch (1566 — 70). Die Borse 
erhielt auf Koniglichen Befehl den Namen ,,The Royal Exchange". Neben 
diesem Mittelpunkt des Wechsel- und Versicherungsverkehrs entwickelten 
sich noch verschiedene Sonderborsen fiir bestimmte Waren in London 
Fiir den eigentlichen Effektenverkehr bildete sich seit 1760 in einem 
Kaffeehause ein Mittelpunkt; erst 1801 wurde ein besonderes Gebaude 
fiir den borsenmafsigen Effektenverkehr errichtet („Stock Exchange''). 

In Holland wurde Amsterdam im 17. Jcihrhundert der wichtigste 
Borsenplatz. Amsterdam trat fiir den internationalen Verkehr mehr und 
mehr an die Stelle Antweri)ens, bildete den borsenmafsigen Wechsel- und 
Warenverkehr weiter aus und gewann iiberdies fiir den Verkehr in 
Effekten eine besondere Bedeutung. Die Aktien der neuen Ostindischen 
Kompagnie (1602) waren schon friih in Amsterdam der Gegenstand 
eines ausgedchnten Verkehrs, der die neueren Formen des Borsenhandels, 
insbesondere auch das borsenmiifsige Termingeschaft ent>vickelte. Seit 
Anfang der 70er Jahre des 17. Jahrhunderts kam auch ein regelmafsiger 
Borsenverkehr in hollandischen Staatspapieren auf. Damals war die 
Amsterdamer B(>rse die bedeutendste der Welt. 

In Deutschland wurde 1553 in Koln die Errichtung einer Borse 
angeregt, sie kam aber nicht zu stande. In Hamburg entstand 1558, in 
Liibeck 1605, in Bremen 1613 eine Px'ksc. In Berlin gab es in der erst^n 
Ilalfte des 18. Jahrhunderts eine Wechselborse, fiir die 1739 eine Borsen- 
ordnung erlassen wurde. Sie hat sich erst allmahlich enveitert. 1800 
wurde ein besonderes Gebaude dafiir errichtet und eine neue Borsen- 
ordnung erlassen. 1805 wurde die Bildung einer besonderen Borsen- 
korporation angeordnet. Seit 1806 wurden an dieser Borse auch Borsen- 



10. Kapitcl. Der Lui-senliaiideL 229 

kurse preufsischer Staatspapiere notiert. 1820 trat an die Stelle der 
Rorsenkorporation die Koq)oration der Jierliiier Kaufmannscliaft. 1859 — 63 
wurde ein neues Borsengebiiude aiifgefuhrt, das in den 80er Jabren nocb 
erweitert wurdc. Die Wiener P'ondsbiirse entstand 1771. 

Diese kurzen Xotizen zeigen, dafs tbatsiicblicb erst in der neuen 
Zeit die Borsen haufiger geworden yind; reieben ibre Wurzebi aucb in 
das Mittelalter zuriick, cine allgenieine Bedeutung baben sie erst sebr 
spiit erlangen konnen. Namentlieb das 19. Jabrbundert bat den Borsenver- 
kebr erbeblieb ausgedebnt. Niebt nur in den Werti)apieren, die gerade 
ini 19. Jabrbundert dureb das Aktien- und offentlicbe Scbuldenwesen so 
sebr an llasse gewonnen baben, liat sicb ein ininier grurserer Verkebr 
jin den Borsen entvvickelt, sondern t\s sind aucb inmier niebr AVaren zu 
vertretbaren Gatlungswaren geworden. Damit bat der Borsenverkebr im 
Organisnius der Volkswirtscbaft eine aufserst wicbtige Stelle gewonnen; 
der Einflufs der Borse ist nocb enveitert worden durcb die Erleicbte- 
rungen, die durcb das neuzeitliclie Verkebrswesen deni auftragsweise 
durebgefubrten Borsenverkebr verscbafft worden sind. 

Xeben den grofsen Borsen in Berlin, Hamburg, PVankfurt a. M., 
<las fiir gewisse Teile des Effektenverkebrs eine Bedeutung bat, giebt 
es nocb einige 20 Borsen in Deutscbland, von denen einige nur fiir einen 
engeren Bezirk in Betracbt komnien, andere aber fiir bestinnnte (Iruppen 
des Warenverkelirs von grofsem Einflufs sind. In Frankreicb ragen 
unter den niebr als 70 Borsen namentlieb Paris und Havre bervor. In 
England sind London, Liveqjool und Mancbester, in Belgien Briissel und 
Antwerpen, in Holland Amsterdam, in Oesterreicb Wien, Prag und Triest, 
in Ungarn Budapest und Fiume, in Italien Mailand, in Rufsland St. Peters- 
burg, in Amerika New York und Cbieago von besonderer Bedeutung. 

§ 2. Verfusnng und Organisation der Borsen. Die Borsenverfiissung 
bat sicb in den einzelnen liindern sebr verscbieden gestaltet. Man kann 
dabei 2 Ilauptsysteme unterscbeiden : das eine bestebt in der bebord- 
licben Beeinflussung und Kontrolle des Borsenwesens, das andere in der 
Oewiibrung volliger Unabbangigkeit von bebordlicber Beeinflussung und 
Kontrolle. Das System der bebr>rdlicben Beeinflussung und Kontrolle 
gliedert sicb wieder in zwei Arten, je nacbdem staatlicbc Beborden oder 
kommunale Selbstverwaltuugsorgane zur Einflufsnabme auf die Borse 
befugt sind. Die Herrscbaft der einzelnen Systeme biingt eng mit der 
gesamten wirtscbaftlicben und politiscben Entwicklung zusammen. Dafs 
z. B. England in diesen Dingen andere Wege eingescbhigen bat, als PYank- 
reieb mit seiner straffen Centralisiition, kann Niemand iibcrrascben , der 
sich die Ge^cbicbte dieser Lander vergegenwiirtigt. 

Gerade der enge Zusammenbang mit der allgemeinen wirtscbaftlicben 
nnd politiscben Entwicklung filbrt aucb sofort zu dem Scblusse, dafs ein 
allgemein gtiltiges Urteil iiber die einzelnen Systeme nicbt moglicb ist. 



230 Erater Teil. Der Handel. 

Audi (lie thcorerisclie Betrachtun^ als solclie kann zu einem derartigen 
Urteil niclit leiten. Die PVeilassun^ der Borsen von behordlicher Beein- 
flussunji: und Kontrolle hat den Vorteil, daTs sie eine grofsere Beweglicbkeit, 
eine bessere Anpassung an die weebselnden Bediirfnisse ennoglicht, und 
sie liat den Nachteil, dafs Milsbniucbe schwerer hintangehalten werden 
konuen. Aber sowohl der Vorteil als aucb der Xachteil braucbt nieht 
venvirkbelit zu werden. Aueh ein unabhangiger Privatverein kann un- 
gesehickt und schwerfallig arbeiten, und anderseits kann audi ein soldier 
Verein eine straffe Disziplin und Kontrolle iiber das VerhaJten seiner 
Mitglieder ausilben und den Verkdir vor Auswudisen bewahren. 

Die behordliche Beeinflussung und Kontrolle der Borsen zeigt bei 
rein tbcoretischer lietraclitung den Vorteil, dafs etwaigen Auawiidisen 
wirksani vorgebeugt und seharfer entgegengetreteu werden kann, und den 
Naditeil, dafs sicli eine gewMsse Sebwerfalligkeit entwickeln kann. Aber 
auch hier braucbt weder djis eine nocb das andere jmaktisch zu werden. 
Die Erfabning batgezeigt, dafs dieses System die binreidiende Bewegungs- 
freilieit der Borsen ebensowenig ausschliefst, wie das Aufkonimen starker 
Auswuchse und Mifsbraiidie. In soldien Dingen giebt es kein absolut 
Bestes, und so sebr nianebe einen soldien Ausspruch audi als bequemen 
und trivialen Ausweg versebreien, eine andere allgenieine Ent^cbeidung 
ist doch nieht nioglich, wenn man sich der Riicksichten auf die wirklichen 
Zustiinde und Erfahnmgen nieht entschlagen will. 

Was die thatsjichlidien Verhiiltnisse anlangt, so sind die Borsen in 
England das geblieben, was sie vielfach uberhaupt urspriinglich waren, 
namlich unabhiingige Trivatvereine, die ibre Angelegenheiten dureb selbst- 
gewahlte Organe selbstandig regeln. Xur gelegentlich und vorubergehend 
hat die .Staatsgewalt in die Verhaltnisse der Borsen eingegriffen. Unab- 
hiingige Privatvereine sind auch die Borsen in den Vereinigten Staaten, in 
Argentinien, zum Teil auch in der Schweiz. 

Als typisches Beispiel wird mit Recht in der Kegel die Organisation der 
Londoner Ef fektenbiirse (Stock Exchange) angefiihrt Nach der jetzigen 
Verfassung, die aus dem Jahre 1802 stammt, erscheint als EigentUmerin 
des Br>rseulokals ein privater Verein. Die (ieneralversammlung, zu der 
die Eigentiimer des (^ebiiudes und die MitgHeder der Borse erscheinen, 
wahlt alljabrlich im Miirz ein Committee for general Purposes, einen Ver- 
waltungsausschufs. Der Ausschufs besteht aus 30 Personcn. Dicser 
Ausschufs ist der Inhaber der Diszijilinargewalt gegenuber den Borsen- 
mitgliedern, er fungiert unter Uinstanden als Schiedsgericht bei Streitig- 
keiten iiber Anspriidie aus den Borsengeschaften, sofem (bibei allgemeine 
Interessen der Br)rse in Frage kommen, oder sofern die streitenden Par- 
teien sich iiber die Wahl eines Schie(bgerichts nieht einigen konnen, oder 
sofern das gewilhlte Schiedsgericht niclit zur Entscheidung kommen kann. 
Der Ausschufs entscheidet audi iiber die Aufnahme und die Ausschlie- 



10. Kapitel. Dor Boi-seubandcl. 231 

fsung von Mitgliedern. Die StaatsgewaU hat sicli in die Verluiltnisse 
dieser freien Vereinigung niclit hineingeiniseht; aher die Vereinigung hat 
selbst sehr charakteristische Bestiranmngen getroffen, uni ihren Mitglieder- 
bestand von ungeeigneten Elementen freizuhalten. Als ungeeignete Ele- 
mente werden einmal diejenigen angesehen, deren Mittel zu beschrankt 
sind, als dais sie dem Risiko der Borsengeschiifte gewachsen waren, uud 
weiterhin diejenigen, deren geschaftliehe A'ergangenheit nicht einwandfrei 
ist. Die notigen Garantien fiir die Geeignetheit der aufzunehnienden 
Personen werden — und das ist sehr bemerkenswert — beschafft dureh 
personliche Empfehlung und Biirgschaftleistiing von Borsenniitgliedeni, 
die selbst schon als einwandfreie erwiesen sind, d. h. die schon mindestens 
4 Jahre der Vereinigung angehort und stets alle ihre Verpflichtuugen 
erfuUt haben. Drei solche Mitglieder niussen den zur x\ufnabme Ange- 
nieldeten einpfehlen, und jeder von ihnen niufs sich verpflichten, bis zu 
50O Pfd. St (friiher bis zu 750 Pfd. St.) fiir den Enipfohlenen zu luaften, 
falls derselbe innerhalb der naehsten 4 Jahre fallieren sollte. Von den 
3 enipfehlenden Slitgliedern miissen mindestens 2 „un-indeninified'' sein, 
d. h. ihre Biirgschaft leisten , ohne dafttr eine Deckung empfangen zu 
liaben. Wer sich als un-indemnified Tbezeichnet hat und trotzdem s])ater 
eine Deckung empfangt, mufs den Glaubigern des Empfohlenen, falls 
dieser innerhalb der Burgschaftsfrist falliert, die empfangene Deckung 
auszahlen mit Ausnahrae des Betrages, fiir den er persc)nlich gebiirgt 
hat Urn eine niifsbrauchliche Ausdehnung der Biirgschaft zu veruieiden, 
ist weiter vorge^ehen, dafs kein Mitglied fiir mehr als 3 ueue Mitglieder 
zu gleicher Zeit Biirge sein darf, und dafs mehrere Mitglieder derselben 
Finna nur als eine Empfehlung gelten. 

Milder sind die Anforderungen, weun der Angemeldete bereits 4 Jahre 
lang Commis eines Borsenraitgliedes gewesen ist, sodafs seine Verhiilt- 
nisse und Eigenschaften schon genauer bekannt sind. In diesem Fall 
geniigt die Empfehlung von 2 Mitgliedern, und ihre Biirgschaft ist auf 
je 300 Pfd. St. beschrankt 

Die Empfehlung mufs auf genauer Kenntnis des Angemeldeten be- 
ruhen, woriiber sich der Vorsitzende durch Befragung des Enipfehlenden 
vergewissert. 

Ausgeschlossen von der Aufnahme ist: 
1. Jeder, der selbstandig oder als Gehilfe an einem anderen Geschiifts- 
zweige als an dem Effektenhandel der Borse beteiligt ist; auch die 
Beteiligung seiner Frau an solchen Geschaften schliefst die Auf- 
nahme aus; 
. 2. wer Mitglied eines anderen Tnstituts ist, an welchem cbenfalls mit 
Aktien und anderen Effekten gehandelt wird; 
3. wer in Association mit einer anderen Person ist, die nicht urn Auf- 
nahme eingekommen oder trotz ihrer Bewerbung zurtlckgewiesen ist; 



232 Ei-stcr Teil. Der llandcl. 

4. wer friiher in Koukurs geraten ist oder niit seinen Glaubigern 
accordiert hat, ohne mindestens V^ der Forderungen seiner Glau- 
biger erfiillt zu haben; hat er niindestens in diesem Umfange, aber 
nicht voll seine Gliiubiger befriedigt, so luussen bis zur Aufnahme 
wenigstens 2 Jahre seit Sehlufs des Konkurses oder seit Beendigung 
des ^'e^gleichs verstrichen sein; 

5. wer niehr als einnial in Konkurs geraden ist oder accordiert hat, 
ohne seine Glaubiger voll befriedigt zu haben; 

6. Auslander, die nicht schon seit 7 Jahren in England leben und 
nicht schon seit 2 Jahren naturalisiert sind. 

Sind diese Bedingungen erfiillt, so ist der Angenieldete noch immer 
nicht aufgenomnien. Vielinehr wird nun erst seine Anmeldiing durch 
Anschlag an der Borse bekannt gemacht, damit die Mitglieder etwaige 
Einwendungen schriftlieh unter Angabe der Griinde bei dem Koraitee er- 
heben konnen. Erst, wenn alles das geschehen ist, darf die Ballotage des 
Angeineldeten stattfinden. 

Wer nicht als Mitglied anerkjuint ist, kann auch nicht als Couimis 
eines Mitgliedes zugelassen werden. 1 1 berhaupt bedarf auch der Conirais 
eines Mitgliedes einer formellen Zulassung zum Borsenbesuch auf Gnind 
ciner besonderen Bcwerbung. Ist der Comniis zugelassen, so darf er docli 
nicht eher Geschafte fur seinen Prinzi])al niaehen, als bis er 2 Jahre an 
der Borse gewesen und 20 Jahre alt ist. Die Namen der bevoUmachtigten 
Comniis werden durch Anschlag bekannt gegeben. 

Den Borsenmitgliedern ist es untersagt, anderen als ihren Auftrag- 
gebem (rffentlich ihre Dienstc anzubieten. 

Nicht minder streng sind die Vorschriften iiber die Ausschliefsung 
von Mitgliedeni. Ausgeschlossen wird zunachst: 

1. Wer rait einem Comniis fiir dessen Privatrechnung Geschafte maclit; 

2. wer als ilitglied einer Firma heimlich fiir Privatrechnung Ge- 
schiiftc macht; 

3. wer mit einem der unter Ziffer 2 fallenden Mitglieder einer Firma 
Geschafte abschliefst. 

Diese Vorsclirifteu sollen mifsbrauchliche Operationen der Angestellten 
oder der Mitglieder der Biirsenfirmen bekiimpfen. Weitere z\usschliefsungs- 
griinde werden durch die Zahlungsuufiihigkeit von Mitgliedem gegeben. 
Das Jlitglied der Borse, das zalilungsunfiihig wird, wird ausgeschlossen 
und verliert das Recht zum Eintritt in die Br»rse, und fiir ihn und mit 
ihm diirfen die ilitglieder Gesehiifte nicht machen. Eine Ausnahme be- 
steht nur zu Gunsten derjenigen, welche ohne eigene Schuld falliert haben. 
Diesen kann durch besondere Erlaubnis des Komitees und der Glaubiger 
gestattet werden, ihre Geschafte an der Borse durch Vermittlung eines 
Borsenmitgliedes weiter zu fiihren. 



10. Kapitel. Der Borsenhandel. 233 

Das Eintreten der Zahlungsunfiiliigkeit wird durch das Komitec ciffenl- 
lich bekannt gemacht Geht deni Glaubiger eine private Mitteilung 
daruber zu, so mufs er dem Komitee sofort Nacbricht davon geben. 
Auf diese Weise sollen die ubrigen Borseninitglieder iiber die gescbiift- 
liche Lage des in Frage koninienden Mitgbedes recbtzeitig unterricbtet 
werden. Um sie aucb dagegen zu scbiitzeii, dafs sie diircb Separat- 
abfindungen anderer Glaubiger benacbteiligt werden, sind solcbe Separat- 
abfindungen den BorsenmitgHedern verboten. Hat trotzdeni eine Separat- 
abfindung stattgefunden, so soil der beteiligte Glaubiger veri)flicbtet sein, 
das dadureb erbaltene Geld nocb 2 Jabre sjmter vvieder berauszugeben. 

Ein wegen Zablungsunfabigkeit ausgescblossenes Mitglied kaun unter 
folgenden Voraussetzungen wieder zugelassen werden. Die Zulassung ist 
erst 6 ilonate nacb dem Vergleicb niit den Gljiubigem gestattet, aber nur 
unter der l^edingung, dafs der Scbuldner vorber niindestens \':\ seiner Ver- 
pflicbtungen aus eigenen Mitteln — also abgeseben von den erwiibnten 
Burgscbaftssummen — bezablt bat. Ist niebt die voile Befriedigung der 
Glaubiger erzielt, so bat ein besonderes Komitee von nicbt mebr als 3 Mit- 
gliedem die Ursacben und niiberen Umstiinde der Zablungsunfabigkeit zu 
untersucben. Auf Grund dieser Untersucbung wird der Wiederaufzuneb- 
mendein eine der beiden folgenden Klasseu eingereibt. Die erste Klasse uni- 
falst diejenigen, welcbe obne eigene Scbuld (z. B. durcb Bankrott ibres Auf- 
traggebers) falliert, keine Unredliebkeit begangen und den Statuten und 
Usancen der Burse niebt zuwider gebandelt baben, und deren Gescbiifte 
die durcb ibre Jlittel gezogenen Grenzen niebt iibcrsebritten baben u. s. w. 
Die zweite Klasse urafafst diejenigen, welcbe durcb I^icbtsinn und ilangel 
an Vorsicbt falliert baben. 

Die Zuweisung des Wiederaufgenommenen zu einer dieser KLassen 
wird 30 Tage lang durcb Ausbiingen an der Borse bekannt gem<aelit. 
Die ubrigen Borsenmitglieder sind also in der Lage, sieb iiber den 
Wiederaufgenommenen und seine Kreditwurdigkeit zu unterricbten. 

Diese Bestimmungen beweisen, welcber Wert auf die Bescbaffenbeit 
des Mitgliederbestandes der Borse gelegt wird. Die Vereinigung der 
Ix)ndoner Effektenborse zeigt deutlicb eine gewisse Exklusivitiit^ die sicb 
gegen die in finanzieller und in moraliscber Beziebung ungeeigneten 
Elemente ricbtet. 

In den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Frage — wie 
so raancbes andere — mebr vom Geldstandpunkt aus bebandelt. Die 
Borsen sind aucb dort unabbiingigc Vereine. Sie baben aber die Mit- 
gliederzabl bescbriinkt und die Mitgliedstellen kiiuflicb gemacbt. Die 
Preise der Mitgliedstellen sind an den einzelnen Borsen verscbieden 
und zeigen aucb zeitlicbe Scbwankungen. Am bocbsten sind die Preise 
an der New Yorker Effektenborse. Zeitweilig sind bier scbon 30000 Doll. 
fiir eine Stelle gezablt worden. Aufser dem Preise der Stelle ist dann 



284 pji*ster Teil. Der Ilandel. 

(Mil iiacli (leiitsclien Be^ffen holies Eintrittsgeld zu zalilen. In New York 
betrii«;:t an der Effektenborse das Eintrittsgeld — wenn es sich um U ber- 
tragung einer gekauften Stelle handelt — 1000 Doll; will aber Jemand 
aufgenomnien werden, ohne eine Stelle von einem bisberigen Mitglied 
gekauft zu haben, so hat er 10 000 Doll. Eintrittsgeld zu zahlen. Ein 
Mitglied, das seine Stelle verkaiift^ erhalt das Eintrittsgeld nicht zurtick. 
Stirbt aber ein Mitdied, so erhalten die Erben voni Verein eine Sumnie, 
zu der jedes Mitglied 10 Doll, beisteuert, und die dem Eintrittsgeld 
otwa entspricht. Bei der Fondsborse in Chicago wird nur aufgenoinmen, 
wcT durch 2 Mitglieder empfohlen ist und 2500 Doll. Eintrittsgeld zahlt 
Fiir die fl)ertragung einer sehon liestehenden Mitgliedschaft sind 25 Doll, 
zu zahlen. — 

Das System der behordliehen Beeinflussung und KontroUe durch 
( Jemeindeorgane besteht in Belgien und Holland. In Belgien giebt das 
Ilandelsgesetzbuch den Ortsbehorden das Oberaufsichtijrecht iiber die 
Borsen, die im iibrigen als Vcreine organisiert sind. Die Ortsbehorden 
erkissen audi die Eegleinents. In den Niederlanden entscheiden die 
Ortsbehorden iiber die Errichtung der Borsen und geben die erforder- 
lielien Regleiiients. 

Im u])rigen kann auf dem europaischen Kontinent das System der 
staatlichen Beeinflussung und Kontrolle als das herrschende angesehen 
werden. Die Borsen konnen dabei in bestimmten Grenzen ihre Angelegcn- 
heiten selbst ordnen; aber ihre Statuten bedurfen staatlicher Genehmi- 
gung. ihr Verhalten wird durch staatliche Organe beaiifsichtigt, staatliche 
Organe haben die Errichtung zu genehmigen und konnen gegebenenfalls 
die Borse aufheben u. s. w. Dieses System besteht jetzt in Deutschland, 
Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Italien, Spanien, Portugal, Rulsland, 
Skanilinnvien, Griechenland, Serbien, Rumanien und in einigen Kantonen 
der Schweiz. In einzelnen sind dabei natiirlich viele Abweichungen 
vorhanden. 

In Frankreich, dem Lande der Centralisation, zeigt schon die Ver- 
ordnung von 1724 iiber die Pariser Borse in charakteristischer Weise 
die Starke Einflursnahnie der Staatsgewalt. Der Polizeiprafekt von I^aris 
hatte die Eroffnung der Borse zu bestimmen, und die Konigliche Ver- 
ordnung regelte alle muglichen Einzelheiten iiber die Zulassung zuni 
Borsen])esuch, iiber die Gegenstiinde d(^s Br)rsenverkehrs, iiber die Kon- 
trolle des A'erhalteiis der Mitglieder u. s. w. Frankreich hat das System 
weitgehender staiitlicher l)eeinflussung beibehalten. Die Errichtung der 
Borsen bedarf der staatlichen (lenehmigung. Die wirtschaftliche Ver- 
waltung stelit den llandelskammeni zu. Die innere Borsenpolizei dagegen 
iiben stmitliche oder vom Staat bestellte Organe aus, in Paris der Seine- 
priifekt, bei den Provinzborsen die Maires oder die Vorstiinde der anit- 
lichen Makler, die schon nach der Verordnung von 1724 eine Monopol- 



10. Kapitcl. Dor Borsenliaiulel. 235 

stellun^ hatten und sie lieute noch haben. An den 7 Ilauptborsc^n fiir 
den Elffektenverkelir, namlieb in Paris, Bordeaux, Lille, Lyon, Marseille, 
Xantes und Toulouse sind voni Ministerium anitliche Maklerkollegien 
(•parquet'' genannt) eingeriehtet,. die ausschlierslich das Eecht haben, 
(leschafte in Staatspapieren und anderen kursbabenden Papieren zu ver- 
mitteln und die Kurse festzustellen. Die Einrichtun^i; der amtlicb bestellten 
vercidijcten agents de change wurde — niit veranlafst dureb die Ausselirei- 
tungen wahrend der Herrscbaft des Iu.\\v'scben Systems — in Paris 1724 
zu deni Zwecke geschaffen, urn Scheinverkaufe und eine Diskreditierung 
der Staatspapiere zu verbindem. Dieseni Zweck dient sie audi jctzt 
noch. Die vereideten AFaklcr ])ildeu eine Genossenscbaft Die Mitglieder 
der Genossenscbaft niiissen bestininite Bedingungen erfullen. Der anit- 
liche Makler nmfs u. a. JYanzose von Geburt, niindestens 25 Jabre alt, 
ini Bcsitz der burgerlicben Ebrenrecbte sein, ein Zeugnis von den Leitem 
mehrerer Bank- und Ilandelshiiuser iiber seine Befiihigung und iiber 
seinen I^umund aufweisen, von deni V^orstand der Genossenscliaft nicht 
beanstandet sein u. s. w. Auch eine Kaution mufs er stellen, die in Paris 
seit 1862: 250000 Frs. betragt und sich bei den Provinzborsen zwiscben 
40 000 Frs. (Lyon) und 10000 Frs. (Nantes) halt. Die Zabl der Mit- 
glieder dieser Genossenschaften ist beschrankt, an der Pariser Effekten- 
borse z. B. auf 60 (seit 1816). Der anitliche Makler hat aber das Eecht, 
einen Xachfolger vorzuscblagen. Dasselbe Recht stebt beini Tode des 
Maklers seinen Erben zu. Dadurch sind die Maklerstellen zu Kauf- 
objekten geworden, die wegen der geringen Mitgliederzabi sebr bohe 
Preise — neuerdings 2 Millionen PYs. und mehr — erzielen. Die Kauf- 
vertnige bediirfcn aber der Gonehniigung des Finanzininisters. 

Die Genossensclunft der amtlichen Makler wjihlt sich ibren Vorstand 
{chand)re syndicate) selbst. Der Vorstand hat die luteressen der Ge- 
nossenscbaft zu wahren, Streitigkeiten zwiscben den Mitgliedern zu 
schlichten, die Disziplinargewalt gegenUber den Mitgliedern auszu- 
iiben u. s. w. 

Mit aintlicher Duldung, aber obne gesetzliche Erlaubnis besteht neben 
dem „Parquet^ die ^Coulisse'', unter welcheni Namen man die an den 
Borsen thatigen Privatmakler zusammenfafst. Dafs sie gesetzlich uner- 
laubt ist, zeigen die boben Geldstrafen, zu denen 1 859, als es zu einem 
Bnich zwiscben Parquet und Coulisse gekommen war, verscbiedene 
Privatmakler venirt^ilt wurden. (Tewohnlich vertragen sich indes beide 
Parteien, da sie sich gegenseitig erganzen, und da die geringe Zalil der 
amtlichen Makler zur BewaJtigung des Verkebr nicht jiusreicbt, selbst 
wenn sie, wa.s seit 1859 erlaubt ist, fiir ibre Rechnung und unter 
ihrer Verantwortlicbkeit einen oder mehrere, hochstens fiber 4 Commis, 
deren Namen an der Borse anzuscblagen sind, Gescbafte vermitteln 
lassen. Im allgemeinen liegt der Scliwerpunkt der Thatigkeit der Privat- 



236 Erster Teil. Der Handel. 

niakler bei den Zeitgescbilften, und zwar unterscbeidet man in Paris die 
^coulisse des rentes", welcbe Zeitgeschafte in franzosiscben Staatspapieren 
maebt, und die „coulisse des valeurs", welcbe in auswartigen Papieren 
Geschafte (fast nur Zeitgescbiifte) niacht. Aulserdem giebt es noch eine 
^coulisse du comptanf' fiir Kassagesebafte in den niebt zur amtlichen 
Bijrsennotiening zugelassenen Papieren. 

Der Zutritt zur Borse ist im iibrigen in Frankreicb laut Art. I des 
Gesetzes voni 27. Prairial des Jabres X Jedem und, wie es dort beifst, 
„ni6nie aux etrangers" gestattet. 

Bei den franzosiscben Produktenbursen bestanden friiber ebenfalls 
privilegierte Makler. Seit 1866 ist indes unter Entscbadigung der da- 
nialigen privilegierten Warenmakler die Vermittlung von Gescbaftsab- 
scblussen an diesen Borsen freigcgeben. Wenn die Warenmakler sich 
beim Handelsgericlit in eine Liste eintragen und vereidigen lassen, 
wozu aber an sicb Niemand verpfliebtet ist, erlangen sie das Recbt 
zur Mitwirkung bei der Preisfeststellung, zur Abbaltung von Versteige- 
rungen u. s. w. 

Anders geartet, aber stark ausgebildet ist der staatlicbe Einflufs auf 
die Borsen aucb in Oesterreicb. Die Erricbtung der Borse setzt Ge- 
nebmigung des Finanz- und des Handelsministers voraus. Aucb die 
Statuten bediirfen ministerieUer Genebmigung. Die Leitung der Borse 
liegt in der Hand selbstgewiiblter Organe, die aber ibrer Funktionen 
entboben werden konnen, wenn sie die Statuten verletzen. Die Aufsiebt 
stebt dem Staat zu, der sie durcb Borsenkommiss<are ausiiben lafst. Der 
Borsenkommissar wird vom Finanzminister im Einvemebmen mit dem 
Handelsminister emannt. Er bat weitgebende Kecbte. Den Beratungen 
der Borsenorgane kann er beiwobnen, Bescblusse dieser Organe kann 
er vorljiufig, d. b. bis zur Entscbeidung der boberen Beborde, sistieren, 
sofern sie ibni gegen die Gesetze oder Statuten zu verstofsen scbeinen, 
die Durcbfubrung der Borsenvorscbriften bat er zu kontrollieren , Mifs- 
braucbe bat er zu riigen und ibre Beseitigung berbeizufiibren u. s. w. 

In Deutse bland bestanden bis 1S96 verscbiedene Systeme neben- 
einander. Nacb denFeststellungender Deutscben Borsen-Enqu^tekommission 
von 1892 war in Baden und in Bayem weder staatlicbe Genebmigung 
der Borsen und ibrer Statuten nocb staatlicbe unmittelbare oder mittel- 
bare (dureli Ilandelskammem ausgeiibte) Aufsiebt vorbanden. In Sachsen 
war es in Zwickau, Cbenmitz und Dresden ebenso, wabrend in Leipzig 
die Handelskammer die Aufsiebt fiibrte. 

In Hamburg und Li'ibeck standen die Borsen ebenfalls unter Auf- 
siebt der Handelskammer. In Bremen dagegen wurde die Handels- 
kammer von dem aus den Borsenmitgliedern bestebenden „Kaufmanns- 
Konvent" gewiiblt; der Vorstand der bremiscben Fondsborse war der 
Aufsiebt der Handelskammer unterstellt. 



10. Kapitol. Der Boi-h^enliaiidel 237 

In Wiirtteniberg bedurfte Erriclitung der Borse und Erlafs der Borsen- 
ordnun^ der staatlichen Genehini<j:im^; die Aufsicht fiihrte die Handels- 
kamnier. 

In Preufsen war Genchmigun^ des Ilandelsniinisters zur Errichtung^ 
der Borse und zuni Erlafs (und zur Anderun^) der Horsenordnun«:: nciti^. 
Die Aufsicht stand grimdsatzlicli deni Staat zu und wurde in Diissel- 
dorf von der Koni«:I. Regiening, in Breslau, Essen, Frankfurt a. M., Ilalle 
a. S., K()ln und Posen von der TIandelskaninierj in Ikrlin, Danzig, Elbing, 
Konigsberg i.Pr., Magdeburg, Meniel, Stettin von den Altestenbezw. von dera 
Vorsteheramt der Kaufniannscliaft ausgeiibt derart^ dafs der Staat die Aus- 
ubung seiner Aufsiehtsrechte auf die off iziellen Interessenvertretungen ul)er- 
tragen hatte. In Gleiwitz dagegen stand die Borse lediglicli untcr Leitung 
einer Kouimission, die von den Mitgliedern aus ihrer JFitte gewiihlt wurde. 

Aucb in Bezug auf sonstige Punkte, wie Zulassuugsbedingungen 
und dergl., bestanden erheblicbe ^'ersclliedenbeiten. 

Das lleiehsborscngesetz vom 22. Juni 1896 hat eine gleichnijifsige 
grundsiitzlicbe Behandlung der Biirsen eingefiihil und deni staatlichen Ein- 
flufs einen grofseren Spielrauni gesehaffen. 

Die Errichtung der licirse bcdarf daniach der (renehniigung der 
Lindesregiening. Die Landesregierung kann auch die Aufhebung be- 
stehender Borsen anordnen. Der I^indesregierung steht die Aufsicht iiber 
die Borsen zu, sie kann aber die unniittelbare Aufsischt den Handels- 
organen (Ilandelskanmiem , kaufniannischen Korporationen) ul)ertragen, 
was thatsiichUch geschehen ist. 

Als Organe der T^xndesregierung sind bei den Borscni Staatskoniniissare 
zu bestellen; sie haben den Geschaftsverkehr und die Befolgung der in 
Bezug auf die Borse erlassenen Gesetze und Verwaltungsbestimuiungen 
nach naherer Anweisung der Landesregierung zu iiberwachen; sie sind 
berechtigt, den Beratungen der Br>rsenorgane beizuwohnen und die B()rsen- 
organe auf liervorgetretene Mifsbriiuche aufnierksani zu niachen. Sie 
liaben w-eiter iiber <lie ^[ang(J und die ]\[ittel zu ihrer Abhilfe zu l)erichten. 

Mit Zustimnning des Bundesrates kann indes fiir einzelne Biirsen 
die Thiitigkeit des Staatskouiniissars auf die Mitwirkung beim ehren- 
gerichtlichen Verfahren beschriinkt werden, oder es kann bei kleinen 
B(»rsen von der Bestelbing eines Staatskouiniissars ganz abgesehen w^erden. 

Als gutachtliclies Organ in Brn-senangelegenheiten ist deni Bun<les- 
rat ein „Borsenausschufs'' von nnndestens 30 Mitgliedern beigegebcn. 
AUe Mitglieder des Ausschusses werden vom Bundesrat in der Kegel 
auf 5 Jahre gevvahlt. Fiir die lljilfte der Mitglieder haben di(^ Borsen- 
organe ein Vorschlagsrecht: die andere IlJilfte wird ,,unter angeniessener 
Berucksichtigung von I^mdwirthchaft und Industrie'' gewiihlt. 

Eine Borsenordnung ist fiir jede Br>rse obligatorisch. Sie bedarf 
der Grenehmigung der Landesregierung. I^^tztere kann die Aufnahnie 



238 Ereter Teil. Der Handel. 

bestinunter Vorschriften in die Borsenordniing anordnen, insbesondere 
der Vorschrift, dais in den Vorstanden der Produktenborsen die Land- 
wirtschaft, die landwirtschaftlichen Nebengewerbe und die Miillerei eine 
entsprechende Vertretung finden. 

In der Bursenordnung niiissen Bestiramungen stehen iiber die Borsen- 
leitung und ihre Organe, iiber die Gescliaftszweige, fiir welche die Borsen- 
einrichtungen bestimnit sind, iiber die Voraussetzungen der Zulassung 
zura Borsenbesucli und iiber die Notierung der Preise und Kurse. 

Uber die Zusanmiensetzung des eigentliehen Verwaltungsorgans der 
Borse, des Biirsenvorstandes, giebt das Gesetz keine naheren Vorschriften 
aufser der schon erwabnten Befugnis, die Vertretung der I^andwirtschaft, 
der landwirtscbaftlichen Nebengewerbe und der Miillerei in deni Vorstande 
anzuordnen. 

Thatsaehlicb bestelien deslialb nacli den seit Erlafs des Gesetzes 
ergangenen Borsenordnungen manclie Verschiedenbeiten hinsiehtlicb der 
Zusanmiensetzung des Vorstandes. In Berlin bestelit der Borsenvorstand 
aus 32 Mitgliedern; 24 derselben werden von den am Borsenverkelir 
direkt teilnehnienden Mitgliedern der Korporation der Berliner Kauf- 
mannsebaft aus ibrer Mitte auf 3 Jabre gewiiblt, und zwar 15 fiir die 
Fondsborse und 9 fiir die Produktenborse. Die iibrigen 8 Mitglieder 
werden von den „Altesten der Kaufinannscbaft'^ aus ibrer Mitte auf 
1 Jabr gewablt, und zwar 5 fiir die Fondsbi^rse und 3 fiir die Produkten- 
br»rse. Ini ganzen bestebt also der Vorstand der Fondsborse aus 20, 
derjenige der Produktenborse aus 12 Jlitgliedem. Dem Vorstand der 
Produktenl)orse treten fiir die Angelegenbeiten, die den Tlandel niit land- 
wirtscbaftlieben Produkten betreffen, nocb hinzu: 

5 Vertreter der I^ndwir^seliaft und der landwirtscbaftlichen Neben- 

gewerbe, ernannt voni I^ndwirt,scbaftsminister auf 3 Jabre, 
2 ^'ertreter der Miillerei und anderer zuni Borsenverkelir in Beziehung 
stehender Gewerbe, ernannt voni Handelsminister auf 3 Jabre. 

Diese Ergiinzung des Borsenvorstandes diirch Personen, die aufser- 
lialb der BiJrse steben und zu ihrer Unterhaltung nicbts beitragen, ist 
der Berliner Bt)rse aufge/wungen worden und von den Mitgliedern der 
Produktenbr>rse als ein so schwerer Angriff auf ihre Berufsebre empfunden 
worden, dafs sie sich sanitlieli des Borsenbesucbs entbielten. Auch sonst 
haben die JIaudelskaniniem und Kaufniannscbaften gerade diese Neue- 
rung des Gesetzes von 1896 sebr energisch bekiimpft 

In der That entsi)ringt sie einer mifstrauischen und ablehnenden Ilal- 
tung gegen die Borsen, wie sie sich in nianehen, namentlich in iandwirtscbaft- 
lichen Kreiscn festgesetzt bat, und ist zuni mindesten ungewohnlich. Ob sich 
der Ilandelsstand daniit aussohnen wird, lafst sich jetzt nocb nicht sagen. 

In Breslau wiiblt die Ilandclskamnier aus der Zahl der Borsen- 
besueher jabrlich den Vorstand, und zwar mindestens 7 fiir die Fonds- 



10. Kapitel. Der Boi-sonliandcl. 239 

borse und mindestens 4 fiir die Produktenborse. Dem Vorstand fiir die 
I^roduktenborse kann die Schle^ische Landwirtschaftskammer einen Ver- 
treter der landwirtschaftlicheii Spiritusbrennerei zugesellen, solange Spiritus 
in Breslau borsenraafsig gehandelt wird; sollten spater noeh andere 
landwirtschaftliche Produkte borsenmafsig geliandelt werden, so kiinu 
die ScLlesische Landwirtschaftskainnier 3 Vertreter der Landwirtschaft und 
der landwirtschaftlichen Nebengewerbe in den Borsenvorstand entsenden. 

In Frankfurt a. M. besteht der Vorstand aus 5—9 Personen, die 
jahrlich von der Handelskamraer aus dein Kreise ibrer Mitglieder odor 
der Borsenbesucher gevvahlt werden. 

In Koln ernennt die Handelskamraer den Vorstand von 11 — 15 Per- 
sonen. Davon mussen mindestens 6 fiir die Effektenborse und mindestens 
5 fiir die Produktenborse sein. Zu dem Vorstand der Produktenborse 
entsendet der Landwirtscbaftliche Verein in Rheinpreufsen 3 Vertreter 
der landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Nebengewerbe auf je 
3 Jahre (nach naherer Anweisung des Landwirtischaftsministers im Ein- 
verstandnis mit dem Handelsminister). Aufserdem kann der Ilandels- 
minister 2 Vertreter der Miillerei und anderer zum Borsenproduktenverkehr 
in Beziehung stehender Gewerbe auf 3 Jahre dem Vorstand zugesellen. 

An nichtpreufsischen wichtigen Borsen ist eine solche Vertretungs- 
befugnis anderer Organe nicht vorgesehen. In Miinchen z. B. wahlt der 
Vorstand des Miinchner Handelsvereins aus den Mitgliedem des Vereins 
alljahrlich den aus 10 Mitgliedem bestehenden Borsenvorstand. In Leipzig 
wahlt die Handelskamraer alle Vorstandsraitglieder, und zwar 8 fiir den 
Effektenverkehr, 5 fiir den Verkehr in landwirtschaftlichen Erzeugnissen 
und 5 fiir den Verkehr in Wolle, Kammzug und sonstige Waren. In 
Dresden besteht der Vorstand der Effektenborse aus mindestens 7 Mit- 
gliedem, die von der Generalversammlung der Dresdner Borse gewiihlt 
werden. In 'Hamburg zahlt der Vorstand der Borse U Personen, davon 
kommen auf die 

allgemeine Abteilung 5, gewahlt jahrlich von der Handelskammer aus iluer 

Mitte, 

emannt alljahrlich von der Handelskammer aus 
den Angehorigen der betr. GeschUftszweige. 

An sonstigen Organen schreibt das Borsengesetz von 1S96 ein Ehren- 
gericht vor, welches Borsenbesucher zur Verantwortung zu ziehen hat, 
wenn sie sich im Zusammenhange mit ihrer Borsenthatigkeit eine mit der 
Ehre oder mit dem Anspruch auf kaufmannisches Vertrauen nicht zu vcr- 
einbarende Handlung haben zu schulden kommen lassen. D<as Ehrengericht, 
dessen Verfahren und Befugnisse im Gesetz genau geregelt sind, besteht, 
sofem die Bcirsenaufsicht einem Ilandelsorgan iibertragen ist, aus der 



r> 



Effekten- 


»7 


12 


Spiritus- 


>7 


5 


Kaffee- 


}7 


7 


Zucker- 


>J 


7 


Baumwoll- 


»» 


5 



240 Ereter Teil. Der Handel. 

Gesamtheit oder einem Ausschufs dieses Aufsichtsorgans, im iibrigen aus 
Mitgliedem^ die von den Borsenorganen gewahlt werden. Die naheren 
Bestiminungen iiber die Zusammensetzung des EhrengerichlB werden von 
der Ijandesregiening erlassen. In Breslau und Koln fungiert die Handels- 
kamnier, in lierlin, Bremen, Frankfurt a. M., Hamburg, I^ipzig, Miinchen 
ein Auss(?huls der Handelskammer als Ehrengericht In Dresden wahlt die 
Handelskaramer 4 und der Borsenvorstand 3 Mitglieder zum Ehrengericht. 

Gegen die Entscheidung des Ehrengerichts ist die Berufung bei der 
Berufungskammer zulassig. Auf die Besetzung derselben haben die Handels- 
kammeru und die Borsenorgane keinen unmittelbaren Einflufs. Vielmehr 
wird der Vorsitzende vom Bundesrat emannt, die Beisitzer werden vom 
Borsenausschufs, also dem gutachtlichen Organe des Bundesrates emannt 
aus den von den Borsenorganen vorgesehlagenen Ausschulsmitgliedem. 

Zu den fakultativcn Organen zlihlt das Gesetz von 1896 das „Borsen- 
schicdsgericht^, welches Streitigkeiten zwischen Borsenmitgliedem zu ent- 
scheiden hat Solche B()rsenschiedsgerichte bestehen z. B. in Dresden, 
liCipzig und Miinchen. 

Aueh in Bezug auf die iibrigen in der Borsenordnung zu regelnden 
Punkte haben die Borsen nicht ganz freie Hand, da das Gesetz in all* 
diesen Beziehungen schon selbst eine Reilie von Vorschriften giebt So- 
weit sich diese Vorschriften auf die Geschaftszweige und die Kursnotierung 
beziehen, wird weiter unten darauf einzugehen sein. Hier interessieren 
nur die Vorschriften iiber die Zulassung zur Borse. Wer zugelassen 
werden soil, sagt das Gesetz von 1896 nicht; es bestimmt nur, wer nicht 
zugelassen werden darf. Ausgeschlossen sind nach § 7 des Gesetzes fol- 
gende 7 Gnippen: 

1. Weibliche Personen; 

2. Personen, welche sich nicht im Besitze der biirgerlichen Ehrenrechte 
befinden; 

3. Personen, welche durch gerichtliche Anordnung in der VerfUgung 
iiber ihr Vermogen beschrankt sind; 

4. Personen, welche wegen betriigerischen Bankerutts rechtskraftig ver- 
urteilt sind; 

5. Personen, welche wegen einfachen Bankerutts rechtskraftig verur- 
teilt sind; 

6. Personen, welche sic^li im Zustande der Zahlungsunfjihigkeit befinden; 

7. Personen, gegen welclie durch reclitskniftige oder fur sofort wirksam 
erkliirte ehrengericlitliche Entscheidung auf Ausschliefsung vom 
Besuch einer Borse erkannt ist 

Die unter 1 und 4 genaimten Personen sind unbedingt ausgeschlossen. 
Die unter 7 gennnnten sind entweder voriibergehend oder dauemd aus- 
geschlossen, jenachdem das ehrengerichtliche Urteil auf zeitweilige oder 
dauernde Ausschliefsung lautet. Bei den unter 2 und 3 genannten Per- 



10. Kapitel. Der Borsenhandel. 241 

sonen dauert die Ausschliefsung so lange, bis der Ausschliefsungsgnind 
beseitigt ist. Die unter Ziffer 5 ^enannten Personen sind ausgeschlossen 
bis zum Ablauf von 6 Monateu nach Verbiilsung, Erlafs oder Verjahning 
der Strafe", konnen aber aucb dann nur unter der Voraussetzung zu<i:e- 
lassen werden, daTs der Borsenvorstand den Naebweis fiir gcfubrt eracbtet, 
dafs gegeniibersamtliebenGlaubigern dieScbuldverhaltnisse durchZahliing, 
Erlafs oder Stiindung geregelt sind. Bis zur Beibringung eines derartigen 
Nachweises dauert aucb die Ausscbliefsung der unter Ziffer 6 genannten 
Personen; ist aber Jemand ira Wiederbolungsfalle in Zablungsunfabigkeit 
oder Konkurs geraten, so mufs die Zulassung oder Wiederzulassung 
mindestens fiir die Dauer eines Jabres vervveigert werden. 

Von diesen Vorscbriften kann die Landesregierung auf Antrag der 
Borsenorgane in besonderen Fallen , also niebt allgemein, Ausnabinen 
zulassen. 

Nocb weitere Ausscbliefsungsgrlinde kann die Borsenordnung fest- 
setzen. Von dieser Verscbarfungsbefugnis ist mebrfacb Gebraucb gemaebt 
worden. Berlin und KcUn z. B. scbliefsen Minderjabrige unbedingt aus 
und bebandeln wie die Zablungsunfabigen aucb solcbe Borsenbesucber, die 
ihren Gbiubigern Vergleicbsvorscbbige niacben oder eine liquide und fiillige 
Schuldverbindlicbkeit unbericbtigt lassen. NicbterfuUung liquider Ver- 
pflicbtungen gilt aucb in Leipzig als Ausschliefsungsgrund. Minderjabrige 
konnen in Breslau dann ausgescblossen werden, wenn sie nicbt als An- 
gestellte eines Borsenbesucbers fungieren. Aufserdera scbliefst Breslau 
Personen aus, welcbe nicbt Handelsgescbafte betreiben, sondern andere, 
nacb dem Erinessen des Borsenvorstandes niit deni Borsenbesuch nicbt 
vereinbare Zwecke verfolgen. Muncben und Dresden scbliefsen aucb die 
Personen aus, welcbe dem Urteil des Borsenscbiedsgcricbts nicbt inner- 
lialb dreier Borsentage nacb Eintritt der Recbtskraft des Urteils Folge 
leisten. Hamburg lafst die nicbt zu, welcbe die vom Borsenvorstand 
verbangten Straf- oder Subnegelder nicbt zablen. In Bremen ist die 
Xicbtentrichtung der Borsensteuer als allgemeiner Ausscbliefsungsgrund 
hinzugefugt. In Frankfurt werden anstatt der oben unter Ziffer 7 ge- 
nannten Personen aufgefiibrt als allgemein ausgescblossen diejenigen, 
welcbe wegen Verbrecben gegen die Sicberheit des Eigentums oder wegen 
Meineids recbtskraftig venirteilt sind, sowie diejenigen, welcbe sicb den 
Entscbeidungen des Borsenvorstandes uber die geltenden Dsancen nicbt 
unter>verfen. Femer sind durcb jeweilige Verfugung des Borsenvorstandes 
ausscbliefsbar diejenigen, welcbe trotz der Mabnung ibre Borsenbeitrage 
nicbt zablen, oder welcbe ibre Verpflicbtungen aus den an der Borse 
gescblossenen Gescbaften nicbt erfiillen. 

Die Falle, in denen als Strafe fiir Verletzung von Ordnungs vorscbriften 
der Borse die Ausscbliefsung verbangt werden kann, sind bier nicbt mit 
angegeben. 

VAV DER BosouT, Handol. 1H 



242 Erstcr Tcil. Der Handel. 

Alls den an^eflilirten Peispielen er^iebt sich deutlich das Streben, 
noch strenger als das Gesetz imgeeignete und in geschaftlicher und inora- 
lischer Beziehiing niebt einwandfreie Personen von der Borse femzuhalten. 

Die positive Seite der Frage der Zulassung zum Borsenbesuch wird 
in dem Gesetz von 1896 niebt geregelt Hier bleibt es also den Borsen- 
ordniingen iiberlassen, die Einzelbeiten festzusetzen. 

Dabei sind die Borsenordnungen nicht gleicbartig vorgcgangen. In 
lirenien sind einfacb alle diejenigen zugelassen, denen ein im Gesetz oder 
in der Borsenordnung angegebener Ausschliefsungsgnind niebt entgegen- 
steht. In Frankfurt a. JI. konnen ebenfalls alle diese Personen zugelassen 
werdeu, wenn ibr scbriftlicber Antrag auf Zulassung, in welcbem zwei 
Frankfurter Auskunftspcrsonen zu nennen sind, vorn Borsenvorstand 
genebmigt ist; gegen die Abweisung des Antrags findet Bescbvverde bei 
der Handelskamnier statt. 

Sebr ausfiibrlicb sind die entsprecbenden Vorscbriften in Berlin und 
Koln. Ilier wird zuniicbst die kostenfreie Erteilung der Eintrittskarte 
vorgeseben fiir die Beaniten der Kaufnmnnscbaft l>ezw. Ilandelskanimer 
sowie fiir diejenigen, welcbe sonst in amtlicber EigcnscRaft an den Borsen- 
versainmlungen teilzunebmen berecbtigt oder veri)flicbtet sind. Alle iibrigen 
Personen baben Beitriige fiir Erteilung der Eintrittskarte, die ubrigens 
stets streng i)ersonlicb ist, zu zablen in der von den Altcsten der Kauf- 
inannsebaft bezw. von der Handelskaniiner festgesetzten Hobe. 

Soweit niebt gesetzlicbc oder stiitutarisebe Ausscbliefsungsgriinde vor- 
liegen, kann die Eintrittskarte niebt versagt werden: 

1. Ill Berlin den Mitgliedern der Korjioration der Kaufniannsebaft; 

2. in Koln den Gnibenvorstandsniitgliedeni oder Berggcwerkscbafts- 
(lirektoren; 

3. in Berlin und Koln den in das Ilandelsregister des Borsenbezirks 
eingetragenen Inbabem von Ilandelsfirinen, Gesellsebaftem offener 
Ilandelsgesellscbaften, den gesebiiftsleitenden Organen von sonstigen 
Ilandelsgesellscbaften , den Prokimsten dieser Firmen oder Gesell- 
scbaften, den Vorstebeni einer eingetragenen Genossensebaft; 

ferner den Ilandlungsgebilfen der vorbergenannten Gruppen auf Antrag 

des Prinzipals, wenn die Handluiigsgebilfen init der Ausfiibrung von 

IWrsengesebiiften desselbcn oder init der Ililfeleistung dabei betraut 

sind (fiir eigene Peebnung diirfen sie keine Gescbaftc abscbliefsen), 

und endlicb denen, die veriiioge ibrer Anits- oder Dienstpfliebt die Borse 

zu besueben baben. 

Bei alien iibriguii Personen ist eine besondere Bescblufsfassung iiber 

den Zulassungsantrag notig. In Kiiln ist der Antrag scbriftlicb bei der 

Ilandelskanimer zu stelleii. Diese besebliefst iiber die Zulassung. Lebnt 

sie den Antrag ab, so kann er innerlialb der niicbsten 6 Monate niebt 

wiederliolt werden. 



10. Kapitel. Der Borsenhaiidcl. 243 

In Berlin mufs der schriftliehe Zulassungsantra^ von 3 (iewiUirs- 
mannem, die mindestens seit 2 Jahren ununterbroclien zuni Besucli der 
Berliner Borse zu^elassen sind, unterstiitzt werden. Der Antni^ vvird 
unter Xamhaftniaeliung der 3 Oewalirsniiinner eine Woelie dureli Aus- 
hang an der Borse bekannt geniacht Alsdann cntsebeidet der Borsen- 
vorstand iiber den Antrag nacli Anlionmg der Aufnabmekonunission, und 
nachdeni die 3 Gewabrsnianner zu Protokoll erklart baben, „dafs sie nacb 
sorgfaltiger Priifung den Aufzunehnienden fiir einen Mann haltcn, welcher 
der Zulassung zum Besucb der Borse und der Acbtung seiner Berufs- 
genossen wurdig ist^. Wird der Antrag abgelebnt, so kann er innerbalb 
der nacbsten 6 Monate niebt wiederholt werden. 

Wenn gegen ein Mitglied innerlialb der ersten 3 Jabre nacb der 
(lewabrlcistung auf Aussebliefsung fiir 3 Monate oder liinger erkannt 
wird, so mufs der Borsenvorstand ])ri*ifen, ob der Gewiilirsniann bei der 
Enipfeblung Tbatsacben gekannt bat oder bei enister Erfiillung der ibni 
durcb die Enipfeblung auferlegten Pflicbten batte kennen miissenj wo- 
nacb der Ausgeseblossene der Zulassung und der Acbtung seiner Heriifs- 
^^enossen unwert gewesen ist. 1st das der Fall, so kann deni Gewabrs- 
niann zeitweise oder dauernd das llecbt, als Gewiibrsniann zu fungieren, 
ubgesproeben werden, was durcb Ausbang an der Borse veroffent- 
Hebt wird. 

Diese Berliner Bestiinniungen erinnern an das bei der Londoner 
Effektenborse bestebende System, nur dafs die materielle Garantieleistung 
in Berlin ganzlicb feblt. I^diglicb eine moraliscbe Garantie wird verlangt. 
Immerbin zeigen aucb die besprocbenen Vorscbriften das Streben, un- 
geeignete Personen von der Biirse fernzubalten. 

Im ganzen ist nacb dem Borsengesetz von 1S9() der staatlicbc Ein- 
flufs auf das Borsenwesen erbeblicb ausgebaut worden, obne indes die 
Selbstverwaltung der Biirsen zu be^eitigen. 

§ 3. Die Qegenstande des Bdrsenhandels. An den Borsen findet so- 
wobl in kaufmanniscben Dienstleistungen, namentlicb fiir Transport und 
Versieberung von Waren, als aucb in Waren sell)st ein Verkebr statt. 
Erstere Gruppe ist nicbt iiberall vertreten und kann desbalb bier aus- 
gescbieden werden, zumal nicbt sie die cbarakteristiscben Merkmale der 
beutigen Borsen erzeugt. 

Was die Waren anlangt, so wird — wie erwabnt — im modernen 
Borsenverkebr nur die (iattungsware in bestimmten Mengen gekauft und 
verkauft, entweder auf Grund von vorgezeigten Proben und Mustern oder 
obne solcbe lediglicb nacb der Bezeicbnung. Daraus ergiebt sicb sofort, 
dafs nur solcbe Waren Gegenstand des Borsenbandels sein kr)nnen, welcbc 
die Eigenscbaft der Vertretbarkeit in besonderem Grade zeigen, bei deneii 
also die einzelnen Exemplare der Gattung in ibrer Bescbaffenbeit soweit 
u!)erein8timmen, dafs sic einander vertreten konnen. 

10* 



244 Erster Toil. Dcr Handel. 

Diese Eigenschaft der Vertretbarkeit ist bei denjenigen Waren, die 
weiter oben als Gegenstiinde de« unmittelbaren Bedarfs bezeichnet sind, 
nicht in der hochsten Vollkomnienheit vorhanden. Selbst bei derselben 
Getrcidegattung bestehen doch gewisse Unterschiede. Ahnlich ist es bei 
Mehl, bei Eisen, bei Ziicker, bei Spiritus, bei Riibol, bei Baiimwolle, bei 
Kaffee, bei Petroleum u. s. w., alles Waren, die wegen der weiten Ver- 
breitung ihrer Erzeugung und ihres N'erbrauchs iiii Grofsliandel eine l)e- 
sondere Bedeutung habeii. Die Unterschiede in der Beschaffenheit sind 
ailerdings hier niclit so grofs, dafs es nicht nioglich ware, die Qualitat 
an der Hand von Prol)en zu bestininien und darilber liinaus bestininite 
Mustersorten (Typen) festzustcUen, die dann allgeinein deni Orofshandel 
an der Borse zu Grunde gelegt werden konnen. Waren, bei denen das 
mr)glich ist, und dcren jMcnge den Verkehr iui grofsen zuliifst, sind auch 
geeignet fiir den Borscnhandel, selbst in der modemen Form des Termin- 
geschjifts, das die nir»glicliste Ablosung von der konkreten Ware braucht. 
Die Einfuhning einer typischen Liefeningsqualitiit, auf die sich ohne 
weiteres alio Abschliisse ilber Waren der betr. Gattung beziehen, bedeutet 
in der That die ganzliche Aufhebung der Gebundenheit an individuell 
bestinimte Waren. Die Bezeichnung der Ware geniigt alsdann, die Be- 
schaffenheit der zu liefernden Waren hinreichend genau zu umschreiben. 
Nur iiber Menge, Preis und Lieferungszeit habcn sich die Kontrahenten 
noch zu verstiindigen, und sie kaufen und verkaufen nur noch bestiinmte 
Warenniengen. Die UbenMnstininiung der gelieferten Ware mit der Liefe- 
rungssorte ist erst bei Erfiillung des Geschafts zu priifen. Die grofsten 
Unisiitze konnen auf diese Wcise bewirkt werden an der Borse, ohne 
dafs die Parteien die verhandelte Ware selbst oder in Proben zu sehen 
ni)tig haben. Man niufs in dieser Festlegung ty])isClier Liefenmgsquab- 
taten den Ausdruck einer vervollkoninineten verfeinerten Teehnik des 
Hr^rsenhandels erblicken. Sie bedeutet nicht, dafs die individuelle Ware 
iiberhau])! in deni durch die Borse veruiittelten Verkehr verschwindet, 
sondern sie schiebt die Ersclnvemisse, die durch das Eingreifen der indi- 
viduellen Ware dem Grofshandel iTwachsen kounen, so lange beiseite, 
als es sich nur uni den Geschaftsal)schlufs dreht; erst bei der Erfiillung 
niufs man auf die individuelle Ware zuriickgreifen. 

Was bei (h^n (legenstiinden des unmittelbaren Bedarfs der Biirsen- 
verkehr zur Erlei(»htcrung seiner OptTationen erst kimstlich schaffen 
mufste, njimlich die volligc Unabhangigkeit vcm der individuellen Waren- 
verschiedeuheit, das ist V(m selbst vorhanden bei den meisten Gegen- 
stiinden des mittelbaren Bedarfs, sowohl dann, wenn sie eigenen Stoffw^ert 
haben, wic Gold- und Silbermiinzeii, als auch dann, wenn sic eigenen 
Stoffwei*t iiberhaupt nicht aufweisen, wie die Wertpapiere. Auch die 
Wechsel kann man davon nicht ausschliefsen , wcnngleich sie wegen 
der verschiedenen Ifohe der Wechselsuramen nicht den gleichen Grad 



10. Kapitol. Der Boi-senhandel. 245 

der Vertretbarkeit hal)en, wie z. B. Aktien derselben Serie derselben Ge- 
sellsehaft. 

Die Werti)apiere sind deshalb ibrer Natur nach fiir den Borsen- 
handel ^anz besonders geei«:uet, und thatsaclilicb biklen sie den wesent- 
licbsten Bestandteil des Borscnverkehrs. Dabei pflegt man die Edehnetall- 
miinzen, die Edeluietalle selbst und die papiemen Ersatzmittel fur Geld 
(Papiergeld, Banknoten) unter dem Nanien ^Valuten^ zusanimenzufassen, 
wahrend m«an die iibrigen Wertpajnere teils als „Fonds", teils als ^Effekten'^ 
zu bezeicbnen ^ewobnt ist Die ,,Fonds'' umfassen die offentlicben Obli- 
gationen, insbesondere also die Staatsschuldsebeine, fur die scbon ini 
Mittelalter die Italiener den Nanien „fondo^ gebraucliten. Unter „Effekten" 
ini engeren Sinne sind die Wertpapiere privater Ilerkunft zu versteben. 
Indes liiilt sicb der Spracbgebrauch des tiiglicben Lebens nieht streng 
an diese Unterseheidung, sondern tiberscbreitet naeb beiden Seiten bin 
die bezeiebnete Grenze, sodafs oft ein Untersebied zwiscben Fonds und 
Effekten kaum noch gemacht wird. Als allgemeine Sammelbezeich- 
nung fiir die an der Borse verbandelten Urkunden enipfieblt sicb der 
Ausdnick „Wertpapiere'' oder, wie man neuerdings auob wobl sagt, 
.Wertscbriften". 

Die Wertpapiere sind meist in dem Grade vertretbar, dafs nur die 
Bezeiebnung der Gattung erforderlicb ist, um eine Verstiindigung der 
Vertragschliefsenden berbeizufilhren. 

Die Wertpapiere baben im 19. Jabrbundert einc aufserordentliche 
Bedeutung gewonnen aus den schon angefiibrten Griinden. Offent- 
liche Obligationen und Papiere von Aktiengesellscbaften in der grufsten 
Mannigfaltigkeit erscheinen jetzt auf den Borsen. Die Wecbsel, die 
ira Anfang des 17. Jabrbunderts unter den Wertpapieren im Borsenver- 
kebr die llauptrolle spielten, sind von dieser Stellung zuriickgedrangt. 
Noeb im Anfang des 19. Jabrbundert;^ waren offentlicbe und Aktieu- 
gesellscbaftspapiere nur wenig in den Kurszetteln der Borse vertreten. 
Der Berliner Kurszettel zeigte 1808 nur 21, 1870 dagegen 358, 1894: 
1273 verschiedene \Verti)apiere , der Londoner 1815: 30, 1877: 1367, 
1889: 1630. 

Die Masse der Werti)apiere ist in den letzten Jabrzebnten gewaltig 
angewaehsen. 

Nacb den Arbeiten der deutscben Borsenencpi^tekommission von 
1892 stellten sicb die Emissionen von Werti)apieren in Deutschland, Eng- 
land und Kolonien, Frankreicb, Italien, Oesterreieb, Portugal, Rufsland, 
Amerika und den ubrigen Kulturstaaten — einscbliefslieb der Konver- 
sionen — in Milliarden Mark : 



1) Fiir die Jahro nach 1892 er*?iiiizt nach deui Hullctin dc statisti(|ue et dc 
l^^slation compiirCc. 



1871 auf 


12,47 


1872 „ 


10,11 


1873 „ 


8,73 


1874 „ 


3,37 


IS75 „ 


1,36 


1876 ,, 


2,92 


1877 „ 


6,32 


1878 „ 


3,65 


1879 „ 


7,52 


1880 „ 


4,43 



189t 


anf 6,13 


1892 


,. 2,01 


1893 


„ 4,86 


1894 


„ 14,42 


1895 


„ 5,26 


1896 


,, 13,54 



246 Eretes Buch. Der HandeL 

1881 auf 5,74 

1882 ,, 3,63 

1883 „ 3,34 

1884 „ 3,90 

1885 „ 2,59 

1886 „ 5,37 

1887 „ 4,00 

1888 „ 6,28 

1889 „ 10,14 

1890 „ 6,52 

In fiinfjahrigen Perioden ergiebt das: 

1871—1875 36,04 MiUiarden Mark 

1876-1880 24,84 

1881 — 1885 19,20 

1886-1890 32,31 

1891—1895 32,68 

1_89^ 13,54 

Zusammen 158,61 MiUiarden Mark oder im Jahresdurch- 
schnitt 6,1 MiUiarden Mark. 

Die Konversionen machen dabei in einzelnen Perioden einen be- 
trachtlichen Bruchteil aus, sodafs es sich bei diesen Zahlen nicht lediglich 
um neue Papiere bandelt. An den Gesamtemissionen waren nach der 
Borsenenquetekommission beteiligt 1872 — 1892: 

Anleihen von Staaten und Stadten .... mit 46,69 MiUiarden Mark 
Papiere von Eisenbahnen und industrieUen Ge- 

sellschaften ,,46,84 ,, ,. 

Papiere von Finanzinstituten und Banken . . „ 12,48 .. ,, 

In London sind nach dem ^Economist" emittiert worden (in MiU. 
Pfd. St): 



1883 


145,54 


1889 


189,44 


1894 


91,83 


1884 


109,03 


1890 


142,56 


1895 


104,69 


1885 


77,97 


1891 


104,59 


1896 


152,81 


1886 


101,07 


1892 


81,14 


1897 


157,29 


1S87 


98,07 


1893 


49,14 


1898 


150,14 


1888 


160,15 











Scliou fiir 1885 wird angegeben, dais 40 Proz. des englischen Kapital- 
vermogens in Werti)apieren augelegt sei. Der Prozentsatz hat sich seit- 
dem sicher uoch erhoht 

Fiir Deutscliland hat W. Christians in den Anlagen zu den Be- 
richten der Borsenen(iuetekominission die Emissionen berechnet auf einen 
Kurswert von: 

MillioneD Mark 

da von auslandische Papiere 299,88 

529,71 
509,73 
485,17 
409,57 



1883 


753,87, 


1884 


904,53, 


1885 


898,87, 


1SS6 


1015,39, 


1887 


1008,20, 



10. Kapitel. Dcr Borsenhandel. 247 

Millionen Mark 

1888 1984,80, davon ausliindisdie I^apiore 667,30 

1889 1741,67, „ „ „ 5S3,94 

1890 1520,60, ,, „ „ 385,77 

1891 1217,79, „ „ „ 244,74 

1892 949,38, „ „ „ 171,69 

Die Jaliresberichte der Altesten der Kaiifniannschaft zu Berlin «:ebea 
die Emissionen in Deutsehland an: 

1898 auf 2697 Mill. M. Knrswert 

1897 „ 2017 

1896 „ 1780' 

1895 „ 1281 

1894 ,. 1420 , 

Xach dem ^Deutschen Okonomist" waren die Zahlen ehvas ander«. 
Er verzeichnete an Emissionen in Deutsehland (in Mill. M. Kurswert): 

1899 (1. Semester) 1595,09, darunter 128,01 ausiandisclie Papiere 
1898 ^407,15, „ 709,72 

1897 1944,70, „ 632,91 

1896 1895,83, „ 568,27 

1895 1374,62, „ 317,90 

Man ninimt an, dafs Deutsehland einen jahrlichen Kapitalzuwachs 
von 2V'i — 3 Milliarden Jfark habe, wovon niindestens 1 irilliarde Mark 
in Wertpapieren angelegt wird. 

Angesichts dieser Zahlen kann es nieht auffallen, dafs die Ausgabe 
und Unterbringung neuer Werti)ai)iere sich zu eineni besonderen Gesehiifts- 
zweig entwickelt hat, den wir in Deutsehland „Eniissionsgesehaff zu 
nennen gewohnt sind. Dieser besondere Oeschiiftszweig fiesteht darin, 
dafs bestinunte. Institute, in der Kegel Banken oder aueh besondere Kon- 
sortien (Syndikate), von den Staaten, Stjidten, Aktiengesellschaften u. s. w. 
die neuen Werti)apiere ubemehinen und sie dann in kleineren ^fengen 
bei dem Publikum unterzubringen suclien. Das geschieht entweder der- 
art, dafs die Emissionsstclle (Bank oder Konsortium) nur als Kommissioniir 
arbeitet und eine bestimuite Provision bezieht, oder dais sie die Papiere 
zu einem festen Preise kiiuflieh erwirbt und auf eijj:enes Risiko zu einem 
hoheren Preise wieder zu verkaufen sucht, oder aber dafs beide Systeme 
miteinander versehmolzen werden, also ein Teil der Papiere fest, ein 
andercr kommissionsweise ubernommen wird. In letzterem Falle behalt 
sieh auch wohl die Emissionsstellc das Vorkaufsrecht fiir den nieht fest 
iibernommenen Teil vor („Optionsreeht^), wie iiberliaupt die Abmaehungen 
im einzelnen Fall sehr verschieden abgestuft sind. Nieht alle ^\'ert- 
papiere gelangen auf dieseni Wege in's JMddikuni, da liiiufig aueh der 
Staat oder die Gemeinde oder die Privatunternehniung ihre neuen Papiere 
ohne Vermittlung einer Eniissionsstelle uniiiittelbnr an die Abnehnier 
bringen, z. B. dureh Auflegung der neuen l*api»Te zur Subskription, 



248 Erstcr Teil. Der Handel. 

durcli direktt'll Verkaiif bei passender (Telegenheit oder von staiidi^eii 
Verkaufsstellen aus u. s. w. 

Dieser imniittelbare Weg reiclit aber fiir viele, ja fiir die ineisten 
Fiille uicht aus, iiainentlich dann, wenn die schnelle Unterbringung der 
neuen Papiere notwendig ist. Genide in solehen Fallen ist ein geschafts- 
gewandter Vennittler unentbehrlich, der die als Abnehmer in Betracht 
komnienden Kreise kennt oder ausfindig zu machen weifs und den ricli- 
rigen Zeitpunkt fiir die Unterbringuug zu erkennen versteht 

Nicht alle direkt oder durcli Ennssionsstellen an das Publikum zu 
bringendeu Papiere koniinen fiir den Borsenhandel in Betracht Ein 
nicht geringer Teil der Aktien z. B. bleibt aufserlialb des Borsenverkehrs. 
Die Borse hat gar nicht an alien neuen Papieren ein Interesse. Da sie 
auf den Grofsverkehr zugeschnitten ist, so koninien fiir sie Papiere, die 
nur in kleinen Mengen vorhanden sind, nicht in Frage, und da weiter 
ein erheblicher Teil des Borsenverkehrs auf Preisschwankungen basiert 
ist, so hat die B(>rse auch vielfach an Papieren kein Interesse, bei denen 
nennenswerte Preisschwankungen ausgeschlossen sind. 

Aber auch diejenigen Wertpapiere, welche an sich fiir den JWrsen- 
verkehr besonders geeignet sind — und die Ilauptmasse der Wertpa])iere 
gehort dazu — , konnen nicht ohne weiteres in den Biirsenverkehr eintreten. 
Vielniehr iniissen die Papiere erst ausdriicklich und formell zuui Borsen- 
handel und zur anitlichen Notierung zugelai^sen werden. Man nennt diese 
Zulassung „Kotierung'' ; sie goht jetzt in der Kegel der Emission voran. 

Dieses fonnelle Erfordernis fiir den Eintritt in den Borsenverkehr 
war friiher nicht vorhanden. Die Emissionsstellen konnten ohne weitere 
Kontrolle seitens der Borsenorgane die neuen Papiere an der Borse ein- 
fuhren. Die wachsende Ausdehnung des Verkehrs in W.ertpapieren hat 
aber die griifscTen Biirsen dazu veranlafst, die Zulassung neuer Wert- 
papiere an die Oenehniigung eines l)estinnnten Borsenorgans oder eines 
besonderen Ausschusses zu kniipfen und diese (lenehniigung abhiingig 
zu machen von der Erfiillung gewisser Formvorschriften. Der Zweck 
dieser \'orschriften war vor allem der, dem Publikum alle die Materialien 
und Angabc^n zugiinglich zu machen, die zur Beurteilung der Gttte des 
neuen Papieres notwendig waren. Das Mittcl dazu war der Prospckt, 
den das Emissionshaus unter seinem Namen veriiffentlichen mufste. Uber 
den Inhalt des Prospekts waren genaue ^'orsch^iften gegeben. 

Benicrkenswert ist in dieser Beziehung das Vorgehen der Berliner 
Effektenbiirse. Nach der — inzwischen aufser Kraft gesetzten — revi- 
dierten B(>rsenor(biung vom I. Juli ISSf) hatte iiber die Zulassung neuer 
Werti)apiere zu entscheiden das „B<>rsenkommissariat der Fondsborse"*, 
dessen Mitglieder zu 'p dem Altestenkollegium der Berliner Kaufmann- 
schaft, zu '^/:t den stimmfjihigen Mitgliedern der Koq)oration der Berliner 
Kaufmannschaft angelu'>ren mufsten. Der allgemt'ine Onindsatz fiir die 



10. Kapitel. Der Boraenhaiidel. 240 

Thatigkeit dieser Zulassungsstelle war der, dafs die Zulassung nur au8- 
gesprochen werden konnte, wenn die fiir die Beurteilung des Papiers 
wichtigen Angaben seiteiis der einfiihrenden Fimia diirch Aushang an 
der Borse und Anzeige in den Zeitungen in einer deni Borsenkoiuunssa- 
riat als hinreichend erscheinenden Weise bekannt geniaeht waren. Fiir 
die Priifung seitens des Borsenkonmiissariatjs waren „leitende Gesicbts- 
punkte'' aufgestellt, die aus den praktischen Erfalirungen heraus eine 
Reihe von Direktiven gabcn, niebt in der Absicbt, dem Publikum die 
Bildung eines eigenen Urteils iiber das neiie Papier abzunebnien, son- 
dem ibm die Bildung eines solcben Urteils zu ernioglichen und zu 
erieicbtern. Die „leitenden Gesicbtspunkte" in der Fassung vom No- 
vember 1894 entbielten zunacbst eine Reibe allgemeiner Voraussetzungen, 
die insbesondere Form und Inbalt und Veroffentlicbung des Einfiibrungs- 
prospektes regelten, wie er bei alien Wertpapieren mit Ausnabnie der 
preuXsiscben und dcutschen Stoats- und Reicbssebuldverscbreibungen vor- 
gesebrieben war. Aufserdeni gaben die leitenden Gesicbtspunkte noeb 
besondere Bestinimungen iiber die Erfordernisse, die bei 14 einzelnen 
Gnippen von Wertpapieren erfiillt sein miissen. Auch bierbei drebte es 
sieb namentlicb urn den Inbalt der Prospekte. 

Waren alle Form vorscbrif ten erfiillt, so konnte das Papier zum B(*)rsen- 
baiidel zugelassen werden. Das Borsenkommissariat konnte aber obne 
Angabe von Griinden aucb die Zulassung verweigem. Uni Mifsbraucb 
zu verhindern, war in der Gescbjiftsordnung vom 1. Dezember 18S9 aus- 
driicklicb bestimmt, dafs bei Beratung und Bescblulsfassung iiber die 
Zulassung eines neuen Papiers diejenigen Mitgliedcr niebt mitwirken 
diirfen, welche den Antrag gestellt baben oder bei der Emission oder 
Einfiibrung consortialiter beteiligt sind. Hielt aus anderem Grunde ein 
Mitglied sich selbst oder der Antragsteller oder ein Mitglied des liorsen- 
kommissariates ein anderes Mitglied fiir befangen und macbte das unter 
sacblicbcr Begriindung geltend, so entscbied das Borsenkommissariat 
dariiber, ob das angeblicb befangene Mitglied bei der Beratung und 
Beschlufsfassung mitwirken durfte. 

Die Verweigerung der Zulassung bedeutete, dafs das neue Papier 
von der amtlicben Kursnotiz ausgescblossen war, und dafs die Handels- 
makler Gescbiifte darin niebt vermitteln durften. Dafs privatim gleicbwobl 
in solcben Papieren an der Borse Abscbliisse gemaebt wurden, konnte 
naturlieb bier wie iiberall niebt verbindert werden. Die Altesten der 
Berliner Kaufmannschaft baben indes in ihrem Beriebt an den Reicbs- 
kanzler vom 12. November 1894 mitgeteilt, dafs in Berlin an der Borse 
ein Handel in Papieren, deren Zulassung abgelebnt worden ist, niebt 
stattgefunden babe, dafs aber in Papieren, deren Zulassung Uberbaupt 
niebt beantragt und desbalb aucb niebt ausgesprocben war, ein Borsen- 
handel bestanden babe. 



250 Ki-^tor Toil. Dor llandol. 

Die Fra^e der Ziilassung von Wertpapieren zuin Borsenhandel hat 
ill dt'in iieuen deutschen Biirsen^cesetz vom 22. Juni 1896 § 36 ff. einc 
auftihrliche Regelung erfahren, die an das besprochene Vorgehen der 
Berliner Effektenborse anschliefst, aber vielfach noeh scharfere Vor- 
sehrifteu enthiilt. Die Re«relun<,^ ist erfolgt, obwohl gegen einen Teil der 
vorgescblagenen neuen Bestimmungen lebbaft Widerspnich von den In- 
teressenvertretungen des Handels erhoben war. 

Das I^iirsengesetz verlangt an jeder Borse eine besondere kollegia- 
liseb eingericbtete „Zulassungsstelle'' , in der mindestens die Halfte der 
Sfitglieder in das noeh zu erwiihnende Borsenregister fiir Wertpapiere 
nicht eingetragen sein darf. Diese Vorschrift soil dem Anlage suchen- 
den Tublikuni, das niebt berufsniiifsig am Borsenterminbandel beteiligt 
ist, eine W.ahmebnuing seiner Interessen ermoglicben. 

Ini iibrigen wird die Zusanunensetzung der Zulassungsstelle durch 
die Borsenordnung geregelt. In den naeh Inkrafttreten des Gesetzes er- 
gangenen Borsenonhmngen ist die IJegelung verschie<len. In Berlin hat 
die Zuhissungsstelle 22 Mitglieder, welclie von den Ahesten der Kauf- 
niannsebaft anf 3 Jabre ernannt werden; aurserdem sind noeh 8 Stellver- 
treter zu nennen. In Bremen heifst die ZulassungssteUe ^Sacbverstilndigen- 
koniniission der P'ondsborse'' ; sie ziililt 7 Mitglieder und 7 Stellvertreter. 
Die Wahl erfolgt durch die IlandelskauinuT auf 3 Jabre: fiir je 3 Mit- 
glieder und Stellvertreter hat der Vorstand des Effektenniaklervereins in 
l^renien das Vorseblagsreeht an das aber die HandelsLininier nicht ge- 
bunden ist. In Breslau bestelit die Zulassungsstelle aus 9 Mitgliedern 
und 5 Stellvertretern, die von der llandelskamnier auf 3 Jabre gewablt 
werden: in Dresden aus 12 Jlitgliedern und 6 Stellvertretern, die von 
der Oenenilversannulung der Dresdener Borse ,jn der RegeP auf 5 Jabre 
zu wiiblen sind, in Frankfurt a. M. aus 6 Mitgliedern und 3 Stellver- 
tretern, die von der Handelskanier ernannt werden. In Hamburg fungiert 
als Zulassungsstelle die ,,Sachverstiindigenkommission fiir den Effektcn- 
bander\ die aus 9 Personen bestebt. Die Kolner Br)rsenordnung schreibt 
6—8 Mitglieder fiir die Zulassungsstelle vor, die auf 1 Jabr von der 
llandelskaiiMiuT (Tnannt werden. In I^^pzig bestebt die Zulassungs- 
stelle aus 10 Mitgliedern, die auf die Dauer eines Jabres von der 1. Ab- 
tcilung des BiMsenvorstandes (fiir das Ges<*haft in Wechseln, Geld- und 
WertpapiiTen) zu wiiblen sind. In Miincben ernennt der Vorstaud des 
Miineliener llandelsvereins, unter Vorbebalt der Zustimmuug der Borsen- 
aufsiebtsbebr>rde, d. b. der llandelskanmier, alljabrlieb iui Dezember die 
12 Mitglieder der Zulassungsstelle u. s. w. 

Aucb (lit' eigentliebe ricscbjiftsordnung der Zulassungsstelle wird 
von den zuni Krlafs der Borsenordnung zustiindigen Borsenorganca 
festgestellt : das Gesetz selbst verlangt uur, dafs von der Beratang 
und Bcsoblufsfassung allgeuieiu ausgescblos>en sein soUen diejenigen, 



► 

^ 



10. Kapitd. Dor Borscnhandel. 251 

welohe an der Einfuhrun<|: der in Frage stelienden Wertpapiere be- 
teiligt sin<l. 

Aufgabe und Pflicht der Zubissun^sstellc ist nacli deni ftesctz: 

1 . Die Vorlegunj^ der Urknnden, welelie die GnindUi^e filr die zuzu- 
lassenden Wertpapiere bilden, zii verlan^en und die.se Urkunden 
zu priifen; 

2. dafiir zu sor^i^en, dafs das Publikuui i'lber alle zur Beurteilung des 
Wertpapiers notwendi^en thatsacldiclien und reclitlichen Verbalt- 
nirtse ^soweit als moglicb informiert wird", und bei Unvollstandig- 
keit der An*»:aben die Emission nicbt zuzulassen; 

3. Eniissionen nicbt zuzulassen, durcli welebe erbebliebe allgeniej/^^*'^' 
Interessen gescbadigt werden, oder welebe offenbar zu enjpj^'^ L'ber- 
vorteihing des Pul)likunis fiihren. y<^ 

Diese letztere Bestinimung bedeutet, dafs die Zul^^^'^ungsstelle niebt 
nur forniell, sondern aucb materiell die Werti)apio'vr^^ '^-^ priifen bat. 01) 
damit nicbt iiber den Rabnien des praktiscli^r^cireicbbaren binausgegriffen 
ist, wird die Erfabrung zeigen ni listen -•""' 

Die Zulassungssteib} kary^-** ^^^ Zulassung obne Angabe von Griinden 
venveigem und zugelass^^^^ne Wertpapiere wieder ausscbliefsen. Sie ist 
dabei nur insoweit bes'^ir^^riinkt, als deutscbe Reicbs- und Stiiatsanleiben 
nicbt abgelebnt werdt^^'" konnen. Bei alien iibrigen Papieren bat sie nacb 
dem Gesetz in BezAgl^in ^^^^ Ablebnung und Annabnie freie Hand, soweit 
nicbt Unvollstilnd' /igkeit der Matorialien und Angaben oder die Gefabr 
njMjbtciliger Wirl J^vungen der oben erwjibnten Art die Ablebnung notwendig 
macben. Nur^O^ f'Jr Aktien von Gesellscbaftsuntemebmungen, die durcb 
Um\yandlung'hi* bestebender Unternebnmngen ent^itanden sind, und fiir An- 
teilscbeine Ui/nd stiiatlit^b nicbt gjirantiertc Obligationen ausUindiscber Er- 
werbsgeseiljl^cbaften ziebt das Gesetz selbst der Bewegungsfreibeit der 
ZulassungBi^stellen bestininite KScbranken (§ 39). Bei jenen Aktien darf 
die Zulagyf sung in der Kegel nicbt vor Ablauf eines Jabres nacb der Ein- 
dcT Gesellscbaft in (bis llandelsregister und nicbt vor der Ver- 
ncbung der ersten Jabresbilanz nebst Gewinn- und Verlustrecbnung 
Igen. und Ausnabnien davon konnen nur in besonderen Fallen von 
lijindesregierung gestattet werden. 

Damit soil mifsbniucblicben Operationen bei EinfUbrung von Aktien 
diT durcli Unnvandlung ent.standenen Aktien- oder Kommandit-Aktien- 
gesellscbaften c^ntgegengearbeitet werden. Fiir andere Papiere soldier 
(Ifsellscbaften, z. B. fiir Obligationen und weitcr fiir die Papiere aller 
anf andercm Wege entstandencn Aktiengesellscbaften, gilt die Zwiscben- 
frist niclity obwobl da ebenfalls grofse Mifsbriiucbe eintreteu k/mnen 
nnd aiich sclion eingetreten sind. Bei den Antoilscbeinen und stajitlicb 
iiicht uarantiorten Oi)ligationen ausliindiscber Erwerbsgesellscbafton ist 
die Zulassung davon abbangig, dafs die Emittcnten sicb verpflicbten, 





252 Erster Toil. Der Handel. 

5 Jalirc hindurch jjilirlich die Bilanz, die Gewinii- und Verlnstrechnung 
in einer oder mehreren, von der Zulassun^stelle zii !)estiminenden deutschen 
Zeitunfren zu veroffentliclien. Diese Bestiininung will den deutschen Inter- 
essenten eine Unterrichtung; iiber die La^e der betr. auslandischen Gesell- 
sehaftcn erleichtern. Aufser diesen gesetzlichen Seliranken, die von der 
Zulassun^sstelle inneziihalten siud, kann aber nacli § 42 des Gesetzes der 
Bundesrat noch weitere Bestininiunjicen iiber die Voraussetzungen der 
Zulassung geben und insbesondere auch den Mindestbetrag des Grund- 
kapitals, der fiir die Zulassung von Aktien an den einzelnen Borsen 
niafsgebend sein soil, sowie den Mindestbetrag der einzelnen Stiicke der 
^ lassenden Wertpapiere festsetzen. Aufserdeni kann auch die Landes- 
regiertW^<?rg;inzende Bestinnnungen treffen, die dem Eeichskanzler niit- 

zuteilen sini. 

Der Bundesrat hat von der eben erwilhnteu Befugnis Gebraueh 
geniacht dutch die\oV!i Reichskanzler am 11. Dezember 1S96 veroffent- 
lichten ,,Bestimnuingen bettrdi^* Zulassung von Wertpapieren zum Borsen- 
handel^ Diese BundesratsbestiHh*!iigen gestatten die Zulassung nur, 
wenn die Gesanitsunmie der auf GrunT''*^ alsbald in Ver- 

kehr zu bringenden Stiicke nach ihrem XennvveK ^^^ Berlin, Frankfurt a. M. 
und Hamburg mindestens 1 iMill. M., auf den \i\)^^^ Borsen mindestens 
Vi Mill. M. betragt. In Berlin, Frankfurt a. M. uni ^''^"^^^^^^' ^,^^^ ^''^ 
der Borsenaufsichtsbehorde im Euizelfall die (4ren^ ^'^^ mindestens 
\i Mill. M. zugclassen werden, „wenn der Gegen.^tand N^^'^ Emission nur 
Bedeutung fiir das engere Wirtschaftsgebiet Imt, welchem^^^^r Borsenplatz 
angelHJrt''. Fiir derartige, nur den engeren Bezirk interessi^^^°^'^ Papiere 
kann die I^andesregierung allgemein einen geringeren Min'jJ^^*^^*''^ ^^^ 
50000UM. zulassen. Diese Grenzbestimmung findet keine \A^^^^^^^"S? 
wenn die Wertpapiere von einem Gemeinwesen, einer Gesell^'^^^ ^^^^ 
Person herriihren, von welchen' l)ereits sonstige Werte an derself^^'^ Borse 
zugelassen sind. % 

Beziiglich des Mindestbetrages der einzelnen Stiicke beschnm^^^^'" 
der Bundesrat darauf, zu verlangen, dafs Aktien und Interimss^^^"^ 
einer deutschen Gesellschaft den Vorschriften des Handelsgesetzbu^^ 
vom 10. Mai 1897 § ISO entsprechen, also in der Pvegel auf lOOO jf* 
lauten. Ausliindische Aktien und Interimsscheine, die auf einen geringere\ 
Betrag lauten, diirfen nur mit Zustiramung der Landesregienmg zugo 
lassen werden. \ 

Als weitere Voraussetzungen der Zulassung bezeichnet die Bundes- 
ratsverordnung : A 

1. Dafs die Werti)apiere voll gezahlt sind (abgesehen von Aktien und 
Interimsscheinen von Versicherungsgesellschaften); 

2. dafs sic auf deutsche Wiihrung oder gleichzeitig auf diese und eiiio 
andere Wiihrung lauten; 



10. Kapitel. Dcr Borsenhandel. 263 

3. dafs die Zinsen oder Dividenden sowie die verlosten oder ge- 
ki'indigten Stiicke an einem deutsclieii B()rsenplat7.e zahlbar sind, 
und dafs die Aushiindi^ung der iieiien Zinsbo<^cn daselbst kosten- 
frei erfol^. 

Die Zulassungsstelie kann iii besonderen Fallen Ausnahnien von 
diesen Voraussetzungen vorsehen, niufs aber die bewilligten Ausnahmen 
nnter Angabe der Griinde dem Staatskoniniissar mitteilen. 

Uber das Verfahren und die formellen Erfordemisse des Zulassungs- 
antrags entliiilt das Gesetz voni 22. Juni 1S9H in § 38 grundiegende Be- 
stimnmngen, die in der erwahnten Bundesratsverordnung noch ergiinzt 
sind. Das Gesetz schreibt vor, dafs der Zulassungsantrag nach der Ein- 
reichung von der Zulassungsstelic iinter Bezeichnung der Einfiihrungsfirnia, 
des Betrages und der Art der eiuzufuhrenden Papiere zu veroffentlicben 
ist, und dafs zwischeu dieser Veroffentliebung und der Einfubrung der 
Papiere an der Borse mindestens G Tage liegen niiissen. Das Gesetz 
fuhrt weiter fiir alle Papiere — init Ausnabnie der deutschen Reichs- 
und Staatsanleihen — allgeniein den Prospekfzwang ein. Der Prospekt, 
der „vor der Zulassung*' zu veriiffentliehen ist, mufs die zur Beurteilung 
des Wertes der einzufiibrenden Papiere wesentlichen Angaben enthalten, 
femer den Betrag, der in den Verkebr gebracbt, sowie den Betrag, der 
vorlaufig voni Verkebr ausgeschlossen werden soil, und die Zeit, fiir 
welebe dieser Aussclilufs erfolgen soil. Der Prospektzwang gilt auch 
fur den Fall der Konvertierung und der Kapitalserhobung. Von dem 
Prospektzwang kann die I^ndesregierung entbinden die Scbuldver- 
schreibungen, fiir die da.s Reich oder ein Bundesstaat die voile Garantie 
iibemonmien bat, ferner die Schuldverscbreibungen koniniunaler Korper- 
Bchaften und koinniunalstandiscber Kreditinstitute und der unter Staats- 
aufsicht stehenden Pfandbriefanstalten. 

Die Bundesratsvorachriften ordnen zur Ergjinzung dieser Bestim- 
mungen zuniiebst an, dafs der Zulassungsantrag scbriftlieb einzureicben 
ist und die in die Veroffentliebung des Antrags aufzunehnienden An- 
gaben enthalten und von dem Prospekt und bestimmten naher bezeicb- 
neten Nacbweisen begleitet sein mufs. Der Prospekt mufs von dem- 
jenigen, der ihn erlassen hat, unterschriftlieh vollzogen sein. IJber den 
Inhalt des Prospektes giebt die Bundesratsverordnung eingebende Vor- 
schriften; dieselben bezeichnen zunjicbst die 11 Punkte, die in jedem 
Prospekt angegeben sein miissen, und die gewissermafsen das allgemeine 
Nationale des neuen Wertpajners enthalten (§ 5 d. Verordn. v. 11. Dez. 1896). 
Dahin gehort die Angabe der Koqierscbaft, Gesellschaft oder Person, 
deren Pajnere zugelassen werden sollen; der Rechtstitel, auf welchem die 
Berechtigung zur Ausgabe der Wertpapiere l)erulit; der !)esondere Ver- 
wendungszweek des Ertrages der Emission; der Xennbetrag der Emission, 
unter Ersichtlicbmachung des in Verkebr zu bringenden und des vor- 



254 Ei-stcr Tcil. Der Handel. 

liiufi*; voui Verkehr ausziis^chliersenden Retraces und die Zeitdauer dieses 
AiiJischlusses ; die Merkmale (Betrag, Reihen, Xummeni) der zu emittieren- 
den Stiicke, und ob sie auf den Inhal)er oder auf den Nanien gestellt sind ; 
die Kundigungs- und Tilgiingsbestininiungen; die Art der Sicherstellnng 
fiir Kapital-, Zins- oder Dividendenzalilung; die etwaigen Vorzugsrechte 
der neuen oder der diesen voranstehenden Papiere; die Abziige oder Be- 
sehriinkungen bei Zins-, Dividenden- oder Kapitalzahlung; die Tlatze und 
Terniine dieser Zahlungen, den Zinssatz, die Verjalirungsfristen fiir den 
Anspruch auf diese Zablungen; den Unirechnungskurs, nacb deni ge- 
gebenenfalls die frenide Wahrung unizurecbnen it>t. 

Zu diesen allgenieinen Angaben treten naeli § 6 und 7 noch ))e- 
yondere Angaben fur offentliehe Anleilien des Auslandes, fiir Anteilsebeine 
und Scliuldverschreibungen eines gewerbliehen Unternebniens, fiir Gnind- 
kreditobligationen und nypotbekeni)fandbriefe und fiir die Aktien und 
Obligationen von Aktien- und Koniuiandit-Aktiengesellscbaften. Diese be- 
sonderen Angaben, die bier nicbt ini einzebien aufgefiihi-t werden konnen, 
verfolgen offensicbtlieb den Zweek, eine nioglicbst grlindlicbe Aufkliirung 
iiber die Oiite und Sieberbeit der neuen Tapiere zu scbaffen, uni so deni 
beteiligten Publikuni ein eigenes Urteil zu enn(>glicben. 

Naeb Eingang des Antrags, sofern derselbe fomiell in Ordnung ist, 
verfiigt die Zulassungsstelle die Veniffentlicbung des Antrags auf Kosten 
des Antragstellers ini Reicbsanzeiger und in mindestens zwei anderen 
inlandiselien Zeitungen, die von der Zulassungsstelle nacb bestininiten, 
in der Verordnung angegebenen Gesicbtspunkten auszuwiiblen sind. Eine 
dieser Zeitungen niufs an dein betr. Borsenplatz selbst erscbeinen; die 
andere niufs, wenn es sicb uni Papiere einer inliindiseben Aktien- oder 
Komniandit-Aktiengesellscliaft bandelt, in deni engeren Wirtscbaftsgebiet 
dieser Gesellsebaft erscbeinen. Aufserdeni ist der Antrag durcb Anscblag 
in der Borse selbst bekannt zu niacben. 

Nacbdeni die Veroffentlicbung des Antrags verfiigt ist, j)riift die 
Zulassungsstelle, ob alle vorgeschricbenen Angaben ini Prospekt geniacbt 
sind, und welcbe weiteren Erganzungen des Prospektcs notig oder welcbe 
weiteren Trkunden vorzulegen sind. Nicbtbefolgung der entsprechenden 
Aufforderungen ziebt die Abweisung des Antrags vorljehaltJich des etwa 
in der Borsenordnung > orgesebenen Besclnverderecbts nacb sicb. Zwiscben 
der Veroffentlicbung des Antrags in der aui Borsenpiatze erscbeinenden 
Zeitung und deni Zulassungsbescblufs nitissen mindestens drei Tage liegen. 
Ini Zulassungsbescblufs ist audi der Terniin anzugeben, von dem ab 
die Einfiihrung an der Hank erfolgen darf. Friiliestens darf die Ein- 
fiibnmg am dritten Werktagc nacb deni Tage des Zulassungsbeschlusses 
und nacb deni Tage der ersten Veri>ffentlicbung des Prospektes erfolgen. 

Der Zulassungsbescblufs ist durcb dreitiigigen Ausbang in der Borse 
zu verOffentlicheii. Von dieser Veroffentlicbung ab bis zur Einfiibrung 



10. Kapitel. l)er Borsenhandel. 255 

jiind an der Borse die l)eigebracliten Beweisstiicke, dureh welclie die 
An^ben dej^ Prospektes erliiirtet werden, r>{fentlieh auszulegen. 

Der Prospekt selbst niufs von deni Antragsteller in den Zeitunicen, 
in denen der Antra^ bekannt ^egebcn ist, niit Ausnalinie des Reiehsan- 
zei^ers, verOrfentlieht werden. 

Fiir den Inhalt des Prospektes haften nach § 43 — 47 des BiJrsen- 
j^esetze^s diejenigen, von denen der Pros])ekt eriassen ist, und diejenijiren, 
von denen der Erlafs des Prospektes ansgelit. Sie haften zuniichst fiir 
I'nrichtigkeit wcsentlielier Augaben, wenn sie die Unrichtigkeit gekannt 
haben oder ohne grobes Versehulden hiitten kennen niiissen, und zwar 
audi dann, wenn der Prospekt die betr. Augaben als von eineni Dritten 
herrubrend bezeiebnet Die Oenannten haften weiter, wenn wesentliche 
Thatsaehen im Prospekt fehlen, sei es dafs sie b(>slich versehwiegen 
sind, sei es dafs die haftbaren Personen eine ausreichende Priifung der 
Vollstiindigkeit des Prospektes boslich unterlassen haben. Die Oenannten 
haften als Gesamtschuldner jedeni Besitzer des betr. Wertj^apieres fiir 
den Schaden, der deni Besitzer aus der von den Angaben des Prospektes 
abweiehenden Sachlage erwiichst. Die Haftung kann nicht dureh Privat- 
vertrag l)eseitigt oder ermafsigt werden. Die Ansi)ruclie aus dieser Ilaftung 
verjahren in 5 .Fahren. 

AUe Papiere, deren Zulassung verweigert oder uielit naehgesucht ist, 
diirfen auch ini anitliehen Kurszettel nicht notiert werden. Geschiifte in 
solchen l*apieren sind von der Jienutzung der Biirseneinrichtungen aus- 
geschlossen, und die Kursniakler diirfen derartige Geschilfte nicht verinittehi. 
Preislisten dariibcr diirfen nicht veroffentlicht oder in luechanisch herge- 
^ti'llter Vervielfahigung verbreitet werden (§ 41 des Ges. v. 22. Juni 1S96), 
was freilich alles nicht ausreicht, um Privatabschliisse in solchen Weil- 
papieren zwischen Borsenbesucheni zu verhindern. 

Diese letzteren Gnindsittze gelten nach § 40 auch fiir Wert])ai)iere, 
die zur offentlichen Zeichnung aufgelegt sind, deren Zuteilung an die 
Zeichner aber noch nicht beendet ist. Das richtet sich gegen den ^Handel 
per Erscheinen^ oder, wie der Jahresbericht der Altesten der l^erliner 
Kaufniannschaft fiir 1894 S. 64 richtiger sagt, ^.Ilandel vor Zuteilung" 
und will verhindern, dafs dureh den Borsenhandel vor Zuteilung der 
Eniissionskurs in die Ilohe getrieben und nun zu dieseni erhohten Kurs 
noch vor der Zuteilung an die Zeichner die Pajnere abgesetzt werden. 
Fiille des Mifsbrauchs dieses vorzeitigen Ilandels sind eingetreten, aber 
in gewohnlichen Zeiten doch selten. Vielfach dient dieser vorzeitige 
Verkauf dazu, eineni Anlagesuchenden den Erwerb eines bestininiten 
Betrages des neuen Papicrs zu sichern, was sonst oft, z. B. bei starkrr 
t berzeichnung, deni Einzelnen nicht niuglich sein wiirdc. Das Ocsetz 
verbietet diese Oi)erationen nicht, aber es versagt ihnen die offizielle An- 
erkennung, d. h, es verweist die Beteiligten auf rein i»rivate Abniachungen. 



256 



Ereter Teil. Der Handel. 



Die Ablebnung der Zulassimg eines neuen Wertpapiers an einer 
Borse mufs von der Zulassungsstelle unter Angabe der Grunde den Vor- 
Btanden der iibrigen deutschen Borsen mitgeteilt werden. Beruht die Ab- 
lebnung nicbt lediglicb anf ortlieben Verbaltnissen, so kann die Zulassung 
an einer anderen Borse nur mit Zustiminung derjenigen Zulassungsstelle 
erfolgen, welche den Antrag abgelebnt bat 1st vorber oder wird gleicbzeitig 
der Antrag auf Zulassung nocb bei einer anderen Borse beantragt, so bat 
der Antragsteller dies anzugeben, und die Zulassung kann dann nur im Ein- 
verstandnis mit der beteiligten anderen Zulassungsstelle erfolgen. Diese 
Vorscbriften des § 37 des Borsengesetzes baben den Zweck, zu verbindem, 
dafs ungeeignete Papiere, die von der einen Borse abgelebnt sind, trotzdem 
auf deni Umwege uber eine andere Borse in den Borsenbandel eindringen. 

Diese ganze, scbarf zugespitzte Regelung des Borsengesetzes beziebt 
sicb nur auf die Zulassung zum Borsenbandel iiberbaupt Die Zulassung 
zum Borsenterminbandel ist damit nocb nicbt gegeben; bierfur besteben 
besondere Vorscbriften, auf die weiter unten nocb einzugeben ist — 

Naeb der Reicbsstatistik sind im ganzen bei den deutscben Borsen 
zum Borsenbandel zugelassen worden (in Millionen Mark Nennwert): 



1897 



1898 



deutfiche 

Staatsanleihen 1304,2 

Anleihen von Provinzen, Stadten u. s.w. 241,9 
Pfandhriefe von Landschaften und ahn- 

lichen Bodenkreditinstituten unter 

stoatlicher Aufsicht 205,9 

Handbriefe von Ilypothekenbanken . 1291,7 
Bankaktien und -Obligationen . . . 326,6 

Eisenbahnaktien 34,6 

Eisenbahnobligationen 24,5 

Industrie-, Vcrkehrs-, Versicberungs- und 

Bergwerksaktien (und Kuxe) . . . 
Industrie-, A^erkehrs-, Vei-sicherungs- und 

Berg^^'erksobli^ationen 



304,9 



53,6 



ausl^- 

dische 

364,4 

91,3 



112,7 

287,2 

1,7 
50,3 



deutsche 

42,7 
154,2 



75,0 

868,8 

309,3 

72,2 

59,3 

330,7 

180,8 



ausl&n- 
dische 
993,5 
102,5 



184,5 

50,5 

8,0 

0,8 

1176,6 

11,6 

6,3 



Zusammen 3787,9 889 ,6 20 93,0 2534,3 
4677,5 4627,3 

Der grofste Teil dieser Zulassungen entfiel auf Berlm. Die Zabl der 



Zulassungen stellte sicb: 



Berlin . 
PVankfui-t a. 
Dresden 
Hamburg 
l^eipzig . 
Munchen 
Kdln 
Breslau . 



M. 



auf 



171 
74 
27 
29 
26 
23 
18 
16 



189S 
263 
115 
50 
46 
32 
24 
22 
19 



m 







1897 


1898 


Bremen . . 


. auf 


9 


13 


Stuttgart . 


V 


4 


7 


Mannbeim . 


«> 


8 


6 


Konigsberg . 


„ 


2 


3 


Essen . . . 


V 


9 





Augsburg . . 


?> 


6 





Dtisseldorf . . 


JJ 


3 





Stettin . . . 


»> 









10. Kapitel. Der Boi-8enhandeI. 257 

Auch im Auslaude ist fiir den Eiutritt neuer Wertpai)iere in den 
Borsenhandel die ausdriickliche Zulassung erforderlieli. Die Entscheidung 
iiber die Zulas8ung;santrage und iiber Ausschliefsung von Papieren liegt 
fast ausnalmislos in der Hand gewahlter Borsenorgane, entweder des 
BOrsenvorstandes oder besonderer Kommissionen , wie des in Amerika 
ublichen ^Committee on Stock List", das aber in New York nur vorbehalt- 
lich der Zustimmung des Governing Committee entscheidet. Ein direktes 
Eingreifen staatlieher Organe findet sicli nur selten. Es kommt vor in 
Frankreich, wo die cbanibres syndicales des agents de cbange, also die 
Vorstiinde der Oenossensehaften der amtlicben Makler, im allgemeinen 
die Entscbeidung haben, aber der Finanzminister ausliindisehe Wertpapiere 
jederzeit imtersagen kann. Noch weiter gebt — formell wenigstens — 
das Eingreifen staatliclier Organe in Oesterreicb. Hier bat der Finanz- 
minister nach Anhonmg der Borsenleitiing zu bestimmen, welcbe Wert- 
papiere borsenmiifsig gehandelt und amtlicb notiert werden soUen. Tbat- 
siiebbch bedeutet dies, dais die Br)rsenleitung entscbeidet. Deun nur ganz 
vereinzelt — die deutscbe BiJrsenenquetekonunission batte bis 1892 nur 
zwei solcbe Falle ermittelt — stimmt der Minister dem Gutaebten der 
Borsenleitung nicbt zu, und gegen deren Gutaebten batte er bis 1S92 nie- 
mals — m. W. aucb spiiter nicbt — die Zulassung eines Wertpapiers verfiigt. 

In Basel wird das Reglement i'lber das Zulassungsverfabren vom 
Regierungsrat festgesetzt. In Zurich kann die Direktion des Innern die 
Zulassung untersagen und die erfolgte Zulassung sistieren, wogegen dann 
Rekurs an die Regierung zulassig ist. 

Die Voraussetzungen fiir die Zulassung sind ausnabmslos weniger 
scharf als in Deutscbland. Bernerkenswert ist aber, dais die Riicksicbt 
auf die ^allgemeinen Interessen^' mebrfacb in diesen Dingen eine Rolle 
spielt. In Paris z. B. kann die Syndikatskanimer der vereideten Makler 
von Amts wegen die Zulassung von Papieren verfiigen, wenn sie das im 
allgemeinen Interesse fiir notig bait. In Briissel und Antwerpen kCmnen 
Wertpapiere wieder ausgescblossen werden, wenn der Uandel in den- 
selben dem allgemeinen Interesse zuwiderliiuft. Am scbiirfsten und den 
deutschen Vorscbriften am niicbsten stebend mufs man die engUscben 
Vorschriften nennen. In London, Glasgow und Dublin be^tebt aucb der 
Prospektzwang und die Notwendigkeit der Beifiigung von Urkunden 
iiber die Ricbtigkeit der Angaben im Prospekt und iiber die Berech- 
tigung zur Ausgabe der Papiere u. s. w. — 

Xacb dem Ausgefiibrten erstreckt sicb der Borsenverkebr sowobl 
auf Wertpapiere, als auch auf Waren im engeren Sinne des Worts. Dem- 
entsprecbend unterscbeidet man auch Wertpapierborsen, gewobnlich 
Effekten- und Fondsborsen genannt, und Warenborsen, die in der Regel 
als Produktenborsen bezeichnet werden. In Amerika und England sind 
beide von einander unabhangig und gliedern sicb zum Teil wieder in 

TAM DBS BoBQHT, Handel. 17 



258 Ereter Teil. Der Handel. 

Specialborsen. So hat man in Liveri)ool fiir den Warenverkehr drei v(>llig 
getrennte borsenniafsige Vereinigungen, namlich 

the Liveq)ool Corn Trade Association, 
„ „ Provision Trade Association, 

,, „ Cotton Association, 

also eine Getreide-, Nahrungsmittel- *) und Baurawollborse. In London 
8{)altet sich der borsenniafsige Warenverkehr sogar in 15 borsenartige 
Vereinigungen, die zum Teil allerdings einer festeren Organisation ent- 
behren. Auch der Verkehr in Wertpapieren ist dort noch geteilt, da eine 
besondere Borse fiir auslandische Wechsel (Devisenj und Wertpapiere 
besteht, „Royal Exchange^' genannt, und eine weitere Borse, ^Stock Ex- 
change'^, fiir sonstige Wcrtpa{)iere. 

Auf deni europiiischen Festland ist die Gliederung im Borsenverkehr 
bei weitem nicht so sehr entwickeU. Waren- und Wertpapierborse sind 
in der Kegel niit einander verbunden, benutzen dasselbe Gebaude, zum 
Teil, wenn auch unter zeitlicher Trennung, denselben Kaum, haben zum 
Teil genieinschaftliche Organe, bringen die Kosten gemeinsajn auf u. s. w. 
In Hamburg stroinen sogar alle am Grofshandel beteiligten Kreise zur 
Br)rsenzeit zusammen, sodafs sich der ganze geschaftliche Grofsverkehr 
der verschiedensten Warenarten an der Borse konzentriert Auch in den 
ubrigen deutschen Seestadten hat sich der Verkehr ahnlich gestaltet. 

Selbstverstiindlich bedeutet die ortliche und zeitliche Zusammenfassung 
des Borsenverkehrs verschiedener Warengattungen , soweit sie besteht, 
nicht, dafs nun unterschiedslos alles durcheinander geworfen wird. Es 
bilden sich sovvohl im Wertpapier-, als auch im Warenverkehr gewohn- 
heitsmafsig gewisse Sondergruppen aus, die dem Drange nach Arbeits- 
teilung entspringen. In Hamburg hat neuerdings sogar eine Bewegung 
eingesetzt, die auf gesonderte Borseneinrichtungcn fiir die einzelnen Waren- 
^Tuppen hinauslauft. Getreide-, Petroleum-, Kaffee-, Zucker-, Spiritus- 
und Kartoffelfabrikatenhandler haben sich je zu einem besonderen Verein 
zusammengeschlossen, und jede dieser Vereinigungen versammelt sich zu 
bostimmten Zeiten in besonderen Raunien zum Zwecke des Borsenverkehrs. 

Eine weitere Aufsemng der Arbeitsteilung im Borsenverkehr liegt 
in denjenigen Specialborsen vor, die sich in den IIaui)tproduktionsbezirken 
l)ehitimmter Waren entwickelt haben. 

Man darf wohl annehmen, dafs die Gliederimg nach Warengruppen 
urn so mehr Fortschritte machen wird, je umfangreicher der Borsenver- 
kehr wird. Ein Bediirfnis, z. B. Kaffee, Spiritus, Zucker u. s. w. in dem- 
selben Borsenraum und zu derselben Zeit borsenmjifsig zu verhandeln, 
liegt an sich nicht vor, und wenn der Verkehr in jeder dieser Gruppen 
grofs genug geworden ist, uin selbstiindige Borseneinrichtungcn zu er- 

li norische Produkt*?. 



10. Kapitel. Der Boreenhandel. 259 

moglichen und lebensfahig zu erhalten, setzt sich eine wirkliche Sonde- 
rung auch von selbst durch. 

§ 4. Die Borsengeschafte. Die Borse ist, wie erwahnt, eine Central- 
stelle fiir den Absehlufs von Geschaften. So umfangreich aucb diese 
Oesehaftsabscbliisse sind, und so eigenartig die einzelnen Gescbaftsarten 
sich aucb entwickelt baben, so einfacb vollziebt sicb in formeller Hin- 
sicht der Verkebr an der Borse. Nirgendwo werden Abscbliisse von 
grofserTragweite so fonnlos verabredet als an der Borse. Bei beschranktem 
Verkebr geniigt wobl die private Abrede von Mann zu Mann. Da es 
aber darauf ankoinmt, nicbt den einzelnen Verkaufer und Kaiifer an 
einander zu bringen, sondern die Masse der Anbietenden und Nacbfragen- 
den einander gegeniiber zu stellen, so vollziebt sich Kauf und Verkauf 
nieist durch lautes Ausrufen. Fiir die einzelnen Waren- und Effektenarten 
bilden sich gewohnheitsmaisig bestimmte Gruppen, die das Begegnen von 
Angebot und Nacbfrage erleichtem. In jeder Gruppe werden die An- 
gebote zuni Kauf oder Verkauf von dem oder den Beteiligten laut aus- 
gerufen, und wenn auf den Ausruf Jeinand zustimmend antwortet, so ist 
das Geschiift abgescblossen. Wer eine Kauf off erte macht, ruft einfacb 
^Ich kaufe (ich nehnie)" und nennt dann die Ware, den Preis, den Er- 
f ullungstennin ; z. B. „Ich kaufe 25 (osterreicbische) Kreditaktien per Kassa 
mit 295"^, d. b. „Icb will 25 osterreicbische Kreditaktien zum Kurse von 
295 Proz. gegen Kassa einkaufen'\ Ist fiir den Gegenstand der Kauf- 
offerte eine bestimmte Menge iiblicb oder ein fiir allemal durch die 
^Borsenusancen'* festgelegt, so bedarf es noch nicbt einmal der Mengen- 
angabe. Aucb der Name der Ware oder des Papiers wird in moglicbst 
abgekiirzter Form ausgerufen. Die Borsenbesucber kennen ja diese Dinge 
so genau, dafs eine umstandliche Bezeichnung unnotig ist. Antwortet auf 
die Kaufofferte Jemand: „lch gebe sie Ihnen'', so ist das Geschaft ab- 
gescblossen. Beide notieren sich die Verabredung in ibren Biichem und 
fiir die B()rse selbst ist damit die Sache erledigt. Wer als Verkaufer auf- 
tritt, ruft: „Ich verkaufe'' (,,icb gebe") u. s. w. Der einfache Zunif: 
..Ich nehme sie" geniigt, das Gescbiift abzuschliefsen. 

In dieser aufserst einfachen Form kommen an der Borse die meisten 
Geschafte zu stande, und die Existenz der so geschlossenen Gescbiifte zu 
leugnen, fallt Niemand ein. Die Konsequenzen werden aus diesen form- 
losen Abreden fast ausnahmslos gezogen von beiden Teilen, und durch 
die strengen Regeln des Borsenverkebrs sind diese Konsequenzen auch 
ohne nabere Vereinbanmg der Beteiligten hinreichend klargestellt, und 
die Erfiillung der ilbemommenen Veri)flichtung wird gerade an der Borse 
durch sebr seharfe und riicksichtslos gehandhabte Vorschriften gesiebert. 

An der Borse werden nach der Ansicht mancher Leute viel merk- 
wiirdige und wenig scbcme Dinge getrieben, und aucb der unbefangene 
I^eobachter kann nicbt leugnen, dais Milsbrauche im Borsenverkebr oft 

IT* 



260 Ereter Teil. Dcr Handel. 

genug vorgekoninien sind. Abcr das niufs Jeder anerkennen, dafs die 
ganze Form des Geschaftsabschlusses durcbaus auf „Treu iind Glauben", 
auf unbedingter Anerkennung der formlos iibemonimenen Verpflichtungen 
aufgebaut ist. 

Auf den englischen und amerikanischen Borsen ist vielfach anstatt 
des Aufrufs diirch den einzelnen Interessenten der Aiifnif durcb einen 
von der Borsenleitung dazu bestimniten Beamten iiblich. Dieser offent- 
liche Aufruf, „publie eall"^ genannt, der sowohl bei Effekten, als auch 
bei Waren angewandt wird, nahert sieh dem Verfahren der (jffentlichen 
Versteigerung. Bei Kaufofferten bebt jedes hobere Gebot das vorher- 
gegangene niedrigere Gebot auf, bei Verkaufsofferten liebt unigekehrt jedes 
niedrigere Lieferungsangebot das vorbergegangene hiihere Angebot auf. 

Miindlicb werden die Gesebafte an der Borse abgescblossen ; aber 
iiber die miindliclie Verabredung wird liinterber ein Scbein (Schlufsschein, 
Sclilufszcttel, Scblufsnote) ausgefiillt, sodafs die Einzelheiten scbriftlich 
fixiert werden, und dieser Scliein wird entweder von dem einen Vertrag- 
seblielsenden dem anderen oder von dem Makler an jeden Vertragsteil 
ausgebjindigt. Die Sclilufsnote entbiilt die wesendichen Abmjiebungen, 
auf denen dcr Abscldufs berubt, und bat sicb scbon im 17. Jahrhundert 
in Amsterdam eingebiirgert. In der Hauptsache ist der Schlufsschein jetzt 
allgemein iiblich. Seine Form ist sehr einfach. In der Regel sind be- 
stimmte Fomiulare dafiir vorgeschrieben. Im Interesse der Erbebung der 
l^r^rsensteuer bestcht meist ein gesetzlicher Schlufsnotenzwang. 

Durcb die Scblufsnote wird aber keineswegs das Gescbaft erst ab- 
gescblossen oder giiltig. Die Scblufsnote ist nur die schriftlicbe Fixierung 
des bereits miindlich vollzogenen Gescbiiftsabsch hisses, und die Unter- 
zeichnung der Scblufsnote bedeutet nur die naclitragliche formclle An- 
erkennung dieses Abscblusses. Das Entscbcidende ist also die miindlicbe 
Abrede, und sie miifstc Jiuch dann erfiillt werden, wenn eine Scblufsnote 
dariiber niclit ausgestellt wird. 

Die an der Br)rso abgeschlossenen Gesebafte werden an der Borse 
selbst nicbt erfiillt. Die Erfiillung erfolgt stets aufserhalb der Borse 
dadurcb, dafs der Verkaufer dem Kaufer in dessen Geschiiftslokal 
oder an die vom Kaufer bezcichnete, zum Empfang berecbtigte Firma 
am Br»rsonplatze die gokauften Waren oder Wertpapiere wahrend der 
iiblicben Gescbflft^zeit liefert. Ob das Gelieferte der Abrede ents[)richt, 
wird bei Mcinungsverschiedenbeitcn durcb die dazu bestimmten besonderen 
Borsenorgane entscbieden, und zwar in der Kegel cndgiiltig. 

Die Gesebafte, die an [der Borse abgescblossen werden, verfolgen 
sehr verschiedenc Ziele. Ein sebr grofser Teil der Gesebafte — und 
zwar ein viel grofserer, als in Laienkreisen angenommen wird — dient 
lediglicb dem Zwecke, anlagesuclienden Kapitalien eine dauemde Anlage 
zu sicbern. Das sind die „Kiiufe auf feste Iland"^. Die Kaufer wollen 



10. Kapitel. Dor Borscnhandel. 261 

dabei die envorbenen Wertpapiere dauerad oder doch aiif langere Zeit 
bebalten. Sie haben deshalb ein dringendes Interesse iiicht nur an der 
Ertragsfahigkeit, sondern vor allera audi an der Siclierheit des Papiers 
und an seinem gleichmafsigen Wertstande. Ein bedeutender Teil der 
standigen Kapitalanlagen in Wertpapieren wird jetzt uber die Borse ge- 
leitet, weil auf dieser Centralstelle am leichtesten das gewiinschte Anlage- 
papier zu eineni den Marktverhaltnissen entsprechenden Preise zu er- 
langen ist An ortlicben und zeitlicben Kursscbwankungen bat dieser 
Teil des Verkebrs nur insovveit ein Interesse, als er den vorteilliaftesten 
Ankaufsort und die vorteilbaftcste Ankaufszeit zu finden bemiibt ist. 

Eine andere wicbtige Gruppe der Borsengescbafte sind die Arbitrage- 
gescluifte. Dieselben liaben den Zweck, an der ortlicben Kurs- und 
Preisverscbiedenbeit zu verdienen dadurcb, dafs Wertpapiere oder Waren 
an den Orten, an denen ibr Preis gerade niedrig ist, eingekauft werden, 
um an Orten, an denen der Preis bober stebt, wieder verkauft zu werden. 
Das ist ja nun freilicb ein Ziel, das iiberbaupt im Handel verfolgt wird. 
Stets konimt es fiir den Handel niit darauf an, die Waren voui Ort der 
billigeren nacb dem Orte der boberen Preise zu dirigieren. Gleicbwobl 
ist der Arl)itragebandel der Borse als ein wicbtiger und scbwieriger be- 
sonderer Zweig des Handels anzuseben. Er ist w icbtig, weil er zur Aus- 
gleiebung ortlicber Preis- und Kursverscbiedenbeiten beitragt Er ist 
scbwierig, weil er durcb die erfolgreiebe Ausgleicbungsarbeit sicb weitere 
Operationen in den betr. Waren oder Papieren erscbwert; denn diese 
Ausgleicbung bedeutet die Beseitigung der Grundlage, auf die sicb der 
Arbita^ebandel stiitzt, d. b. die Beseitigung der ortlicben Preisversebieden- 
beiten, die obnebin beutzutage nur gering und nicbt von langer Dauer 
sind. Desbalb komnit es bier auf gesebickte und unverziiglicbe Aus- 
nutzung der augenblicklicben Marktlage an. Das setzt eine genaue 
Kenntnis der intemationalen 51 iinz verbal tnisse, der Arten der Kurs- und 
Preisnotienmg der verscbiedenen Platze, der Bef()rderungsgelegenbeiten, 
der Steuerverbjiltnisse u. s. w. voraus. Es verlangt aucb eine klare Er- 
kenntnis dariiber, wo fiir die in Betracbt kommenden Waren oder Wert- 
papiere auf Abnabine zu recbnen ist. 

Der Arbitragebandel kann iiberbaupt nur durcb Zubilfenabme der 
schnellsten Nacbricbtenbeforderungsniittel durcbgefiibrt. werden ; obne 
Femsprecber und Telegrapb wiire er in seiner beutigen Form nicbt 
denkbar. 

Der Arbitragebandel ergreift zwar aucb Waren, vielfacb unter Aus- 
nutzung aucb zeitlicber Preisunterscbiede, also nicbt in ganz reiner Fonn; 
sein Hauptgegenstand aber sind die viel leicbter zu bewegenden Wert- 
papiere, namentbcb diejenigen, welcbe im Borsenverkebr eine internatio- 
nale Eolle spielen, wie die zur intemationalen Zablungsausgleicbung ver- 
wendeten Auslandswecbsel. 



262 Ereter Teil. Der Handel. 

Da der Arbitragehandel auf raschesten Verkauf seiner Gegenstande 
angewiesen ist, und da unter normalen Verhaltnissen sichere und durch- 
aus einwandfreie Papiere am leichtesten zu verkaiifen sind, so hat an 
sieh die Sicherheit der Papiere fiir den Arbitragehandel eine grofse Be- 
deutung. Das schliefst nicht aus, dafs Zeiten koramen, in denen die 
leichte Verkauflichkeit gerade weniger sicheren Papieren znzusprechen ist 

Jeder Handel will nicht nur an der ortlichen, sondem auch an der 
zeitlichen Preisvcrschiedenheit verdienen. War beim Arbitragehandel der 
erstere Gesichtspunkt mafsgebend, so giebt es eine dritte Gnippe der 
Borsengeschafte, die sieh wesentlich auf die Ausnutzung der zeitlichen 
Preisverschiedenheiten richtet (Spekulationsgeschafte im engeren Sinne). 
Im Borsenhandel werden also die beiden Arten der Ausnutzung der 
Preisvcrschiedenheit, die beim Handel an sieh in der Kegel mit einander 
verbunden sind, in besondere Geschaftszweige getrennt, wenn auch in 
der Praxis die Grenzen manchmal verwischt werden. Auch fur die 
Spekulation i. e. S. ist die Sicherheit der Papiere und die Giite der 
Waren, urn die es sieh bei den einzelnen Abschliissen dreht, nicht gleich- 
giiltig, da die Verkauflichkeit davon vielfach abhangt; aber noch mehr 
tritt in den Vordergrund der Wechsel in der Bewertung der Papiere und 
Waren im Grofsverkehr. Zeitliche Verschiebungen des Wertstandes sind 
der Spekulation geradezu unentbehrlich. Fehlen sie ganz, was freilich 
nie vorkommen diirfte, so fehlt auch die Gelegenheit, an zeitlichen Preis- 
unterschieden Gewinn zu erzielen. Halten sieh diese Unterschiede in 
sehr engen Grenzen, so sind die Gewinnaussichten der Spekulation sehr 
gering, und die ausgleichende Wirkung, die auch von der Spekulation 
ausgeht, kann dann leicht die Unterschiede ganz verwischen. Die Spe- 
kulation bedarf also fiir ihre Operation solcher Gegenstande, deren Preis 
sieh zeitlich in so grofsem Umfange verschiebt, dafs die voUstandige 
Ausgleichung der zeitlichen Preisunterschiede nicht zu leicht eintritt, und 
dafs der aus diesen Unterschieden zu erzielende Gewinn die Miihe lohnt 
und dem Risiko entspricht. 

Auch auf diesem Gebiet verlangt die erfolgreiche Bethatigung viel 
Kenntnisse und Erfahrungen und viel Umsicht und eine erhebliche Kom- 
binationsfahigkeit. Wiihrend der Arbitragehandel die Fahigkeit voraus- 
setzt, gewissermafsen cinen Querschnitt durch die augenblicklichen Ver- 
haltnisse zu machen, also die jetzige Marktlage auf den verschiedenen 
Borsen zu erfassen, verlangt die Spekulation im engeren Sinne die Fahig- 
keit, die niichste Zukunft zu beurteilen. Je besser entwickelt diese Fahig- 
keit bei dem Einzehien ist, je klarer er die voraussichtliche Entwicklung 
zu erkennen vermag, desto grofser sind seine Aussichten auf Erfolg. Kein 
Mensch kann den Schleier zerreifsen, der uns die Zukunft verbirgt; aber 
jeder, der an der Borsenspekulation beteiligt ist, sucht ihn, wie iiberhaupt 
jeder verstiindige Kaufmann, soweit als moglich zu liiften. Von dem 



10. Kapitel. Der Borsenhandcl. 2li3 

Urteil, das sich der spekulierende Borsenliiindler aus allerlei Beobaeh- 
tungen, Wahmehmungen, Nachrichten iiber die nachste Entwieklun^^ 
bildet, hangt die Richtung seiner Spekulation ab; sein Erfolg aber ist 
von der Richtigkeit dieses Urteils unniittelbar bedingt. 

Nicht immer werden die Schwierigkeiten der Borsenspekulation in 
der Bevolkening richtig bewertet Es sieht so leicht aus, den Zeitpnnkt 
abzuwarten, der am gunstigsten ist, und nur zu oft haben sich Personen, 
die mit der Borse nicht vertraut sind, die mitunter noch nicht einmal die 
Technik der Borsengeschafte kennen, durch diesen Schein verleiten lassen, 
sich selbst — durch Beauftragte — am Borsenverkehr zu beteiligen. 
Viele von ihnen haben es bitter zu bereuen gehabt. Selbst denen, die 
standig im Borsenverkehr stehen, schliigt die Spekulation oft fehl. 

Die Borsenspekulation kann sich sowohl derjenigen Geschaftsfonnen 
bedienen, bei denen Abschlufs und Erfiillung einander unmittelbar folgen, 
als auch derjenigen, bei denen beide durch langere Fristen getrennt sind, 
d. h. sowohl Kassa- als auch Zeitgeschafte verwendet die Spekulation. 
Nichts ist verkehrter, als die Borsenspekulation mit dem Zeitgeschiift an 
der Borse einfach zusammenzuwerfen. In grofsem Umfange stiitzt sich 
die Spekulation auch auf Kassageschafte, sowohl wenn sie von den 
Borsenbesuchem, als auch wenn sie von aufserhalb der Borse stehenden 
Personen ausgeht. Naraentlich die letzteren, die ja nur durch Auftnige 
an Borsenbesucher an der Spekulation der Borse teilnehmen konnen, be- 
dienen sich der Form der Kassageschafte. Sie kaufen Papier gegen 
Eassa ein, behalten sie solange, bis der Preis sich entspreehend gehoben 
hat, und verkaufen sie dann wieder gegen Kassa. Der Spekulation der 
eigentlichen Borsenbesucher dient das Kixssageschaft ebenfalls; aber noch 
wichtiger ist fiir die Borsenbesucher das Zeitgeschaft. 

Kassa- und Zeitgeschafte jin der Borse bediirfen noch einer beson- 
deren Besprechung, da sie manche Besonderheiten gegeniiber den gleich- 
artigen Geschaftsgruppen aufserhalb der Borse aufweisen. 

Das Kassageschiift (Kontant- oder Comptantgeschaft, Tagesgeschaft, 
bei Waren auch wohl als Locogeschaft bezeichnet) besteht seiner Idee 
nach darin, dais Abschlufs und Erfiillung zeitlich zusammenfallen. In 
dieser Form kann das Kassageschaft an der Borse nicht erscheinen, da 
dort uberhaupt nur der Abschlufs, nicht aber die Erfiillung der Ge- 
schafte erfolgt. Fiir den Borsenverkehr versteht man deshalb unter 
Kassageschaften diejenigen, bei denen Abschlufs und Erfiillung nur durch 
kurze Fristen getrennt sind. Die Kassageschafte im engsten Sinne 
werden „per Kassa" geschlossen und miissen dann normalerweise noch 
am Tage des Vertragsabschlusses erfiillt werden. Vielfach wird aber 
auch fiir solche Geschafte entweder allgemein oder fiir bestinmite Gegen- 
stande des Verkehrs in den Borsenusancen der nachste Borsentag als 
Erfiillungstag bezeichnet; die Lieferung selbst kann aber fiir Wertpapiere 



264 Erster Toil. Dcr Handel. 

in Briissel erst am 2., in Antwerpen erst am 4. Tage verlangt werden. 
In Paris erfolgt die Liefening nocli reebtzeitig, wenn sie vor dem 
5. Borsentage nach dem Tage des Abscblusses stattfindet, in Hamburg, 
wenn sie bis zum 3. Werktage mittags 12*/4 Ubr bewirkt wird. In Eng- 
land erfolgt mangels entgegenstebcnder Abrede die Erfiillung an dem 
nachsten der zweimal ini Monat stattfindenden account days oder ticket 
days, wenn nicbt der Abscblufs erst am Nachmittag vor dem ticket day 
gescbehen ist. 

Die „per morgen'* oder „per einige Tage" gescblossenen Gescbaft^ 
gelten in Deutscbland ebenfalls als Kassagescbafte. Bei den „per emige 
Tage'' gescblossenen Gescbaften kann in Berlin jede Partei vom dritten 
B(jrsentage nacb dem Abscblufs die Fiilligkeit fur eingetreten erkliiren. 

Nacb deutscbem Spracbgebraucb mufs man aucb die in Amerika 
iiblicben Kauf- und Verkaufsofferten mit dem Zusatz ^seller tbree days'' 
bezw. „buyer tbree days" als Kassagescbiifte anseben, obwobl sie dort 
den Kassagescbiiften ini engeren Sinne, d. b. den am nacbsten Borsen- 
tage durcb Licfenmg zu erfiillenden ,, regular" -Gescbaften gegeniiber ge- 
stellt werden. In Wien bat man neben den Kassagescbiiften im engeren 
Sinne des Wortes noeb die Gescbafte ^auf einige Tage-Lieferung", die 
in langstens 5 Kalendertagen zu erfiillcn sind, aber aucb scbon vorher 
durcb Ankiindigung zur Erfiillung gebmcbt werden kounen, und weiter 
die Gescbafte „per Arrangement", die auf kurze Termine (1 Tag, V2 Wocbe, 
1 Wocbe) gesclilossen und durcb Vennittlung des vom Wiener Giro- 
und Kassenvercin erricbteten Arrangementsbureaus abgewickelt werden. 
Abnlicb unterscbeidet aucb die Borse in Budapest. Man kann alle diese 
Gescbafte als Kassagescbafte im weitereu Sinne bezeicbnen insofem, als 
der Fiilligkeitstag so nabc an den Abscblufstag beranriickt, dafs eine 
Spekulation auf die Kursscbwankungen wiibrend der Zeit zwiscben Ab- 
scblufs und Erfiillung nicbt mebr stattfindet. 

Die Erfiillung der Kassagescbafte in der durcb die Borsenusancen 
bestimmten kurzen Frist mufs streng und piinktlicb durcbgefiibrt werden. 
(jerat einer der Kontrabenten in Verzug mit der Erfiillung, so wird er mit 
mogUcbster Bescbleunigung zur Erfiillung in einer kurz bemessenen Nacb- 
frist aufgefordert; und bei deren fnicbtlosem Ablauf wird alsdann bei 
der njlcbsten B()rse zur Zwangsregulierung gescbritten. Im einzelnen 
sind diese Dinge zu verscbieden geordnet, als dafs bier nabere Angaben 
gcmacbt werden konnten. t'berall aber zeigen die Bestimmungen das 
Streben, die moglidist ungesiiunrte Erledigung der Kassagescbafte — 
notigenfalls auf dem Wege der Zwangsregulierung — zu sicbern. 

Bei den Kassagescbiiften an der Borse ist vielfacb in den Usancen 
der Einbeitsbetrag festgesetzt, auf den sicb stillscbweigend die Almiacbungen 
hezieben. Man nennt diese Betriige aucb wobl „Scblufseinbeiten", „borsen- 
miifsige Scbliisse" oder .,B<*>rsenscbliisse" oder ^notizfiibige Betriige", 



10. Kapitel. Dcr Borsenhandel. 265 

Sie sind mitunter fiir Kassagescliiifte geringer als fiir Zeitgeschaftc. In 
Bremen z. B. ist ein solcher Unterscliied vorgesehen. Ini Kassageschaft 
ist dort die Scblulseinbeit fiir Aktien des „Norddeutschen Lloyd'' 5000 M., 
fur andere Papiere, deren Kurs in Prozent des Nennwerts notiert wird, 
3000 M. bezw. 500 Pfd. Sterl. Nennwert oder das annahernde Aquivaknt 
dieses Betrages, bei den „per Stiick'' notierten Papieren so viel Stiick, 
als zusammen mindestens 5000 M. Nennwert darstellen. In Munchen, 
wo fiir Kassa- und Zeitgescbafte die ScbluXseinheiten gleicb lioeb sind, 
ist der Borsenordnung eine lange Liste der Scblufseinbeiten fiir die ver- 
scbiedenen Papiere beigegeben. In Wien ist bei den in Prozenten des 
Nennwerts notierten Papieren die Selilufseinbeit 5000 Fl. Nennwert, bei 
den per Stiick notierten 25 Stiiek, dock bestehen fiir einzelne Arten von 
AVertpapieren andere Scblufseinlieiten. 

Diese ganze Einriehtnng, die sieb bei den Kassagescbaften aufser- 
halb der Borse nicbt findet, zeigt, wie sehr der Biirsenverkebr naeb einer 
Fonn sucht, die eine moglichst rasebe und zweifellose Absebliefsung der 
Geschiifte sieliert. 

Der Handelsverkebr aufserlialb der Borse bat sicb niit der Form 
der Kassageschiifte nicbt l)egni*igen konnen. Zahlreicbe Gescbiifte werden 
tagtiiglicb abgescblossen, deren Erfiillung erst zu einem spateren Terniin 
erfolgen soil. Derartige Gescbiifte, bei denen Abscblufs und Erfiillung 
durcb eine langere Frist getrennt sind, nennt man Zeitgeiicbiifte oder 
Lieferungsgeschafte oder Terniingescbtifte. Aucb der Borsenbandel bat 
sicb nicbt auf Kassagescbiifte bescbriinken konnen. Die S])ekulation, 
die auf die Ausnutzung zeitlicber Kurs- und Preisdifferenzen gericbtet 
ist, mufste vollends in den Zeitgescbaften eine viel bequeniere Form fiir 
ihre Operationen erblicken, als in den Kassiigescbiiften. Kassagescbafte 
bedingen niebr Umstiinde und Kapitalfestlegung und baben oft aucb ein 
grofseres Risiko, weil die unmittelbare Auseinandersetzung von Angebot 
und Nacbfrage leiclit zu stiirkeren Preisbewegungen Anlafs giebt, weil die 
Beschaffung der zu liefernden Waren bezw. Pai)iere und des zur Bezablung 
des Preises n<»tigen Geldes dringlicber durcbgefiibrt werden mufs u. s. f. 
Wird die Erfiillung fiir langere Zeit auf einen bestimmten Termin binaus- 
gescboben, so vennindern sicb diese Wirkungen erbeblicb, da mebr Zeit 
zur Vorbereitung der Erfiillung zu Gebote stebt. Bei Zeitgescbaften kann 
man iiberdies etwas kaufen, was man nicbt selbst fiir langere Zeit fest- 
halten will, und wofiir man die erforderlicben Mittel im Augenblick des 
Geschaftsabscblusses nocb gar nicbt in der Hand bat, und man kann 
auf der anderen Seite etwas verkaufen, was man im Augenblicke des 
Verkaufs gar nicbt zur Verfiigung bat. Der Kiiufer kann sicb das erforder- 
licbe Geld zur Bezablung und der Yerkjiufer die zu liefernden Gegen- 
stande erst spater verscbaffen, jener dadurcb, dafs er am Erfiillungs- 
tage die Gegenstiinde, die er abnebnien mufs, an der B(*»rse gegen KassJi 



266 Erster Toil. Dcr Handel. 

verkauft, dieser dadurch, dais er die Gegenstande, die er liefern mufs, 
am Erfiillungstage ^egen Kassa einkauft Moglich ist ein solches Vor- 
^elieu, well die abgeschlossenen Gescbafte nicht an der Borse, sondern in 
bestimmten Fristen aiifserhalb der Borse erfullt werden, also zur Geld- oder 
Warenbeschaffung bebufs Erfiillung noch binreichend Zeit vorhanden ist 

Es ist klar, dafs diese Art des Vorgehens eine viel wirksamere Aus- 
nutzung der zeitlichen Preissehwankungen emioglicbt, dafs aber aueh 
gleicbzeitig ein entschiedene« Auseinandergehen der Interessen von Kaufer 
und Verkjiufer dadurch bervorgerufen wird. Erst durch das Verwerten 
dieser Art von Abscbliissen bilden sicb die beiden grolsen Parteien, die 
sicb an den Borsen standig gegeniiberst^ben. Der Kaufer im Termin- 
gescbaft verpflicbtet sicb, zu eineni bestinimten Preise zur Erfullungszeit 
eine bestimmte Menge von Waren oder Wertpapieren zu iibemelimen. 
Er will die Waren aber niclit fiir sicb bebalten, sondern nioglichst so- 
fort nacb der Ubernalime niit Gewinn gegen Kassa wieder verkaufen, 
uni auf diese Weise den Kaufpreis flir die ubemonimenen Gegenstande 
oline Festlegung eigener Mittel bezablen und gleicbzeitig iius der Kurs- oder 
Preissteigerung, die bis zuni Erfiillungstage eingetreten ist, Vorteil zieben 
zu konnen. Der Kaufer im Termingesobiift recbnet also auf ein Steigen 
der Preise bis zum Erfiillungstage. Nur unter dieser Voraussetzung bat 
er ein Interesse d[\ran, sicb scbon jetzt den Bezug der Waren zu einem 
bestinimten Preise zu sicbern. Der Kaufer im Termiugescbaft spekuliert 
mitbin il la bausse, er beifst desbalb aucb Ilaussier (in Frankreicb „mineur'', 
in England „bull" genannt). 

Gerade entgegengesetzt ist das Interesse des Verkaufers im Termiu- 
gescbaft. Er verpflicbtet sicb, eine bestimmte Menge von Waren oder 
Wertpapieren zu einem bestimmten Preise zur Erfullungszeit zu liefem, 
bat aber die Ware oder die Papiere nocb gar nicbt in der Hand, sondern 
will sie sicb erst kurz vor der Tieferung gegen Kassa einkaufen. Dieser 
Terminverkauf ,,in bianco" oder ^il d^couverf" kann dem Verkaufer nur 
dann Vorteil bringen, wenn es ibm gelingt, die von ibm zu liefemden 
Mengen zu eineni billigeren Preise einzukaufen, als ibm von seinem 
Abnebmer gezablt wird. Der Verkaufer im Termiugescbaft recbnet also 
darauf, dais der Preis an der Borse bis zur Erfullungszeit unter den 
Preis sinkcn wird, den er von seinem Abnebmer erbjilt, Er spekuliert 
A la baisse und beifst desbalb aucb Baissier („contrem incur" — „bear"). 

Ist bei dem Temiingescbaft der Preis x zwiscben Kaufer und Ver- 
kaufer vereinbart, und ist zur Erfullungszeit der Preis tbatsachlicb x + a, 
so verliert der Verkaufer das a, da er die zu liefernden Papiere oder 
Waren erst zum Preise x + ^ einkaufen, sie aber zum Preise x liefem 
muls. Sein Abnebmer dagegen gewinnt das a, da er dem Termin- 
verkauf er nur x fiir die abzunebmenden Gegenstilnde zablt, sie aber 
fiir X -f a sofort gegen Kassa wieder verkaufen kann. Wenn sicb da- 



10. Kapitel. Dor Boi-scnhandel. 267 

{ce^en der Preis zur Erfiillungszeit auf x — a stellt, so ^ewinnt der Ver- 
kiiufer das a, da er beim Kassaeinkauf der zu liefernden Gegenstilnde 
nur X — a zalilt, aber von seineni Abnchiner im Termingcscliiift x er- 
hiilt; der letztere dagegen verliert das a, da er x fiir die abzunehmenden 
Gegenstande zahlen mufs, sie aber our zu x — a wieder verkaufen kann. 
Bei diesen Termingeschaften konnen also nie beide Parteien gewinnen, 
sondem immer nur eine Partei, und das, was sie gewinAt, entspricht genau 
dem, was die andere Partei verliert. 

In dieser einfachen Weise lalst sich das Wesen der l)orsenniafsigen, 
d. h. dureh die Borsenordnungen und Borsenusancen in ihren Einzelheiten 
geregelten Zeitgeschaft^j darstellen. 

Die Bequemlichkeit, die durch solclie Geschaftsfornien der auf 
Ausnutzung zeitlicher Preisverschiebungen gerichteten Spekulation ge- 
boten wird, hat den Zeitgescliaften an der Borse eine grofse Verbreitung 
und nieist aueh eine offizielle Anerkennung verschafft. Gieiehwohl gehen 
die einzelnen TJinder und Borsen verschieden vor. In Beigien wird der 
Tenninhandel nur geduldet und entbehrt der offiziellen Anerkennung, 
weshalb dort aueh eine anitliche Notierung der Terniinpreisc nicht be- 
steht Das schliefst nicht aus, dafs in Antweq)en fiir Kammzug und 
Kaffee in erheblicheni Umfang Tenninhandel stattfindet. In Frankreich 
findet sich ein starkerer Tenninverkehr in Effekten nur in Paris, Borde- 
aux, Lyon und Marseille. Von Waren spielen im Terra in verkehr eine 
Rolle Zucker, Spiritus, 01, Hafer, Roggen, Weizen, Mehl in Paris, Bauni- 
wolle, Kaffe und Wolle in Havre, Zucker und Alkohol in Lille, Wplle 
in Roubaix und in Tourcoing. 

In Amsterdam und Rotterdam findet bei Effekten ein regelmiifsiger 
Terminhandel nur in den Aktien der Nederlandschen Handelsmaatschappij 
statt Von Waren werden in Amsterdam Kaffee, BaumwoUe, Zinn, Weizen, 
Roggen, 01 und Olsaaten, in Rotterdam Kaffee, Kattun, Korinthen, 
Pfeffer und Riibenzucker auf Lieferung gehandelt. In Liverpool wird der 
Baumwollterminhandel besonders gepflegt. In Wien werden an der 
Warensektion der Wiener Borse Zucker, Petroleum, Spiritus und Kaffee 
und an der Borse fur landwirtschafdiche Produkte Weizen, Roggen, 
Hafer, Mais, R<ips, RiibiU und Spiritus auf Terrain gehandelt, wiihrend 
an der Wiener Effektenborse ein regehnafsiger Terminhandel in 13 ver- 
schiedenen Wertpapieren stattfindet, aber in alien zura Borsen verkehr 
zugelassenen Wertpapieren gestattet ist. In Pest wo dies ebenfalls in alien 
zum Borsen verkehr zugelassenen Papieren gestattet ist, werden II ver- 
schiedene Wertpapiere regelraiilsig ira Termingeschaft gehandelt; von 
Waren komraen dort in Betracht Getreide, Olsaaten, Hiilsenfriichte, 
Zwetschen und Pflauraenraus. In Triest sind 20 Fr.-Stiicke und itali- 
enische Rente die Hauptgegenstiinde des Terraingeschiifts. In Prag finden 
nur ab und zu Terraingesehafte statt in den zura Br)rsenverkehr zuge- 



268 Erstcr Teil. Der Ilaiidol. 

lassenen Wertpapieren. In New York werdcn an der Fondsborse alle 
Geschafte als Kassagesehiifte abgeschlossen; aber iibnlicbe Zwecke wie 
beini Terniin<i:eschafte werden anf deni Wej^e der Prolongation und des 
Leibens von Papieren verfolgt. 

In Deutscliland konnnt der Terniinbandel bei alien grofseren Effekten- 
borsen und in Berlin, Hamburg, Breslau, Kiiln, Leipzig u. s. w. auch fiir 
Waren vor, die alVerdings an den einzelneu Borsen verscbieden sind. In 
Leipzig ist nanientlicb Kanimzug Gegenstand des Tenninhandels gewesen; 
dieser Handel ist aber durcb Bescblufs des Bundesrats voni 20. Mai 1S09 
seit 1. Juni 1S99 untersagt. { 

Der borsenniafsige Terniinbandel stiitzt sieb in besonderem Mafse 
auf die Vertretbarkeit der Waren und, wo eine vollkoinniene Vertretbar- 
keit nicbt bestebt, auf vereinbarte tj-pisebo Liefeningsqualitiiten. An der 
Scbwierigkeit, solebe tyi)iscben Qualitiiten praktiscb durebzufiibren, kann 
unter Unistiinden der Terininbandel scbeitem. So ist in London der 
Getreidetenninbandel nicbt von erbeWiebem Unifang, weil die dort zu- 
saninieutreffenden Oetreidesorten zu grofse Unterscbiede in der Besebaffen- 
beit aufweisen. Aus deniselben (ininde ist in Antwerpen der Oetreidetermin- 
bandel, den man dort eine Zeit lang einzuburgem gesucbt batte, wieder 
eingestellt worden. An mancben Borsen murs zu diesen saeblicben Vor- 
aussetzungen nocb eine formelle Voraussetzung binzutreten, d. b. es niuls 
die Zulassung der Wertjiapiere und Waren zum Terniinbandel noeb be- 
sonders ausgesprocben sein, weil sie nocb nicbt mit der Zulassung zum 
Borsenliandel als solcbem gegeben ist. So entscbeidet z. B. in Paris an 
der Wertpapierbr>rse die Syndikatskammer der vereideten Makler iiber 
die Zulassung zum br>rsenmalsigen Terniinbandel. In Briissel, wo der 
Terminliandd nur geduldet ist, in Wien und Cbicago, wo alle zum 
Bors(;nbandel zugelassenen Wertpapiere aucb im Terminverkebr geban- 
delt werden kr)nnen , in Amsterdam , in Rotterdam u. s. w. besteben be- 
sondere Vorsebriften iiber die Zulassung zum Borsenterminbandel iiber- 
baupt nicbt. 

Besonders jiusfiibrlicb ist die Regelung dieser Frage in Deutscliland. 
Das (bnitscbe Br>rsengeset7 vom 22. Juni 1890 unterscbeidet eine Zu- 
lassung von Waren und Wertpapieren und eine Zulassung von Personen 
zum B(")rsenterminhandel, weil weder die eine nocb die andere schon 
durcb die Zulassung zum Br»rsenverkebr uberbau])t gegeben ist. Das 
(iesetz weist die Bestimmungen iiber die Zulassung von Waren und Wert- 
papieren zum Bru'scntiMininbandel den Br)rsenordnungen zu und giebt den 
Borsenorganen das Iieclit, auf drund der Vorsebriften der Borsenord- 
nungen iiber die Zubissung im einzelnen Fall zu entscbeiden. Das Gesetz 
ziebt aber dabci der Selbstbestimmung der Borsen Scbranken. Der borsen- 
mafsige Terniinbandel in Oetreide- und Miiblenfabrikaten und in Anteilen 
von Bergwerks- und Fal)rikunternelimungen ist durcb § 50 des Gesetzes 



10. Kapitel. Der Boi-senliandel. 269 

iiberhaupt untersagt. Der Borsenterniinlrandel in Anteilcii von anderen 
Erwerl)s»;;esellschaften kann nur gestattet werden, wenn das Kapital der 
betr. Erwerbsgesellschaft niindestens 20 Mill. 51. betni*rt. Aufserdem hat 
der Bundcijrat das Recht, den BiJrsenterniinhandel in bestinimten Waren 
oder Wertpapieren ganz zu untersagen oder von besonderen liedingungen 
abhiingig zu inachen. IJber das Verfabren entbiilt § 49 Abs. 2 die all- 
genieine Vorschrift, dafs die Borsenorgane veri)fliehtet «ind, vor der Zu- 
lassung von Waren zum Borsentenninhandel in jedem einzelnen Fall 
Vertreter der beteiligten Erwerbszweige gutaehtlich zu horen und das 
Ergebnis deni Reicbskanzler mitzuteilen. Erst wenn der Reicbskanzler 
erklsirt hat, dafs er zu weiteren Erniittlungen keinen Anlafs finde, darf 
die Zulassung erfolgen. 

Innerhalb dieses gesetzliehen Rahniens niussen sieh die Vorschriften 
der Borsenordnungen i'lber die Zulassung zum Borsentenninhandel be- 
wegen. Sie konnen natiirlich noeh weitere Bedingungen stellen. Das ist 
beispielsweise in Berlin und in gleicher Weise auch in Breslau, P'rank- 
furt a. M. und Koln geschehen fiir Wertpapiere. Der betr. Antrag niufs 
dort niindestens 1 4 Tage vor der Beschlufsfassung durch Aushang an der 
Borse und durch Veruffentlichung in der Presse bekannt geniacht werden. 
Die Zulassung zum Terminhandel setzt weiter voraus, dafs schon wiihrend 
eines lilngeren Zeitraums ein regelmiifsiger Uandel in dem Wertpapier 
stattgefunden hat. Die Priifung mufs sieh ferner aueh darauf erstreeken, 
ob dem Interesse des Borsenhandels an der Zulassung andere erhebliche 
wirtschaftliche Bedenken entgegenstehen. Vor der Zulassung ist der Vor- 
stand des Untemehmens, um dessen Papiere es sieh handelt, iilier den 
Antrag zu horen. Die Zulassungsbeschliisse sind dem Minister fiir Handel 
und Gewerbe einzureiehen. Die erfolgte Zula^^sung kann wegen Auf- 
horens eines erheblichen Termingeschiifts oder aus wiehtigen anderen 
Griinden Jederzeit von der zustiindigen Stelle (Br>rsenvorstand oder Ilandels- 
kammer) zuriiekgenommen werden. 

In Waren oder Wertpapieren, deren Zulassung zum Br)rsentermin- 
handel abgelehnt ist, sind nacli § 51 des Br)rsengesetzes die Borsentermin- 
geschiifte von der Benutzung der Borseneinriehtungen ausgeschlossen und 
diirfen von den Kursmaklem nicht vermittelt werden; auch diirfen fiir 
solche GeschaftCy sofern sie im Inland abgcschlossen sind, Preislisten oder 
Kurszettel nicht veniffentlicht oder in mechanisch hergestellter Verviel- 
fjiltigung verbreitet werden. In Wnren und Wertpapieren, deren Zuhissung 
zum B()rsenterminhandel iiberhaupt nicht nachgesucht ist, kann ein that- 
sachlich stattfindender Terminhandel nach § 52 des Gesetzes von der 
Borsenaufsichtsbehorde untersagt werden. was dann dies(»lben Wirkungen 
hat, aJs wenn die Zulassung verweigert worden ist. 

Die Zulassung von Personen zur Teilnahme am Bijrsonterminhandcl 
erfolgt durch die Eintragung in das offentliche Borsenregister, das bei 



270 Eretcr Tcil. Dcr Handel. 

den Handelsregistergerichten - und zwar getrennt fiir Waren und Wert- 
papiere — naeh § 54 des Borsengesetzes von 1896 gefuhrt wird. Die 
Eintragnng erfolgt gegen eine Gebiihr von 150 M.; fiir jedes weitere Jahr, 
wjihrend dessen die Eintragung bestehen bleiben soil, sind 25 M. zu ent- 
rieliten. Im iibrigen werden nur formelle Voraussetzungen fiir die Ein- 
tragung aufgestellt. Die Eintragung ist auf Kosten des Eingetragenen 
ini Reichsanzeiger und in den sonstigen fiir die Veroffentliehungen der 
HandelsregLstereintrage bestimmten offentlicben Blattern bekannt zu geben. 
Die Eintragung ist fiir die Beteiligten deshalb von grofser Bedeutung, 
weil § 66 des Gesetzes Termingeschiifte zwischen nicht eingetragenen 
Personen fiir civilrechtlich unwirksani erklart. Nur beziiglich der Per- 
sonen, welche ini Inland weder Wohnsitz nocli gewerbliche Nieder- 
lassung haben, bedarf es der Eintragung zur Wirksainkeit der Temiiu- 
esehiifte nicht. 

In das Borscnregister waren eingetragen: 



t> 



1. Januar 1897 1. Januar 1S9S 

fiir fur fur fur 

Waren W^ertpapiere Waren Wertpapiere 

im ganzen ... 162 94 236 195 

daiTinter in Hamburg ... 118 63 172 138 

Berlin .... 1 IS 1 40 

Magdeburg ... 28 — 2S — 

T^ipzig .... 12 — 20 

P>ankfurt a. M. . - 6 - 3 

Aachen .... — 3 — 2 

Dabei ist zu beachten, dafs in Berlin die Produktenborse infolge 
des Konfliktes mit der Rcgiening, der iiber die Anwendung des neuen 
Bcirsengcsetzes entstanden ist, ihre Thiitigkeit eingestellt hat, und dais 
fiir den Effektenverkehr die beteiligten Banken die Eintragung ihrer 
Kunden nicht verlangt haben, und dafs anderseits in Hamburg die Waren- 
liquidationskasse und die Maklerbanken erklart haben, sie wiirden mir 
mit J^rmen arbeiten, die in das Borscnregister eingetragen sind. 

Bei den Borscntermingeschaftcn ist die schon bei den Kassageschaften 
erwahnte Einrichtung der Schlufseinheiten , die stillschweigend den Ab- 
schliissen einfach oder mehrfach zu Grunde gelegt werden, sehr weit 
verbreitet, sowohl l)ei Waren, als auch bei Wertpapiercn. 

So stellt sich z. B. die Schlufseinheit fiir Waren in : 

Paris fur Mehll auf 100 Sack 

,, Ol „ 5 000 kg 

„ Hafer imd Roggen . . „ 25 000 kg 
u. s. w. 

Havre fiir Baumwolle auf 50 Ballen 

„ Kaffce 500 Sack 

„ Wolle „ 25 BalJen 

u. s. w. 



10. Kapitel. Der Borsenliandcl. 271 

Kotterdam fiir Kattun auf 100 Ballen 

„ Koi-inthen ,12 400 k^; (= 100 Fafs) 

„ Zucker , 500 Sack (50 000 kg) 

„ Kaffee „ 500 Ballen (30 000 kg) 

r>t tt • 11 c a i y, 200 Ballen (lOOOOkgi 
„ Pfeffer je nach den Soiien ( ^| ^^^ ^^ ^^ ^^^ -^ 

Pest ftir Getreidc auf 1000 Doppelc^ntner 

„ Olsaat 500 

„ HUlsenfrticbte . . . . „ 500 „ 

,, Zwetschen „ 100 „ 

„ Pflaumenmus . . . . „ 100 ,, 
Berlin (vor Einstellung der lliatigkeit der 

ProduktenbSrse) ftir Getreide . . . „ 500 „ 

Die Grufse dieser Einheiten zeigt deutlicli, dafs es sicli beini Waren- 
tenninhandel urn Unisiitze ^rolsen Stiles handelt. Bei Wertpapieren sind 
ebenfalls stets grofse Betriige iiblicb, z. B. in Bremen bei den Papieren, 
deren Kurs in Prozent des Nennwerts notiert wird, 10 000 M. Nennwert, 
bei den perStiiek notierten so viel Stiick, als dcm Nennwert von 10000 M. 
entspreehen, in Berlin fiir preufs. Konsols 15 000 M., fiir ital. Rente 
50 000 Frs. Xennwert u. s. w. — 

Was die Erfullung der Zeitgescbiifte anlangt, so ist zunachst fest- 
zustellen, dais es niebt iuinier zu einer Erfullung nacb der urspriinglieben 
Abrede kommt. In Paris z. B. besteht an der Effektenburse die Ein- 
ricbtung, dafs jeder Tenninkaufer das Reebt bat, jederzeit vor Beginn 
der Liquidation das von ibni abgescblossene Zeitgescbiift in ein Kassa- 
geschaft zu verwandeln, indeni er die Liefening der Stiicke spiitestens 
bis zum 5. Tage verlangt; man gebraucbt dafUr die Formel „il escompte 
ses titres". 

Weiter ist zu erwiibnen, dafs niebt selten aucb die Erfullung iiber- 
baupt unterbleibt und statt der Erfullung die Zablung der blofsen Kurs- 
oder Preisdifferenzen gewiiblt wild. Dadureb entsteben die „Differenz- 
ge^chafte", die sieb, so wenig sie aucb oft dem Laieupublikum begreif- 
licb ersebeinen, docb leiebt im Borsenterminbandel entwickeln konnen, 
wenn der Kaufer oder Verkiiufer sicb in der Berccbnung der Kurs- oder 
Preisbewegung geirrt bat. Ein Beispiel macbt das am besten klar. 
Nebmen wir an, A bat an B auf Liefening fiir Ende Oktober 100 Stiick 
eines Wertpapieres im Nennwert von je 1000 M. zum Kiirse von 120 Proz. 
des Nennwerts verkauft, weil er ervvartet, dafs er zur Erfiillungszeit die 
Papiere fiir weniger als 120 Proz., z. B. zu 115 Proz. gegen Kassa einkaufen 
kann. Da er fUr jedes Stiick 5 Proz. des Nennwertes mebr von seinem 
Terminkiiufer bekomraen wiirde, so wiirde er 100>< 50 M. *= 5000 M. 
verdienen, wenn seine Berecbnung zutrifft Zur PMiillungszeit stellt sieb 
nun aber beraus, dafs der Kurs auf 121 Proz. gestiegen ist. AViirde A 
die zu liefernden Papiere, die er ja nocb gar niebt bat, wirklicb liefern. 



272 Eretor Teil. Dor Handel. 

SO niufste er sie zu 124 Proz. ^egen Kassa einkaufen, bekiime aber 
nur 120 Proz. von seineni Terniinabnebmer, d. b. er wiirde 100x40M. 
= 4000 M. verlieren. Em Interesse, die Papiere wirklieb zu lief era, bat 
er nun eigentlicb nicht niebr. Wenn er statt dessen an B die 4000 M., 
uin (lie sicb der Kurs zu seiueni Nachteil verschoben bat, auszabtt, so 
spart er die Mube des Kassaeinkaufe und der Abnabme und der Weiter- 
gabe der zu liefernden Papiere und braucbt sein Geld niebt erst in die zu 
liefernden Papiere zu stecken. B kann darauf eingeben, da er ganz die- 
selbcu 4000 iM. dabei verdient, die er erzielen wiirde, wenn er die zum 
Kurse von 120 Proz. abgenoninienen Papiere zum berrscbendcn Kurse 
von 124 Proz. ge^^en Kassa verkaufen wolle. Begniigt er sieb aber mit 
der blofsen Empfangnabnie (Ueser Xursdifferenz, so apart er die Miibe 
und den Zeitaufwand der Abnabme und des Weitcrverkaufs der Pai)iere 
und braucbt ebenfalls kein Geld darin festzulegen. So kann es beiden 
Parteien als zweckmiLfsig erscbeinen, das Gesebaft niebt durcb Liefening 
zu erfiillen, sondern durcb Zablung der Kursdifferenz auszugleicben. Ur- 
si)riinglicb bat vielleicbt kciner von beiden an diesen Ausgang gedacbt 
A batte wirklicbe Lieferung, B batte wkklicbe Abnabme der Papiere 
^ orausgesetzt. Aber beide batten dabei in letzter linie nur den Zweck, 
die Vorteile der von ilnien erwarteten zeitlicben Preisverscbiebung aus- 
zuniitzen, wie jeder Kaufmann bei jedem Gesebaft die Differenz zwiscben 
Einkaufs- und Verkaufsi)reis gcniefsen will. Die wirklicbe Warenbewe- 
gung ist ja stets — soweit der Er^ve^bszweck in Betracbt ^konimt — 
fiir <len einzelnen Kaufmann luir Mittel zum Zweck. Wird von der 
wirklicben Lic^fenmg und Abnabme des Verkauften bezw. Gekauften ab- 
gesi'ben und statt desst^n nur die Preisdifferenz ausgezablt, so ist der 
Zweck ebenfalls erreicbt und <les Jlittels der wirklicben Warenbewegung 
iM'darf es niebt melir. 

\Vi** bei Pa])ieren, kann audi bei Waren im engeren Sinne die blofse 
Zablung und I'mpfangnabme der Kursdiffen^iz das Bequemere sein, sodafs 
man auf die Waren iibei"tragung selbst, die ja nocb umstandlicber ist als 
(lie I'bertrngung von Wertpapieren, verzicbten kann. 

Im BorsenttTminbandel liegt ein solcbes Vorgeben um so niiber, als 
der Kjiufer dit* abzunebmenden Waren oder I'apiere gar niebt bebalten, 
sondrrn sofoil weiter g(^gen Kassa verkaufen will und der Verkiiufer das 
Verkaufte zu Zeil (b's Absclilusses nocb gar niebt bat, sondeni erst zur 
Erfiillungszeit gegcn Kassa einkaufen will. 

Die Si)ekulatiun, die auf Ausnutzung der zeitlicben Kurs- und Preis- 
(lifferenzen gericlitet ist. bat sicb diese iir»glicbkeit des t'bergleitens von 
dem wirklicben Lieferungsgescbaft auf das blofse Differenzgescbaft erkliir- 
liclicrwcise zu nutzi} gemaclit, und mancbe Gescliiifte werden abgescblossen, 
bei (Icncn keine l*artei an die Erfiillung durcb Lieferung oder Abnabme 
deiikt. Zur leicbteren PVststellung der Kursdifferenz wird von den bier- 



10. Kapitel. Dor Borsonliainlel. 273 

zii befugten Borsenorganen kurz vor dein Erfulliin/^sta^^e (z. B. in Berlin 
2 Tage vor Ultimo) auf Grund der luTrsclienden Marktiage ein abgenin- 
deter Liquidationskurs festgestdlt, und dieser wird dann alien Abrecli- 
nungen zu Oninde gelegt. Solclie Gesehsifte, die man als „reine Differenz- 
geschafte'' bezeicbnet, laufen darauf hinaiLs, die konkrete Ware ganz 
beiseite zu scbieben und in abstrakier Form das Ziel der Gewinnung der 
zeitlicben Kursdifferenz zu verfolgen. Der Handel, der aufserbalb der 
Br)r8e vor siob gebt, mufs zur Erreicliung dieses Zieles immer die konkrete 
Ware in Bewegung setzen, der Borsenterminliandel kann sicb von der 
wirklichen Ware tbatsilcblicb ganz emanzipieren, soweit die Lieferung und 
Abnabme in Betracht kommt. Fiir die Form dieser reinen Differenzge- 
scbafte ist freilich die Bezugnabme auf wirklicbe Waren (oder Wert- 
papiere) nielit zu entbebren. Man kann nur bcstimmt benannte Gegen- 
st:inde zum Gegenstand eines Kaufs oder Verkaufs macben. Daber 
ersebeinen diese reinen Differenzgescbafte iiufserlicb in derselben Form, 
wie die auf wirklicbe Lieferung gericbteten Zeitgescbafte („effektive 
Liefeningsgescbaftc^'). Dem iiber das Gesebiift ausgestellten Scblufsscbein 
kann man jedenfalls nicbt anseben, ob die Beteiligten die angestrebte 
Gewinnung der Kursdifferenz spiiter auf konkretem oder abstraktem Wege 
durebfiibren wollen. 

Einem pbilosopbiscb angelegten Gemiit mufs dieses Abstreifen des 
.Ballastes der Kaufsummen un<l der konkreten Waren'', wie G. Coun sicb 
einmal ausdriickt, als eine ideale Form des Ilandels ersebeinen. Ilier „fallt 
— wiederum nacb G. Cohn — von dem Handel zur Erde, was nicbt not- 
wendig zum Handel gebort^. Die Idee des Handelsgewinnes an sicb tritt 
bei diesen reinen Differenzgescbiiften zu Tage. Die robustere Auffassung 
des mebr an den Tbatsacben als an den Ideen bangenden Menscben wird 
sicb freilicb etwas anders dazu stellen. Das, was das reine Differenzgescbiift 
bedeutet, ist eigentlicb docb nicbts anderes, als wenn A dem B sagt: „Falls 
bis zu dem und dem Termin der Preis einer bestinmiten Slengeneinbeit des 
Weizens oder Roggens oder Si)iritus oder sonst eines naber bezeicbneten 
Gegenstandes iiber den jetzigen Preis steigt, zable icb Dir die Differenz 
zwiscben diesen Preisen 20mal oder 100 mal u. s. w. aus", und wenn B 
dem A sagt: ^ Falls der Preis des Weizens u. s. w. bis zu dem bestiramten 
Termin unter den jetzigen Preis fallt, zable icb Dir den Preisunterscbied 
20 mal oder 100 mal u. s. w. aus.^ Was A und B in der Hulle eines Kaufes 
oder Verkaufes beim reinen Differenzgescbiift erreicben wollen, wiirden 
sie aucb ebenso gut dureb eine Abre<le der eben umscbriebenen Art er- 
reicben konnen, obne die Form des Kaufes oder Verkaufes zu benutzen. 
Diese eben bescbriebene Art der Abrede aber bat eine verzweifelte Abn- 
licbkeit mit der Wette, und in Wirklicbkeit ist aucb das reine Differenz- 
geschaft bei dem von vornberein nicbt an Erftillung durcb Lieferung und 
Abnabme, sondem nur an Zablung der Kursdifferenz gedaclit wird, seinem 

TAX DSB BoRQBT, Handol. IS 



274 Er^ter Toil. Der Ilandel. 

Wesen luicli n\c\\ti> aiuleres, als eine Wctte auf das Steigen oder Fallen 
der Kiirse. Macht man sich das klar, so wird man sicli einer philoso- 
pliischcn I'berscliiitzung der reinen Differenzgeschafte niclit schuldig 
maclien. Gewils will der Handel ganz allgemein die Differenz zwischen 
Einkaufs- und Verkaufspreis gewinnen, aber diese Differenz will normaler- 
weise dureli eigene Arbeitsleistung mit verdient sein; davon ist beim 
reinen Diffcrenzgesehaft keine Rede mehr. In einer Wette steekt eine 
volkswirtsehaftlieh niitzliche Arl)eit uberliaui>t nicht 

Um der mifsbraucbliclien Ausnutzung der Einrede vorzubeugen, es 
liege ein Differenzgescbaft vor, sind iibrigens reine Differenzgeschafte in 
JYankreicb, Oesterreich u. s. w. fiir klagbar erklart, auch in Deutschland 
ist das Fall, sofeni die Vorscbriften iiber Eintragung oder Nicbteintragung 
der Kontralienten in das Borsenregister erfullt sind (§ 68 des Borsen- 
gesetzes). 

In New York und in Cbicago konnen an den Fondsborsen diejenigen, 
welebe fingierte Gesehafte bezw. reine Differenzgeschafte abschliefsen, 
zeitweilig ausgescblossen werden. 

Die Erfiillungszeit wird beim Abscblufs des Zeitgeschaftes von deni 
Kontrahenten vereinbart. Dabei bestehen Unterschiede zwischen Geschaften 
in Waren und solchen in Wertpapieren. Bei Wert])apieren ist es leicht 
uiuglicb, die Lieferung fiir einen bestinnnten Tag zu vereinbaren, da liier 
umstandliclie Transporte nicht notig sind. Es hat sich indes eingebiirgert, 
dafs Zeitgeschafte in Werti>apieren nicht auf ganz beliebige Tage, sondeni 
regelniafsig entweder auf die Mitte (per medio) oder auf das Ende (per 
ultimo) dos Monats abgeschlossen werden. In Deutschland und Oester- 
reich werden die Effekten meist i)er ultimo gehandelt, und deshalb wird 
fiir die Zeitgeschafte in Wertpapieren auch vielfach der Name Ultimo- 
geschafte gebraucht. In Paris werden gowisse Tapiere nur per ultimo 
gehandelt, z. B. franz. Rente, Aktien der Bank von Frankreich, Aktien 
des Credit foncier, Aktien der fninzosischen Eisenbahnen. Bei der Mehr- 
zahl der Papiere finden dagegen auch Abscliliisse auf die Mitte des Monats 
statt. In I^ndon sind ebenfalls Abscliliisse auf Mitte und Ende des 
Monats liblich. Der Abscblufs auf Mitte und Ende de^i* Monatiii bedeutet 
nicht, dafs inmier gerade am 15. bezw. am letzten Tage des Monats ab- 
gewickelt wird. Vielmelir setzen die Borsenvorschriften fest, welcher 
lag in der Niihe (Ut Mitte bezw. des Endes des Jlonat*; als Abwick- 
lungstag (Li(iuidatiunstag) gilt, und auf diesen erstreckt sich dann still- 
seliweigi'iid der Abscblufs. 

Bei Wart^ntermingescbiiften liifst sich der Zeitpunkt der Erfiillung 
nicht so eng begrenzen, weil die Anlieferung grofserer Warenposten wegen 
der leicht beim Transport eintreteuden Schwierigktnten und Verzogenmgen 
nicht ini voraus fiir einun bestimmten Tag zngesagt werden kann. Daher 
lauten Warentermingeschafte nicbt auf einen Erfiillungstag, sondem auf 



10. Kapitel. Der B5rscnhandel. 275 

einen Erfiillungsinonat, mitunter im Auslande sogar auf mehrere Er- 
fullungsmonate. Innerhalb der ErfUliungsfrist kann der Verkiiufer dem 
Kjiufer die Liefenmg der Ware ankiindigen imd die Ware liefem, woruber 
die Boreenvorschriften das Naliere angeben. 

Verzug in der Erfullung hat auch bei Zeitgescbaften eine in kurzer 
Frist durchzufiihrende Zwangsregulierung zur Folge. 

Um die Erfullung zu sichern, hat sich das ^Einschufs-"* oder ^Margin- 
systeni" an nianehen Borsen entwickelt Dasselbe besteht darin, dafs 
jede Partei von der anderen zur Sieherung der Erfullung beim Geschafts- 
absehlufs oder kurz daraach die Hinterlegung eines Teiles des Kauf- 
preises bei einer bestimniten Stelle, z. B. bei einer Bank, veriangen kann. 
Dieser hinterlegte Teil heifst „Einschurs'' oder „marge'^ oder Depot, 
Deposit u. s. w. Der Einschufs mufs, wenn die Preise zwischen Ab- 
schlufs und Erfullung des Geschafts sich wesentlieh verschieben, der 
Kurs- bezw. Preisanderung entspreehend erganzt werden. Das System 
besteht z. B. im Getreidehandel der Tx)ndoner Borse , im Getreide- und 
BaumwoUterminhandel in I^iverpool, an der Produktenborse in Havre, 
in Amsterdam und Rotterdam, an der Fonds- und Warenborse in New 
York, Chicago und an anderen amerikanischen Platzen, in dem Baum- 
woUterminhandel zu Bremen u. s. w. 

Die Einschiisse sind je nach den Gegenstanden und Borsenpliitzen 
verschieden, stellen aber zum Teil ganz ansehnliche Betrage dar. In 
Chicago ist der Einschufs an der Produktenborse 10 Proz. fur Kiiufer und 
Verkaufer, in New York fur Effekten ebenfalls 10 Proz., bei Fleisch- 
produkten („provisions^) 1 Doll, fiir 1 Barrel Schweinefleisch und V'i Cent 
fiir 1 Pfund aller anderen Fleischprodukte, 10 Cents fiir 1 Bushel Weizen, 
Roggen und Gerste, 5 Cents fiir 1 Bushel Hafer u. s. w. , in Havre 
2,50 Frs. fiir 1 Sack Kaffee, 20 Frs. fiir 1 Ballen Wolle, in Liverpool 
50 Pfd. St. fur je 5000 Centrals Weizen oder Mehl und 25 Pfd. St fiir je 
5000 Centrals anderer Waren, in Rotterdam 300 Guld. fiir je 100 Ballen 
Kattun und je 500 Sack Zucker, 2 Guld. fiir jeden Ballen Kaffee u. s. w. 

Die Einschiisse sind von jedem Kontrahenten zu leisten und zw^ar 
in ganz kurz bemessenen Fristen. Werden sie nicht rechtzeitig bewirkt, 
so ist alsbald die Zwangsregulierung zulassig, ein neues Zeiehen, wie 
streng im Borsenverkehr alle Verpflichtungen behandelt werden. 

Die Abwicklung der Zeitgeschafte drangt sich immer auf kurze 
Fristen zusammen. An jedem Abwicklungstennin ist eine grofse Reihe 
von Geschaften auszugleichen. Die Erfiillung jedes einzelnen dieser Ge- 
sehafte fiir sich wiirde im ganzen eine sehr umfangreiche Arbeit be- 
deuten, und ein Teil dieser Arbeit wiirde insofem iiberflussig sein, als 
viele der in Frage kommenden Personen bei mehreren der abzuwickelnden 
Ge^chafte beteiligt sind, und als weiter dieselbe Waren- oder Effekten- 
menge durch Weiterbegebung der Schhifsscheine (bezw. bei Waren der 

IS* 



276 Erster Toil. Dcr Handel. 

Kiindigungsscheine) iiber eine grofsere Zahl von Personen bin verhandelt 
sein kann. Unter diesen Umstiinden lag es nahe, die Abwicklungsarbeit 
zu vereinfachen dadurcb, dais die Abwicklung der einzebien Geschafts- 
abschliisse iiber eine bestinimte Centralstelle geleitet wird. Dadurch wird 
die thatsiiehlicbe Ubergabe und Abnahme von Waren oder Effekten auf 
das zulassige geringste Mafs beschrjinkt und gleichzeitig eine korrekte 
und piinktlicbe Erledigung gesichert. An alien grofseren Borsen finden 
sich solche Vorkebrungen zur Centralisation der Abwicklung sowohl im 
Effekten- als auch ini Warenverkehr. 

Die Centralstellen fiir die Abwicklung der Effektenzeitgescbiifte sind 
zum Teil, wie in Triest, bestimnite Banken, zum Teil sind es besondere 
Borsenorgane oder aucb selbstandige Vereinigungen der Beteiligten. In 
Paris erfolgt die Abwicklung derart, dafs alle amtlichen Makler Bogen 
liber die von ibnen verraittelten Abscblusse deni Borsensekretar einreichen. 
In New York bestelit ein besonderes Cle^aringhouse, das als ^common 
agent'^ der Borsenniitglieder bei der Abwicklung fungiert. Auch in London 
ist ein solcbes Clearinghouse fiir Effektentenuingescbafte seit 1874 vor- 
handen. In Amsterdam liiiift die ganze Abwicklung durch die Hand 
der beideu Rescontranten, welcbc vom Vorstand der Effektenvereinigung 
emannt werden. In Wien hat der Wiener Giro- und Kassenverein ein 
Arrangementsbureau errichtet, bei welchem alle nicht ausdrucklich als 
^direkt" abgeschlossenen Geschafte erledigt werden mussen, wenn sich 
die Beteiligten nicht einer Strafe von 50 Gulden, im Wiederholungsfalle 
dem AuBschlufs von der Borse aussetzen wollen. Ahnlich ist es in Pest. 

In Frankfurt a. M. und Miinchen besteht zu gleichem Zwecke ein 
„Kollektivscontro'', dem die am Borsenhandel in Wertpapieren beteiligten 
Firmen als Mitglieder angehoren. In Hamburg hat die Wechslerbank 
ein besonderes Liquidationsblireau errichtet. In Breslau wird durch den 
seit 1880 bestehenden Saldierungsverein die Centralisation der Abwick- 
lung bewirkt. In Berlin besteht fiir den gleichen Zweck ein Liquidations- 
biireau, das der seit 1869 thjitige ^Liquidationsverein fiir Zeitgeschafte 
an der Berliner Fondsborse^' errichtet hat 

Die Abwicklung der Warentermingeschafte ist zum Teil ebenfalls 
in der Hand bCvStimmter Borsenorgane zusammengezogen, z. B. in Wien 
und Pest, wo die Abwicklung durch das Borsensekretariat geht In 
anderen Platzen bestehen besondere Clearinghouses dafur, wie in Chicago 
und fiir den Getreideverkehr in New York, fiir BaumwoUverkehr in 
liverpool (seit 1876), fiir Kaffeeverkehr in London (seit 1888). Vielfach 
haben sich aber neuerdings auch fiir die Centralisation der Abwicklung 
besondere Aktiengesellsehaften unter dem Namen „Liquidationskassen^ 
gebildet Sie iibernehmen die Fiirsorge fiir eine geregelte und punktlichc 
Abwicklung. Zu dem Zwecke bezeichnen sie sich jedem Kontrahenten 
gegeniiber als Gegenkontrahent. Sie treten also zwischen beide Parteien, 



10. Kapitel. Der Boreenhandel. 277 

sodafs jeder Abschlufs an der Borse ^ewisserinafsen in zwei Aljscliliisse 
zerlegt wird. Die Gesehaftsvermittler niachen von ihren Abschlussen der 
Liquidationskasse durch Ubergabe der Schlufsnoten Mitteihm^. Mit der 
Uber^abe der Schlufsnoten sind von den Parteien Einsebiisse (^Mar^en'^) 
in bestimniter Ilohe an die Liquidationskasse einzuzahlen, um deren 
Risiko zu vennindern. Bei Preisscbvvankungen von bestimmter Uobe 
sind die Einsebiisse zu er«:anzen. Die Liquidationskasse tragi die an- 
gemeldeten Geschafte in bestimmte Biichcr ein und bewirkt die endgultige 
Ausgleichung. Fiir ihre Muhewaltung erhebt die Kasse bestimmte Pro- 
visionen (Kommissionsgebiibren). 

Als Vorteil dieser Einriehtung niufs man die glatte und sichere Ab- 
Avicklung der Warenzeitgescbafte ansehen. Wenn man in ibncn weiter 
ein Mittel erblickt, weniger bemittelte Pcrsonen vom Borsenhandel abzu- 
halten, so ist diese Wirkung wohl als moglich anzusehen, obwohl die 
Erfahningen nicbt iiberall gleich sind. Man kann jedenfalls auch die 
entgegengesetzte Moglichkeit nicbt leugnen, da das Einscbufssystem, das 
ja in den Liquidationskassen besonders entwickelt werden mulste, auch 
Manchem die Teilnahme am Borsenhandel gestattet, der wohl den Ein- 
schufs aufbringen kann, aber nicbt im stande sein wiirde, das Risiko 
eines isolierten grofseren Warentermingeschafts auf sich zu nehmen. Fiir 
die bemittelten Kreise bedeutet jedenfalls die Liquidationskasse eine Er- 
leichterung und eine vcrstiirkte Sicherheit der Beteiligung am Borsen- 
handel, und in diesen Kreisen kann die Einriehtung der Ausdehnung der 
Borsenspekulation Vorschub leisten. 

Die Liquidationskassen sind siimtlich jiingeren Datums. Die alteste 
und vorbildlich gewordene Kasse dieser Art ist die Caisse des liquidations 
des affaires en marchandises au Havre, die 1882 als Aktiengesellschaft 
mit 4 Mill. Frs. Kapital gegriindet wurde, und die fiir die Temiingeschafte 
in Kaffee, Wolle, Baumwolle u. s. w. wirkt. 1882 wurde fiir Kaffee- 
terminhandel auch in New York eine Liquidationskasse errichtet, 1887 
fiir Kaffee- und Kammzugterminhandel in Antwerpen, fiir Kaffee-, Zucker-, 
Spiritus-, ()1-, Getreide und Mehlhandel in Paris, fiir Kaffeegeschafte in 
Marseille und Lyon, fiir Kaffee, Zucker und Baumwolle in Hamburg 
(mit 3 Mill. M. Aktienkapital) , 1888 fiir Kaffeeterminhandel in London, 
fiir Kaffee, Baumwolle und Zinn in Amsterdam, in demselben Jahr auch 
in Rotterdam (mit 2 Jlill. Guld. Kapital), 1889 fiir Zucker in Magdeburg 
(mit anfangs 3, jetzt 2 Mill. M. Aktienkapital), 1890 fur den Kammzug- 
tenninhandel in Leipzig. Fiir Kanmizugterminhandel be^steht auch in 
Roubaix-Tourcoing eine Liquidationskasse. 

Uber den Umfang des Termingeschiifts, wie es durch die Liqui- 
dationskassen vermittelt Avird, mr)gen einige Zahlen Aufschlufs geben. Auf 
den 3 Kammzugtenninmarkten wurden naeh Angabe des Leipziger Han- 
delskammerbericbts fiir 1898 (S. 137) gehandelt (in Millionen Kilogranmi): 



278 Ereter Teil. Der Handel. 





Antwerpen J^ipzig 


Roubaiz-Tourcoing 


1894 


51,54 10,38 


53,46 


1895 


54,92 18,02 


37,56 


1896 


46,57 13,80 


38,25 


1897 


36,19 5,85 


21,90 


1898 


36,67 5,92 


24,08 


irg w 


urden bei der Warenliquidationskaase verl 




Zucker 


Kaffee 


1893 


10,29 Mill. Sacke 


3,17 Mill. SUcke 


1894 


8,51 „ 


3,24 „ „ 


1895 


10,64 „ 


2,96 ., „ 


1896 


13,93 „ 


3,01 „ ., 


1897 


9,40 „ 


3,78 „ 



In Deutscliland sind durch durch das Borsengesetz voin 22. Juni 1896 
auch die Kiindigungsbiireaus, Liquidationskassen, TJquidationsvereine und 
almliche Anstalten der Aufsiclit der Landesregierungen unterstellt, wie 
denn iiberhaupt das Gcsetz die Bewegungsfreiheit dieser Anstalten wesent- 
lieh eingeengt bat — 

Bei den Zeitgeschjiften ist das Risiko an sidi, wenn nicht besondere 
Vorkehrungen getroffen sind, unbegrenzt. Der Verkebr hat sich deshalb 
bemiiht, Formen auszubilden, welche eine Begrenzung des Risikos er- 
moglicheu. Infolgedessen gliedern sich die Zeitgeschafte in unbedingte 
und bedingte. Unbedingte Zeitgeschiifte sind diejenigen, bei welchen 
beide Parteien fest an den Vertrag bezuglieh der Menge, des Preises, 
des Temiins gebunden sind und keine Moglichkeit haben, den vollen 
Wirkungen einer ibnen ungUnstigen Preis- oder Kursverschiebung auszu- 
weichen. Das Risiko ist hier unbegrenzt, insofern Niemand die Kurs- 
oder Preisbewegung voraussehen kann. Da der Erfiillungstermin fest 
bestimint und unbedingt innezuhalten, also „fix^ ist, so nennt man die 
unbedingten Zeitgeschiifte auich wohl fHxgeschafte. 

Weniger grofs ist das Risiko bei den auf ^taglich" oder auf „fix 
und tiigli<*h" geschlossencn Gcsehaften, wie sie an manehen Borsen vor- 
koninien. Ein Zeitgeschaft auf ,,taglich^ besteht darin, dafs ein aufserster 
Teniiin fiir die Erfullung vereinbart wird, dafs aber dem Kaufer das 
Reclit zusteht, in der Frist zwischen Abschlufs und aufsersteni Erfiillungs- 
temiin jederzeit die Erfullung zu verlangen. Soil dem Verkiiufer das 
Recht zustehen, so wird das Ge^sehilft „auf Ankiindigung'' oder „auf 
Ansage" geschlossen, da er ^ansagen" oder ^aukiindigen^, d. h. die Ab- 
nahnie un<l Zahlung verlangen kann, Sollen beide Parteien das Recht 
haben, jederzeit die Erfiillung zu verlangen, so wird ^gegenseitig taglich" 
vereinV)art. Der Sinn ist also der, dafs zu einem beliebigen Tage die 
Erfullung gefordert werden kann, <lafs sie aber an einem bestimmten aufser- 
sten Terinin, z. B. Ultimo, imbedingt erfiillt werden mufs. Der Vorteil 
liegt darin, dafs man sich den giinstigsten oder den am wenigsten un- 



10. Kapitel. Der Boreenhandel. 279 

gunstigen Termin fiir die Erfullunp aussuclien iind sieh dadureli eini^er- 
inafsen gegen die vollen Wirkungen ungiinstiger Preisverscliiebungen 
schiitzen kann. Bisweilen wird audi dieses Wahlreelit erst von eineni 
bestinimten Tennin an gegeben. Dann liegt ein (leschiift auf ,.fix und 
taglich'' vor. Ein Kaufgesehaft dieser Art lieifst „Kauf auf fixe und tag- 
liehe Liefening^, und ein Verkaufsgesehaft dieser Art lieifst ^Verkauf auf 
fix und tiiglich mit Ankiindigung'' ; ini ersteren Fall hat der Kiiufer, iin 
letzteren der Verkaufer des Recbt, sieh den Erfullungstag auszusuehen, 
aber nur zwischen dein fiir den Beginn des Wahlreelits bezeiclmeten 
Tennin und deni aufsersten ErfuUungsterniin, an welcbeni das Oesohiift 
unbedingt erledigt werden mufs. Fiir die Gewiihrung dieses Wahlreelits 
in Bezug auf den Erfiilliingsterniin wird liaufig eine ^Praniie" ge- 
zahlt. Die hierhergehorigen Geschafte werden audi wolil als ^Wandel- 
gesohafte"^ bezeidinet 

Die Gesdiafte auf „taglieh'^ oder auf „fix und tiiglich*' reihen sieh 
insofem den Fixgeschaften an, als ein eigentlicher Riiektritt von dein 
Vertrage hier niclit vereinbart wird. Nur die unbedingte Gebundenheit 
an einen bestimmten Erfiillungsterniin wird beseitigt insoweit, als schon 
vor diesem Terrain die Erfiillung verlangt werden kann. 

Demgegeniiber steht eine andere grofse Gnippe von Geschiiften, bei 
denen in bestimmter Weise gegen Zahlung einer Priiiuie (in Frankfurt a. M. 
und in Oesterreidi auch „Dont'* genamit) ein Riiektritt von dem urspriing- 
lidien Vertrage oder eine AusAvahl in der Erfiillungsart ausbedungen 
wird. Das sind die bedingten Zeitgeschafte oder Pramiengeschafte. Ihr 
Zweek ist, das Risiko zu verniindern und in bestimnite Grenzen zu bannen, 
ohne die Gk^winnaussichten zu beschriinken. 

Die einfachste Fonii dieser bedingten Zeitgeschiifte sind die ^ein- 
fachen Pramiengeschafte'*. Hier wird verabredet, dafs der Zahler der 
Pramie vom Vertrage zuriicktreten kann. Der Zahler der Prjimie heifst 
^Pramiengeber", der Enipfanger der Pramie lieifst „Pramienzieher'*. Der 
Pramiengeber mufs sieh rechtzeitig dariiber erkliiren, ob er auf Erfiillung 
des Vertrags bestehen (,,die Priiinie kiindigen") oder gegen Zjihlung der 
Pramie vom Vertrage zuriicktreten (^die Pramie fahren lassen") will. Die 
Abgabe dieser Erkljining heifst ^Priimienbeantwortimg^. Der Tag der 
Priimienbeantwortung wird in den Bfirsenvorschriften festgestellt. Auf der 
Wiener Wertpapierborse ist der Falligkeitstag als Pramienbcantwortungs- 
tag festgesetzt, in Berlin bei Mediogeschiiften der dem Falligkeitstag niidist- 
vorhergehende Borsentag, bei Ultimogeschiiften der drittletzte BorsenUig 
vor dem Ultimo-Lieferungstage, ebenso in Dresden, in I^^pzig u. s. w. 
An dem betr. Tage mufs die Erklarung bis zu einer bestimmten Stunde, 
z. B. in Wien bis 1 Uhr, in Lei[)zig bis 12^2 Uhr, in Berlin bis 
l^'i Uhr nachmittags u. s. w. abgegebeii sein. Erfolgt bis dahin die Prii- 
mienbeantwortung niclit, so wird angenommen, dafs der Wahlberech- 



280 Ereter Teil. Der Handel. 

tigte die Praniic zahlen \^nll, es sei denn dais der Kursstand zur Er- 
klanin^szeit es als zweifellos erscheinen lalst, dais der Wahlberechtigte 
aiif Erfiillung bestehen wird. Walill)ereclitigt ist entweder der Kaufer oder 
der Verkjiufer. 1st der Kaufer walilbereclitigt, so lieifst die Pramie „Vor- 
priiniie^ (in England vCall"^); ist der Verkaiifer wablbereclitigrt, so heifst 
die Traniie ^Kiickpraniie^' (in England ,,put^). 

Die Pramie wird mit notiert, indem sie neben den vereinbarten Kurs 
gesetzt wird, z. B. bei den in Prozenten des Xennwerts notierten Kursen 
120/4 V. oder 120/4 R Dabei bedeutet V. Vorpraniie, R. Riickpramie. Der 
Pramiensatz ist in dieseni Beispiel i Proz. des Nennwerta. Wird der Kurs 
per Stiick notiert, so beziebt sicli aucb die niitnotierte Pramie auf je 
1 Stiick. Der Kurs ist in der Kegel beini Vori)nimiengescbaft annahemd 
um den Betrag der Pramie boher und beim Ruekpramiengeschaft an- 
nabernd um den Betrag der Pramie niertriger, als bei den zu gleicber 
Zeit auf deuselben Termin in gleichen Papieren abgescblossenen unbe- 
dingten Zeitgescbiiften ; das erkUirt sicb daraus, dafs der Pramiennehmer 
durcb die Einraumung des Biicktrittsrechts an den Pnimienzieber seine 
eigene Gewinnaussiebt beschrankt, wahrend der Wahlberecbtigte eine 
niebt begrenzte Gewinnaussiebt, aber eine fest begrenzte Gefabr bat. 
Dieser modifizierte Kurs beifst aueb ,,Pramienkur8^. 

Der Sinn des Vorpramiengeschafts ist der, dais der Temiinkaufer 
sein Risiko auch fiir den seblimmsten Fall auf den Betrag der Pramie 
bescbriinken will, wenn die von ihm erwartete Preissteigenmg niebt ein- 
tritt. Ist iU)er 30000 M. Nennbetrag ein solcbes Gescbaft mit dem Kurse 
120/4 V. gescblossen, und ist der Kurs zur Erfiillungszeit boher als 110, 
aber niedriger als 120, so wird der Kaufer auf Erfiillung des Vertrags 
bestehen ; er mufs zwar 1 20 fiir die abzunehmenden Papiere zahlen und 
kann sie nur zu einem geringeren Preise gegen Kassa verkaufen, aber 
dieser Verlust betriigt noch nicht 4 Proz. des Nennwerts, erreicht also den 
Betrag der l^riimie noch nicht. Sinkt der Kurs unter 110, so wird der 
Kiiufer die Pramie von 4 Proz. (also in unserem Beisjuel 1200 M.) zahlen, 
da er bei Erfiillung des Geschafts den Kassaverkauf nur mit einem Ver- 
lust von mehr als 1 Pmz. des Nennwerts bewirken konnte. Ist also die 
Kursbewegung dem Kiiufer ungiinstig, so riskiert er schlimmsten Falles 
nur 1 Proz. des Xennwerts. Steigt der Kurs dagegen iiber 120, so wird 
der Kaufer stets Erfiillung verlangen, weil er nunmehr die zum Kurse 
von 120 ahgenommenen l\Mpiere zu einem boheren Kurse, also mit 6e- 
winn, gegen Kassa wieder verkaufen kann. Die giinstige Kursbewegung 
kann er ganz ausnutzen, die ungiinstige hat er hochstens bis zum Be- 
trage der Pramie auf sich zu nehmen. 

1st ein RiickpriimiengeschJift zum Kurse 120/4 R. geschlossen, so wird 
der Verkilufer auf Lieferung der Waren zuniichst stets dann bestehen, 
wenn er dabei nach dem Kursstande zur Erfiillungszeit weniger veriiert, 



10. Kapitel. Dcr Burscnhandel. 281 

als den Betrag der Praiiiie, d. h. wenn der Kurs zur ErfuHun«:szeit zwischen 
120 und 124 steht. Er nmfs sicli zu dieseni bijheren Kurse die von ihni 
zu liefernden Papiere j^egen Kassa einkaufen, wiihrend er von seineni 
Abnehnier nur 120 erhiilt; aber dieser Verlust erreicbt uicbt 1 Proz. des 
Nennwertes. Weiter wird dor Verkiiufer wirklicbe Erfullun^ des Ver- 
trages fordern, wenn der Kurs zur Erfiillungszeit unter 120 stebt, weil 
er dann die Differenz zwisclien diesem niedri^eren Kurse und dem ibni 
zu zablenden Kurse von 120 erliiilt. Je tiefer der Kurs unter 120 stebt, 
desto bober ist sein Gewinn. Stebt dagegen zur Erfiillun^szeit der Kurs 
Uber 124, so wird der Verkiiufer voni Vertra^e j^egen Zablun^ der Praniie 
zuriicktreten, weil er dann nur 4 Proz. des Nennwertes verliert, also 
weniger, als wenn er die zu liefernden Papiere zuni Kurse von 1 24 + x 
gegen Kassa einkaufen und seineni Teniiinkontrabenten zuin Kurse von 
120 liefem niUfste. Also audi der Tenn in verkiiufer kann auf diese Weise 
die Wirkung einer ibni ungiinstigen Kursbewegung auf einen festen, von 
vomberein zu iibersebenden Ilocbstbetrag bescbninken, wiibrend er aus 
der ibni giinstigen Kursbewegung den vollen Vorteil zieben kann. 

Deni Gedanken, den Verlust zu begrenzen, aber die Gewinnaussicbt 
besser auszuniitzen, entspringt eine andere Art der Pramiengescliiifte, die 
man als ^Xocbgescbafte" bezeicbnet. Beini Xocbgesebaft kann der Kiiufer, 
falls ibm das Wablrecbt zustebt, die beini Abseblufs vereinbarte Menge 
zu deni verabredeten und die Priimie gleieb einscbliefsenden Kurse noeb 
einnial oder noeb niebrere JIale von seineni Verkiiufer fordorn, woriiber 
er sicb am Priimienbeantwortungstage erkliiren mufs. Hat der Verkiiufer 
das Wablrecbt, so kann er die verkaufte Menge zu dem vereinbarten, die 
Pniniie gleieb mit erledigendem Kurse noeb einnial oder noeb niebrere 
Male naebliefem. (Gescbiifte ^mit einnial Noeli^, „mit zweimal Noeb'' 
u. 8. w.) Da der Gegenkontrabent sicb diese Wiederbolung der urspriing- 
Hcben Kauf- bezw. Verkaufsinenge gefallen lassen mufs, so nennt man in 
Oesterreicb solcbe Gescbiifte audi wobl ,,(Jescbiifte mit Mufs.** Das 
Nodigescbiift verbindet seinem Wesen nacb das gewobnlidie Zeit(Fix)- 
Gescbiift mit dem Priimiengesebiift. Denn der iirspriinglicb vereinbarte 
Betrag mufs erfiillt werden und wird desbalb wie jedes andere einfacbe 
Zeitgescbiift bebandelt. Nur die Wiederbolungen des urspriinglicben Be- 
trages unterliegen dem AVablredit, sie sind das, woriiber dem Priimien- 
geber das Wablrecbt offen stebt, wiibrend er bezuglieb des urspriinglicben 
Betrages fest gebunden ist. ilan nennt desbalb ein solcbes Gesdmft audi 
einen „Scblufs auf fest und offen^. In Frankfurt a. M. giebt der Scblufs 
auf fest und offen nadi den jetzt geltenden Vorsdiriften nur das Recbt 
zur einmaligen Wiederbolung, also zur Verdoppelung des ursiiriinglidien 
Betrages, ebenso in Wien. 

Dafs im ^Nodigescbiift" eine Bescbriinkung des Risikos fiir den 
WalUberecbtigten liegt, ist leicbt einzuseben. Der AVablberecbtigte will 



282 Eretcr Teil. Der Haudel. 

eigentlich bei eineni GesQhaft mit einnial noch das Doppelte des ursprun^- 
lichen Betrages kaufen bezw. verkaufen. Da er aber nicht vorhersehen 
kann, ob die Kursbewegung ihm giinstig sein wird, so bindet er sich 
nielit auf den ganzen Betrag, sondern nur auf die Halfte, um nicht zu 
viel zu verlieren, wenn die Kursbewegung ihm ungiinstig ist; gleiehzeitig 
sichert er sich aber den Kauf bezw. Verkauf des Ganzen fiir den Fall, 
dafs der Kursstand sich zu seinen Gunsten gestaltet Dasselbe erreicht 
man auch, wenn man das Ganze als ursi)runglichen Betrag bezeichnet, 
sich aber das Recht vorbehalt, nur die Ilalfte zu nehmen bezw. zu geben. 
Auch in dieser Form kommen die Geschafte vor. 

Nocli vorsichtiger ist * das Stellage- oder Stellgeschaft Hierbei er- 
langt der Kaufer der Stellage das Recht, dem Gegenkontrahenten (Ver- 
kaufer der Stellage, Steller) zur Erfiillungszeit einen bestimmten Betrag 
entweder zu einem verabredeten hoheren Kurse abzunehmen oder zu einem 
verabredeten niedrigeren Kurse zu liefern. Eins von beiden mufs er aber 
thun und sich dariiber am Prsimienbeantwortungstage erklaren. Hierbei 
werden also 2 Kurse verabredet, ein hoherer und ein niedrigerer, die in 
folgender Form notiert werden: ISO/ 1 70. Der Unterschied zwischen 
beiden Kursen, in unserem Beispiel 10, heifst die ^Spannung". Die 
Halfte der Spannung — in unserem Beispiel 5 — ist das „Stellgeld". Der 
Durchschnitt beider Kurse — in unserem Beispiel 175 — ist die „Mitte 
der Stellage" oder der „Stellkurs". Die Borsensprache driickt das an- 
gegebene Beispiel auch so aus, dafs sich der Kaufer der Stellage die 
Papiere von dem Steller zu 175 mit 5 Stellgeld stillhalten lafst 

Das Stellgeschaft beruht auf der einfaehen Erwagung, dafs der Kurs, 
wenn er nicht stabil ist, bis zur Erfiillungszeit ent\veder fallen oder steigen 
mufs, und dafs man, da man bei einseitiger Richtung der Spekulation durch 
die unerwartete Bewegung der Kurse sehr geschadigt werden kann, gut 
thut, sich sowohl fiir den Fall des Steigens als auch fiir den des Sinkens 
der Kurse vor iibergrofsen Verlusten zu sichem. Der Kaufer der Stellage 
spekuliert also gewissermafsen gleiehzeitig k la hausse und k la baisse. Was 
der Kaufer der Stellage nun endgiiltig thun wird, ist leicht zu finden. Wenn 
in unserem Beispiel zur Erfiillungszeit der Kurs zwischen 175 und 180 
steht, dann wird der Wahlberechtigte die Papiere abnehmen. Er mufs 
dann freilich dem Steller 180 zahlen, wahrend er die abgenommenen 
Papiere mir zu einem geringeren Kurse als 180 gegen Kassa weiterver- 
kaufen kann. Er verliert also <lal)ei, aber weniger als 5. Wiirde er sich 
fiir das Liefern der Papiere entscheiden, so miifste er sie sich zum Kurse 
zwischen 175 und 180 gegen Kassa einkaufen, wiirde aber vom Steller 
nur 170 dafiir bekommen, also noch mehr als 5 verlieren. Steht zur 
Erfiillungszeit der Kurs zwischen 170 und 175, so wird der Kaufer der 
Stellage die Papiere liefern. Er verliert dabei, da er die Papiere zu dem 
zwischen 175 und 17(» liegenden Kurse gegen Kassa einkaufen mufs. 



10. Kapitel. Der Boreenhandel. 283 

vom Steller aber nur 170 erhalt. Aber sein Verlust betragt weniger als 5. 
WoUte er bei dieseni Kursstande die Papierc abnehmen, so miifste er 
dem Steller 180 bezablen, bekame aber beim Kassaverkauf nur weniger 
als 175, sodafs er mehr als 5 verlieren wiirde. Hieraus ergiebt sich, 
daTs der Kaufer der Stellage stet« Verlust erleidet, so lange der Kurs 
zur Erfiillungszeit zwischen 170 und 180 steht, dafs er aber diejenige 
Erfullungsart aussuehen kann, bei welcher sein Verlust am geringsten ist. 
Der Hochstbetrag des Verlustes ist 5 und tritt ein, wenn zur Erfiillungs- 
zeit der Kurs 175 betrilgt und zwar gleicbviel ob der Kaufer der Stellage 
die Papiere abninirat oder liefert. Steht der Kurs zur Erfiillungszeit auf 
180, so wird der Kaufer der Stellage die Papiere abnehmen, wiihrend er 
beim Kurse von 170 liefern wird; in beiden Fallen ist sein Verlust und 
sein Gewinn = 0. Einen Gewinn erzielt der Kaufer der Stellage erst 
dann, wenn der Kurs zur Erfiillungszeit entweder iibcr 180 oder unter 
170 steht; im ersteren Falle wird der Kaufer der Stellage die Pai)iere 
abnehmen .zu 180, da er sie zu 180 -|-x gegen Kassa wieder verkaufen 
kann, im letzteren Fall wird er die Papiere liefern zu 170, da er sie 
noch billiger, zu 170 — x, gegen Kassa einkaufen kann. 

Fiir den Kaufer der Stellage ist bei einer solchen Kursbcwegung der 
Gewinn um so grofser, je mehr sich der Kurs zur Erfiillungszeit iiber 
180 erhebt oder unter 170 bleibt. Er hat also unbegrenzte Gewinnaus- 
siehten, aber begrenzte Verlustgefahr. Fiir den Steller liegt die Sache 
umgekehrt Es gewinnt nur, solange der Kurs zwischen 170 und 180 
steht, und sein Gewinn ist hochstens 5 ; er verliert aber, wenn der Kurs 
unter 170 oder iiber 180 steht und zwar ohne feste Grenze. Ist der 
Kurs 180 H- x, so mufs er dem Kaufer der Stellage Papiere liefern, die er 
zu diesem Kurse erst hat einkaufen miissen, wahrend ihm selbst nur 180 
bezahlt werden. Ist der Kurs 170 — x, so mufs der Steller zum Kurse 
von 170 die Papiere abnehmen, wahrend er sie nur zu 170 — x weiter 
veraufsern kann. 

Bei Papieren, deren Kurs in sehr engen Grenzen schwankt, wird 
man solche Geschaft^ nicht abschliefsen. Sie haben nur einen Sinn, 
wenn die Kursbewegung so lebhaft ist, dafs man ein Uberschreiten des 
verabredeten hoheren Kurses oder ein Zuriickbleiben hinter dem verab- 
redeten niedrigeren Kurse erwarten darf. 

Ein Riiektrittsreeht ist bei dem Stellagegeschaft nieht vorgesehen. 
Der Kaufer der Stellage hat nur da« Recht, sich die ihm giinstigste oder 
am wenigsten ungiinstige Erfiillungsart auszusuchen. Zu diesem Zweckc 
ist hier Vor- und Riickpramiengeschaft miteinander unter Abtrennung des 
eigentlichen Riicktrittsrechts versehmolzen. In England heifsen deshalb 
auch solche Geschiifte „put and call" oder abgekiirzt „i)ac". 

Tritt zu dem beim Stellagegeschaft vereinbarten Wahlrecht noch das 
weitere Recht hinzu, ganzlich vom Vertrage zuriickzulreten, so liegt ein 



284 Eretcr Teil. Dor Handel. 

^zweischneidiges Prannen^i^eschaft" vor, das man in Wien auch ^Schluls 
auf Geben und Nebmen'^ nennt. llier sind \'or- und lUickprSmiengescbaft 
in vollein Unifange niit oinander verbunden. 

Die Pramieiigesebafte koinmen audi bei Waren vor; ihre Hauptrolle 
spielen sie aber beim Tenninbandcl mit Wert|)apieren. 

Xornialenveise sind die Zeitgesebiifte zu dein vereinbarten Tenniii 
abzuwiekeln. Aber oft genug bat der Borsenspekulant keiii Interesse 
daran, an dem gegebenen Termin die Abwickelung wirklich vorzunehinen, 
sondern niufs wiinscben, sie auf einen spateren Termin hinausschieben 
zu konnen. Dieses Interesse an der Hinaussebiebung der Abwicklung 
kann dann vorliegen, wenn der Spekulant sicb bei der Berechnung der 
Kursbewegung geirrt bat, wenn also die Kurse ihm ungiinstig sind, 
wenn er aber anzunebmen Anlafs hat, dafs bis zu dem spateren Ab- 
wicklungstermin die Kurse ibm wieder giinstiger werden. Das gleicbe 
Interesse kann aber aucb entsteben, wenn die Kursbewegung dem Spe- 
kulanten giinstig war, wenn er aber glaubt annebmen zu diirfen, dafs 
diese gunstige Entwicklung nocb langer anbalten wird. Im ersten Fall 
dient ibm die Hinaussebiebung der Abwieklung dazu, den Verlust zu 
venneiden, im zweiten Fall dazu, den Gewinn zu steigem. In beiden 
Fallen will er die bisberige Riebtimg der Spekulation beibebalten. 

Das Mittel, eine notwendig gewordene Abwiekhmg hinauszuschieben, 
ist im gewobnlicben Gesebjiftsverkebr die Prolongation. Aucb die Borse 
bedient sich dieses Mittels in der iiblieben Form einer einfaclien Ver- 
liingerung des alten Engagements mit dem alten Kontrabenten. Das ist 
die ^reine"^ oder „echte Prolongation^\ Die Prolongation an der Borse 
bat aber aueb die Form angenommen, dafs das fallige Engagement ab- 
gewickelt, aber gleiebzeitig fiir den iiachsten Abwicklungstennin ein neuer 
Abscblufs in der bisberigen Biebtimg vereinbart wird (,,unechte, un- 
eigentliebe, verdeekte Prolongation^). 

Der Ilaussier, der eine verdcckte Prolongation vornehmen will, mufs 
also am Al)wicklungstage die gekaufte Menge abnebmen und sie bebufs 
Erlangung des Kaufi)reises sofort gegen Kassa verkaufen; er kauft aber 
sofort die gleicbe Menge des gleichen Gegenstandes fiir den niichsten 
Abwicklungstermin wieder, entweder von seinem bisberigen Kontrabenten 
oder von einem anderen. Seine Prolongation besteht also aus einem 
Kassaverkauf fiir den jetzigen und einem I.iefeningskauf fiir den nacbsten 
Abwicklungstermin. Der Baissier vollziebt zum Zwecke der Prolongation 
einen Kassaeinkauf, um sicb die jetzt zu liefcmden Gegenstiinde zu ver- 
scbaffen, und oinen I jeferungsverkauf derselben Menge desselben Gegen- 
standes fiir den nacbsten Abwicklungstermin. 

Dasselbe wiirdc der Ilaussier erreiclien, wenn er die J[enge, die er 
am urspriinglicben Abwicklungstermin abzunebmen bat, nicbt gegen Kassa 
verkauft und von einem Anderen wieder auf den nacbsten Abwieklungs- 



10. Kapitel. Dcr Bon^enliandcl. 285 

termin ankauft^ sondem wenn er sich aiif die abgenommene Menge das 
Held leiht, das er zur Bezalilung der abgenommenen ^[enge braucht, 
z. B. auf dem Wege des Loinbardgescbaftes, iind nun einen Terminkauf 
fiir den nachsten Abwicklungstennin eingeht. Der Baissier wurde sein 
Ziel erreichen, wenn er sicb die von ibni zu liefernde Menge leiht und 
^leichzeitig einen Terminverkauf fiir den nacbsten Abwicklimgstermin 
abschliefst. 

Von bier aus baben sicb nun an der Borse eigenartige Gescbiifts- 
fomien entwickelt, die man als „Report-^' und ^Deportgescbaft'' bezeicbnet 
und unter dein Nanien Prolongations- oder Kostgescbafte zusauimenfafst. 
Das Reportgescbaft dient dazu, deui Haussier fiir die fiillige Abwicklung 
das notige Geld zur Bezablung der abgenoninienen Menge zu verscbaffen 
imd ibni die Fortsetzung der bisberigen Spekulation zu ermoglicben. 
Das Deportgescbaft bat die Aufgabe, dem Baissier die jetzt zu liefernde 
Menge der Papiere zu verscbaffen und ibni gleicbzeitig die Fortsetzung der 
bisberigen Spekulation zu ermoglicben. Beini Reportgescbaft leibt sicb 
also der Haussier Geld, beini Deportgescbaft leibt sicb der Baissier Papiere. 
Das ist der eigentlicbe Kern dieser Gescbafte, und wenn man sicb ibn 
vergegenwiirtigt, wird man aucb als Laie die Operation des Report- und 
I)e|)ortgescbaftes versteben, obgleicb sie anscbeinend sebr verwickelt ist. 

Das Leiben von Geld seitens des Haussiers vollziebt sicb beim Report- 
gescbaft in folgender Form: Der Haussier verkauft die Papiere, die er 
seinem urspriinglicben Kontrabenten abzunebmen bat, gegen Kassa zum 
Tageskurs an einen Dritten und verpflicbtet sicb, sie oder die ent- 
sprecbende Menge der gleicben Papiere demselben Dritten beim nacbsten 
Abwicklungstermin zu einem vereinbarten Kurse wieder abzunebmen. 
Er vollziebt also mit dem Dritten gleicbzeitig einen Kassaverkauf fiir 
diesen und einen Termineinkauf fiir den nacbsten Abwicklungstermin, 
und diei>es Kassagescbaft und Termingescbiift erstrecken sicb auf dieselbe 
Menge der gleicben Papiere. 

Entkleidet man diese Operation ibrcs eigentumlicben Beiwerks, so 
bat man folgende einfacbe Sacblage. Der Haussier entleibt von dem 
Dritten bis zum nacbsten Abwicklungstermin Geld und giebt dafiir die 
Papiere in Pfand (er giebt sie „berein'' oder ^in Kost'', daber beifst er 
aucb Kostgeber). Der Dritte dagegen verleibt an den Haussier Geld und 
nimnjt als Pfand dafiir bis zum nacbsten Abwicklungstermin die Papiere 
^in Kost'% wesbalb er aucb „Kostnebmer^' beifst. Das Itiuft der Wirkung 
nacb auf dasselbe binaus, wie die Ix^mbardierung der Pai)iere, aus der 
sicb ja aucb das Reportgescbaft entvvickelt bat; nur sind die juristiscben 
Formen und die Einzelbeiten der Bedingungen in Bezug auf Beleibungs- 
grenze, Termin der Riickgabe u. s. w. beim Reportgescbaft andei*s als 
bei dem Effektenlombard. Die Papiere selbst werden dabei auf den 
nacbsten Abwicklungstermin „reportiert'' („prolongiert^', ^gescboben"^). 



286 Ereter Teil. Der Handel. 

Das Leihen der Papiere seitens des Baissiers vollzieht sicli beim 
Deportgeschaft folgendermafsen : 

Der Baissier kauft die Papiere, die er zu lief em hat, gegen Kassa 
von einein Dritten zuni Tageskurs ein und veri)flichtet sich, dieselbe 
Menge der gleichen Papiere diesem Dritten beim nacbsten Abwicklungs- 
tennin zu eineni vereinbarten Kurse zuriickzuliefem. Er vollzieht also 
init demselben Dritten iiber die gleiche Menge gleicher Papiere einen 
Kassaeinkauf fiir diesen und einen Lieferungsverkauf fiir den nacbsten 
Abwicklungstermin. Der Baissier leiht sich mithin in Wirklicbkeit bis zum 
nacbsten Al)wicklungsteruiin die Papiere, er nininit sie herein (in Kost) 
und giebt dafiir deni Dritten Geld her. Der Baissier erscbeint — auf die 
Papiere selbst bezogen — beim Deportgeschaft stets als Kostnehmer, 
wahrend der Haussier beim Reportgeschaft als Kostgeber auftritt; auf Geld 
bezogen dagegen erscbeint der Baissier beim Deportgeschaft als Geldgeber, 
der Haussier beim Keportgeschaft als Geldnehmer. 

Wenn beim Report- und Deportgeschaft der Kurs fiir das Liefenmgs- 
gescbaft auf den nacbsten Abwicklungstermin ebenso hoch angesetzt wird, 
wie fiir das Kas.sageschaft, so hat der Kostnehmer die in Kost genommenen 
Papiere am nacbsten Abwicklungstage zu demselben Kurse zuriickzngeben, 
zu welchem er sie ubemommen hat; nur sind dann noch die an der 
Burse iiblichen ^Stiickzinsen'' fiir den laufenden Monat zu zahlen. Man 
si)richt in diesem Fall von einer „glatten" Prolongation. 

Viel haufiger aber ist der fiir das Liefeningsgeschaft auf den nacbsten 
Abwicklungstermin festgesetzte Kurs nicht ebenso hoch, wie der beim 
Kassageschaft angewendete Tageskurs. Ist jener boher, so giebt der 
Kostnehmer die in Kost genommenen Papiere zu einem hoberen Kurse 
zuriick, als er sie iibemommen hat; der Kursunterscbied kommt dem 
Kostnehmer zu gute und ist die Vergiitung dafiir, dafs der Kostnehmer 
die Papiere in Kost genommen und dafiir dem Kostgeber Geld gegeben 
hat. Dieser dem Kostnehmer zufliefsende Mehrbetrag des Kurses heifst 
„I\eport'' odcr „Kostgeld". Ist der fiir das Termingeschjift auf den nacbsten 
Abwicklungstiig vereinbarte Kurs niedriger, als der beim Kassageschaft 
angewandte Tageskurs, so mufs der Kostnehmer am niichsten Abwick- 
lungstermin die Papiere zu einem geringeren Betrag zuriickgeben, als er 
selbst bei ibrer t bemabme dafur gezahlt hat Dieser Minderbetrag be- 
lastet den Kostnehmer und kommt dem Kostgeber zu gute als Vergiitung 
dafiir, dafs er die Papiere dem Kostnehmer iiberlassen hat CDeport'', 
,JxHhgeld"). Report oder Kostgeld ist also die Vergiitung fur die Hingabe 
des Oeldes, Depoil oder Leihgeld die Vergiitung fiir die Hingabe der 
l\ai)iere. Beide werden audi unter der Bezeichnung „Schiebungs"- oder 
,,Prolongationssatze^ zusannnengefafst, und ihre Ilohe wird beim Geschafts- 
abschlufs vereinbail Report wird hiemach zu zahlen sein, wenn es 
schwer ist, gegen t/l)erlassung der Papiere Geld zu eriangen, und Deport 



10. Kapitel. Der Boi-scnliainlel. 287 

wird zu zalilen sein, wenn es schwer ist^ ^egen lJbe^las^^ung von Geld 
Pai)iere zu erlangen. Je grofser die eine oder die andere Schwierigkeit, 
desto hoher wird der Report oder Deport. In Zeiten bewegter Spekii- 
ktion, in denen das Interesse des Ilaussiers an der Geldbeschaffung sehr 
grofs war, sind schon Rei)ortKsatze von 50, ja von 100 und niehr Prozent 
voriibergehend eingetreten, was ein deutlichesZeichen krankhaftgesteigerter 
Spielsueht ist. Die Haussiers wollen dann eben uni jeden Preis Geld 
erlangen, uni in der bisherigen Eichtung weiter spekulieren zu konnen. 
Report- und Deportgeschafte konnen auch mit Banken und Personen, 
die aulseriialb der B^irse steben, gesehlossen werden, und das geschiebt 
aueh oft; fiir die betr. Banken oder Personen ist das ein Weg, verfiigbare 
Oelder nutzbar anzulegen, freilieh ein Weg, der in 8i)ekulativ erregten 
Zeiten grofse Gefabren bietet. Es giebt iibrigens Banken, deren Tbiitig- 
keit vorzugsweise auf Gewabrung von Report geriebtet ist. 

Es liegt nun aber sebr nabe, dafs die Parteien an der Burse solbst, 
die Ilaussiers und Baissiers solcbe Geschafte mit einander inacben. Denn 
der Haussier bat Papiere abzunebuien und mufs Geld baben, und der 
Baissier mufs Papiere lief em. Das drangt von selbst dazu, auf deni 
Wege des Report- und Deportgescbafts das beiderseitige Bediirfnis zu 
befriedigen dadurcb, dafs die Ilaussiers den Baissiers Papiere in Kost 
geben. Je niebr da.s gescbiebt, desto stiirker maebt sicli fiir die Frage, 
ob und in welcber Hobe Report oder Dei)ort zu zablen ist, das tStiirke- 
verhaltnis dieser beiden Spekulationsgruppen geltend. t-berwiegen die 
Engagements der Haussei)artei , so wird es den Ilaussiers nicbt leicbt, 
die von ibnen abzunelinienden Papiere in Kost zu geben, da deni starken 
Angebot in solcben Papieren nur eine geringe Naebfrage der Baissiers 
gegeniiberstelit. Die Haussiers werden also aueb nur sebwer auf diesem 
Wege Geld besebaffen konnen. Sie miissen Opfer dafur bringen, also 
Report (Kostgeld) zablen, unter Umstanden in bctriicbtlicher Hobe. 1 ber- 
wiegen die Engagements der Baissepartei, so entstebt eine starke Xacli- 
frage naeb Papieren, die gegen Geldbergabe in Kost genommen werden 
sollen; aber die Naebfrage naeb (leld und das Angebot in entsprecbenden 
Papieren seitens der Haussiers ist nur gering. Die Baissiers werden 
sich die zu liefernden Papiere also nur dadurcb versehaffen kimnen, 
dafs sie das Opfer des Deports (I^eibgeldesj auf sich nehmen. — 

Zur Erganzung des Vorstebenden mufs damn erinnert werden, dafs 
sowobl bei Kassa- als aueb bei Zeitgescbaften vielfacb das aufserbalb 
der Borse stebende Publikum insofem beteiligt ist, als es an einen Bankier 
einen Kauf- oder Verkaufsauftrag giebt, der dann auf dem Wege des 
Kommissionsgesebaftes ausgefiibrt wird. Der Kommissionar beziebt dafiir 
bier wie iiberall eine Provision. Es ist vielfacb bebauptt^t worden, dafs 
gerade dureb die Kommissioniire weitere Kreise zuni Br>rsensi)ie] verleitet 
seien, und dafs der fast zur Regel gewordene Selbsteintritt des Kommissio- 



288 Erstes Buch. Der Handel. 

niirs zu Ubcrvorteilungen des Publikums Anlafs gegeben habe, nament- 
Hch in Gestalt des „Kursschnittes''. Der Kursschnitt besteht darin, dafs 
der Koinmissionar dem Koiiimitt^nten bei Kaufauftragen den hochsten 
Kurs anreclinet, der sich am Kaiiftage ergiebt, obwohl er zu einem 
niedrigeren Kurse thatsachlich hat einkaiifen konnen ; er setzt das billiger 
eingekaufte als Selbstkontrahent dem xVuftraggeber zu dem hochsten Kurse 
des Kauftages in Ee<;hnung und steckt die Differenz ein. Solche Dinge 
sind vorgekommen, wenn sie auch vielleieht nieht so haufig sind, wie 
manehmal behauptet wird. Jedenfalls hat das deutsche Borsengesetz 
vom 22. Juni 1896 sich bemiiht, durch fcste Regeln und Strafandrohungen 
Mifslirauchen entgegenzuarbeiten, die iibrigens mehr bei kleinen als bei 
grofsen Bankiers moglich sind. Die Einzelheiten sind wesentlich juri- 
stischer Art und konnen hier iibergangen werden. 

§ 5. Die Bdrsenpreise (Borsenkarse). Die Preise', welche sich aus 
der (jeschaftslage des Verkelirs an der Borse ergeben, werden weithin be- 
achtet und sind vielfach mafsgebend fiir den Verkehr aufserhalb der Borse. 

Bei Wertpapieren heifst dieser Borsenpreis Borsenkurs. Die Wert- 
l)apiere lauten zwar stets auf einen bestimmten Xennbetrag, aber dieser 
Nennbetrag ist nieht mafsgebend fiir die Bcwertung der Wertpapierc bei 
den an der Biirse sich vollziehenden Kaufen und Verkaufen; durch die 
Auseinandersetzung zwischen Xachfrage und Angebot an der Borse er- 
halten auch die Wertpapiere einen Preis, der nieht mit dem Nennwert 
iibereinzustimmen braucht. 

An sich ist der liorsenpreis fiir Waren und Wertpapiere denselben 
allgemeinen Regeln unterworfen wie jeder andere Preis. Auch an der 
Borse gehen in Bezug auf den Preis die Interessen der anbietenden Ver- 
kaufer und der nachfragenden Kiiufer auseinander, und durch das Be- 
gegnen heider Parteien kommt es auch hier zu einem Kompromifs, der 
bald den luteressen der einen, bald denen der anderen Partei naher steht 
Ein sachliclier Unterschied gegenilber vielen anderen Preisbildungen ist 
nur insoweit vorhauden, als Kaufer und Verkaufer zu den geschafts- 
gewandten Lenten gehoren, sodafs eine scharfere Priifung der Sachlage 
auf beiden Seiten moglich ist, und als anderseits das Interesse der einen 
oder anderen Partei an ciner bestimmten Richtung der Preisbewegung 
schiirfer zu Tage tritt und sich leichter bethiltigen kann, als bei anderen 
Gelegenheiten zur Preisbildung. 

In formeller Beziehung besteht der Unterschied, dais eine moglichst 
zuverljissigc und korrekte, jedeni Tnteressenten zugangliche Fe^tstellung 
der Borsenpreise durchgefiihrt wird und durchgefiihrt werden mufs. Die 
Borsen haben besoud(Te Organc und Veranstaltungen, um den Preis zu 
ermitteln, welcher dc^r Geschaftslage an der Borse entspricht Diesen 
Preis genau zu finden, ist mir moglich, wenn man alle Geschaftsabschllisse 
und die dabei verhandelten Mengen und die dabei erzielten Preise kennt 



10. Kapitel. Dor Boreenhandol. 289 

Da« ist nicht in vollein Umfangc zu erreichen, weiin nicht alle Abschliisse 
durch eine Hand laufen bezw. einer Centralstelle bekannt werdeu. Die 
Borsen Iiaben denn audi sowobl fiir Waren als auch fUr Wertpapiere be- 
fiiondere Vorkebrungen getroffen, um diesein Ziel niiiglicbst nahe zu komnien. 

Besonders bemerkeuswert ist die Art und Woise, wie man auf den 
amerikaniseben Getreidcbi3rsen die Preisennittlung versucbt. Dort be- 
jjtebt '), wie scbon erwjibnt, vielfaeb die Einrichtung des public call, die 
mit einer Versteigenmg viel Ahnlicbkeit bat. Der Caller bietet die vcrschie- 
denen Termine aus, Kauf- und Verkaufofferten werden ibni zugerufen, 
und die zu stande gekoninienen Gesebaftsabscbliisse werden von ihni 
festgestellt und auf einer sebwarzen Tafel notiert. Die Menge des Ab- 
schlusses braucht dabei nur angegeben zu werden, wenn deni Abscblufs 
nicbt die Sclilufseinlieit zu Grunde gelegt ist; in Ennangelung beson- 
derer Abmacbungen beziebt sicb jeder Abscblufs auf die Scblulseinbeit 
(bei Getreide 5000 Bushels). 

An grofsen Borsen ist neuerdings an Stelle des public call der „pit" 
getreten. Hier werden auf anipbitbeatraliscb sicb aufbauenden Treppen 
von den Borsenbiindlern die Abschliisse laut vereinbart, sodafs sie von 
einein iiber den Hiindlern sitzenden Beamten gehort werden. Von dieseni 
werden alle Abschliisse notiert und sofort telegraphiscb weitergegeben 
durch den zu seiner Hand befindlichen Telegraphenai)i)arat. Die durch 
den Apparat genieldeten Abschliisse w^erden durch einen besonderen Buch- 
fiihier in das Quotation-book eingetragen. In New York und Chicago 
hat man auch das als zu unbequem empfunden und infolgedessen eine 
Art Uhr eingefiihrt, welche jede Preisverschiebung um '/u; Cent sofort 
anzeigt Die Menge wird dabei nicht beriicksichtigt; indes werden iiber- 
wiegend Schlufseinbeiten gehandelt. Das Gauze dient nicht der Fest- 
setzung eines Durchschnitts])reises, sondem hat nur den Zweck, fortlaufend 
alle Preisveranderuugen ersichtlieh zu machen. Eine eigentliche einheit- 
Hche Kursnotierung lag dagegen in dem „list price^ vor, der als Grund- 
lage fiir die Getreideeinkaufe im Westen diente. Dieser einheitliche Preis 
war der besonders festgestellte ^closing price^ (Schlufspreis) der Kassa- 
geschafte. Er wurde festgestelU von einer Kommission. Ihr Material waren 
die Eintragungen in ein besonderes Buch, die aber nicht vorgeschrieben 
waren und nicht kontrolliert wurden, und die nicht eingetragenen Ge- 
i?chafte, die der Kommission bekannt geworden waren. Auch die Tendenz 
des Terminverkehrs der betr. Borse und der wichtigen anderen Borsen 
war zu beriicksichtigen. Die Feststellung erfolgte auf offener Borse, wo 
stets Vorschltige, Bedenken und Wiinsche vorgebracht werden konnten. 
Der ^closing price'' wurde von einer besonderen Centralstelle aus ver- 
sandt auf vorgedruckten Formularen. Dabei waren in einer Liste die im 



1) Nach den Scliildcmngon von 11. r^cnuMA( iikr in Coniwis Jalirb. 8. Folge. 
Bd. XI (18%.) 

TAN DEB BoRGHT, Handel. 10 



290 Ereter Teil. Der Handel. 

Getreidebeziigsgebiet liegenden Eisenbahnstationen unter Angabe ihrer 
Entfemung und der Fracht bis zum Borsenplatz hinzuzufligen. Dieser 
Listen wegen hat sich der Name ^list price" entwickelt Die Einrichtang 
ist wiederholt mifsbraucht worden, lira im Westen den Einkaufspreis 
des Getreides herabzudriicken, und seit 1892 besteht ein eigentlicher ^list 
price'' als standige Einricbtung nicht mehr. 

Das System des public call ist jedenfalls an sich besser geeignet, 
eine wirkliche Ubersicht iiber die Marktlage zu verschaffen, soweit die 
Geschafte auf diesem Wege abgeschlossen werden. Auf der New Yorker 
Baumwollborse ist das iiben\'iegend der Fall. Im Getreideverkehr spielt 
der public call jetzt aber eine geringere Rolle. Im librigen wird stets 
ein Teil der Borsengeschafte beim public call unbekannt bleiben, da eine 
Verpflichtung, sich dieser Art des Abachlusses zu bedienen, nicht besteht 

In Paris erfolgt die Preisfeststellung auf der Troduktenborse durch 
die vereidigten Warenmakler in einem besonderen Raume auf Grund ihrer 
Kenntnis der Abschliisse. Auch an anderen europaischen Borsen spielen 
die Makler bei der Preisfeststellung eine besondere Rolle, wenn auch 
vielfach die eigentliche Feststellung durch besondere Konmiissionen er- 
folgt. Das Gleiche gilt von der Kursfeststellung fiir Wertpapiere. Die 
Einzelheiten sind freilich so verschieden und so sehr rein borsentech- 
nischer Art, dafs hier nicht naher darauf eingegangen werden kann. 

In Deutschland war die Kurs- und Preisfeststellung vor Erlafs des 
Borsengesetzes sehr verschieden und nicht irainer ausreichend geregelt 
In Danzig und Stettin z. B, wurden die Produktenpreise dadurch ermittelt, 
dafs sich von Zeit zu Zeit die Beteiligten um den Borsenkommissar ver- 
sammelten und ihni die vereinbarten Preise angaben. In den Hansa- 
stadten gab es nur private Aufzeichnungen iiber die Grenzen der Kassa- 
l)reise. In Stuttgart niufsten alle Abschliisse in ein Buch eingetragen 
werden. In Berlin setzte der Borsenkommissar den Preis fest auf Gnind 
der Angaben der vereideten Makler und auf Grund der Notizen, die von 
den durch die Deputation der Produktenborse eniannten Korporations- 
mitgli^dem gesammelt waren u. s. w. An der Berliner Effekt^nborse 
stellten die vereideten Makler den Kurs fest imd teilten ihn dem Br^rsen- 
kommissar mit, der ihn in der Hegel als richtig anerkannte u. s. w. 

Das neue Borsengesotz voni 22. Juni 189G hat auch in diesc Frage 
eingegriffen. Das Gesetz vcrlangt nicht, dafs fiir alle an der Borse ge- 
handclten Waren und Wertpapiere eine amtliche Preisfeststellung erfolgt, 
giebt aber dem Bundesrat das Recht, cine amthche Feststellung desBorsen- 
jireises bestimmter Waren entvveder fiir einzelne Br)rsen oder allgeinein 
vorzuschreiben. Soweit hiemach eine amtliche Preisfeststellung auf Grund 
der Anordnungen des Bundesrats oder der Vorschriften der Borsenord- 
nungen stiittfindet, sind die im Gesetz §29ff. angegebenen Grundsatze 
zu beiichten, die iibrigens ebenfalls noeh durch Bundesratsvorschriften 



10. Kapitel. Der Borsenhandel. 291 

ini Interesse moglichster Eiuheitlichkeit der Art der Preisfeststellung er- 
giinzt werden konnen. 

Als Borsenpreis ist nach dein Gesetz festzustellen derjenige Preis, 
welcher der wirklichen Geschaftslage des Verkehrs an der Burse ent- 
spricht. Die Feststellung erfolgt sowohl fiir Kassa- als audi fiir Zeit- 
geschafte, und zwar durch den Borsenvorstand, sovveit die Borsenordnung 
nicht die Mitwirkung von Vertretem anderer Berufszweige vorschreibt. 
Die Feststellung geschieht nicht offentlich. Nur der Borsenvorstand, der 
Staatskommissar, die Borsensekretiire, die in der Borsenordnung vorge- 
sehenen Vertreter der beteiliglen Berufszweige und endlich die durch 
Gesetz eingefiihrten Kursmakler diirfen bei der Feststelhing zugegen 
sein. Die Kursmakler sind Hilfspersonen zur Mitwirkung bei der amt- 
lichen Festsetzung des Borsenpreises von Waren und Wertpapieren. Sie 
werden von der Landesregierung bestellt und entlassen und sind zu ver- 
eidigen. Damit sie orientiert sind, miissen sie natiirlich Borsengeschiifte 
in den betr. Waren oder Wertpapieren verniitteln; aber sie sollen mog- 
lichst uninteressiert sein, und deshalb zieht das Gesetz ihrer Thiitig- 
keit bestimmte Schranken. Der Kursmakler darf in der Kegel ein son- 
stiges Handelsgewerbe nicht treiben, auch nicht als Gesellschafter oder 
stiller Teilhaber daran beteiligt sein. Er darf nicht im Dienstverhaltnis 
zu einem Kaufmann stehen. Borsengeschafte fiir eigene Rechnung und 
im eigenen Namen zu schliefsen oder Biirgschaft fiir die von ihm ver- 
mittelten Geschafte zu iibemchmen, ist ihm im allgemeinen untersagt; nur 
soweit darf er das thun, als es zur Ausfiihrung der ihm erteilten Auf- 
trage notig ist. 

Bei der amtlichen Preisfeststellung haben die durch Kursmakler ver- 
mittelten Geschafte Anspruch auf Beriicksichtigung ; andere Gesch^ifte zu 
beriicksichtigen ist der Borsenvorstand indes befugt. 

Auf dieser gesetzlichen Grundlage ist in den Borsenordnungen die 
amtliche Preis- und Kursfeststellung des naheren geregelt. In Berlin 
erfolgt die Feststellung namens des Vorstandes durch ein Mitglied oder 
mehrere Mitglieder der betr. Abteilung, die fiir jeden Monat durch Aus- 
hang an der Borse bekannt gemacht werden. Bei der Preisfeststellung 
fiir landwirtschafdiche Produkte sind mindestens zw^ei als Vertreter der 
Landwirtschaft bezw. der landwirtschaftlichen Nebengewerbe ernannte 
Mitglieder des Borsen vorstandes hinzuziehen. Die I^itung der Feststellung 
des Preises liegt stets in der Hand eines regelrecht gewahlten Mitgliedes 
des Borsenvorstandes. Bei Meinungsverschiedenheiten unter den mit- 
wirkenden Borsenvorstandsraitgliedem entscheidet die Mehrheit, bei 
Stimmengleichheit die Stimme des Icitenden Mitgliedes. 

Fiir Wertpapiere und Geldsorten erfolgt die Kursfeststellung an jedem 
Borsentage, fiir Wechsel auf auslandische Platze mindestens 3mal woohent- 
lich, fiir Getreide, Spiritus, ()\j Olsaaten, Petroleum, Mehl und Kartoffel- 

19* 



292 ErBtcr Teil. Der Handel. 

Starke an jedeiu Borscntage, und aiilserdem ist fiir derartige Waren am 
letzten Borsentage jedes Monats der Durchsehnittspreis der an dieseni 
Tage liber Lieferung auf laufenden Monat geselilossenen Geschafte fest- 
ziistellen. Die Festetellung erfolgt in den dazu bestimmten Borsenniumen 
unmittelbar naeli 2 Ubr nacbmittags. Dort niiissen die Kursmakler er- 
scbeinen und Auskunft iiber Offerten und Abschliisse von Kassa- und 
Zeitgescbaften nacb Menge und Preis geben und auf Verlangen Einsicbt 
m ibre Biicber gestatten und gutacbtlicbe Aufseningen iiber die festzu- 
stellenden Kurse abgeben. Die Entscbeidung iiber die Hobe des test- 
zustellenden Kurses stebt allein den mitwirkenden Borsenvorstandsmit- 
gliedem zu, und sie konnen sieh iiber die Angaben der Kursmakler hinaus 
nacb Belieben nocb andere Informationen besebaffen. 

Abniicb ist, wenn aucb mit Abweicbungen in Einzelbeiten, die Kurs- 
feststellung aucb bei den iibrigen preufsisclien Borsen geregelt. Erwahnt 
sei nur nocb, dais in Frankfurt a. M. die Kursfeststellung durcli die von 
den Kursniaklem gewiiblte Maklerkammer unter Oberaufsicbt der Handels- 
kanimer fiir die Mittagsborse zunacbst urn 1 '/4 Ubr und fiir die Abend- 
borse zunilcbst urn G'/i Ubr erfolgt, dafs aberfiir die spateren Gescbafts- 
abscbliisse nocb eine besondere Feststellung vorgeseben ist Nacb den 
jetzt geltenden Bestimmungen konnen bei Termingescbaften nacb Bedarf 
mehrere Kurse notiert werden, um die Preisbewegung ersicbtlicb zu 
macben. Fiir Kassagescbiifte dagcgen wird in der Kegel fiir jedes Wert- 
papier nur ein Kurs festgestellt; nur bei besonders lebbaft gebandelten 
Papieren konnen zur Veranscbaulicbung der Kursbewegung mit Genehmi- 
gung des Borsenvorstandes niebrere Kurse notiert werden. 

In Tjcipzig erfolgt an der Effektenborse die Kursfeststellung durcb 
den Borsensekretiir auf Grund der Angaben der Kursmakler. Die betr. 
Abteilung des Borsenvorsfcindes bat aber fiir ibre Mitglieder das Recbt, 
der Kursfeststellung beizuwobnen ; das beiwobnende Mitglied bat alsdann 
den Vorsitz zu fiibren. An der Produktenborse stellt die zustiindige 
Abteilung des Borsenvorstandes an jedem Dienstag und Samstag die 
Preise fest unter Zuziebung von Ililfspersonen, welcbe jabrlicb von der 
Ilandelskammer aus den Kreisen der Borscnbesucber zu wiiblen sind, 
und zwai- sind zu wablen fiir Getreide, Siimereien u. s. w. 2 Getreide- 
bandler, 1 Miiller und 1 l^indwirt, fiir Riibol 2 — 3 Personen. Fiir Spiritus 
erfolgt wic friiber die Noticrung nacb den Angaben der T^eipziger Sprit- 
fabrik. Fiir Kanimzug stellen die Kursmakler an alien Werktagen um 
1 Ubr mittags unter Vorsitz eines Mitgliedes der zustiindigen Abteilung 
des Borsenvorstandes die Preise fest. 

In Dresden und ^liincben gebt der amtlicben Feststellung der Kurse 
durcb das in der betreffenden Wocbe die Aufsicbt fiibrende liorsen- 
vorstiindsniitglied eine vorlaufige Kursfeststellung durcb die Kursmakler 
voraus. 



10. Kapitcl. Der Borscnhandel. 293 

In Hamburg beschrankt die Borsenordnung voiu 23. Dez. 1890 die 
amtliehe Kursfeststellung auf Wertpapiere, Wechsel, Geld, Edeliiietall 
und auf die Tenningeschiifte in Spiritus, Kaffee, Zucker und Bauniwolle. 
Die Kursfeststellung erfolg:t an alien BOrsentagen durch die dazu be- 
stimmten Mitglieder der betr. Abteilung des Borsenvorstandes bezw. bei 
Effekten durch die Saehverstandigenkommission fiir den Effektenhandel. 
Hei der Preisfeststellung fiir Waren diirfen u. a. auch die Mitglieder der 
beteiligten Interessentenvereine zugegen sein. An der Wertpapierborse 
kiinnen die Firraen, welche in das von der Sachverstiindigenkommission 
gefiihrte Firmenre^ister der Hamburger Fondsborse eingetragen sind, 
beliufs BeriickBichtigung bei den Kursfeststellungen Kurse anmelden, zu 
denen sie selbst mit anderen eingetragenen Firraen wahrend der Borsenzeit 
Geschafte abgeschlossen oder abzuschliefsen „naeli Moglichkeit versucht 
haben". Die Anmeldung erfolgt auf vorgeschriebenen Anmeldezetteln, 
die von der betr. tlrma unterzeichnet sein miissen. Die Zettel sind bis 
2^2 Ulir nachmittags — um diese Zeit beginnt die Kursfeststellung — 
in die im Borsengebaude befindlichen 7 Kasten zu legen, von denen je 
einer fiir eine bestimmte Gruppe von Wertpapieren bestimmt ist. 

Die amtlich f estgestellten Borsenpreise und Borsenkurse werden mit mog- 
lichster Beschleimigung veroffentliclit in amtlichen Preis- und Kursberichten 
(Preiskurants, Kurszetteln). Die Borsenpreise fur Waren miissen natiirlich 
die verschiedenen Sorten der Warengattungen ersiehtlicli machen. In 
Berlin und Koln z. B. ist fiir Getreide vorgeschrieben, dafs die fiir den 
Borsenverkehr in Frage kommenden Sorten naeh Ursprung, Gattung, 
Qualitiitsgewicht, Besehaffenheit (Farbe, Trockenheit, Geruch) und Ernte- 
zeit (alte und neue Emte) zu bezeichnen sind. Da im Borsenverkehr 
nur eine beschrankte Anzahl von Waren gehandelt wird, so sind die 
Verzeichnisse der Waren-Borsenpreise auch einfach eingerichtet Der 
Kurszettel der Effektenborse ist weniger einfach, da eine viel grofsere 
Zahl von Gegenstiinden in Betracht kommt, Der Ubersicht halber fafst 
man die Wertpapiere in Grup])en zusammen. Der Kurszettel der Berliner 
Fondsborse umfafst folgende Gruppen: 

Staatsanleiiien (Inliindische). Eisenbahnstammprioritaten. 

Stadtanleihen (InlandischeJ. Deutsche Eisenbahn-IVioritatsobligatio- 

Landschaftliche Hand- u. IJentenbriefe : nen. 

I. Pfandbriefe. Auslandische Eisenbalm-Prioritatsobli- 

n. Rentenbriefe. gationen. 

Au8landische Fonds. Bergwerks- und Htittenaktien. 

Lospapiere. Industrieaktien , einschl. Pferde- und 

Hypotiiekenbankaktien u. Hypotlieken- Strafsenbalmen. 

certifikate. Gbligationen von indiistriellen und Uerg- 

Bankafttien. Merksgesellschaften. 

Eisenbahnstammaktien. Versicherungsaktien. 

Die Kurse der Wertpapiere werden entweder in Prozenten des Xenn- 
werts oder „per Stiick^' notiert. Die Xotierung in Prozenten des Nenn- 



294 Ereter Teil. Der Handel. 

werts giebt an, wieviel fiir jede 100 M. (Rubel, Gulden u. s. w.) des 
Nennwertij in Mark (Rubel, Gulden u. s. w.) zu zahlen ist, und lafst sofort 
erkennen, ob der Kurs zu dem Nennwert in gunstigem oder ungunstigem 
Verhaltnis steht, d. h. den Nennwert iiberschreitet (iiber pari) oder unter 
dem Nennwert bleibt (unter pari) oder dem Nennwert gleicb steht (al pari). 
Dagegen lafst sich aus dieser Notiz ohne Kenntnis des Nennwerts der 
zu zahlende absolute Betrag nicht ersehen. 

Die Notierung per Stiick dagegen giebt den absoluten Betrag des 
Preises in einer bestimmten Geldart an, lafst aber ohne Kenntnis des 
Nennwerts nicht ersehen, ob der Kurs giinstig oder ungiinstig steht 

Welche Notierungsart angewandt wird, hangt von den Borsengewohn- 
heiten und Borsenvorsehriften ab. In Berlin z. B. werden Versicherungs- 
aktien stets per Stiick notiert In dem Kurse stecken an manchen Borsen, 
z. B. in London, Paris, New York, an den italienischen Borsen, bereits 
die ^Stuckzinsen'', d. h. die Zinsen, die der K^aufer vom letzten Coupons- 
verfalltage bis zum Kauftage dem bisherigen Eigentiimer der Papiere zu 
zahlen hat. In Deutschland sind die Stuckzinsen in den Kurs nicht ein- 
gerechnet, werden also besonders vergiitet und treten beim Ankauf der 
Papiere zu dem Kurswert hinzu. Solche Zinsen werden selbstverstand- 
lich bei alien zinstragenden Papieren nach dem Zinssatz des Papiers be- 
rechnet Der Borsenverkehr rechnet aber auch bei unverzinslichen Los- 
papieren und bei Dividendenpapieren Stuckzinsen (^Borsenzinsen"), deren 
Hohe usancemafsig feststeht In Berlin und an anderen deutschen Borsen 
betragt der Borsenzins 4 Proz. Die Borsenzinsen sind von der Rentabilitat 
des Papiers, also von der Dividende, unabhangig ; der uber den Borsen- 
zins hinaus erwartete Dividendenbetrag wird in entsprechend hohereni 
Kurse, der voraussichtlich unter dem Borsenzins bleibende Dividenden- 
betrag in entsprechend niedrigerem Kurse ausgedriickt Bei der Zins- 
berechnung wird in der Regel das Jahr zu 360 Tagen, der Monat zu 
30 Tagen gerechnet. In Berlin wird dabei der Tag des Verkaufs bei 
Kassageschaften und der Tag der Lieferung bei Zeitgeschaften mitgerechnet; 
bei den anderen Borsen sind die Usancen in dieser Beziehung verschieden. 

In Deutschland werden am Jahresschlufs die Dividendenscheine ab- 
getrennt (detach iert), auch wenn die Dividende um diese Zeit noch gar 
nicht feststeht, wiihrend anderswo in der Regel die Detachierung des 
Dividendeiisclieines erst dann eintritt, wenn die Dividende fallig ist Im 
Ausland sind also die Kurse i. D. (inklusive Dividendenschein), in Deutsch- 
land dagegen c. D. (exklusive Dividendenschein) zu verstehen. Die Ab- 
trennung des Dividendenscheines hat naturgemafs auf die Hohe des 
Kurses Einflufs. 

I^utet der Kurs auf fremde Wiihrung, so wird eine Umrechnung 
nach bestimmten, usancemafsig feststehenden, an den eiuzelnen Borsen 
verschieden hohen Umrechnungssatzen vorgenommen. 



10. Kapitel. Der Borscuhandel. 295 

Die thatsiichliche Bedeutuiig der Kurse wird durch bestininite Zu- 

'satze angedeutet, unter deuen namentlieh die Zusatze bz., 6. und B. eine 

Rolle spielen. B. (Brief) bezieht sich stets auf Verkaufauftrage, also auf 

das Angebot Statt B. ist auch P. (Papier) oder wie in Oesterreich W. 

(Ware) iiblicb, weshalb der Briefkurs auch ^Warenkurs" heifst. G. (Geld) 

bezieht sich stets auf Kaufauftrage, also auf die Nachfrage („Geldkurs^). 

Dagegen bezieht sich bz. oder b. (d. h. bezahlt) stets auf die wirklichen 

Umsatze. Die Anwendung dieser Zusatze ist an den Borsen nicht ganz 

gleichartig. Am deutlichsten und m. W. der am meisten verbreiteten Auf- 

fassung entsprechend sind in dieser Beziehung die Vorschriften der Boren- 

ordnung fur Frankfurt a. M. vom 16. Dezember 1896 (§ 9). Demnach 

ist zu notieren: 

b. (bz.), wenn alle vorhandenen Auftriige ihre Erledigung fanden;] 

B., wenn nur Verkaufer, aber keine Kaufer auftraten ; die Notiz bezieht 

sich dann auf denjenigen Kurs, welcher vergeblich gefordert wurde ; 

G. (auch wohl G. u. f., d. h. „Geld und fehlend"), wenn nur Kaufer, 

aber keine Verkaufer da waren; die Notiz bezieht sich alsdann 

auf denjenigen Kurs, welcher vergeblich geboten wurde. 

Diese Ausdriicke werden auch miteinander verbunden, z. B. 
bz. B, 1^ wenn nach deni Absatz grofserer Posten ein Teil des Angebots 
bz. G. J bezw. der Nachfrage unverkauft bezw. ungedeckt blieb ; 
etw, (etwas) bz. u. B. \ wenn nur unbedeutende Abschlusse zu stande 

oder etw. bz. u. G. I kamen. 

Haben besonders grofse Umsatze stattgefunden, so wird das z. B. 
in Dresden durch den Zusatz „Posten'' angedeutet; u. s. w. 

Die Frage, von welchen Momenten die Gestaltung und Bewegung 
der Preise und Kurse an der Borse abhangig ist, mufs im allgemeinen 
dahin beant>vortet werden, dafs an und fiir sich die thatsiichliche Markt- 
lage auch fiir die Preisgestaltung ini Borsenverkehr mafsgebend sein 
mufs und auch thatsachlich mafsgebend ist, so lange und soweit sich 
nicht storende Nebeneinfliisse geltend machen. Das gilt sowohl fiir Waren 
als auch fiir Wertpapiere. 

Fiir die Marktlage ist iiberall von grofser Bedeutung das Verhaltnis 
zwischen Angebot und Nachfrage, wobei freilich nicht lediglich das nur 
raechanisch wirkende rein zahlenmafsige Mengenverhaltnis, sondem vor 
allem auch die Dringlichkeit des einen oder des anderen Faktors und 
die darauf sich griindende Verteilung der wirtschaftlichen Machtverhalt- 
nisse in Betracht zu ziehen ist. Das gilt natiirlich auch fiir die Borse; 
hier ist sogar im allgemeinen die Abschiitzung von Angebot und Nach- 
frage in genauerer Wcise moglich, weil geschiiftsgewandte, zum Teil sacli- 
verstandige und mit den besten Nachrichten ausgeriistete Personen zu 
einander in lieziehung treten. 



296 Erater Teil. Der Handel. 

Fiir die Beurteilung des Angebotes kommen naturgemafs zunachst 
die vorhandenen Vorrate an Waren und die zur Verfiigung stehenden 
Mengen von Wertpapieren in Betracht, soweit ilir Umfang durch stati- 
stische und sonstige Nachweisc iibersehen werden kann. Der Bedarf wird 
an der Hand der Erfahrungen und vielfaeher Ben elite abgeschatzt Aber 
sowohl fiir Angebot als auch fiir Nachfrage wird der Beurteilung nicht 
'ediglieh der augenblickliche Stand der Dinge zu Grunde gelegt. Der 
Starke Gebrauch, der an der Borse von der Form der Zeitgeschafte ge- 
niacht wird, zwingt auch dazu, den fiir die nachste Zukunft zu erwartenden 
Zuwachs Oder Abgang an Vorraten und Bedarf zu beriicksichtigen. An 
sich mufs das jeder Kaufniann bis zu gewissem Grade thun; aber im 
BorsenA'erkehr mufs gerade diese Seite der Sache viel sorgfaltiger ins 
Auge gcfafst werden. Ein sehr reichhaltig gegliedertes Nachrichtenwesen 
bietet die Handhabe dazu. 

Fiir den Verkehr an der Produktenborse kommt es hierbei auf die 
Lag e des Warenmarktes an, wobei dann selbstverstandlich die Beschaffen- 
beit der Waren von Einflufs ist. Fiir den Verkehr an der Wertpapierborse 
ist die Lage des Geldmarktes entscheidend, soweit der Geldmarkt zur 
Unterbringung seiner Kapitalien auf Wertjiapiere zuriickgreift, was aller- 
dings in unserer Zeit in sehr bedeutendeni Jrafse der Fall ist Ist viel 
anlagesuchendes Geldkapital vorhanden, und fehlt es an geniigenden 
sonstigen Anlagegelegenheiten, so werden die an der Borse in Verkehr be- 
findlichen Wertpapiere starker als Aniagegelegenheit aufgesucht Sind 
die anlagesuchenden Kapitalien beschrankt, oder stehen den Kapitalisten 
sonstige Anlagegelegenheiten in ausreichender Menge und Besehaffen- 
lieit zu Gebote, so wendet man sich wcniger an den Wertpapiermarkt 
der Borse. 

Der gesteigerten Nachfrage nach Wertpapieren kann durch neue 
Emissionen, sei es infolge der Griindung neuer Untemehmungen, sei es 
durch Hereinziehung vorhandener in- und auslandischer Papiere in den 
Borsenverkehr leichter ein entsprechend gesteigertes Angebot gegeniiber 
gestellt w^erden, als bei Waren. 

Auf den Umfang der Nachfrage nach Wertpapieren wirkt die all- 
gemeine wirtschaftliche Lage und die Verbreitung der Spekulation sehr 
erheblich ein. Giinstige Konjunkturen im Handel und Industrie dienen 
im allgemeinen dazu, die Nachfrage nach Wertpapieren, die aus diesen 
Erwerbszweigen stammen, wesentlich zu steigem, sowohl zum Zwecke 
dauemder Kapitalanlage, als auch zum Zw ecke voriibergehender Aniage 
im Interesse spekulativer Operationen. Das hiingt damit zusammen, dais 
von den hohercn Ertriigen, die in solchen Zeiten bei vielen Industrie- und 
Ilandelsuntemehmungen erzielt werden, ein Teil wiederum in Handels- 
und Industriepapieren Aniage sucht, und dafs auch andere Kreise sich 
dieser Anlageart mehr zuwenden. Ungiinstige Konjunkturen in Handel 



10. Kapitel. Der Boi-scnliaudel. 297 

und Industrie dagegen vennindern die Nachfrage nacb ITandels- und 
Industriepapieren, da weniger Kapitalziiwaclis erzielt wird, also auch 
weniger anlagesuchendes Kapital an die Borse lierantritt, und da die 
Neigung, solche Papiere zur Anlage oder zur Spekulation zu benutzen, 
in derartigen Zeiten iiberhaupt zuriiekgeht. Auch die Eisenbabn- und 
Bankpapiere werden von den Konjunkturcn in Handel und Industrie 
beeinflufst, da deren Thatigkeit und Ergiebigkeit von der Gestaltung der 
Handels- und Industrieverhaltnisse in bohein Grade abbiingt. 

Alles, was die allgemeine wirtscbaftliche Lage beeinflussen kann, 
ist unter diesen Unistanden fiir den Umfang der Naclifrage nach Wert- 
papieren zu dauemder Anlage und zu Spekulationszwecken von grolser 
Bedeutung. Namentlich machen sich auch die Ereignisse der inneren 
und aufseren Politik fiihlbar. Die Borse ist gerade in dieser Be- 
ziehung sehr feinfiihlig und infolge ihres weitverzweigten Nachrichten- 
dienstes in der Kegel friihzeitig und gut unterriehtet. Innere Konflikte 
und Unnihen, verkehrte Mafsnahmen auf dem Gebiete der Bank-, Ver- 
kehrs-, Gewerbepolitik u. s. w. und sonstige innere Ereignisse, die den 
Gang der wirtschaftlichen Entwicklung zu storen geeignet sind, politische 
Verwicklungen niit dem Auslande, kriegerische Zusamnienstolse, welche 
den Fortgang der produktiven Arbeit unterbrechen und ihre Ergiebigkeit 
beeintrachtigen und das Vertrauen in die Zukunft und den Unterneh- 
mungsgeist abschwiichen, sehaffen sich haufig in einein Nachlassen der 
Nachfrage nach Wertpapieren des Staates und der Produktions-, Verkehrs-, 
Bank- u. s. w. Untemehniungen Ausdnick. Nieht selten ist der Eindruck 
solcher Vorgange so grofs, dafs der Borsenverkehr in einer Art von Ner- 
vositat iibertrieben ungiinstige Schliisse daraus zieht, ebenso wie auf der 
anderen Seite oft giinstige Vorkommnisse der inneren und aufseren Politik 
den Borsenverkebr und die Borsenpreise iiber das richtige Mafs hinaus 
steigem. Unter besonderen Uinstiinden kann ein drobender Krieg freilich 
auch Anstofs dazu geben, dafs sich in gewissen Waren und Pa])ieren eine 
lebhafte Haussespekulation entwickelt, z. B. dann, wenn in wichtigen Absatz- 
gebieten die Zufuhren bestimmter Artikel infolge des Krieges langsamer 
einzugeh^n drohen, sodafs dort eine betrachtliche Preissteigerung zu er- 
warten ist, oder wenn infolge des Krieges wichtige Produktionsgebiete 
auf ser Thatigkeit gesetzt oder von der Ausfuhr abgedrangt werden, so- 
dafs die iibrigen Produktionsgebiete auf erhohten Absatz und gesteigerte 
Preise rechnen konnen. 

In derselben Weise kijnnen auch Arbeiterausspemmgen und -Aus- 
stande die Haussespekulation unter Umstanden anregen und anfeuem. 

Zu diesem Einflufs der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen 
Lage auf die Nachfrage nach Wertpapieren und damit audi auf den 
Verkehrsumfang und die Preisgestaltung an der Borse treten selbstver- 
standlich nonnalenveise auch noch die besonderen Eigentiimlichkeiten 



298 Eretcr Teil. Der llaiidel. 

der einzelnen Wertpapiere, insbesondere ihre Rentabilitiit hinzu, die hier 
eine abnliclie Bedeutiiii<c hat, wie bei den Waren die Beschaffenheit. An 
und filr sieh werden, wenn Nebeneinfliisse nicht ein^eifen, Papiere mit 
giinstiger Rentabilitat mehr gesucht und holier verwertet^ als andere. Der 
Borsenverkehr ninimt dabei viel Rucksicht auf den allgemeinen Zinsstand 
und priift, ob die Rentabilitat des Papiers dariiber hinausgeht oder da- 
liinter zuriiekbleibt. Im ersteren Fall wird der Kurs sieh entsprechend 
iiber ))ari halten, im zweiten Fall wird er entsprechend unter pari bleiben. 
Alls der Thatsache z. B., dais Papiere, die an sieh einen sicheren Ertrair 
geben, langere Zeit unter i)ari stehen, kann man sehr oft schliefsen, dafs 
der Ertrag hinter dem allgemeinen Zinsstande zuriiekbleibt 

Aufser solchen objektiven Einfliissen niachen sieh im Borsenverkelir 
auch mehr subjektiv geartete Einfliisse geltend. Die Steigerung oder 
Ernuifsigung des Kurses an wiehtigen anderen Borsen des In- imd Aus- 
landes wirkt oft auf die Preis- und Kursgestaltung an einer bestimmten 
Borse ein, obwohl an sieh hier keine sachliche Veranlassung zu einer 
entspreehenden Kursbcwegung gegeben ist. Zwischen Papieren verwandter 
Art entwickelt sieh auch oft eine gleichartige Kursbcwegung; das eine 
Papier zieht oft andere mit in die Ilohe oder in die Tiefe, ohne dafs 
die Renta!)ilitiit der beteiligten einzelnen Papiere die Bewegung vollig 
rechtfertigt. Solche mehr psychologisch als sachlich gerechtfertigten Zu- 
sammenhiinge pflegen namentlich da und dann einzutreten, wo und wenn 
sieh eine an wirklieher Lieferung nicht mehr interCvSsierte Richtung der 
Spekulation in grofserem Umfang entwickelt hat. Unter solchen Um- 
stiinden wird die Riicksicht auf die hesonderen Verhaltnisse der einzelnen 
Papiere oft ganz beiseite gesetzt. Erst vor wenigen Jahren hat sieh das 
krafs gezeigt: das Steigen vieler Ooldminenaktien, die hohe Dividenden 
abwarfen, hat auch Aktien von solchen Ooldminen in die Ilohe gerissen, 
die iiberhaupt noch keine Dividcnde erzielt batten. 

Auf die Spekulation libt audi die ftestaltung der Kreditverhiiltnisse 
EinfluLs aus. Wenn der Diskont und der Ix)inbardzins niedrig stelit, wenn 
es also leicht ist, auf dem Wege des Kredits Mittel zur Durchfiihrung 
der spekulativen Operationen zu erhalten, wenn die Banken viele Mittel 
zur Verfiigung habon und sie willig fiir Re])ortzwecke bereit stellen, so 
begiinstigt (his die Ilaussespekulation und steigert den Borsenverkehr 
und die Kurse. Die Krscliwerung des Kredits fiir spekulative Zwecke 
im allgemeinen und fiir die Reportgeschiifte im besonderen wirkt dagegen 
absclnviichend auf den Umfang des Verkehrs und auf die Kurse. 

Die Wirkung der sachlichen Einfliisse miifste an sieh in den Borsen- 
jireiscu uugetriilit zu Tage tretcn, da sieh ja im Borsenverkehr geschafts- 
gevvandte Personen gegeniib(Tstehcii. Aber die Wirkung wird nicht selten 
abgesclnvacht, sowohl von autscn als auch von innen her. Von aufseii 
her sind es die Auftriige des aufserhalb der Borse stehenden Publikums, 



10. Kapitel. Dcr Boreenhandel. 299 

die storend eingreifen. Die Laienkreise sind sehr oft nieht in der I.Age, 
die Verhiiltnisse riehtig zu beurteilen, und folgen nicht inimer sachver- 
stiindigen RatschUigen oder sind wonioglich iibel beraten. Die von hier 
an die Borse gelangenden Auftriige entsprechen desbalb oft niebt der 
Marktlage; da sie aber ausgefiibrt werden niussen, so konnen sie den 
Einflufs der wirklicb saebkundigen Kreise erlieblieh absebwacben, wenn 
sie in binreicbend grofser Zabl vorkomnien. Das ist besonders dann der 
Fall, wenn weite Kreise der Bevolkerung, von Spielleidenscbaft ergriffen, 
an der Borsenspekulation teilnebnien. Das wirkt dazu mit, dafs Ilausse- 
bewegungen, die an sich in den Verbiiltnissen begriindet sind, zu eineni 
fonnlicben Tauniel ausarten, und dafs ein an sicb nocb gar niebt bedenk- 
licber Stillstand in der Bewegung eine wabre Panik bervorruft 

Tnigt bier die KSpekulation dazu bei, die von aufsen lier kommenden 
storenden Einflusse zu verstiirken, so ist sie es ganz besonders, die 
aucb eine Durebkreuzung der Wirkung der saeblicben Einflusse von innen 
her veranlafst oder verstiirkt. Scbon vorbin drilngte sicb dieser Gesicbts- 
|»unkt in die Betracbtung binein, als von den Zusanimenbangen der Kurs- 
liewegung versebiedener I^liitze oder verscbiedener Papiere die Rede war. 
Aucb die oben erwiibnte Nervositiit der Borse gegeniiber giinstigen oder 
ungiinstigen Ereignissen und Xacbriebten bangt niit der starken Ver- 
h>reitung der Spekulation zusauinien. Dazu komnit aber nocb das un- 
geniein starke Interesse, das jede Spekulationsgruppe an dem Eintreten 
der ibren Operationen giinstigen Kursbewegung bat. Jede Gruppe bat 
em grofses Risiko zu tragen. Gebt der Kurs audere Babnen, als sie bei 
ibren Terminspekulationen vorausgesetzt bat, so sind bedeutende, oft die 
wirtscbaftliche Existenz verniehtende Verluste unvenneidlicli. Es ist nicht 
auffallig, dafs dies ungemein lebhafte Interesse an einer ganz bestininiten 
Ricbtung der Kurse zu dem ^'ersucb fiihrt, die* Kurse in diese Ricbtung 
hineinzutreiben. Die Gegengruppe hat gerade das entge^engesetzte Inter- 
esse, und aucb sie wird es nicht unterlassen, der naturlicben Entwicklung 
nachzubelfen. Beide Gnippen geraten oft in bticbst aufregende Kiiinpfe, 
in denen als Ilauptwaffe der Besitz reichlicher Geldmittel und der Jrangel 
jeglicber Engberzigkeit bei der Wabl der Kampfmittel zu Tage treten. 
Wo derartige Kanii)fe herrscben, da komnit es nicht mebr auf die all- 
gemeine natiirlicbe Marktlage und nicht mebr auf die besonderen Renta- 
bilitatsverhaltnisse der einzelnen Papiere an, sondern auf die Energie und 
Skrupellosigkeit der kilmpfenden Parteien bei Verfolgung ilirer Interessen. 
Jede Periode leidenscbaftlicher Spekulationssuclit oder richtiger Spielsucbt 
liefert zahlreicbe Beispiele fiir die Ileftigkeit dieser Kiimpfe zwiscben Mine 
und Kontenuine und fiir die bedenklichen Mittel, mit denen von beiden 
Seiten das ^corriger la fortune'* geiibt wird. Dafs die nackten Spielerinter- 
essen in solchen Zeiten voriibergeliend mebr Einflufs auf die Preisgestaltung 
haben als alle saeblicben Momente, ist oft genug zu beobncliten gewesen. 



300 Erster Tcil. Der Haiidel. 

Der noniiale Ziistand ist das gewirs nicht aber Zeiten ^^ilder Spiel- 
sucht sind selbst so krankhaft zugespitzt, dafs man auf einen normalen 
Verlauf der Dinge nicht mebr rechnen kann, und aucb Strafbestiuimungen 
gegen die kunstlicbe Kursbeeinflussung, wie sie z. B. in Art, 419 des 
code jx^nal in Frankreicb und im neuen Deut^cben Borsengesetz vom 
22. Juni 1896 § 75 ff vorgeseben sind, konnen das nicht bindera. Nur 
nmfs man sicb liiiten, solcbe Auswuchsc als regelmaXsige Erscheinung 
des Borsenlebens anzuseben. 

§ G. Die volkswirtsohaftliohe Bedentnng der Bdnen. Das Borsen- 
wesen erfiibrt vielfacli eine ebenso unbedingte Venirteilung wie das Aktien- 
wesen, dessen Entwicklung ja fiir das Borsenwesen von grofser Bedeutung 
ist und aucb seinerseits der Borsen nicht entraten kann. Es giebt 
Menscben, die nicht mebr vom Aktienwesen, sondern nur noch vom 
„Aktienunwesen^^ und nicht mebr von der Borse, sondern nur noch 
vom „Giftbaum der Borse" reden. Das sind starke Ubertreibungen und 
einseitige Beurteilungen. Wie jede Erscheinung. so hat aucb das BSrsen- 
wesen giinstige und ungilnstige Wirkungen fiir die Gesamtheit, und ein 
sacblicbes Urteil ist nur moglich, wenn man beide Seiten der Sache be- 
riicksiclitigt. In diesen Worten liegt aber schon, dafs die ungiinstigen 
Wirkungen, die von den Borsen ausgegangen sind und ausgehen konnen^ 
durcbaus nicht in Abrede gestellt werden solien. 

Will man zu emem ricbtigen Urteil kommen, so geht man am besten 
von der Warenborse aus. W^ir sahen, dafs die Borse eine Centralstelle 
fiir den Abschlufs von Ilandelsgeschaften ist, welcbe die eigentliche 
Warenbewegung auf das notwendige Mafs bescbrankt. Darin liegt so- 
fort, dafs sie zur Vermeidung unnotiger Transportkosten beitragt, ohne 
die Ubertragung der Ware von Hand zu Hand irgend wie zu beein- 
trachtigen. Darin liegt weiter, dafs die Borse das Zusammentrcffen von 
Angebot und Nachfrage begiinstigt und dadurch dem anbietenden Produ- 
zenten und Importeur die Verwertung der erzeugten oder berangeschafften 
Waren und dem nachfragenden Grofshandler die Beschaffung der er- 
forderlichen Warenmengcn erleicbtert. Der Umstand, dafs in dem Borsen- 
verkehr nur Muster und Prohen, aber nicht die Warenvorrate selbst auf den 
Markt gebracht werden, erleicbtert namentlich aucb den Produzenten und 
Importeuren den Absatz ibrer Waren, wahrend anderseits der Kaufer durch 
die Strenge, mit der im Biirsenverkebr auf Innebaltung der vereinbarten 
Qualitiit geseben wird, des Empfangs der gewiinschten Ware sicher ist 

Durch die Zusammenziehung von Angebot und Nachfrage im grofsen 
Stil, durch die unmittelbare Auseinandersetzuug zwischcn beiden, durch 
den sorgfiiltig ausgebildeten Nachricbtendienst, der im Interesse des 
Borsenverkebrs durchgefiihrt wird, durch die Sachkunde der an der 
Warenborse verkehrenden Personen wird eine i'bersichtlichkeit der Markt- 
lage erzielt, wie sie auf andereni Wege schwer erreicht werden konnte. 



10. Kapitel. Der nrn-scnhaiidol. 801 

Das wirkt giinsti^ nacli zwei Eichtungen hiii. Zunachst wird es 
dadurch moglich, den Bedarf ausreichend zu befriedigen. Man kennt 
an der Borse, soweit das iiberhaupt iibersehen werden kann, die an den 
Ilauptmarkten befindlichen Vorrate, man kann aus den von iiberall her 
fliefsenden Nachrichten einen Uberbliek iiber die Mengen gewinnen, die 
demnaehst aus der neuen Produktion voraussichtlich auf den Markt koninien 
werden; man weifs auf der anderen KSeite, welche Mengen im eigenen 
Bezirk oder im eigenen I^ande gewuhnlicli gebraucht werden; man er- 
sieht aus der Preisgestaltung auf anderen Platzen, ob dort der Bedarf 
reichlich oder nur knaj)!) gedeckt ist u. s. f. Aus air diesen Kenntnissen 
ergiebt sich, wie der Grofshandel die Warenbewegung dirigieren mufs, 
damit an keinem Punkte eine Stockung oder eine LUcke in der Bedarfs- 
versorgung eintritt IJberflufs und Mangel der einzelnen Gebiete kimnen 
so auf das beste gegen einander ausgeglichen werden, und daraus ergiebt 
sich aueh ohne weiteres, dafs die ortliehen Prcisunterschiede in erheb- 
lichem Umfang abgesebwacht werden. Jeder Grofshandel hat ja die 
Wirkung, Uberflufs und Mangel der einzelnen Gebiete und ortliche Preis- 
unterschiede bis zu gewissem Grade auszugleichen. Der Borsenhandel 
hat vermoge seiner feiner ausgebildeten Tcchnik diese Wirkung in ganz 
besonderem Mafse. 

Die Ubersichtliehkeit der Marktlage wirkt weiter aber auch darauf 
hin, dafs die Preisgestaltung korrekter wird, sich mehr der w^rklichen 
Marktlage anpafst In derselben Richtung ist der Umstand von Einflufs, 
dafs sich als Kaufer und Verkiiufer gesehiiftsgewandte und sachkundige 
Personen gegeniibertreten. Von dem passiven Vcrhalten der Kaufer 
gegenuber den Preisfordenmgen der Verkiiufer, wie es im Kleinhandels- 
verkehr so weit verbreitet ist, kann im Borsenverkehr keine Rede 
sein. Hier ist der Kaufer in der Uage und gew^ohnt, alle in Betracht 
konimenden Momente sorgfaltig zu beriicksichtigen. Ebensowenig wird 
im Borsenhandel der Verkiiufer sich so sehr an die gewohnte Preishohe 
halten und auf die sorgfiiltige Kalkulation der Mindestgrenze seiner Preis- 
forderung verzichten, wie es bei einem Teil des Kleinhandels der Fall 
ist. Dem Grofshandel ist iiberhaupt in diesen Dingen eine grofsere 
Genauigkeit und Sorgfalt eigen. Der an der liorse konzentrierte Teil des 
Grofshandels macht davon keine Ausnahme. 

Ein weiterer Vorteil der Borse ist die weitgehende Offentlichkeit der 
Preise. Allen denen, die an der Sache interessiert sind, werden die Preise 
bekannt, die sich im Biirsenverkehr ergeben. Das ist sonst weder bei 
den Preisen des Kleinhandels noch bei denen des aufserhalb der Btirse 
sich voUziehenden Grofshandels in gleichem Mafse der Fall. In dieser 
Offentlichkeit der Preise liegt eine ungemein wichtige und wertvolle 
Wirkung der Borse sowohl im Interesse der Produzenten als audi im 
Interesse des Grofshandels, urn so melir, als es an sich gerade die der 



302 Ereter TeU. Dor Handel. 

gesamten Marktiage entsprechenden Preise sind, die auf diese Weise den 
beteiiigten Kreisen bekannt werden. Thatsachlich iiben diese Preisver- 
()ffentlichungen der Borse weithin, selbst tiber die Landesgrenzen hinaus, 
fine regulierende Wirkung auf den ganzen Verkehr in den betr. Waren aus. 

Diese giinstigen Wirkungen der Warenborse, die jedenfalls an sich 
moglieh sind, werden durch den Warenterminhandel eher noch gesteigert 
als abgeschwacht, wenn wir vorerst einnial von den Ausschreitungen 
absehen. 

Zuni Tenninbandel veranlafst die einzelnen Grofshandler und Pro- 
duzenten zunaehst ibr eigenes Geschaftsinteresse. Ibnen dient der Temiin- 
handci dazu, sich recbtzeitig den Bezug der Waren zu sicbern und sich 
gleichzeitig gegen unerwartete Preisverscbiebungen zu sebiitzen. Diese 
Wirkungen kann der ricbtig und verstiindig durcbgefubrte Tenninbandel 
aucb bis zu gewissem Grade baben. Das Gescbaftsrisiko zu beseitigen 
ist natiirlicb unmogbcb. Allerdings sind es vorzugsweise die grofsen und 
grofsten Finnen, die sicb diese Vorteile verscbaffen konnen. Die kleineren 
Firnien konnen oft so grofse Mengen uberbaupt nicbt kaufen oder ver- 
kaufen, vvie sie im Terminbandel der Rorse vvegen der usancemafsigen 
Scblufseinbeiten notig sind. Aber es ware verkelirt, den grofsen Firmen 
die Ausnutzung dieses Vorteils zu verwebren und zu verargen, weil nicbt 
alle Finnen ebenso vorgeben konnen. 

Wird cin umfangreiclier Terminbandel durcbgefiibrt, so bat das aber 
zugleicb aucb fiir die Gesamtbeit eine giinstige Wirkung. Der Vorteil, 
der den einzelnen, fiir den Verkebr in bestinimten Waren besonder^ 
wicbtigen Firnien durcb die recbtzeitige Sicberung des Warenbezuges 
und durcb den Scbutz gegen unerwartete Preisscbwankungen geboten 
wird, summiert sicb fiir die Volkswirtscbaft dazu auf, dafs in der Ver- 
sorgung der Bevolkerung niit den betr. Waren zeitlicbe Storungen weniger 
Icicbt eintreten, und dafs aucb die zeitHcben Preisunterscbiede abge- 
scbwacbt werden. Der Temiinbandel ergiinzt also in zeitlicber Beziebung 
die scbon erwabnte ortlicbe Ausgleicbung zwiscben Mangel und Uberflufs 
und zwiscben den Preisunterscbieden. Aucb diese Wirkung komnit beim 
Handel ganz allgeniein in bestinimteni Unifange vor, weil in jedeni 
Handel ein gewisses spekulatives Element steckt Aber die Form des 
Terminbandels ist in Bezug auf die zeitlicbe Ausgleicbung ganz besonders 
wirksam. Wir erlangen also durcb den Terminbandel eine regelmafsigere 
Bedarfsversorgung und Prcisgesaltung oder konnen sie wenigstens er- 
balten, und das ist von bobem Wert fiir die Gesamtverbaltnisse. 

Regelmafsige Preisgestaltung bedeutet nicbt, dafs Preisscbwankungen 
iiberbaupt ausbleiben. Im Gegentcil, es entspricbt gerade der Eigenart des 
Terminbandels, dafs fortwabrend kleine Preisscbwankungen eintreten. 
Das ist ein Zeicben dafiir, wie sebr der von Sacbverstiindigen durcb- 
gefilhrte Handel an der Borse fortdauemd alle die Momente zu beruck- 



10. Kapitcl. Dor Boi-senhandel. 303 

sichtigen siieht, die auf den Preis eiuwirken kimnen. Starre und fiir 
laiige Zeit dieselbe Hohe innebaltende Preise treten ^erade bei weniger 
fein ausgebildeteni Orofshandel zu Tag;e, aber sie werden dann audi leiebt 
bei einer fublbaren Verschiebung der Marktlage sehr betriicbdieii ge- 
steigert oder gedriickt. Oerade dieses beftige Ausschlageii der Bewegung 
nach oben und nacb unten kennzeiebnet eine niedrigere Entwicklungs- 
stufe des Grofsverkebrs. Der Terniinbandel zeigt nur selten erbebiiebe 
Spriinge in der Preisbewegung, die Bewegung biilt sicb bei ibm nornmler- 
weise iiberbaupt in engen Grenzen, zittert aber innerbalb dieser Grenzen 
fortwabrend bin und ber. Diese Tbatsache ist durcb eingebende Unter- 
suchungen von Cohn und Kantohowicz u. s. w. und durcli die Materi- 
alien, die von der Br)rsenenquC'tekoninnssion beigebracbt sind, durdi 
niehrfacbe Aufsiitze von Conuad in den Jabrb. f. Nat.-Ok. und Statistik 
unwiderlegiicb festgestelit. Auf Einzelbeiten dieser Materialien kann bier 
nicht eingegangen werden. Erwiibnt sei nur, dafs die deni Beriebt der 
Borsenenquetekonnnission beigefiigte, von der Leipziger Woilkanimerei 
gelieferte grapiiisebe Darstellung iiber die Kaninizugpreise von 1870 bis 
Anfang 1 S93 deuflieb erkennen lafst, dafs vor der Einf iibrung des soviel 
angefochtenen Kaninizugtemiinbandels in Antwer})en (18S8) die Preis- 
l)ewegung sicb in Ijingeren und gnifseren Wellen voilzog, als seit ISSS. 
(ferade diese Darstellung ist sebr lebrreicb. Fiir guten australiseben A-Zug 
stieg damacb der Preis (fiir 1 kg), der sicb im allgenieinen in langge- 
streckten Linien bewegte, in der Zeit von ISTf)— IS87 drei Mai plotzlicb 
sebr erbeblicb. Das erste Mai gescbab das vom Juli bis November 1875 
(um etwa 1,48 M.), das zweite Mai vom Oktober 1879 bis April 1880 
(uni 1,78 M.), das dritte Mai vom April- September 188G (um etwa 
'2y\2 M.). Seit 1888 scbwankt dagegen der Preis fortwabrend auf und 
nieder. Die starkste Verscbiebung bis 1893, der Preisabfall vom Dezember 
1889 bis zum Juni 1890 zeigte eine Differenz von 1,65 M., erreicbte 
also noch nicbt die Starke der Verscbiebungen von 1879 und 188G. 
Der Leipziger llandelskammerbericbt ergiebt fiir 1 kg derselben Sorte 
folgende Durcbsebnittspreise in Jfark: 





Jan. 
Febr. 


Marz 
Ai>nl 


Mai 
Juni 


Juli 
Aug. 


Sept. 
Okt. 


Nov. 
Dez. 


Abstain! zwi- 
schoii hOchst. 
u. niedr. Preis 


1S95 


3,20 


3,25 


3,30 


3,75 


4,10 


3,S5 


0,65 


1896 


4,10 


1,15 


3,90 


3,80 


3,60/3,55 


3,65 


0,60 


1S9S 


3,80/3,90 


4,00 


4/4,05 


4,10/4,20 


4,20/4,10 


4,25'4,4^ ^^*^>^ 



(Fiir 1897 giebt der rJericht die Zablen nicbt an.) 

Auch bier sind die Scbwankungen in sebr engen Grenzen geblieben. 

Der Tenninbandel triigt weiter dazu bei, den JIarkt fiir den effek- 
tiven Verkebr zu er>veitem. Durcb ihn wird der Kreis der am Verkebr 
Beteiligten erbeblicb ausgedebnt und die Borse immer mebr zum .Alitti'l- 
punkt eines umfangreicben Grofsbandelsverkebrs ausgestaltet, und an 



304 Erstcr Teil. Der Handel. 

dieser Stelle konnen dann leicht audi grofse Mengen effektiver Waren 
untergebracht und angekauft werden. Selbst das Differenzgeschaft kann 
man davon nicht schlechthin ausschliefsen. Es ist ja oft nicht von vornherein 
die Ausgleichung durch blofse Zahiung der Preisdifferenz ins Auge gefafst 
worden. Sehr leicht kann deshalb doch schliefslich eine effektive lieferung 
aus Anlafs von Differenzgesehaften eintreten. Gerade die bedeutendsten, 
an verschiedenen Platzen vertretenen Spekulationsfirmen setzen auch grolse 
Mengen effektiver Waren uni ; sie begleiehen vielleicht an der einen Borse 
den Abschlufs nur durch Differenzzahlung, wahrend sie an einer anderen 
Borse die dieseni Abschlufs zu Grunde liegende Menge thatsachlich liefem 
oder abnehnien, weil der dortige Kursstand ihnen das wiinschenswert macht 

Die Erweiterung des Marktpublikums fiir den Borsenverkehr, wie 
sie durch den Terminhandel veranlafst oder doch erleichtert wird, ist 
geeignet, wichtige gunstige Wirkungen des Borsenverkehrs noch zu steigem, 
soweit sich die Erweiterung auf sachverstandige Personen erstreckL Ins- 
besondere gilt das von der Korrektheit der Preisgestaltung an der Borse, 
Je luehr sich die sachverstandigen Kreise an dem Borsenverkehr be- 
teiligen, desto mehr mufs auch die Preisbildung der wirklichcn Marktlage 
entsprechen. Jedenfalls ist nachgewiesen , dafs die Temiinpreise, die ja 
fiir spiitere Terniine voraus berechnet werden, neuerdings noch mehr als 
sonst durch die spiitere thatsachliche Entwieklung bestatigt worden sind. 

Nach allem mufs anerkannt werden, dafs von der Warenborse im 
allgemeinen und vom borsenmafsigen Warentenninhandel im besonderen 
giinstige volkswirtschaftliche Wirkungen ausgehen konnen, wenn und 
soweit nicht Ausschreitungen und Auswiichse die gunstigen Wirkungen 
durclikreuzen oder ganz auflieben. 

Die Wertpapierborse zeigt in Bezug auf ihre Handelsgegenstande 
und ihre Kaufer und Verkaufer manche Eigentumlichkeiten, und deshalb 
kann das iiber die Warenborsen und den Warenterminhandel Gesagte 
nicht ohne weiteres auf die Wertpapierborse ubertragen werden. Auch 
die Wertpapierborse ist eine Centralstelle fiir den Abschlufs von Handels- 
geschaften mit Beschriinkung der Fortbewegung der Waren auf das not- 
wendigste Mafs. Aber das Letztere bedeutet hier lange nicht so viel, 
als bei den Gegenstiinden , mit denen es die Warenborse zu thun hat 
Denn die Beforderung der Wertpapiere verursacht gegeniiber dem Nenn- 
wert und gegeniiber dem JIarktwert, den sie verkorpern, nur minimale 
Kosten, und was der Verkehr an der Wertpapierborse durch Vermeidung 
unnotiger Ubertragungen der Pa])ierc sparen kann, fiillt nur wenig ins 
Gewicht. Dieser Gesichtspunkt, der sich bei den Warenborsen sofort 
aufdningt, darf also bei den Wertpapierborsen aufser Betracht bleiben. 

Was die Kaufer und Verkaufer an den Wertpapierborsen anlangt, 
so liaben sie mit denen der Produktenborse die Geschaftsgewandtheit 
gemein. Ifan weist ihnen auch wie diesen den Vor/ug besonderer Sach- 



10. Kapitel. Der Bursenhamlel. 305 

kunde zu. Aber diese Sachkunde bedeutet bei den Wertpapierborsen 
eti^as anderes, als bei den Warenborsen. Auf den Warenborsen ar- 
beiten iiberwiegend thatsachlieli Grofshandler, die den Ilandel mit der 
betr. Ware berufsmafsig durchfiihren und die Eigenschaften und Eigen- 
tiimlichkeiten, die Bezugsgebiete und Bezugswege, die Absatzgebiete und 
Absatzwege und die Marktlage dieser Ware griindiich kennen. Der 
Oetreidehandier, der Spiritushandier, der Wollhandler u. s. w., die an der 
Warenborse erscheinen oder sich vertreten lassen, sind wirklieh in Bezug 
auf den Artikel, fiir den sie interessiert sind, Facbnianner im eigentlichen 
Sinne des Wortes. Das ist die Kegel, und nur ein geringer Bruchteil der 
regelniafsigen Besucher und Auftraggeber der Warenborse wird ohne 
solche Sachkunde aus biofsen Spekuiationsriicksichten in den Borsen- 
verkehr gedningt. Bei der Wertpapierborse baben wir Fachmanner in 
diesem Sinne in der Kegel nicht Die an der Wertpapierborse regel- 
mafsig verkelirenden Personen sind zwar nieist sacbkundig in Bezug auf 
die Te<5hnik des Borsenverkehrs, aber sie sind es meist nicht in Bezug 
auf die Korperschaften und Organe, deren Papiere verhandelt werden, und 
sie beschranken sich auch nicht, wie meist der Warenhandler, auf eine 
Art der Vertriebsgegenstiinde, sondern greifen auf die verschiedensten 
Papiere iiber, jenachdem in deni einen oder anderen nach ilirer Meinung 
giinstige Gewinnaussichten bestehen. Wer in runianischen oder russischen 
oder tiirkischen oder agyptischen oder argentinischen Staatspapieren an 
der Borse Kauf- und Verkaufgeschiifte abschliefst, kann deshalb noch 
nicht als ein sachkundiger Beurteiler der wirtschaftlichen, politischen und 
sozialen Verhaltnisse des betr. I^andes gelten und ist auch sehr oft nicht 
sacbkundig in diesem Sinne. Noch deutlicher zeigt sich das bei den Aktien 
und Obligationen von Verkehrs- und Industrieuntemehmungen. Gold- 
niinenaktien, Aktien von Hiittenwerken, von chemischen Fabriken, von 
Maschinenfabriken, von Wagenbauanstalten, von Brauereien, von Spin- 
nereien, Papierfabriken , Gasanstalten , Wasserwerken , Pulverfabriken, 
Zuckerfabriken u. s. w. werden im Borsenverkehr gekauft und verkauft. 
Aber wie viele dieser Kjiufer oder Verkaufer verstehen wirklieh so viel 
von dem betr. Betriebe, urn ein sachverstiindiges Urteil daniber abzu- 
geben? Wie viele habeu iiberhaupt einen Betrieb der betr. Art schon 
gesehen? Borsentechniker sind diese Kiiufer und Verkaufer, aber Fach- 
manner fur den Untemehmungszweig, dessen Papiere in Frage kommen, 
sind sie in der Kegel nicht. Die aufserhalb der Borse stehenden Auf- 
traggeber sind ebenfalls sehr haufig in keiner Weise als Fachmanner 
anzusprechen. Selbstverstiindlich suchen sich Borsenmitglieder und Auf- 
traggeber zu unterrichten und sich auf Grund der verschiedensten Nach- 
richten ein Urteil zu bilden, weniger dariiber, wie der betr. Betrieb sich 
als solcher entwickeln wird, als dariiber, ob die bekannt gewordenen 
Verhaltnisse und Mafsnahmen des Betriebes geeignet sind, iiber dessen 

VAN DKR BoRGHT, Handel. 20 



306 Eretor Toil. Dcr Handel. 

Papiere eine gunstigere oder iingiinstigere Meinung an der Borse und 
im Publikuni zu erzeugen. Nicht zu leiignen ist, dafs ein Teil der am 
Borsenverkehr interessierten Personen auf diesem Wege zu einem zu- 
treffenden Urteil iiber die voraussichtlicbe Kursbewegung des betr. 
Papiers in der nachsten Zukunft gelangt. Aber sehr oft stellt sich dabei 
der Mangel an eigentlicher Sachkunde hindernd in den Weg und fiihrt 
zu falschen ScLliissen, zu einer Ubersehatzung oder Untersehatzung an- 
scheinend oder wirkiieb giinstiger oder ungiinstiger Tbatsachen. 

Dieser Unistand hat eine beachtenswerte Riiekwirkung auf die Preis- 
gestaltung an den Effektenborsen. Auch [die Effektenborse zieht Ange- 
bot und Nachfrage in erbeblichem Unifange zusanimen, und sie fiibrt 
aus diesem Grunde im ganzen zu einer richtigercn Bewertung der ein- 
zelnen Wertpapicre, als sie ohne diese Centralisation eintreten wiirde, 
und zur Abschwaebung mancher zuflilligen Einfliisse, die sich bei zer- 
splittertem Wert])apierverkehr fiihlbar maehen konnen. Aber dafs die 
Borse nun alle an ihr gehandelten Wertpapiere gegeneinander richtig 
bewertet, und dafs ihre Bewertung sich bei alien Papieren den inneren 
Verhaltnissen der ausgcbenden Korperschaften und Untemehmungen an- 
])afst, das wird thatsachlich nicht erreicht. Die Korrektheit der Preise 
ist im wesentlichen relativer Art, d. h. sie ist in der Kegel grofser, als 
es ohne die Borse moglich ware, aber eine absolute und ideale, der 
inneren Giite der Papiere angepafste Korrektheit ist es nicht. 

Man setzt die Wertpapierborse nicht herunter, wenn man auf diese 
Schranken ihrer Preisbildungsfahigkeitnachdriicklich hinweist, ein Punkt, 
der iibrigens oft ganz iibersehen wird. Was die Wertpapierborse leistet 
— immer von Auswiichsen und Mifsbrauchen abgesehen — , ist trotzdem 
sehr viel. Schon die oben er\\'ahnte relative Korrektheit der Wertpapier- 
preise, die im Borsenverkehr erzielt wird, ist f iir alle Kreisc von hohem Wert, 
welclie dauemde oder voriibergehende Kapitalanlagen in Wertpapieren 
maehen wollen, und die weitgehende Offentlichkeit dieser Preise er- 
leichtert allgemein den Wertpapierverkehr. Dazu kommt, dafs die Wert- 
papierborse durch die Zusammenziehung des Verkehrs in Wertpapieren 
vielfach iiberhaupt erst einen Markt fiir solche Papiere schafft. Sie erst 
ermoglicht die Unterbringung der gewaltigen, nach vielen Milliarden 
zahlenden Werti)apiere, die in der neuesten Zeit zur Ausgabe gelangt 
sind. In jedem Jahre werden auf der Erde mehrere Milliarden Mark 
neuer Wertpai)iere her\'orgebracht; das offentliche Schuldenwesen, das 
Noten])ankwesen , das Aktienwesen werfen unaufhorlich grofse Massen 
von Pajneren ins Publikuni. Sie unterzubringen , wiire ohne Central- 
stellen fiir den Wei1|)apier\'erkehr gar nicht mijglich, und untergebracht, 
d. h. abgesetzt nilissen diese Papiere werden, wenn sie iiberhaupt fiir 
die ausgebende Korporseliaft oder Oesellschaft einen Nutzen bringen 
sollen. 



10. Kapitel. Dor Borscnhandcl. 307 

Diese Schaffun*^ und Erleichtening des Absatzes fiir die Wertpapiere 
f^reift iiber die Landesgrenzen weit hinaus; sie koninit nicbt niir in- 
landischen, sondern auch aiislandischen Papieren zu gute und triigt 
dadurch dazu bei, Mangel und Ul)erflufs in Bezug auf das verfiigbare 
Kapitai zwischen den vcrscbiedenen Gebieten auszugleichen. 

Scbafft so die Burse den neuen Wertpapieren den notigen Absatz, 
so scbafft sie anderseits deni standig sicb wiederbolenden Kapital- 
zuwaebs die notigen Anlagegelegcnheiten. In sehr vielen Fallen ware 
die passende Anlagegelegenlieit gar nicbt zu finden, wenn nicbt die 
Borse alle wichtigen Anlagepapierc gewissemiafsen iibersichtlicb geord- 
net und mit Preisangaben versehen dem Anlage Sucbenden vor Augen 
fiibrte und ibni die AuswabI unter den verscbiedenen Anlagegelegenbeiten 
und die bequemste Benutzung der gewablten Anlagenart ermoglicbte. 

Dazu tritt sofort eine andere Wirkung. Fiir Jeden, der Kapitai an- 
gelegt bat, kann es wiinscbenswert oder notwendig werden, das angeiegte 
Kapitai wieder fliissig zu macben. Das wird durcb die Borse wesent- 
lich erleicbtert, und [zwar im allgenieinen zu einem relativ korrekten 
Preise. An der Borse sind stets Kiiufer und Verkiiufer fiir Wertpapierejzu 
finden ; die Wertpapierborse als Centralstelle des Verkebrs bat eben audi 
eine grofse ,,niarktbildende", d. b. Kaufer und Verkiiufer anziebende Kraft. 

Diese marktbildende Kraft wird audi an der Wertpapierborse durcb 
den Temiinbandel nocb erbeblicb gesteigert. An sicb hat man ja bei 
Wertpapieren den Temiinbandel weniger niJtig als bei Waren, weil die 
Bewegung der letzteren viel umstandlicber ist und nel grofseren Zeit- 
und Kostenaufwand erfordert und desbalb oft scbon friibzeitig vorbereitet 
werden niufs, um zeitlicb den Mangel und Uberflufs auszugleicben. Bei 
Wertpapieren liegen die Verbjiltnisse aucb in dieser Beziobung be(|uemer. 
Gleicbwobl bat sicb der Temiinbandel in Wertjiapieren vielfacb ent- 
wickelt, weil er aucb bier den Kreis der Kaufer und Verkiiufer erweitert, 
also die Operationen erleicbtert und einen gewissen Scbutz gegen seltene^ 
aber unifangreicbe Preisscbwankungen bietet. Aucb fiir den Wertpapier- 
terminhandel ist es durcb zablenniiifsige Untersucbungen unwiderleglicb 
festgestellt, dafs dadurcb die Scbwankungen der Kurse biiiifiger werden^ 
aber sicb in engeren Grenzen bewegen. 

nieraacb niufs man die Warenborse und die Wert])apierborse und . 
aucb den Terminbandel, der an diesen Borsen stattfindet, an sicb als 
notwendig und berecbtigt anerkennen und ibnen aucb niitzlicbe Wir- 
kungen fiir die Volkswirtscbaft zuscbreiben. Trotzdem kann man die 
vielfacben Klagen, die iiber diese Erscbeinungen laut werden, nicbt ein- 
facb und ausnabmslos als unbegriindet bezeicbnen. Eine objektive 
Wiirdigung fiilirt vielniebr unzweifelbaft zu dem Scblufs, dafs nacb- 
teilige Wirkungen nicbt zu leugnen sind. Sie sind oft gescbildert und 
konnen desbalb bier kurz abgemacbt werden. Die Mifsstiinde des Buren- 

20* 



308 Erster Toil. Der Handel. 

wesens benihen voniehnilicli auf der Tliatsache, dafs-an der B()rse die- 
jenige Spekulation, welche an der zeitlichen Preisdifferenz grewinnen 
will, in besonders starkem Mafse beteiligt ist, und dafs diese Richtung: 
der Spekulation nicht selten krankhafte Fonnen annimnit, und dafs weiter- 
liin der Tenninhandel in grofsem Unifange audi in den Diensl der Spiel- 
aucht gestellt wird, wie sie sich an den Borsen Befriedigung zu ver- 
schaffen sucht. Gerade das fiihrt dazu, dafs manclie Br>rsen, wie z. B. 
die bedeutende Getreidebr>rse in Mannheim, sich gegen die Aufnahme 
des Terniinhandeis ablehnend verhalten und dadurch der marktbildenden 
Kraft des Terniinhandeis Schranken ziehen. Schon ohne solche Aus- 
wUchse kann der Terniinhandel diirch seine vielen Preisschwankungen 
lastig werden. Es ist z. B. eine hiiufige Klage der WoU-Textilindustriellen, 
dafs ihnen der fortwahrende, wenn aueh in engen Grenzen sich voll- 
ziehende Preisvvechsel beim Kaninizugterminhandel nachteilig sei, und 
etwas Richtiges steekt darin. 

Xocli mehr Anlafs zur Klage tritt dann ein, wenn sich die Spiel- 
sucht des Terniinhandeis bemachtigt. Dann konimt es nicht nur zu 
hiiufigen Schwankungen der Preise iiberhaupt, sondem nicht selten vor- 
iibergehend auch zur Abschwachung oder Aufhebung der Wirkung der 
naturlichen Faktoren der Preisbildung. Bisweilen sehliefsen sich niafs- 
gebende Finuen zu Spekulationsringen zusammen, uni die Preise durch 
kiinstliche Entblr)fsung des Marktes diktieren zu konnen. Solche Ringe 
brechen in der Regel nach kurzer Zeit wieder zusammen, aber sie konnen 
in der Zwischenzeit viel Schaden anrichtcn. Auch ohne solche Ring- 
bildungen verleitet — wie erwiihnt — das starke Interesse der Speku- 
lation an einer bestimniten Preisbewegung nicht selten zu sonstigen, bis- 
weilen recht skrupellosen Versuchen, die Gestaltung der Preise und Kurse 
kiinstlich zu beeinflussen. Geschieht das, so geht ein wesentlicher Vor- 
teil der Borse, die moglichst korrekte Preisgestaltung, ganz oder zum 
Teil verloren. 

Die Gefahren in dieser Ilinsicht werden noch griifser, wenn sich 
das reine Differenzgeschaft in deni Terminverkehr festsetzt, was durch 
die Eigenart dieses Ge^chaftszweiges gewifs nicht erschwert, viel eher er- 
leichtert wird. Das Differenzgeschiift nimmt da, wo der Terminhandel 
betraehtlieh entwickelt ist, unter dem Einflufs des Borsenspiels leicht 
unverhiiltnisniafsig grofson Umfang an. In der von der Deutschen Borsen- 
enquetekonnnission ven'jffcntlichten Arbeit „Die hauptsjlchlichsten Borsen 
Deutschhuids und des Auslandes'* wird S. 146 niitgeteilt, dafs in Ant- 
werpen l)t'trugen fiir Kammzug: 





die Verkiiufo 


die zur Expertise 




im Terminhandel 


gelangten Meogen 


ISUO 


53 045 000 kg 


3 563 171 kg 


ISOl 


65 375 000 „ 


6 000 922 ,, 


1892 (bis 12. Dez.) 


45 100 000 „ 


980 770 „ 



10. Kapitel. Dcr Bnrscnhandel. 309 

Die ziir Expertise gelan^en Mengen steilen etwa das dar, was effektiv 
geliefert wurde und in den Konsuni iiberging. Dieser Teii belauft sicb aiif 
etwa */iu der ini Termingescbiift verkauften Menge, sodafs „also 'Vio des 
Gescbafts durch Differenzziebiing erledigt worden sind". Dabei bandelt 
es sicb in vielen Fallen zweifellos nicbt um reine, d. b. von vornberein 
beabsicbtigte Differenzgesebafte. Aber ob es notig ist, die Ware durcb 
so viele Ilande nur formell geben zu lassen, ebe sie an einen wirklicben 
Abnebmer gelangt, das darf man docb bezweifeln, aucb wenn man dem 
Terminhandel und der Borse ganz unbefangen gegeniiber stebt. In Ham- 
burg wurden im Terminbandel 1897 — auf Grund der Verbuebungen 
bei der Warenliquidationskasse — umgesetzt 9398500 dz Zucker, wab- 
rend Hamburger Handler von Fabriken in derselben Zeit 4375000 dz 
kauften. 1896 betrug der Tenninumsatz in Zucker 13929500, die effek- 
tiven Ankaufe der Hamburger Handler 2816300 dz. Fiir Kaffee stellten 
sicb in Hamburg: 







der Umsatz 


die Gesamtzofuhr 






im Terminmarkt 


an Saotoskaffee 


1897 


auf 


3 783 000 Sack 


1217 426 Sack 


1896 


?7 


3 006 000 „ 


941707 „ 


1895 


♦? 


2 926 000 „ 


875 072 „ 


1894 


»> 


3 243 500 „ 


588 692 „ 



(Der Terminbandel in Kaffee beziebt sicb lediglicb auf ^good average 
Santos-E^affee".) Der Terminbandel setzt also aucb bier ein Mebrfacbes 
der tbatsachlicb berangebracbten Ware um, und es diirfte scbwer sein, 
na^bzuweisen, dais diese Umsiitze alle notig sind, um die berangebracbte 
Ware dem Verbraucb zuzufiibren. 

Das Starke Eingreifeu der abstrakten Spekulation, der es sicb nicbt 
mebr um wirklicbe Warenbewegung, sondern nur nocb um den Gewinu 
der zeitlicben Preisdifferenz drebt, tragt dazu bei, die Bewegung der 
Preise nocb unrubiger zu gestalten, als es obnebin nacb dem Gesagteu 
beim Terminbandel der Fall sein mufs. Man darf nicbt vergessen, dafs 
solcbc Scbwankungen das I^benselement dieser Art der Spekulation sind. 
Bei Waren oder Papieren, deren Preise sicb langere Zeit gar nicbt be- 
wegen, kann sie nicbt einsetzen. Geradc das steigert — wenn man von 
kiinstlicber Kursbeeinflussung ganz absiebt — die obnebin grofse Empfind- 
licbkeit, mit der die Borse auf alle Verscbiebungen zu reagieren pflegt, 
so sebr, dafs es geradezu krankbaft wird. 

Das gilt fiir die Waren, es gilt aber nocb mebr fiir die Wertpapiere 
im Borsenverkebr. Die Kurse der Wertpapicre untcrliegen in nocb viel 
starkerem Mafse, als die Preise der Waren, den scbon erwabnten psycbo- 
logischen Einfliissen, die auf die Biirsenbesucber und ibre Auftraggeber 
einwirken. Namentlicb die Xeigung, giinstige Verscbiebungen zu einer 
lebbaften Haussebewegung zu benutzen, findet an der Wertpapierborse 
nocb ofter und nocb scbiirfer Ausdruck. 



310 Erster Tcil. Der Handel. 

Xocii nach einer andereii Richtiing maclit sich das umfangreiclii* 
Eiu^reifen der Werti)ai)icrspekulatioii sofort nacbteilig geltend. Die leb- 
liafte Nachfrage nach Spekulationspapieren in den Zeiten der Hausse- 
bewegung fiibrt dazu, die Euli^^sionen bedeutend zu erweitern, insbesondere 
die Aktieneniissionen. Niclit wenige Gesellschaften benutzen die Gelegen- 
beit, neue Papiere auf den Markt zu werfen, viele Gesellschaften werden 
in solchen Zeiten vornehndich deshalb errichtet, uni neues Spekulations- 
niaterial zu schaffen, ohne Riicksicht darauf, ob sachliche Grtinde die 
neuen Cntemehniungen wirklich rechtfertigeu. Ein erheblicher Teil die^jer 
Schopfungen briclit nach kurzer Zeit wiedcr zusammen, was aber nie 
nioglich ist, ohne viele Jixistenzen schwer zu schadigen. Dazu koninit, 
dais der starke Kapitixlbedarf fiir solche Emissionen das Kapital Icicht 
in falsche Bahnen leitet. 

In derselben Richtung wirkt auch der grofse Kapitalbedarf fur 
Reportzwecke, der sich in solchen Zeiten einzustellen pflegt. Anderen 
(lebieten des Wirtschaftslebens wird dadurch die Kapitalbeschaffung er- 
schwert und verteuert zuni Xachteil des Ganzen, und viele Kapitalisten 
werden zu ihrem eigenen Schaden verleitet, unsiclierc Anlagegelegen- 
heiten aufzusuchen. 

Man wurde iiber alle diese Dinge noch leichter hinwegsehen konnen, 
weun sie sich lediglich innerhalb des Kreises der Rorsenbesucher ab- 
spielen wiirden. Aber die Borse greift schon in nornialen Zeiten weit 
iiber diesen Kreis hinaus, und in den Haussepcrioden driingt sich Alles 
zur mittelbaren Teilnahnie an deni Borsenverkehr. Die Einrichtungen 
der Borse erleichtern diese niittelbare Teilnahme ungeniein, und die Zahl 
der Firmen, welche sich diescm Streben zur Verfugung stellen, ist reich- 
lich grofs. Personen mit sehr beschriinkten Mitteln und Kenntnissen 
werden dadurch in den taumelhaften Tanz des Borsenspiels hineinge- 
zogen. Auch hierfiir sind die thatsaclilichen Belege Legion. 

Segen erwachst daraus nicht. Die Teilnahme weiter Schiehten des 
\'olks am Biirscnspiel verstiirkt alle ungesunden Bewegungen an der 
Borse, befordert den Leichtsinn und die Gewinnsucht und die Unter- 
schiitzung der ehriichen, nur schrittweise vorwiirts kommenden Arbeit, 
steigert den iibertriebenen Luxuskonsum, stunipft das Gewissen des Volks 
gegen bedenkliche Vorgiinge ab, stlirzt viele T^eute dauernd iu'S Ungliick, 
untergriibt mit einem Worte Moral, Soliditiit, Arbeitsenergie und Wohl- 
stand in weiten Kreiseu. Ich erkenne gewils die grofse Bedeutung der 
Wertpa[)ierbursen fiir die ganze Kapitalbewegung willig an; aber sind 
solche Vorgiinge noch notig, um das anlagesuchende Kapital und die 
vorhandenen Wertpapiere in die richtige Beziehung zu einander zu setzen? 

Kein verniinftiger Mensch kann diese Frage bejahen, und gerade wer 
eiiuMi gesunden Biirsenverkehr fiir uusere wirtschaftlichen VerhaJtnisse ah 
uiientbehrlieh und niitzlich betrachtet, darf sich nicht scheuen, den Finger 



10. Kapitel. Der Borseiihandel. 311 

in die offene Wunde zu legen, die sich liier an dem BGrsenorganismus 
zeigt. Hier treten Gefabren zu Tage, die ernster Art sind und die guten 
Wirkungen, die von den Borsen ausgehen konnen, in bedenkiicher Weise 
zu schmalem vennogen. Gefabren bekampft man aber nur, wenn man 
sie klar in's Auge fafst. 

Esbandeltsich bei diesen Dingen, wie ausdrucklicb betont werden mufs, 
um Auswiichse und Mifsstiinde, die vorzugsweise dem Umsicbgreifen 
<les Borsenspiels zuzuschreiben sind. Zum Wesen der Borse gebort es 
nicht, dafs sie diesem Spiele dient, und fiir das Vorhandensein der Spiel- 
leidenschaft ist die Borse nicbt verantwortlich. Die Spielsucht ist un- 
ausrottbar und wird sicb immer Befriedigung verschaffen, mag es Borsen 
geben oder nicbt. Aber das darf nicht verschwiegen werden, daTs die 
Organisation und Einrichtung des Borsenverkehrs und die grofse Be- 
deutung, die in diesem Verkebr dem Streben nach der Gewinnung zeit- 
licher Kurs- und Preisdifferenzen beigelegt wird, der Spielsucht will- 
kommene Handhaben bietet, sich an der Borse einzunisten. 

Wer freilich deshalb die Borsen schliefsen wollte, wurde das Kind 
mit dem Bade ausschiitten und mit den Auswiichsen auch die vielen 
und grofsen Vorteile der Borse beseitigen. Wir konnen die Borsen nicht 
entbehren und haben deshalb auch nur dafiir zu sorgen, dafs der Borsen- 
verkehr sich in moglichst gesunden Formen bewege. Die I^osung dieser 
Aufgabe fallt in das Gebiet der inneren Handeispolitik. 



Zweiter Teil. Die Handelspolitik. 

1. Kapltel. Die Handelspolitik Im allgemeinen. 

§ 1. Begriff imd Arten der Handelspolitik. Uhter Handelspolitik 
verstehe ich die Gesamtheit der Mafsnahmen, mit denen die Sffentliclie 
Gewalt eine immittelbare Einwirkung auf den Handel beabsichtig:t. 

Diese Begriffsbestimmung, die von den liblichen abweicht, bedarf 
einer kurzen Rechtfertigung. 

Auf den Handel und seine Verhaltnisse wirken fast alle Mafsnahmen 
der offentliclien Gewalt sowohl im Innem des I^ndes als auch hin- 
sichtlich der Beziehungen ziim Auslande in irgend einer Weise ein. Die 
Art, wie das Gemeinweseu im Auslande vertreten wird, die freundlichere 
oder unfreundlichere Gestaltung der Beziehungen zu fremden Nationen^ 
der Ausbau imd die Handhabung des allgemeinen biirgerlichen Bechts, 
die Ordnimg der Staats- und Gemeindefinanzen, die Regelung des Mafs-, 
Gewichts-, Geld-, Bank-, Versichenmgs-, Eisenbahn-, Post-, Telegraphen-, 
Wasserstrafsen-, Militarwesens und wie die Dinge alle heifsen, sie alle 
haben auch fiir den Handel Bedeutimg und konnen giinstig oder un- 
giinstig auf ihn einwirken. WoUte man deshalb alle diese Bethlitigimgen 
der offentlichen Gewalt als Handelspolitik bezeichnen, so wtirde die ge- 
samte innere und aufsere Politik unter diesen Bcgriff zu reehnen sein. 
Thatsachlich machen wir aber durchweg eincn Untersehied zwischen 
Politik im allgemeinen und Handelspolitik im besonderen. Wir betrachten 
die Handelspolitik als einen besonderen Zweig der Politik uberhaupt, wir 
setzen also stillschweigend voraus, dafs nur ein bestimmter Kreis der 
Bethiitigungen der offentlichen Gewalt der Handelspolitik zuzurechnen 
sei. Welcher Kreis kann das sein? Soil der Begriff ^Handelspolitik" 
nicht ganz vcrschwommen sein, so kann er sich nur auf die Mafsregeln 
beziehen, deren bewufster Zweck in einer unmittelbaren Einw^irkung 
irgend welcher Art auf den Handel besteht, bei denen also die offent- 
liche Gewalt eine solche unmittelbare Einwnrkung auf den Handel beab- 
sichtigt Alles andere, dessen Zweekbestimmung nicht in dieser Richtung 
liegt, mag geeignet sein, mittelbare Einwirkungen auf den Handel zur 
Folge zu haben, aber zur Handelspolitik gehort es nicht, 

Hierbei ist ausdriicklieh die Rede nicht von einer unmittelbaren 
F(»rdenmg des Handels, sondeni von einer ^unmittelbaren Einwirkung 
auf den Handel". Eine Einwirkunir auf den Handel kann fordemder 



1. Kapitel. Die Handelspolitik im allgeracineii. 313 

oder hemmender Art sein. Keide Seiten der Sache miisseii beriicksichti^ 
werden. Nur die Forderung; der Handelsinteressen als Au%abe der 
Handelspolitik hinzustellen, wurde den thatsaeli lichen Verhjiltnissen wider- 
sprechen. Der Handel ist nur eine unter den vielen Aufseningen des 
Volkslebens. Die Handelspolitik kann also aueh nur eine unter den ver- 
schiedenen Riehtungen der Politik des Gemeinwesens sein. Darin liegt 
eine wesentliclie Schranke fiir die Bethiitigung der Handelspolitik. Soweit 
sie eine unuiittelbare Forderung der Handelsinteressen beabsichtigt, ist 
sie docli zu einer riicksiehtslosen Verfolgung dieser Interessen nicht ini 
stande, weil sic sicb selbst nicht aus deni Zusammenhang mit der Politik 
iiberhaupt und weil sie den Gegenstand ihrer Forderung, die Handels- 
interessen, nicht aus dem Zusanunenhange mit deni ganzen Volksleben 
herauslosen kann. Dieser Zusammenhang bedingt, dafs — sovvie Mafs- 
regeln der aJlgemeinen Politik die Handelsinteressen beriihren — die Mafs- 
nahmen der Handelspolitik audi wieder zuriickwirken auf die Interessen 
anderer Zweige des Volkslebens. Die Kaufleute wird das nicht hindern, 
ilire besonderen Interessen mit aller Schiirfe und ohne jingstliche Ab- 
wagung der Riickwirkung auf andere Interessen wahrzunehmen, und 
Xiemand kann ihnen das zum Vorwurf machen. Sie thun dabeinur dasselbe, 
was andere Kreise audi thun. Es ist auch an sich durchaus wiinschens- 
wert, dais die besonderen Interessen der einzelnen IJerufszweige unver- 
hiillt zum Ausdruck kommen. Aber die offentliche Oewalt kann sich 
nicht zum Tragcr dieser unverhiillten Sonderinteressen machen. Sie kann 
nicht in der Handelspolitik die Interessen der Kaufleute, in der (lewerbe- 
politik die Interessen der Gcwerbetreibenden, in der Verkehrspolitik die 
Interessen der Verkehrsanstalten , in der Bankpolitik die Interessen der 
Banken u. s. w% riicksichtslos zu fordern suchen. Sie wiirde dann fort- 
wiihrend mit sich selbst in Widerspruch geraten und den Interessengegen- 
satz der einzelnen Berufszweige auf die Jlafsregeln der iiffentlichen Gewalt 
iibertragen. Die offentliche Gewalt hat iiberhaupt nicht die Aufgabe, die 
Einzelinteressen als solche und um ihrer selbst willen zu fordern, sondem 
ihre Aufgabe ist, das Gesamtinteresse wahrzunehmen. Soweit dieses 
Gesamtinteresse durch Forderung von Einzelinteressen auch seinerseits 
dauemd geftirdert w ird, kann die offentliche Gewalt naturlich die Einzel- 
interessen unterstiitzen. Soweit aber die Einzelinteressen in Kollision 
mit dem Gesamtinteresse kommen, hat die offentliche Gewalt das letztere 
voranzustellen und der einseitigen Verfolgung der Einzelinteressen ent- 
gegenzutreten. Ubertriigt man das auf die Handelspolitik, so ergiebt sich 
sofort, d<*ifs sie sowohl fordernd als auch hemmend auf den Handel eiii- 
wirken mufs, wenn das Gesamtinteresse gewahrt bleiben soil. Die Auf- 
gabe der Politik iiberhaupt beschriinkt sich auf die F()rderung des 
Gesamtinteresses, die Aufgabe jedes Specialzweiges der Politik besteht 
ebenfalls in der Forderung des Gesamtinteresses, aber gerade deshalb 



314 Zwciter Teil. Die Ilcandclspolitik. 

iiiclit ledi^iich in der Fordenin^ dcr Interessen des in Frage komnienden 
oinzelnen Zweiges der Volkswirtscliaft. 

Deni trjit^t die vorangesteiite Be^riffsbestimnmng Rechnung, da sie 
sowohl die fordernde als ancli hennnende Einwirkunj; aiif den Handel 
nniscliliefst. 

Anch wenn man sich anf den Handel als solchen znriiekziehen will, 
kann man als Anf||ral)e der Handelspolitik niebt einfach die Forderan^ 
der Handelsinteressen bezeichnen. Innerhalb des so mannigfaeh gearteten 
nnd so viel^estaltigen Handels <^iebt es nnr ganz weni^e Interessen, die 
iiberall niit den gleiclien Mafsnahmen befriedi^t werden konnen. Viel hau- 
fi«:er liegt die Saehe so, dafs, was dem Einen niitzt, eineni Anderen schadet. 
Es kann deshali) aneh niclit von der Handelspolitik verlan^ werden, 
dafs sie die Handelsinteressen scblecbtbin fiirdcre; vielmebr nnifs sie aueli 
bier die anseinanderj»:ehenden Interessen nacb ibrer Tragweite fur die 
(lesamtlieit abwii*ren und kann nur da fordernd in die Verhaltnisse des 
Handels ein«:reifen, wo es dem Gesamtinteresse dienlicli ist, und wird da 
benimend einwirken miissen, wo es im Gesamtinteresse erforderlich ist. 

Die tbatsaeblicben Vor«ranp:e auf dem (iebiet der Handelspolitik be- 
stiitigen die Ricbti^kcit des Gesa^en durcbans. Von den IFafsre^eln, 
die iibereinstimmend der Handelspolitik zugerecbnet werden, sind niebt 
weni«z:e, z. B. die im Interesse der Konsumenten ergriffenen, bemmender 
Art fiir den Handel. I'berbaupt nimmt fast ausnabmslos Niemand An- 
stofs daran, Mafsregeln, die den Sebutz der Konsumenten betreffen, als 
Hetbati^un«?en der Handelsi)olitik zu bezeielmen. Diesem Umstande niufs 
aber aueb die He^riffsbestimmun<r Recbnung tra^en, und das wird oft 
niebt geniigend beaebtet. 

Die Handelspolitik pfle^t in innere und aufsere Handelspolitik ge- 
sebieden zu werden. Wir konnen diese ber^ebracbte Einteilun^ beibe- 
balten, weil das (lesamtinteresse, dessen Wabmebmung der Handelspolitik 
oblie^^, sowobi im inneren Verkebr als aueb bei den wirtscbaftlicben 
Beziebungen zum Auslande eine Einwirkun*^ auf den Handel noti«: macbt. 
Aber man mufs sieb dal)ei klar maeben, dafs der Ausdruck ^Handel" 
einen verscbiedenen Sinn bat, jenaebdem es sieb urn innere oder aufsere 
Handelspolitik <lrebt. Die Bezeiebnung „innere Handelspolitik" beziebt 
sieb auf den Handel im engsten Sinne des Wortes, auf den Kaufmanns- 
bandel, der sieb mit dem Vertrieb der Erzeugnisse anderer befafst Bei 
der jiufsenMi Handelspolitik spielt dieser Kaufmannsbandel zwar eben- 
falls eine wicbtige Rolle, aber die aufsere Handelspolitik greift — wic 
sebon im ersten Teil bet(»nt — weit dariiber binaus; sie erfafst aueb 
den Fabrikbandel, die (Uiterbewegung als solebe, die ganzen wirtsebaft- 
licben Beziebungen zum Auslande, mit einem W(>rte Alles, wa« irgend- 
wie dazu dient, die riiumliebe, zeitliebe und persi'mliebe Trennung der 
Konsumenten von den Produzenten fiir die Bedarfsversorgung unscbild- 



1. Kapitel. Die ilandelspolitik im :illgeineiiieii. 315 

lich zu machen. Daraus erkliirt es sich audi, dafs man die Sehiffahrts- 
politik als einen Zweiiic der aufsereii Haudeispolitik zu betracbten sicb 
f^ewobnt hat, obwobl sie unter den en^eren Be^riff „Handel" nicbt zu 
bringeu ist. 

Der Tra«|,^er der inneren wic der iiufseren Handeispolitik ist die 
offentlicbe Gewalt. Darunter ist aber keineswe^ nur der Staat als die 
oberste Stufe der Gewalt zu versteben. Ini Mittelalter waren es viel- 
niebr vorzugsweise die in den stiidtiscben Genieinwescn verkr)rpcrten 
iiffentlicben Gewalten, die sicli der inneren und aiilseren Handeispolitik 
widmeten, wiibrend die Staatsgcwalt als solcbe nur wenig in diese Dinge 
eingriff. Fiir die innere Uandelspolitik baben die stiidtiscben Geniein- 
wesen aucb beute nocb einc Bedeutung, die allerdings binter der des 
Staates weit zuriicktritt. Fiir die aufsere Handeispolitik dagegen ist der 
Staat ganz an die Stelle der stiidtiseben Gewalten getreten. Die iiber- 
wiegende Bedeutung, die biernaeb jetzt dem Staat als Trager der Handeis- 
politik zukoninit, crklart sicb zuni Teil aus der Steigerung der Aufgaben, 
die dem Staat von der r)ffentliclien Meinung zugewiesen werden, vor 
allem aber aus der Verscbiebung der Verkebrs- und damit iiberhaupt 
der Wirtscbaftsverbaltnisse. 

Dank der grofsen Fernwirkung des heutigen Verkebrswcsens bat 
das wirtscbaftlicbe I^ben sicb aus der fruberen Zersplitterung in zabl- 
reiebe Wirtscbaftscentren kleinen Umfangs berausgearbeitet, und die gegen- 
seitige Beeinflussnng der wirtscbaftlicben Arbeit der einzelnen Bezirke 
orstreckt sicb jetzt iiber weite Gebiete, nicbt nur des I^mdes, sondem 
der Welt Das mufste zur Folge baben, dafs diejenige Stufe der offent- 
lieben Gewalt, welcbe iiber den Interessen der engeren Gebiete stebt, 
also der Staat, die Aufgaben der Handeispolitik immer niebr auf sicb 
nabm, weil nur an dieser Stelle die voile Wabrung des Gesamtinteresses 
moglicb ist. 

§ 2. Die Organe der Handeispolitik. Die besonderen Organe der 
Borsenpolitik, wie Staatskommissare, Borsenausscblufs u. s. w., sind scbon 
bei Bebandlung der Borse besprocben und bleiben desbalb bier aufser 
Betracbt Im iibrigen kommen mittelbar als Organe der Handeispolitik 
fast alle Gemeinde-, Staats- und Reicbsbebtirden in Betracbt, soweit sie 
bei der Ausfiibrung der bandelspolitiscben Mafsnabnien der Gesetzgebung 
und Verwaltung mitzuwirken baben. Aucb diese scbeiden liier aus. Es 
bleiben also nur diejenigen Organe zu besprecben, die unmittelbar niit 
der Bearbeitimg der Handelsangelegenbeiten befafst sind. 

Derartige Organe stellen sicb durcbweg als Centralbeborden dar. 
Ihre Entwicklung gebort der Neuzeit an. Sie erscbeinen meist als Mi- 
nisterien, denen aber in der Reg:el nicbt lediglicb die Handelsangelegen- 
beiten unterstellt sind. In Preufsen batte scbon Friedricb d. Gr. 174S 
eine Centralstelle in dem Departement fiir Post-, Kommerz- und Manu- 



316 Zweiter Teil. Die Handclspolitik. 

faktursachen geschaffen. Ais 1810 in Preufsen Ministerien eingefiihrt 
wurden, sah man ein besonderes naiidelsministerium nicht vor. Die 
Ilandelsangelegenheiten wiirden deni Minister des Innern iinterstellt Am 
17. April 1848 erst wurde vom Ministerium des Innern ein besonderes 
Ministerium fur Handel, (Sewerbe and offentliche Arbeiten abgezweigt^ 
dem audi das Berg-, Hutten- und Salinenwesen zugewiesen war. 1878 
wurde von diesem Ministerium ein Ministerium der offentlichen Arbeiten 
einschl. Berg-, Iliitten- und Salinenwesen abgezweigt und das Handels- 
ministeriimi auf Handel und Gewerbe beschrankt. 1890 kam das Berg-, 
Iliitten- und Salinenwesen wieder an das Handelsministerium. Seine 
Aufgabe geht also weit iil)er den Handel binaus. Die Handelsange- 
legenbeiten werden in der I. Abteilung des Ministeriuifls besorgt 

Als gutachtliehes Centralorgan fiir volkswirtschaftlicbe Angelegen- 
beiten, ako aueb fiir Handelsfragen wurde in Preufsen 1 880 der „Volks- 
wirtschaftsrat^ gesebaffen; von desseu 75 Mitgliedeni — auf 5 Jabre 
berufen — wiiblt der Konig 15 aus einer doppelten Kandidatenliste aus, 
die von den Handelskamniem, kaufmiinniseben Korporationen und land- 
wirtsebaftlieben Vereinen aufgestellt wird, wabrend die iibrigen 30 vom 
Kcinigc unmittclbar emannt werden. Ini Volkswirtschaftsrat bestebt eine 
besondere Sektion fiir den Handel. 

Im Deutscben Reicb, deni die Beaufsicbtigung und Gesetzgebung in 
Bezug auf Zoll- und Handelsangelegenbeiten zustebt, bat der Bundesrat 
einen dauemden Ausscbufs fiir Handel und Verkebr. Fiir die auswartige 
Handelspolitik bestebt weiter im Auswiirtigen Amt eine handelspolitische 
Abteilung. Im iibrigen untersteben die Handelsangelegenbeiten dem 
Reicbsamt des Innern neben vielen anderen Materien. 

In den deutscben Einzelstaaten mit Ausnabme Preufsens sind die 
Handelsangelegenbeiten dem Ministerium des Innern zugewiesen. In 
Wiirttemberg stebt unter diesem Ministerium eine Centralstelle fiir Ge- 
werbe imd Handel, in welcber neben den Beamten aucb sachverstiindige 
Beiriite sitzen. 

In England ist die Ontralstelle fiir die Bebandlung der Handels-, 
Verkebrs- und Gewerbeangelegenbeiten in dem board of trade zu er- 
blieken, desseu Vorsitzender als Ilandelsminister erseheint. Der board 
of trade (1695 erricbtet, 1782 aufgeb'ist, aber sebon 1784 wieder erricbtet) 
ist eigentlicb (mu beratendes Kollegium bervorragender Staatsbeamter und 
mit dieser Aufgabe als Komitee <les ,,Gebeimen Rates'' eingericbtet, im 
l^aufe der Zeit sind ibm aber viele stiindige Verwaltungsfunktionen iiber- 
tragen worden. 

In Frankreieb batte Na])oleon I. ein Ministerium fiir Handel und 
Gewerbe erricbtet. Es wurde in den 20er Jabren mebrmals aufgeboben 
und wieder eingericbtet. Erst seit 1831 bestebt es dauernd. 1839 wurden 
die (jffentlicben Arbeiten abgezweigt und eincm besonderen Ministerium 



1. Kapitel. Die HandeLspolitik im allgemcinen. 317 

ubenviesen. Die Bearbeitnng des Handels ist ini Ilandelsnimisteriuni 
einer besonderen Direktion zu^eteilt, neben der bisher noch drei, seit 
IS99 noch 4 andere Direktionen besteben. Auch der Ackerbau ist diesein 
Minister unterstellt. Daneben besteben noch ein conseil suix^rieur du com- 
merce und ein conseil ^^neral du commerce als ^utachtliche Centralorgane. 

Auch in anderen Staaten sind besondere Tlandelsministerien vor- 
handen, denen aber regelmafsi^ noch andere Z\veig:e zugeteilt sind, bahl 
die <)ffentlichen Arbeiten, bald das Wasserwesen, bald das Gewerbewesen, 
bald <ler Ackerbau u. s. w. Mehrfach, wie in Belgien, Rufsland, Italien, 
sind noch gutachtliche Centralorgane neben dem Ministerium vorhanden, 
deren stoatsrechtliche Stellung natilrlich verschieden ist. In Oesterreich 
hat ini Jahre 1898 die Regierung eine Nachbildung des preufs. Volks- 
wirtschaftsrates in (lestalt eines ^Industrie- und Landwirtschaftsrates" 
enrich tet Derselbe gliedert sich in zwei Sektionen von je 75 Mitgliedem. 
Die bier in Betracht kommende Sektion fiir Handel, Gewerbe und In- 
dustrie hat eine handelspolitische, eine Export- und eine Industrieabteilung. 
Von den 75 Mitghedern dieser Sektion werden 34 durch die Handels- 
und Gewerbekammem und 21 durch industrielle Vereine gewahlt; die 
iibrigen 20 emennt der Ilandelsminister. In Ungarn ist ebenfalls bald 
darnach ein gutachtliches Centralorgan in Gestalt des „Landesindustrie- 
rates^ geschaffen. Es besteht aus 70 Mitgliedem, darunter 10 hohere 
Beamte, 12 vom Ilandelsminister und 2 vom Ackerbauminister eraannte 
und 24 von den Fachkorporationen und Vereinen und 22 von den 
Handels- und Gewerbekammem gewahlte Mitglieder. 

In welcher Weise die Central behiirden fiir die Verwaltung der 
Ilandelsangelegenheiten auszugestalten sind, ob als selbstiindige Ministerien 
oder als Glied einer Centralbehorde allgemeinen Charakters, lafst sich 
theoretisch nicht entscheiden. Mauches si)richt fiir die Aussondemug 
eines eigenen Ilandelsministeriums ; man darf im allgemeinen annehmen, 
dafs diese Aussondemng ein tieferes Durchdringen der Angelegenheiten 
und Eigentiimliehkeiten des Handels erleichtert, aber auch zur Entwick- 
lung eines gewissen Ressortfanatismus fuhren kann. Man kann ander- 
seits nicht leugnen, dafs auch bei der Cnterbringung der Handelsange- 
legenheiten in einem Ministerium allgemeinen Charakters, z. B. im 
Ministerium des Innem, die Miiglichkeit besscren Verstixndnisses fiir 
Handelsangelegenheiten gegeben ist, da auch bei <iiesem Vorgehen eine 
besondere Abteilung fiir die Handelsangelegenheiten eingenchtet werden 
mufs. Hier hiingt viel von den Persimlichkeiten und den Traditionen 
der Behorde ab, und die geschichtlich gewordenen Zustiinde in Bezug 
auf die Centralverwaltung der Handelsangelegenheiten lediglich aus 
theoretischen Erwiigungen abzuiindern, liegt kein (irund vor. 

Die Fragen der inneren und iiufseren Ilandelspolitik von einander 
auch in der Behordenorganisation scharf zu trennen, ist in der Regel 



318 Zwoiter Toil. Die Handclspolitik. 

niclit iii()glieh. Soweit aber die Anbalinuni^ der handelspolitischen Ver- 
trage niit deni Auslande von den fiir die sonstigeu IIandelsan«;:elegen- 
lieiten wirkenden Centralstellen abgelost wird, hat es viel fur sieli, sie 
niit der Verwaltun;^ der auswartigen Angele^^enbeiten zu vereinigen, da 
der Abschhifs handelspolitiseher Vertriige von der ganzen Bichtung der 
aiiswartigen Politik stark beeinflufst werden und zum Teil sogar durch 
dieselben P\inktionare gelien niufs, uin Widerspriiclie zu vernieiden. 

Benierkenswert ist, dafs nacb dem Gesagten die Verwaltung der 
Ilandelsangelegenheiten stets niit der Verwaltung anderer wirtschaftlicber 
Angelegenbeiten verbunden ist. Wenn aucb dabei die Entwickhing in 
den einzelnen liindern verscliiedene Wege gegangen ist, so zeigt sicli 
doeb iiberall, dafs man sieh beniiibt hat, die Hauptproduktionszweige 
mit dem Handel zusammenzufassen. Den inneren Grund dafiir darf 
man darin sehen, dais bei den fortdauernden und engen Beriihrungen 
des Ilandels mit der Produktion, fiir die er Bezug der Eohstoffc und 
Absatz der Erzeugnisse vermittelt, ein Auseinanderreifsen beider leicht 
gewisse Interessengegensiitze bis in die IFinisterialinstanz hinein fiihlbar 
maehen kann. Die gewerblichen Angelegenbeiten werden aus dieseni 
Grundc zweckmafsigerweise an derselben Stelle wie die Ilandelsange- 
legenheiten behandelt. Ob der Aekerbau dazu gelegt werden soil und 
kann, wird bis zu gewissem Grade von dem Umfang und der Bedeutung 
der gewerblichen Entvvicklung des Landes abhilngig gemacht werden 
miissen. Verkehrsangelegenheiten mit der Ilandelsverwaltung zu ver- 
einigen, k«ann insofern niitzlich sein, als dadurch die Handelsinteressen 
bei der Verkehrspolitik besser erkannt und beriicksichtigt werden konnen; 
es kann aber insofern naehteilig sein, als die Interessen der allgemeinen 
FinanzverAvaltung vielleieht nicht geniigend in Riieksicht gezogen werden, 
die doch bei diesen Dingen stark beteiligt sind. 

Die Erriehtung gutachtlicher Centralorgane lediglich fiir den'Handel 
hat gegen sieh die Gefahr, dafs die einseitige Vertretung der Handels- 
interessen sick auch in der Centralvervvaltung Geltung verschaffen kann. 
Will man also solche (Uitachterorgane eentraler Art iiberhaupt errichten, 
so w^ird man sie derart ausgestalten miissen, dafs die moglichst sach- 
liehc Abwagung der Interessen der einzelnen Erwerbszweige gegen ein- 
ander erleiehtert wird. Im iibrigen darf man die Bedeutung soleher 
Organe nicht iiberschiitzen. Da sie lediglich oder in weitaus iiber- 
wiegendem Mafse auf die gutaehdiche Aufserung beschrankt sind, so 
konnen sie eine dauemde Wirkung nicht entfalten; nur gelegentlich 
kommen sie zu Worte, wenn die Regierung einen Anlafs zu ihrer Be- 
fragung hat. Auf ihre Stimme zu horen, ist die Regierung natiirlich 
nicht veq)flichtet und kann sie nicht verpflichtet sein. Kann sie sieh 
mit der Stellungnahme des Gutachterorgans nicht einverstanden erkUiren, 
so kann ihr das Hindernisse in der Offentlichkeit bereiten, deren Uber- 



1. Kapitel. Die Handclspolitik im allgomeinen. 319 

windun^ Mulie iind Zeitverlust verursacht, und leielit wird das Anlafs 
^^eben, nur aufserst selten ein derartiges Organ zu befragen. Audi der 
preiifsiscbe Volkswirtscbaftsrat ist nur sebr selten in Tbiitigkeit getreten. 

Unter diesen Umstiinden fragt es sicb, ob man nicbt dasselbe und 
vielleicbt noeb mebr erreicbt, wcnn man statt eines dauernden, aber nur 
selten gefragten gutacbtliehen Centralorgans gelegentlich, wenn wicbtigo 
Fragen zu kliiren sind, besondere Sacbverstandigenkommissionen bildet, 
(leren Mitglieder riehtig auszuwablen mit Hilfe der freien und der shiatlicb 
geregelten Interessenvertretungen der beteiliglen Kreise ohnc Sehwierig- 
keit gelingen wird. — 

Haben die genannten Organe im Innern des T^ndes ihren Sitz, so 
begegnen uns in den Konsuln ,,detacbierte'*, d. b. vom Ileimatland raum- 
licb getrennte Beamte, die fiir die Ilandelsangelegcnbeiten zwar nicbt 
ausscbliefsHcb, aber doeb in binreicbend grofsem Umfange zu wirken 
haben, um bier als Organe der Handelpolitik mit erwiibnt zu werden. 
Der Ursprung des Konsuhitswesens weist ganz unmittelbar auf den 
Handel bin. Die Entwicklung kniipft an die mittelalteriicben Faktoreien 
der Kaufleute in fremden liindern an. 

Seit der Zeit der Kreuzziige batten die Italiener im naberen Orient 
solche Faktoreien erriebtet. Die Beamten derselben erbielten unter 
maneberlei anderen Befugnissen aucb das Recbt, Streitigkeiten ibrer 
I^ndsleute unter einander zu entscbeiden und die Kbigen der Inlander 
gegen die auslandisoben Kaufleute auszugleicben. Auf diese Bea,mten 
Ubeilrugen die Italiener die Amtsbezeicbnung eonsules, die ibnen bei 
stiidtiseben Beamten und Ilandelsricbtern gelaufig war. Die riebter- 
lieben Befugnisse der consules wurden dureb besondere Privilegien des 
beteiligten fremden Staates anerkannt. Aucb die Franzosen und Spanier 
erlangten im Orient derartige Privilegien. In den orientaliscben Ge- 
bieten bestanden die ricbterlicben Befugnisse der Konsuln lange fort und 
besteben zum Teil beute noeb. Aucb in den europaiscben liindern 
waren — namentlicb von den Ilanseaten — Faktoreien erriebtet worden, 
deren Vorsteber el)enfalls gewisse ricbterlicbe Befugnisse batten. In den 
liindern der europaiscben Kultur nabm der Stiiat immer mebr die llecbts- 
pflege selbst in die Hand, sodafs das Bediirfnis nacb ricbterlicben Ob- 
liegenbeiten der Faktoreivorsteber in Abgang kam und sicb zuletzt fast 
ganz verlor. Statt dessen scboben sicb bier mebr die Ilandelsinteressen 
in den Vordergrund. 

In unserer Zeit kommt die Wabrnebmung ricbterlicber Funktionen, 
also eine eigene ,,Konsulargericbtsbarkeit^, nur noeb in einigen Landern 
des naberen Orients, Asiens und Afrikas vor und berubt dort auf dem 
Ilerkommen oder auf besonderen Vertriigen. Im iibrigen liegt die Auf- 
gabe der Konsuln wesentlicb auf dem Oebiete des Scbutzes der Privat- 
interessen im intemationalen Verkebr. Zu diesen Privatinteressen geboren 



320 Zwciter Teil. Die Ilandelspolitik. 

aiicli die Ilandelsinteressen. Den Konsuln ist hinsichtlicli der Uandels- 
aiigelegenhciten ii. a. eine reji^elniafsi^re Bench terstattun^ uber die Handels- 
verbiiltuisise ilires Bezirks auf^egeben, dariiit sie auf diese Weise den 
Absatz der einheiniischen Erzeuf^isse in ihreni Gebiet erleichtern, wobei 
ini einzelnen natiirlich die Vorschriften verscbieden sind. 

Die Besebaffenbeit dieser Bericbtc ist namentlich in Deutschiand, 
aber aucb anderswo, in den Kreisen der Handel- und Gewerbetreibenden 
und bei deren Interessenvertretungen (Ilandelskaiumem u. s. w.) wahrend 
der letztai Jabre sebr oft beanstandet worden. Man tadelt namentlich, dafs 
die ]5erichte nicht auf eine geniigende volkswirtschaftliche Vorbildung der 
KonHulatsbeaniteu schliefsen lassen. Deshalb ist eine Bewegung im Gange, 
die eine entsprecbende Umgestaltung der Vorbildung der Konsuln herbei- 
fiibren will. Dabei handelt es sich uni die ^Benifskonsuln^, die nach 
deni Vorbilde Frankreichs vielfach an die Stelle der friiheren ,,Wahl- 
konsuln" getreten sind. Jene sind nnmittelbare Staats- bezw. Reichsbe- 
aiute, diese sind Kaufleute des betr. L;indes. Oegen die Wahlkonsuln 
besteht <las Bedenken, dafs der Kaufniann des freuiden I^ndes oft nicht 
diejenige Unabhangigkeit und Uninteressiertheit aufweist, welche der ihn 
zum Konsul bestellende Staat voraussetzen niufs. In den Kreisen der 
Handel- und (iewerbetreibenden wird diese Auffassung offenbar geteilt; 
andernfalls wiirde man sicberlicb das Zuriickgreifen auf Kaufleute des 
fremden I-iandes, die ja die dortigen Gescbaftsverbaltnisse am best^n 
kennen, empfeblen anstatt der veranderten, die volkswirtschaftliche Theorie 
und Praxis mehr beriicksichtigenden Vorbildung der Berufskonsuln. 

Das Ziel, das diese Bestrebungen mit Recht verfolgen, hat noch 
nicht erreicht werden krmnen. Neuerdings ist deshalb im Deutschen 
Reichstage (13. Miirz 1899) angeregt worden, ^kaufmiinnische Benifs- 
konsuln" anzustellen, d. h. ehemalige Kaufleute, die selbst keine Ge- 
schiifte nu^br treiben, als Konkurrenten also audi nicht mehr erscheinen 
kiinnen. Solche Personen wiirden jedenfalls durch ibre genaue Kenntnis 
der Oeschaftsverhiiltnisse ihres Bezirks wertvolle Anregungen bieten 
kr»nnen. 8ie sind aber Angehorige einer fremden Nation und verlieren 
dadureb an TJnl)efangenheit und sind oft aucb nicht unabhangig genug. 

Dafs eine Anderung wiinschenswert sei, bat die deutsche Reichs- 
regierung iibrigi^ns selbst anerkannt mit Worten und neuerdings mit 
Tluiten. Sie will zunjlcbst wichtigen deutschen Konsulaten besondere Sach- 
verstilndige (^Ihuuh^lsattacbes") beigcgeben. In den Vereinigten Staaten 
von Amerika hat die Reichsregierung damit bereits begonnen. Weitere 
Ilandelsattaches sollcn nach Siidamerika (zunachst nach Buenos Ayres) 
und nach der Tiirkei (zuniichst nach Konstantinopel) eutsandt werden. 
Diese Tersonen sollen insbesondere den Absatz deutscher Erzeugnisse in 
den betr. lilndern fiirdeni und zu dem Zwecke die wirtschafflichen Ver- 
bjiltnisse ilires Bezirks griindlich studieivn. 



1. Kapitel. Die Handelspolitik im allgcmoinen. 321 

Der Gedanke hat manches fiir sich. Bei riclitiger Aiiswahl sind die 
betr. Personen geeignet, manche Mangel, iiber die bis jetzt geklagt wurde, 
abznstellen und thatsachlich dem Absatz deutscher Eraeugnisse den Weg 
zu bahnen. Gleichzeitig sind sie politisch unbefangener, als die Kaiifleute 
des betr. fremden Staates selbst. Xur wird es notig sein, den Handels- 
attach6s die notige Bewegungsfreiheit und Selbstandigkeit zu sichem, 
weil sich sonst tiichtige Leute nicht zur Ubemahme solcher Posten be- 
reit finden wiirden. 

Aulserdem wird den offentlichen Blattem zufolge bereits eine Vorlagc 
ausgearbeitet, welche die Vorbildung der Konsuln anders regeln will. 
Anscheinend ist beabsichtigt, dafs die betr. Personen nach Ablegung des 
Referendariatsexamens fiir einige Jahrc eineni Konsulat zugeteilt wcrden 
und auch Gelegenheit erhalten, an Ort und Stelle in kaufmannischen 
Comptoirs zu arbeiten. Nach 3 Jahren sollen die Kandidaten alsdann 
nicht mehr das Assessorexanien, sondern das Konsulatsexanien ablegen, 
in welchein sie sich iiber Kenntnis der Sprache, der Geschichte, der staat- 
iichen Einrichtungen und der volkswirtscliaftlichen Verhaltnisse des Landes, 
in welchem sie sich aufgehaUen haben, iiber Kenntnis des Konsularrechts, 
des Seerechts und des Handelsrecht^ auszuweisen haben. Die Einzel- 
heiten des Planes sind noch nicht bekannt. 

Selbstv^erstandlich konnen die besten Berichte der Ilandelsattach^'S 
und der Konsuln nicht zur vollen Wirkung kominen, wenn sie nicht mog- 
lichst schnell veroffentlicht und moglichst allgemein unter den Interessenten 
— durch Verniittlung der Handelskannnern — verbreitet werden. 

Was die thatsiichlichen Verhiiltnisse aniangt, so hat sich die kon- 
sularische Vertretung Deutschlands im Auslande nach der dem Reichstag 
im November 1S97 vorgelegten Denkschrift iiber die ^Seeinteressen des 
Deutschen Reichs'' erheblich vermehrt. 

Deutschland, in welchem gegeniiber der friiheren Zersplitterung seit 
1867 das Konsularwesen Bundes- bezw. Reichssache ist, hatte im ganzen 
im Auslande: 

1872 1S9T 

Konsulate 556 697 

Daninter lienifskonsulate 29 92 

Das stiirkere Eindringen der Berufskonsuln in die konsularische Ver- 
tretung tritt hier deutlich zu Tage, weiter aber auch die erhebliche Ver- 
mehning der Konsulate iiberhaupt. Von den Konsulaten entfielen auf: 

Euro pa, emschl. des asiatischen Rufslands , ^^^^ 
und aussclii. der lialkanstaaten 

Konsulate 2S3 332 

Daninter Herufskonsulate .... 4 28 

andere (lebiete 

Konsulate 273 365 

Daninter Boruffikonsulatc* .... 25 64 

VAN DBB BoROiiT, Handel. 21 



322 Zweitcr Teil. Die Handelapolitik. 

An der Vermehrung sind liiemach vorzugsweise Uberseeische Ge- 
biete beteiligt. 

Was das Personal der Konsulate anlangt, so hatte DeutscUand: 

1872 1897 

Generalkonsuln 27 23 

Konsuln 320 364 

Vicekonsuln 164 222 

K(»n8ularagenten 62 105 

Attaches ^ ^_-_ • - ± ^ _ 

Summe ... 574 735 

Davon Beamte 36 123 

Aufserdem Kanzler, SekretSlre u. Dolmetscher 31 115 

Das bcriifsniafsige Personal hat mithin stark zugenonimen. 1872 
war nur etwa \u;, 1S97 dagegen fast [c des Personals dem bemfsmaXsigen 
Beanitentuui zuzurechnen. Immerhin aber spielt das nielit berufsnialsige 
Personal noch cine sehr grofse Rolle ini deutsehen Konsulatswesen, und 
man wird angesiehts dieser Zahlen den Wunseh nicht imterdriicken 
konnen, dais die Zahl der Wahlkonsuln noeh weiter vemiindert werde. 
Denn die vollen Ziele der konsularisclien Vertretiing lassen sieh mit Hilfe 
von Reaniten besser erreichen, als mit fremdlandischen Kaufleuten, sofem 
jene in der richtigen Weise geschult und von passenden sachverstandigen, 
aber deiti eigenen I^nde angehorenden Hilfspersonen unterstiitzt sind, — 

Zu den Organen der Ilandelspolitik sind weiterhin zu rechnen die 
staatlich geregelten und anerkannten Interessenvertretungen. Sie sind 
Hilfsorgane der offentliehen Verwaltung und haben die Aufgabe, sa<?h- 
verstandige Gutachten iiber Ilandels- (und Industrie-) Angelegenheiten zu 
erstatten, iiber die I^ge von Handel (und Gewerbe) zu berichten, durch 
Antnige zwischen den Behorden und den Interessenten zu verinitteln 
und weiterhin die Interessen der Handel- (und (iewerb-)Treibenden ihres 
Bezirks vvalirzunehinen. Zum Teil sind ihnen auch gewisse behordliche 
Befugnisse zugewiesen, z. B. Ernennung von Revisoren fur den Griindungs- 
hergang bei Aktiengesi^llschaften, Beaufsichtiguug von Borsen u. s. w. In 
Oesterreich haben sie auch politische Wahlreehte. 

llnndelskainniern (audi „Handels- und Ge\verl)ekanimeni'' genannt) 
finden sieh heute in ^4chr vielen liindern ; so in den Vereinigten Staaten 
von Amerika, in England, Frankreich, Italien, Holland, Belgien, Oester- 
reich-Ungarn, Diineniark, Luxemburg, Rumanien u. s. w. In Deutschland 
fallen an einigen Pliltzen ihre Funkti^mcn den „Korporationen der Kauf- 
numnschaft" bezw. deren Ausschiissen („Vorstanden*\ ,,Altesten" u.s.\v.) zu. 

Die Organisation der Handclskammern ist in den einzelnen Liindern 
sehr verschieden. In Hamburg, Bremen und Liibeck hjiben sie den 
Charaktcr staadicher Bchrtrden, in Grofsbritannien und den englischen 
Kolonien und in den Vereiniicten Stjuiten von Amerika sind sie freie 



1. Kapitcl. Dio Ilandelspolitik im allgcmcinen. 323 

Vereinigungen, in den nieisten Liindern haben sie einen offentlich reeht- 
lichen Charakter, wenn sie sich aucli hier wie iiberall aus Interessenten 
zusammensetzen. 

Die Mitglieder der Handelskainmem gehen aus der Walil der Be- 
teiligten hervor. Das aktive Wablrecht ist nicht ganz gleiehartig geordnet ; 
die Hauptmasse der Wahler sind aber iiberall die in das Ilandelsregister 
eingetragenen kanfnmnnischon und gewerblichen Firmen. Fiir die Fiihrung 
der laufenden Oeschafte bestellen die Handelskaniniem besondere Beamte; 
als eigentlicber (lescbaft^fiibrer ersclieint der Syndikus (Sekretiir), der 
heute in der Kegel wissenscliaftlieh — insbesondere volkswirtsohaftlieh, 
zum Teil audi juristisch — vorgebildet sein nmfs. 

Die Handelskanimern steben in vielen liindern unniittelbar unter 
dem llandelsniinister, baben aber ein weitgebendes Keelit dor Initiative. 
Eine Pflicbt zu ibrer Anborung bestebt indes fi>r die Staatsbeborden in 
der Kegel nicbt. Manebe Staatsbeborden unterbalten aber sebr rege ge- 
scbaftliebe Heziebungen zu den Handelskanimern. In Ungarn z. B. bat 
1898 der Handelsiiiinister regelniafsige Beratungen der Ilandelskaninier- 
sekretjire unter <leni Vorsitz des Vorsitzenden der zustiindigen Ministerial- 
abteilung angeordnet. 

Die Wirkung der Handelskaraniertbatigkeit bangt vorzugsweise von 
der Tucbtigkeit und Arbeitsenergie ibrer Mitglieder und leitenden Beaniten 
ab; dafs sie aber im sfcinde sind, bei guter Besetzung sebr erspriefslieh 
zu wirken und (Umii Handel und (rewerbfleifs ibres Bezirks wertvolle 
Dienste zu leisten, bat die Erfabrung bewiesen. 

Die ganze Einricbtung ist franzosiseben Ursi)rungs und entwickelte 
sicb, als die lokale (jlliederung der Handelsinteressen, wie sie der inittel- 
alteriicben Stadtwirtscliaft eigen war, der Zusanimenfassung des Wirt- 
scbaftslebens dureb die modernen Staaten weicben mufste. Bis dabin 
batten die stadtiseben Beborden als Tniger der Handelspolitik in den 
dem Mittelalter eigehtumlicben Korporationen der Beteiligten sacbver- 
standige Organe zur Verfiigung. Im modernen Staatswesen bedurfte es 
dafiir besouderer Organe. In Marseille — bezeicbnendenveise also in 
einem wicbtigen Seebandelsplatz — ist die erste Handelskamiiier als 
standige Einricbtung 1650 gescbaffen, nacbdem sebon vorber - seit 
1599 — jabrlieb eine Heibe von Kaiifleuten zur gemeinsamen Beratung 
der Handelsangelegenbeiten benifen.worden war. Die 1650 als standiges 
Organ erricbtete, mit einem Sekretiir als stiindigem Beamten verscbene 
Handelskammer war urspriinglicb nur ein komniunales Organ, wurde 
aber mehr und mebr zu einem staatlicben Organe. Die Kegiening be- 
forderte gegen Ausgang des 17. Jabrbunderts die Verbreitung ilbn- 
licber Organe. Sebon 1664 liatte CoLBEirr die Bildung von Handels- 
riiten angeregt. Im Jabre 1700 wurde dann ein conseil royal de com- 
merce erricbtet, also ein centrales gutacbtlicbes Organ, bestehend aus 

21* 



324 Zweiter Toil. Dio Handelspolitik. 

6 Staatsriiten und 14 Kaufleuteii, zu dessen Infonnation lokale Uandeis- 
kanniiern dieiien sollten, wie sie 1700 in Diinkirchen, 1701 in Lyon, 
Eouen, Bordeaux, Toulouse u. h. w. f^ebildet wurden. Bis zur Revolutions- 
zeit waren in Frankreich 13 Tlan<lelskamniem entstanden, die aber 1791 
auf^ehoben wurden; die Stimmung war danials solcben koqiorativen 
Organisationen iiberhaupt nicht giinstip. Napoleon I stellte 1802 die 
Institution der ITandelskamniem wieder her, und rait der franzosiscben 
Venvaltung wurde dann die Einricbtung iibertragen aiif Italien. Bel^en, 
Holland und West-Deutscbland. 

In Koln, Krefeld, Aaeben, Eupen, Malmedy und Stolberg wurden 
in der Zeit der franzosiscben Ilerrscbaft (1802) Handelskanimem erricbtet^ 
Sie blieben aucb nacb den FVeibeitskriegeu besteben, und ibre Zabl wurde 
dureb Koniglicbe Kabinettsorders bald vermebrt; Koblenz, Wesel M.-Olad- 
baeby weiterbin Barmen, Elberfeld, Diisseldorf, Duisburg, Essen, Lennep, 
Solingen und Mublbeini a. d. Rubr erbielten dadurch besondere Ilandels- 
kaniniem. Durcb Verordnung voni 11. Februar 1848 wurden in Preufsen 
aucb zum erstennial die Verbaltnisse der Handelskamniem geregelt, und 
auf dieser Grundlage vennebrteu sicb die Tlandelskannneni nocb waiter. 
Durcb Gesetz vom 24. Februar 1 870 wurde die Frage der ITandelskaminem 
gesetzlieb geregelt. Das Gesetz ist durcb Novelle vom 1 9. August 1 897 
in mebreren Punkten geandert und ergjinzt worden. Die wicbtigsten 
Anderungen, die das neue Gesetz einfiibrt, sind zu erblicken in der Befugnis 
der Handelskammem, Anstalten, Anlagen und Einricbtungen zur Fordenmg 
von Handel und Gewerbe, zur Ausbildung und Erziebung und zum 
sittlicben Scbutz der Gebilfen und Ijcbrlinge zu unterstiitzen, zu begriinden 
und zu unterbalten, und in der Verleibung der Recbte einer juristischen 
Person an die Handelskammem. Unabbiingig von den Handelskammem 
batten sicb daneben an Stelle der alten Kaufman nsgilden kaufmiinniscbe 
Koq>orationen in Berlin, Ktmigsberg, Memeh Tilsit, Elbing, Danzig, 
Stettin und Magdeburg gebildet, deren Organisation von derjenigen der 
Handelskammem abweicbt, deren Ziele und Aufgaben aber im wesent- 
licben mit denen der Handelskammem zusammcnfallen. In Magdeburg 
bat sicb inzwiscben die ^Kaufmannscbaft" in eine ILandclskammer um- 
gestaltet. 

Die Organisation der Handelskammem bat aucb aufserbalb Preufsens 
Wurzel gefafst, (so in Bayern seit 1847, in Wiirttemberg seit 1854, in 
Sacbsen seit 1SG1 u. s. w.) wobei sicb aber in den Einzelbeiten manche 
Abweicbung ausbildete. Jm ganzen gab es Ende 1898 in Deutscbland 
145 Handelskammem und kaufmanniscbe Korporationen, davon 89 in 
Preufsen, 9 in leaden, 8 in Bayern, S in Wiirtteml^erg, 7 in Hessen, 4 in 
F^lsafs-Lotbringen, 1 in Sacbsen-Koburg-Gotba und je I in Hamburg, 
Bremen, r.ubeck, Sacbsen-Weimar, Oldenburg, Braunscbweig, Anbalt, 
Beufs ji. L. und Ueufs j. L. 



1. Kapitd. Die Haudelspolitik im allgcmeinen. 325 

Als freiwilli^ gebildetes Centralorgan der nieisten deutschen Ilandels- 
kaminern besteht seit 1861 dcr ,,Deutsche llandelshig'', der in Berlin 
seinen Sitz hat. 

Die Frage, ob dureh die bestehende Ilandelskaninierorganisation die 
Interessenvertretung geniigend geordnet sei, ist streitig und hat insbesondere 
auch in Deutschland vielfach eine verschiedeue Beurteihing erfahren und 
viel Staub aufgewirbeh. Dafs nieht alle Ilandels- und Gewerbeinteressen 
in den Handelskaniinern eine nach Ansicht der Beteiligten ausreichende 
Vertretung fieden, wird freilich allgemein zugegeben. Die Ilandels- 
kamniem sind that^achHeh im wesentlichen Organe zur Vertretung der 
Interessen des Grofshandels und der Industrie bezw. des Fabrikhandels. 
Diese Verbindung hat an sich nianches fur sich, aber es bleil)t nieht 
aus, dafs in Zeiten, in denen sich die Interessen des Orofshandels und 
der Industrie scharfer scheiden, die eine oder die andere Gruppe sicli 
nieht geniigend vertreten glaubt. Auch abgesehen davon kann die Ilandels- 
kammerorganisation als unzureichend ersoheinen insofem, als sie terri- 
torial gegliedert ist und die verschiedensten Ilandels- und Industriezweige 
unifafst. Es giebt nianche Interessen, die in einer berufsniafsigen, dns 
ganze Land oder grufsere Bezirke unispannenden Organisation besser ihre 
Vertretung finden. Solehe berufsniafsige Organisation als einzige offi- 
zielle und gesetzlich geordnete Interessen vertretung zuzulassen, wiirde 
hedenklich sein, da hierbei die lokalen und bezirksweisen Verschieden- 
heiten der Interessen nieht geniigend beriicksichtigt werden, und da weiter 
eine solehe Organisation leieht mehr das Trennende als da.s Einigende 
zwischen den einzelnen (^iruppen hetvortreten lassen wiirde. Gleiehwohl 
besteht ein Bediirfnis naeh solehen Organen neben den Ilandelskanunern 
und hat sich in zahlreichen freien Untemehniervereinen zur Wahrung 
ihrer Interessen Ausdnick verschafft. Man darf darin ein deutliches 
Zeichen dafiir sehen, dafs naeh dieser Richtung hin die llandelskannuer- 
organisation nieht alien Bedurfnissen entspreelu^n kann. 

Nieht geniigend vertreten glaubt sich auch — un<l iwar nieht ohne 
Gnind — der Kleinhandel. Erst neuerdings sind auch Vertreter des 
Kleinhandels in die Ilandelskamniern eingeriickt, ini ganzen noch in be- 
schninkter Zahl. Ini iibrigen hat der Kleinhandel sich veranlafst gesehen, 
sich durch ein reich gegliedertes Netz freier Vereine selbst eine Inter- 
essenvertretung, wenn auch ohne gesetzliehe Regelung und ohne offizielle 
Stellung, zu sehaffen. 

Dariiber hinaus ist wiederholt eine vollstiindige Reform der offiziellen 
Interessenvertretung verlangt worden, ohne dafs sieh eine Einigung 
djiriiber hiitte erzielen lassen. Auf der einen i^eite will man bis in die 
untersten Stufen der Interessenvertretung die samtliehen Wirtschaftszwrige 
zusanimenlegen und die ganze Sonderung nach Interosengruppen auf- 
geben. Auf der anderen Seite hiilt man an dieser Sonderung wenigstens 



326 Zweiter Teil. Die Handelspolitik. 

fiir die imtereii Stufen der Interessenvertretring fest. Das erste Prinzip 
wiirde zur Aufhebunp: der jetzigen Ilandelskammerorganisation fiihren, 
.sie wurde durch Provinzialwirtseliafterate ersctzt werden miissen. 

Fiir beide (Snindanschaiuingen lassen sich beachtenswerte Griinde 
anfiihren. .Afir seheint es am zweckmafsigsten, beide Prinzipien derart 
niiteinander zu verbinden, dafs in den Unterinstanzen mogliehst im An- 
schhifs an das liestehende die Sondening nach Interessengnippen bei- 
behalten wird, dafs aber in den zu scbaffenden hoberen Inntanzen der 
Interessenvertretung die Sondening aufgegeben wird. Der daraus sich 
(Tgebende Aiisbau ist von mir in den Jabrb. f. Nat.-Ok. iind Statistik 
III. Foige Bd. XI S. 852 ff ^skizzie^t worden. Erwahnt sei an dieser 
Stelle nur, dafs als Unterstiife der Interessenvertretiing Landwirtsebafts-^ 
Handwerks-, Handels- bezw. Indiistriekaiiunem, notigenfalls auch Klein- 
bandelskanuuern in Betraebt koninien warden, sodafs jede Interessen- 
gni|)i)e aucb unein^^eschrankt zn Worte gelangen kann, iind dafs dariiber 
fiir <»:rr>fsere Bezirke ^Wirtscbaftenite'' und fiir da,s Reicb ein „Reichs- 
wirtscbaftsrat'' zu errichten sein wiirde, beides Organe, in denen die 
\ erscbiudenen Intoressengruppen zusaninienzufassen sein wiirden. 

Das Institut dor Ilandelskannnem iiber die I^indesgrenzen binaus 
zu entwickebi, also Rationale Ilandelskanmiem ini Auslandc als offizielle 
Interessenvertretung der im Auslande ansiissigen Kaufleute zu erricbten, 
das ist (^in (leilanke, der in Deutscblaud seit Anfang der 80 er Jahre 
wiederbolt erortert ist infolge der Anregungen der Handelskammer zu 
Stuttgart (18S1) und des Centralverbandes Deutscher Industrieller (1883). 
Iksonders lebhaft baben sicb spater die Ilandelskammem in Mannbeim 
(18S&) und in Magdeburg (1890) in eigenen Denkscbriften um die Forde- 
rung der Angelegenbeit bemiibt. IMsber bat das bei der Reicbsregierung 
keinen Widerball gefunden. Die einzige deutscbe Handelskammer im 
Auslande, dw 1894 in Briissel erricbtet wurde, ist obne Anregung und 
Forderung der Reicbsregierung entstanden. 

Zum Teil luingt das mit der (Testaltung der deutseben konsulariscben 
A'ertretung ini Auslande zusjimnien. Einen offiziellen Charakter kann 
man sol<*ben Aushindskammern nur durcb engere Verbin(hing mit den 
Konsnlaten geben; das aber bat nur Wert, wenn die Konsulate mit 
Persnnen besetzt sind, die griindlieb naeb der tbeoretiseben wie prakti- 
seb«*n Seite bin volkswirtsdiaftlieb gesebult sind. Immerbin kann auch 
obne (liese Voniussetzung die Regierung der Erriebtung von Auslands- 
kaniniern \'orsebub leisten durcb finanzielle Beibilfeu, durcb Herstellung 
gesrliaftliclier IJeziebungen mit den Konsulaten u. s. w. Die Einriebtung 
als solebe kann, weim tiielitige, gewandte und riibrige Personen in der 
Kamnier mitarbeiten, dem Exi)oi-t w^icbtige Dienste leisten und durcb 
sacbverstiindige Berichte, durcb direkte Beziebungen zu den Inlands- 
kanniiern u. derd. luebr dem Heimatlande und seinen im Auslande an- 



1. Kapitel. Die Handelspolitik im allgremeincn. 327 

sassigen Kaufleuten erbebliclien Nutzen schaffen. Deutecbland-s Export- 
interessen Bind so erheblich, dafs bier mit besonderen Organen wird 
eingegriffen werden miissen. Das Konsulatswesen, aucb wenn es anders 
als jetzt gestaltet wird, kann nicbt nocb die Aufgaben von Auslands- 
kammern mit erledigen. Neuerdings (1899) bat u. a. die Darmstadter 
Handelskammer fiir Konstantinopel, Smyrna und Atbeu, die Niimberger 
Handelskammer aufserdem aucb fiir London, New York und andere 
wichtige Platze die Erricbtung deutsclier Ilandelskammern empfoblen. 

Andere wiebtige Exportlander sind auf dieser Babn erlieblich weiter 
gegangen als Deutscbiand, imd die Erfabrungen sind im allgemeinen 
durcbaus giinstig. 

Zuerst bat die osterr. Regienmg 1870 in Konstantinopel eine Handels- 
kammer erricbtet, der spater Alexandrien (1885), Paris (1887), London 
(1888) und Salonicbi (1889) gefolgt sind. Die osterr. Auslandskammem 
werden mit Geldmitteln von der Regienmg gestiitzt und baben einen 
gewissen amtlicben Cbarakter. Italien bat 12 Auslandskammem (Paris, 
London, Konstantinopel, Tunis, Alexandrien, New York, San Francisco, 
Buenos Ayres, Montevideo, Rosjirio u. s. w.); diese Kammem sind freie 
Vereinigungen italieniseber Kaufleute, ibre Konstituienmg uuterliegt aber 
der Genebmigung des Ilandelsministers, sofern die Kammern regierungs- 
seitig anerkannt und ev. unterstiitzt sein wollen. 

Am meisten bat Frankreicb die Handelskammern im Auslande kul- 
tiviert und zwar als offizielle, von der Regierung als solebe anerkannte 
und mit Geldmitteln unterstiitzte Interessenvertretungen, die unter direkt^r 
Leitung oder unter dem Ebrenvorsitz des franzosiscben Gescbaftstragers, 
Konsuls oder Generalkonsuls steben. Die erste dieser Kammem entstand 
1876 in New Orleans, spater folgten Lima und Montevideo. Besonders 
lebbaft wurde die Bewegung auf diesem Gebiet seit 1883. 1883 wurden 
zwei, 1884 secbs, 1885 secbs, 1886 fiinf, 1887 secbs Auslandskammem 
erricbtet. Jetzt ist ibre Zabl etwa 30. 

England bat das Institut der Auslandskanmiem in Fonu freier 
Vereine entwiekelt und 1872 in Paris damit begonnen. In aufsereuro- 
pfiiscben Lsindem besteben nocb 28 soldier britiscber Ilandelskammem. 

Diese Tbatsacben zeigen, dafs man in anderen liindern der Ein- 
ricbtung der Auslandskammem ein lebbaftes Interesse entgegenbringt, 
das in der Ilauptsacbe aucb als begriindet anerkannt werden mufs. 
Deutscbiand wird bierin nicbt zuriickbleiben diirfen. — 

Das Institut der Handelskammem bat fiir die Gesamtheit namentlicb 
die Bedeutung, dafs cs die stiindige Mitarbeit der sacbverstandigen Kreise 
an der bandelsi)olitiscben Tbiitigkeit^der Beborden vermittelt und ermog- 
licbt Dessen wiirde es natiirlicb nicbt bediirfen, wenn die uffentlieben 
Beborden, insbesondere die des Staates, und die Mitglieder der Parla- 
mente selbst iiber die nr>tige Sacbkunde verfiigen wurden. Dafs ets jemals 



328 Zweiter Teil. Die Handelspolitik. 

durchweg dahin koniinen kiiunte, ist ausgeschlossen. Der Staat kaim 
seine Beamten nieht ausschliefslieli und allji^eniein zu Sachverstandigen 
des Handels heranbilden, und das niiifste geschelien, wenn sachverstandige 
Beirate entbelirlich werdcn sollen, da ja die Tbatigkeit der verschiedensten 
Staatsorgane auf den Handel einwirken kaun. Ware das aber moglich^ 
so ware es iiicbt einmal wiinschenswert, da das llandelsinteresse nur 
eines unter den vieien Interessen ist, dcren Pflege dem Staat und seinen 
Orgiinen unter steter Wabrung des daueniden Gesamtinteresses der Nation 
anvertraut ist. Eine einseitige Pflege dieses einen Interesses und der 
Zusehnitt der ganzen Vorbildung der Beamten auf dieses selbe eine Inter- 
esse wiirde den Staat zur Erfiillung seiner mannigfaltigen Kulturaufgaben 
weniger fjibig niacben. 

Auch dafs die Parlaniente Icdiglich Sachverstandige des Handels um- 
sehliefsen, ist niclit nioglicb und niebt vvunscbenswert, weil das Parla- 
ment keine einseitige Interessenvertretung sein darf, und weil in ibm alle 
Riclitungen d<^s Volkslebens zusaninienlaufen niussen. 

Es wird also nie dabin koninien konnen und diirfen, dafs auf die 
saebverstilndige Mitarbeit der Vertreter des Handelsstandes verzichtet 
werden Lanu. Wobl aber ist es wiinsebenswert, dafs bei der Ausbildung 
der Staatsbeamten, insbesondere derjenigen, welcbe niit Aufgaben der 
eigentlichen inneren oder iiufseren Handelspolitik zu tbun haben, auch 
auf die Aneignung des Verstiindnisses fiir volkswirtsobaftliche Fragen 
geniigend Bedacht genonunen wird. Die iiberwiegend juristische Vor- 
bildung, wie sie speciell in Preufsen fiir die boheren Verwaltungsbe- 
amten nieist nocb bestebt, bedarf jedenfalls einer ausgiebigeren Erganzung 
nach der volkswirtscbaftlicben Seite bin. Der Naehwuclis des btJberen 
Beanitentums mufs daran gewohnt werden, niebt nur die juristische, 
sondem auch die >virtsehaftlicbe Seite der Ersebeinungen des Erwerbs- 
lebens zu soben. Der Zweck einer solchen Erganzung soil und kann 
nicht sein, die ^litarbeit der Sacbverstiindigcn entbelirlich zu niachen; 
der Zweck ist viebnebr, diese ^litarbeit wirksanier zu gestalten. Die 
eifrigste und beste ilitarbeit der Sachverstandigen ist wirkungslos, >venn 
sie ini Bcanitenkr»rper niebt auf cinen aufnahniefahigen Boden trifft 
Die Gerechtigkeit erfordert, auszusprecben, dafs in der letzten Zeit in 
<lieser Beziebung in Priiifseii sicb eine gewisse Wandlung vollzogen hat, 
die der ViTbreitung vulkswnrtscbaftlichen Verstiindnisses in der Beaniten- 
^^(rhaft giinstig ist. Es wird aber niitig sein, diesen Gesichtspunkt auch 
in den Priifungsvorscliriften sorgfiihig zu bi^riicksicbtigen. 



3. Kapitcl. Die Innerc HaiidclspoHtik. 

§ I. Allgemeines. Die lierrscbcnde Anscbauung geht davon aus, 
(hifs (Icr Handel seiner inneriMi dnrcbans individualistischen Xatur nach 



2. Kapitcl. Die inuere Handclspolitik. 329 

voile Freiheit der Bewe^un^ ini Innern des I^ndes verlaiif^e, daLs die 
Politik des ,,I^isser aller^ seinem naturlicbeii Interesse entspreche, und 
dafs deshalb der Handel zunaclist und vor alleni da« ganze Wirtschafts- 
gebiet des Lande^j ungehindert miisse beackern kiinnen. Alsi das erste 
und wichtigste Ergebnis dieser Saclilage wird in der Regel die Besei- 
tigim^ der Binnenzolle bezeicbnet, deren iibertriebene verkebrshinderliebe 
Gestaltung bis in den Anfang des 19. .Jahrhunderts hinein ja zur (Teniige 
bekannt ist und bier nicht besonders gescbildert zu werden braucbt. 

Dieser ganze Ideengang sebeint niir niebt viillig zutreffen<i zu sein. 
Ob man deni Handel eine besondere ,,individualistisebe Natur'* zusprecben 
kann, ist sebr fraglich. Eine individualistiscbe Xatur hat scbliefslicb 
jeder Menseh, mag er Uandel treiben oder niclit. Der Handel ah soldier 
erzeugt niebt mebr Individualismus als andere Berufsarten. 

Wenn man als Kennzeieben der besonderen individualistiscben Natur 
des Handels angefubrt bat, dafs er sein fliissiges Kapital stets nacb der 
Stelle binzulenken sueht, wo er es am vorteilbaftesten verwenden kann, 
so ist aucb das dem Handel niebt eigentiimlicb. Jeder Menscb bat das 
Streben, seine Mittel an der vorteilbaftesten Stelle zu verwerten, soweit 
er iiberhaupt sein Interesse zu erkennen vernuig und darnaeb bandelt. 
Aucb der Industrielle sucbt sicb nacb Moglicbkeit die vorteilbaf teste 
Gelegenbeit zur Verwertung seines Kai>itals aus, und der Liuidwirt und 
Bergraann niebt minder. Diese Tendenz ist iiberall vorbanden und, 
soweit icb babe beobacbten konnen, durcbaus in gleicber Stiirke. Ein 
Unterscbied bestebt nur insofern, als die Moglicbkeit, dieser Tendenz 
nacbzugeben, nicht bei alien Berufsarten gleich grofs ist. .le mebr das 
Anlagekapital das Betriebskapital liberwiegt, und je fester jenes angelegt 
werden mufs, desto scliwerer wird.es, der Tendenz zu folgen. Fiir den 
Handel sind diese Scbranken deshalb geringer, weil er mit relativ ge- 
ringem Anlagekapital arbeitet, und weil das Betriebskapital bier wie 
iiberall leichter von einer Yerwertungsgelegenheit zu einer anderen iiber- 
gefiihrt werden kann. Der Handel kann also der Tendenz zur Benutzung 
der vorteilbaftesten Yerwertungsgelegenheit leichter folgen, aber die 
Tendenz selbst ist bei ihm nicht etwa aus inneren (Jriinden stiirker als 
anderswo. 

Dazu kommt noch ein Anderes. Xicht nur <Ias Ka])ital, sondern 
aucb die persouliche Arbeitskraft kann der Handel leichter zu einer 
neuen Erwerbsgelegeiiheit uberfuhren, als in der Regel der Industrielle, 
der Landwirt, der Bergmann. Das beruht darauf, dafs die Vorbildung 
zuni Betrieb der Warenproduktion sicb leicht ausschliefslicher zu ein- 
seitiger Fachbildung entwickelt, al^ die Vorbildung zum Warenvertrieb, 
der iiberhaupt eine vielseitige Vorbildung verlangt und ermoglicht. Die 
Vermittelung zwischen rroduzent und K(»nsument schrilnkt in der Uegel 
die Arbeitskraft und die materiellen Interessen und die geistige Be- 



330 Zweiter Teil. Die Handelspolitik. 

thati<ning uicht in deniselben Mafse auf eine Warenart ein, wie das Pro- 
<luzieren der Waren, sie bindet auch den Menschen weniger an seine 
Arbeitsstiittc, ja sie zwingt ilin dazu, mit seiner Person und mit seiner 
Arbeit grOfsere Gebiete zu durchmessen. Die Arbeit des Kaufmanns ist 
in der Kegel beweglieher als die des Produzenten. Der Kaufmann kann 
also auch der Tendenz, seine Arbeitskraft an der vorteilbaftesten Stelle 
zu vcnverten, leichter folgen, als die Angehorigen mancher anderen Be- 
rufsart; aber die Tendenz selbst bestebt Aviederum iiberall in gleicher 
Starke. Mir ist noch kein ilenseh begegnet, der nicht den Drang ge- 
babt hjittc, seine Arbeitskraft da zu verwerten, wo es ihni nacb La^ 
seiner Verhaltnisse am vorteilbaftesten ersehien. 

Jlit dem Gesagten ist der Gnind aufgedeckt, der zu deni Irrtum ge- 
fiibrt bat, als sei der Handel individualistiscber veranlagt als andere 
Berufsarten. Der Gnind dieses Irrtums liegt in der Thatsache, dafs die 
Art der Arbeits- und Kapitalverwertung dem Kaufmann mebr Beweglich- 
keit ermoglieht. 

Fiibrt nun diese Thatsache dazu, dafs der Handel in bcsondereni 
Mafse die Sicherung allgemeiner wirtscbaftlicher Bewegungsfreibeit von 
der inneren Handelspolitik fordem mufs? Die Thatsachen sprecben da- 
gegen. Der Handel bat stets und iiberall nur insoweit allgemeine Be- 
wegungsfreilieit gefordeit, als sie scinen Interessen entspricht, er bat sieb 
aber nirgends gescheut, Einschrilnkungen der Bewegimgsfreibeit zu ver- 
langen, wenn und soweit das seincn Interessen niitzlich war. Im Mittel- 
alter sucbte der Grofshandel der einzelnen Nation in freniden I^anden 
fiir sich moglichst viel Bewegungsfreibeit durch besondere Privilegien 
zu gewinnen; aber das, was man fiir sich erstrebte, anderen Nationen 
zukommen zu lassen, war keines>\egs das Ziel. Im Gegenteil, der 
mittelalterliche Grofshandel ist, soweit die Konkurrenz der Kaufleute 
anderer (iebiete in Betracht kam, durchaus vom Gciste der Aussehliefs- 
lichkeit beherrscht und sucht(> sich die Konkurrenz durch allerlei Be- 
schninkungen vom liaise zu halten. Durch die ganze Entvvicklung der 
Hansa gcht dieser Zug hindurch; die Politik der italienischen Stadte- 
republiken war nicht anders, und als im J 7. und 18. Jabrbundert die 
grofsen Ilandelskompagnien wichtige Gebiete des Grofshandels bearbeiteten, 
stiitzten sic sich wiedenim auf Privilegien und Monopole, welche andere 
nusschlossen. Soweit sich ein sefsbafter Klcinhandel entwickelt hatte, 
machten es die Stiidte ebenso. Sie haben sich redlich Miibe gegeben, 
dem fremden Kaufmann die Konkurrenz zu erschweren oder unmr^glicb 
zu nuichen. 

Wie steht es nun heuteV Der Handel verlangt auch jetzt die wirtschaft- 
liche Bewegungsfreibeit nur insoweit, als sie seinem Interesse entspricht 
oder nicht wi<lerspricht. Wo aber sein Interesse dadurch verletzt wird, 
scheut er sich heute ebenso wenig, Einschrankungen der Bewegung zu 



2. Kapitel. Die inuere Uaudelspolitik. 331 

fordern, als friiher. Er stand und steht in dieser Bezielum^c nicht anders 
da, als andere Berufszweige, die ihre Interessen zu wahren haben. Des- 
halb liegt auch in dem Gesa^en nichts, was irgendwie den Handel 
herabsetzen konnte. Wirtschaftlicbe lYa^en — von der politischen l>ei- 
beit ist bier nicht die Bede — sind vom Standpunkte der zuniiebst be- 
teiligten Kreise Interessenfragen, und Interessenfragen gegen das eigene 
wirtschaftlicbe Interesse zu beantworten, kann man den Beteiligten 
schlecbterdings nicht zuniuten. Das ist eben die Aufgabe der Ilandels- 
politik der offentlichen Gewalt im besonderen und ihrer Wirtscliafts- 
politik im allgemeinen, dafs sie sicb iiber den Standpunkt des Berufs- 
interesses erhebt und an alle Wiinsche und Fordeningen der einzelnen 
Berufsgruppen den Mafsstab des dauernden Gesamtinteresses aniegt. 

Man hat wohl in diesen Dingcn einen inneren Unterschied zwischen 
dem Grofs- und Kleinhandel finden wollen. Auch das ist nicht richtig. 
Die Erfahrungen zeigen, dafs der Grofshandel l)ei wirtsebaftlichen Fragen 
die Antwort ebenso sehr seinen Interessen ani)arst, wie der Kleinhandel. 
Die heute so vielfach befiirworteten bcschrankenden Mafsnahmen gegen 
ubermafsigen oder unlauteren Wettbewerb sind keineswegs nur vom 
Kleinhandel angeregL Verfolgt man die Thatigkeit der Handelskammeni 
in dieser Beziehung genauer, so sieht man sie vielfach ganz in derselben 
Richtung arbeiten, und in den Ilandelskammern ist mehr der Grofs- als 
der Kleinhandel vertreten. Soweit also der Grofshandel sich von der 
Befiirwortung beschninkender Mafsnahmen melir fernhalt als der Klein- 
handel ^ beniht das nicht auf inneren Verschiedenheiten der Grundan- 
schauungen, sondem auf den Verschiedenheiten der Interessen. Dem 
Interesse des weitausgreifenden Grofshandels entspricht vielfach die 
wirtschaftliche Bewegungsfreiheit besser als Beschrankungen ; er ist auch 
oft kraftig genug, sich ohne beschrankende Mafsnahmen der inneren 
Handelspolitik gegen unbequeme Verhaltnisse und Konkurrenten zu 
schiitzen, und er kann oft auch mehr die si)ateren Wirkungen der Be- 
schrankungen iibersehen, als der Kleinhandel, dessen Geschaftsleben sich 
ja in viel engeren Grenzen abspielt. 

Wenn man also oft als die oberste Richtschnur fiir die innere 
Handelspolitik die Sicherung moglichster wirtschaftlicher Bewegungs- 
freiheit hinstellt, so kann man das jedenfalls nach dem Gesagten nicht 
damit be^riinden, dafs der Handel aus inneren Griinden individualistischer, 
also im wirtsebaftlichen Sinne liberaler angelegt sei als andere Berufs- 
zweige. Die Forderung, dafs die innere Handelspolitik die Hindemisse 
der Bewegung des Handels soweit aus dem Wege riiumen miisse, als 
das Gesamtinteresse gestattet, kann man vielmehr nur darauf stiitzen, 
dafs der Handel aus jiufseren Griinden in Bezug auf Verwertung der 
Arbeitskraft und des Kajntals beweglicher ist ais andere IkTufszweige, 
und dafs man ihm die Ausniitzung dieser Fiihigkeit zu verweliren gar 



332 Zweiter Teil. Die Uandelspolitik. 

keinen Aiilafs hat, solange daraus anderen berechtigten Interessen kein 
Nachteil und derii Gesamtinteresse ein Vorteil nicht lediglich voriiber- 
gehender iVrt erwiichst. 

Zu eineni vollig passiven Verhalten der Handelspolitik kann das 
freilich nienials fiihren. Das wiirde unvereinbar seiu mit der schon er- 
wahnten Tbatsache, dafs ini Handel selbst die Interessen zu verschieden 
sind, als dafs ibm ini ganzen uiit einer V()lligeu Sehrankenlosigkeit bei 
Wabrnehniung der Handelsinteressen gedient sein kann. Es wiirde aber 
auch gegen den Gnindsatz verstofsen, dafs in eineni Reohtsstaate jedes 
Privatinteresse seine Schranken finden niufs an deni berechtigten Inter- 
esse Anderer und an deni (Jesanitinteresse. 

Was die Heseitigung der lUnnenzulle anlangt, so ist hierzu zweierlei 
zu benierken. Zuniichst steht fcst, dafs eine vollstiindige Beseitigung der 
r^innenzolle gar nicht eingetreten ist und auch nicht eintreten wird. Be- 
seitigt ist nur die iibertriebene Iliiufung von Binnenzollen rein fiskalischen 
Oharakters, wie sie friiher von deni I^ndesherrn bezw. der Staatsgewalt 
erhoben wurden. Xicht beseitigt sind staatliche BinnenzoUe, die nur die 
Deckung des Auf wandes bezwecken, wie z. B. gewisse Verkehrsabgaben ; 
nicht beseitigt sind ferner innerhalb desselben Wirtschaftsgebietes die- 
jenigon fiskalischen BinnenzoUe, die zuin Ausgleich der verschiedenen 
steuerlichen Behandlung der betr. Waren in den einzelnen Gebicten 
dienen. In Deutschland Isihmen nicht inehr, wie Fkiedhicii List in 
seiner bekannton Denkschrift von 1819 klagte, 38 fiskalischc ZoUlinien 
den Verkelir iin Innern Deutschlands, aber Ubergangsabgal)en bestehen 
in Deutscldand auch jetzt noch fiir einzelne Artikel: niimlich fiir 
Bier ini Verkehr zwis(*hen der Xorddeutschen Brausteuergenieinschaft 
und Bayern, Baden, Wiirtteinbcrg und Elsafs-IiOthringen, ferner fiir ge- 
schrotenes Malz an der bayrischen und wUrttembergischen Grenze und 
fiir Flcisch an der sachsischen und badischen (irenze. Nicht beseitigt 
sind weiter die Binnenzulle, die beim Eintritt in die Stiidte vielfach er- 
hoben werdcn. (Jlerade fiir (Hese (rruppe von Binnenzollen dehnt sicli 
das Anw(Mi(lungsgebiet neuerdings noch aus, und der Handel findet sich 
(lamit ohne besondere Schwierigkeit ab. Was sein Interesse erfordert, 
war also nicht die Beseitigung der BinnenzoUe iiberhau))t, sondem die 
Abschaffung der gehiiuften l>innenzolle, die sich auf Schritt und Tritt 
dem Verkehr in den Weg steUten. Dieses Ziel ist erreicht, weniger mit 
Kiicksicht anf die innere Eigenart des Ilandels, als deshalb, weil das 
staatliche fiskalische Interesse heut auf anderen Wegen ini allgenieinen 
be(iueiner und sogar wirksainer gewalirt werden kann, als niittelst der 
Binnenzr)Ue. 

Weiterhin ist zu benierken, dafs der Handel sich gegen die Binnen- 
ziiUe nicht deshalb kehrte, weil er aus iiineren (Jriinden besonders indi- 
vidualistisch geartet ist, sondem deshaU) weil der Handel jetzt allgemein 



2. Kapitel. Die iniierc Ilandelspolitik. 333 

fiber das cngstc Wirtschafts«rebiet liinaiis^reifen mufs. Iiii Mittelalter 
war das schon in gewissem Umfange beim Grorshandel der Fall, aber 
im ganzen war die lokale Reschriinkung und Glicdening des Wirt- 
sehaftslebens damals nicht besonders fiihlbar, weil die Masse der Er- 
zeugnisse, die zur Erreiehung der Konsiimenten des Ilandels bedurfte, 
meist iioch nicht so umfangreieh war, dafs der Absatz niir nocb in 
grofsen Gebieten erreicht werden konnte. lleute dagegen ist die Masse 
der Produkte, die durch den Handel an die Konsnmenten dirigiert werden 
miissen, so grofs, dats trotz des gesteigerten Konsnms das engere Wirt- 
schaftsgebiet weit iiberschritten werden niufs, uni iil)erliaui)t den Absatz 
zu gewinnen, und dats weiter bei der fortwahrenden Ersetznng der nnter- 
gebrachten Mengen dnrcli neue Massen von Produkten die Arbeit der 
Absatzgewinnung niit grofserer Intensitiit und schnellerer Ausnutzung 
gunstiger Gelegenheiten dnrchgefiihrt werden murs. Je mehr diese Aus- 
weitung des raumlichen Arl)eitsgebietes fUr den Handel notig wurde, und 
je mehr die Absatzgewinnung zeitlich zusamniengedrangt werden niufste, 
desto liistiger wurden dem Handel die inneren Zollsehranken — ebenso 
iibrigens an eh die Verkehrshindernisse, die aus der Rechtsungleichheit 
hervorgchen — , desto mehr drangte er auf die Zusiimmenfassung der 
einzclnen Gelnete des I^andes zu einem einheitliehen, nicht mit Verkehrs- 
hindemissen voUgestopften Wirtschaftsgebiet. 

Dieseni Drang nach nir)glichster wirtsehaftlicher Rewegungsfreiheit 
konnte nachgegeben werden, trotzdem das auf die eiuzelnen Teile des 
I^ndes wegen der Verscharfung der Konkurrenz zwischen denselben 
ungleich >virken nuiftse. Denn was daraus dem einen I^ndesteile etwa 
an Einengungen seiner wirtschaftlichen Erfolge erwachsen mufste, fand 
seinen Ausgleich in den Vorteilen anderer liandesteile, und das Gesamt- 
interesse konnte dadurch nicht beeintrachtigt werden. 

Ubrigens stimmen in der Forderung, dafs die Hewegungsfreiheit filr 
das ganze und durch Binnenziille thunlichst wenig unterbrochene Wirt- 
schaftsgebiet des I^ndes gegeben werde, Anhanger der verschiedenstcn 
volkswirtschaftlichen und handelspolitischen Richtungen i'lberein. Um 
nur zwei charakteristische Namen zu nennen, sei erwahnt, dafs Adam 
Smith, der beredte Vertreter des Gedankens des Freihandels, und J^ted- 
Kicn List, der eifrige Vorkiinipfer eines Industrie-Schutzzollsystems, in 
dieseni Punkte durchaus einer Meinung waren. Audi heute treffen in 
dieser Forderung Schutzzollner und Freihandler zusammen; nur bezUglich 
der Abgaben auf natiirlichen Wasserstrafsen hat sich bei einem Teile 
der Schriftsteller und Praktiker in der jiingsten Zeit eine Anschauung 
geltend geniacht, die, wenn sie zur Geltung kamc, dem Handel und Ver- 
kehr empfindliche Sturungen bereiten konnte. Von diesem engen Kreise 
abgesehen, wird heute allgemein — und mit Recht — die Beseitigung 
der Binnenzolle oder da, wo sie schon beseitigt sind, die Aufrechterhaltung 



334 Zweiter Teil. Die Handelspolitik. 

(lieses Zustandes, soweit er niit den Gesamtinteresfien vereinbar ist, als 
eine der wichtigsten Aufgaben der inneren Handelspolitik betrachtel. 
Nicht diese Forderung — ieli schliefse mich ihr durchaus an — , sondem 
nur ihre haufig geliorte Begriindung solltc hier wiederlegt werden; es 
sollte gezeigt werden, dais nicht eine besondere auf inneren Griinden 
heruhende Geeignetbeit des Ilandels zur Aufnahme individualistischer 
und liberaler Ideen, sondem thatsacblicbe Verhaitnisse nnd materielle 
Interessen zu dieser Forderung fiihren. — 

Im allgcmeinen liat die innere Handelspolitik mehr Aniafs zu f5rdem- 
deni Oder hemniendem Eingreifen beim Kleinhandel als beim Grofshandel. 
Vom Grofshandel macht ihr am meisten Sorge der Borsenhandel ; im 
iihrigen aber bethatigt sie sieh iiberwiegend beim Kleinhandel. ZufSllig 
ist das nicht. Zunilchst kommt in Betracht, dafs dem Kleinhandel als 
Kiiiifer im allgemeinen ein weniger geschjiftsgewandtes und mit den 
Verhaltnissen vertrautes und ein in wirtschaftlicher Beziehung weniger 
wideretandsfiihiges Publikum gegeniibersteht, als dem Grofshandel, sodafs 
mehr Anlafs vorliegt, das Kiiuferpublikum des Kleinhandels, die unmittel- 
baren Konsumenten, gegen Nachteile zu schiitzen, die sich aus diesem 
Umstande und der darin liegenden Versuchung ergeben konnen. Solche 
Nachteile sind beim sefshaften Kleinhandel moglich, noch mehr aber 
beim umherziehenden und deshalb einer stiindigen Kontrolle der 
Kaufer entzogenen Kleinhandel. Weiter aber kommt in Betracht, 
dafs der Kleinhandel in sich weniger Widerstandskraft gegen die 6e- 
fahren einer scharfen Konkurrenz hat, als der Grofshandel. Sowohl zum 
Schutze der Konsumenten als audi zum Schutze der Kleinhandler selbst 
mufs deshalb die innere Handelspolitik im Verhaltnis (»fter und stilrker 
eingreifen, als es beim Grofshandel der Fall ist. - 

Wenn nunmehr in den folgenden Paragraphen die Hauptgebicte der 
liethiitigung der inneren Handelspolitik kurz geschildert werden sollen, 
so ist vorweg daran zu erinnem, dafs bei den beschninkenden Mafsregeln, 
mit denen hegonnen werden soil, eine scharfe Gliedening nicht nioglich 
ist, da die ^erschiedenen Eiicksichten und Absiehten hier viefach durch- 
einander laufen. Jede Gruppit*rung des Materials kann deshalb leicht 
angefochteu werden; das wird man auch der naehstehend angewandten 
Gliederung zu gute halten miissen. 

§ 2. Beschrankungen des ansaiiigen HandeU aus polizeiliehen B&ck- 
sichten. Mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Gewerbefreiheit 
sind audi fiir den ansas??igeii Handel die friiheren Beschrankungen in 
Bezug auf die Zulassung zum Handelsbetriebe heseitigt worden. Gnind- 
satzlieh stelit es Jedem frei, das Handelsgewerbe zu ergreifen. Monoi>ol- 
artige Bevorzuguugen einztOner Personen oder (iesellsohaften finden in der 
Kegel niclit statt; es bleibt jedem Kaiifmann iiberlassen, sich selbst den 
notigen Abnehmerkreis zu er(»bern. Aber es wird dem Einzelnen, der 



2. Kapitc'i. Die innerc Handclspolitik. 335 

sich diesem Enverbszweig zuwenden will, ein niaterielles Hindernis 
seitens der Behorden nicht melir in den Weg gelegt, und auch kauf- 
niannische Korporationen und Innungen liaben nicht melir die Moglich- 
keit, andere vom Handelsgewerbe auszuschliefsen. Von dem Besitz 
des Biirgerrechts ist die Zulassung zum Handekbetriebe ebenfalls niebt 
mebr abhangig, wenn auch nach § 13 der Deutsclien Gewerboordming 
der Betreffende nacli Ablauf von 3 Jahren nach Beginn des Betriebes 
anf Grand entsprechender Vorschriften zur Erwerbung des Biirgerreelits 
gezwungen werden kann, so darf das doch nicht niit finanziellen I-Asten 
(Burgerrechtsgeld) fiir ihn verbunden sein, und die ErfuUung dieser Ver- 
pfliehtung kann nicht durch Untersagung des Betriebes erzwungen werden. 
Ein Befahigungsnacliweis wird von dem Kaufmann nicht niehr verlangt, 
ebensowenig der Nachweis eines bestinimten Venniigens, wie er friiher 
z. B. beira Buchhandel vorkani. Xur eine foniielle Verpflichtiing ist Im 
Eroffnung des Handelsbetriebes zu erfiillen. Ks niufs eine Anzeige von 
der Eroffnung des Betriebes an die zustilndige Ortsbeliorde erstattet werden. 
Buch- und Kunsthiindler , Antiquare, Verkiiufer von Dnickschriften, 
Zeitungen und Bihlern niiissen aufserdein das Geschaftslokal und dessen 
spateren Wechsel anzeigen. Die Unteriassung dieser Anzeigen zieht 
(Jeldstrafe nach sich, kann aber nicht zur Untersagung des Betriebes fiihren. 

Die (Jnindsiitze der Deutschen Gewerbeordnung. die denen anderer 
Kulturstaaten im wesentlichen entsi)reehen , stellen also die Freiheit der 
Zulassung zum Ilandelsbetriebe als Eegel auf. 

Weitere formelle Verpflichtungen werden durcli das Ilandelsrecht 
ausgesproehen. Kaufleute niiissen bci Eroffnung des Betriebes ihre 
Firnia, also ihren Geschaftsnamcn in das Ilandelsregister eintragen lassen. 
Das Deutsche Handelsgesetzbuch vom 10. ilai 1897 verpflichtet in § 20 
^jeden Kaufmann'^, seine i^rma und den ()rt seiner Ilandelsnieder- 
lassung zur Eintragung in das Ilandelsregister bei dem zustiindigen Ge- 
richt anzumelden und seine Firma zur Aufl)ewahrung bei dem Gericht 
zu zeichnen. Ausgenommen davon sind nach § 4 nur solche Personen, 
deren Betrieb fiber den Umfang des Kleingewerbes nicht hinausgeht. 
Bei Gesellschaftsfirmen , die als juristische Personen erscheinen, sind 
aufserdem noch der Gegenstand des Untemelnnens und die Mitglieder 
des Vorstandes und femer besondere Bestinmumgen der Satzungen Uber 
die Vertretungsl)efugnis des Vorstandes und iiber die Zeitdauer de^ 
Untemehmens anzumelden und die Satzungen und die T'rkunden iiber 
die Bestellung des Vorstandes einzureichen (§ 33.) Fiir die einzelnen 
Arten der GesellschaftsfirimMi sind diese Gnindsiitze dann noch weiter 
ausgebaut. 

Auch diese handelsrechtlichen ^'orschriften sind rein formeller Art, 
und ihre Nichtbeachtung kann zwar zu Ordnungsstrafen, aber niclit zur 
Untersagung des Bt*triebes fiihren. 



336 Zweiter Toil. Die Handelspolitik. 

Von der liiernach geltenden allgenieinen Kegel, daTs inateriell die 
Znlassuiig zum Handelsbetriebe nicht erschwert ist, sind Abweichungen 
nur soweit zuliissig, als die Ge,setze sie aussprechen. Solche Ausnahmen 
sind nun niehrfacli, vorwiegend aus i)olizeiIichen Riicksichten, vorgesehen. 

Die beuierkenswerteste iind praktiseh bedeutsamste Ausnahme, welche 
in der Oewerbeordnung vorhanden ist, betrifft den Kleinhandel mit 
Branntwein oder Spiritus. Dieser Zweig des Kleinbandels ist in § 33 der 
G. 0. mit deni Cfa^jt- und Schankwirtschaftsbetriebe gleichgestellt. Mit 
Rucksieht auf die gcfiihrlichen Wirkungen iiberraafsigen Branntweinge- 
nusses in sittlicher, wirtscbaftliclier und gcsundheitlicher Beziehung und 
auf die Ijciehtigkeit der Verfuhning zu solcbeni Genufs ist die Zulassung 
zum Kleinhandel mit Branntwein oder Spiritus konzessionspflichtig ge- 
maclit. Die Konzession kann uberall versagt werden, wenn die Person 
des Xachsuehenden oder das Gesehaftslokal ernste Bedenken erregen. 
Die I^indesregierungen konnen aber autserdem die Konzession von deni 
Naebweise eines vorhandenen Bediirfnisses abhangig machen, was in 
Preufscn, Sacbsen, Bayern, Wiirttemberg und Baden auch geschehen ist. 
Uberall ist vor Erteilung der Konzession die Ortspolizei- und Gemeinde- 
beluirde gutiichtlich zu boren. 

Diese Beschninkung beziebt sieh auf den Kleinhandel mit Brannt- 
wein oder Spiritus, sofern derselbe zum mensehlichen Genufs bestimmt 
oder geeignet ist. Der Kleinhandel mit denaturiertem Spiritus unterliegt 
der Konzessionspflicht nieht laut Bundesratsbesehlufs vom 27. Februar 1896. 

Von sonstigen Handelszweigeu , die in diesem Buehe zu beriick- 
sichtigen sind, ist keiner einer reiehsgesetzlichen Konzessionspflicht unter- 
worfen. Dagegen giebt die Gewerbeordnung in § 31 Abs. 3 den Landes- 
gesetzen das Recht, den llandel mit Giften konzessions])flichtig zu 
machen. Auf Grund dessen ist thatsiichlich — aufsor in Wiirttemberg — 
der (lifthandel fiir konzessionspflichtig erkUirt worden. Das Reichsstraf- 
gesetzbuch § 367 Ziffer 3 bedroht den Gifthandel ohne Konzession mit 
Geldstrafe bis zu 150 M. oder Ilaft. An der Berechtigimg dieser Be- 
schninkung zwcift'lt Niemand. Endlieh ist durch das Gesetz vom 9. Juni 
1884 betr. den verbrecherischen und gemeingefahrlichen Gebrauch von 
Sprengstoffen der llandel mit Sprongstoffen fiir konzessionspflichtig er- 
kljlrt worden, wjihrend er nach der Gewerbeordnung nicht konzessions- 
pflichtig, sondern nur dem gleich zu erwjihnenden U ntersagungsrecht unter- 
worfen war. S])rengstoffhandel ohne polizeiliche Erlaubnis zieht Gefangnis 
von 3 Monaten bis zu 2 .lahren nach sich. Jlier waren sicherheitspolizei- 
liche Riicksichten mafsgelK'nd. 

Im iibrigen ist diu Zulassung zum llandelsgewerbe im stehenden 
Betriel)e nicht erschwert. Die Gewerbeordnung kennt aber eine Reihe 
von stehenden llandelsbetrieben, die zwar ohne Erlaubnis betrieben, aber 
nnter bestimmten Vorausisctzungen untersagt werden konnen. Die Vor- 



2. Kapitd. Die inuerc Uaiidelspolidk. 337 

aussetzung ist die, daXs Thatsachen vorlie^eii, welclie die Unzuverlassig- 
keit des Ilandeltreibenden in Bezii^ auf den in Fra^e konunenden Be- 
rrieb darthun. Davon wird nacli § 35 Abs. 1—3 l)erulirt der Triklelhandel 
(d. b. Handel mit gebrauehten Sachen, wie Kleideni, Betten, Wasebe, 
Metall^erat), ferner der Kleinbandel niit Garnabfallen oder Draunien von 
Seide, Wolle, Bauniwolle oder Leinen, weiter der Handel niit Losen 
und niit Vieb. 

In diesen Fallen drebt es sieb daruni, solobe Eleniente beseitigen zn 
kcinnen, welcbe der Ileblerei Vorscbub Icisten (Trodelbandel, Handel niit 
(famabfallen) oder die Bevolkerung zur Spielsucbt oder zuni Spielen in 
verbotenen I^tterien verleiten (Losbandel) oder zu nnredlieben Manipu- 
lationen ^reifen (Viebbandel); es sind also sieberbeits- und woblfabrts- 
polizeilicbe Eiieksicbten , die bier niafsgebend sind. Die Novelle zur 
(fewerbeordnun^c vom 6. August 1896 bat nocb fiir zwei weitere Handels- 
zweige die Mofi^liebkeit der I'ntersagung zu*^elassen, fiir den Kleinbandel 
niit Bier, wenn der Handeltreibende wiederbolt \veg:en Zuwiderbandlung 
^egen die sebon erwilbnten Vorsobriften des § 33 d. (t. 0. bestraft ist, 
und fiir den (Grofs- und Klein-)Handel niit Droguen und cbeniiscben 
Pniparaten, sofern die Handbabung des Betriebes Leben und Gesundbeit 
von Menscben gefiibrdet. Aufserdem kann nacb den Bundesratsbescbliissen 
vom 27. Febniar 1 890 der Kleinbandel niit denaturierteni Branntwein 
von der Steuerbebiirde uutersagt werden, wenn Tbatsaoben vorliegen, 
welcbe <lie Unzuverliissigkeit des Gewerbtreibenden in Bezug auf die^sen 
Handelsbetrieb dartbuu. 

Jn air diesen Fallen bandelt es sieb niebt uni konzessionspfliebtige 
Ilandelszweige ; sie konnen von Jedeiii aufgenoiiinien werden^ wobei die 
sebon ervvabnte Anzeigepfliebt bestebt. tjberwiegende offentliebe Inter- 
essen raaeben aber das Recbt zur Untersagung des Betriebes unter den 
angegebenen Voraussetzungen notig. Bis vor kurzeni seblofs diese Unter- 
sagung den Betroffenen ganzlieb und dauernd von der Wiederzuhissung 
zum Betriebe des betr. Handelszweiges aus. Durcb das Gesetz vom 
H.August 1890 ist dies dabin geniildert, dafs der Betroffene naeb 1 Jabr 
seit der Untersjigung von der Lamleseentralbeborde oder von der durcb 
diese dazu enniicbtigten iieborde wieder zugelassen werden kann, obne 
indes darauf Ansprueb zu baben. 

Die Handbabung des T'ntersagungsrecbtes setzt eine bebiirdliebe 
Aufsicbt iiber den Betrieb voraus, und insofem leiten die angefi'ibrten 
Bescbninkungen iiber zu gewissen Pjngriffen in den Gescbjiftsbetrieb als 
solchen. 

Hier ist zuniicbst das Handelsrecbt von Bedeutung. Es verlangt 
Anmeldung von Anderungen der bei Eintragung der Firnia angemeldetr 
Tbatsacben, Anmeldung der Erriebtung von Zweigniederlassungen . <b!- 
Bestellung von Trokuristen u. s. w. zur P^intragung in das H:nHlel>- 

YAN UKR lii)i:Giii, (landol. 22 



338 Zweiter Tcil. Die Handelspolitik. 

register und stellt welter fiir die Kaufleute bestiinnite Nornien iiber Bucb- 
fiihrung, Inventuren und Bilanzaufmachung auf. Bei den Handelsgesell- 
schaften treten dazu nocb mancberlei Vorscbriften ttber GescbaftsfUhmng, 
Kapitalver^jcrOfserungen odor -Verniinderunfren, Liquidation u. s. w. hinzu, 
die bier nicbt im einzelnen besprocben werden konnen. 

Diefc>e handelsrecbtlicben Eingriffe in den Ilandelsbetrieb baben all- 
genieinen Cbarakter und dienen dem Zwecke, klare Gescbaftsverbaltnisse 
zu scbaffen. 

Aurserdeni finden siob Eingriffe in den Betrieb des sefsbaften Handels 
fiir einzehie Zvveige aus bestininiten polizeiHcben oder j>teuer- und wirt- 
scbaftspolitiscben Riieksicbten. 

Der Al)sicbt, eine regelmafsige und billige Bedarfsversorgung zu 
sicbern, entsi)rang friilier — in Zeiten besebninkter Leistungsfabigkeit 
der Verkelirsmittel — (*ine weitgebende bebordliebe Beeinflussung des 
Getreidebandels, und Reste diescr Fiirsorge der Geuieinde- bezw. Staats- 
bebcJrden baben sieli bis in das 19. Jabrliundert erbalten. Aucb ganz 
neuerdings ist aus diesem Gesichtspunkt beraus in England- die Erriebtung 
grofser staatlielier Gotreideniagazine befiirwortet worden, um fiir den Fall 
eines Krieges gegen das Abscbneiden der Getreidezufubr gescbiitzt zu sein. 

Ganz anderen Erwiigungen entsprang der letztbin wiederbolt er- 
orterte Gedfinke, den Handel niit auslandiscbeni Getreide zu monopoli- 
sieren. Der Antrag des Grafen v. Kanitz vom 7. April 1894 wollte, um 
dem landwirtscbaftlieben Notstande abzubelfen, der Regiening die Pflicbt 
auferlegen, den Ein- und Verkauf des zum Verbraucb ini Lande be- 
stimmten auslandiscben Getreide^ und Mebles fiir Eecbnung des Eeicbes 
zu iibemebnien und gleicbzeitig die Verkaufspreise nacb bestimmten Ge- 
sicbtpunkten festzusetzen. Ein jibnlicber Gedanke taucbte bei Winzem 
in Zeltingen an der Mosel fiir den Handel uiit auslandiscben Weinen auf. 

Der Gedanke de« Antrags Kanitz wurde im Winter 1895/96 nocli 
dabin erweitert, dafs er eine Monopolisierung des gesamten Getreide- 
bandels, also nicbt nur niit auslandiscbem, sondern aucb mit inlandiscbem 
(letreide, unischlofs. 

Diese Antriige waren mit den llandelsvertnigen formell unvereinbar 
und wegen des Aufneliniens rein sozialistiscber Gedanken und ibrer un- 
absebbaren j^raktisclien Konsequenzen unannebmbar und baben desbalb 
eine so encrgisolie Abwehr bei der llegierung und der Mebrbeit der Be- 
v()lkerung grfuudcn, dafs sie jetzt eine praktiscbe Gefabr nicbt mebr in 
sicb scldiefseu. rmmerbin sind sie erwabnenswert als ein Zeicben dafiir, 
bis zu wt'leben Anspriielieii die einseitige Verfolgung wirtscbaftlicber 
Interessen fiibren kann. 

Steuerpolitisclie Inten^ssen veranlassen Eingriffe in den Handelsiietrieb 
mit soleben Gegenstiindeu, die dureh Denaturierung fiir den menscblicben 
Konsum unl)rauebbar gemacbt sind. Viclfaeb bedeuten die^e Eingriffe 



2. Kapitel. Die innere Handelspolitik. 339 

sehr ernste Storungen des Betriebes. Die Einzelheiten wiirden liier zu 
weit fiihren. 

Sicherheitsi)olizeiIiche Beiichrtinkimgen des Ilandelsbetriebes liegen 
nanientlich bezuglich des Verkehrs in Sprengstoffen vor. In dem schon 
erwiihnten Gesetz vom 9. Juni 1S84 wird fiir den Sprengstoffhandol eine 
eingehende Registerf ulirung unter strenger Strafe (Gefangnis von 3 Monaten 
bis zu 2 Jahren) vorgeschrieben. Welter wird bei nocb strengeren Strafen 
(Zuehtliaus bis zu 10 Jahren) untersagt der Verkauf von Sprengstoffen, 
falls der Verkiiufer weifs, dafs die S])rengstoffe zur Begehung eines Ver- 
brechens dienen sollen. Wer Sprengstoffe verkauft unter Unistiinden, die 
nicht erweisen, dafs dies zu erlaubton Zwecken erfolgt, wird mit Zueht- 
baus bis zu 5 Jahren oder mit (Jefiingnis nicht unter 1 Jalir bestraft u. s. w. 

Viel haufiger sind Beschrankungen des Betriebes der ansiissigen 
Ilandelsgeschiifte aus gesundheitspolizeibchen Riieksichten. Der Handel 
mit Giften unterliegt selbstverstiindlieh auch hinsichtlich des Betriebes 
mancherlei Einengungen, urn Mifsbrauche zu verhuten. Aufbewalirung 
und Versendung der Gifte ist besonders geregelt, und iiber siimtliche Ver- 
kaufsakte mufs der Handler Eintragungen in das Giftbueb maclien. Die 
Kaufer niussen in der Kegel einen ortspolizeilichen Erlaubnissehein bei- 
hringen u. s. w. Weiterhin ist aus gleichen Eiieksiehten der Verkehr mit 
Arzneimitteln durch besondere Verordnungen im wesentliehen den Apo- 
theken zugewiesen. Dazu treten die Vorschriften des Gesetzes vom 

««— ^».. . nr^ betr. den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenstanden ; 
22. Marz 1 b88 

das Gesetz will gesundheitsschadliehe Beimisehungen von Blei und Zink 
bei Efs-, Trink- und Kochgeschirreii , Flilssigkeitsmafsen und anderen 
Gebrauchsgegenstilnden, die der Vermittlung menschlichen Konsums 
dienen, verhindem und bedroht auch den Handel in solchen Gegen- 
standen, sofem sie den Vorschriften liber Herstellung, Aufbewalirung und 
Verpackung nicht entsprechen, mit Geldstrafe bis 150 JI. oder mit Haft. 
Kein gesundheitspolizeilichen Charakters sind ferner die Bestimmungcn 
des Gesetzes vom 5. Juli 1887, welches die Verwendung gesundhcits- 
schadlicher Farben zur Herstellung vim Xahnings- und Genufsmitteln, 
die zuni Verkauf bestimmt sind, verbietet und die Anwendung solcher 
Farben auch fiir die Gefafse, Umhiillungen und Schutzbedeckungen von 
Nahrungs- und Genufsmitteln, zur Herstellung von kosmetischen Mitteln, 
Spielwaren, Tapeten, Tepi)ichen, IKibelstoffen, Vorhangs- imd Kleidungs- 
stoffen, Masken, Kerzen, kiinstlichen Blattern, Blumen und Friichten u.s. w. 
ausschliefst. Der Handel mit nicht vorschriftsmafsig hergestellten Waren 
dieser Art unterliegt ebenfalls einer Tfeldstrafe bis zu 150 M. oder Haft. 
Durch die Mannigfaltigkeit der Gegeiistilnde , auf die sich das Farben- 
venvendungsgesetz bezieht, greift es in die versehiedensten Handelszweige 
unmittelbar ein. Imnierhin hat es insofern einen speciellen Charakter, 

22* 



840 Zwcitcr Teil. Die Handolspolitik. 

als es lediglicli die Gefahrdung der Gesundlieit durch Farbenvorwen- 
duiig beriihrt. 

Die beiden zuletzt erwabnten Gesetze bedeuten eine Fortentwicklung 
in bcstiiiuiiter Eicbtung und eine Erganzimg- der allgemeinen Vorschriften 
iiber den Verkebr niit Xahrungs- und Genufsniitteln und Gebraucbsgegen- 
isUinden, die in deni Gesetz vom 14. Mai 1S79 gegeben sind. Dieses Ge- 
setz ist dazu liestinuut, die wesentlieb von gesundbeitlichen Gesicbts- 
j)unkten getragene poUzeiliehe Kontrolle des gesaniten Handel verkehre in 
Xah^ung^s- und Genufsmittebi und Ciebraucbsgegenstanden auf gesetzliehe 
Tfrundlage zu stellen. Damit treffen wir auf ein (Jebiet der polizeilichen 
Einwirkung auf den Handelsbetrieb^ das scbon friib eine Bedeutung er- 
langt hat und aucb in anderen liiudern weit entvvickelt ist. Die offent- 
Hebe Verwaltung bat es stets fiir ibre Pflicbt gehalten, in dieser Ricbtung 
den llandelsverkebr zu iibervvacben. Selion in der romiscben Kepublik 
gal) es dafUr besondere Reanite; ini Mittelalter befafsten sicb die Geuieinde- 
beborden neben den Ziinften und Inmingen niit dieser Aufgabe. Zu uni- 
faissenden gesetzbcben Regelungen kani es erst im \\), Jabrbundert. Der 
Anlafs liegt darin, dafs die teebniscben und ebemiscben Fortscbritte^ die 
seit Ende des 18. Jabrliunderts erzielt sind, neben alF ibren gUnstigen 
Wirkungen aucb den Mifsbraueb, die Fillscbung, erleicbterten und viel- 
facb dazu verwendet wurden. 

Die Wissenscbaft selbst wieder war es, die auf dieseu Mifsbraucb 
aufnierksani nmcbte. In England veranlafste die niediziniscbe Zeitscbrift 
„Tbe Lancet'* in den 50 er Jabren eme umfangreicbe Untersucbung, die 
das Ergebnis batte, dafs auf je 100 untersucbtc Proben 65 verfillschte 
entfielen. Das fiilirte zur Einsetzung einer parlanientariscben Unter- 
sucbungskommission , die ibrerseits die Mifsbrauebe l)estatigte und als 
Abbilfsniittel eine stiindige Kontrolle der I^ebensmittel dureb bestimmte 
Beanite und die Erricbtung eines Centralgesundbeitsamte« befiirwortete. 
Die weitere Folge war der Eriafs eines Gesetzes im Jabre I860, von 
welcbeni die weitere gesetzlicbe Entwicklung dieser Materie in England 
und anders\vo ausging. Das (»esetz gab den Genieindeorganen und Graf- 
scbaftsgericbten das Recbt zur Bestellung l)esonderer Beamten fiir Unter- 
sucbung von Lebensmitteln und Getrankeu und iiberliefs es im iibrigem 
dem konsumierenden Publikum, die Hilfe der Gericbte gegen etwaige 
Falscbungen anzurufen. Ein weiteres Gesetz von 1872 verpflicbt^te die 
Genieinden, auf Verlangen des local goveniment board besondere Unter- 
sucbungsbeanite anzustellen, und legte die.sen bestimmte Verpflicbtungen 
auf. 187.") wurde durch ein drittes Gesetz die Anstellung solcber Beamten 
nocb weiter gefordert, obne indes allgemein vorgescbrieben zu werden, 
und weiter wurde Jedeni das Recbt gewabrt, Proben zur Untersucbung 
dem betr. Beamten zu iibergeben. Im ganzen haben diese Mafsregeln 
giinstig gegen die eingeri^senen Mifs])rauche gewirkt. 



2. Kapitol. Die innere Handelspolitik. 341 

In Deutschland waren fruher die Verluiltnisse ungleich ;>,a*8taltet. 
Die KontroUe der I^bensmittel u. s. w. gehorte zu den Befu^nissen der 
Ortspolizei, die ja auch iiber die ^esiindlieitliclie Seite des Verkehrs zu 
wacben hat. Meist waren indes Vorkehrungen zu wirksanier Durch- 
fuhnmg der Kontrolle nicbt getroffen, und einbeitliebe Gnindsiitze dariiber 
fehlten. Wiederbolte Anre<^ungen ini Reichstag, veranlafst durcb hilufige 
nnd lebbafte Klagen der Bevolkerung, fiihrten 1877 und 1878 zu einer 
Untersuehung der Verbaltnisse durch eine voni Reicbsgesundheitsani! 
benifene Konimission von medizinisiehen, cbeniischen und landwirtschaft- 
lielien Saehverstiindigen. Wie s. Zt. in England die parlainentarisebr 
Untensuebungskoniniission, so stellte jetzt die deutsche Saehverstiindigen - 
komniission in den „Materialien zur tecliniscben Begrundung eines Ge- 
setzentwurfs gegen die Verfillscbung der Nabrungsmittel u. s. w."^ eini- 
so weite Vi^rbreitung der Verfalschungen fest, dats eine Abwehr dureli 
vorbeugende Bestininiungen notig erschien. Das allgenieine Strafgesetz- 
bueh versagte in dieser Beziehung fast ganz. Einzelne Vorsehriften enl- 
liielt es freilich. Nanientlich kani in Betracbt § 367 Ziff. 7, naeh welcheni 
^niit Oeldstrafe bis zu 150 M. oder mit llaft l)estraft wird, wer verfalsehte 
Oder verdorbene Efswaren, insbesondere triehinenhaltiges Fleisch feillialt 
oder verkauft". Das Oesetz voui 14. Mai 1879 (geandert (lurch Gesetz 
voni 29. Juni 1S87) bat deuigegen iiber die strafrechtliche Seite weiter 
ausgebaut, abcr auch gleichzeitig eine wirksanie Kontrolle gesicbert. 

Das Gesetz bezieht sich auf den Verkehr mit Xahrungs- und Genufs- 
luitteln, Spielvvaren, Tapelen, Farben, Efs-, Trink- und Kochgeschirr und 
mit Petroleum. Dieser Verkehr wird generell der polizeilichen Kontrolle 
unterstellt. Die Polizeibeamten kimnen jederzeit die Verkaufsriiunie 
wiihrend der iiblichen Ge^cbiiftszeit oder wahrend der i^ffnung der 
lUiunilichkeiten fiir den Verkehr betreten und von den feilgebotenen 
Waren Proben zum Zweck der Untersuehung gegen Empfangsbescheini- 
ning und gegen Entschadigung in Hiihe des iiblichen Kaufpreises ent- 
nehmen. In den Verkaufs-, laager- oder l[erstellungsraunilicbkeiten 
soldier Personen, welche wegen Verfiilschung von Xahrungsmitteln u. s. w. 
mit Freiheitsstrafen belegt sind, kihinen von dem Beginn der Rechtskraft 
des Urteils bis zum Ablauf des 3. Jahres nach \'erbursung (Verjiihrung 
oder Erlafs) der Strafe die Polizeibeamten in der angegebenen Zeit Jeder- 
zeit Revisionen vornehmen. Diese (irundsiitze lehnen sich an die eng- 
lischen Bestininiungen an; sie sollen die Feststellung der Verfalschungen 
ermoglichen. Durch Androhung einer (fcldstrafe von 50—150 J[. odir 
einer Haftstrafe wird die Zulassung der Beamten, die Gestattung der i^robe- 
entnahme und der Revision gesicbert. Die festgestellten Verfalschungen 
Ziehen strenge Strafen sowohl des beteiligten I'roduzenten, als auch des 
beteiligten Kaufmanns nach sich. Gefiingnis bis zu 6 Monaten und (ield- 
strafe bis 1500 JI. oder eine dieser Strafen trifft den, der zum Zweck 



r^ 



342 Zweitcr Teil. Die Handdspolitik. 

der Tauscliun<r Nalinin^- oder (ilenufsmittel nachmacht oder verfalscht, 
und weiter den, der verdorbene, nachgemachte oder verfalschte Nahmngs- 
oder Genufsniittel wissenrtich unter Verschweigung dieses Umstandes ver- 
kauft oder unter einer zur Tauschung geeigneten Bezeichnung feilh&It 
Bei fahrliissigem Vorgehen ermaXsigt sich die Strafe auf 150 M. oder Haft 

Mit Gefiingnis — ev. unter Aberkennung der biirgerlichen Ehren- 
rechte — wird bestraft, wer vorsatzlieh Nahrungs- oder Genufsmittel 
oder Bekleidungsgegenstande, Spiehvaren, Tapeten, Efs-, Trink- und Koch- 
geschirr oder Petroleum derart herstellt, dafs ihr Genuls oder normaler 
Gebrauch die nienschliche Gesundlieit zu scbadigen geeignet ist, 
ferner wer wissentlieh solche gesundheitssehiidlichen Gegenstande ver- 
kauft, feilhalt oder sonst in Verkebr bringt; ist dadurcb eine scbwere 
Korperverletzung oder der Tod eines Menscben verursacbt, so tritt Zucht- 
bausstrafe bis zu 5 Jabren ein. Der Versuch ist ebenfalls strafbar. War 
in diei<en Fallen der Genuts oder Gebraucb des Gegenstandes geeignet, 
die nienscbliebe (^esundbeit zu zerstoren, und war diese Eigenscbaft dem 
Tbater bekannt, so tritt Zuebtbausstrafe bis zu 10 Jabren, und wenn 
<hircli die Ilandlung der Tod eines ilenscben verursacbt ist, Zuebtbaus- 
strafe von niindesten 10 Jabren, eventuell lebenslanglicbe Zuebtbausstrafe 
(»in. Daneben kanu nocb auf Zulassigkeit der Polizeiaufsiebt erkannt 
werden. Fiir fabrlassiges Vorgeben dieser Art ist die Strafe Geldstrafe 
bis zu 1000 51, oder Gefangnisstrafe bis zu 6 Monaten, und wenn durch 
die Handlung ein Scbaden an der Gesundlieit eines Menscben verursacbt 
ist, Gefangnis bis zu 1 Jabr, wenn aber der Tod eines Menscben dadurcb 
verursacbt ist, Gefangnis von 1 Monat bis zu 3 Jabren. Aufserdein ist 
in air diesen Fallen auf Eiuziebung der betr. Gegenstande zu erkennen. 
Dem Verurteilten fallen iiberdies die Kosten der polizeilicbcn Unter- 
jiucbung zur \Aist, die zur Verurteilung gefiibrt bat 

An rniventivvorscbriften entbiilt das (^esetz ein Verordnungsrecbt, 
(las vom Kaiser mit Zustimmung des Bundesrates ausgeiibt wird und 
das Herstelleu oder Feilbalten bestimmter Arten von Nabnings- und 
Genufsmitteln und Gebraucbsgegenstanden verbieten kann; die Befolgung 
soleber Anordnungen wird durcb Androbung einer (leldstrafe bis zu 
150 M. oder Ilaft gesicbert. Die l^andesgesetze konnen eine hoben* 
Strafe festsetzcn. Von dem Verordnungsrecbt ist bis jetzt nur be^scbriinkter 
(iebrau(»b gemacbt. Offentlicbe, mit mediziniscb und cbemiscb vorge- 
bildeten J^eamten besetztc Untersucbungsstationen, w-ie sie von der Saeh- 
vorstiindigenkommission vorgescblagen sind, bat das Gesetz nicbt vor- 
gescbrieben. 

Audi die Gemeindeorgane lial>en in diese Dingo eingegriffen und 
sieb insbesondere gegon die Verfiilsebung der Milcb gewandt 1898 baben 
dann die Minister fiir Handel iiiui Gewerbe und fiir Landwirtscbaft 
Grundsatze fiir den Verkebr mit Kubmilcb aufgestellt, wonacb u. a, jeder 



2. Kapitel. Die inncre Handelspolitik. 343 

Milcbhandei polizeilich anzumeldeii und der gesanite Milchverkehr der 
^esundheitspolizeilicben Uberwachung zu unterwerfen ist. 

DaXs alle diese Bestimniungen fiir den Handel vielfaclie Beschran- 
kungen der Bewegungsfreiheit zur Folge haben, liegt auf der Hand. 
Grundsatzlicb sind aber trotzdem diese Eingriffe zu bilUgen. Die 6e- 
sundheit des Volkes ist wiebtiger als die Stonmgen, die eventucll fiir 
den Handelsverkebr aus derartigen Vorscbriften bervorgeben. Im ein- 
zelnen kann man natiirlicb liber die Zweckmtifsigkeit dieser oder jener 
Bestimniung verscbiedener Meinung sein. Dafs die gesundbeitspolizei- 
licben Eingriffe gleicbzeitig aucb einen gewissen Scbutz gegen unlauteren 
Wettbewerb geben, ist klar. 

Die besprocbenen Eingriffe in den Betrieb lassen die Preisbildung 
im Handel unberiibrt. Das war friiber anders. Scbon im griecbiscben 
Altertum kam fiir Getreide statt der freien Preisbildung die bebord- 
licbe Preistaxe vor, und obwobl das romisebe Ilecbt im allgemeinen 
die Freibeit der Preisbildung anerkannte, batte doeb 301 n. Cbr. der 
Kaiser Diocletian eine ziemlicb weit greifende amtlicbe Preisfeststellung 
versuebt. Das Mittelalter bildete die beburdlicben Preistaxen zu- 
nacb^t fiir Ijebensmittel, aber aucb fiir sebr viele andere Gegenstiinde 
systematiseb aus. Die stiidtiscben Beborden, damals bekanntlicb die 
Triiger der Handelspolitik, setzten teils mit den Ziinften, teils obne und 
teils gegen sie amtUcb die Verkaufspreise fest in der doppelten Absicbt, 
das PubUkum gegen Uberteuerung und die Handwerker gegen iiber- 
mafsigen Preisdruck zu scbiitzen. 

Das Merkantilsystem des 17. und 18. Jahrbunderts stellt in dieser 
wie in sonstigen bandelspolitiscben Fragen nur eine Ubertra